Das Leben und die Meinungen von Herrn Tristram Shandy

Part 19

Chapter 193,752 wordsPublic domain

»Das Frauenzimmerchen rief den alten Mann und seine Frau her in die Stube und wies ihnen das Geld, daß sie mir ein Bett geben sollten und die kleine Pflege, die ich nötig hätte, bis ich erst ins Hospital gebracht werden könnte. Gut so, mein guter Freund, sagte sie und knüpfte den Beutel zu, -- ich will seine Ausgeberin sein. Aber da ich damit allein wohl nicht genug zu tun habe, so will ich auch seine Wärterin sein.

»Nach der Manier, womit sie das sagte, und nach ihrer Tracht, die ich nun ein bißchen genauer examinierte, dachte ich wohl, daß das Frauenzimmerchen wohl nicht des Bauern Tochter sein könnte.

»Sie ging schwarz vom Kopfe bis zu den Füßen und hatte ihre Haare unter einer weißleinenen Haube, die ihr ganz dicht am Kopfe lag. Es war, mit Euer Gnaden Wohlnehmen, eine von der Art Nonnen, die es in Brabant soviel gibt und die sie frei herumgehen lassen.« -- »Aus seiner Beschreibung, Trim, sollte ich schließen, daß es eine junge Begyne gewesen, von denen man sonst nirgends welche findet, als in den Niederlanden, und in Amsterdam auch. Sie sind darin von Nonnen unterschieden, daß sie ihr Kloster verlassen können, wenn sie heiraten wollen. Sie besuchen die Kranken und pflegen sie nach ihrem Gelübde. Ich wollte aber lieber, sie täten's aus gutem Herzen.«

»Sie hat mir oft gesagt, sie tät's aus Liebe zum Heilande. Das wollte mir nicht recht gefallen.« -- »Ich glaube, Trim, wir haben beide unrecht,« sagte mein Onkel Toby. »Wir wollen den Pfarrer Yorick darum fragen, wenn er heute abend nach meines Bruders Hause kommt. Erinnere Er mich nur daran.«

»Die junge Begyne,« fuhr der Korporal fort, »hatte kaum das Wort ausgesagt, daß sie meine Krankenwärterin sein wollte, als sie wie der Wind hinging, ihren Dienst anzutreten und was für mich zurechtzumachen. Es währte nicht lange -- ob schon es mich lange dünkte --, so kam sie wieder und hatte Flanell und dergleichen geholt. Und als sie mir mein Knie ein paar gute Stunden lang gekühlt und dergleichen und mir einen kleinen Napf Hafersuppe zu essen gegeben hatte, wünschte sie mir wohl zu schlafen und versprach des Morgens früh wiederzukommen. -- Aber, Euer Gnaden, sie wünschte mir was, das ich nicht haben konnte. Mein Fieber wurde die Nacht sehr stark. Ihre Gestalt richtete großes Unheil in meinem Kopfe an. Ich tat die ganze Nacht nichts, als daß ich immer die Welt in zwei Stücken schnitt, um ihr eine Hälfte abzugeben. Und alle Augenblicke weinte ich wieder, daß ich nichts hatte, als einen Tornister und achtzehn Gulden, mit ihr zu teilen.

»Die ganze Nacht stand die hübsche Begyne wie ein Engel vor meinem Bette, zog den Vorhang weg und gab mir was ein. -- Und ich wachte erst aus meinen Träumen dadurch auf, daß sie kam, wie sie versprochen hatte und mir wirklich eingab. Es ist gewißlich wahr, sie kam fast gar nicht von mir weg, und ich war so daran gewöhnt, von ihren Händen mein Leben zu nehmen, daß mir ganz bange ums Herz wurde und bleich im Gesicht, wenn sie nur aus der Türe ging. Und dabei doch,« fuhr der Korporal fort und machte eine der sonderbarsten Anmerkungen darüber,

»war's keine Liebe.

Es war an einem Sonntagnachmittag. Der alte Mann und seine Frau waren ausgegangen. Es war im ganzen Hause alles mausestill. Auf dem Hofe krähte weder Huhn noch Hahn, Als die hübsche Begyne kam und mich besuchte.

