Das Meer

Part 4

Chapter 43,973 wordsPublic domain

Wir lagen und warteten auf die »Lady of Ireland« aus Queenstown. Creach in der Ferne schwang seine Lichtwindmühle durch die Nacht und alle sieben Sekunden blendete uns sein Feuer zweimal nacheinander. Dann schien es, als wären wir hundert Schritte entfernt und blickten mitten in die gleißende Linse und erblindeten.

Das Meer pochte am Boot und das Spiegelbild der Mondsichel verzerrte sich und manchmal brach es in Stücke und Splitter. Die großen Sterne gleißten in der Tiefe wie faustgroße Brillanten, und zuweilen lösten sie sich in ein Geflimmer zitternder Funken auf, die sofort wieder zusammenschmolzen. Ich sah in das schwarze glänzende Pech hinein, durch mein mattes Spiegelbild hindurch; zuweilen wölbte es sich lautlos, als atme es. Feindselig und schaurig sah das Meer in der Tiefe aus -- man glitt hinab, ohne Laut, tiefer und tiefer, es war dunkel und weich und immer noch fühlten die Füße keinen Grund . . . Plötzlich fiel mir der Traum von heute nacht ein: da drunten feierte ich Hochzeit mit Rosseherre --. Ich lachte leise.

»Siehst du das Licht?« fragte Kedril.

Ich machte die Augen scharf. Ein rötliches Pünktchen flimmerte am Horizont, hundertfach feiner als der verglimmende Docht einer Kerze in einem dunkeln Raum.

»Verteufelt scharfe Augen hast du, Pilot!«

Die »Lady of Ireland« rauschte heran. Ohne Laut. Das Deng-deng der Glocke auf der Brücke klang klar durch die Stille. Ein paar Schatten beugten sich herab. Kedril ging an Bord.

Wir wechselten einige Worte mit den Schatten da droben. Eigentümlich klingen menschliche Stimmen in der Nacht auf dem Meer! Wie Gespenster waren wir.

VIII

Alles traf so ein, wie ich es vorausgesehen hatte. An einem trüben Nachmittag trappelte es vor meiner Türe wie wenn ein junges Pferd vorbeigaloppierte, und als ich öffnete, sah ich ein Mädchen mit einer weißen Haube in der Heide stehen. Sie führte zwei schwarze Hammel am Strick. Ich sah bis hierher ihre Zähne, sie lachte. Der Wind flatterte in ihren Rücken, es schien, als werde sie zu mir hergeweht.

»Hier wohnst du?« rief sie zu mir herüber und der Wind verwehte ihre Stimme, daß sie fadendünn und fern klang.

»Ja, hier, hast du es nicht gewußt? Wohin gehst du?«

Rosseherre drehte sich und lachte. »Ich bringe meine Hammel nach Hause.«

»Was sagst du?«

»Meine Hammel bringe ich nach Hause!«

Ich ging näher.

»Wie ist es dir ergangen seit Kedrils Hochzeit? Nichts Neues?« Wir gingen Seite an Seite und kämpften uns gegen den Wind.

Rosseherre sah mich durch das Gitter ihrer wehenden gelben Haare an und lachte. »Yann hat mich vor Zorn geschüttelt. Weil ich mit dir tanzte.«

»Yann? Er sagte doch selbst, daß du mit mir tanzen sollst?«

»Aber weil du _so_ mit mir getanzt hast.«

»So? Wie sollte ich denn sonst mit dir tanzen? Man tanzt immer _so_ mit einem Mädchen.«

Das sah Rosseherre ein. »Yann ist immer bei schlechter Laune,« fuhr sie plappernd fort. »Er will, daß wir heiraten. Aber Jean Louis gibt nicht die Einwilligung dazu und ohne das geht es nicht. Ich bin noch zu jung, sagt Großvater.«

»Dir eilt es wohl nicht so sehr?«

Rosseherre schüttelte den Kopf. »O, nein! Wenn ich ihn einmal geheiratet habe, so wird er anfangen zu trinken und mich schlagen, das tun sie alle.«

»Nein. Yann hat ein gutes Herz.«

Rosseherre nickte. »Sein Herz ist gut, ja. Aber er ist ein Seemann, trotzdem.«

Rosseherre erzählte tausend Kleinigkeiten, die ich alle mit Vergnügen anhörte. Ihre hohe kindliche Stimme schwang auf und ab und der Wind verwehte sie. Die ganze Rosseherre flatterte wie eine Fahne. Bei jedem Schritt schlüpften ihre kleinen runden Fersen aus den Holzschuhen. Ihre Augen waren zusammengezogen und scharf gegen den Wind gerichtet, wie die Augen einer Möwe. Sie zuckte nicht einmal mit der Wimper, wenn ihr die eiskalten Regentropfen ins Gesicht schlugen.

