Das Meer

Part 6

Chapter 63,888 wordsPublic domain

Ich hielt auf die rote Boje in der Reede. »Und jetzt will Yann sie heiraten?«

»Ja! Aber ich gebe meine Einwilligung noch nicht her!« Der Meerkönig warf sich in die Brust und tat stolz.

»Höre!« sagte ich und sah Jean Louis in die flachen, gebleichten Augen, die wie erblindet aussahen, »ich möchte dem kleinen Kapitän einen Streich spielen, er hat mir neulich ein Weinglas an den Kopf geworfen. Ich werde dir ein neues Segel kaufen, ein funkelnagelneues Segel aus bestem Material, erstklassig, wenn du deine Einwilligung noch etwas hinausschiebst.«

Jean Louis schlug sofort ein. Er wollte noch so lange warten als ich bestimmte.

»Gut, ich komme morgen zu dir und wir gehen zusammen zu Noel um die Leinwand zu kaufen. Wir können dann auch gleich die Kerze aussuchen.«

Hier aber lachte Jean Louis verschmitzt.

Nun, da wir gut angekommen seien, sei es besser, die zehn Sou in Schnaps anzulegen. Ich hatte nichts dagegen.

Jean Louis spülte die Fische ab und legte sie in den Kasten. Er schmunzelte zufrieden. Einen selten guten Tag hatten wir gehabt. Für gut drei Franken hatten wir gefischt in diesen zwölf Stunden! Wir bekamen ja nicht soviel dafür, die Händler --. Der kleine Fischhändler auf der Insel, der größere in Brest und der große Fischhändler in Paris. Sie alle hatten ungeheure Spesen, Haus, Familie, Wagen, sie alle hatten ein enormes Risiko. Der Meerkönig dagegen hatte keine Spesen und riskierte nichts als sein Leben.

Jean Louis kroch mühselig ans Land. Auf dem Lande bewegte er sich unbeholfen wie ein Krebs. Er nahm den Kasten über die Schulter, die zwei größten Fische trug er an den Zeigefingern, die er in die Kiemen einhakte, und so klapperten wir langsam den Steig hinauf zu Chikel. Der Boden wogte unter meinen Füßen, die Steine waren wie Teig.

In der Bar drängten wir die lauten Gäste zur Seite. »Platz gemacht, wir sind Fischer, kommen eben von der Arbeit!«

»Hoho! Seht sie an die krummen Hunde.«

»Hahaha!«

Es ging immer laut und fröhlich bei uns zu.

Ich gehe nach Hause. Die Steine klingen unter meinen Schritten, meine Augen sind scharf und folgen der Möwe weit hinaus übers Meer.

XIII

Am andern Tag machte ich Jean Louis den versprochenen Besuch.

»Guten Tag, Meerkönig, da bin ich wegen des Segels.«

»Hü--hü -- Segel?«

Er hatte alles schon wieder vergessen.

»Hühü -- da ist er jetzt -- tritt ein!« heulte Jean Louis.

Rosseherre war nicht da. Aber in der Ecke hing ein schwarzglänzender Rock. »Feinste Seide!« sagte ich und der Meerkönig lachte geschmeichelt.

Das kleine, schmale Wohnzimmer besaß nur ein einziges viereckiges Fensterchen in einer Nische. Die Bettschränke befanden sich an den Längsseiten hinter kleinen, sauberen Vorhängen, wie Kasperltheater sahen sie aus. Ein Tisch und Bänke rings an den Wänden, das war die ganze Ausstattung. Unter eine Nische mit einer bunten Madonna aus Gips war jener Spruch geheftet, mit dem vor Augen die Fischer ihr Leben verbringen:

Ar Maro

a zo eur moment terrubl evit ar bec'herien, galvet int ractal dirag. Ar Barner Souveren.

(Der Tod ist ein schrecklicher Augenblick für die Fischer, denn sie werden ganz plötzlich abgerufen vor den himmlischen Richter.)

Jean Louis goß Wein ein. Der Wein war dunkelgolden, was für ein Wein war es doch?

»Dieses kleine Weinchen stammt aus einem Schiffbruch, mein Freund!«

Der Meerkönig verschwand und brachte von irgendwoher ein kleines japanisches Lackschränkchen, das, hol mich der Teufel! tausend reizende Schubfächer hatte.

