Das Meer

Part 7

Chapter 73,856 wordsPublic domain

Da sah ich auf einmal auch Rosseherre. Sie saß auf der andern Seite des kleinen Hafens in den Klippen. Sie sah gelb und elend aus und starrte mit hochgezogenen Brauen in die Ferne. Sie hielt einen Rosenkranz in den Händen und ihre Lippen bewegten sich.

»Hallo! Rosseherre!« schrie ich mit aller Kraft. Aber ich hörte nicht einmal die eigene Stimme.

Plötzlich klang etwas wie ein ehernes Bellen durch den Sturm. Es läutete. -- Bei Stiff war ein Schiff in Not.

Sofort machte ich mich auf den Weg. Bis Stiff hatte man eine knappe Stunde zu gehen, aber ich brauchte zwei geschlagene Stunden dazu. Ich hielt den Mantel mit den Zähnen fest und bohrte den Kopf in den Sturm. Schritt um Schritt mußte ich mir erkämpfen. Der Sturm hatte die Regentropfen zu Nadeln zugespitzt und sie spießten sich wie Eispfeile in meine Haut. Zuweilen war ich gezwungen inne zu halten und im Schutze eines Steins aufzuatmen; wenn ich nur so viel Deckung fand als für meinen Kopf nötig war und ein paar Atemzüge tun konnte! Verließ ich die Deckung, so erfaßte mich der Sturm wie ein sausender Treibriemen und riß mich mit sich. Poupoul erging es nicht viel besser. Er streckte alle zehn Schritte sein Hinterteil dem Sturm entgegen und atmete zwischen den Pfoten, den Kopf auf den Boden gepreßt. Ich sah eine Möwe, die rückwärts flog! Sie landete erschöpft, ruhte ein wenig und stürzte sich abermals dem Sturm entgegen. Sie drehte sich wie eine Schiffsschraube, aber der Wind war stärker als sie und sie mußte wiederum rückwärts fliegen. Der Sturm trug sie in die Höhe wie ein Stück Papier, sie schrie, arbeitete wahnsinnig mit den Fittichen, aber es half nichts, sie mußte dahin, wo der Sturm es wollte. In drei Stunden war sie in England. Plötzlich begann ich zu pfeifen. He! Ja, ich pfiff ohne es, zu wollen. Der Wind flötete zum Vergnügen in meinem Kehlkopf, und durch Öffnen und Schließen des Mundes konnte ich ein ganzes Konzert pfeifen, über die triefende Heide aber zog Rauch. Ich stand still. Eine wagrechte dicke Rauchwolke zog rasend mit dem Sturm dahin. Brannte es? Brannte ein Schiff da drunten? Nein, es war Wasserdampf. Die Insel war hier turmhoch, aber der Sturm blies so heftig, daß er den Wasserstaub aus den Schächten und Kaminen der Klippen riß, wie Rauch aus einem Schlot, und forttrug. Drei, vier solcher Rauchsäulen fegten quer über die Insel.

Da war endlich Stiff. Sein kleiner gelber Leuchtturm schwamm verkrümmt in einer Wasserblase, die Hütte der Markonistation kauerte wie ein zerzaustes, graues Tier in der fegenden Heide. Selbst in der Sonne sah Stiff so trostlos, öde und bedrückend aus, daß sich der Herzschlag verlangsamte. Heute aber war es eine unterweltliche Wüstenei, die Grauen verbreitete. Und wie böse stand die schwarze Flagge über dem Semaphor! Der Sturm stieß mich hier wie ein Bündel vor sich her, er trug mich streckenweise, und es gelang mir schließlich nur noch, mich auf allen vieren von Stein zu Stein vorwärts zu bohren. Ohne Atem und fast seekrank vor Erschöpfung erreichte ich die Markonistation. Ich hämmerte gegen den eisernen Laden.

Herr Boucher war hier, Gott sei Dank! Er warf sich gegen die Türe. »Ziehen Sie doch!« schrie er.

