Das Meer

Part 10

Chapter 103,883 wordsPublic domain

Man sah ihn den ganzen Tag über oben auf dem Mast hocken wie einen kleinen dunklen Klumpen. Der Nebel zog und verbarg ihn, der Nebel wurde dünner, und immer noch saß der Neger da. Der Mast hatte sich geneigt und ragte nur noch zum vierten Teil aus dem Wasser. Gegen Abend ging das Rettungsboot nochmals hinaus und fuhr so nahe wie möglich an den Mast heran. Gespenstisch wie der Fliegende Holländer tanzte das Boot im Nebel. Aber der Neger rührte sich nicht vom Platze. Am andern Morgen hatte sich die Mastspitze bis aufs Meer herabgesenkt. Das Spritzwasser ging über den Neger hin. Wieder fuhr das Boot hinaus, aber der Neger rührte sich nicht. Er hockte da und heulte. Er hatte den Verstand verloren. Am Abend, als sich der Nebel auf Augenblicke lichtete, war die Mastspitze leer.

Man grub eine Reihe Gräber in der Heide. Alle Fischer standen mit der Mütze in der Hand. Auch ich. Der Priester sprach, und der Totengräber spritzte in gleichen Zwischenräumen den Tabaksaft durch die Zähne ins Grab hinab.

Und nun erschien auch ein Fleckchen blauer Himmel zwischen den Nebelbänken.

In den Klippen aber saß ganz allein Rosseherre und starrte aufs Meer hinaus. Die winzige Mastspitze war gesunken. Von der »Indiana« war nichts mehr zu sehen.

Ich ging nahe an Rosseherre vorbei. Sie sang leise mit einer hohen, weinenden Stimme wie der Wind und wiegte den Kopf dabei.

Ich sah über die Insel: sie kam mir schrecklich vor.

XXII

Ich saß auf einem Stein in der Heide. Die Sonne schien. Ich rauchte. Die Heide war braun und gelb, aber an einer Stelle hatte sie eine frische Narbe -- dort lagen sie. So oft mein Blick auf die frische Narbe fiel, dachte ich: dort liegen sie, dort liegt auch Joe Gordon mit der gespaltenen Schläfe und dem kleinen Schnurrbart --

Einige Tage lang mußte ich immer wieder dasselbe denken. Es lag etwas wie süßer Leichengeruch in der Luft. Dann aber gelangte ich dahin, die frische Narbe in der Heide mit den rechten Augen zu betrachten: ja, da lagen sie und sie waren glücklich zu preisen! Eines herrlichen, wilden Todes waren sie gestorben. Ihr Götter da droben, laßt mich sterben wie sie! Schleudert Felsblöcke nach mir oder Donnerkeile, in einem Eisenbahnzusammenstoß vernichtet mich oder auf wildem Meer, einerlei, aber laßt mich nicht im Bett sterben wie ein altes Weib, darum möchte ich bitten.

Ich sah nicht mehr auf die frische Narbe in der Heide -- eine Art Betäubung hatte sich auf meine Sinne gelegt gehabt, nun war sie vorüber -- ich ließ meine kleine Flöte hell über die Heide klingen: es war der Tod, nichts sonst, heute bist du es und morgen bin ich es. Unser ist das Leben, sela!

An diesem Tage fand ich draußen bei den Klippen einen halben Mast. Vielleicht war es jene Spitze, an der sich der Schwarze festgeklammert hatte? Ich holte die Axt und begann zu arbeiten. Ich griff den Mast an verschiedenen Stellen an. Er klang so eigentümlich: er war ein Teil von der Leiche eines Dampfers. Die Splitter flogen. Sie leuchteten in der Sonne, sie begannen zu brennen. Ich stand inmitten eines großen blendenden Feuers.

Ein paar Fischer kamen mit Äxten und Sägen. Da standen sie und sahen mir zu.

»Schönes Holz hast du gefunden!«

»Ja, es ist trocken.«

»Es wird einen tüchtigen Haufen geben!«

»Der Winter ist lang.«

Ich schien nicht auszusehen wie ein Mann, der mit einer Axt in der Hand einen Mast im Stich läßt, und sie gingen wieder.

Meine Axt blitzte und der Schweiß rann mir übers Gesicht.