Wie die Erde so braun bist du, Rosseherre, deine Haare sind gelb wie die Heideblumen und sonst bist du gemacht aus Wind und Regen und Salz!

Wir gingen auf und ab über die öde Heide. Da und dort lagen verwitterte Steinblöcke und Haufen von aufgeschichtetem Tang. Nichts war zu hören als das klägliche Blöken der frierenden Hammel, die hier und da angepflöckt waren, und der schrille Schrei einer Möwe irgendwo. Eine hungrige schwarze Kuh stand am Wege und muhte melancholisch, als wir vorbeikamen. Sie war nicht größer als ein Kalb, eine Zwergin von einer Kuh. Keine der wenigen Kühe auf der Insel war größer. Auch die Tiere taten hier nur, was unbedingt nötig war; die Hühner legten winzige Taubeneier. Am Boden zitterten kleine kurzstielige Blumen. Der Wind ließ sie nicht in die Höhe wachsen. Da sie die Nordwinde fürchteten, so hatten sie sich nur an den südlichen Rändern der Erdwälle angesiedelt. Hier lagen sie auf dem Gesicht und froren. So oft wir aus einer Mulde herauskamen, sahen wir das düster rauchende Meer und die schäumenden Klippen. Der Norden der Insel war in eine Nebelbank eingehüllt, die langsam näherkroch.

Rosseherre wußte nichts mehr, und nun erzählte ich ihr alles, was mir da drunten auf dem Meeresgrund passiert war. Ich flocht eine Menge haarsträubender Abenteuer mit Haifischen und Polypen ein um ihrer Phantasie entgegenzukommen.

Plötzlich blieb Rosseherre, stehen und sah mich erschrocken an. Ihre Augen waren grün wie der Schaum im Meer. »Du hast Vater und Bruder gesehen?« unterbrach sie mich.

»Ich träumte das ja nur, Rosseherre.«

Rosseherres Blick flackerte und sie wurde rot. »Sie sind beide ertrunken,« sagte sie leise. Und sie deutete über die Heide und ihre Stirn zerknitterte sich feindselig. »Da draußen!« Eine Weile erschien sie mir merkwürdig und um vieles älter, dann aber schüttelte sie den Kopf und ging weiter. »Und was sagten sie?«

»Rosseherre ist hier. Sonst nichts.«

Rosseherre lächelte.

»Sonst sagten sie nichts?«

»Nein.«

Und ich erzählte, daß sie alle im Kreise standen und heulten, und was ich mit ihr tat. Da sah mich Rosseherre mit großen, verwunderten, lachenden Augen an und brach in ein lautes, kindliches Gelächter aus.

»Solch ein Traum -- hahaha! -- wie kann ein Mensch nur so etwas träumen.«

»Ja, was sagst du dazu, Rosseherre?« rief ich aus und lachte ebenfalls und legte den Arm um ihr Mieder. »Ist das nicht eine närrische Sache gewesen?«

Rosseherre sah sich um und suchte zu entschlüpfen. »Wenn es jemand sieht!«

»Was tut es?«

Sie sah mich erstaunt an. »Yann wird dich töten?«

»Haha!« Ich lachte. »Was tut es?« Ich war ganz trunken von ihrer Nähe. Durch das Mieder fühlte ich die Wärme ihres Körpers und ihre kleinen zarten Rippen. Ihre Haare wehten mir ins Gesicht. Auf ihrer braunen Wange lag ein Regentropfen und fing zu rieseln an. Gerade auf diesen rieselnden Regentropfen küßte ich sie. Ihre Wange war kalt wie Eis.

»O, wie böse du bist!« rief Rosseherre aus, rot im Gesicht.

»Was soll ich tun, da du mir gefällst, Rosseherre?«

Sie lachte und kämpfte sich tapfer durch den Wind vorwärts.