»Schiffbruch!«

Ja, früher, da waren die Schiffe gekommen, hühü! Als die Feuer und Nebelsirenen noch nicht so vollendet waren. Manchmal kamen zwei, drei in einer Nacht. Man brauchte nur aufzulesen. Aber jetzt --? Das Leben wurde immer schwerer.

Und plötzlich sah ich, daß der Tisch, an dem ich saß, ringsum mit einem Rand versehen war und seine Füße hatten unten Beschläge zum Festschrauben, was sagst du dazu!

Der Meerkönig lächelte pfiffig, gewiß hatte er noch ganz andere Reichtümer irgendwo versteckt.

Dann gingen wir zu Noel.

»Willst du also das Tuch bezahlen?« fragte Jean Louis auf halbem Wege und pflanzte sich mit gespreizten Beinen vor mir auf.

»Ja!«

»Wirklich bezahlen?«

»Wirklich!«

»Eh bien, mon vieux, en route!«

Jean Louis trat herausfordernd an den Kaufmann heran und heulte ihm ins Gesicht: »Ich möchte Leinwand zu einem Segel kaufen, Noel!«

Der siegellackrote Noel aber hatte keine Eile. Er zuckte die Achsel und sagte leise singend, indem er mit einem spöttischen Lächeln zum Fenster hinaussah: »O, mein alter Freund, es ist mein Prinzip euch Fischern keinen Sou zu kreditieren.«

Aber Jean Louis, der kaum über die Bar sehen konnte, deutete auf mich und schrie wütend: »Mein Freund bezahlt!« Dann wischte er sich den Schweiß von der Stirn. Der kleine Meerkönig zitterte vor Erregung an allen Gliedern.

Sofort floß Noel von Freundlichkeit und Eifer über. »Ah, das ändert die Sache!« Er schleppte Ballen Tuch herbei, er brachte Gläser und Flaschen. Nun begann die Arbeit des Meerkönigs. Er musterte die Ballen. Er nahm die schmierige Kappe ab und setzte sie wieder auf. Dann stürzte er ein Glas Schnaps in die Kehle. Er prüfte das Gewebe zwischen den Fingern, riß, scheuerte, hielt gegen das Licht. Er nahm einzelne Fäden und zerriß sie. Nicht zu leicht, nicht zu schwer, nicht zu dünn, nicht zu dick. -- Dann trank er wieder einen Schnaps und noch einen, er stotterte, taumelte gegen einen Mehlsack, er trocknete sich die Stirn und sagte, er käme morgen wieder.

Erst am dritten Tag konnte er sich entschließen, und dann dämpfte er seine Erregung mit so vielen gouttes, daß er mit dem Tuch unter dem Arm mitten in der Heide auf einen Felsen rannte, kenterte und liegen blieb.

XIV

Ich begegnete Rosseherre in der Nähe des Dorfes als es dämmerte. Sie trug einen großen Brotlaib unter dem Arm. Creach zündete gerade sein Feuer an. In seinem gläsernen Kopfe hauchte es, wie wenn jemand ein glimmendes Streichholz in den Mund nimmt und es anfacht, dann spie er kurze violette Blitze, die in die Dämmerung wie geschliffene Nadeln stachen. Das Meer war schon dunkel.

»Ihr wäret ja neulich auf ein Haar ertrunken!« sagte Rosseherre singend und stemmte den Brotlaib gegen die schmale Hüfte.

Ich lachte. »Es war nicht so gefährlich,« sagte ich.

Rosseherre wiegte mit kindlichem Ernst den Kopf. »Jean Louis hatte die Hoffnung schon aufgegeben! Und er kennt das Meer da draußen, niemand kennt es besser. Und dann schwimmst du bei den Klippen, es ist dir schon ganz einerlei, ob Ebbe oder Flut ist. Es gibt aber Strudel und Ströme und das Meer kann dich hinaustragen. Amorik von Creach sagt, ich kann ihm schon gar nicht mehr zusehen. Warum tust du das?«

»Ich schwimme ja nicht, wenn die Brandung sehr stark ist.«

»Du kennst das Meer nicht,« fuhr Rosseherre fort. »Du sollst dich in acht nehmen.«

Ich lächelte. Die Besorgnis Rosseherres rührte mich. Sie war ein Kind. »In acht nehmen?«

»Ja, vor dem Meer!«

»Ich möchte wohl gerne wissen, weshalb du auf der Insel lebst?« fuhr Rosseherre fort.

