Das Meer

Part 3

Chapter 33,908 wordsPublic domain

»Ich tue das immer,« sagte er, »das sind ja lauter Diebe, diese Leute auf der Insel. Selbst die Priester sind Diebe hier.« Dann zeigte er mir, wie man Cidre zu trinken habe. »Nicht schlucken, um Gottes willen nicht schlucken -- so -- einfach hinablaufen lassen. Durchs Schlucken verliert der Cidre vollkommen seine Blume, seine Seele. Aber wenn man getrunken hat, muß man die Zunge gegen den Gaumen pressen, das prickelt angenehm. So!«

Plötzlich schwang Yann seinen Fuß rasch unterm Tisch. »Ich wollte nur sehen, ob ihr zwei -- haha!«

Wir unterhielten uns ausgezeichnet. Auch Poupoul. Es schien, als ob die Erinnerung an seine besten Zeiten in ihm erwache. Er lächelte. Einigemal wandte er mit großer Geschicklichkeit seinen Rattenfallentrick an, der darin bestand, daß er die Zähne um ein Bein schlug und festhielt ohne zu beißen.

Die schwarze Jeanette stand lächelnd neben uns und sah mit verlangenden Augen zu, wie wir tafelten.

»Hole dir ein Glas, Jeanette!« rief ich ihr zu.

Aber da wurde Rosseherre purpurrot im Gesicht.

»Nun, ein Glas Cidre mag sie wohl haben?«

Yann sagte: »Sie ist Rosseherres Feindin.«

»Ach so!«

Da stand Jeanette mit dem Glas in der Hand. Yann sah sie an und lächelte verächtlich.

»Du hast dir das Glas geholt?« fragte er spöttisch. »Nun, trag es wieder hübsch zurück. Ho! Ho! Ho!«

Und Jeanette öffnete verblüfft den Mund, lachte laut und herzlich und trug das Glas zurück.

Sie tröstete sich rasch. Ein kleiner stiernackiger Seemann hatte den Arm um sie gelegt und sie ging mit ihm hinaus. Unter der Türe sah sie lachend zu uns her und zeigte die Zähne.

»Siehst du,« sagte Yann, »da geht sie hinaus, sie schämt sich gar nicht.«

Die Bar tobte. Man hätte hier einen Dampfhammer arbeiten lassen können, niemand hätte ihn gehört. Ha! Ha! Ha! Hoo! Es entstanden heulende Schwingungen infolge des Getöses und zuweilen schien es, als fliege das Grandhotel durch die Luft. Diese stillen, schweigsamen Leute, die in der Einsamkeit der Wogen beim Rauschen des Meeres arbeiteten, brüllten heute für ein ganzes Jahr. In der Ecke stand einer, den Kopf gegen die Wand gelehnt, die Augen verzückt geschlossen, und riß das Maul auf und schrie sinnlos heraus.

Die Köpfe dampften, die Arme wirbelten. Die Augen glühten wie geschmolzenes Blei in den brandroten Gesichtern. Die Frauen kreischten und quiekten. Es herrschte eine Betrunkenheit, die in Europa längst ausgestorben ist. Nur Chikel saß in seinem Winkel und spielte Domino.

Ich muß gestehen, daß ich mich hier zu Hause fühlte. Ich liebe sittsame Gesellschaften nicht. Zuweilen staut sich die Luft in meinen Lungen und dann macht es mir Vergnügen zu brüllen. Die überschüssige Kraft zuckt in meinen Muskeln und sie werden plötzlich hart wie Stein, und dann ist es hübsch einen Teller in Stücke zu schlagen. Siehst du! Wenn mich in guter Gesellschaft ein Idiot langweilt, so muß ich dazu lächeln, hier aber kann ich ihm sofort sagen, daß er in die Hölle fahren möge. Ja, bitte! Hier konnte man auch trinken, ohne sofort als Pavian zu gelten und tausend gestreckte Meilen Abstand zwischen sich und seine Umgebung zu legen.

Ha! Ha! Ha! Hooo!

Kedril hat allen Grund mit seiner Hochzeit zufrieden zu sein. Und er war es. In eine Wolke von Alkohol eingehüllt, mit Gespensteraugen, ging er mit einer Flasche in der Hand umher, wie ein Sprengwagen. Und dazu sprach dieser Mann eine vollkommen neue Sprache! Hatte sich der Geist eines Höhlenbewohners Chikels Seele bemächtigt und ritt sie?

