Das Meer

Part 9

Chapter 93,897 wordsPublic domain

Rosseherre weinte leise und fuhr fort: »Ich hatte auch einen Bruder. Er hatte einen langen Schnurrbart. Er war ein wilder Mensch und er trank wie alle. Aber er liebte mich. Oft sagte er zu mir: Rosseherre! und klopfte mir auf die Wange. Sie fuhren hinaus zum Fischen und er kam nicht wieder. Und ich hatte den ganzen Tag solch schreckliche Angst! Ich sah ja, sah es ja, wie er über Bord stürzte und sein roter Schnurrbart schwamm auf dem Wasser. Ich ging hinunter zum Hafen und wartete. Ich wußte wohl, Emile kommt nicht wieder, aber ich wartete trotz alledem und betete. Da kam das Boot herein. Der Patron sagte: Rosseherre --? Sonst sagte er nichts. Später sagte er zu mir: der Strom nahm ihn mit sich, sein Schnurrbart schwamm, aber wir konnten ihn nicht mehr einholen. Ich saß und betete für seine Seele, und als es dunkel wurde, kam Jean Louis und sagte: nun, Rosseherre, es wird Nacht.«

Ich wiegte Rosseherre und streichelte sie, so gut ich es konnte. »Weine dich nur aus, kleine Rosseherre, dann wird es besser.«

Der Wind wimmerte leise an der Türe. Er klagte, als fiele ihm etwas Trauriges ein, das er einmal gesehen hatte und nicht vergessen konnte. Das Meer dröhnte wie dumpfer Kanonendonner. Es dröhnte regelmäßig alle zwei Sekunden, und bei jedem Donnern ging ein leises Beben durch Rosseherres Körper.

Sie hob den Kopf. »Hörst du das Meer?« fragte sie. »Ich werde wohl gehen müssen, denn man weiß nicht, was geschieht. Es gibt Nebel.«

»Was soll denn geschehen?«

»Alles kann geschehen.«

»Alles?«

»Ja, denn ich habe Vater gesehen. Heute am lichten Tag.«

»Deinen Vater?«

»Ja. Er kam zur Türe herein und sagte: heute sollen sie sich in acht nehmen, die da draußen.«

»Die auf dem Meer?«

»Ja!«

Poupoul nieste und Rosseherre erschrak, daß sie aufschrie.

»Aber, Rosseherre?« sagte ich lächelnd. »Was ist mit dir heute?«

Sie sah mich an. Ihre Augen flackerten im Feuerschein wie die Augen eines Tieres, das voller Angst ist. »Ich weiß es nicht,« sagte sie und blickte zu Boden, »aber ich habe Angst. All die Tage lang hatte ich schreckliche Angst. So vieles geht mir durch den Kopf und ängstigt mich. Ich denke daran, daß Yann im Meer sterben wird und auch ich, ich auch.«

»Nein, Rosseherre.«

»Vater sagte es mir,« erwiderte Rosseherre mit einem kleinen verträumten Lächeln. »Schon lange. O, ich weiß, was ich weiß! Es ist auch nicht das schlimmste. Denn dann kann ich vielleicht mit Vater und Bruder da drunten sein, wo du sie einmal gesehen hast.«

»Rosseherre, das war doch ein einfältiger Traum. Ich hatte so viel getrunken auf Kedrils Hochzeit.«

»Ja, ja.« Rosseherre lächelte ungläubig und blickte vor sich hin. Dann lachte sie leise. »Nein, das eine ist gut, Jean Louis kann das Meer nichts tun. Großvater ist gefeit.« Sie schüttelte die Haare vor Freude. Ihre Wangen waren heiß und ihre Augen glänzten. Sonderbar war sie heute.

Nun roch auch ich den Nebel. Er roch wie Jod. Da begann Creach zu brüllen, fern und dumpf, und ich sah ihn vor mir, eingepackt in undurchdringliche Nebelballen.

Rosseherre erbebte. Sie zog die Brauen in die Höhe und lauschte angestrengt auf das Brüllen des Nebelhorns, das übers Meer rollte und in einem fernen Grollen unterging.

»Ich muß nun doch gehen,« sagte sie voller Angst.