»Meine Wunde war nun auf gutem Wege der Besserung. Die Geschwulst hatte sich schon seit einiger Zeit gelegt, aber es folgte darauf sowohl über als unter dem Knie ein so unerträgliches Jucken, daß ich die ganze Nacht hatte kein Auge davor zutun können.

»Laß Er mich sehen, sagte sie, und kniete gerade vor meinem Knie auf die Erde nieder und begriff die Stelle unten daran.

»Es muß nur ein bißchen gerieben werden, sagte die Begyne. Damit legte sie das Bettlaken darüber und fing

an, mit ihrem vordersten Finger hin und her zu reiben unter dem Flanell herum, das über dem Verband gebunden war.

»In fünf oder sechs Minuten fühlte ich schon ein bißchen von der Spitze ihres Fingers -- und bald darauf streckte sie ihn auch aus und rieb mit zwei Fingern eine lange Weile so rund herum; da fiel mir's ein, daß ich verliebt werden würde. Ich wurde ganz rot im Gesicht, als ich sah was sie für eine weiße Hand hatte. Ja, Euer Gnaden, ich werde eine so schneeweiße Hand nicht wieder zu sehen kriegen, solange ich lebe.«

»An der Stelle nicht,« sagte mein Onkel Toby.

Es war zwar für den Korporal die ernsthafteste Verzweiflung von der Welt, er konnte aber doch nicht unterlassen zu schmunzeln.

»Als die junge Begyne sah,« fuhr der Korporal fort, »daß es gewaltig half, nachdem sie ein Weilchen mit zwei Fingern gerieben hatte, fing sie endlich an, mit dreien zu reiben, bis sie endlich nach und nach auch den vierten dazunahm und nun mit der ganzen Hand rieb. Ich will, mit Euer Gnaden Wohlnehmen, kein Wort wieder von schneeweißen Händen sagen -- aber sie war so weich, so weich, weicher als Atlas.«

»Höre Er, Trim, lobe Er sie, soviel als Er will,« sagte mein Onkel Toby, »ich werde seine Erzählung mit desto größerem Vergnügen hören.« -- Der Korporal dankte seinem Herrn ohne alle Verstellung. Da er aber nichts weiter von der Hand der Begyne zu sagen hatte als ebendasselbe noch einmal, so ging er weiter, zu ihrer Wirkung.

»Die schöne Begyne,« sagte der Korporal, »rieb immer, immer weg mit ihrer ganzen Hand unter meinem Knie, bis ich besorgte, ihr Eifer würde sie müde machen. Ich wollte noch wohl tausendmal mehr tun, sagte sie, aus Liebe zum Heilande. Und wie sie das sagte, fuhr sie über den Flanell herüber nach der Stelle über dem Knie, worüber ich auch geklagt hatte, und rieb sie ebenfalls.

»Nun merkte ich, daß ich anfing verliebt zu werden.

»Als sie das Reiben, Reiben, Reiben so forttrieb, so fühlte ich, mit Euer Gnaden Erlaubnis, daß es unter ihrer Hand anfing und sich durch alle meine Glieder ausstreckte.

»Je mehr sie rieb und je längere Züge sie tat, je mehr zündete sich das Feuer in meinen Adern an, bis endlich meine Verliebtheit auf den höchsten Gipfel stieg -- ich ergriff ihre Hand --«

»Und Er drückte sie an seine Lippen, Trim,« sagte mein Onkel Toby.

Ob es mit des Korporals Verliebtheit genau so ablief, wie mein Onkel Toby es beschrieb, das ist keine wesentliche Sache. Genug, daß sie alles das Wesentliche aller verliebten Romane in sich enthielt, welche von Anbeginn der Welt her geschrieben sind.

Hundertzwanzigstes Kapitel.

Sobald der Korporal seiner Liebesgeschichte, oder vielmehr mein Onkel Toby an seiner Statt, ein Ende gemacht hatte, -- marschierte Madame Wadmann ohne Sang und Klang aus ihrer Laube, steckte ihre Haube wieder unterm Kinn zu, passierte das kleine Heckenpförtchen und avancierte langsam auf meines Onkels Toby Schilderhaus los. Die Disposition, welche Trim in seinem Gemüte gemacht hatte, war ein zu vorteilhafter Umstand, ihn nicht zu nützen.