»Was zum Teufel redet er denn?«

Yann wußte es. »Die Mondsprache,« sagte er und begann eine Unterhaltung in diesem Idiom mit Kedril. Kedril war entzückt, er verstand, er antwortete. Ich aber war Ausländer, Kedril sah das ein.

»Wo steckt denn deine Frau, Kedril?«

»Frau? Frau? Frau?« Kedril tanzte mit der Flasche. O, er hatte ganz vergessen --

»Wie schön der Priester heute gesprochen hat, wie?« fuhr er fort. »Du sollst dich nicht vollsaufen, hahaha, so schön, so rührend hat er gesprochen. Morgen passiert die >Lady of Ireland<, morgen abend, wirst du mitkommen? Eine Spazierfahrt. Ja, sagte ich, mein kleines Haifischchen --« Er erzählte verworren von seinem Haifisch, den er im vorigen Sommer gefangen hatte. »Mein kleiner Haifisch, ich sehe ihn, er marschiert daher, komm heran, mein Kleiner, mit deinen hübschen Zähnchen -- keine Angst, gib mit die Ehre.« Es sah aus, als habe er ihn mit der Hand gefangen und an den Zähnen herausgezogen -- ekelhaft!

»O Kedril, Pilot Nummer Eins, Haifischfänger, ich sage dir, mein Bruder, dieser Haifisch, der dich berühmt gemacht hat, war dein Verderben. Du warst der ordentlichste Mann der Insel, jetzt geht es dahin mit dir. Du hast geheiratet, wirst Kinder zeugen, Hydrocephalen, du wirst dein Boot vertrinken und deine Frau wird dich windelweich hauen. Es gibt kein Zurück mehr.«

Kedril war gerührt über meine Ansprache. Er umarmte und küßte mich. »Dank, mein Freund, du meinst es gut mit mir!«

Ich drückte ihm verstohlen ein Fünffrankenstück in die Hand. »Es soll lustig hergehen auf deiner Hochzeit, Pilot.«

Kedril prüfte die Münze zwischen den hölzernen Fingern und bohrte sich mit der Flasche in die Mauer von Rücken, die die Bar umgab.

Eine neue Epoche des Festes begann. Sie charakterisierte sich dadurch, daß es in allen Ecken klirrte und kurze Streitigkeiten aufflackerten. Sie wurden in triefender Sentimentalität ertränkt. Die beiden Papageien, die man hereingenommen hatte, turnten auf ihrer Stange und schrien begeistert.

»Und nun spiele!« rief Yann. »Du hast doch die Flöte dabei?«

»Jawohl!«

»So spiele uns etwas.«

Ich nahm die Flöte aus der Tasche, feuchtete die Lippen an und ließ die Finger über die Löcher galoppieren. Und meine kleine Flöte sang:

Freut eu--ich des Lebens, weil no--och das Lä--ämpchen glüht -- Pflücke--et die Rose, eh' sie--ie verblüht -- --

Hoho! Bravo! Bis -- bis!

Und wieder sang meine kleine Flöte:

Freut eu--ich des Lebens . . .

Der Dudelsack winselte und die Holzschuhe stampften.

Da war auch die schwarze Jeanette wieder. Sie stand mit einem jungen Fischer und sah zu uns her.

»Da ist sie wieder!« sagte Yann verächtlich.

Wirklich, sie schämte sich nicht im geringsten.

Ich tanzte immerfort mit Rosseherre.

»Tanzt nur, tanzt nur!« schrie Yann. Nun, wir tanzten. Wir wurden gequetscht und getreten, aber es war schön. Rosseherres kleine Brust atmete erregt. Ihr Gesicht war rot vom Cidre. So oft ich sie an mich zog, sah sie zu mir empor und lachte mich an. Martina zupfte mich am Arm und sagte: Hallo! Aber ich beachtete sie gar nicht. Es gab hier einige Mädchen, die mir großes Entgegenkommen zeigten, aber was waren sie gegen Rosseherre? Sie hatten alle dicke Bäuche, als ob sie guter Hoffnung wären, Rosseherre dagegen, ha!

