Part 11
»Haha -- was er denkt! Nein, nein, nein!«
Yvonne lachte.
Sie gefiel mir.
XXV
Am nächsten Sonntag nach dem Kirchgang traf ich sie wieder bei Noel. Sie kaufte Wolle ein für Amoriks Strümpfe und die Wahl unter all den bunten Strängen wurde ihr schwer. Endlich entschied sie sich für himbeerfarbene. Dann wühlte sie in allerlei Kram und zog eine schmale Spitze hervor.
»O, wie hübsch sie ist. Für die Haube!«
»Ein halbes Meter. Zehn Sou!«
»O!« Yvonne warf die Spitze auf den Ladentisch. »Was denkst du, so reich bin ich nicht!«
»Gib mir die Spitze,« sagte ich und legte zehn Sou hin. Da aber fühlte ich, daß mich jemand ansah, und ich wandte mich um: Rosseherre stand hinter uns. Mit ihren gelben Haaren, den schmalen Wangen und vielen Sommersprossen, welk sah sie aus trotz ihrer Jugend -- »Guten Tag, Rosseherre« -- aber sie war schon gegangen.
»Nun, Yvonne, willst du die Spitze haben?«
»Nein, ach nein!« Aber als ich sie recht hübsch bat, nahm sie doch das kleine Geschenk an.
Ich ging nach Creach. Es wurde Abend. Kahl und nüchtern stand der Leuchtturm inmitten der kleinen Hütten in der Heide. Jemand ging oben auf der Galerie und pfiff, und das Pfeifen klang klar wider in der dünnen Luft.
»Guten Abend, Yvonne!« Yvonne stand am Fenster und helle Lichter glänzten auf ihren braunen Wangen. »Ein schöner Abend? Wie warm der Wind ist! Willst du nicht ein wenig herauskommen zu mir?« Yvonne trat zurück und ihr Gesicht wurde ganz dunkel. Ihre Zähne blinkten matt. Gewiß knisterten ihre pechschwarzen Haare, wenn man sie anfaßte. Yvonne lächelte und schüttelte den Kopf.
Da rief man mir. »Vater ruft dir!«
Amorik beugte sich oben über die Galerie und winkte. Ich stieg die Schneckentreppe hinauf in den hallenden Schlot. Amorik, der Einäugige, nahm die Tücher von den Scheiben und die untergehende Sonne zersprang in den Linsen und Segmenten dieses blitzenden kristallenen Spielzeugs zu tausend farbigen Feuern. Gleißende blaue und gelbe Dolchbüschel stachen nach mir, scharfe rote und grüne Sicheln zerschnitten mir die Augen. Die Insel unter uns war schon dunkel und die Klippen schwarz. Drüben an der fernen Küste zuckte ein Feuer empor -- immer als ob es sich strecke -- irgendein eisernes Gespenst, das in der Brandung stand und sein Auge rollte. Die Kerze knisterte, der Lichtbogen sprang über, Amorik schaltete den Apparat ein, und das glitzernde Spielzeug begann sich geräuschlos zu drehen und schleuderte seine vier Strahlengarben über unsere Köpfe hinweg übers Meer hinaus. Man konnte nicht hineinsehen ohne zu erblinden. Nun blinzelte und funkelte an der Küste ein Dutzend weißer, roter und grüner Feuer, der Schmuck der großen Kokotte Frankreich blitzte in der Nacht.
Amorik saß auf einem kleinen Schemel und sein linkes Auge wachte. Wo hast du dein Auge verloren, grauer Amorik? He, der Wind kam und blies und sagte: ich bin der Wind, und blies es dir aus der Höhle? Nein, während eines Sturmes war ihm eine Segelsparre ins Auge gefallen.
Mit seinem feinen Lächeln saß Amorik da und sein Gesicht war gesättigt mit der Güte jener Menschen, die einsam in der stillen Nacht wachen und schweigen. Und wo konnte man einsamer sein, als unter der gleißenden Mühle?
Ich trat auf die Galerie. Der Nachtwind legte mir die Kleider glatt an den Körper und zerrte an meinen Augenlidern. An den Scheiben tanzten große Falter und Myriaden von Milben und bohrten sich wollüstig ins Licht. Wie rotierende weißglühende Fontänen schossen die Strahlengarben in die Finsternis empor und hinaus, dreißig Seemeilen weit und mehr. Die Insel war vollkommen schwarz, mattschwarz, und glänzendschwarz war das Meer und bewegte sich.
