Das Meer

Part 15

Chapter 152,061 wordsPublic domain

Das Boot segelte dicht an uns heran. Rosseherre saß mit gebeugtem Rücken am Steuer, die Augen auf ihren Weg geheftet, die niedere Stirn in hundert kleine Falten gerunzelt. Sie sah nicht auf.

Eine Woge hob das Boot in die Höhe und trug es fort. Im Nu war das kleine pendelnde Segel unsern Blicken entschwunden.

»Dieser Satan! Seht an!« schrien die Matrosen und lachten.

Warum? Warum kamst du heraus aufs Meer? --

Wie eine hohe violette Felsenburg mit zwei dünnen Türmen liegt die Insel im Meer. Möwen umschwirren uns und von den fernen Klippen her dringt ein feines feilendes Geschrei.

Die hohe Felsenburg wird blau und sinkt ins Meer. Nun ist nichts mehr zu sehen, nur Creachs dicker Kopf schwimmt am Horizont.

Da spürte ich einen Schlag im Herzen. Yvonne! Gott stehe mir bei, ich hatte all die Tage nicht mehr an sie gedacht, ich hatte sie vollkommen vergessen.

Sonderbar ist der Mensch.

Nun, Yvonne wird bald einen anderen Geliebten finden.

* * * * *

An der Küste drüben traf ich Mathieu, L'honneur und Petitjean. Gott sei Dank, sie waren da. Ich glaube, ich hatte Tränen in den Augen, als ich sie sah.

»Da bin ich!«

»Ah, da bist du!«

Wir zechten bis spät in die Nacht. Dann nahmen wir Abschied. Ha, was ist das? Das Meer war schwarz und schwarz war der Himmel. Am Horizont aber atmete ein Blinkfeuer, weiß, weiß, rot, und eine Lichtwindmühle warf ihre Flügel in die Höhe. Das waren Stiff und Creach.

»Lebt wohl, Kameraden! Und wenn ihr hinüberkommt nach Ösa, grüßt mir Amorik und seine Tochter, Yann und Jean Louis! Und vergeßt mir nicht Rosseherre zu grüßen! Grüßt alle, alle!«

Zwei Tage später betrat ich in Cherbourg den großen Zwanzigtausendtonnen-Dampfer. Die Sirene tutete, die Kapelle spielte auf dem Promenadedeck, en route!

Ich war in jämmerlicher seelischer Verfassung. Gleich am Anfang passierte mir das Mißgeschick den Obersteward durch meine Stimme zu beleidigen. Ja, glauben Sie, verehrtester Herr, daß ich erst drei rohe Eier trinke, bevor ich es wage mich einer so hochstehenden Persönlichkeit zu nähern? Ich nahm den Mann ins Auge. Wie sollte ich es anstellen, diesen Gesandtschaftsattaché um eine anständige Kabine zu bitten? Glatt geleckt von der Zunge der Kultur stand er vor mir. Er kam mir schrecklich bekannt vor. Ich bertillonierte seinen Schädel. Ja, ich hatte ihn schon gesehen. Tausendmal und allerorts. Es war das europäische Gesicht! Nichts anderes.

Ich sprach kein Wort mehr. Ich nahm ein Fünffrankenstück und ließ es in seine europäische Hand gleiten. Er verstand augenblicklich und verbeugte sich: mögen der Herr getrost die heilige Ruhe dieses eleganten Dampfkarussells durch seine Stimme entweihen --

In der Kabine prüfte ich den Teppich mit den Fingern und auch den Treppenbelag untersuchte ich verstohlen: Gummi! Yann, wo sind wir? Elektrische Brennscheren, Dampfheizung, Blumenladen, Druckerei, Hotel à la Riz, he, ich war von der Peripherie der Zivilisation direkt ins kochende Zentrum gesprungen. Der Dampfer war still wie eine Kirche, nur da und dort hörte man einen fürchterlichen Brüllhusten: das war ich.