»Du hast auch Jeanette geküßt.«

»Jeanette? Die schwarze Jeanette?«

»Ja, sie hat es erzählt. Und man sagt, daß du Martina besuchst und einmal hat man dich nachts in Stiff gesehen, vor dem Hause der Witwe Bec --«

Da hatte ich es. Mein Leumund war nicht der beste.

»Hahaha, Rosseherre, Rosseherre, was die Leute doch alles zusammenlügen! Sonst hat man nichts gesagt, wie?«

Die Nebelbank war dicht vor uns. Sie kroch auf gekräuselten Rädern von Rauch über die Heide. Im Augenblick waren wir eingehüllt. Der Strick in Rosseherres Hand wurde unsichtbar und die kleinen Hammel trippelten grau und verwaschen hinter uns her. Rauch klebte in ihrer Wolle.

Plötzlich erschütterte ein furchtbarer Ton die Luft und wir erbebten. Es klang, als ob ein haushoher eherner Stier brüllte. Sein Atem riß ein Loch in den Raum, eine Röhre, durch die das Brüllen wie eine große grollende Kugel hinaus übers Meer rollte, ferne, immer ferner. Dann erhob der eherne Stier aufs neue sein Gebrüll und der Boden zitterte.

»Nun sieht uns niemand mehr, Rosseherre!« sagte ich und küßte ihre eisige Wange, und ihre feuchten Haare kamen mir zwischen die Lippen.

Rosseherre sträubte sich nicht mehr. Aber sie lachte, als fände sie es lächerlich, daß ich sie küßte.

»Wenn dir meine Ringe gefallen, Rosseherre,« sagte ich, »so sollst du sie haben. Komme zu mir, dann bringe ich sie dir heraus, du brauchst nicht ins Haus zu treten.«

»Weshalb aber willst du mir die Ringe schenken?« fragte Rosseherre.

»Weil du die Schönste der Insel bist!«

»Hahaha!«

»Wirst du kommen?«

Rosseherre sah mich an. »Weshalb soll ich denn nicht kommen?« sagte sie verwundert. »Aber du darfst dich nicht mehr mit Jeanette abgeben, hörst du? Ich hasse sie. Und Yann darf es nicht wissen!«

»Nie wird Yann etwas erfahren.«

»Nun, adieu!« Rosseherre lief. Doch nach ein paar Schritten blieb sie wieder stehen. »Dis-donc!« rief sie durch den Nebel. »Kannst du mir zwei Sou leihen?«

Ich lieh ihr zwei Sou. --

Die ganze Nacht hindurch brüllte das Nebelhorn von Creach. Alle drei Minuten erschütterte sein Gebrüll zweimal nacheinander mein Haus. Und in den Pausen war es so beängstigend still, als lausche alles, das Meer, die Klippen. Und auch da draußen auf den Schiffen lauschten sie; sie neigten sich über die Brücke, machten die Ohren scharf und zählten die Minuten ab und ihre Herzen klopften.

Ich saß vor meinem kleinen Feuer, rauchte die Pfeife und dachte daran, was ich Rosseherre sagen würde, wenn sie käme.

»Höre Rosseherre, kleine süße Madonna,« wollte ich sagen, »nimm Platz, ich habe all die Zeit auf dich gewartet und mein Herz ist voller Freude dich zu sehen« --

Ich lauschte. Ein Dampfer tutete. Ganz fern. Er tutete ängstlich und eingeschüchtert, als ob er sich vorsichtig Schritt um Schritt vorwärts taste. Der Nebel quoll wie Rauch durch die Ritzen der Türe. Ich legte Holz aufs Feuer.

»Das ist ja alles Unsinn!« sagte ich laut. »Ich werde ganz anders mit ihr reden. So, wie man mit einem Fischermädchen spricht, basta!«

IX

Als sie aber kam, sagte ich gar nichts. »Ah, da bist du ja!«

»Ja, da bin ich,« antwortete sie und zeigte die Zähne.

»Willst du nicht hereinkommen?«

Sie lugte neugierig durch die Türe.

»Nein, ach nein. Die Sonne scheint so schön!«

Da saß nun Rosseherre, die kleine Blume der Insel, auf dem Stein vor meiner Türe und arbeitete an einem dicken weißen Strumpf. Die Holzschuhe hingen an ihren Zehen, zuweilen strich sie sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Sie plapperte und ihr frischer, sechzehnjähriger Mund stand nicht einen Augenblick still.