»Ich ziehe ja!« antwortete ich. Die Türe schnappte wieder zu. Sollten wir, zwei Männer, nicht imstande sein eine lumpige Türe zu öffnen? Herr Boucher steckte einen Prügel durch die Türspalte, ich zog und die Türe flog krachend gegen die Hanswand. Da lag sie nun, wie angeschraubt. Wir arbeiten wie Teufel, der Regen peitschte uns das Gesicht, der Sturm riß uns das Fleisch von den Knochen -- -- endlich.

»Es soll ein Schiff in Not sein, Herr Boucher?«

»Sehen Sie durch dieses Guckloch. Da drunten ist es. Sehen Sie es nicht? Ein Fischerboot.«

Ja, nun sah ich es. Ein winziges Segel zuckte da drunten in der Tiefe zwischen den Schaumkappen.

»Nun?«

»Sie sind verloren. Sie können nicht hinaus aufs Meer und nicht hinein in die Bucht, sie würden in die Felsen geschleudert werden.« Herr Boucher nahm den Stahlbügel mit dem Hörer über den Kopf und setzte sich vor den Apparat. »Ich habe eben ein Gespräch belauscht zwischen einem Dampfer und Lizard. Ich glaube ein Schiff ist gescheitert. Lesen Sie hier. Nein, nun höre ich nichts mehr.«

Es war eine Depesche des Cunardliners Celtic an Lizard. Die Celtic telegraphierte, daß sie den Kohlendampfer »Fullspeed« fünfzehn Meilen südlich Scilly-Islands passiert habe, ohne Maste und Kamin, Maschine in Ordnung.

»Ja, nun gehe ich wieder. Vielen Dank, Herr Boucher.«

Ich mußte hinunter! Es ist mir heute noch rätselhaft, wie wir, Poupoul und ich, den steilen Pfad zur Bucht hinuntergekommen sind, aber wir kamen hinunter, das ist eine Tatsache.

Ein Häufchen Fischer kauerte in den Felsennischen. Der Schuppen, in dem sich das Rettungsboot befand, stand offen. Sie konnten natürlich nicht hinaus zu dem kleinen zuckenden Segel. Es war sogar unmöglich das Boot ins Wasser zu bringen. Sie standen mit den Händen in den Hosentaschen schwiegen und starrten mit zusammengekniffenen Augen hinaus. Die Gischtfahnen gingen haushoch über sie dahin.

Vor der Türe des Schuppens saß ein Weib mit zwei Kindern und alle drei verfolgten regungslos das kleine Segel, das im Kreise zuckte. Das Weib hatte harte Augen und lächelte kalt und verächtlich.

»Sie ist die Frau des Patrons da draußen,« sagte mir ein Fischer. »Es sind drei Mann an Bord. Sie sind schon vierundzwanzig Stunden auf dem Meer. Sie haben nur einen Laib Brot und eine Flasche Schnaps mit. Lange können sie es nicht mehr aushalten. Sie sind hin!«

Als ich nach Hause kam, war Sturmvilla wie mit einem Aussatz bedeckt. Schaumballen schwirrten durch die Luft. Die Wut der Brandung zerrieb das Wasser zwischen den Felsen zu schmutzigem Schaum und der Wind trug ganze Blöcke Schaum davon. Vor meiner Türe lag er fußhoch und die Heide war weithin damit bedeckt.

Der Sturm hatte meinen großen Kamin wie mit der Zunge ausgeleckt. Kein Stäubchen war in meinem Zimmer mehr zu sehen.

In dieser Nacht schlief ich wenig. Ich dachte immerfort an das kleine Segel, das bei Stiff im Kreise zuckte. Nun waren sie dreißig Stunden draußen. Und immer im Kreise! Vielleicht konnten sie einen Kreis von zweihundert Meter Umfang segeln, das war alles, was sie sich erlauben konnten. Und kaum eine halbe Meile vom Land entfernt. Wie? Sie sehen das Feuer von Stiff vor sich, dicht vor den Augen, am Tage hatten sie deutlich die schwarze Flagge über dem Semaphor gesehen: das war der Tod, der da droben wehte, ihr Tod war es. Vielleicht sahen sie Häuser, in denen man sicher hocken konnte hinter den dicken Wänden und essen und trinken -- und sie fuhren im Kreise, vor dem Tod her, der mit ihnen ein Spielchen trieb.