Ich stieg hinauf aufs Sonnendeck und lächelte verächtlich: ihr kleinstes Rettungsboot war größer als das größte Boot, das wir auf der Insel hatten. Es wehte. Nordwestnord, Windstärke acht, grobe See! Aber der Koloß regte sich nicht. Er fuhr achtzehn Knoten in der Stunde und doch schien er vollkommen still zu stehen und nur die schmalen Korridore wanderten. Das Meer lag tief unten, unscheinbar und nichtig. Wir waren Durchreisende, nichts sonst. Es wurde Abend und die Feuer des Kanals zuckten und wirbelten. Eine elende Fischerbarke zog an uns vorbei. Sie schlingerte und schlug aus und stieg.

»Hallo!« schrie ich und schwenkte die Mütze.

Aber sie beachteten mich gar nicht.

Und nun überkam mich die Erkenntnis, die nackte, schreckliche Erkenntnis: _ich gehörte nicht mehr dazu!_ Die Wogen, der Wind, das ganze große Meer -- _ich gehörte nicht mehr dazu_ --

Ich ging in den Rauchsalon, legte mich in einen Klubsessel und nahm einen Whisky und noch einen. Dann kaufte ich die ganze Flasche. Unsere zwei Gestirne glühten jetzt über der schwarzen Insel im lauten Meer --

Warum? Warum kamst du heraus aufs Meer?

Da lauschte ich: hörst du die Maschinen pumpen? Durch die Vibration hindurch, durch all die Stockwerke und Korridore, hindurch, hörst du das große Stahlherz pochen? Das war Europas Herz, Europas, woher ich kam! Und plötzlich strömte die ruhige Kraft der Maschinen, die da drunten unter mir sangen, in mich über und erfüllte mich mit Stärke und unermeßlicher Zuversicht. Ich goß mein Glas voll und summte mir ein Lied.

»Sei ruhig, mein Herz,« sagte ich zu meinem Herzen, »die Jagdgründe des Lebens sind groß. Du wirst sie alle wiederfinden, Yann, Yvonne, Rosseherre und Jean Louis, alle! Und auch Poupoul wirst du wiederfinden, nichts ist unersetzlich!«

In der Nacht aber erwachte ich plötzlich. Der Dampfer knarrte wie Leder knarrt. Ich lauschte. Da draußen war der Wind, das Meer, es waren Stimmen da draußen und ich verstand sie. Mein Herz krampfte sich zusammen.

»Lebt wohl, ihr Geliebten,« sagte ich und lauschte auf die Stimmen, »lebt wohl, ich komme wieder!«

Ende

Werke von Bernhard Kellermann

Yester und Li

Die Geschichte einer Sehnsucht. (Fischers Bibliothek zeitgenössischer Romane.) Gebunden 1 Mark, in Leinen 1,25 Mark.

Die Geschichte einer Sehnsucht ist es, die der Verfasser erzählt -- einer zarten, zitternden, tastenden Sehnsucht. Einer so verzehrenden, wahnwitzigen, ungeheuerlichen Liebessehnsucht, wie sie nur ein Dichter, ein Auserwählter unter den Menschen, zu einem auserwählten, seltenen, wundervollen Weibe empfinden kann. Wunderbar ergreifend ist der Schluß. Ein Dichter hat dies Buch geschrieben. Ein wirklicher Dichter. Mit sanfter, zagender Hand sind die letzten Hüllen von menschlichen Seelen gezogen. Und doch erscheint alles wie durch zarte Schleier, von einem seltsamen matten Glanz umsponnen. Letzte Menschlichkeiten werden aufgedeckt. Feines, Leises wird gegeben, wie mit dem Silberstift gezeichnet.

(Königsberger Allgemeine Zeitung.)

Ingeborg

Roman. 45. Auflage. Geheftet 4 Mark, gebunden 5,50 Mark.