Die großen atmosphärischen Differenzen hatten sich ausgeglichen und die Luft war rein und durchsichtig wie eine Linse. Man sah die fernsten Klippen, um die das Meer spielte, jede Ritze, alles war nahe und scharf. Meine Axt hallte laut wider, und wenn ich pfiff, so klang es fast wie eine Flöte. Der Himmel blendete und das Meer war flüssiges Silber. Da und dort blitzte ein Streifen wie ein Schnitt. Die Dampfer zogen ruhig vorbei und ihr Kielwasser stand meilenweit hinter ihnen wie eine Straße.

Der Strand war bedeckt mit grellrotem und grellgrünem Salat, mit großen Röhren und Klumpen. Wie Lungen und Eingeweide, die das Meer ausgespien hatte, sahen sie aus. Ganze Wälle von starkriechendem Tang säumten den Strand, von Millionen von Insekten und Stechfliegen bevölkert. Ging man vorbei, so prasselte und knisterte es, als begännen die Wälle zu brennen. Das Leben kommt, wo Schmutz und Wärme ist.

So oft ich über die Insel blickte, konnte ich nicht umhin verächtlich zu lächeln. Wie sonnig und friedfertig sie aussah. Sie dachte nicht mehr an die »Indiana«, die da draußen lag mit all den Kupferbarren im Leib. Sie hatte all die Dampfer vergessen, die sich an den Klippen die Nase einstießen, zurückfuhren und sanken, und all die Segler, die im Sturm angeritten kamen und ihr in die Zähne rannten. Sie hatte auch jenen Dampfer der Union Castle Line vergessen -- damals starben zweihundertundzwanzig Menschen. Sie hatte all jene Leichen vergessen, die einzeln angetrieben wurden, und niemand wußte, woher sie kamen und wie sie hießen. Genug. Sie dachte auch nicht mehr an jene vierundzwanzig Schiffbrüchigen, die eines Tages in einem kleinen Boot ankamen und die sie mit der sicheren Rettung vor Augen zerschmetterte. Genug, genug!

Sie lag und lächelte und blinzelte zuweilen aufs Meer hinaus, eingehüllt in Sonnenschleier. Wie eine jener Frauen war sie, deren Wangen zart wie junge Rosenblätter sind und die fünfundzwanzig Männer ruiniert haben -- du aber gehst an ihnen vorbei und schlägst das Kreuz und sprichst: Heilige Unschuld, sie war die Mutter Gottes oder wenigstens eine ihrer nächsten Verwandten --

Ich lachte: Gott, der Herr, sende sie mir in den Weg --

Am vierten Tage war der Mast in Sturmvilla verstaut. Einen großen Stoß mußte ich noch vor der Tür aufstapeln. Da lag er nun, der so viele Seemeilen weit gewandert war und noch immer strömte er die Sonne ferner Meere aus und den Geruch fremder Küsten. So oft ich ein Scheit verbrannte, sah ich merkwürdige Dinge: Papageien und Affen, die sich an den Schwänzen schwangen, pechschwarze Negerweiber -- und einen Dampfer, der über das öde Meer in wolkigen Mondnächten zog, und seine Masten wanderten still und stolz dahin.

XXIII

Von Rosseherre sah ich all die Tage nichts. Und um die Wahrheit zu sagen, ich sehnte mich auch nicht nach ihr. Zu meinem größten Erstaunen machte ich die Entdeckung, daß eine Veränderung mit mir vorgegangen war. Mein Herz schlug in einem andern Takt, meine Gedanken hatten einen andern Kurs, genommen. Ich betrachtete die ganze Welt unter einem andern Winkel, mehr von der Seite, wenn ich so sagen darf. Die großen Stürme waren schuld daran. Sie hatten meine Seele blank- und glattgeschliffen und alles weggefegt. Wenn ich zurückblickte, so schüttelte ich voll Verwunderung den Kopf: wie viele Monate waren doch seit den großen Stürmen und dem Schiffbruch der »Indiana« vergangen? Alles lag weit dahinten, blaß und fern. Der Sturm hatte mich in Schwung gebracht und ich konstatierte mit großer Genugtuung, daß meine Seele mit all ihren Knoten dahinsegelte und die Dinge überholte. Ich blickte geradeaus: mochte kommen, was da wollte, es sollte mir willkommen sein -- --

Jean Louis erzählte mir beim Fischen draußen, daß Rosseherre lache und schreie und einen der schwersten Anfälle von Gemütsstörung habe. Sie tat mir leid, sonst fühlte ich nichts. Dann erfuhr ich, daß es ihr um vieles besser gehe, das freute mich.