»Vielleicht werde ich dir einmal einen meiner Ringe schenken, Rosseherre,« sagte ich ihr ins Ohr. Wie hübsch ihre kleine weiße Haube war, und ihr Mieder war mit einem halben Hundert farbiger Nadeln zugesteckt.

Plötzlich aber tanzte etwas durch die Luft, tanzte und tanzte mir mitten auf die Stirn. Ein Weinglas. Ich bekam einen kleinen Riß in die Haut und blutete. Ich richtete mich auf. Im Falle es auf der Insel Sitte sein sollte mit Gläsern zu werfen, diese Sitte machte ich nicht mit, nein, merci!

»Wer hat geworfen?« schrie ich. Rosseherre zupfte mich am Arm und ich verstand.

Es war Yann. Er lachte, und in seinen hellblauen Kinderäuglein sah ich gerade den letzten Funken Zorn erlöschen.

Deine letzte Stunde ist gekommen, kleiner Kapitän. Alle Kalenderheiligen können dich nicht mehr retten!

»Hehe!« lachte Yann und wand sich. »Du wirst doch nicht! Hehehe, ihr sollt endlich aufhören zu tanzen.«

»Er blutet ja,« sagte Rosseherre und reichte mir das kleine Tuch, das ich ihr geschenkt hatte.

Das beruhigte mich augenblicklich. Yann genoß ja mildernde Umstände, das Leben sollte ihm noch einmal geschenkt sein. Meine gute Stimmung kehrte zurück, denn war es nicht rührend, da stand Rosseherre mit dem Tuch in der Hand. Meine Seele, über die eben ein Taifun dahinwirbelte, lag spiegelglatt da. Ich lachte. Ja, man muß lachen über ein Rindvieh deines Kalibers, Yann! Ich bedauerte ihn sogar ein wenig. Er hatte zwei kolossale strategische Fehler gemacht. Erstens hatte er mir durch den voreilig abgefeuerten Schuß seine Stellung verraten, und zweitens hatte er Rosseherre gezeigt, daß er eifersüchtig war. Und das war der schlimmere Fehler.

Yann stand auf und legte die Hand feierlich aufs Herz. Seine treuen Kinderaugen standen voller Tränen. »Ich wollte ja nur ein wenig werfen, ein wenig, mein Freund.«

Ich reichte ihm die Hand. Auch ich hatte Tränen in den Augen. Wir umarmten und küßten uns wie es sich gehört, und somit war die Sache erledigt.

Rosseherre aber stand stumm da und ihre niedrige Stirn war in tausend kleine Falten gekräuselt, wie das Meer, wenn es zu wehen anfängt.

Ich wusch die Schramme mit Cidre aus und bestellte Wein. »Wir wollen Dampf aufsetzen! Rosseherre lache!«

Rosseherre lächelte.

Nun war alles in Ordnung.

Es schien mir nur recht und billig, daß ich mich für Kedrils Einladung revanchierte, indem ich etwas ganz Außerordentliches zur Erhöhung des Festes beisteuerte. Infolgedessen gab ich einen Cakewalk zum besten. Ich hämmerte mit den Absätzen darauf los -- hang it all --

Da was no ha'r on de top of his haid De place whar de ha'r ought to grow! An he had no teef fo' to eat de hoe-cake So he had to let de hoe-cake go! Hang up de fiddle ad de bo-oo-ow --

O-oo-ooh! Hahaha! Was war das für ein Erfolg!

Poupoul umkreiste mich kläffend, er fürchtete um meinen Verstand.

Take down de shovel and de hoe --

Kedril dankte mir gerührt. Dann stotterte er, daß Madame Chikel nichts auf Borg gäbe, und ich suchte meine Franken zusammen. Keinen Dank, Kedril, wegen Aufgabe des Geschäfts wird das Lager verschleudert.

Eine neue, glänzendere Epoche des Festes begann. Rosseherre aber tanzte nicht mehr mit mir.