Ein großer Zauberer hat ein Buch geschrieben, so süß und schön, daß, wer es liest, sterben muß. Alle lesen es, obgleich sie wissen, daß sie dann sterben müssen. (Ingeborg, Kapitel 33)

Es ist noch nicht allzulange her, daß Bernhard Kellermann mit seinem Erstlingswerk »Yester und Li« als eine neue Hoffnung des deutschen Romans begrüßt wurde. Rascher als selbst die kühnsten seiner Propheten erwarteten, hat er den Wechsel auf seine Zukunft eingelöst -- sein jüngster Roman »Ingeborg« stellt ihn mit einem Schlage in die erste Reihe unserer großen zeitgenössischen Erzähler. Man wird von diesem Buche sprechen, wie man einst von Peter Nansens »Gottesfriede« sprach -- viele werden es als eine Erlösung preisen, viele als eine Affektion verdammen, die meisten aber werden es lieben müssen, dieses Buch der Liebe -- auch wenn sie nicht erst über mancherlei Hemmungen hinweg zu seiner tiefen Schönheit bekehrt haben sollten . . . Für die Gegenwart ist »Ingeborg« jedenfalls ein gefährliches Buch. Es könnte in gewissem Sinne der »Werther« des 20. Jahrhunderts werden. Denn es ist süß und schön wie das wirkliche Buch der Liebe und -- »ein großer Zauberer hat es geschrieben«.

(Bohemia, Prag.)

Frauen und Jünglinge, leset dies neue Buch. -- Ingeborg -- diesen zweiten Roman von Bernhard Kellermann. Die Liebe lebt darin und die Romantik. Und der Wald lebt darin und alle Jahreszeiten. Wahrhaftig ein närrisches Buch, aber weise, und klug bei aller Narretei, denn die unerforschlichen, unabänderlichen Lebensgesetze sprechen daraus. Jung ist es, ganz jung-jung, und das Blut macht es unruhig, es fiebert vor Liebe. In einigen Märznächten, als der Föhn vor den Fenstern stürmte, habe ich es gelesen, mein Herz kam völlig aus dem Takt, und ich glaube nicht, daß der Föhn allein schuld war . . . Ich will mich mit diesem Buche nicht allein freuen. Jedem möchte ich es in die Hände drücken, der überhaupt noch einen Roman lesen kann.

(Die Zeit, Wien.)

Der Tor

Roman. 20. Auflage. Geheftet 5 Mark, geb. 6,50 Mark.

Hier sind Menschen, eine Fülle Menschen, nicht nur scharf voneinander geschieden und als Einzelgestalten deutlich in der Phantasie, sondern in Bewegung, im Zusammensein, im Gespräch in einer Vielzahl von Aktionen. Ich sehe alle, die im Eisenbahnkupee den Selbstmord des Dienstmädchens erörtern -- wie hört man das Laute ihrer Reden, die Heftigkeit ihrer Diskussion und Ueberzeugungssucht, das Rasseln und Knattern des Zuges übertönen! Der Liederkranzball, den fünf Kapitel umschließen, bleibt wie ein Erlebtes unverlöschlich in der Erinnerung: hier ist ein solcher Sturm, ein solches Getöse, ein solches Ineinanderspielen von Tätigkeiten und Gesprächen, von Trunk, Spiel, Streit und Hohn, ein solches Chaos bewegter Menschlichkeiten, aus dem die Gestalten des Helden und seiner Geliebten leuchtend hervortreten, ein solches Auf- und Abstürmen des lebendigsten Lebens, daß man im Lesen den Atem anhält, von der Fülle und Intensität einer ganz nahen Wirklichkeit bis an das eigene Fühlen wunderbar beherrscht . . . Nicht Vergangenes erzählt dieser Dichter wie alle vor und neben ihm: er trägt die Gegenwart. Sein Stil, knapp, rasch, ungeduldig, reißt hin. Kurze Sätze jagen hintereinander her, überstürzen sich, erleuchten und verdunkeln einander -- dann wieder langsam hintereinanderschreitend, lassen sie der Einbildungskraft Raum, das Bild, das sie halten, zu betrachten, das Gefühl, die unsichtbare Gottheit, der sie dienen, zu begreifen. Und wie sie dem Gefühl dienen! Jedes Wort, jeder Ausruf glaubt sich stark genug, das Göttliche durch sich offenbaren zu können, und ist es doch so gering, daß alles nur hingestammelt wird, bebend, stehend, erstickt, überwältigt. Alles ist da, ist Leben, ist Augenblick. Geschehnis und Gedanke gehen ineinander über, eins aus dem andern hervor. Eh man sich's versieht, biegt der Weg um: neue Landschaft erschließt sich dem Staunenden -- man muß das Buch für Augenblicke sinken lassen, um sich zurückfinden zu können.