Aber ich überredete sie zu bleiben. »Wir werden ein großes Feuer anzünden, Rosseherre, etwas Grog wollen wir kochen, und dann werde ich dir eine kleine Geschichte erzählen, warte nur. Du zitterst ja so, weil es kalt ist hier. Poupoul, geh aus dem Weg! Du wirst sehen, wie hübsch es hier wird!«

Ich verbrannte meine englische Zeitung und dann riß ich die Schublade meines kleinen Tisches in Stücke und warf sie ins Feuer. Auch der kleine Tisch würde wohl bald an die Reihe kommen, es ging nicht anders. Während ich den Grog braute, erzählte ich Rosseherre ein kleines lustiges Erlebnis und als ich verstohlen zu ihr hinblickte, sah ich, daß sie lächelte. Poupoul, der seine Leute kannte, saß vor ihr und klopfte mit dem Schwanz. Auch er gab sich Mühe Rosseherre auf andere Gedanken zu bringen.

»Ist es nicht schon hübscher bei uns, wie, Rosseherre?«

»Ja!« Rosseherre nickte und sah ohne Blick vor sich hin. Sie schlürfte den heißen Grog durch ein Stückchen Zucker, das sie hinter den Zähnen hielt. Ihr Gesicht glänzte im Feuerschein, noch naß von Tränen, ihre gelben Haare flimmerten als ob die Sonne darauf schien. »Nun habe ich keine so große Angst mehr,« sagte sie und holte tief Atem, »aber zuweilen möchte ich sterben vor Angst. Das Meer ruft mir. Gesichter erscheinen im Meer. Einmal sah ich den Bruder auf einer Klippe sitzen. Er kam mit einer Welle herauf und da saß er und sah mich an. Aber da schrie ich vor Angst und er tauchte mit der Welle hinab. Einmal, als es stürmte, ging ich abends an den Klippen entlang. Da lag ein Stein. Aber plötzlich stand der Stein auf und es war ein alter Mann mit langen grauen Haaren. Er stand ganz ruhig und sah mich an und aus seinen Augen fuhr Feuer -- da lief ich davon und fürchtete mich eine ganze Woche lang. In den letzten Tagen aber hielt ich es nicht mehr aus. Nun, sagte ich, es wird das beste sein, du springst hinab, die gebenedeite Jungfrau wird dir vergeben. Ich ging nach Stiff, wo die Klippen steil abfallen. Da weinte ich und betete und bat die gebenedeite Jungfrau die große Sünde von mir zu nehmen. Aber als ich es tun wollte -- was meinst du? Da saß Vater am Rande der Klippen, die Pfeife im Mund, genau so wie ich ihn immer vor mir sehe. Er sah mich nicht an, aber er saß da. Er versperrte mir den Weg.« Merkwürdig lächelte Rosseherre, als sie das sagte.

Und ich dachte, sonderbare Dinge gehen in deinem kleinen Kopf vor, Rosseherre! Sonderbare Dinge!

Es schien Rosseherre zu erleichtern, wenn sie von Vater und Bruder sprechen konnte. Ich ließ sie gewähren. Und sie erzählte mir alles aus ihrem jungen Leben und was Jean Louis ihr von Eltern und Großeltern berichtet hatte. Die meisten waren ertrunken. Und wie merkwürdig war es doch: keinen hatte das Meer zurückgegeben, keinen einzigen. Sonderbar war der Tod ihres Großvaters. Er fuhr nach Molen. Das Meer war glatt wie Öl. Er kam nie an, kein Span seines Bootes fand sich, nichts --

»Nichts fand sich, Rosseherre?«

»Nichts!« Und Rosseherre lächelte sonderbar und fügte geheimnisvoll hinzu: »Sie haben ihn hinabgezogen!«

Dann versank sie in Grübeleien.

Creach brüllte dumpf und Rosseherre zitterte am ganzen Körper.

Ich erzählte ihr von den fernen Ländern, die ich gesehen hatte und wie merkwürdig die Leute dort waren. Sie hatten vielhundertjährige Schildkröten, mit Edelsteinen und Schmuck besetzt, und beteten sie an. Und sie hatten Götter, klein wie ein Däumling und wiederum groß wie der Phare von Creach.