Ich dachte zuweilen an ihre verliebte Trunkenheit und die maßlose Leidenschaft, die in ihrem kleinen braunen Körper hauste -- aber wenn du jetzt kommst, Rosseherre, so werde ich sagen: guten Tag und wie geht's, sonst nichts. Ja, wenn die Königin von Honolulu kommt, von der man behauptet, daß sie alle Frauen an Liebreiz übertrifft, so werde ich sagen: guten Abend, gnädige Frau, und mein Pfeifenrohr ausblasen: fff --

Das war das Meer, nichts sonst. Ich habe Seeleute gekannt, die von heute auf morgen eine funkelnagelneue Seele bekamen und alles mit einer unverständlichen Naivität hinter sich ließen, Schulden, Versprechungen, Gewissensbisse -- ja, nun verstand ich sie.

Meine Vergangenheit war wie weggeblasen und ich saß auf dem Strich zwischen Vergangenheit und Zukunft und freute mich.

Ich war nicht so töricht mir sofort wieder eine Vergangenheit anzuschaffen. Nein, ich genoß diesen wunderbaren Zustand, mit einem neugeborenen Herzen einherzugehen, in vollen Zügen. Ich lebte allein und der Herr sandte mir Erleuchtungen.

Ich legte bei den Klippen die Angel aus. Denn es hungerte uns fürchterlich, Poupoul und mich. Auf den Klippen gab es kleine Tümpel, die mit hohlem gelbem Eis bedeckt waren. Das war das Salz von den Stürmen. Hier außen hielten sich wenig Fische auf und oft mußte ich stundenlang warten, bis etwas anbiß. Da saß ich nun und das Meer schlug und die Gedanken wanderten in meinem Kopfe. Bum! In meinem Kopfe fiel ein Schuß: ah, ich war auf der Jagd in Nordgrönland und schoß Eisbären. Die Atemzüge des Meeres wurden schwächer, ich hörte es, auch wenn ich nicht darauf achtete. Die Riffe draußen wuchsen, sie schoben sich langsam aus dem Meer. Wie der Rachen eines Nilpferds, der sich allmählich aus dem Wasser hebt und Schlamm und Unrat triefen aus seinen Zahnstumpen, so hob sich das Gestade in die Höhe. Es rieselte wie im Frühling in den Wäldern. Überall stürzten schäumende Kaskaden ins Meer. Das Rieseln verstummte, es tropfte, es wurde ganz still. Die Welle schlepperte wie kleine Katzen und tändelte mit den Klippen.

Ebbe.

Die Möwen schwirrten und schrillten. Ströme von süßlichem Duft stiegen aus dem bloßgelegten Schoß des Meeres empor. Ich ging hinunter, denn ich mußte mitten im mütterlichen Geruch des Meeres stehen. Die schwül dampfenden Klippen waren bedeckt mit harten gerippten Muscheln und purpurnen, gallertartigen Knollen, die zitterten, wenn man sie berührte. Viele verschwanden unter schleimigen Helmbüschen, und unter meinem Fuß quietschten meterlange fleischige Palmblätter und hohle Knollen. Kleine grüne Tümpel lagen zwischen den Steinen. Wie liliputanische Märchengärten sahen sie aus. In der Mitte wuchs eine schlanke Palme und darunter stand ein winziger Fisch, der Herr des Gartens. Plötzlich zuckte es drinnen, der Fisch stand nicht mehr unter der Palme, er war in die dunkeln Lorbeerboskette am Rande entflohen. Auf dem gelben Sandwege des Gartens lag ein vergessener kleiner roter Hut mit grünen Fransen; auf einmal begann der rote Hut zu steigen, die Fransen atmeten ein und aus. Eine kleine Muschel ruderte von einer Grotte zur andern. Nein, der kleine Fisch war nicht der einzige Bewohner dieses Märchengartens, er war trächtig von Leben.

