Das Meer

Part 12

Chapter 123,741 wordsPublic domain

Ein paar Tage später bemerkte ich, daß kein Wasser in der Tonne war. Es hatte in den Nächten heftig geregnet, aber im Faß war kein Tropfen Wasser. Ich untersuchte die Tonne, ja, sie war leck. Am untern Rand war eine Daube beschädigt. Poupoul beschnupperte einen Stein, der neben der Tonne lag. Aber das fiel mir erst später auf.

Ich dachte an nichts.

Es kamen trübe und mutlose Tage. Sie sahen aus wie die Gesichter Verzweifelter, die dahingehen ohne Ziel und zuweilen stehen bleiben um sich auf etwas zu besinnen, was ihr kranker Kopf längst vergessen hat.

Das Meer warf sich stöhnend hin und her. All die irrenden Wellen -- sie waren Menschen, Tausende und Tausende von Menschen, die dahin gehen und dorthin und untergehen und niemand hat gesehen, wann und wo. Nicht so! Laß den Sturm kommen, den gewaltigen, denn herrlich ist ein wilder Tod. --

Die Fischer fuhren nicht hinaus. Auch Jean Louis nicht. Ich konnte mit harten Talern in der Tasche klimpern, der Meerkönig blieb taub.

»Ich habe Furcht!« heulte er.

»Wenn du schon Furcht hast, Meerkönig --!«

Ich strich über die Insel, eine Falte in der Stirn und lauschte auf das Toben des Meeres. Als stände ich in der Mitte eines Wasserfalls, so klang es. Der Himmel war voller Schmutz und Unrat und trübe Wolkenfetzen hingen senkrecht aus ihm herab und schleiften über Insel und Meer. Die Falte in meiner Stirn wurde tiefer. Ich ging nicht nach Creach. Nein. Yvonne -- ich hatte keine törichten Gedanken im Herzen. So kam ich nach Stiff in die Markonistation.

Tagelang arbeitete ich hier, so eifrig, als sollte ich bald eine entscheidende Prüfung ablegen. Wir sprachen mit grünem Feuer und Ozon zu den Unsichtbaren, wie Geister sich unterhalten. Wie es roch! Wie in den Wäldern meiner Heimat nach Regengüssen.

Herr Boucher handhabte den Drücker und die grünen Blitze sprangen zwischen den blanken Konduktoren und schnarrten und knatterten, zuweilen war der Dampfer, mit dem wir sprachen, ganz nahe und wir konnten seine Rauchfahne am Horizont sehen. Oft aber waren sie fern. »Geben Sie uns bitte Ihren Punkt!« Trr--trr--tack--tack--trr-- das war sein Punkt. Gott stehe uns bei, wo war er? Er war noch westlich von den Azoren. Wir arbeiteten geduldig und ruhig. Manchmal mußten wir eine Frage dutzendmal depeschieren, bis wir verstanden wurden. Seit zwei Tagen suchten wir uns mit einem Dampfer zu verständigen, an dessen Bord sich Mr. William Finch befand. »Ihr Koffer folgt mit dem nächsten Schiff.« Trr--trr-- »Ihr Koffer folgt mit dem --« Immer, wenn Herr Boucher eine freie Viertelstunde hatte, jagte er diese Depesche in die Luft. Zuweilen wurde die Verbindung plötzlich durch Gott weiß was unterbrochen und erst Stunden später hörte man uns wieder. All die kleinen Worte, die durch die Luft schwirrten! Wir sandten täglich einige Säcke Küsse übers Meer. Wir waren diejenigen, die Herrn Schmidt, Edgar Schmidt, tausend Seemeilen entfernt, in einen Freudentaumel versetzten, da wir ihm mitteilten, daß seine Frau Anna mit den Kindern im Hotel de Commerce in Cherbourg ihn erwarte. Er sitzt im Rauchsalon, dieselbe zerlesene Nummer der Fliegenden Blätter in der Hand, und sieht gelangweilt durch das kleine Fenster, wie die Reling sanft steigt und fällt, der Streifen Meer wird schmal, breit, seit Wochen schrumpft und wächst dieser Streifen: Herr Schmidt, Herr Schmidt! Siehst du, wie es ihn trifft? Zum Teufel, mein Hut! Trr--tack--tack-- wie rasch er gewesen ist! »Bin gesund und wohlauf.« Sonst fiel ihm in der Eile nichts ein.