Rosseherre hatte kaum zugehört, nun aber lächelte sie. »Das sind Heiden, meiner Treu!«

Dann mußte ich ihr von Paris erzählen. Von Paris konnte sie nicht genug hören. Sie wollte wissen, was ein Diner kostete und wieviel sie im Hotel für ein Zimmer verlangten. O, Diaul, wie unverschämt sie doch waren! Rosseherre lachte und doch zitterte sie dabei.

»Vielleicht gehen wir einmal zusammen nach Paris. Rosseherre?«

Sie sah mich mit großen Augen an. »Nach Paris?«

»Ja, weshalb nicht? Jeden Tag können wir fahren.«

Rosseherre lächelte und schüttelte den Kopf. »Paris? Es ist so weit, nie werde ich Paris sehen!«

Sie blieb lange still und teilnahmslos, ich konnte sagen, was ich wollte. Sie lauschte unausgesetzt. Einmal sagte sie: »Man hört Creach nicht mehr so laut, wie dicht der Nebel wird!«

Dann streichelte sie ganz mechanisch meine Hand. Sie sprach kein Wort. Sie kniete sich zu meinen Füßen auf den Boden nieder, legte das Gesicht auf meine Füße und umschlang sie mit den Armen, und so lag sie, ohne sich zu rühren. Das tat sie oft und ich wehrte es ihr nicht. All ihre Zärtlichkeit und Ergebenheit drückte sie damit aus.

Sie war nur ein Kind, das weder Vater noch Mutter hatte.

Lange verharrte sie so, und endlich hörte ich, daß sie schlief.

Ich wartete eine Weile, dann hob ich sie aufs Bett. Sie öffnete die Augen, sah mich an ohne mich zu erkennen und schlief weiter. Zuweilen plapperte sie im Traum, aber ich verstand nicht was sie sagte, denn sie sprach Bretonisch.

Was träumte Rosseherre?

Ich saß und rauchte die Pfeife und sah zu, wie sie atmete. Vielleicht träumte sie, sie saß bei den Klippen und alle kamen sie aus dem Meer und plauderten freundlich mit ihr und niemand sah es?

An der Türe rauchte es. Durch mein kleines Fenster blickte ein vergrämtes Gesicht. Der Nebel. Ich warf Holz aufs Feuer, denn sie sollte nicht frieren. Eine Stunde verging, zwei Stunden. Alle drei Minuten erschütterte Creach mit seinem Brüllen die Luft, und der Sand rieselte in meinen Wänden. Creach brüllte immer zweimal nacheinander. Zuerst wie ein wildes Tier, das gereizt auffährt und wütend angreift, dann als ob es sich verwundet zurückziehe und schmerzlich röchele. Eine Ewigkeit sind drei Minuten, wenn man wartet. Creach hat nun zehnmal gebrüllt, eine halbe Stunde ist vergangen.

Rosseherre redete unruhig und angstvoll. Träumte sie, daß sie alle draußen vorübersegelten und ihr winkten, sie aber konnte nicht hinauskommen, denn das Meer war ja zwischen ihnen?

Plötzlich setzte sie sich auf und starrte mich an.

»Nebel, Rosseherre, schlafe.«

Und sofort schlief sie wieder ein. Ich suchte meine dünne silberne Kette hervor und legte sie ihr auf die Brust. Wenn sie nun wieder erwachte, sollte sie sie finden.

Der Nebel wurde von Minute zu Minute dichter. Creach brüllte nicht mehr. Er grollte wie ein zu Tode verwundetes Tier, das elend zurückgeschlagen sich im Versteck die Wunden leckt und knurrt und röchelt. Das Meer donnerte lauter in den Klippen und die Brandung in der Bai dröhnte, als ob alle zwei Sekunden eine Häuserreihe einstürzte. Die Flut kam zurück. Aber hier bei unserem verglimmenden Feuer war es totenstill. Zuweilen kamen feine, komische Geräusche aus Rosseherres Nase. Ein kleiner Falter, den die Wärme geweckt hatte, schwirrte an der Decke, eine schwarze Spinne wanderte ohne Lärm zu machen die Wand hinauf.

Tief und gleichmäßig gingen Rosseherres Atemzüge. Ich legte das Ohr an ihre Brust. Es rauschte, es atmete. Wie das Meer, wenn die Ebbe nahe ist.