Die Nacht war voll von unbeschreiblichem Spektakel. Das Spritzwasser zischte über mein Dach und rieselte an den Wänden herab. Regenböen prasselten. Es tobte und toste. Es hörte sich an, als ob ein rasender Riesengorilla auf den Klippen hockte und mit den Fäusten auf seinen Bauch trommelte. Schreie durchschnitten die Luft, als ob Menschen von den Klippen herabgestürzt würden und im Falle schrien. Gelächter, Flüche. Es waren all die Seeleute, die draußen ertrunken waren, die schrien und die Fäuste über den Klippen schwangen. Sie jammerten, denn sie sollten die Heimat nicht wiedersehen. All die Schiffe, die hier gescheitert waren, fuhren noch einmal in dieser Nacht auf. Sie krachten, splitterten, sanken. Und durch den Lärm hörte ich das dumpfe Läuten des Meeres. Bis in die Tiefe war es aufgewühlt. Da drunten rollten alte behaarte Glockentiere hin und her und dröhnten.

Bum -- baha -- bum baha!

Aus dem Tosen aber hörte ich deutlich ein Heulen heraus, das fürchterliche Heulen einer einzelnen Stimme! Sie rechtete mit Gott und der Hölle und konnte kein Ende finden. Das war Poupon, der Mörder, den das Meer nicht wollte. Hörst du ihn? Zuweilen stieß er einen Schrei aus und stürzte sich hinab, aber immer kam er wieder, heulte, verfluchte Gott und die Welt und schleuderte dem Schöpfer Felsen ins Gesicht, Felsen, Felsen! Hörst du?

Der Teil der Heide, auf dem mein Haus stand, hieß der »englische Friedhof«. Vor zweihundert Jahren scheiterte hier eine englische Flotte von vierzig Segeln und die Leichen bedeckten den Strand. Man begrub sie hier. Ja, nun hörten auch sie, daß da oben etwas vor sich ging und kamen heraus. Sie johlten und lärmten, viele hundert Stimmen schwirrten durcheinander, aber ich glaubte doch jede einzelne zu verstehen. Das Haus war ihnen im Weg, sie mußten etwas demolieren, denn sie waren wild geworden. Sie warfen sich mit den Rücken dagegen. Sie stießen mit den Füßen gegen die Türe und lachten. Öffne, öffne, you damn' rascal! Ich hörte sie ganz deutlich, ich hörte sogar, daß sie Englisch sprachen. Auf das Dach! Nun, da waren sie auch schon auf dem Dach, polterten, zerbrachen mir die Ziegel und schließlich brüllten sie zum Kamin herein. Viele zu gleicher Zeit: Ha! Ha! Ho! Ho! Son of a bitch. Hooo!

Ich setzte mich aufrecht und die Haare standen mir einzeln zu Berge.

Da aber ging ein schrilles Pfeifen über das Haus dahin, ein Schleifen, ich hörte wie sie sich entfernten, wie der letzte vom Dach herabglitt. Sie rannten johlend über die Heide. Wie ein Blitz, all die vielen Hundert zusammen. Ich hörte, wie ihr Gejohl mehr und mehr in die Ferne entschwand. Das Segel! Ja, das kleine zuckende Segel bei Stiff. Hier gab es Arbeit für sie, hier gab es etwas zu tun --

»Vielleicht sind sie eben untergegangen,« dachte ich laut und fror.

XVIII

Der Tag kam und der Orkan surrte wie tausend rasende Expreßzüge über die Insel dahin. Er heulte nicht mehr, schrie nicht mehr, er surrte, hohl und dumpf. Nimm den Hut ab, ziehe die Jacke aus, hänge Hut und Jacke an meine Hauswand, ohne Nagel, wie angeleimt bleiben sie hängen, so wehte es. Das kleine Segel zuckte noch immer im gleichen Kreise. Sie waren nun sechsunddreißig Stunden draußen. Die Nacht kam, fünftausend wiehernde Kannibalen tanzten um mein Haus, wieder tagte es und der Sturm surrte.

Das kleine Segel war verschwunden.

Ich erbleichte, als ich es hörte.