Ich rauchte und sah ihren flinken braunen Händen mit den hellen Fingernägeln zu, und den Stricknadeln, die gegeneinanderschlugen wie ein Bündel von Masten verankerter Fischerboote bei unruhiger See.

Ein paar Schritte entfernt standen die beiden Hammel Rosseherres, schwarz wie Teufel. Der Wind spielte in ihrer Wolle. Stundenlang konnten sie ohne sich zu bewegen uns Wundertiere wie hypnotisiert anstarren und die helle Angst und Ehrfurcht blendete aus ihren schwarzgeschlitzten Bernsteinaugen. Zuweilen schnupperten sie mit ihren sanften süffisanten Kamelsschnauzen und wichen scheu zurück, denn sie fürchteten sich vor allem, dem Wind, den Insekten und selbst vor Dingen, die wir Menschen nicht sehen. Wenn Poupoul sich nur streckte oder gähnte, so rannten sie rasend vor Schrecken um ihren Pflock herum. Gewiß erschien er ihnen wie ein schrecklicher, haushoher Bär, der sie mit Haut und Haar verschlingen konnte, ohne im geringsten satt zu sein. Dann standen sie wieder auf ihren dünnen eleganten Beinchen, auf den Zehen sozusagen, und sahen uns ängstlich und neugierig an.

Auf dem Meere zog ein Dampfer. Winzige Flaggen kletterten an seinen Tauen in die Höhe, er sprach mit unserem Semaphor. Ich machte die Augen scharf und spähte hinaus: da ruderte ein Fischer verzweifelt in seinem kleinen Kahn um nicht zerschmettert zu werden. Nein, es war eine schwarze Klippe, nichts sonst, immer wieder konnte ich mich täuschen. Die Wogen wanderten vorüber, endlos, immer andere, immer die gleichen. Aus dem Meer hob sich eine weiße Tatze und schlug nach den Klippen.

Es war warm, die Insekten summten. In den letzten Tagen waren vor Sturmvilla kleine Blumen aufgeblüht, die ich noch nirgends gesehen hatte. Sie sahen aus wie winzige gedrehte Wachskerzen, rundherum liefen kleine Blüten, wächserne Glöckchen. Wir hatten es gut hier, und wie herrlich blau der Rauch meiner Pfeife war!

Rosseherre schwang ihre Holzschuhe an den Zehen und sang halblaut. Es klang wie das feine Weinen des Windes und zuweilen wie das Piepen der kleinen Vögel, die auf der Insel lebten und nur leise und schüchtern sangen, als sei es nicht der Mühe wert.

»Willst du mir nicht sagen, was du singst, Rosseherre?«

Rosseherre dachte lange nach, dann sang sie halblaut und rasch Strophe um Strophe, erst Bretonisch und dann Französisch. Sie zögerte: »O, das kann man nicht auf französisch sagen, es hört sich wie nichts an.«

»Was ist es?«

»Es ist ein Fischermädchen, das ins Kloster nach Quimper kommt. Der Fischer besucht sie und klopft ans Fenster. Mach auf, mach auf! sagt er, blick heraus. Du brauchst nur die Hand zu öffnen und ich lege einen Apfel und eine Birne hinein.«

Sie wußte ein kleines trauriges Lied, das sie oft sang, und ich vergaß es nicht wieder. Es braucht nur ein leiser Wind zu wehen und ich höre dieses Lied in den Ohren. Denn das Lied und der Wind, das ist ein und dasselbe. Ein Mädchen will einen Fischer heiraten, aber die Frauen sagen: Tu es nicht. Nichts als Kummer wirst du haben, Kind, dann stirbt er und du bist allein. -- Vielleicht nicht, sagt sie und nimmt ihn. Der Fischer zieht fort nach St. Pierre zum Stockfischfang, auf viele Monate. Nun kommt eine Nacht, eijo, wie wild und dunkel sie ist! Plötzlich pocht es ans Fenster der Fischerfrau. Mach auf, ich bin's, dein geliebter Mann. Sie öffnet das Fenster. Da steht er und auf der Hand trägt er sein Herz. Sie schreit und klagt und läuft zu den. Nachbarn: Mein geliebter Mann ist tot.

