Part 14
Ich möchte einen Menschen bitten mir zu sagen, weshalb ich gerade in diesem Augenblick und gerade an dieser Stelle den Schritt anhielt? Und weshalb mir gerade jetzt der Gedanke durch den Kopf schoß, daß es dort turmhoch hinab ging?
Poupoul zog die Luft ein und schlug kurz an. Stand jemand in der Heide?
»Ruhe, Poupoul!«
Creachs Licht kehrte wieder und beleuchtete den Pfad. Niemand. Nur ein Haufen ausgeschichteter Tang lag am Wege.
Da aber begann Poupoul rasend zu kläffen. Seine Augen sahen grünschillernd zu mir empor.
Ich lachte leise vor mich hin. Vielleicht war -- Yann in der Nähe? »Yann, Yann!« rief ich. »Bist du hier?« Und ich lachte dazu, um ihm zu zeigen, daß ich keine Angst hätte, im Falle er hier wäre. Aber mein Rücken war eisig kalt, als sei mein Rock hinten aufgeschlitzt.
Ich schritt auf den Tanghaufen am Wege zu: ja, da stand Yann! Wirklich, da stand er --
»Guten Abend, Yann!« sagte ich. »Was tust du hier so spät in der Nacht, mein Sohn?«
Yann entgegnete nichts, Poupoul hatte ihn nun erkannt und kroch ihm wedelnd um die Füße. Aber Yann regte sich nicht. Er stand und sah mich an. Es waren Yanns Augen und doch waren sie fremd. Sie brannten düster von dummer Wut und bäurischem Trotz. Er rührte sich nicht, er sagte nichts, er stand und sah mich an und seine Augen wurden immer größer.
In diesem Augenblick kam mir Yann höchst lächerlich vor. Wenn er hier auf mich gelauert hatte, weshalb regte er sich nicht? Sollte ich in Poupons Schlucht verschwinden ohne eine Spur im Rasen zu hinterlassen? Yann, Yann, heraus mit dir! Zeige, wer du bist. Du wirst mich ja nicht umsonst bekommen, aber vielleicht billig. Hoho, wie lächerlich er war!
»Wolltest du dir die Pfeife anzünden, Yann?« sagte ich und lachte ihm ins Gesicht. Sein dummer Trotz und das alberne Anstarren machte mich zornig. War das eine Art mit mir zu verkehren?
Aber Yann regte sich nicht. Seine Augen waren nun wie große glühende Löcher.
»Wenn du die Sprache verloren hast, Yann, dann gute Nacht!« sagte ich spöttisch um ihn zu reizen. »Ich werde jeden Abend diesen Weg gehen, verstehst du mich, jeden Abend. Ich schwöre es dir. Und jeden Abend werde ich genau an dieser Stelle ein wenig warten. Au revoir et merci, merci!«
Ich ging. Ganz langsam wandte ich Yann den Rücken zu, wartete noch ein wenig und dann ging ich. Aber Yann rührte sich nicht. Ich lachte, immer noch erregt und zornig.
Sollte er in Gottes Namen sehen, wie er aus diesem Wahnsinn herausfand, in den ihn ein kleines Mädchen und der Schnaps hineinjagten. Das war nicht meine Sache. Er ist ein Narr, Poupoul, und wir lassen uns nichts vorschreiben. Die Winterstürme werden über die Insel rasen und wir wollen sie hören. Es wird Schnee und Eis hageln und das wollen wir spüren, hörst du, Kamerad, wir wollen über die Heide gehen, wenn sie gefroren ist. Und unser großes Feuer wird prasseln und uns durch und durch blenden und die großen glitzernden Höhlen in unserer Seele beleuchten, die wir noch nicht kennen. Siehst du, wie wir mit gelben Augen ins Feuer starren und um uns heult der Wind seinen großen Gesang?
Yann, Yann!
Am Morgen fand ich einen Brief unter der Türe. »Hüte dich!« stand darin.
Yann hatte nicht einmal seine Schrift verstellt. Wie unvorsichtig, wenn man den Brief später bei mir fände? Ich zerriß ihn in kleine Stückchen und streute sie in den Wind. Dann aber begann ich nachzudenken.