Eine Handvoll von diesem Schlamm auf einen öden Planeten geworfen, Poupoul -- und wir kommen wieder heraus wir zwei, ganz so wie wir hier stehen, und die Zunge hängt dir genau so aus dem Maul.

Die Möwen schossen aufgeregt dahin, kleine Fische im Schnabel, die Seesterne schrumpften in der Sonne und verfärbten sich und bekamen brennende Flecken, das Moosgespinst auf den großen porösen Steinschwämmen trocknete dampfend und wurde weiß wie Asche. Der Geruch des Meeres wurde so süß und betäubend, daß er Übelkeit erregte.

Die Welle tänzelte heran, spielte zwischen den Steinen und legte sich zu meinen Füßen nieder, gehorsam wie ein Hund. Aber die nächste Welle schoß gegen meine Schuhe und zischte böse. Ich mußte zurück. Die Klippen sanken wieder langsam ins Meer hinab. Die Kaskaden begannen abermals zu rieseln. Draußen stieg ein weißer Korallenbaum auf, drehte sich und stürzte in sich zusammen. Die Woge schoß heran, wand sich zornig zwischen den Blöcken, gurgelte, zischte und leckte nach all dentrockenen Stellen. Das Meer kam zurück. Es donnerte und stürzte sich an den Klippen in die Höhe, und der Wind trieb das Spritzwasser über die Heide. Flut.

Glühend rot sank die Sonne an diesen Tagen ins Meer, immer an der gleichen Stelle.

So ging es viele Tage lang.

Yann machte mir einen Besuch in Sturmvilla und wir feierten Versöhnung. Worüber stritten wir eigentlich? sagten wir beide und sahen einander gerührt an. Dann gingen wir auf die Jagd. Denn Yann hatte seine Büchse mitgebracht, ein zerbrochenes Zündnadelgewehr, das mit Drähten zusammengebunden war. (Es stammte von seinem Urgroßvater, général unter Napoléon premier.) Wie er damit schießen konnte, war mir ein Rätsel, aber er schoß damit. Er glühte vor Jagdeifer und schoß auf Möwen, Meerschwalben, Hammel, auf alles, was lebte. Über die Heide zogen Rauchschwaden, es roch nach Pulver wie nach einer Schlacht, die Hammel rannten wie irrsinnig im Kreise. Und doch war Yann der ungefährlichste Jäger, den es gab. Er traf nie etwas, Gott weiß wohin die Kugeln flogen. Dann kam es ihm in den Sinn, Champignons zu suchen. Hoho, er wußte wohl, wo sie zu finden seien. Und richtig, da waren sie. Wir brieten sie in einem Topf, bis alle unsere Champignons in einen Fingerhut gingen, aßen, schnalzten mit der Zunge und wanden uns zwei Tage in den furchtbarsten Krämpfen. Yann konnte es nicht fassen. »Tiens!« sagte er, »im vorigen Jahre waren es doch Champignons?«

Wir legten ein Netz aus in der Bai und saßen unterdessen halb nackt auf dem heißen Deck des Arbeiters und unterhielten uns über lenkbare Luftschiffe, während Yann eifrig an einem Strumpf strickte.

»He!« sagte Yann, »wollen wir nicht heute abend eine kleine Entdeckungsreise unternehmen? Jetzt im Sommer sind sie alle ganz toll.«

Merci. Ich hatte keine Lust.

XXIV

Dann aber, ganz plötzlich -- so ist der Mensch -- hatte ich genug davon, mit einem unbeschriebenen Herzen einherzugehen, und ich beschloß mir wieder eine Vergangenheit anzuschaffen. Ich ging hinein ins Dorf und hielt Umschau unter den Töchtern des Landes.

Das Glück lächelte mir. Meine Augen fielen auf Yvonne, die Tochter Amoriks.

Ich machte Einkäufe bei Noel. Noels Bar und Laden mit all den von der Decke herabhängenden Talglichtern und Seilen sah wie eine Tropfsteinhöhle aus. Und doch war sie die geistige und gesellschaftliche Zentrale der Insel und das Leben war hier im vollen Schwung.