Dann nahm Herr Boucher den Stahlbügel mit der Hörmuschel über die Glatze und lauschte auf das Ticken und schrieb die Worte nieder. Wir konnten alles hören, was Lizard den großen Amerikadampfern telegraphierte, die jeden Tag eine Zeitung drucken. Auf diese Weise waren wir von allem unterrichtet, was die Welt beschäftigte, ja wir erhielten die Neuigkeiten sogar früher als die Zeitungsleser. Die Könige da drüben räusperten sich in ihren verrosteten Rüstungen und wir hörten es. Wir hörten das große Feuer prasseln, das in den Wäldern Südrußlands wütete. Wir hörten den Lärm der Börse, die Papiere fielen, o, pfui Teufel!

Herr Boucher schrieb und ich übersetzte -- denn ich fungierte hier als Übersetzer. Herr Boucher las zwar fließend die Klassiker der großen Sprachen, von der Umgangssprache aber verstand er kein Wort.

Es war sehr still bei uns. Die Drähte unserer Empfangsmaste schwangen und klirrten und der Wind schleifte über die öde Heide. Drei unserer kleinen Ratten, die in der Station hausten (es waren siebzehn), spielten vor der Türe. Das Meer aber wusch. Sobald es dunkel wurde, erbleichte die Heide wie im Mondlicht, zweimal, dann brannte sie einmal rot wie glühendes Moos. Das war das Feuer von Stiff. Wenn Herr Boucher hinaus ging um Luft zu schöpfen, so sah er zweimal wie ein kalkweißes Gespenst aus und dann verwandelte er sich in einen roten Dämon.

Trr--trr--tack--tack -- Herr Boucher saß und schrieb die Worte nieder. Es war ein schwaches Echo der großen Trommel Europa, das zu uns herüberdrang.

Schluß. Lizard hatte nichts mehr zu sagen.

Spät in der Nacht kam ich nach Hause. Noch im Traum telegraphierte ich. Children all well. Much love. Grace. Die Funken knatterten. Und der Empfänger tickte: Am 21. 39° 12' 44° 8' 10" zwei Eisberge gesichtet. Pennsylvania. Da schlug Poupoul an. »Schweig doch!« sagte ich. Poupoul leckte mir die Hand und winselte. Dann hörte ich ihn an der Türe schnuppern. Ich schlief wieder. Gleich darauf weckte mich Poupoul abermals. Er schlug laut und zornig an.

Ich lauschte.

Draußen knisterte und raschelte es. Es war mir, als röche ich Rauch. In diesem Augenblick donnerte es und ein Gewitterregen ging prasselnd nieder.

»Es regnet ja nur, Poupoul!« sagte ich. »Schlafe, alter Schwede!«

Aber am andern Morgen sah ich, daß der Holzstoß vor meiner Türe zum Teil verbrannt war. Die Wand des Hauses war geschwärzt von Rauch. Wäre der Gewitterregen nicht zur rechten Zeit niedergegangen, so stände Sturmvilla wohl nicht mehr.

Ich schüttelte den Kopf. »Solche Leute gibt es hier, sie gönnen dir nicht einmal das Holz!« sagte ich und spie aus.

XXIX

In einer Nacht erwachte ich und begann nachzudenken.

Ja, bei Gott, warum mußten meine Augen gerade auf Yvonne fallen, die sich hinter ihrer Jungfräulichkeit verschanzte wie hinter sechszölligen Panzerplatten. Warum war gerade sie anders als die Mädchen auf der Insel, die wenig Umstände machten?

Nun, ich werde zu dir gehen, Yvonne, und dir reinen Wein einschenken, ich werde dir sagen, was ich denke und was ich will und du wirst mir antworten.