VI

Es ist jammerschade, daß Kedrils Hochzeitsfest, das so glänzend und in großem Stil verlief, mit einer kläglichen Dissonanz endete: Chikel, das Lazarett, geladen mit Wut über sein freiwilliges Martyrium, fing wegen nichts Streit an. Die Hochzeitsgesellschaft knäulte sich zu einer unheilvollen Wolke zusammen, aber da fegte Madame Chikel wie ein Sturmwind hinter der Bar vor. Das Blut stieg ihr in den Kopf, sie bekam ihren Anfall von Raserei und warf uns alle zur Türe hinaus. Die Papageien erwachten bei dem Lärm und schrien aus vollen Lungen: Dieb, Lump, Dieb, Dieb --

So endete Kedrils Ehrentag.

Ich lachte noch auf dem Heimweg. Ich bellte vor Lachen, denn ich war vollkommen heiser. Hoho, wie wir alle zur Türe hinausflogen und über die Heide rollten! Kedril rollte mit einer Flasche, die er hoch hielt. Yann, Yann, wo bist du so plötzlich hingekommen? Das war nicht das langweilige, vorsichtige Europa, das waren Leute aus der Steinzeit, die alles auf Leben und Tod taten!

So sehr erschütterte mich das Lachen, daß es mir unmöglich war mich aufzurichten. Ich kroch auf allen vieren dahin und da ich dazu bellte, hielt mich Poupoul für seinesgleichen. Er tanzte wie närrisch vor mir herum und zuweilen leckte er mir das Gesicht ab. Ich drehte bei und lauschte. Dahinten gröhlte das Dorf. Es kühlte nur langsam ab. Die Nacht war schwarz wie ein Kohlenbergwerk; Creach stand mitten darin wie ein glühendes Gespenst, das Feuer durch alle Knochen spie.

Da hielt Poupoul an. Er stellte sich auf die Hinterfüße und legte mir die Pfoten auf die Schultern und kläffte. Ich umarmte und küßte ihn: »Poupoul, Seele, nun da wir beide Hunde sind!«

Und Poupoul leckte mit seiner saugenden Zunge mein Gesicht von unten bis oben ab. Aber er ging nicht weiter. Da bemerkte ich, daß wir vor einem Abgrund abgestoppt hatten: das war die Schlucht, die sie Poupons Schlucht nannten.

Meine Stirn wurde eisigkalt. Ich schwang die Zunge zwischen den Zähnen und dachte angestrengt nach. Lange. Ja! Weshalb sollte ich eigentlich auf allen vieren kriechen? Das war es. Ich stand auf. Aber da entglitt die Insel unter meinen Füßen wie eine Drehscheibe und ich verwandelte mich wieder in einen Vierfüßler. Dagegen war nichts zu tun. Ich hatte die Durchschlagskraft von Chikels Getränken unterschätzt, das war alles. Im übrigen, gingen nicht meine Vorfahren ebenfalls auf allen vieren, als sie noch der Einfachheit halber Haare trugen? Vielleicht würde es mir bei einiger Propaganda gelingen, diese Art von Fortbewegung wieder in Mode zu bringen? Die Menschen waren ja für jede Neuheit zu haben. Wie? En route, Poupoul!

Als ich den Mönch passierte, der dastand und den Sauriern predigte, erfaßte mich eine seelische Erschütterung. Ich sagte: »Ich nahe mich in Ehrfurcht, auf den Knien, Hochwürdiger.« Aber der Mönch holte mit dem Arm aus und schmetterte mich zu Boden. Lange lag ich leblos und Poupoul stellte verzweifelte Wiederbelebungsversuche an.

Wie lange brauchten wir, Poupoul, bis wir nach Hause kamen? Aber schließlich lag ich auf dem Bett. Da kam einer von den Sauriern auf der Heide herein, ergriff das Bett mit dem Rüssel und schleuderte es hoch in die Luft. Es tanzte und wirbelte herab zur Erde, wo es krachend aufschlug. Ich erwachte. Aber da sauste ein brennendroter Komet heran und zerplatzte vor meinem Gesicht. Hehehe! Zweitausend Grillen saßen in meinem Kopf und schrillten: gib mir doch, gib mir doch -- da zog mich die Melodie langsam im Kreise und ich schlief ein.

Doch ich fand keine Ruhe. Mein Blut kochte. Der Schweiß rann in Strömen über mein Gesicht. Ich stand auf. Die Türe war offen. Es war kühl, ja bei Gott, das war eine Nacht wie ein kühles Leintuch. Ich ging hinaus und fühlte wie mein Kopf kühl und klar wurde. Das Mondlicht lag auf der Heide, dick wie Schnee, und zwischen den Gräsern schwebten zarte, silberne Lichtgespinste, die zerflossen, wenn man weiter ging. Ich stieg hinab zum Meer.