Der dicke Briefträger und Chef der Post saß an seinem kleinen Tischchen und sammelte Kräfte für den nächsten Posttag. Bei den Mehlsäcken stand der Großvater, ein ehemaliger Schiffskapitän, der sich die Hölzer auf den Planken krumm gestanden hatte, und döste vor sich hin wie ein im Nachdenken versunkener Maulesel. Das ganze Jahr stand er so und nie sprach er ein Wort. Einmal wagte ich es ihn anzureden. C'a marche, capitain? Er drehte langsam bei, sah mich erstaunt an, bewegte die Kinnlade und sagte:

Merci. Dann schwenkte er wieder und stand wie zuvor.

Der rote Noel hantierte hinter der Bar, schwitzend vor Eifer und Wohlbehagen. Zuweilen kommandierte er mit lauter, hallender Stimme: »Antoinette, Josephine, Maria!«, und die kleinen Mägde mit den weißen Hauben, die in dunklen Löchern und Winkeln wühlten, antworteten singend: jaa! und unterdrückten einen Fluch.

Noel setzte mir ein Konzert von Schnäpsen vor. Das tat er immer. Er führte alle großen Marken der Welt, und ich mit meinem europäischen Gaumen mußte sie prüfen.

Ich nahm das erste Gläschen und goß es hinter die Binde, ich nahm das zweite, das dritte -- »hm!« Noel machte verzückte Augen -- »gut, gut!« -- Noel lachte, daß ihm der Schleim aus dem Rachen fuhr -- »ah, das ist ein Likörchen!« -- Noel drehte sich auf dem Absatz und klatschte auf die Schenkel.

»Ja, das ist ein Likörchen, sage ich, wie?! In Paris bekommen Sie ihn nicht besser! -- Antoinette, Josephine, Maria, man muß die Lampe anzünden!«

»Jaa!« (Nom de chien!)

Solange die Lampe angezündet wurde, verharrte alles in Stillschweigen. Es wäre ungebildet und roh gewesen, während dieser Prozedur zu sprechen.

Antoinette kletterte auf den Stuhl und Noel stand väterlich besorgt und ängstlich neben ihr, bereit sie aufzufangen. »Nimm dich in acht -- der Patentbrenner -- langsam drehen!«

»Guten Abend!« sagte Antoinette.

»Brennt er nicht herrlich, der Patentbrenner?« fragte Noel. »Ja, haha, fünfzehn Franken kostete mich die Lampe!«

»Ausgezeichnet!«

Aber da klapperte es im Flur und man wußte schon, wer kam. Das war Gaston Grouzen, der verrückte Gaston. Er war acht Jahre in Kalifornien gewesen und hatte sich tausend Dollar erspart. Nun war er von früh bis nachts damit beschäftigt von Kneipe zu Kneipe zu rennen, um recht rasch seine Dollars los zu werden.

»Da kommt der verrückte Gaston!« lachte Noel und stellte das Glas bereit.

Gaston Grouzen nahm einen Augenblick die bis zum Kopf abgebissene Gipspfeife aus dem Mund und stürzte den Schnaps hinab. Ah, da sah er mich!

Er umarmte mich und rieb sein stachliges Gesicht gegen meine Backen. Dann zeigte er, wie immer, auf eine Narbe unter dem linken Auge. »Im Krieg gegen die prussiens. Me California. You have match? -- Welcome!« Und weg war er, er hatte keine Zeit zu versäumen.

Ein Trupp Fischer kam herein, sie räusperten sich und spuckten. Aber dieses Räuspern und Spucken war eine Konversation, man mußte nur die Ohren aufmachen. Auch Yann kam und wir traktierten uns gegenseitig mit Schnäpsen aller Art.

Merkwürdig ist der Mensch! Als Yann nach seiner verwegenen Fahrt zum erstenmal an Land gekommen war, hatten wir ihm die Finger entzwei gedrückt: hoch Yann, Filou! Und Yann hatte die Achseln gezuckt: was war weiter dabei? Nun aber, da niemand mehr davon sprach, mußte Yann den ganzen Tag von seiner Heldentat reden und die Zeitungen aus der Tasche ziehen -- und wir nahmen es ihm übel.