»Um das Meer zu hören und den Fisch zu fangen, Rosseherre.«

Das verstand sie nicht. »Hast du denn keine Eltern und Geschwister?«

»Nein.«

»Und keine Frau?«

»Nein.«

»Aber Freunde hast du doch?«

»Nein. Ich bin seit Jahren unterwegs und meine Freunde haben mich längst vergessen.«

Rosseherre schüttelte den Kopf. »Der Chef der Post sagt, du bist ein englischer Spion und willst herausbringen, wo sie mit ihren Kriegsschiffen auf der Insel landen können. Aber das ist nicht wahr. Vielleicht hast du etwas getan und kannst nicht in dein Vaterland zurückkehren?«

Ich lachte.

»Oder bist du in deinem Vaterland sehr unglücklich gewesen und hast es deshalb verlassen?«

»Nein, glaube das nicht, Rosseherre, ich bin im Gegenteil sehr glücklich gewesen.«

»Ja, niemand begreift, weshalb du hier lebst -- hier, wo nichts ist?«

»Es gefällt mir hier.«

Rosseherre wußte nichts mehr zu fragen. Ihr Gesicht war nun ganz dunkel geworden, nur ihre Haube leuchtete noch.

»Die Nächte sind nun so schön und warm, Rosseherre,« sagte ich, »du solltest hören wie die Grillen bei Sturmvilla in den Nächten lärmen.«

Rosseherre drehte sich ein wenig und lachte leise. Ich sah das Weiße ihrer Augen und ihre Zähne.

»Kenavo!« sagte sie dann.

»Kenavo!«

XV

In den Nächten war nichts als die Dunkelheit, das Schlagen des Meeres, das Feilen der Grillen und meine Sehnsucht nach unbekannten und unmöglichen Dingen. Die Erde war schwarz und das Meer, und ich war allein.

Das Meer brandete und donnerte ohne Aufhören, und doch war es so still in meiner Hütte, daß ich das feine, klingende Hämmern der Spinnen in den Wänden hörte. Immerzu blitzte es. Alle sieben Sekunden fuhr zweimal nacheinander Creachs blitzendes Messer durch die Nacht, zerschnitt das kleine Fenster, zerschnitt die Hütte und mich. Ich achtete nicht mehr darauf.

In den klaren Nächten öffnete ich die Türe. Der schwüle Geruch des Meeres strömte herein. Im Rahmen der Türe stand der tiefblaue Himmel und die blitzenden Sternbilder. Ich trat vors Haus, machte ein paar Schritte in den nassen Gräsern und ließ den Blick über die unendliche Kuppel des Firmaments wandern. Zuweilen sank ein Meteor langsam und leuchtend ins Meer. Und irgendwo draußen auf dem Wasser gab es ein kleines rotes oder grünes Licht, das wanderte. Drüben über der Bai aber, an den Klippen, flogen Creachs Lichthiebe atemlos dahin wie blendend erleuchtete Expreßzüge der Hölle, die, tausend in der Stunde, in die Unendlichkeit hinausjagten. Es war totenstill ringsum und ich ging wieder ins Haus zurück. Aber horch! Hörst du nicht? Irgend etwas wanderte da draußen, bald nah, bald fern, lautlos und unsichtbar, aber ich fühlte es, während ich vor meinem Feuer saß. Es gab also noch etwas außer mir hier außen? War es ein toter Seemann, der aus dem Meere stieg und sich zu seiner Hütte schlich um durch das Fenster zu spähen? Was war es? Horch! Und zuweilen dachte ich an das sonderbare Bibelwort: der Geist Gottes schwebte über den Wassern --