Nein, Yann, es ist genug! Du sollst wieder Ruhe haben. Ich will zu Rosseherre gehen und mit ihr reden, und ich will zu dir gehen und deine Versöhnung erbitten.
Yann wird sich ja tot trinken und wir sind trotz alledem Freunde.
XXXIV
Das war -- wann war es? Vor drei Tagen. Heute aber ist alles anders. Ich habe nicht mit Rosseherre und Yann gesprochen, vielleicht hätte ich es doch tun sollen.
Schon gestern begann es, aber ich verstand nicht. Wer sollte auch so etwas denken?
Gestern machte ich mich auf den Weg zu Noel um mit ihm wegen eines Bootes zu verhandeln, das er mir zum Kauf angeboten hatte. Ich kam an Jean Louis' Hütte vorbei. Soll ich hineingehen, dachte ich. Warum? Du hast ja Zeit. Und ich ging nicht hinein.
»Da sind Sie also wegen der belle femme?« sagte der rote Noel und setzte mir wie gewöhnlich sein Konzert von Schnäpsen vor. »He, Françoise, Antoinette -- man muß Poupoul zu Fressen geben! Ihr Hund frißt aus dem Zwetschgensack, haha, schadet nichts. Ein hübsches Boot, die belle femme! Sie haben sich also entschlossen?«
»Ja, ich habe mich entschlossen.«
»Sie wollen es also machen wie die andern?«
»Weshalb nicht?«
»Nun, Sie wissen ich bin Fischhändler, ich verpflichte mich Ihnen alle Fische abzunehmen.«
»Schön.«
»He, Antoinette, Maria -- man muß den Schuppen im Hafen aufsperren!«
Ich verhielt mich etwas bei Noel, ich hatte nichts zu versäumen. Der verrückte Gaston kam auf seinen geknickten Knien hereingesegelt und lud mich zu einem Glas Wein ein. Dazu aßen wir Käse, und den spendierte ich. Dann kam der Dorflump.
»Herr,« sagte er, »geben Sie mir einen Franken und ich will Ihnen eine äußerst wichtige Mitteilung machen!«
»Pack dich!« sagte ich. »Eine Tracht Prügel, wenn du willst!« Der Dorflump grinste und entfloh.
Wir sahen uns die belle femme im Schuppen an.
Niemand hatte einen Bootsschuppen, nur Noel. Unter den bloßliegenden Pfählen wateten Buben umher und drehten die Steine um. Sie ergriffen die kleinen Krabben, die sich davonmachen wollten, an den Scheren, und den jungen Aalen, die sie fingen, schnitten sie sofort die Kehle durch.
Ich klopfte die belle femme ab. Sie war breit gebaut.
»Sie ist das schnellste Boot auf der Insel!« sagte Noel.
Bann und Kedril hatten mir schon früher gesagt, daß die belle femme ein ausgezeichnetes Boot wäre. Sie gefiel mir. Steuerbord mußte ein Steven neu eingesetzt werden, sonst war alles in Ordnung.
Wir einigten uns nach einigem Hinundherreden über den Preis. Ich unterbot Noels Offerte so unverschämt, daß ihn fast der Schlag rührte. Nun, ich werde dir nicht meine Louisdors in den Rachen werfen, Inselkönig.
In einer Gasse traf ich wieder den Dorflumpen. Er hatte mir aufgelauert.
»Herr!« flüsterte er geheimnisvoll. »Geben Sie mir doch einen Franken, ich werde Ihnen eine wichtige Mitteilung machen.«
Ich lachte. So frech, zerlumpt und schmutzig sah er aus.
»Nimm dich in acht, Schmutzfink!« rief ich und hob den Arm. Der Dorflump nahm die Mütze in die Hand und lief was er konnte.
Zu Hause vermißte ich Poupoul. Nun erst fiel mir auf, daß ich ihn, seit wir Noels Bar verlassen hatten, nicht mehr gesehen hatte.
Ich pfiff und blickte über die Heide. Aber der rasche dunkle Knäuel tauchte nirgends auf. Poupoul streunte. Er kam den ganzen Nachmittag nicht, erst spät abends kläffte er vor der Türe. Haha, alter Vagabund! In einer elenden Verfassung kehrte Poupoul von seinen Abenteuern zurück. Er hinkte und blutete an mehreren Stellen zugleich. Seine Nase war zerschnitten und am rechten Hinterfuß hatte er eine schreckliche klaffende Wunde. Am Hals aber hing ein Stück von einem durchgebissenen Strick.