Aber gerade als wir alle in Chikels Bar standen und uns ereiferten: diaul! einen Laib Brot und eine Flasche Schnaps, zwei Tage ohne Schlaf und welche Arbeit -- ging die Tür auf, und was kam herein? Drei Seegespenster! Drei Gespenster mit kalkweißen Gesichtern und blauen Lippen, Leichen, die tagelang in Eiswasser gelegen waren, mit Glasaugen, klebenden dünnen Haaren und einem irrsinnigen Totenlächeln. Nun also, da waren sie! Es wurde ganz still. Dann aber begannen die drei Seegespenster in den gemeinsten Ausdrücken zu schimpfen. Ihr hättet uns ruhig ersaufen lassen, ihr Hundesöhne! Gott, sei Dank, sie waren lebendig.

Sie hatten das Verzweifelte getan. Sie waren aufs offene Meer hinausgefahren, um zu sterben -- oder, die Insel zu umsegeln und im Lee irgendwo unterzuschlüpfen. Es war ihnen geglückt. Hoho, Brüderchen! Und nun küßten wir sie alle.

Sie gossen sich Branntwein in die Kehle und gurgelten Schnaps. Einer ließ drei, vier Gläser fallen, er hatte jedes Tastgefühl in den Händen verloren, und lachte idiotisch.

Da kam noch ein Seegespenst herein. Aber es war nicht weiß, sondern schwarz wie ein Neger, der da und dort Farbe gelassen hatte, mit rotgesäumten Augen. Das war Yann. Der »kleine Kapitän« sprach wie ein Faß und hatte einen furchtbaren Brüllhusten.

»Ich mußte an Land gehen,« hustete er, »ich habe keinen Kognak mehr, he, Patronne! Rasch! Es war die reinste Hölle in der vergangenen Nacht. Willst du mit an Bord? He?« Ah, Yann, wie spöttisch und überlegen du doch lächelst!

»Sechs Flaschen Kognak, Madame Chikel!« erwiderte ich. »Etwas Käse. Hast du Brot? Vorwärts Yann!«

Im Hafen schwammen die Trümmer der zerschlagenen »Notre Dame de l'Isle«. Mit jeder Welle trieben sie vorwärts und zurück. Der gefesselte »Kommissionär« hatte sich ein paar Rippen eingeschlagen und lag mit dem Stern auf Grund und wälzte sich schwerfällig.

Wir sprangen ins Boot, Poupoul voran. Er war atemlos vor Vergnügen, sobald er in ein Boot springen konnte. Die Ruder tauchten ein und das Boot trieb mit der zurückflutenden Welle hinaus. Yann saß mit gebeugtem Nacken am Steuer und folgte lauernd den Bewegungen der Wogen, wie ein Boxer jenen seines Gegners. Er schrie den Matrosen Befehle zu und sie sahen ihm gespannt auf den Mund, denn hier außen konnte man kein Wort verstehen. Wir hatten fünfhundert Meter zu rudern, aber es sah aus als sollten wir den »Arbeiter« nie erreichen. Manchmal stand das Boot buchstäblich senkrecht.

Der »Arbeiter« zerrte an seinen zwei Ankerketten, bäumte sich auf und schlug aus wie ein Pferd. Bald war sein Deck auf Wasserhöhe, bald schnellte es ein Stockwerk in die Höhe und der »Arbeiter« zeigte den roten Bauch.

Zuerst stieg Yann an Bord, dann reichte ich Poupoul hinauf, der zappelte vor Erregung, zuletzt folgte ich.

Der »Arbeiter« war in voller Fahrt. Mit all seinen sieben Knoten rannte er vorwärts und kam doch nicht vom Fleck. Ganze Häuser, ganze Straßen bebender Wassermassen warfen sich ihm entgegen. Der Abstand zwischen den Wogenreihen betrug gut zweihundert Schritt. Lange sausende Ebenen flogen heran, die Wasserberge wuchsen bebend daraus hervor, der »Arbeiter« stieg, kletterte, sprang, glitt hinab, und die nächste sausende Ebene flog heran. Der Wind verwehte das Spritzwasser, so daß die Wogen wie mit weißen langen Wollfäden bestreut aussahen. Wie ein fliegendes schwarzgrünes Gebirge waren sie, in dessen Rinnen und Rillen der Schnee schmolz. Sie glitten blitzschnell an den Wänden des Dampfers entlang, kreiselten wütend und kletterten dröhnend und zischend an Deck. Der »Arbeiter« troff von oben bis unten.