»Ist er auch wirklich tot gewesen, glaubst du?«

Rosseherre sah mich mit erstaunten Augen an. Sie antwortete gar nicht.

Am besten aber gefiel mir das Lied, das die Fischerfrauen ihren Kindern singen.

Sobald Rosseherre es begann, mußte ich lächeln.

Rosseherre sang:

Die Fischerfrau kocht den Brei und spricht: »Ach, könnt ich doch wissen, wo mein guter Mann ist. Ein Jahr lang hab ich nichts von ihm gehört.« -- Der Gnom sitzt im Kamin und äfft ihr nach --

Aber Rosseherre sagte ja nicht »Gnom«, sie sagte Lutin und das klang ganz anders. Lutin, Lutin. Und die Stimme des Lutin sang sie ganz hoch und quiekend:

Der Lutin sitzt im Kamin und äfft ihr nach: »Ach, könnt ich doch wissen, wo mein guter Mann ist. Ein Jahr lang habe ich nichts gehört von ihm.«

Die Fischerfrau seufzt und spricht: »Ach, guter Mann, komm und hilf mir doch.«

Der Lutin äfft ihr nach: »Ach, guter Mann, komm und hilf mir doch.«

Die Fischerfrau spricht: »Ach, guter Mann, der Lutin sitzt im Kamin und äfft mir nach.«

Der Lutin äfft ihr nach: »Ach, guter Mann, der Lutin sitzt im Kamin und äfft mir nach.«

Die Fischerfrau spricht: »Lutin, Lutin, ich habe keine Furcht vor dir.«

Der Lutin äfft ihr nach: »Lutin, Lutin, ich habe keine Furcht vor dir.«

Die Fischerfrau spricht: »Ach, guter Mann, hilf mir doch, der Lutin hat mir einen schwarzen Stein in den Brei geworfen!«

Der Lutin äfft ihr nach: »Ach, guter Mann, hilf mir doch, der Lutin hat mir einen schwarzen Stein in den Brei geworfen!«

Schrill und spottend klang hier Rosseherres Stimme. Ich lachte.

»Ich möchte das kleine Lied bretonisch haben,« sagte ich, »willst du es mir aufschreiben?«

»Ja.«

»Komm herein.«

Rosseherre sah mich mit heiteren vielsagenden Augen an. Sie schüttelte das gelbe Haar. »Nein? Rosseherre, was du doch denkst!« Ich brachte ihr ein Stück Papier und sie beugte sich darüber und kritzelte: Rosse--herre.

»Aber das Lied?«

Rosseherre lachte. Sie konnte nicht schreiben.

Der Abend kam und Rosseherre pflöckte die Hammel ab.

Dann nahm sie den Strickstrumpf unter den Arm und lief. »Kenavo!«

»Kenavo!«

Die Bänder ihrer weißen Haube flatterten. Rasch und lieblich wie die Maus im Felde bist du, Rosseherre -- -- --

X

An vielen Nachmittagen kam Rosseherre mit ihren Hammeln nach Sturmvilla. Yann war draußen auf dem Meer.

Und sie erzählte von den Lutins, die früher an die Fenster der Fischer klopften, in der Nacht, und schrien: märri, märri! Wie eine Katze miaute Rosseherre. Ja, und ein Lutin zerriß einen Brunnenstein, mitten durch riß er ihn, weil er in Wut kam. Sie lockten die Fischer auch in die Grotten am Meer, sie sagten: Komm, komm mit in die Grotte, Gold, Gold, ganze Haufen Gold will ich dir geben. Dann aber kam die Flut und die Fischer ertranken elend.

Ob sie je einen Lutin gesehen habe?