Ich stand auf. O, nein, ich hatte gar keine Lust, dem Schicksal aus der Hand zu fressen. Aber es war noch Nacht, eine helle Spalte klaffte im Osten, es war vier Uhr morgens.

Am Vormittag machte ich mich auf den Weg nach Creach -- aber da kam Kedril heran und schwenkte eine Depesche: trois bâtiments russes! He, Kriegsschiffe, die nach Brest wollten. Es gab ein hübsches Stück Geld zu verdienen und zwanzig Lotsen von der Küste und den Inseln machten sich auf die Suche. Wir würden natürlich das Geld einstreichen, Kedril und ich!

Vor der Fahrt tranken wir bei Chikel, das ganze Dorf betrank sich vor Aufregung: das große Geld, Gott beschütze mich! Alle Not würde ein Ende haben --

Es gab nun gar _keinen Zweifel_ mehr, daß die Russen uns gehörten. Wie Pilot? Haha, los! Yvonne, nun du bleibst ja hier --

Es war mehr als klar, daß die Panzer auf das Feuer von Creach halten würden, und auf dieser Annahme basierten unsere Operationen. Aber man kann von russischen Kriegsschiffen unmöglich Pünktlichkeit verlangen, sie ließen auf sich warten. Die See tobte und spektakelte, das Großsegel donnerte und der Mast ächzte und kreischte. Kedril lag mit dem Körper gegen das Steuer und brüllte so laut er konnte seine Befehle. Und wir, der Matrose und ich, wiederholten sie brüllend, zum Zeichen, daß wir verstanden hatten, und unter einem unbeschreiblichen Geheul jagten wir durch die nächtigen Wasserschluchten und kletterten wir über die bebenden, atemlosen Wogenketten. Unser Fockmast bohrte sich bis zum Schnabel in die schwarzglänzenden Glasberge, die uns unaufhörlich entgegenrollten, und schaufelte Blöcke von Wasser in die Höhe. Wie ein zerfetztes Banner sah er aus. Die Sturzseen zischten und der Wind trillerte in den Seilen. Irgendwo erschien ein zerfetzter, verwehter Lichtfunke im Süden und wir galoppierten unsere fünf geschlagenen Meilen. Ein lumpiger, verfluchter Frachtdampfer, gehe in die Hölle!

Es wurde nichts mit dem Stück Geld, die trois bâtiments russes waren uns entgangen. Wir betranken uns aus Wut. Wir zitterten vor Erschöpfung -- achtundvierzig Stunden lang hatten wir uns mit einer fürchterlichen See herumgeschlagen, ohne einen Bissen über die Lippen zu bringen. Und nichts! Diaul! Hehe! Wie hatte es Mathieu, dieser Satan, nur fertig gebracht -- war er ihnen bis zum Äquator entgegengefahren -- he, Kedril, Pilot Nummer Eins? Wir pufften uns ein wenig zum Scherz. Was für Hämmer Kedrils Fäuste waren! Wir waren aufgelegt zu einer Prügelei -- heran! --

Nun, da bin ich wieder.

»Komm heraus, Yvonne. So reich mir doch die Hand heraus!«

Yvonnes Mund war kühl, aber ihre Wangen glühten. Ihr Haar roch warm wie der Sommer und der Geruch der Heide stieg aus ihren Kleidern. Lichter glänzten auf ihren braunen Wangen und ihrer gewölbten Stirn. Sie war so braun, wie Amorik selbst, der Einäugige.

»Wirst du herauskommen, Maria?«

Sie lächelte. Sie wußte alles, was geschehen würde, wenn sie herauskäme.

»Das nächste Mal will ich herauskommen,« flüsterte sie.

»Nein, heute, Yvonne!«

»Das nächste Mal!«

Gut.

Ich ging und mitten in der Heide setzte ich mich auf einen Stein. Sie nahm es so heilig, sie war ein Mädchen. Sie bebte und zitterte vor ihrer Stunde. Ich werde warten, Yvonne, ich schwöre dir Geduld zu haben.