Die Attacke ward beschlossen; sie war dadurch noch mehr begünstigt, daß mein Onkel Toby dem Korporal befohlen hatte, den Spaten, die Pionierschaufel, die Steckpflöcke und das übrige Kriegsgerät, welches auf dem Platze, wo Dünkirchen gestanden, zerstreut herumlag, aus dem Felde zu fahren. Der Korporal war abmarschiert -- das Feld war offen.

Nun überlegen Sie, mein Herr, wie unvernünftig es sei, sowohl beim Fechten und Schreiben als sonst bei irgend etwas, das man vorhat -- es sei gereimt oder nicht --, nach einem Plane zu handeln. Denn wenn jemals ein Plan, von allen Umständen unabhängig betrachtet, verdiente mit goldenen Buchstaben registriert zu werden -- ich meine in den utopischen Archiven --, so war es gewiß der Plan von Madame Wadmanns planmäßiger Attacke auf meinen Onkel Toby in seinem Schilderhause. -- Nun aber war der Plan, der eben bei dieser Gelegenheit daran hing, der Plan von Dünkirchen -- und die Geschichte von Dünkirchen eine niederschlagende Geschichte, welche sich jedem Eindrucke widersetzte, den sie machen konnte. Und überdem, hätte sie ihm auch folgen können, war das Manöver mit den Fingern und der Hand bei der Attacke im Schilderhause durch das Manöver der Begyne in Trims Geschichte so sehr weit übertroffen, daß gerade dadurch diese besondere Attacke, so sehr sie auch vorher gelang, die allerherzloseste Attacke war, die nur gemacht werden konnte.

O, man lasse für so etwas das Frauenzimmer nur sorgen! Madame Wadmann hatte kaum das Heckenpförtchen geöffnet, als ihr Genie sich schon ein bloßem Spiel aus den veränderten Umständen machte.

Sie entwarf augenblicklich eine neue Attacke.

Hunderteinundzwanzigstes Kapitel.

»Ich bin halb von Sinnen, Herr Kapitän,« sagte Madame Wadmann und hielt ihr weiß holländisch-leinen Schnupftuch vor ihr linkes Auge, wie sie sich der Türe von meines Onkels Toby Schilderhause näherte. »Eine Mücke oder ein Sandkorn oder so etwas, ich weiß nicht was, ist mir da in mein Auge gekommen. -- O sehen Sie mir doch einmal hinein -- es ist nicht im Weißen.«

Sowie sie das sagte, drängte sie sich zu meinem Onkel Toby hinein auf die Ecke von seiner Bank und gab ihm Gelegenheit, es zu tun, ohne daß er aufzustehen brauchte. »Ich bitte, sehen Sie doch hinein!« sagte sie.

Gute ehrliche Seele! Du sahest hinein mit ebensoviel Unschuld des Herzens, als jemals ein Kind in einen Kasten voll schöner Raritäten geguckt hat, und es wäre eine ebenso große Sünde, dir etwas zuleide zu tun.

Will ein Mensch aus freien Stücken in dergleichen Dinger hineingucken, so habe ich nichts dazu zu sagen.

Das tat mein Onkel Toby niemals; und ich will für ihn Bürge sein, daß er vom Julimonat bis zum Januar -- welches, wie Sie wissen, die heißen und kalten Monate in sich faßt -- ruhig auf einem Sofa gesessen hätte bei einem eben so schönen Auge als das Auge der thrazischen Rhodope, ohne daß er imstande gewesen wäre zu sagen, ob es ein blaues oder ein schwarzes gewesen.

Die Schwierigkeit war, meinen Onkel Toby dahin zu bringen, daß er nur überall in eins sähe.

Die ist überstiegen. Und:

Ich sehe ihn dort mit seiner Pfeife in seiner Hand, die Asche herausfallend, wie er guckt und guckt, dann sich die Augen reibt und wiederum guckt, mit zweimal soviel Treuherzigkeit, als Galilei nach einem Flecken in der Sonne guckte.