»Hoho, Poupoul, was haben sie mit dir angestellt? Haben sie dich festgebunden und du bist durch ein Fenster gesprungen?«
Poupoul winselte und sah mich beschämt an. So schlimm war es ihm noch nie ergangen.
Ich wusch seine Wunden aus, verband sie, und nun lag Poupoul auf der linken Seite, die Pfoten von sich gestreckt und zitterte an allen Gliedern. Am andern Morgen machte er einen Versuch aufzustehen. Aber er brach winselnd zusammen. Ich trug ihn vors Haus in die Sonne und stellte Wasser vor ihn hin.
»Morgen ist es schon wieder gut, Poupoul, bleibe hübsch liegen, adieu!«
Poupoul klopfte mit dem Schwanz, legte den Kopf flach auf den Boden und bereitete sich geduldig auf ein langes Warten vor.
Ich sprach im Dorf mit dem Zimmermann, dann ging ich quer über die Insel nach Stiff und arbeitete den Nachmittag über bei Herrn Boucher. Als ich zurückkehrte war die Sonne im Begriff unterzugehen.
Ich fand Poupoul in genau derselben Lage vor der Türe, wie ich ihn verlassen hatte.
»Hallo, Poupoul!«
Aber er regte sich nicht. Er lag, die bandagierten Pfoten von sich gestreckt, und der Wind spielte in seinen Haaren. Ich kauerte mich nieder und ein paar Fliegen summten auf. Ich berührte Poupoul -- er war steif und hart. Poupoul war tot.
»Bist du gestorben, mein Hund, und ich bin nicht bei dir gewesen?« fragte ich leise.
»Bist du gestorben, mein Hund!« rief ich.
Ja, Poupoul war tot.
Ich stand auf und sah über das Meer.
Vielleicht hätte ich ihn retten können, wenn ich dagewesen wäre? Wie merkwürdig, er war an diesen unscheinbaren Wunden gestorben.
Ich ging ein paar Schritte, um meinen Schmerz zu vergehen, dann kehrte ich zurück. Ich setzte mich auf den Stein vor der Türe und sah Poupoul an. Der Wind fegte und jammerte hoch in der Luft. Das Meer wogte wie Feuer. Zwischen den mächtigen Schollen treibender schwarzer und glühender Schlacke züngelten die hellen Flammen empor. Das Meer brannte bis zum Grunde. Eine breite purpurne Lohe wälzte sich vom Horizont her übers Meer, der Himmel war bedeckt mit Qualm, rot vom Widerschein, und spiegelte gespenstisch die Feuersbrunst da unten wider. Auf dem brennenden Meere zog ein großer Ostasienfahrer und zerschmolz. Seine Verdecke zerrannen, die Maste und Rahen tropften herab und sein dicker Kamin wurde rings vom Feuer zerfressen. Eine dicke, pechschwarze Rauchwolke stieg aus ihm empor --
Ich saß und sah Poupoul an. Meine Augen wurden trocken in den Höhlen.
»Poupoul, mein Kamerad!« sagte ich und kniete nieder und küßte ihn zwischen die Augen.
Da machte ich die Entdeckung, daß er eine dünne Schnur um den Hals hatte, und meine Hände wurden ganz schwach. Es war eine Schnur, wie man sie zum Fischen benützt, es war eine Schlinge --
_Man hatte Poupoul ermordet!_
Ich erhob mich und erbebte vor Schmerz und Wut.
»So seid ihr! Das seid ihr!« schrie ich und schwang die Fäuste gegen das Dorf. Da erblaßte ich.
»Yann! Yann!«
Warum hast du mir das angetan, Yann! Weil Poupoul dich neulich verriet, du Wegelagerer? Deshalb? Yann, weshalb hast du nicht mir die Schlinge über den Kopf geworfen, ich hätte mich wehren können, aber dieser da --
Poupoul hatte ja wohl noch die Hand geleckt, die ihm die Schlinge um den Hals legte, hatte gebellt und gewedelt vor Vergnügen, weil jemand zu ihm herauskam, da er so allein dalag.