Horch! Das ist die Flut. Der Strom donnert. Horch! Ebbe. Es sind Möwen unterwegs. Der Regen prasselte über mein Dach und hoch oben stürzte heulend der Wind dahin. Ich sang. Ich ging hinaus in den Sturm und sang mit lauter Stimme, denn ich fühlte, daß ich lebte. Nebel. Er quoll durch Türe und Wände und mein Tabak wurde feucht. Creach brüllte Nächte lang. Ich ging auf und ab und mein Herz schlug, so oft Creach die Stimme erhob. Draußen antwortete ein Dampfer. Still! Er fuhr zu nahe. Ich trat vors Haus und lauschte mit verhaltenem Atem. Nun heulte er ferner. Es gab keine Gefahr mehr. In einer Nebelnacht hörte ich das Tuten eines Dampfers, der einen vollkommen falschen Kurs steuerte. Er fuhr an der falschen Seite vorüber, die gefährliche Passage de Fromveur, die alle Seeleute kennen. Er fuhr sorglos darauf los, tutete und verschwand, ohne je zu ahnen, wie nahe sein Kiel den Klippen gewesen war. Da draußen gab es Riffe wie Sensen, die nur darauf gelauert hatten ihn der Länge nach aufzuschlitzen.

Wenn die Sonne aufging und all die Halme und Gräser der Heide streifte, so sah die Insel wie bereift aus. Die Vogelzüge kamen aus dem Norden, von Irland und England, und zogen keilförmig über die Insel dahin und verschwanden blitzschnell hinter dem Horizont. Dahinterher kamen stets Trüppchen von Nachzüglern -- mochten sie mitkommen oder nicht, es gab hier keine Rücksichten. In den schwarzen Nächten aber sausten die Schwärme den Leuchtfeuern entgegen, die vor ihnen aufblitzten, und ehe der schwirrende Keil schwenken konnte, hatten sich Hunderte von Vögeln die Schädel eingerannt. Die ganze Insel nährte sich in dieser Zeit von Vögeln. Auch ich. Man brauchte nur nach Creach zu gehen und sie aufzulesen. Sie lagen auf der Heide, in den Klippen, überall. Ihre Schnäbel standen ein wenig offen, als hätten sie im Sturz geschrien, runde, graue Kapseln wölbten sich über ihre kleinen Augen, die feucht blinkten. Und wie zart sich die Knochen unter den flaumigen Federn anfühlten!

Poupoul hatte gute Tage.

XXX

»Guten Tag, Mathieu! Guten Tag, L'honneur, Petitjean! Guten Tag, alle zusammen!«

»Wir sind herübergekommen zum Fischen, wir wollten sehen, wie es dir geht.«

Sie hatten mich nicht vergessen! Ja, sie waren sogar bis nach Sturmvilla gewandert.

»Nun, ihr braucht ja keine Gläser, so vornehm seid ihr nicht -- ah, bei allen Teufeln, Petitjean, du säufst ja die ganze Flasche aus! Sind wir fertig? Erzählt was es Neues gibt! Ihr Hunde, jetzt fällt es mir ein, ihr habt uns ja die drei Russen weggeschnappt, ihr Kerle! Kedril und ich, wir sind fast hin geworden auf dem Meer!«

Der Morgen war frisch und klar. Wie ein einziger tadellos reiner Block von Kristall lag die Luft auf dem Meer. Das Meer leuchtete stahlblau und strahlte einen kühnen Glanz aus und eine blitzende Helle, bebend von intensiven Vibrationen, die das Herz leicht und heiter machten. Am Horizont floß ein Streifen von sattem Ultramarin dahin. Man konnte ihn nicht ohne Verwunderung betrachten. Die nassen Riffe glitzerten in der Sonne. Am Hafen unten standen die Fischer, laut und fröhlich, und warteten auf eine Brise. Ihre frischgewaschenen Gesichter leuchteten rot in der Sonne. Guten Morgen! Guten Morgen allerseits!