(Neue Freie Presse, Wien.)

Der Tunnel

Roman. 140. Auflage. Geh. 3,50 Mark, geb. 5 Mark.

Voll frappanter Lebendigkeit sitzt diese amerikanische, über und über vergoldete Menschheit da, diese Männer, die nur in Ziffern denken, diese schönen, verwöhnten Frauen, die sich in luxuriösen Spielereiträumen wiegen. Von einem atemlosen Tempo wird man durch die vierhundert Seiten dieses Buches dahingefegt. Man ist in ihnen wie in einem Expreßzug. Umgeben und durchschüttert von dem Sausen vorwärts jagender Eile. Eingehüllt von dem Dröhnen einer metallisch donnernden Kraft. In diesem Buch rollt der Donner ungeheuerer moderner Maschinen. Weite und Welthorizonte sind in ihm. Aber alles wirbelt und tanzt und dreht sich, und man sieht nur große Konturen, sieht nur Massen, zusammengeballt und mit fortgerissen in der rasenden Bewegung dieser Zeit. Man spürt das unerhörte Tempo der Gegenwart, der heutigen Epoche, während man dieses Buch liest. Man spürt gleichsam die Erde ringsum vibrieren, als erbebe sie bis in ihren Grund unter der zugreifenden Gewalt des Menschen. Man spürt das Fiebern, Keuchen, Wüten und geniale Delirieren der unermeßlichen Arbeit, die rund um uns her verrichtet wird. Und das ist zuerst ein beklemmendes Gefühl, dann aber ein befreiendes Glücksbewußtsein. Man wird niedergedrückt und gleich darauf angefeuert, hoch emporgehoben und wie berauscht von Mut, von Entschlußfreude und Zuversicht und von Seligkeit, dieses schäumende Leben heute mitleben zu dürfen. Man wird gewissermaßen lebendiger, indem man dieses Buch liest. Das aber scheint mir der edelste Gehalt dieser Dichtung zu sein. Das ist es ja, was wir überhaupt brauchen: Bücher, die unser Daseinsgefühl steigern, Kenntnis, Zutrauen, Beziehung und Wille zur Welt in uns vervielfältigen, mit einem Wort: Bücher, die uns lebendiger machen.

(Neue Freie Presse, Wien.)

Der Krieg im Westen

Kriegsberichte. 20. Auflage. Geheftet 2 Mark, geb. 3,25 Mark.

Daß der Dichter des »Tunnel« ein glänzender Kriegsberichterstatter sein würde, war vorauszusehen. Geist für große Zwecke, Herz für den unbesieglichen menschlichen Wagemut, Sinn für das Technische, das alles bewies er, in einer unaufhaltsam vorwärts dringenden Darstellung, schon durch seinen Roman. Nun im Kriege hatte er eine Wirklichkeit vor sich, so ungeheuer und phantastisch und mit jedem Atemzug so tief und schicksalsvoll ins Menschliche eindringend, daß jede Phantasie daneben erblassen muß und daß noch wildere Projekte als die eines Tunnels von Amerika nach Europa bedeutungslos würden. Vielleicht den schwersten Teil von allen unseren Kämpfen hat Kellermann miterleben dürfen, ein Zeuge mit wachsten Sinnen und angespannten, vibrierenden Nerven, immer mit allen Fasern mitten darin in dem, was er sah. Die Namen Arras, Souchez, Lorettohöhe, Argonnen, La Bassee sind es vornehmlich, die aus seinen Berichten klingen. Wer es bei Kellermann liest, ist mit dabei. Er läßt uns bis zur unmittelbaren Erschütterung die Schlacht sehen und hören. Ohne Lyrik, nur mit seiner aufs letzte gehenden Intensität singt er ein hohes Lied des deutschen Krieges, des Todesmutes und der Aufopferung. Ein Dichter mit der größten Leidenschaft des Auges und der Nerven hat diese Berichte geschrieben; sie werden den Tag überdauern und zu den Dokumenten der Tatsachen, die die Geschichte sammelt, das Dokument der Stimmung fügen.

Druck von Paß & Garleb G. m. b. H., Berlin

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