Ein grüner Funke wanderte nach Norden. Sie wußten, das ist Creach, in vier Stunden sind wir im Kanal, in zwanzig, in fünfzig Stunden zu Hause. Noch nach fünf Stunden würden sie uns sehen.
Wir wachten und wechselten dann und wann ein kurzes Wort. Amorik hatte es längst verlernt zu reden.
Im Falle Nebel kommt, werden wir den kleinen Hebel öffnen und die komprimierte Luft wird im Schalltrichter brüllen. Aber es kam kein Nebel, die Nacht war übersät mit Sternen.
»Nun, gute Nacht, Amorik.«
»Du gehst?«
»Ja, ich bin müde.«
»Bist du noch wach, Yvonne, so tief in der Nacht?«
Yvonne stand im dunkeln Fenster und lächelte. Sie wußte alles und doch war sie ein junges Mädchen.
»Komm heraus, Yvonne. Nicht? Yvonne, so reich mir doch die Hand heraus. Kenavo, Yvonne!«
»Kenavo!« flüsterte sie.
»Yvonne, mache nochmals auf!«
»Ja?«
Ich nahm die kleine silberne Kette aus der Tasche und warf sie ins Fenster. Ich hörte wie sie auffiel. Ich sagte nichts und ging.
XXVI
Einige Tage später saß ich auf dem Stein vor meinem Hause. Ich legte die Hand darauf und siehe, sie wurde immer noch weiß: das war das Salz, von all dem Spritzwasser der großen Stürme. Ich saß und sonnte mich und hatte friedliche Gedanken im Herzen. Da kam ein Mädchen über die Heide. Sie sah aus, als suche sie etwas. Sie blieb stehen, dann kam sie geradeswegs auf mich zu. Ist es --? Nein, sie hatte helles Haar.
»Du bist es, Rosseherre!« sagte ich und stand auf. Ich war so kühl im Herzen und auch mein Blick war kühl. Der Sturm ist gekommen und hat mich in eine ferne Gegend geweht, Rosseherre, ich wohne nicht mehr hier. Poupoul dagegen gebärdete sich ganz närrisch vor Freude und sprang mit der Zunge nach Rosseherres Gesicht.
Rosseherre sagte nichts. Sie wehrte Poupoul ab und sah mich an.
»Wo bliebst du so lange, Rosseherre?« fragte ich lächelnd.
Rosseherre sah mich an. »Die Zeit wird dir nicht lang geworden sein --,« stammelte sie. Das Blut stieg ihr ins Gesicht und ihre Augen wurden dunkel und hart. Dann lächelte sie verächtlich und ihr Blick flammte auf. Sie zog etwas aus dem Mieder und warf mir meine zwei Ringe vor die Füße.
»Ich brauche deine Ringe nicht!« stieß sie hervor und wurde bleich. »Gib sie Yvonne! Auch dein Geld will ich dir bringen --«
Ich mußte lachen. Rosseherre war eifersüchtig, seht an. Rosseherre, Rosseherre, was fällt dir ein? Dachtest du, ich würde mich auf ewig vor deinem Herzen vor Anker legen? Weißt du nicht, daß ich unterwegs bin in den großen Jagdgründen des Lebens, heute da und morgen dort, und immer in einem leichten Zelte unter den Sternen schlafe? O, Rosseherre, ich werde mir erst ein festes Haus bauen, wenn ich vor Gichtbeulen nicht mehr stehen kann und die Langeweile mich zwingt meine Memoiren zu diktieren.
Ich sah Rosseherre an und schüttelte lachend den Kopf. »Du wirst doch nicht töricht sein, Rosseherre,« sagte ich, »die Ringe gehören dir, ich hebe sie nicht auf. Sprich auch nicht von den paar Franken, die ich dir geliehen habe. Wie sonderbar du doch bist!«
Rosseherre aber bebte vor Zorn. Sie schrie laut und wütend, aber ich verstand kein Wort, denn sie sprach Bretonisch. Schließlich schüttelte sie mich am Rock, so sehr vergaß sie sich. Poupoul kläffte und knurrte und machte sich zu meiner Verteidigung bereit.