Wir ruderten hinüber zum »Kirchturm«. In der Bai stand ein kleines leuchtendes Segel, das war Jean Louis. Immer war der Meerkönig der erste. Es sah aus, als ob es da draußen eine Handvoll Wind gäbe und so zogen wir das Großsegel auf. L'honneur, Petitjean und ich. Ho-hupp, langsam stieg das schwere Tuch in die Höhe und wir lagen mit dem Rücken auf dem Verdeck. Dann spannten sich L'honneur und Petitjean im Nachen vor den »Kirchturm«, ich lehnte mit dem Rücken gegen den Mast und handhabte das fünf Meter lange Ruder -- es federte, meine Arme wurden eisenhart -- und der massige »Kirchturm« kroch langsam dahin. Das Großsegel hing schlaff wie ein Gehenkter und zappelte zuweilen ein wenig, das war alles. Kein Wind.

Die Bai war glatt wie Öl. Wo sonst die Brandung wirbelte, kräuselte und wölbte sich das Meer nur ein wenig. Die Klippen blühten wie Kirschbäume in der Sonne und weit draußen schimmerten sie wie Perlmutter. Milchige, sonnendurchtränkte Nebelstreifen schwebten langsam über die Insel, einer hinter dem andern. Ein kleiner Frachtdampfer winselte fern und dann und wann erhob auch Creach auf Minuten sein Gebrüll.

Wir hatten die Bai hinter uns und waren auf dem Meer. Die Matrosen stiegen an Bord und die Arbeit begann. Wir machten die Reusen zurecht. Das waren Weidenkörbe in der Form großer Fliegengläser. Sie hatten nur oben einen Eingang. In der Mitte wurde ein Fisch befestigt, ein halbverfaulter lascher Fisch, dessen Augen schon grau waren, Steine waren am Boden festgebunden. Die Körbe waren schwer und das Blut hämmerte in meinen Schläfen, als ich sie zusammen mit L'honneur über Bord warf. Eine perlende Schaumkrone stieg auf wo sie auffielen, dann sanken sie auf den Grund des Meeres hinab. Sie waren mit langen Stricken versehen, die am Ende Bündel von Korkstücken trugen, damit man sie wieder heraufziehen konnte.

Die Arbeit war getan und wir hatten gute sechs Stunden Zeit.

Der mousse hatte unterdessen Kaffee gekocht und wir saßen rings im Kreise auf dem Deck und tranken ihn aus einem Blechtopf, der Jahresringe von Schmutz, Wein, Kaffee und Kognak hatte. Ich streckte mich in der Sonne aus und bot ihr Arme und Gesicht und die nackten Füße dar. Und ich fühlte, daß ich in der Hitze aufging wie das Brot im Ofen. Das Meer war glatt und durchsichtig wie Eis, mit einem weißlichgrünen Riß da und dort in der Tiefe. Zuweilen kräuselte es sich wie Hautfalten und steuerbord zog in der Ferne eine glitzernde Straße vorbei, wie Myriaden kleiner, rascher Fische. Die Möwen schwirrten und Trüppchen von Meerschwalben zogen dahin.

Triii -- triii --

Döi -- döi -- gullugullu gullu -- döi.

Eine dreieckige Flosse tauchte auf und etwas atmete, genau wie die Luftbremse einer elektrischen Tram, und strich rasch dahin, gute vier Meter lang. Ein »souffleur«. Er schwamm rasch, atmete noch zweimal, dreimal und war verschwunden. Die Insel lag in der Ferne, wie ein graues schuppengepanzertes Tier, das schreckliche Gebiß lauernd halb unter Wasser, einen Stachel auf der Nase. Sie sah unbewohnt aus, und wem hätte es auch einfallen sollen, auf diesem unwirtlichen Steinhaufen zu wohnen? Ein Nebelstreifen näherte sich Creach, verhüllte ihn, und Creach brüllte, während hier außen die hellste Sonne schien. Der Nebelstreifen kroch näher und hüllte den »Kirchturm« ein. Nebelschnüre zogen vorüber und hängten sich in Kleider und Haare, so daß alle aussahen, als gingen sie in Rauch auf. Ein Dampfer tutete, mächtig und ruhig, wie nur ein großes Postschiff tutet, das keine Angst hat und um freie Fahrt ersucht. Er kam näher und wir griffen zu den Rudern, denn man konnte nicht wissen, woher er kam. Da erschien er wie ein riesiges Gespenst im Nebel, mit all seinen Masten, Rahen, Kaminen, Verdecken. Es war ein P.- und O.-Steamer. In diesem Augenblick schlüpfte der Nebel hinweg und der Dampfer zog leuchtend und glänzend an uns in nächster Nähe vorbei.