Und was ist das Atmen der Menschen anders, frage ich, als das Atmen des Meeres, aus dem sie kamen?

Rosseherres Atemzüge verbreiteten Stille und Frieden, ja eine Art Heiligkeit. Eine sonderbare Scheu ergriff mich vor dem Stück Leben, das hier bei mir war. Scheu vor deiner Jugend, Rosseherre, deinen schönen Haaren und weißen Zähnen und all dem Leid in deinem kleinen Herzen. Ich kenne dich nicht.

Ich bewegte mich lautlos und wagte kaum zu atmen. Dann setzte ich mich vor das Feuer und dachte an viele Dinge, die längst vergangen waren. Vergangen! Gott sei gelobt! Gesegnet sei das Gesetz der Vergänglichkeit, das die Tage neu macht.

Gesegnet sei auch eure Unbeständigkeit, ihr Freunde und Frauen, die ihr mich so jämmerlich belogen und betrogen habt -- es gibt vier Wände und es gibt vier Himmelsgegenden, was ist dir lieber?

Wie lange ich so saß, weiß ich nicht, denn vieles ging mir durch den Sinn. Dann aber weckte mich ein feines Rieseln. Die kleine Kette war auf den Boden herabgeglitten.

Rosseherre saß, aufrecht und lauschte. Ohne Laut hatte sie sich aufgerichtet. Ihre Augen waren ohne jeden Blick. Sie lauschte, mit jeder Fiber und all den tausend Ohren ihres Körpers lauschte sie. Ihre Wangen waren gerötet vom Schlaf, aber plötzlich wurden sie schneeweiß.

»Rosseherre?«

Rosseherre bebte. Sie flüsterte ein paar hastige Worte, aber ich verstand sie nicht.

»Sprich Französisch, Rosseherre!« Aber merkwürdig, ich wagte es nicht aufzustehen und zu ihr zu gehen.

»Horch doch!« sagte sie.

Ich lauschte. Das Meer. Creach röchelte in der Ferne, Poupoul saß an der Tür und sah mich fragend an; auch er hörte nichts.

Aber Rosseherre zitterte am ganzen Körper als ob sie friere, und schrecklich blaß sah sie aus. Ich stand auf, doch sie machte mir ein Zeichen mit der Hand.

Sie lächelte krank.

»Sie haben den Weg verloren,« sagte sie ohne Stimme.

Was sagte sie?

»Wach auf, Rosseherre!«

Da blickte sie mich an und ihre Augen waren geschmolzen von einer grauenhaften Angst, die Pupillen unnatürlich geweitet.

Was war das? Das war ja --

»Gehe hinaus,« flüsterte sie, geschüttelt vom Fieber.

»Beruhige dich,« sagte ich, »ich will hinausgehen.«

Der Nebel wälzte sich augenblicklich herein wie ein Gespenst, das vor der Türe gelauert hatte. Das Meer donnerte ehern und Creach grollte im Herzen der undurchdringlichen Nebelnacht. Ich lauschte. Ein dumpfer Hammer schlug in meiner Brust. Die Angst, die von Rosseherre ausströmte, hatte auch mich ergriffen. Ich ging ein paar Schritte um mich zurecht zu finden, schüttelte den Kopf und kehrte zur Türe zurück. Aber als ich die Türe zuziehen wollte, hielt ich plötzlich inne. Was war es? Meine Füße klebten am Boden und wurden bleiern, meine Fingerspitzen erstarrten, meine Hände, meine Arme, ich wurde ganz steif, die Haut spannte sich kalt über mein Gesicht und meine Haare stellten sich büschelweise in die Höhe:

_Da draußen -- tutete es ja --_

O, jaja, ich hörte deutlich das hohle, dumpfe Tuten eines Dampfers durch das Toben der Brandung hindurch. Es brach ab. Aber gerade als ich aufatmen wollte, kehrte es wieder. Mir schwindelte. Ich legte mich nach vorn und machte mich ganz Ohr, und mein Ohr saugte wie ein riesiger Schalltrichter dieses Tuten in sich. Nun begann auch eine Pfeife in der Ferne zu schrillen -- als ob ein großes wildes Tier und sein Junges zusammen um Hilfe schrien.