Langsam drehte sich die Nacht. Neue Sternbilder erschienen in der Türe. Ich warf eine Handvoll trockenen Tang auf das Feuer. Das war alles, was ich in einer Stunde tat. Die Möwen schrillten. Ebbe, dachte ich, die Möwen ziehen auf Raub aus. Das Meer atmete erschöpft. Dann rollte das erste Dröhnen am Gestade entlang: die Flut kam zurück. Und ich saß und hielt die Pfeife im Gang und lächelte zuweilen, wenn eine schöne Vision im Feuer erschien. O, ich verstand es meine Einsamkeit auszukosten, bis auf den Grund -- so allein war ich, so herrlich allein, haha! Poupoul schlief vor dem Kamin und ließ die Luft durch die Nasenlöcher wie durch Ventile abpfeifen. Wenn ich ein Wort an ihn richtete, so klopfte er mit dem Schwanzstumpen und öffnete schlaftrunken ein Auge. »Schlafe, Poupoul!« Da kroch er näher und legte den Kopf auf meinen Fuß und schlief weiter.

Zuweilen stand ich auf und machte die Augen scharf, als ob ich auf etwas in ganz weiter Ferne blickte: es waren Menschen, die ich sah, die Menschen, die ich vor Zeiten gekannt hatte. So weit entfernt war ich nun von ihnen.

Und wieder stand ich auf und blickte in die Ferne: das waren Gedanken, die ich sah, meine alten Gedanken vor Jahren. So fern, so klein. Weit entfernt war ich nun von ihnen.

Ich ging hinaus und blickte über das schlaflose Meer: ein senkrechter Blitz spaltete die Nacht in zwei Teile wie einen Block glänzender Kohle. Auf dem Meere waren zwei ferne Stimmen, die riefen und antworteten, aber nichts war zu sehen. Ein Hauch kam um mein Haus herum und stand neben mir wie ein Geist. Es rieselte in einem Felsen, hörst du? Der Felsen altert.

Auf dem schlaflosen Meer schwang ein Funke hin und her, und weitab antwortete ein anderer: zwei Schiffe, die miteinander sprachen.

In einer Nacht begann es zu wehen. Ich hielt den Atem, an. Über mir brauste der große Raum. Von Getümmel und Kampf und einem herrlichen wilden Tod sauste es da droben. Mein Herz pochte laut. Ich ging hinaus. Der Wind schlug die Arme um mich und heulte mir in die Ohren, daß er mein Genosse sei. Er umtoste mich und plötzlich entfachte er einen wunderbaren Gedanken in meinem Kopfe. Ja! Wir wollten sehen, was an uns war, heute, jetzt! Und ich ging hinab zum Meer, entschlossen es mit ihm aufzunehmen, sei es wie es wolle. Der Wind heulte mir in die Ohren: ja, ja!

Das Meer war leuchtend schwarz und die wirbelnden Schaumkämme schneeweiß mit glühenden Feuerchen im Innern. An den Felsen zersprang die Welle zu Tausenden von Brillanten. Hinein! Ich wühlte in grünem Feuer und war selbst wie ein glühender Geist, der sich im nächtigen Meere bewegte. Da drunten leuchtete und flimmerte es wie ein schwarzer Wald voller Glühwürmchen. Feuergarben schlugen bei jedem Schwimmstoß empor und meine Arme waren bedeckt mit phosphoreszierenden Klümpchen. Ich warf mich der Woge entgegen und wenn sie herankam, hob ich die Faust aus dem Wasser und schlug sie ins Angesicht. Die Woge trug mich in die Höhe wie einen Span. Ich aber verwandelte mich in eine wirbelnde Schiffsschraube und es ging dahin. Wenn ich untertauchte, so wurde es still um mich, kam ich in die Höhe, so heulte und tobte es in meine Ohren. Auf meinem Lid saß ein leuchtendes Körperchen und ich fühlte das sanfte Licht durch das Lid hindurch.

Da war ich wieder. Ich stand und dampfte. Ich hatte mich dem Meere angeboten, aber es hatte mich nicht gewollt. Meine Brust ging ruhig und meine Arme zitterten nicht. Ich sah weit über das dunkle Meer hinaus.

Der Wind heulte und versprach mir Ehre und Reichtum und tausend schöne Frauen.

Ich aber lachte. »Merci, behalte alles!« sagte ich. Ich brauchte nichts, so stand es. In dieser Minute war ich ohne Wunsch.