Rosseherre schüttelte den Kopf. »Nein,« sagte sie und blickte mit offenem Mund zum Himmel empor. »Einmal, glaube ich, habe ich Lutins gesehen, drei Stück, die nebeneinander hockten und mir Gesichter schnitten. Aber ich muß mich wohl versehen haben. Denn es gibt keine Lutins mehr. Die Priester sind gekommen und haben Weihwasser über die Felsen gesprengt, da sind die Lutins aufs Meer hinausgefahren, ganze Schwärme. Nur einen Geist gibt es noch auf der Insel, das ist Poupon, der Mörder.«

»Poupon, der Mörder?«

Rosseherre nickte. »Ja,« sagte sie ernsthaft, »er haust in der tiefen Schlucht, du gehst jeden Tag vorüber. Wenn das Meer wild ist, so kannst du ihn heulen hören. Hüte dich vor ihm!«

»Hüte dich?«

»Ja. Niemand geht hier vorüber. Denn Poupon hat einen bösen Charakter. Schon viele hat er hinuntergerissen. Alle machen einen Bogen. Poupon, ja, er war ein Fischer und hatte eine junge Frau. Einmal fuhr er nach der großen Erde hinüber und da kamen große Stürme und er mußte drei Wochen warten. Dann kam er zurück. Und ein Lutin setzte sich auf sein Ohr und sagte immerfort: Es war einer hier. Seine Frau setzte die Fischsuppe auf den Tisch und klopfte ihm auf die Backe, aber er stieß sie zurück und sagte: Wer war hier? Sie sagte: Keiner! und weinte.

Poupon aber wurde immer wütender; und nichts ist schrecklicher als ein Fischer, der eifersüchtig ist. Frau! sagte er, wenn es so abgeht, so werde ich sagen: Frau, ich verzeihe dir. Aber wenn es nicht so abgeht, so werde ich sagen: Schmutzige Kuh! und werde dich töten. Sie sollte aber ein Kind bekommen und Poupon erstach sie. Er kam mit einem blutigen Messer ins Dorf und tanzte vor den Häusern, und die Leute fürchteten sich. Dann, ja, dann lief er über die Heide nach Stiff, wo die Klippen so hoch sind wie zwei Kirchtürme, und stürzte sich hinab. Aber das Meer wollte ihn nicht und warf ihn zurück. Da rannte er rund um die Insel und schrie so furchtbar, daß alle es hörten und die Türen aufmachten. Er stürzte sich dort in der Schlucht ins Meer, aber das Meer nahm ihn nicht. Seitdem haust er in der Schlucht. Und sobald der Sturm kommt, stürzt er sich ins Meer und heult lauter als der Sturm, aber das Meer nimmt ihn nicht. Er kann nicht sterben.«

Nun wußte ich auch, weshalb Rosseherre stets einen großen Bogen beschrieb, sobald sie sich Poupons Schlucht näherte.

»Weshalb kann er aber nicht sterben?« fragte ich und stellte mich dumm.

Rosseherre brach in das heiterste Lachen aus. »Weil die Frau unschuldig war! Der Lutin hatte ihn belogen. Traue nie einem Lutin, das sind schlechte Wesen.« --

Ich ging ins Dorf und ließ mir all die Herrlichkeiten an Schultertüchern vorlegen, die Noel besaß. Ich wählte ein blauseidenes Tuch mit grellroten Rosen in den Ecken. In Noels Laden traf ich mit Martina zusammen. Sie rief mich später vor Noels Haus an, ich wollte vorübergehen.

»Du bist so lange nicht gekommen?« sagte sie, und ich sah, daß sie trotz alle dem schöne schwarze Augen hatte.

Ich blickte an ihr vorbei, hinaus aufs Meer.

»Ich komme auch nicht wieder!« entgegnete ich.

Martina sprach kein Wort darauf, sie sah mich verwundert an und ging.

Haha, welche Freude Rosseherre haben wird, wenn ich ihr das Schultertuch zeige! Und ihre Freude war groß. »Das ist für mich?« sagte sie und deutete auf ihr Herz. »O nein, o nein?«

Ich hatte ein kleines Messer. Das gefiel Rosseherre und sie bekam es. Mein Bleistift gefiel ihr, eine alte Kupfermünze, ein Taschentuch. Alles hatte Wert für sie und sie bekam es. Rosseherres Gesicht war verdunkelt von einem tiefen, alten Kummer. Sie war Noel zehn Sou schuldig und er gab nichts mehr, bevor sie bezahlte. Und Rosseherre zeigte mir ihr kleines Lederbeutelchen, es waren nur drei Sou darin. Ob ich ihr vielleicht zehn Sou leihen könne? Und nun war Rosseherre fröhlich, so leicht fühlte sie sich, daß sie, immerfort ihre blitzenden Zähne zeigte.