»Der Arbeiter ist doch ein gutes Boot,« sagte der dicke Chef der Post; er war ein neidischer Hund.

Yann brüllte ihn zu Boden. »Cochon! Was versteht ein Briefmarkenlecker von Navigation? Ich sage ja nicht, daß es eine Heldentat war, aber es war nicht leicht, den alten Kahn so lange im Strom zu halten. He, halte dein hölzernes Maul! Zehn Kapitäne kannst du hinstellen, sie schaffen es nicht!«

Yann und der Chef waren Spinnenfeinde. Nur mit Ekel auf den Lippen sprachen sie voneinander. Und Yann peinigte den dicken Chef, so sehr er konnte. Wenn er gar nichts zu versäumen hatte und guter Laune war, so tat er etwas Unerhörtes: er klopfte an das kleine Fenster der Post. Das kam selten vor und war das schlimmste, was man dem Chef antun konnte. »Hallo!«

Der Chef schnarchte drinnen und Yann klopfte lauter. Der Chef fuhr auf: »Malheureux!« und kam an das Guckfenster.

»Eine Marke für einen Sou!«

Dann ging Yann in eine Bar und nach einer halben Stunde klopfte er wieder.

»Hallo!«

»Malheureux!« schrie der Chef innen verzweifelt.

»Noch eine Marke. Ich vergaß ganz.«

Yann lachte sich tot, aber nach einer halben Stunde war er schon wieder da.

»Hallo!«

Der Chef tobte. »Malheureux!«

»Eine Marke für einen Sou. O, lala, was für eine Riesenkorrespondenz ich heute habe.«

Der Chef wurde blau vor Zorn. »Das ist Schikane, einfach!«

Aber Yann klopfte mit seinem Sou. »Voyons! Ich bezahle. Tue deine Pflicht und halte das Maul!«

Nach einer halben Stunde aber war er schon wieder da -- -- ho! ho! ho!

Da aber schlüpfte der Dorflump mit den klaffenden Hosen in die Bar. Er streckte mir die Hand hin: »Eine Prise Tabak, Herr! Papier habe ich selbst!« Ja, richtig, er hielt ein zerknittertes Zigarettenpapierchen zwischen den schmutzigen Fingern. Aber ehe ich ihm Tabak geben konnte, hatte Yann dem Dorflump eine Schaufel zwischen die Beine geworfen und der Dorflump entfloh.

Yann behandelte den Dorflump wie eine Katze.

»Hahaha!«

Der versteinerte Großvater drehte sich um und nieste.

Keinen Augenblick lang stand das Leben in Noels Bar still.

Ein totenbleich aussehender Fischer kam herein und trat zu Noel und murmelte ihm etwas ins Ohr.

»Haha!« lachte Noel laut. »Bezahle die zehn Sou, die du schuldig bist, und ich kreditiere wieder.«

»Meine Kinder haben nichts --« murmelte der Fischer.

»Bah! Arbeite --!«

»Ich bin krank.«

»Krank? Haha! Du kennst meine Prinzipien, Freund.«

Der bleiche Fischer nickte und ging wieder.

»Sie würden mir das Fleisch von den Knochen fressen!« rief Noel aus.

O, lala, ja so war er. Er zog den Fischern jeden Sou aus der Tasche, verkaufte ihnen schimmeliges Brot und gemeinen Fusel, platzte von all den fetten Speisen und guten Weinchen, hatte ein Haus und einen Harem kleiner rundlicher Mägde, die er der Reihe nach schwängerte, aber sobald es ans Kreditieren ging verstand der Inselkönig keinen Scherz. Und die Fischer fanden das ganz in Ordnung.

Alle hatten den bleichen Fischer schon vergessen, da rief Noel mit lauter Stimme: »Antoinette, Maria -- man muß einen Laib Brot zu Breton tragen, jetzt gleich! Sage, Noel schickt es. Auch einen Topf Milch muß man hintragen!« Und zu den Gästen in der Bar sagte er: »Man kann die Leute ja doch nicht verhungern lassen.« Und er seufzte.

So war Noel. Er hatte ein gutes Herz, man darf ihm nicht unrecht tun.