Wie schwül es nun in meinem Hause war! Ich braute Grog und suchte meine Lektüre hervor. Meine ganze Bibliothek, bestand aus einer Nummer des New-York Herald, European Edition, die ich zufällig in der Tasche mitgebracht hatte. Sie war vergilbt und roch nach Salz und stets kamen ein paar Spinnen heraus. Ich konnte sie auswendig, jeden einzelnen Artikel und selbst die Annoncen. Aber ich las sie immer wieder und geriet stets in eine gehobene Stimmung, wenn ich sie auseinanderfaltete: das war die Welt, meine Herrschaften, die Welt mit Haut und Borsten, einem Heiligenschein und roten Mörderhänden.

Ja, haha, zu amüsant war das -- prost!

Auf Seite eins lag noch immer der Papst im Bett -- er hütete das Bett -- wegen eines leichten rheumatischen Leidens im rechten Knie, nicht im linken, hol mich der Teufel! Ich wünsche seiner Heiligkeit rasche Genesung. Auf derselben Seite rasselte ein betreßter Affengreis mit den Kinnladen und die Affen ringsumher schlugen mit den Schwänzen vor Ergebenheit. Du wirst alt Europa und beginnst zu stinken!

Es rüttelte an der Türe, es pochte, und ich wandte den Kopf. Herein! Niemand antwortete. Eine feine Stimme, wie die einer kleinen frierenden Seele, wimmerte oben an der Türe.

Da gefiel mir Bobby besser, der Nigger, den man im Staate Ohio hinrichtete. O nein, zurück, Bobby braucht keinen geistlichen Zuspruch, er geht »zu einem bestimmten Zweck in die Hölle«. Wenn es schon sein muß -- prost, Bobby! -- Was sagst du übrigens dazu? Zwischen Deutschland und Italien herrscht momentan große Kälte. He, dieses Genie, das Papierbrei wiederkaut und ein von Druckerschwärze schwarzes Maul hat, legt die Hand auf das Herz der Staaten und konstatiert große Kälte. Ich werde einen glühendheißen Grog trinken, Sie papierenes Rindvieh, denn bei dieser großen Kälte zwischen Deutschland und Italien klappern mir die Zähne.

Regen prasselte über mein Dach. Jemand pickte an das Guckfenster und ein Gesicht sah herein und blinzelte mit zu. Aber ich kümmerte mich nicht darum. Ich war es gewohnt, daß nachts Gesichter zu mir hereinsahen. Die feine Stimme surrte jetzt am Boden, durch die Türritze. Da ließ Creach sein Gebrüll in der Ferne hören. Nebel. Ich warf Tang aufs Feuer.

Dann stürzte ich mich in die Annoncen. Im Handumdrehen engagierte ich dreiunddreißig chamber-maids, governesses nicht über zwanzig, zarte Behandlung zugesichert, und hierauf verschwand ich blitzschnell unter der Erde, um einen Küchenchef, 94 rue de Longchamps zu verpflichten. Ich raste durch die Eingeweide von Paris, stieg ans Tageslicht empor, schwang mich auf einen Autobus und segelte zwischen den Balkonen und Firmenschildern dahin, und die Leute unten trieben im Strom. Hélas! Mein Küchenchef war eben ausgegangen -- also wartete ich in einem Café, hier traf ich ein hübsches Mädchen, Auto! Und es ging dahin über die glitzernden Asphaltseen von Paris --

XVI

In einer Nacht aber, als ich wieder las, sah ein Gesicht zu meinem Fenster herein und dieses Gesicht trug eine weiße Haube. Poupoul schlug an.

Ich legte den Herald beiseite und öffnete.

»Ah, du bist es, Rosseherre?«

»Ja, ich bin es,« sagte sie ohne Atem, »ich komme -- Jean Louis ist krank.«

»Was fehlt ihm denn?«

»Er spricht und lacht. Er hat Fieber. Komm und sieh!«

Wir gingen rasch über die Heide. Jean Louis lag in seinem Bettschrank und empfing mich mit lautem Lachen. Hühühü!