Auf dem Verdeck standen Gruppen von Mädchen mit wehenden Schleiern. Augenblicklich begann L'honneur die Mundharmonika zu spielen. Sie schrien und quiekten und ihre weißen Taschentücher flatterten. Hiiii! Wollt ihr Fische haben? L'honneur hielt einen Fisch in die Höhe und warf ihn dem Dampfer entgegen. Hiii! schrien die Mädchen. Dann spielte L'honneur, der ein Allerweltskerl war: God save the queen. Hi--hi--hiii! schrien sie. Der »Kirchturm« kam ins Schaukeln.

»L'honneur!« sagte L'honneur. »Wenn wir sie doch hier hätten! Ah! Für jeden eine und für mich zwei junge Witwen!« Und er blickte dem davonstreichenden Dampfer mit hellen, wilden Augen nach. Dann machte er eine instinktive, unglaublich komische Bewegung und wir starben vor Lachen.

Ein oiltank kam heran. Dieser Dampfer sah komisch aus, da er den Kamin ganz hinten hatte. Es waren unfreundliche Leute, schwarz wie Neger sahen sie zu uns her und grinsten nur ein wenig, L'honneur erbot sich sie auf die hölzerne Fresse zu schlagen.

Eine Weile war es ruhig -- da und dort standen Dampfer, sie verschwanden in den Nebelstreifen, tuteten, erschienen wieder -- dann kam ein sonderbarer Segler heran. Guter Gott! Er war klein und stammte sicher aus einem andern Jahrtausend. Er hatte zwei Maste, einen richtigen Mast und dahinter einen Stumpen. Die Reling war zwei Handbreiten hoch, das war alles, und sonderbare Burschen handhabten die langen Ruder. Es war ein Boot, in dem man kaum über einen See fahren konnte geschweige übers Meer.

»He, wieviele Knoten macht ihr in der Stunde?«

Niemand antwortete.

L'honneur steckte die Finger in den Mund und pfiff herausfordernd. Sollen wir an Bord kommen und euch verhauen?

»Woher kommt ihr?«

»Von Spanien.«

Hier aber wurde Petitjean lebendig. Er schnupperte mit der Stumpfnase und seine kleinen Augen sprühten Funken.

»Wohin fahrt ihr?« fragte er. Sie waren nun ganz nahe.

»Nach Le Havre.«

»Also nach England fahrt ihr?« sagte Petitjean und lachte. »Was für Ladung habt ihr?«

»Wein.«

Petitjean kannte diese Sorte. Er war ja selbst in dieser Branche tätig gewesen. »Es sind Schmuggler,« sagte er zu mir, »sieh doch das Schiff an! Natürlich fahren sie nie nach Le Havre. Hahaha, gebt uns etwas Wein, wir wollen euch Fische geben.«

Aber die Leute auf dem sonderbaren Boot verstanden auf einmal kein Wort Französisch mehr, sie schimpften auf Spanisch.

L'honneur erbot sich ihnen die Schädel einzuschlagen.

Petitjean aber folgte ihnen mit glänzenden, sehnsüchtigen Blicken. »Ah, sie sind in der Klemme, sie rudern ja. Sie sind abgetrieben worden und haben keinen Wind.« Er sah ihnen voll Mitgefühl nach und schnalzte mit der Zunge.