»Rosseherre,« sagte ich, »willst du nicht jetzt die Ringe haben, die ich dir versprach?«

Sie lächelte und schüttelte den Kopf.

»Nein?«

»Nein. Denn wenn ich sie habe, so wird niemand auf der Insel glauben, daß du sie mir so geschenkt hast.«

»Aber du brauchst sie ja nicht zu zeigen.«

»Was habe ich von Ringen, die niemand sieht?«

»Und Rosseherre --?«

Rosseherre lachte. Sie war ein Kind.

Ich aber fühlte, daß ich keine Macht über sie hatte. Durch nichts konnte ich Eindruck auf sie machen. Ich war wohl braun wie ein Fischer und meine Stimme war so rauh wie die eines Matrosen. Zuweilen sagte sie auch, daß ich wilde Augen habe. Ich hob den Stein, auf dem sie saß, ein wenig in die Höhe um ihr zu zeigen, daß ich Kraft hatte. Ich warf mich in die Brust und sagte, daß es mir Vergnügen machen würde, mit einem Schock Teufel um eines ihrer blonden Haare zu kämpfen. Nichts half.

Rosseherre, was soll ich tun, soll ich Feuer speien und Felsblöcke ins Meer schleudern wie der selige Polyphem? Hehe, Rosseherre, oder soll ich dir zeigen, daß ich stärker bin als du --

XI

Es wehte, wirre Stimmen und hohles Geschrei waren in der Luft. Das Meer warf sich unruhig hin und her und toste. Die Gischtsäulen stiegen senkrecht an den Klippen empor und der Wind schleuderte sie zischend gegen das Gestein.

Ich sah Rosseherre über die Heide kommen, aber plötzlich verschwand sie und erst nach einer Weile entdeckte ich ihre weiße Haube draußen zwischen den Klippen.

Sie saß untätig auf einem Stein und starrte ins Meer hinaus.

»Guten Tag, Rosseherre!«

Sie antwortete nicht.

»Willst du nicht zu mir kommen?«

Rosseherre zog die Stirn in tausend kleine Falten, dann sah sie mich an. Ihre Augen sahen matt und krank aus. Ich verstand, was sie sagen wollte, und ließ sie allein.

Einmal sah ich, daß Rosseherre den Kopf in die Hände nahm und ihn wiegte wie jemand, der weint. Der Wind flötete in den Felsen und peitschte das graue Meer. Sie saß im fegenden Regen.

Ich ging näher. Sie weinte nicht, sie sang mit einer hohen traurigen Stimme und wiegte den Kopf dazu.

Ich rief sie an. Sie wandte den Kopf. Ihre Wangen schienen eingefallen zu sein, sie sah gealtert aus. Ihre Augen waren ganz verändert und der Blick so fremd, als erkenne sie mich nicht.

»Weshalb sitzt du denn im Regen, Rosseherre?«

Sie bewegte die Lippen und lächelte, ein leises, krankes Lächeln. Sie sagte nichts.

Ich ging. Ich fing an zu verstehen, daß etwas nicht in Ordnung sein müsse mit ihr.

Sie saß da draußen im Regen bis es dunkelte. Später ging ich hinaus um nach ihr zu sehen. Sie war gegangen, einen andern Weg.

XII

Es ist noch Nacht. Alles ist leer, die Götter schlafen, die Tiere und Menschen, ich allein bin wach. Wie ein Geist wandere ich im düstern Morgengrauen. Stille. Nur mein Schritt pocht, wie ein dumpfer Hammer klopft es unter dem Boden. Eine lautlose Brise schleicht dahin, gesättigt vom starkriechenden Nachtschweiß des Meeres. Die Gestirne der Insel leuchten noch, übernächtig erscheinen sie. Der Mond von Stiff zuckt fahl auf und ab, weiß, weiß, rot, Creach schwingt seine bleichen Strahlenbündel atemlos im Kreise. Im Osten birst die Nacht und der Morgen dampft durch den Spalt wie blutnasses Fleisch. Ein Schauern geht über das Meer, als fröstle es. Creachs Lichthiebe fliegen wie dünne Schleier dahin, die fahlen Farben der Insel tauchen auf, das Meer färbt sich. Creach erlischt. Stiff im Norden glüht noch einmal rot, dann kommt sein Licht nicht wieder.