Vergebens! Denn bei allen Mächten, welche die Sehwerkzeuge beseelen, der Witwe Wadmann linkes Auge scheint diesen Augenblick ebenso helle wie ihr rechtes. Es schwimmt darin weder Mücke, weder Sand, weder Staub, weder Kaff, weder Fleck, noch Teilchen von undurchsichtiger Materie. -- Du findest nichts darin, mein liebster Onkel von väterlicher Seite, als ein liebliches loderndes Feuer, welches verstohlenerweise aus jedem seiner Punkte in allen Richtungen heraus in deines schießt. Guckst du, mein Onkel Toby, nach diesem Stäubchen noch einen Augenblick länger -- so bist du verloren.

Hundertzweiundzwanzigstes Kapitel.

Ein Auge ist darin ganz vollkommen einer Kanone gleich, daß es nicht sowohl das Auge oder die Kanone an und für sich selbst tut, als die Richtung des Auges und die Richtung der Kanone, wodurch das eine und die andere so viele Verwüstung anrichten. Ich halte das Gleichnis nicht für schlecht. Indessen, da ich's ebensowohl des Nutzens als der Zierde wegen gemacht und an die Spitze des Kapitels gestellt habe, so ist alles, was ich dafür zur Vergeltung verlange, dieses, daß Sie solches, sooft ich von Madame Wadmanns Augen spreche -- einmal in den nächsten Perioden ausgenommen -- im Sinne behalten mögen.

»Ich versichere Sie, Madame,« sagte mein Onkel Toby, »ich kann ganz und gar nichts in Ihrem Auge gewahr werden.«

»Es ist nicht im Weißen,« sagte Madame Wadmann. Mein Onkel Toby guckte aus allen Kräften und Vermögen in den Stern.

Nun war von allen Augen, die jemals geschaffen sind -- von Ihren eigenen, gnädige Frau, bis auf die Augen der Venus zurück, welches doch wahrhaftig ein so buhlend Paar Augen waren, wie jemals in einem Kopfe gestanden --, kein einziges Auge so geschickt, meinen Onkel Toby um seine Ruhe zu bringen, wie gerade dasselbige Auge, in welches er da hineinsah. Es war kein rollendes Auge, Madame, kein tobendes oder mutwilliges, auch war's kein funkelndes, kein drohendes oder befehlendes Auge, das stracks viel fordern und ertrotzen wollte. Das hätte auf einmal jene Milch der menschlichen Natur gerinnen gemacht, aus der mein Onkel Toby gemolken war. Sondern es war ein Auge voll sanften Grußes und lieblicher Antworten. Es sprach nicht wie ein Trompetenregister in einer schlechtgebauten Orgel, in welchem Tone manches Auge, dem man etwas sagt, eine kreischende Unterredung führt, -- sondern es lispelte leise, gleich dem leisen Röcheln einer sterbenden Heiligen:

»Wie können Sie ohne alle Pflege leben, Herr Kapitän Shandy, und so einsam, ohne einen Busen, an den Sie Ihr Haupt lehnen oder dem Sie Ihre Sorgen vertrauen könnten?«

Es war ein Auge --

Aber ich werde mich noch selbst darin verlieben, wenn ich nur noch ein Wort weiter davon sage.

Meinem Onkel Toby machte es den Garaus.

Hundertdreiundzwanzigstes Kapitel.

Nichts setzt die Charaktere meines Vaters und meines Onkels Toby in ein unterhaltenderes Licht als ihre verschiedene Art des Betragens bei einerlei Zufalle. -- Denn ich nenne die Liebe keinen Unfall, aus der Überzeugung, in der ich bin, daß das Herz eines Menschen beständig dadurch besser wird. -- Gütiger Gott! Was müßte aus dem Herzen meines Onkels Toby geworden sein, das ohnedem schon lauter Güte war.