Petitjean war ein dumm und treuherzig aussehender Bursche, so wie die oft aussehen, die plötzlich zum Tod verurteilt werden. Sie haben da etwas getan, bei Gott, sie wissen kaum was, sie sind ganz erstaunt. Er hatte fünf Jahre bei einem Patron gedient, dessen Spezialität es war Schiffe zu verlieren. Vertraue ihm ein abgedientes Schiff an, das die Gesellschaften nur noch ungern versichern, du brauchst ihm gar nichts zu sagen: die Gesellschaften ziehen nicht mehr recht oder sonst etwas, das genügt. Das Schiff kommt nicht zurück! -- Es scheitert, es sinkt, eines ist sicher, es kommt nicht wieder. Es ist zum Beispiel angebohrt, sinkend, in jämmerlicher Verfassung, Torpedoboote können es schleppen wollen, es ergibt sich nicht, es stirbt. Petitjean hatte mehr Schiffbrüche mitgemacht als irgend ein anderer. Die Bezahlung war ausgezeichnet. Aber dann, gerade als Petitjean zum Militär mußte, ertrank sein Patron mit der ganzen Besatzung. Er hatte diesmal einen kleinen Fehler gemacht, er rannte auf, bevor er es wollte.

Tagelang konnte Petitjean erzählen. Drei Worte, drei Gesten, aber man sah alles. Er war zu dumm um zu lügen.

L'honneur dagegen war ein witziger Bursche mit hellen Augen und entwickelten Zügen. Er log. Alle seine Bewegungen waren rasch. Er war immer geschäftig. Er nagelte an einer Stange, knüpfte ein Seil, flickte ein Segel, immer sah er etwas. Er war barfüßig, trug eine kurze Hose und ein lächerlich kurzes Hemd -- was für ein Hemd war es doch! Es reichte nur ein wenig unter die Schultern, ließ seinen ganzen braunen Rücken, die Arme und die Brust frei, und doch war es ein Hemd und noch dazu ein Hemd aus San Franzisko. Auf seinen rechten Arm war ein Segelschiff tätowiert und Napoleon, um den sich eine dicke Schlange ringelte, auf seine Brust ein Riesenbildnis der Republik, und wenn seine Hose herabrutschte, so sah man auf seinem Sitzfleisch einen runden, böse blickenden Fisch mit zornigen Stacheln, L'honneur war braun und halbnackt und man sah, daß er unzweifelhaft männlichen Geschlechts war.

L'honneur legte ein Seil wie eine Acht auf das Deck und tanzte, während er dazu spielte; er machte seine Sache geschickt und berührte das Seil nie mit den Füßen.

Natürlich konnte ich das auch. »L'honneur, spiele!« Aber, siehe da, es war nicht so leicht wie es aussah.

Dann legten wir die Leinen aus und wurden ganz still. Stunden vergingen. Wir fischten den lieu, blank wie Stahl, mit spitzer Hechtschnauze, den silberglänzenden pirronneau, der einen Drachenflügel auf dem Rücken hat, den grausamen sarthe, mit spitzen Zähnen im Rachen, gieriger breiter Drossel, gewölbten Katzenaugen, getigertem Leib, ziegelrotem Kopf und rotgelben Flossen, den liebchen coquette, der scharlachrot wird, wenn er an die Luft kommt, den morchelartigen vielle, dick und plump, mit lüsternen Negerlippen, den rouget, merland, congre. Da lagen sie in der Ecke, schnappten nach Luft, starben. Morgen werden wir ins Meer stürzen und nach Luft schnappen. Sarthe wird herankommen wie ein Unterseeboot und uns die Augen ausreißen, und der dicke vielle wird uns mit seinen lüsternen Negerlippen die Nase abknabbern.

Die Sonne stieg ins Zenit und ich lag auf dem heißen Deck ausgestreckt und blinzelte zu ihr empor. Sie fauchte, flackte und ließ mir lange feurige Fahnen ums Gesicht wehen. Ich schloß die Augen und schlief. Aber da zuckte die Leine an meinem Finger: irgendein Fisch da drunten, der mich in einer dringenden Angelegenheit zu sprechen wünschte.

Die Glocken der Insel bimmelten in der Ferne und der Schiffsjunge trug das Mittagessen auf. Das war ein großer Topf, gefüllt mit Brühe, Kartoffeln, Kohl, Fischstücken, herrlich. Wir saßen um den Topf herum und fuhren mit den Löffeln hinein. L'honneur schlug ein derartig rasendes Tempo an, daß niemand ihm folgen konnte. Der mousse durfte den Topf auslecken.