Eine Sturzsee prasselte wagrecht über den »Arbeiter« dahin, vom Bug bis zum Stern, und ich bekam die volle Ladung ins Gesicht.

»Vorwärts!« brüllte Yann und stieß mich in die Luke hinab. Es war unmöglich in der kleinen übelriechenden Kajüte auch nur eine Sekunde aufrecht zu stehen. Sie war dunkel und kreiste wie der Bauch eines Haifisches in voller Fahrt. Und es ist bekannt, daß sich ein Haifisch in Spirallinien durchs Wasser schraubt. Die Luke an der Luvseite war verschraubt und wir bekamen nur dann etwas Licht, wenn sich das Glas gegenüber über Wasser befand. Poupoul hustete ein wenig. Nun, Poupoul, du wirst doch nicht? Was fällt dir ein, ein Schiffshund! Nein, Poupoul hatte ja nur zum Vergnügen ein wenig gehustet, er fühlte sich zu Hause hier unten.

»Trinke, rasch!« schrie Yann und goß Kognak in eine Blechkasserolle. Augenblicklich begannen wir mörderisch zu trinken, hier unten in dem kreisenden Haifischbauch blieb nichts anderes zu tun übrig, entweder oder. Also prost, meine Damen!

Ich verbrachte zwei ganz unvergeßliche Tage und Nächte auf dem »Arbeiter«.

Wenn die Flut kam, löste Yann seinen Steuermann ab. Wir mußten hinauf. Sobald wir den Kopf aus der Luke streckten, fegten Wind und Wasser wie ein Reibeisen über unser Gesicht. Dann kletterten wir zwischen zwei Sturzseen die schmale eiserne Treppe zur Brücke empor und hier banden wir uns fest. Der Sturm empfing uns mit einem pöbelhaften Triumphgeheul, als ob wir uns versteckt gehabt hätten. Das Spritzwasser trommelte auf unseren geölten Anzügen und festgebundenen Sturmhauben, und ganze Grotten von Wasser stürzten auf uns herab. Das Wasser auf der Brücke ging uns über die Knöchel, aber da wir barfüßig waren, schadete es nicht weiter. Es schwankte hin und her, bis es endlich wie ein Wasserfall die eiserne Treppe hinabstürzte. Zuweilen schlugen Bomben auf dem Dampfer ein, und Maste, Kamin, alles verschwand in einer Wolke von Gischt und Dunst.

Yann hustete fürchterlich und fluchte ununterbrochen. Er hatte sich am Sprachrohr den Mund blutig gestoßen und war wütend. Er überhäufte jede einzelne Woge mit Flüchen wie einen persönlichen Feind. So oft einer dieser fliegenden Wasserberge heranrollte, schrie er ins Sprachrohr: Zurück! -- und wenn wir den Berg hinaufgeklettert waren: Vorwärts! -- um den Anprall der vielen tausend Tonnen Wasser auszugleichen. Die Ankerketten strafften sich, knirschten, rasselten, der Bug sank ein, um gleich darauf einige Stockwerke emporzuschnellen. Oft legte sich der Dampfer so stark zur Seite, daß die Brücke steil wie ein Giebel stand. Das Meer war in der Nacht schwarz wie Pech und die wirbelnden Gischtkämme leuchteten wie Schnee. Creach schwang seine Lichtkegel im Kreise und beleuchtete das grauenhaft gerunzelte Meer. Der Dunst des Spritzwassers glitzerte und funkelte in seinem Lichte. Dann sahen wir auch alle sieben Sekunden das »Kamel«, das draußen in der Bai galoppierte. Das »Kamel« war ein Felsen, hoch wie ein fünfstöckiges Haus, aber das Wasser fegte darüber hin. Zuweilen fuhr der Gischt nach allen Seiten in die Höhe, als sei das »Kamel« soeben aus großer Höhe ins Meer hinabgesprungen.