»Hallo, Jean Louis, kennst du mich nicht?«

Nein, er erkannte mich nicht. Eine heiße, dumpfe, alkoholgeschwängerte Luft schlug aus seinen Kissen. Rosseherre leuchtete mit einem Stümpfchen Licht, das ihr über die Finger rann, und ich sah, daß er die Augen offen hatte. Er lachte und plapperte.

»Was sagt er denn, Rosseherre?«

»Er sagt: komm heraus, mein Herzchen. Er meint den Fisch.«

Der Meerkönig war nicht nur betrunken, er hatte auch starkes Fieber, was war zu tun? Wir legten ihm Kompressen auf den Kopf und die Brust und er kicherte vor Vergnügen, als er das kalte Wasser fühlte. Rosseherre zitterte.

»Es wird nicht schlimm sein, Rosseherre.«

»Nein?«

»Ich glaube nicht.«

Dann saßen wir und warteten. Rosseherre klebte das Lichtstümpfchen am Tisch fest und der Talg floß und tropfte auf den Boden. Der Docht sank in den geschmolzenen Talg und erlosch. Nun war es ganz finster.

»Hü--hü--hü!« lachte der Meerkönig.

Ich legte meine Hand an Rosseherres kleine Brust.

»Rosseherre?«

Sie neigte sich vor und legte die Hände um meinen Nacken.

»Une bonne pêche -- mon vieux -- mon vieux!« heulte Jean Louis und lachte.

»Aber Jean Louis --?« flüsterte Rosseherre.

»Er kann uns ja nicht sehen!« --

»Hühü -- sakrenomdedü -- trente sou -- quarante -- hühü,« lachte der Meerkönig in seinem Bettschrank.

Rosseherre bebte am ganzen Körper. Sie gebärdete sich unsinnig, weinte und flüsterte und bedeckte mein Gesicht mit raschen Küssen. Dann küßte sie mir Hände und Füße, hundertmal. »Me o car,« flüsterte sie.

»Gute Nacht, Rosseherre.«

Sie begleitete mich vor die Türe.

»Gute Nacht!« Sie lächelte und ihre Brust atmete noch rasch.

Aber als ich schon gegangen war, rief sie mich nochmals zurück.

»Höre,« sagte sie, »könntest du mir nicht -- hundert Sou leihen -- ich habe eine alte Schuld.« Sie stammelte. »Nein, nicht hundert -- fünfzig -- zwanzig Sou?« -- -- --

Am nächsten Abend klopfte es wieder an meinem Fenster und Rosseherre stand vor der Tür. Sie war gekommen um mir zu sagen, wie es mit Jean Louis gehe.

»Es geht ihm gut, ja. Morgen wird er wieder hinausfahren.«

»Willst du nicht hereinkommen, Rosseherre?«

Rosseherre lachte. »Ja.«

»Nun, so tritt ein.«

Wie laut die Grillen doch in diesen Sommernächten um Sturmvilla lärmten! Yann hatte viel drüben an der Küste zu tun, er mußte Kohlen holen für Creach.

Wenn es Abend wurde saß ich gewöhnlich auf dem Stein vor meiner Tür, der noch heiß von der Sonne war, und spielte mir ein Lied auf meiner Flöte.

XVII

Dann kamen die großen Stürme und alles wurde anders. Die Stürme selbst waren schuld daran --

Eines Morgens erwachte ich mit einem elenden Gefühl. Das Atmen wurde mir schwer. Ich ging hinaus um zu sehen, ob nicht etwa der Himmel herabgekommen sei und in Mannshöhe über der Insel laste. Alles stand still. Die Gräser, das Meer, die Luft, über dem Meer lag die lange Rauchwolke eines Dampfers, der schon entschwunden war, auch diese Rauchwolke stand still. Ein grauer, greisenhafter Himmel blickte von oben herab. Wo war das Leben hin?

Eine Stunde später änderte sich alles. Die Möwen waren die ersten, die das Fest witterten. Sie zogen in weiten raschen Kreisen mit dem Bauch über das Meer und schrien wild. Am Horizont schob sich eine unscheinbare, bleifarbene Wolkenbank empor, aber so rasch, als steige sie aus einer Versenkung herauf, und während sie wuchs wurde sie immer dunkler, fast schwarz. Senkrechte weißliche Wolkenfetzen flogen vor ihr her. Das Meer wurde düster und runzelte sich wie die Stirn eines wilden Tieres, das die Geduld verliert. Die Fittiche der raschen Möwen flatterten kalkbleich vor der dunkeln Wolke. Die Meerschwalben zogen in Zickzacklinien um die Klippen und läuteten und gurrten. Auf einem Felsen saß ein Fischreiher, sah hinaus und schlug zuweilen mit den Flügeln.