Da schlug Poupoul an. Kein Zweifel. Und ich taumelte betäubt ein paar Schritte in den Nebel hinein. Rosseherre glitt an mir vorüber. Sie lief klappernd und schrie: »Naufrage, naufrage!« Dann hörte ich nicht mehr, was sie rief, aber ihre hohe Stimme schwang im Nebel.

Nein! Nein! Nein! Ich faßte mit den Fäusten in meine gesträubten Haare und schüttelte den Kopf hin und her. Nein! Das alles ist ein furchtbarer Alp, ein entsetzlicher Zauber -- niemand kann durch den Nebel sehen, was man nicht sehen kann, niemand in der Welt. Die Woge dröhnte, die Welle lief zornig gegen mich an und der Gischt kräuselte an mir empor. Horch! Ja, trotz des irrsinnigen Zähneklapperns, das mich befallen hatte, hörte ich es: es tutete, pfiff, die beiden Stimmen da draußen im Nebel riefen noch immer. Dann verstummte das Tuten plötzlich und die Pfeife brach mit einem kläglichen Winseln ab.

Ich machte meine Stimme stark und schrie hinein in den Nebel: »Hallo? Hal -- lo -- --?« Eine Gischtpeitsche schlug mich übers Gesicht. So lächerlich war es zu rufen.

Da vernahm ich das zischende Ausströmen von Dampf und ein fernes Dröhnen, als ob Eisen genietet würde. Dann schien es mir, als hörte ich das ferne Geschrei einer Menge Menschen. Und nun war es still. Das Meer schlug, die Brandung donnerte, Creach grollte in der Ferne.

Ich lief ins Dorf. »Ein Dampfer ist gescheitert!« schrie ich. »Ein Dampfer ist gescheitert!« Ich war sinnlos vor Erregung und das Wasser sprang mir aus den Augen, daß ich erblindete.

XXI

Die Glocken begannen im Nebel zu bellen wie kleine Hunde, die im Schlafe gestört wurden.

Das Dorf schlief noch. Aber da und dort rührte es sich schon, Holzschuhe klapperten, Fenster erhellten sich, Stimmen kamen aus dem Nebel. Am Hafen unten schloß der Maire den Schuppen auf, in dem sich das Rettungsboot befand. Der Nebel war so dicht, daß man keinen Menschen sah, bevor man ihn anrannte, und wenn man mit jemand sprach, so zerfloß sein Gesicht in Schleiern.

Zurufe, Flüche, Durcheinander. Ein Seil schleifte am Boden und unsichtbare Hände zogen es straff. Ich griff zwischen ein paar Fäuste hinein und zog an. Räder knarrten und das Rettungsboot erschien gespensterhaft hoch und lang auf dem Wagen. Schatten warfen sich in die Radspeichen und eine Kette von Schatten hielt den Wagen hinten am Seil fest, damit er nicht zu rasch den Steig hinabrollte. Wie ein schwerfälliges, hundertfüßiges Ungeheuer aus der Vorzeit bewegte sich das Boot zum Meer hinab und die Welle spritzte gegen seinen Bauch.

»Vorwärts!« schrie ich. Da draußen warteten sie --

»Wir müssen warten, bis es Tag wird! Man sieht ja nicht die Hand vor den Augen!«

»Wo ist Kedril? He, Kedril, Pilot, dein Tag ist gekommen. Das ist eine Arbeit für dich. Ich zeige dir, wo der Dampfer liegt.«

»Mein Freund,« antwortete Kedril, »nicht für tausend Franken könnte ich das Boot hinausbringen. Bei diesem Meer! Wir müssen auf die Ebbe warten.«

»Wenn du es auch sagst, Kedril!« Ich war entmutigt, ich ging.

Im Dorf rannte ich gegen Noel, der sich ganz in geöltes Leder verpackt hatte und ein Fernrohr in der Hand trug.

»Nun,« rief er mir zu, »habe ich es Ihnen nicht gesagt, als Sie Sturmvilla mieteten, alle Schiffbrüche vollziehen sich dicht vor Ihren Augen -- haha!«

Ich gab ihm keine Antwort. Ich lief nach Sturmvilla zurück. Nichts war als Nebel, das Branden des Meeres und alle drei Minuten grollte Creach in der Ferne wie ein todwundes Tier.