»Höre endlich auf, was schreist du denn, so, Rosseherre!« sagte ich barsch, und da ich sprach, wie man auf der Insel spricht, kam Rosseherre sofort zur Besinnung.
»Ich sage nichts mehr,« fuhr sie auf französisch fort, »du kannst ihr ruhig Ketten schenken und was du willst -- ihr -- hohoho -- mit allen Matrosen hat sie es --«
»Yvonne?«
»Ja, Yvonne!«
Ich lachte. »Yvonne! Haha! O nein, die hat es nicht mit allen Matrosen.«
Rosseherres Augen kochten. Ihre Lippen wurden ganz weiß. »Willst du damit sagen, daß ich es mit allen Matrosen habe?«
»Sagte ich ein Wort --?«
»Und wenn du es auch gesagt hast, ich kann vor der Mutter Gottes beschwören, daß ich nie einem andern gehörte als Yann. Und Yann wird mich heiraten. Aber Yvonne -- nein, laufe ihr ruhig nach -- jeder Mensch auf der Insel kann dir sagen, daß sie mit sechzehn Jahren ein totgeborenes Kind gehabt hat -- sie ist nichts als Schmutz!«
Gott stehe mir bei! Ich lachte. »Rosseherre, was sagst du doch -- Yvonne -- hahaha?«
»Es ist so, wie ich es sagte -- nun, du wirst es noch bald genug erfahren -- Hunde seid ihr Männer, Hunde! -- warte nur, bis sie dich bestiehlt -- und was für Worte hast du mir gegeben -- Lügner, Lügner!«
»Höre, Rosseherre,« sagte ich und berührte ihren Arm um sie zu beruhigen, »du hast ja Yann, nicht wahr, es ist besser so!«
Rosseherre wich zurück. »Ja, ich habe Yann,« entgegnete sie, »das ist wahr, und obwohl er nur ein einfacher Seemann ist, ist er mir doch tausendmal lieber als du.«
»Das glaube ich gern.«
»Tausendmal!« wiederholte Rosseherre und sah mich voller Haß an. Ihre Augen waren so gelb im Sonnenlicht wie die einer Katze. »Du kannst ruhig zu Yvonne gehen, du bist so schlecht wie sie -- hoho -- und du glaubst vielleicht, daß ich eifersüchtig bin -- o nein --« Sie schlug die Hände vors Gesicht und ging.
»Rosseherre!« rief ich.
Aber sie fing an zu laufen. Dann blieb sie plötzlich stehen und lachte schallend: »Du bist ja ein Narr -- hahaha! -- ein Narr!« Und wieder lief sie.
Ich sah ihr nach. Wie rasch sie lief, wie sie flatterte. Ihre Gestalt versank und ich sah nur noch ihre weiße Haube über die Heide gleiten -- so rasch.
Nun, zuweilen war es an mir so zu laufen, nun war es an ihr, die Zeiten haben sich geändert.
Wie rasend sie war, welch ein Haß in diesem gelben Irrwisch steckte! Gott erbarme sich meiner, sie hatte mich übel zugerichtet, keinen guten Faden hatte sie an mir gelassen.
Ich ging über die Heide, nach Creach. »Poupoul, sprich!« sagte ich zu Poupoul, der schon wieder alles vergessen hatte. »Sprich die Wahrheit, dir, einem Tier, wird es leichter fallen gerecht zu sein als uns Menschen: haben wir nicht oft gesehen, wie die kleine weiße Haube in der Nacht zum >Arbeiter< hinüber ruderte, und haben wir jemals ein Wort gesagt? Und sie -- he, Poupoul, sprich die Wahrheit!« Und wieder mußte ich lachen: wie schnell sie lief, obschon ihr doch niemand folgte!
XXVII
Nein, Rosseherre war nicht gut auf mich zu sprechen. Auch Yann sagte es mir, als er am andern Tag zu mir kam. Tiens, tiens, wie böse sie auf dich ist!