Mein Herz aber pochte.

Plötzlich ging ein pfeifender Hieb über uns dahin und die Insel war in eine ungeheure Staubwolke gehüllt, als ginge sie in Rauch auf. Die Gräser legten sich flach auf den Boden, Steinkörner sausten durch die Luft. Da war er --

Was für ein Gesang war das, bei allen Göttern? Es war das Lied vom Chaos, als es noch nichts gab als die schwarzen Wasser und das nackte Gestein. Es war das Schlachtenlied der Urriesen, die um Erde und Meer kämpften und sich zerschmetterten --

Das Meer dröhnte schwer, die Felsen tuteten, und das Toben vereinigte sich zu einem hohlen, surrenden Brausen, das alles erschütterte. Die Luft wetterte, die Atmosphäre bebte, wie ein Riesenventilator surrte die Luft und zerrte das Fleisch von den Knochen, riß an den Augenlidern und Lippen, legte die Ohren um und bog die Nase, wohin sie wollte.

Die Küste ringsum war bis hoch hinauf mit Gischt bedeckt und sah wie beschneit aus. Die Klippen im Meer trugen wehende Generalsbüsche. Das Meer war getigert bis zum Horizont, ein paar fliegende schneeweiße Schaumkämme mit Nacht dazwischen war das ganze Meer, nichts sonst. Die Schaumkämme aber rasten gegen die Insel. Je näher sie kamen, desto lebendiger wurden sie. Es waren Reihen von Schimmeln mit wehenden Mähnen, schäumenden Mäulern und strampelnden Vorderfüßen. Sie galoppierten gegen die Klippen, stürzten in die Höhe, wieherten, schwangen die Mähnen und sanken zerschmettert rücklings ins Meer. Und augenblicklich galoppierte die nächste Reihe heran, hoi, hoi, hopp hopp! Der Wind peitschte sie und sie taten ihr Bestes, flogen heran, hinauf und zerschellten.

Das war er!

»Vater unser -- das ist er! Was soll ich tun? Sag mir den Gesang, den ich anstimmen soll! Soll ich vom grasgrünen Meerteufel singen, der drunten schlief und nun emporstieg und sich dreht wie ein rasender Kreisel?«

Poupoul sprang an mir empor, und ich packte ihn am Kragen und drosselte ihn. »Nimm dich in acht, Poupoul, siehst du nicht, daß ich ein Mörder bin!«

Und ich ging dahin und schrie in den Sturm hinein --

Am Hafen unten standen Männer und Frauen, flatternde Fahnenfetzen, alle erschrocken und bleich. Eine Frau lief schreiend hin und her und rang die Hände. Ihr Mann war nachts hinausgefahren und noch nicht zurückgekehrt. Jede Woge überflutete die Granitmauern des Dammes und hob spielend die schweren Eisenringe in die Höhe, daß sie klirrten. Ganze Wände von Wasser stürzten auf uns herab. Auf dem Damm lag ein behauener Granitblock, der einer Boje als Anker dienen sollte, gut einen Meter hoch und breit. Er war der Woge im Weg und plötzlich hob sie ihn und stürzte ihn ohne viele Umstände vornüber den Damm hinab. Man hatte das Postschiff rasch in den Innenhafen gebracht; auf dem Deck liefen brüllend die Matrosen umher und zogen die Taue an. Der »Kommissionär« war gefesselt wie ein Tobsüchtiger, mit Ketten, Drahtseilen, Tauen. Aber er wieherte vor Vergnügen, bäumte sich auf, zerriß die Fesseln und schlug das Heck der »Notre Dame de l'Isle«, die hinter ihm lag, in tausend Stücke. Draußen in der rasenden Bai ritt Yanns kleiner Dampfer an seinen Ketten. Viel Vergnügen, Yann!