Etwas scharrte zwischen den Klippen. Es war Jean Louis. »Ein Dampfer ging in die Klippen -- hühü!« sagte er und lachte idiotisch. »Rosseherre war wieder die erste --«

»Was kann man tun?« fragte ich.

»Was man tun kann? Nichts. Hühü! Die Klippen sind wie Messer da draußen. Sie fahren alle an derselben Stelle auf. Sie werden vom Strom abgetrieben und hören Creach erst, wenn sie festsitzen.« Er trappelte hin und her und spähte auf den Boden. Eine Gruppe von Fischern, Frauen und Kindern sammelte sich an, und alle spähten sie auf die ankommende Welle mit vorgeneigten Köpfen und gierigen Augen. Sie waren die Abkömmlinge von Seeräubern und ihr Herz hatte das Meer gehärtet. Was war ein Schiffbruch für sie? Es hatte Nächte gegeben, da drei Schiffe scheiterten, und wiederum hatte man in drei Nächten nacheinander die Sturmglocken geläutet.

Etwas Dunkles trieb ans Land und alle stürzten sich gleichzeitig darauf. Es war das Wrack eines kleinen, schwarzen Bootes. Wie ein zertrümmerter Brustkorb. Dann wichen sie plötzlich alle zurück: mitten in der Welle stand ein Mensch, der von Wasser troff und die Arme nach ihnen ausstreckte. Er fiel vornüber und die Woge trug ihn ans Land und legte ihn schweigend nieder. Die nächste Welle fuhr über ihn hin und er bewegte sich, als ob er sich aufsetzen wolle. Dann zogen Jean Louis und ich ihn weiter aufs Land.

Er lag mit offenen Augen da, als ob er sehr erschrocken wäre, und lächelte mit geöffneten Lippen, daß man die Zähne unter seinem kleinen dünnen Schnurrbart sah. An der rechten Schläfe hatte er eine schwarze Schramme. Er war tot.

Die Fischer standen um ihn im Kreise. Jean Louis nahm die Mütze ab und schlug das Kreuz. Alle folgten seinem Beispiel. Creach knurrte in der Ferne, während sie das Gebet murmelten.

»Hier liegt er jetzt!«

»Es ist rasch gegangen mit ihm. Das Meer warf ihn gegen einen Felsen.«

Ein kleines Mädchen sagte leise und lachte vor Angst dazu: »Vater, er lacht ja!«

»Nun beruhige dich, alle Toten lachen.«

»Ein junger Mensch ist er.«

»Zweiundzwanzig.«

Das kleine Mädchen sagte und wieder lachte sie etwas: »Vater, er sieht mich an!«

»Alle Toten sehen dich an, beruhige dich!«

Dann durchsuchten sie ihm die Taschen. Aber der Tote besaß nichts. Eine Pfeife, ein Messer, ein rotes Taschentuch. In der Brusttasche seines kurzen Kittels fand sich ein Brief.

»Ein Brief!«

Ich zündete ein Streichholz an.

»Er heißt -- wartet -- er heißt Joe Gordon, der Dampfer heißt Indiana und kommt von Kapstadt.«

»Joe Gordon -- Indiana --«

»Willst du die Streichhölzer nehmen?«

Der Brief war zerweicht und schwer leserlich. Er lautete ungefähr: »Dear Joe, wenn du nach Liverpool kommst, so besuche mich. Fahre nicht gleich wieder weg, wie das letztemal. Ich bin krank und mein Fuß tut mir weh. Ich gehe nicht mehr aus und warte auf dich. Das Leben ist recht elend, wenn einen die Kinder ganz vergessen. Deine alte Mutter.«

»Das Marineamt wird ihr eine Depesche senden.«

»Joe wird nicht kommen. Und sie ist alt und krank, hm.«

Da war auch plötzlich Rosseherre wieder da. Sie drängte die Leute zur Seite und schrie und warf sich weinend über den Toten. Sie sprach mit ihm, sie nannte ihn »mon coeur«, »mon petit« und schluchzte herzzerreißend.

Ich ertrug es nicht länger, ich ging.