Am Morgen war ich draußen gewesen und hatte einen schweren, dicken Fisch gefangen, eine fette Kafferntante. Toll vor Wut hatte sie mich angefunkelt, als ich sie aus dem Wasser zog. Nun aber lag sie da und die Schuppen flogen. Meine Kafferntante war ein gefräßiger Klumpen mit dummen goldenen Glotzaugen und hämischen fahlen Negerlippen, zwischen denen die spitzen porzellanweißen Zähne grinsten. Hinten am Rachen hatte sie ein zweites Gebiß, ein Reibeisen aus flachen Zähnen. Ihr fetter Wanst war von einem schleimigen, dicken Netz überzogen, das schildkrotfarben und morchelähnlich war und ihr erlaubte, getrost drunten in den Tangwäldern zu stehen ohne gesehen zu werden. Hatte ich jemals etwas ähnliches an Habgier, Gefräßigkeit und Gemeinheit gesehen? O, jawohl: Menschen! Oft sah ich gleich ein ganzes Dutzend porträtähnlicher Exemplare beisammen. Hätte ich euch hier -- unter meinen entblößten Armen und blutigen Händen, es wäre mir ein Vergnügen --
Da kam Yann. Er schleppte einen großen irdenen Topf, und das bedeutete, daß wir eine seiner berühmten bretonischen Suppen kochen würden.
Yann war in vorzüglicher Stimmung und ich sah ihm sofort an, daß etwas besonderes vorgefallen sein mußte.
Nachdem er mir ein Kompliment gemacht hatte über die schwere Kafferntante, griff er in die Brusttasche: »Willst du etwas sehen, he?«
»Was gibt es?«
»Nun, willst du etwas sehen?« wiederholte Yann und blitzte mich mit den hellblauen Augen an.
»Laß sehen!« erwiderte ich neugierig.
Yann ließ den Rand eines großen Briefes erscheinen. Er zupfte daran und die Ecken von Banknoten wurden sichtbar. Eins, zwei, drei -- fünfhundert Franken!
Ich riß die Augen auf und starrte Yann an.
Dann zog Yann den Brief heraus und überreichte mir mit einer großartigen Geste das Schreiben.
Es war von der englischen Gesellschaft, der die »Indiana« gehört hatte.
»Jeder meiner Matrosen hat hundert Franken erhalten!« sagte Yann. »He, wie höflich sie schreiben, wie? Und sieh das Kuvert an: es ist mit Leinwand ausgeschlagen, hast du je solch ein Kuvert gesehen?«
Ich sah das Kuvert von außen und innen an. »Nom de pipe!« sagte ich.
Yann richtete sich stolz auf und sandte einen kühnen Blick übers Meer. »Es ist wie ein Geschenk vom Himmel. Pro Kopf über sechzig Franken! Ja, was kann ich jetzt tun?« Und Yann sah mir in die Augen. »Jetzt kann ich tun, was ich will, siehst du!«
Über Nacht war er reich geworden.
»Wenn du nun Geld brauchst,« fügte Yann hinzu, »du brauchst nur ein Wort zu reden« -- und er hielt mir zwei-, drei-, vierhundert Franken hin -- »du bist mein Freund und kannst soviel haben wie du willst.«
Yann war doch ein prächtiger Bursche!
Dann stürzte er sich in die Arbeit. Er warf den Kittel weg, rückte die Mütze ins Genick und stülpte die geschwärzten Hemdärmel auf. In dem Topf befanden sich Kartoffeln, Gemüse, Kraut und Rüben, ein Klumpen graues Fett, grease bretonne, eine Flasche Kognak und ein rundes Paket. Er wusch, schabte, schnitt, machte Feuer an. Da der irdene Topf einen Sprung hatte, holte er rasch Erde, knetete sie und verschmierte den Riß, eins, zwei --
Dann öffnete er das sorgfältig verschnürte, runde Paket. »Und hier ist ein kleines Andenken, mein Freund!« sagte er.
Es war eine Teekanne aus weißem Porzellan mit billiger Goldverzierung.
Yann stand mit gespreizten Beinen und sah mich vielsagend an. »Nun?«
»Nun, sie ist hübsch.«
Yann lachte höhnisch und betrachtete die Teekanne mit spöttischen Blicken. »Das ist sie,« sagte er, »das ist die berühmte Teekanne von der >Charlotte<! Und diese meineidigen Hunde schworen seinerzeit, ich hätte eine silberne Teekanne mit Goldeinlage gestohlen! Haha, was sagst du dazu?«
Ich sah Yann an und lachte.
»Nun, willst du sie, diese silberne Kanne?« fragte er.