Es lag wie flüssiges Silber, bebte und flimmerte, in der Nähe aber war es schwarz und glatt wie Pech. Es atmete verstohlen wie ein Dieb im Versteck und bei jedem verstohlenen Atemzug ringelte sich eine silberne Schlange im Sand. Meine Sohlen glühten, ich watete hinein und meine Füße wühlten in gleißendem Silber. Das Silber stieg mir bis an die Brust, an das Kinn -- ah, nun berührte es meine Lider, es schlug über mir zusammen. Nun war es dunkel um mich her, ich aber gleißte von oben bis unten. Wie ein schimmerndes Gespenst bewegte ich mich im schwarzen Meer. Silberne Perlen stiegen unter meinen Sohlen auf. Ich nieste, und ich nieste Silber, einen Sprühregen feiner silberner Tropfen, die rasch in die Höhe stiegen. Ich blickte nach oben. Dort lag das Silber wie eine dicke Schicht. All die schweren Silberkugeln, die meine Schritte aufrührten, tanzten blitzschnell in die Höhe und vereinigten sich mit ihr.

»Das ist das Mondlicht auf dem Meere,« sagte ich und ging weiter. Wie wunderbar ging es sich doch auf dem Grund des Meeres!

War vorhin Lärm gewesen? Nein. Aber doch war es jetzt tausendmal stiller. Solch eine Stille! Ich blieb stehen und lauschte. Diese Stille ergriff mich. Da stand ich auf dem Grund des Meeres, den Kopf geneigt, und lauschte und war glücklich. »Das ist das Nirwana!« sagte ich und nickte. »Da sind wir nun --«

Lächelnd ging ich weiter. Es ging über endlose Dünen, Sand, Sand, mein Fuß sank ein. Das Meer war schwarzgrün wie die Urwälder, in die keine Sonne dringt. Dann durchwanderte ich einen Wald hoher geisterhafter Eisblumen. Wie bleiche Flammen standen sie und rührten sich nicht. Plötzlich aber schwankten sie, teilten sich und ich sah zwei große runde Fenster vor mir glänzen. Etwas mahlte, und nun sah ich, daß die großen runden Fenster die Augen eines Ungetüms von einem Fisch waren, der mich neugierig anstarrte und die Kiefer hin- und herschob. Hehe! Ich schnippte mit den Fingern. Das Ungetüm spreizte seine Rückenflosse, manöverierte und zog sich zurück.

Der Wald der Eisblumen war zu Ende und ich stand wieder vor einer endlosen Sandebene.

Ich suchte etwas. Was, im Namen Gottes, suchte ich doch? Da stieß ich an etwas Hartes. Es war eine kleine Schiffskanone, die im Sande lag. Sie war dick mit Grünspan bedeckt, ich pickte daran, siehe da, ganze Stücke ließen sich abbrechen. Ich ging weiter. Was suchte ich doch hier? Ich schüttelte den Kopf, ich wußte es nicht. Im Sande lag ein kleiner toter Fisch. Ich sah ihn lange an. Geheimnisvoll lag er da und sein weißer Bauch schien mir zu sagen, daß er lange auf mich gewartet habe, zu lange. Ich grub ein kleines Loch, bettete den Fisch hinein, wie es sich gehört, und schüttete Sand darüber. Oben auf das kleine Grab legte ich eine Muschel. Alles mußte seine Ordnung haben.

Dann ging ich wieder. Unruhe ergriff mich. Ich blickte um mich, ich sah in die Höhe. Ringsum war das dunkle unendliche Meer. Und plötzlich packte mich eine fürchterliche Angst, weil ich hier unten im großen Meer irrte, klein wie ein Sandkorn, und nicht wußte, warum. Ich fing an zu laufen. Das Grauen jagte mich. Die Hände ausgestreckt, mit vor Entsetzen wehenden Haaren stürzte ich durchs Meer dahin und schrie.

Plötzlich aber hielt ich inne und staunte und wurde ganz ruhig im Herzen: vor mir lag ein Wrack, grünlichgrau wie das Meer selbst.