Gegen drei Uhr nachts hatten wir Unglück. Die Spitze des Fockmastes mit unserer hübschen Laterne ging über Bord. Yann stieß einen der längsten und entsetzlichsten Flüche aus, den je eine menschliche Zunge zustande brachte. Gewiß hätte er sich in der Wut dem Mast nachgestürzt, wenn er nicht festgebunden gewesen wäre.

»Die Sache ist die,« schrie mir Yann ins Ohr, und drehte den Bug einer Woge entgegen, die mit hocherhobenen weißen Tatzen schräg herankam und alle andern überholte, »die Anker hatten sich festgebissen, aber der Teufel weiß, ob die Ketten es noch lange aushalten werden. Dann gute Nacht, in fünf Minuten sind wir in den Klippen. Achtung! O, daß alle stinkenden Teufel der Hölle dich haariges Monstrum --! En arrière!« Eine ungeheure Wassermasse schlug über Bord und der Dampfer sank so tief ein, daß es eine Ewigkeit dauerte, bis er sich wieder in die Höhe arbeiten konnte.

Dann und wann unternahm ich eine kleine Expedition nach dem Maschinenraum. Ich kletterte die Treppe hinab an Deck, wartete bis ich den nächsten Eisengriff fassen konnte ohne über Bord gefegt zu werden, und kroch im Lee des Kesselraums entlang. Wo der Wind eine Spalte fand, blies er so rasend, daß ich spürte, wie sich das Fleisch an meinen Knochen verschob und löste.

Haha, da waren sie, schwarz wie Mohren hantierten sie da drunten. Ich klopfte auf die verschraubte Luke, sie sahen herauf, grinsten und der Maschinist öffnete. Ich ließ mich die eiserne Leiter hinab. Wie warm es hier war!

»Ihr habt es gut hier, ihr Halunken!«

»Warum hast du uns nichts zu trinken mitgebracht?«

Ja, wie konnte ich es auch wagen ohne Kognak zu diesen Rußteufeln zu kommen, deren Kehlen lichterloh brannten?

»Sofort!«

Ich kroch wieder zur Luke hinaus, machte die Expedition zur Kajüte hin und zurück und da war ich wieder. Der Heizer ließ kochendes Wasser in einen Tiegel und mischte einen großen Humpen Grog zurecht. Es roch hier unten nach heißem Öl und Putzwolle. Die Schaufel scharrte und das Heizloch spie Gluten. Es gab hier glühende Kohlenstückchen, die es auf meine nackten Füße abgesehen hatten. Der Sturm toste in der Ferne; man fühlte sich hier wohl und geborgen wie in einem eleganten Salon, wenn es draußen hagelt. Der Wind tutete und pfiff durch das Sprachrohr und monoton rasselnd kamen Yanns Befehle heraus: en route, doucement, en arrière! Der Maschinist hatte die Hand am Hebel, die Maschine tickte, und wenn sich die Schraube über Wasser befand, wackelte sie von oben bis unten.

»Hau -- hau -- hau -- en route!« hustete Yann.

»Der >kleine Kapitän< hat sich etwas erkältet!« Die Leute liebten Yann und verließen sich auf ihn. Wenn er auch zuweilen mit den Fäusten auf sie losging, er hatte seine guten Seiten, ohne Zweifel. Und dann, er war tüchtig!

Die Burschen hier unten führten ein Leben für sich, was oben war, ging sie gar nichts an. Nun ja, heute gab es etwas zu tun -- aber das hielt sie nicht ab sich in aller Gemütlichkeit über die Dummheiten zu unterhalten, die sie mit einer dicken Kellnerin in Brest getrieben hatten -- hahaha!

Das Sprachrohr rasselte, und der Dampfer wurde in die Höhe geschleudert. Eine Sturzsee erschütterte ihn und er sank ein. Wohin sollte es noch gehen? Eine Weile stand er still, dann legte er sich bebend auf die Seite, so daß der Boden nahezu senkrecht stand und man sich mit Händen und Füßen festklammern mußte. Wir sagten kein Wort. Der Maschinist am Hebel sah wachsgelb aus unter der Rußschicht.

»Wenn jetzt der >kleine Kapitän< nicht bald ein Kommando gibt, dann ist er über Bord gegangen!« sagte er und öffnete lauschend Mund und Augen.

»En route, nom de chien!« rasselte das Sprachrohr.