Ich schüttelte den Kopf. »Nein, Yann, merci. Ich will nichts besitzen, was man nicht in die Tasche stecken kann, verstehst du?«
»Bien!« Yann nahm die Kanne und warf sie in weitem Bogen in die Klippen, wo sie zerschellte. »Au revoir!«
Darauf zog er eine Uhr aus der Hosentasche. »Drei Uhr,« sagte er nebenhin, »um acht ist die Suppe fertig.« Ich aber sah die Uhr kaum an und so hielt sie mir Yann dicht unter die Nase. »Ja, genau drei Uhr!« Da fiel mir die Uhr auf. Sie war aus Gold und hatte einen Springdeckel, so etwas! Diese Uhr war dreihundert Franken wert und das Geschenk eines Pariser Bekannten.
Ich staunte und schüttelte den Kopf. Yann ließ mich ins Werk hineinsehen, wo es tickte und schwang.
Dann zeigte er mir, daß er die Hosentasche mit Putzwolle ausgestopft hatte, damit die Uhr nicht beschädigt werde.
»Warum hast du dir denn von dem Pariser Freunde nicht lieber Schiffsinstrumente schenken lassen, Yann?« fragte ich arglistig, nachdem ich mich von meiner Verblüffung erholt hatte.
Yann zog das Augenlid mit dem Zeigefinger herab. »Eh!« rief er aus. »Warum? Wie kann ein Mensch so dumm fragen? Man hätte behauptet, ich habe die Schiffsinstrumente von der >Charlotte< gestohlen.«
Die Uhr war gut. Yann hatte keinen schlechten Tausch gemacht!
Ich mußte lachen: Yann, Yann, wie soll man klug aus dir werden? Wie oft hast du mir jene Geschichte von der »Charlotte« erzählt, da sie dich so frech verleumdeten, und ich hatte Mitleid mit dir! Wie oft standen deine treuen Kinderaugen voller Tränen und lachtest du höhnische Triller: Ich, ein Dieb? Ich?
Hahaha! Yanns Seele war derartig mit Ehrlichkeit imprägniert, daß sie den Verdacht des Diebstahls entsetzt zurückwies. Nie, nie würde Yann glauben, daß er gestohlen hatte, selbst mit der Kanne vor Augen und der goldenen Uhr in der Tasche nicht, niemals, er war zu ehrlich dazu.
Unsere Suppe mußte fünf Stunden über langsamem Feuer kochen, und so hatten wir Zeit ein wenig zu plaudern. Wir saßen vor dem Hause auf dem Boden und Yann goß aus der Flasche ein, die er -- ein reicher Mann -- mitgebracht hatte.
Plötzlich lachte er laut heraus. »Was in aller Welt hast du denn Rosseherre getan?« rief er aus. »Tiens, tiens, wie wütend sie auf dich ist.«
»Nichts habe ich ihr getan.«
»O, sie ist nicht gut auf dich zu sprechen, mein Freund!« fuhr Yann fort. »Du hast ein Auge auf Yvonne Amorik geworfen -- sie ist Rosseherres beste Freundin gewesen, trotzdem -- wer kennt sich mit diesen Frauenzimmern aus! Hast du Yvonne nicht eine Kette geschenkt? Hoho, ist es so? Und was glaubst du, was Rosseherre mich fragte? Hehe -- was glaubst du?«
»Nun?«
»Sie fragte mich, ob ich dich töten könnte.«
»Hallo!«
»Ja, haha, so verrückt sind diese Weiber, wenn sie eifersüchtig sind.«
»Und, Yann, was hast du ihr geantwortet?«
»Ja, habe ich gesagt, warum nicht? Ich wollte sie bei guter Laune haben.«
Ich pfiff durch die Zähne und lachte.