Ich ging ins Dorf. Wo ich dich auch finde, Yann, ich werde dich an den Schultern packen und zu Boden schleudern, ich werde dich an der Kehle fassen und dir mit der Faust das Gesicht zerschlagen, bis du still bist, hüte dich, ich komme!
»Ist Yann an Bord!« fragte ich, steif und blaß.
»Nein, Yann ist an Land.«
»Wo ist er?«
Sie lachten. Wie sollten sie wissen, wo er sei?
»Jean Louis, guten Abend, ist Yann nicht bei dir?«
»Yann, hühü -- nein, mein Freund.«
»Chikel, hast du Yann gesehen?«
»Nein!«
Yann, Yann, wo hältst du dich verborgen? Heraus mit dir!
Es wurde dunkel. Das Dorf lag friedlich da mit seinen spärlichen Lichtern. Der Lichtkegel Creachs fegte heran und die Silhouette der Dächer hob sich scharf und schwarz davon ab, dann versank alles in Dunst und Nebel, Häuser, Lichter, und der Lichthieb flog über mich hin und blendete mich. Und wieder lag das dunkle Dorf friedlich mit seinen blinzelnden Lichtern da.
Ich kehrte wieder nach Sturmvilla zurück. Fliegen summten über Poupouls Leichnam. Ich nahm ihn auf den Arm und trug ihn hinab zum Meer. »Du hast ja immer auf dem Meer gelebt, Poupoul,« sagte ich. Poupoul war steif, als ob er ausgestopft wäre. »Lebe wohl, mein Kamerad!«
Poupoul trieb. Er schwamm langsam hinaus, dann aber kam er in einen Strudel und verschwand. Eine Welle schoß heran und als ihr Gischt zerstoben war, lag Poupoul wieder vor mir.
»Nun, lebe wohl, Poupoul, es muß ja doch sein!«
Merkwürdig! Ich versuchte es an drei, vier Stellen, immer wieder kam Poupoul zu mir zurück.
Da nahm ich ihn wieder auf den Arm, triefend naß wie er war, und trug ihn quer über die Insel. Er war schwer und ich keuchte.
Im Osten waren Meer und Himmel blauschwarz, im Westen kupferrot. Eine kleine braune Mondsichel stand über der Insel und der Wind fegte.
Wo die Klippen senkrecht abfallen, warf ich Poupoul ins Meer. Ich sah wie er auffiel, ich hörte es. Nun konnte er nicht mehr zurückkommen. Er rollte an den Klippen entlang, dann packte ihn der Strom und er verschwand.
Ich begleitete ihn auf seiner Fahrt, bis ich zur Markonistation kam. Hier trat ich ein.
»Nehmen Sie Platz,« sagte Herr Boucher liebenswürdig, »wie sehen Sie aus?«
»Danke,« erwiderte ich, »ich will stehen, mein Hund ist gestorben.«
»So so, Ihr Hund ist gestorben?«
»Ja!«
Ich ging wieder. Ich setzte mich auf einen Stein und blickte hinaus aufs Meer. Pechschwarz lag es unter dem schwarzvioletten Nordhimmel, schrecklich leer und öde. Dort draußen reiste Poupoul und die Wogen spielten mit ihm.
Ich kam erst spät nach Hause. Ein paar Stunden hatte ich bei Poupons Schlucht auf Yann gewartet. Er war nicht gekommen.
In meiner Hütte war es einsam. Der Regen prasselte über das Dach und tropfte durch die Risse und ich dachte an Poupoul.
»Erinnerst du dich, mein Freund, wie wir uns kennen lernten? Das war drüben an der Küste. Du hieltst mich mit deinen scharfen Zähnen am Bein fest, ohne zu beißen. Das gefiel mir! Erinnerst du dich, wie ich deine Treue prüfte und mich beim Schwimmen stellte, als ob ich ertränke -- du aber hast nicht gezögert und sprangst augenblicklich ein Stockwerk hoch ins Meer um mir beizustehen.«
Tip -- tiptip -- der Regen tropfte und telegraphierte wirre sinnlose Worte, hinter denen eine schreckliche Bedeutung zu lauern schien. Der Wind fegte draußen -- und horch: kläffte nicht ein Hund in der Heide? Ich richtete mich auf. Schreie waren draußen in der Nacht, Schreie einer mörderischen Lust und das schrille Lachen Gemarterter. Das Blut gerann in meinen Adern und ganze Teile meines Körpers waren wie gelähmt.