In diesem Augenblick aber fielen meine Augen auf Yvonne, die Tochter Amoriks, des Wächters von Creach. Sie kam um Brot zu kaufen.

Yvonne war schön! Erinnerst du dich? Einmal im Frühling kam ein Mädchen an Sturmvilla vorbeigeklappert in ihren Holzschuhen, ihre Hammel wollte sie suchen, und ich küßte sie auf den braunen Nacken. Yvonne, daß ich dich so lange vergessen konnte!

Yvonne hatte ein braunes Gesicht und eine hohe glänzende Stirn. Wenn sie lächelte, erschienen Grübchen in ihren Wangen und dann glänzten auch die Wangen. Ihre Augen waren schwarz wie Pech. Das schönste aber war ihr Haar. Es war sorgfältig über der Stirn gescheitelt und schwarzglänzend wie das eines Rappen, aber doch seidenweich.

Noel zeigte ihr sein Wohlwollen. Er legte den Laib, den sie gewählt hatte, zurück und suchte ihr einen andern aus. »Nimm diesen, Yvonne, das ist der beste!« Diese Auszeichnung genossen nur seine geachtetsten Kunden.

»Für Amorik!« sagte Yvonne.

»Schon gut, schon gut, grüße Amorik!« Amorik genoß Kredit wie alle Leute mit einem festen Einkommen.

»Kenavo!« sagte Yvonne und ging.

»Ah, sie ist ein hübsches Mädchen!«

»Ja, und ein anständiges Mädchen!«

Ich aber sagte gar nichts. Ich nickte nur. Dann schloß ich meine Einkäufe ab -- ohne Eile zu verraten. Man mußte gerissen sein auf der Insel.

»He, Antoinette, Josephine!« schrie Noel. »Man muß mich daran erinnern, daß die Waren nach Sturmvilla gebracht werden. Man muß um sieben Uhr einspannen!«

Noel besaß nämlich ein Fuhrwerk, obgleich die größte Reise, die man auf der Insel machen konnte, eine Wegstunde weit war. Sein Pferd war dick und fett und hatte lange Haare an den Beinen, förmliche Pelzhosen. Das Einspannen war eine Komödie. Dann setzte sich Noel, gestiefelt und gespornt, auf den Bock und rasselte dahin, Brrr! Schon war er angekommen. »Man muß Zephir abreiben und striegeln, Zephir muß Wasser bekommen, brr, brr, Ruhe, Zephir!«

Nun gut, ich ging. »Guten Abend!«

Auf der Heide holte ich Yvonne ein. Ich rief sie an und sie blieb stehen.

»Wir haben ja den gleichen Weg, Yvonne!«

»Ja!« Sie lächelte. Ich sah wie schlicht und gut ihr Herz war.

»Du kennst mich doch, du weißt doch noch --?«

Yvonne lachte. O ja, sie hatte es nicht vergessen.

»Daß ich dich nie mehr gesehen habe! Ich komme doch so oft nach Creach. Wo warst du denn den ganzen Sommer?«

»Ich? Auf der Insel. Ich habe dich oft gesehen, ja. Doch halt, ich war ja nicht immer auf der Insel, ich war vierzehn Tage in Brest.«

»Nun, siehst du?«

Und Yvonne beeilte sich mir von ihren Erlebnissen in der Weltstadt Brest zu erzählen. Sie war da auch im Theater und hatte ein Stück gesehen, das Ohrfeigensalat hieß. Ein reicher Bauer kam nach Paris und mietete die Wohnung eines lebenslustigen Junggesellen und nun ging es los, er bekam Ohrfeigen von allen Seiten.

»Er erhielt immerzu Ohrfeigen,« erzählte Yvonne, »es kamen Gläubiger des Junggesellen, klatsch, Eifersüchtige, klatsch -- haha -- immerzu klatschte es.«

»Hahaha!«

Wir gingen vorgebeugt durch den Wind und sahen einander ins Gesicht, während wir plauderten und lachten. Yvonne sprach ganz hinten im Kehlkopf und ihr herzliches Lachen kam wie aus weiter Ferne.

»Wie alt bist du, Yvonne?«

»Laß sehen --? Ich bin neunzehn.«

Ich sah sie an. Sie war groß und stark.

»Und du hast doch einen Geliebten?«