Auch Yann lachte. Er lachte mit der heiteren Sicherheit eines Liebhabers, dessen Rivale endgültig ungefährlich geworden ist. »Ich habe ihr sogar versprochen dich zu töten,« sagte er, »dann wurde sie demütig und gefügig wie ein kleiner Hund!« Yann brach ab und zog mit erstaunter Miene einen Ring zwischen den Gräsern hervor. »He, was ist das?«
»Hier ist der andere, unter dem Stein,« antwortete ich, »sie hat mir die Ringe zurückgebracht.«
Yann steckte die Ringe in die Tasche. Er schüttelte ärgerlich den Kopf. »So ein verrücktes Frauenzimmer, he! Ich werde ihr die Ringe geben, wenn sie vernünftiger geworden ist.«
»Also, du hast ihr versprochen --?«
»Ja!« sagte Yann lachend. »O, sie war so verrückt, sie verweigerte sich mir -- sie machte eine Bedingung daraus, hahaha -- aber sie hat mir keinen Termin gesetzt -- das hat sie vergessen. Ich gebe dir noch viele Jahre Zeit, mein Freund! Keine Eile!«
Dann sprachen wir von etwas anderem und Rosseherres Name wurde nicht mehr erwähnt.
Die Suppe war fertig. Yann schnalzte mit der Zunge, solch eine Suppe! Er schlürfte voller Entzücken die beiden Augen meiner Kafferntante. Wir saßen und schmausten, wir drei, Yann, Poupoul und ich. Die Türe stand offen, und draußen dröhnte das Meer.
Eine Stunde lang fuhren wir mit den Löffeln in den Topf hinein, bis wir uns nicht mehr regen konnten. Der Topf aber war noch lange nicht leer, wir aßen stets zwei, drei Tage daran. Dann setzten wir uns vor der Türe in die Heide und tauchten.
»Spiele ein kleines Lied,« sagte Yann, »gerade jetzt, wo es dunkelt --«
Ich spielte. Aber während ich die kleine Flöte schwang, schielte ich zu Yann hin: da saß er, die fünfhundert Franken in der Hand und sah hinaus aufs Meer und träumte.
Es wurde Nacht und wir gingen ins Haus zurück um ein Gläschen zu trinken.
Yann breitete seine Banknoten aus, er ließ unendlich oft den Springdeckel der Uhr springen. Er strahlte vor Glückseligkeit. Ein wenig später aber legte er die Uhr unter den Holzschuh und trat ein wenig darauf um zu sehen, was die Uhr aushalte. Knax, das Glas sprang. Aber deshalb ist die Uhr doch noch nicht kaputt, wie, hahaha! Er nahm die Banknoten, machte eine Kugel daraus und ließ sie von Poupoul apportieren. Dieses Geld, pfui, man sollte es einem Hund zum Fressen geben, man sollte es ins Feuer werfen!
Yann führte einige seiner Kunststücke vor. Er holte eine Münze aus einem Teller voll Wasser, ohne sich auch nur die Fingerspitzen zu netzen. Das vollführte dieser Tausendsasa vermittels heißer Luft in einem Weinglas.
Er schüttete sich Kognak in die Kehle und erzählte von der Seeschlange, die er in der Südsee gesehen hatte. Dabei entblößte er den Arm, spitzte die Hand zu und bewegte sie im Gelenk; genau so reckte sich die Seeschlange aus den Fluten und sagte: Guten Morgen, Yann aus Roskoff! Und in den Molukken gab es ein Meer, das schwer wie Blei war; fuhr ein Schiff hindurch, so blieb das Kielwasser eine ganze Woche lang stehen.
Haha! O Yann!
Es war tief in der Nacht, als wir uns trennten. Yann glättete die Scheine und zählte sie zweimal -- ob er nichts vergessen habe, immer noch suchte er mit den Augen auf dem Boden. Er war eine einfache Natur und konnte es deshalb nicht unterlassen mich dutzendmal seiner ewigen Freundschaft zu versichern.
»Wegen eines verrückten Frauenzimmers werden wir uns nicht verfeinden!« sagte er und sah mich mit Tränen in den Augen an. »Wie?«
»Das fehlte noch, Yann!«
Yann preßte mir die Hand.
»Noch eines, Yann. Ist es wahr, daß Yvonne es mit allen Matrosen hält und mit sechzehn Jahren ein Kind hatte?«
»Tiens!« lachte Yann. »Wie kann jemand solch eine Lüge ersinnen!«
XXVIII
Das Meer lockte mich. Ich sah es an und es winkte mir mit seinen tausend Händen. Ich wurde krank im Herzen, wenn ich die Dampfer draußen in hoher See sah -- denn ich war nicht an Bord, hinaus!