Es war ein haushohes altes Kauffahrteischiff, bauchig, mit einer Flucht viereckiger Luken, plumpen Verdeckbauten und zersplitterten Maststumpen. Von oben bis unten war es mit einer schleimigen Lehmschicht überzogen und grüne Moosbärte hingen überall herab. Neugierig ging ich um das Wrack herum. Am Bug war eine verstümmelte Holzfigur, am Heck stand der Name: Maria A. D. 1730.

Da sah ich oben eine graue Gestalt, die sich über die Reling beugte, und mich anrief: »Hallo, bist du hier, alter Leichenschänder?« Und der Mann lachte.

Am Lachen erkannte ich ihn. Es war Kerhuel, ein Fischer, der vor einigen Wochen mit zwei anderen ertrunken war.

»Ah, Kerhuel, du bist es!«

»Komm an Bord! Hast du Tabak bei dir? Hier ist die Leiter, Achtung!« Eine Strickleiter hüpfte herab.

Ich geriet in große Erregung. »Ich habe Tabak, Kerhuel!« rief ich und stieg rasch an der schleimigen Wand des Wracks empor.

»Vorwärts!« schrie Kerhuel, dessen Augen unnatürlich hell waren. »Alle sind hier, Leman, Bec, eine tolle Wirtschaft. Rosseherre wartet schon lange auf dich!«

Rosseherre! Ach, ich war ja ausgezogen um Rosseherre zu suchen! Wie dumm -- nun fiel es mir ein. Du wirst Rosseherre suchen, sagte ich zu mir, als ich ins Meer stieg.

»Hallo!« heulte Kerhuel, die Hände am Mund. »Patron! Ein Neuer ist gekommen! Hallo, Rosseherre, der Hochzeiter ist da!« Von allen Seiten tauchten verwilderte Köpfe aus den Luken.

Ich sah eine Pyramide von grauen Haaren vor mir. Das war der Patron. Sein Haupthaar, seine Brauen, sein Bart hingen wie Moos bis aufs Deck herab. Sein Schnauzbart flatterte, sein Bart wehte, er hatte die Lippen schon lange wieder geschlossen, als ich verstand, was er sagte: »Willkommen auf dem Meeresgrund!«

Hundert Hände streckten sich mir zum Gruße entgegen, hundert neugierige Gesichter, leuchtend von kindlicher Freude, umdrängten mich. Sie alle hatten helle weitgeöffnete Augen und die Haare hingen ihnen wie nasser Tang über die fahlen Gesichter. »Willkommen auf dem Meeresgrund!«

Ich erkannte Leman, wie immer hatte er den kurzen Stumpen einer Gipspfeife im Mund, Bec mit der Hasenscharte -- hallo! Zwei Fischer, Vater und Sohn, die ich nie gesehen hatte, schüttelten mir derb die Hand.

»Das ist Rosseherres Vater und das hier ist dein Schwager, umarme sie!« rief Kerhuel.

»Rosseherre ist hier!« sagten die zwei und küßten mich auf beide Wangen.

Hier war ich gut aufgehoben, ich fühlte mich zu Hause. Da spürte ich einen kleinen Schlag auf der Schulter und drehte mich augenblicklich um. Das war Rosseherre! Sie sah mich an und lachte wie jemand, der sich versteckt hatte und den man endlich aufstöberte.

»Hast du den Weg doch gefunden?« fragte sie. »Wo sind die Ringe?«

Ich antwortete ihr nicht. Ich war gelaufen durch Tangwälder, Wüsten und über Wurzelberge und nun war sie da. Ich stieß einen wilden Schrei aus, ergriff sie und hob sie hoch über den Kopf empor. Dann begann ich zu laufen. Ich rannte die schmale Treppe hinauf aufs Achterdeck, um die Taubündel herum, hinunter, an der Reling entlang, hinauf aufs Vorderdeck. Ich lief wie ein Teufel, und hinter mir her tobte die wilde Jagd. Rosseherre hielt sich an meinen Haaren fest und stieß einen durchdringenden jauchzenden Schrei aus. Ich sprang mit ihr in eine Luke hinein, kletterte blitzschnell die steilen Stufen hinab und eilte durch einen schmalen Gang. Ein Schwarm aufgescheuchter winziger Fische schoß vor uns her. Die wilde Jagd hinter uns heulte, daß es brauste. Ich rannte mit Rosseherre auf den Armen durch ein Labyrinth von Gängen und Gemächern und endlich fing ich mich in einem großen Raum am Heck. Es gab keinen Ausweg mehr. Die wilde Jagd brach tobend herein. Ich keuchte.