Nein, hier gefiel es mir nicht. Ich ging hinaus und legte mich unter einem Felsen schlafen.
XXXV
Es kamen ein paar elende Tage.
Der Wind fegte und fegte. Er kam aus einem Wolkenloch im Nordwesten und fuhr dahin, eisig kalt und dicht über dem Boden.
Zu Hause gefiel es mir nicht. Ich trieb mich im Dorf umher, ich telegraphierte mit Herrn Boucher, ich war überall. Ich konnte diese namenlose Schändlichkeit nicht verwinden! Yann war ja im Grunde seines Herzens ein guter Bursche, das wußte ich. Wie hatte er es nur tun können? Sprich, Yann! Aber schließlich -- was war ihm mit seiner naiven Roheit ein Hund?
Der Wind fuhr kalt und heulend dahin und die Insel war nichts als ein öder seelenloser Schutthaufen, auf den das Meer von allen Seiten mit Äxten und Spitzhacken einschlug, um ihn aus dem Weg zu räumen. Ich fror.
Ich sah hinaus übers Meer. Es winkte und lockte, daß es mir fast den Atem benahm. Was willst du? was willst du von mir --?
Weit draußen zog ein Dreimaster mit nassen, schweren Segeln. Ich sah ihm nach. Die Sonne des Äquators wird auf sie herabbrennen und die Haare werden ihnen ankleben am Pech des Decks, wenn sie schlafen. Der tropische Regen wird fallen und sie werden bis an die Knie im lauwarmen Wasser waten. Sie werden in der Windstille festliegen und tausendmal am Tage den Horizont absuchen. Sie werden singend im Kreise gehen und die schweren Segel in die Höhe winden und vor dem Sturme fliegen. Sie werden den Albatros fangen mit der Angel und der große, plumpe Vogel wird vor all den lachenden braunen Gesichtern hilflos auf dem Deck stehen --
Ich stand auf.
Plötzlich stand der Dreimaster draußen in hellen Flammen. Aber in Wirklichkeit brannte nicht er, sondern mein Herz hatte sich plötzlich entzündet und Feuer in meine Augen geschleudert. Ich spürte einen Schmerz, als ob meine Brust in zwei Stücke zerrisse. Weißt du, was das ist?! Das war die Sehnsucht nach da draußen!
Laß uns gehen! Laß uns in die Wälder gehen, die kein Ende haben und rauschen, laß uns zu den Schneefeldern im Norden gehen, wo keine Sonne ist -- einerlei, in die Hölle, wenn du willst -- aber laß uns zu _neuen Dingen_ gehen!
Und ich stieß einen Schrei aus, der weit über das Meer klang.
»Hören Sie, Noel, ich möchte den Kauf der belle femme rückgängig machen.«
»Sie wollen die belle femme nicht nehmen?«
»Nein, ich reise.«
»Sie reisen?«
»Ja. Ich bin gerne bereit Ihnen eine Entschädigung zu zahlen.«
»O, so nötig habe ich das Geld ja nicht, wie? Wenn Sie reisen wollen, was sollen Sie da mit der belle femme anfangen, nicht wahr?«
Aber ich reiste nicht von heute auf morgen ab. Yann sollte nicht auf den Gedanken kommen, daß ich aus Furcht vor ihm die Insel verließ. O nein! Wir waren uns ja nun gegenseitig manches schuldig und ich liebe klare Rechnung.
Vier Nächte lang hockte ich über Poupons Schlucht und wartete auf Yann. Da saß ich und fror. Der Wind fegte, Creachs Lichtblitze flogen über mich hin. Ich rauchte die Pfeife und hielt die Hand darüber, damit der Wind nicht den Tabak aus der Pfeife reißen konnte. So wärmte ich mich auch.