XIX

Sobald Yann abgelöst wurde, war er vollkommen Privatmann und tat, als ginge ihn der ganze Kasten von einem Dampfer nichts mehr an.

Wir soupierten. Yann schnitt ungeheure Terrassen in den Brotlaib und den Käse und stopfte sich mit beiden Händen den Mund voll. Während er noch mit der rechten Backe kaute, trank er schon mit der linken aus der Flasche. Er verlor keine Minute Zeit, immer war er in voller Fahrt. »Iß und trink!« rief er zuweilen. Armer Yann! Er hatte vollkommen die Stimme verloren. Während er sich mit der Zunge noch die Zähne reinigte, entkorkte er schon eine neue Flasche.

Dann nahm er eine Zigarre aus dem Schubfach, legte sich zurück und atmete ein paarmal tief auf.

»Haha!« lachte er.

»Prost, Kapitän!«

»Haha!« Yann zwinkerte gut gelaunt und ließ vor Vergnügen einen Wind streichen. Dann brach er in lautes, hustendes Lachen aus und machte sich ans Rauchen. Nun soll man nicht denken, daß Yann eine Zigarre ohne weiteres rauchte. Yann tat nichts ohne weiteres. Er schnitt in der Nähe der Spitze eine Kerbe in die Zigarre und hier zündete er sie an. »Hersehen! Ah, du wirst die Augen aufreißen! Es wird -- hahaha! -- ein Mönch wird es!«

Nach einigen Zügen glühte die Kerbe und das war, bei Gott, ein Mönch in der Kutte, mit einem glühendroten feisten Gesicht, und nun bekam er noch dazu graue Haare!

Yann betrachtete den Mönch mit verliebten Augen. »Hahaha! Siehst du ihn? Ein Pater, ein Franziskaner, ein Benediktiner, ein Kapuziner!«

Er lachte triumphierend.

Bis zur nächsten Wache blieben uns gute vier Stunden und so plauderten wir ein bißchen. Wir hatten nun gegessen und getrunken, so weit es nötig war, und nun tranken wir zum Vergnügen. Wir tranken puren Kognak aus einem flachen Blechtiegel und klommen Hand in Hand Sprosse um Sprosse empor. Der »Arbeiter« stampfte und bebte und krachte in allen Fugen, als wolle er entzweireißen. Die Sturzseen klatschten über unseren Köpfen auf das Deck, und unsere kleine Petroleumlampe schwang sich quiekend im Ring und qualmte. Yanns Gesicht war ganz dunkel und aus seinem finstern Gesicht schimmerten hell, fast weiß seine wasserblauen Augen. Der brennende Mönch stank, als ob er Hufspäne und Haare im Leibe habe.

Die Unterhaltung begann. Wir konnten nie fünf Minuten sprechen, ohne uns in den Haaren zu liegen. Wir ruhten so bequem auf den Kojen, rauchten, aber sofort schnellten wir in die Höhe und brüllten einander an.

Da war zum Beispiel Yanns zweiter Maschinist lungenkrank und Yann hatte ihm den Rat gegeben, die Glut des Heizloches einzuatmen um die Bazillen zu töten.

Das hielt ich für falsch! Einfach für verkehrt!

»Die moderne Therapie erklärt große Wärme für Gift, geradezu -- Yann!«

Yann übergoß mich mit einem beißenden Spottgelächter.

»Und man schickt die Kranken nach Ägypten -- haha!«

»Der Trockenheit der Luft wegen!«

»Eh bien, mon cher monsieur le docteur -- ist die Luft aus einem Heizloch etwa nicht trocken?«

»Du bist ein Zwanzigtausendtonnen-Rindvieh, Yann!«

»Haha! Also die kalte Luft soll heilen? Seht an!«

»Sie ist bazillenfreier, ja.«

»Bien! Warum schickt man die Kranken nicht nach dem Nordpol? Hast du schon gehört, mon très cher ami, daß man einen Schwindsüchtigen nach dem Nordpol schickte? Ja! Übrigens, mein Bruder, ein berühmter Spezialist in Nizza« --

»Schweige! Schweige!« brüllte ich.

»Ich rede solange ich will!« schrie Yann.