Tag für Tag arbeitete ich draußen auf dem Meere. Wir fischten in dieser Zeit einen meterlangen, aalförmigen Fisch, congre, der sich in großen Tiefen aufhält. Die Leinen waren ordentliche Seile und so lang, daß sie das ganze Boot ausfüllten. Der Fisch aber war wie von Teufeln besessen und man mußte ihn augenblicklich abschlachten. Die Sonne röstete mich. Mein Gesicht, mein Nacken und meine Brust, meine Arme und Hände wurden kupferrot und an manchen Stellen schwarz wie Ruß und die Haut löste sich in großen Stücken ab. Meine Haare verfilzten und fielen aus, meine Augen entzündeten sich vom Salz, meine Stimme wurde rauh und heiser wie die der Fischer. Ich sprach auch dasselbe heulende Französisch der Bretonen, das selbst Franzosen schwer verstehen. Und, gehe in die Hölle, ich hatte es gelernt zu fluchen und die Faust zu ballen!
Wenn das Wetter schlecht war, so verständigte ich mich mit Jean Louis. Für eine Flasche eau de vie fährt der Meerkönig, wann du willst. Ganz allein zogen wir in unserem winzigen Boot hinaus, während die großen Langustiers an ihren Ketten rissen. Wir hatten stets Glück.
Das Meer sang und jubelte. Oft tobte es verführerisch in der Nacht vor meinem Hause und ich erwachte. Der Regen peitschte ans Fenster und der Wind schrie.
»Hallo! Pilot! Kedril! Hallo!«
»Was gibt es?«
»Ich möchte fahren, Pilot!«
»Fahren? Wohin? Jetzt?«
Ich lachte. »Ja, hinaus! Eine kleine Spritztour. Du sollst es ja nicht umsonst tun!«
Kedril steckte den Kopf durch das Guckfenster. »Hörst du das Meer? Wir kommen keine hundert Meter weit.«
»Ich biete dir zwanzig Franken. Zwei Seemeilen über die Bai hinaus!«
Kedril kam halb angekleidet heraus und klapperte ans Meer. Er hob mit einer plumpen Gebärde die Hände.
»Ich biete dir fünfzig Franken für eine Stunde!«
Kedril sah mich an und ging in sein Haus.
»Hallo! Pilot!«
Aber Kedril antwortete nicht mehr. Und ich sah mit heißen, trockenen Augen übers Meer.
In diesen Tagen sah ich einmal auch Rosseherre.
Eines Abends kam ich mit Jean Louis zurück und als wir anlegten, stand Rosseherre am Kai. Sie hatte einen kleinen runden Korb in der Hand und zeigte ihn Jean Louis.
»Crevetten!« Sie lachte. Sie sah mich nicht an, aber plötzlich wurde sie dunkelrot, denn sie fühlte meinen Blick.
»Hühü!« lachte Jean Louis und stieg aus.
Da wandte mir Rosseherre den Blick zu und sagte lächelnd und etwas scheu: »Wollen Sie Crevetten haben, monsieur?«
»Danke,« sagte ich kühl.
Da flammten Rosseherres Augen auf und sie schleuderte den Korb mit den Crevetten ins Wasser und lief fort.
»Hühü, was hat sie denn?« lachte Jean Louis täppisch.
In den folgenden Tagen ereigneten sich einige Dinge, die ich wenig beachtete und erst später verstand.
Einmal kam ich nach Hause und sah zu meiner Überraschung jemand unter der Türe stehen. Es war Noel, der Kaufmann. Ich kam näher und siehe da, der Maire erschien neben Noel in der Türe. Beide waren verlegen.
»Was gibt es?« sagte ich.
Noel sah den Maire an und der Maire sah Noel an.
»Wir sind bei Ihnen eingebrochen,« sagte Noel lächelnd.
Ich richtete mich auf. »Sie sehen mich überrascht, mein Herr!« sagte ich.
Wieder tauschten die Biedermänner Blicke.
»Die Wahrheit zu sagen,« begann der Maire, »es lief eine Anzeige bei der Mairie ein. Man hat behauptet, du seist ein Spion, der die Insel auskundschaftet.«
Ich lachte laut auf. »Ich bezahle auf der Stelle tausend Franken,« sagte ich, »wenn ihr einen Strich oder eine geschriebene Zeile bei mir findet!«
»Nun ja, wir taten unsere Pflicht!« Und die begossenen Pudel gingen.