Habe ich dir nicht geschworen, daß ich jeden Abend hier sein werde, Yann? Wo bleibst du so lange, heran, Yann -- hier bin ich --
Die Stunden gingen. Houhuuho -- heulte der Wind und eine Stimme flog in der Höhe dahin: hiihiii -- Zuweilen tutete eine Felsenspalte. Auf dem Meer draußen zog ein Postdampfer, wie ein Feenschloß sah er aus mit seinen vielen Lichtern. Ich saß und wartete.
Sobald aber etwas in der Heide scharrte und kratzte, stellten sich die Haare auf meinen Poren in die Höhe. Drohende Stimmen waren im Wind und ich lauschte mit verhaltenem Atem. Plötzlich kam ein schreckliches weißes Gespenst auf mich zu galoppiert. Ich schwöre, daß ich mich in diesem Augenblicke aufblähte wie ein Stachelschwein und das weiße Gespenst mit den Blicken durchbohrte. Es war ein Stück Papier und schadete mir weiter nicht. Zuweilen pochte und hallte es unter mir. Die Schlucht roch wie ein alter Brunnen, faul und morsch, und es klatschte und schabte da drunten, als ob sich ein schwerer, nasser Körper hin und her schiebe. Ein kalter Hauch traf mich -- da war er! Das war Poupon, der Mörder, er zog an meinen Füßen, bohrte den Finger durch das Loch meines rechten Schuhes und schnaufte. Dann ließ er sich wieder klatschend hinabgleiten.
Obgleich ich aus einer Sensation in die andere fiel und meine Haut Fischschuppen bekam, blieb ich ruhig sitzen. Ich würde mich auch vorerst nicht rühren, wenn Yann kam. Ich würde taubstumm sein, einen taubstummen Pfeifenraucher sollte er hier vorfinden, der über Poupons Schlucht in philosophische Betrachtungen versunken war. Yann sollte Gelegenheit haben seine Schuld, einzukassieren. Dann aber -- nun dann kam die Reihe an mich!
Zuweilen zog ich meine kleine Flöte aus der Tasche und blies ein Lied oder einen Triller.
Yann? Hörst du nicht, Yann?
Einmal schlief ich sogar ein. Aber da wurde ich durch einen Kanonenschuß geweckt und erwachte. Meine Pfeife war hinunter gefallen. Nun, ich bin nicht der Mann, der nur eine Pfeife hat, ich habe Pfeifen in jeder Tasche. Also steckte ich eine andere Pfeife in Brand.
Yann?
Ich wartete stets vier, fünf Stunden. Ob es zu meiner Ehrenrettung genügt, weiß ich nicht. Mir genügte es.
Yann aber kam nicht.
XXXVI
»Lebe wohl, Kedril, Pilot Nummer Eins! Wo ist Jean Louis? Lebt alle, alle wohl!«
Die Fischer umringten mich und rieben ihre stacheligen Wangen an mein Gesicht. Wir küßten uns. »Daß du fort von uns gehst --!« sagten sie und schüttelten die Köpfe. Ihre Hände waren hart wie Holz. Aber ihre Augen waren treu und herzlich. Kedril ließ es sich nicht nehmen mich zum »Kommissionär« hinüberzurudern. Ich schenkte ihm eine Pfeife zum Andenken.
Die Matrosen zogen den Anker auf.
Da kam vom »Arbeiter« ein Nachen herüber und Yann stieg an Bord des »Kommissionärs«. Ich stand am Heck und sah ihn herankommen. Ich fühlte wie mir das Blut aus dem Gesicht wich, meine Hände in den Manteltaschen krampften sich zusammen. Ich begann langsam zu wachsen --! Aber als mich Yann ansah, überkam mich eine heiße Mattigkeit. Yanns blaue Kinderaugen nämlich schimmerten voller Liebe. Es waren Yanns, alte Augen, so wie sie früher waren, und sie entwaffneten mich augenblicklich. Yann trat auf mich zu. Er sah schmutzig aus, auf der Stirn hatte er eine schreckliche, blutige Schramme und das Weiße seiner Augen war immer noch blutunterlaufen.
»Du fährst!« sagte er lächelnd und deutete mit den Blicken auf das kleine Paket, das ich unter dem Arm hatte.
Ich erwiderte nichts. Ich sah ihn an.