»Hochzeit, Hochzeit!« schrien sie und schwangen die Mützen, indem sie uns umringten.

»Wollt ihr nicht ein wenig Platz machen!« sagte ich lachend und wischte den Schweiß vom Gesicht.

Nein, das wollten sie nicht. »Reißt ihnen die Kleider vom Leib, ho! ho!« Sie heulten und drängten näher. Kopf an Kopf standen sie, hundert neugierige fahle Gesichter mit nassen. Haaren und hellen Glasaugen. Sie wollten alles sehen --

VII

Ich erwachte beim kläglichen Blöken eines Hammels. Die Türe stand offen und die Sonne schien herein. Sie leckte schon nach meinem schwarzen Kamin, es war nach Mittag. Ich sprang auf, Poupoul kam herein um beim Lever gegenwärtig zu sein. Ich schämte mich ein wenig vor ihm und blinzelte ihn scheu an. Aber seine Hochachtung und Zuneigung hatte nicht im geringsten gelitten. Dann ging ich hinunter zum Meer und schwamm, bis ich eiskalt bis in die Knochen wurde. Nun war ich frisch und guter Dinge. Ich hatte heute nacht eines der tiefsten Bohrlöcher meiner Existenz erreicht -- nun würde es gesetzmäßig in die Höhe gehen, immer höher, Gott weiß wohin.

Der Tag war herrlich und entfachte Mut.

Das Meer war spiegelglatt und blau wie Seide. Der Himmel war vollkommen wolkenlos und von wunderbar tiefblauer Färbung. Er flimmerte und da und dort war er durchsichtig wie Kristall: dort sausten die Windströme. Über die Insel aber hauchte nur eine kaum fühlbare Brise. Sie streifte das Meer und breitete einen großen stahlblauen Fächer darauf aus, der sich bald öffnete, bald schloß. Ein Schwarm von kleinen leuchtenden Segeln stand draußen. All die Fischer, die gestern betrunken vor dem Grandhotel rollten, waren bei der Arbeit. Es wurde Abend, der Himmel färbte sich grünlich. Das Meer wurde rot wie Wein und die leise Brise hauchte und tupfte das Meer mit fransigen metallgrünen Flecken, die wanderten.

Die kleinen Segel glitten heimwärts durch die Bai und waren bleich.

Ich ging hinunter zum Hafen und stieg in Kedrils Boot. Als es dunkelte, zogen wir das Segel auf. Unmerklich glitten wir dahin, lautlos wie ein großer Vogel, und erst nach einer Stunde hatten wir die große Bai hinter uns. Die Mondsichel gleißte. Alle großen Sterne funkelten am Himmel, die kleinen waren nicht zu sehen. Es waren tausend Stockwerke des Raums über uns. Die Mondsichel schwebte tief unten im Meer und die großen Sterne blitzten aus der Tiefe. Es waren tausend Stockwerke unter uns. Zwischen Oben und Unten war eine dünne Glasscheibe und darauf glitten wir dahin.

Die große Stille der Nacht machte uns still und jeder hing seinen Gedanken nach. Am Horizont im Süden sprühte ein Stern, halb im Meer, wie ein schwimmendes Feuer. Er sandte knisternde Strahlen nach mir -- er sprach mit mir. Ihr Wesen, die ihr euch an diesem Feuer wärmt, wie nennt ihr diese Sonne? Hala? Wandelte ich einst unter Halas Strahlen oder ist es mir bestimmt auf meiner großen Reise dort vorüber zu kommen?

Du großer Geist über den Wassern: Laß mich einst unter Hala wandeln, laß meine Seele in den Bisonochsen fahren oder den Brüllaffen, einerlei -- laß sie nicht sterben --

Kedril nieste. Kedril, Unreiner, weshalb niesest du zu unrechter Zeit und vermischst deinen Unrat mit dem Weihrauch, den ich dem großen Geiste emporsende?