* * * * *

»Vorwärts!« schrie ich. »Worauf wartet ihr denn noch?!«

Es war Tag. Das Rettungsboot sah wie ein Phantom im bleichen Nebel aus, unnatürlich hoch und lang, und die Welle leckte seinen weißen Bauch.

Gesichter gingen im Rauch. »Wir können unmöglich fahren.«

»Hunde seid ihr, wenn ihr nicht fahrt.«

»Aber das Meer ist schrecklich, wir kommen nicht zur Bai hinaus!«

Ich zitterte vor Erregung. Ich bot meine ganze Überredungsgabe auf. Aber sie blieben kalt und ruhig.

»Da draußen sind sie!«

»Hier sind unsere Frauen und Kinder.«

Chikel hatte morgens um fünf Uhr die Bar geöffnet und eine Lampe angezündet. Vielleicht ging es so! Ich ging umher und goß den Fischern ein. Sie hatten keine Phantasie. Sie sahen nicht, wie sie da draußen auf dem Wrack saßen, sich festklammerten und hofften, ah, pfui!

»Aber ihr müßt fahren!« sagte ich. »Das bißchen Meer, was für Leute seid ihr doch! Ich kenne euch nun so lange!«

Die Fischer rekelten sich.

»Unmöglich!«

»In die Hölle mit euch!«

Ich ging. Ich bebte vor Zorn.

Nebel. Dick und häßlich gelb, wie Eiter. Creach grollte alle drei Minuten, das Meer schlug.

Bei den Klippen standen die Fischer und lauerten auf alles, was geschwommen kam. Zerschmetterte Leichname trieben ans Land. Am Vormittag zählte man sieben, am Abend dreizehn. Der Nebel aber stand wie eine Mauer.

Creach brüllte die ganze Nacht. Am nächsten Morgen war der Nebel dünner geworden, und plötzlich unterschied man im Düster draußen den Dampfer. Er lag schräg, sein Achterdeck stand über Wasser und bei jeder Woge stieg ein Turm von Gischt daran in die Höhe. In den Tauwänden hing etwas wie graue Flocken, das waren Menschen. Der Nebel zog und wir sahen sie nicht mehr.

Um zwei Uhr aber, zur Zeit der Ebbe, fuhr Yann hinaus.

Hoch Yann, und dreimal hoch!

Ja, plötzlich regte es sich auf dem »Arbeiter«, der draußen im Nebel inmitten der Sturzseen tanzte. Die Ankerwinde rasselte. Wir sahen einander an. Wie? Es zischte und aus dem Kamin quoll eine dicke Rauchwolke, die den »Arbeiter« in graue Nebelballen einpackte. »Der kleine Kapitän marschiert!« Ja, natürlich marschiert er! Das war Yann, der wie ein Mädchen weinte, wenn er betrunken war. Nun aber zeigte es sich, was in ihm steckte! Er hatte lange genug gewartet und nun ging er los und war nicht mehr zu halten. Entweder -- oder. Gewiß hatte er die Zähne gezeigt, als seine Mannschaft zögerte. Eine Stunde lang rasselte die Ankerwinde, stoß- und ruckweise, der Anker saß fest. Plötzlich aber hörten wir etwas, ein _fürchterliches Gebrüll_ -- trotz der Entfernung. Das war Yann. Gleichzeitig bewegte sich der Nebeldampfer. Er fuhr rückwärts! »O, lala!« sagte Noel. Dann stellte er sich auf die Hinterbeine und stürzte kopfüber hinab, rollte und ging vorwärts. Wir sprachen kein Wort. Nur, da wir lange zusahen, wie sich Yann Zoll um Zoll den Weg erkämpfte, sagte einer: »Wenn die Maschine es aushält --!« Wir warteten stundenlang auf demselben Fleck und spähten in den Nebel hinein. So oft wir Yann tuten hörten, sahen wir einander an und regten uns.

Yann kehrte mit acht Schiffbrüchigen zurück. Es war ihm gelungen, ein Seil zu werfen, über das sie an Bord klettern konnten. Am nächsten Morgen ging das Rettungsboot hinaus und holte die zehn übrigen. Nun waren sie alle gerettet bis auf einen, einen Neger, einen Stoker, der sich nicht über das Seil wagte.