Yann wartete eine Weile und sah mir forschend in die Augen, dann begann er von neuem: »Du denkst vielleicht, ich hätte Poupoul umgebracht? Nein, ich war es nicht. Rosseherre tat es.«
Ich öffnete den Mund. »Rosseherre --?«
»Ja. Ich sagte ihr: Poupoul hat mich verraten, er bellte. Darauf sagte sie: so, sein Hund hat dich verraten. Sonst sagte sie nichts. Aber zwei Tage später sagte sie zu mir: nun kann dich Poupoul nicht mehr verraten, Yann.«
Ich sah Yann an und ein verächtliches Lächeln kam auf meine Lippen. Ich lächelte über mich. Sie ist ein Kind, diese Rosseherre. O, jawohl, meine Herrschaften, hier sehen Sie einen Menschenkenner erster Güte vor sich! Ich werde eine Tournee unternehmen und mich mit einem Ring an der Nase und einem Pfahl im Hirnkasten gegen Entree sehen lassen!
Zu Yann aber sagte ich mit einem vorwurfsvollen Blick: »Yann, ich wartete jede Nacht bei Poupons Schlucht. Weshalb kamst du nicht?«
Yann sah mich erstaunt an. »Es ging ja kein Boot hinüber,« antwortete er, »wie konntest du da reisen?«
Ich lachte laut auf. Ich lachte über mich. Also ganz grundlos waren mir die Haare zu Berg gestanden -- Yann war es gar nicht in den Sinn gekommen mir einen Besuch abzustatten. Genug! Fort!
»Die letzten Tage waren die Hölle!« fuhr Yann fort und seine blutunterlaufenen Augen sprühten und die Adern an seinem Hals schwollen an. »Dieses Frauenzimmer machte mich verrückt. Hörst du? Toll! Ich glaube, sie ist besessen und hat mich behext. Das glaube ich! Neulich, in der Nacht -- da konnte ich es nicht tun. Du hast gepfiffen, du gingst so arglos dahin. Deshalb. Nun, du reist, es ist gut. Ich wußte nicht mehr, was ich tun sollte. Und wir sind ja doch Freunde, wie? Wenn sie auch bei dir war, was liegt daran? Lebe wohl, mon très cher ami.«
Yann streckte mir die Hand hin und seine Augen schimmerten feucht. Ich ergriff seine Hand und wir sahen einander lange in die Augen. Wir hatten uns gequält, recht und schlecht, wie Menschen es tun müssen, die einander näherkommen.
Dann griff Yann in die Tasche und zog die goldene Uhr mit dem Springdeckel heraus.
»Ein Glas mußt du dir einsetzen lassen,« sagte er, »nimm doch! So nimm doch!«
Ich lächelte. Nein, niemals werde ich diese Menschen verstehen. Die Uhr aber nahm ich nicht.
»Ich will nichts besitzen, was mehr als zehn Franken wert ist, verstehst du, Yann?« sagte ich. »Etwas anderes vielleicht?«
Yann suchte in den Taschen und gab mir sein feststehendes Messer.
»Ja, das kann ich brauchen, danke!« Ich griff in meinen Rock und zog die kleine Flöte heraus. Ich gab sie Yann.
»Merci!« sagte er. »Wieviele schöne Stunden -- nun, lebe wohl! Vergiß mich nicht!«
Ich schüttelte den Kopf und drückte Yann nochmals die Hand.
Das Segel stieg.
Der »Kommissionär« galoppierte durch die Bai. Wir hatten mehr Wind als nötig war. Um das »Kamel« spielten schwarze kleine Enten und tauchten und überschlugen sich. Die Möwen saßen auf den Klippen und ihre Köpfe blendeten so weiß wie frisch mit Ölfarbe gestrichene Knöpfe. An den Riffen saugte und atmete das Meer.
Wir durchquerten den Strom und der »Kommissionär« ging auf den andern Bug über.
Dann passierten wir die versteckte Klippenreihe, wo ich so oft mit dem Meerkönig gefischt hatte. Das Meer donnerte und die Gischtschleier stoben in die Höhe. Da sah ich ein kleines wohlbekanntes Segel, das in der schweren See pendelte. Es kam auf uns zu. »Jean Louis!«
Aber es war nicht der kleine Meerkönig, der im Boot saß. Eine weiße Haube tauchte unter dem Segel auf.
»Rosseherre -- ho! ho!« schrien die Matrosen.