Mein Vater, wie aus vielen seiner Papiere erhellt, war dieser Leidenschaft sehr unterworfen, ehe er heiratete. Wegen einer etwas säuerlichen Art von schnurriger Ungeduld in seinem Wesen aber wollte er sich, sooft es ihn überkam, niemals als ein Christ darin finden, sondern tobte und schnaubte und stampfte und schlug hinten aus und stellte sich ungebärdig und schrieb so bittere Stachelschriften gegen das Auge, wie jemals ein Mann geschrieben hat. Eine findet sich noch, die er gegen irgendeines oder das andere Auge geschrieben hat, das ihn drei Nächte hintereinander am Schlaf gehindert hatte. Er hebt in der ersten Aufwallung seines Zorns also an:

»Ein Satan ist's -- und tut solch Unheil wirken, Als niemals noch geschah von Heiden, Juden, Türken.«[2]

Kurz zu sagen, während des ganzen Anfalls tat mein Vater nichts als schimpfen und schmähen. Es ging sogar bis zum vermaledeien. Nur tat er das nicht so methodisch wie Ernulphus. Da war er zu hitzig zu. Denn obgleich mein Vater mit der unbiegsamsten Gemütsart von der Welt dieses und jenes und alles unter der Sonne zu vermaledeien pflegte, was seine Liebe entzündete oder begünstigte, so schloß er doch niemals sein Vermaledeiungskapitel dagegen, ohne sich im Kauf mit zu verwünschen: als einen der größten Gimpel und Faselhänse, wie er zu sagen pflegte, die nur jemals in Gottes weiter Welt herumgelaufen wären.

Mein Onkel Toby dagegen fand sich darin, wie ein Lamm -- saß still und ließ das Gift in seinen Adern wirken, ohne Widerstand zu tun. -- In der schärfsten Eiterung seiner Wunde (wie bei der Wunde an seinem Latzbein) ließ er sich niemals ein störrisches oder mißvergnügtes Wort entfallen. Er tadelte weder Himmel noch Erde, dachte oder sagte niemals Schmähungen gegen jemanden oder jemandes Glied. Er saß einsam und ernst mit seiner Pfeife, sah auf sein lahmes Bein, hauchte ein empfindsames Ach! aus der Brust, das sich mit dem Schmauche vermischte und keinem Sterblichen lästig fiel.

Er fand sich darin wie ein Lamm, sage ich.

Hundertvierundzwanzigstes Kapitel.

Die Welt schämt sich, tugendhaft zu sein. Mein Onkel Toby wußte wenig von der Welt; und deswegen, als er fühlte, daß er in die Witwe Wadmann verliebt wäre, fiel es ihm ebensowenig ein, daß die Sache ein Geheimnis sein müßte, als wenn Madame Wadmann ihn mit einem Bugmesser in die Finger geschnitten hätte. Und hätte er es auch anders verstanden: Da er einmal seinen Trim beständig als einen ärmeren Freund betrachtete, und von Tag zu Tag neue Ursache fand, ihm als einem solchen zu begegnen, so würde das keine Änderung in der Art gemacht haben, womit er ihm von der Sache Nachricht gab.

»Ich bin verliebt, ehrlicher Trim!« sagte mein Onkel Toby.

Hundertfünfundzwanzigstes Kapitel.

»Verliebt!« sagte der Korporal, »Euer Gnaden befanden sich doch vorgestern noch ganz wohl, als ich Euer Gnaden die Historie vom Könige von Böhmen erzählte.« -- »Böhmen!« sagte mein Onkel Toby und dachte lange nach. »Was ist aus der Historie geworden, Trim?«

»Wir müssen, mit Euer Gnaden Wohlnehmen, ungefähr davon abgekommen sein. Aber Euer Gnaden waren ebensoweit vom Verliebtsein weg, als ich es bin.«

»Es war eben, als Er mit dem Schiebkarren abmarschierte -- mit der Witwe Wadmann,« sagte mein Onkel Toby. »Hier hat sie eine Kugel sitzen lassen,« setzte mein Onkel Toby hinzu und zeigte auf seine Brust.

»Sie kann mit Euer Gnaden Erlaubnis ebensowenig eine Belagerung aushalten, wie sie fliegen kann,« schrie der Korporal.

»Da wir aber Nachbarn sind, Trim, so ist es doch wohl der beste Weg, denke ich, ihr es erst in aller Güte anzuzeigen,« sagte mein Onkel Toby.

»Wenn ich so frei sein dürfte,« sagte der Korporal, »Euer Gnaden einen anderen guten Rat zu geben --«

»Warum spräche ich sonst mit Ihm davon, Trim?« sagte mein Onkel Toby.

»So würde ich damit anfangen, mit Euer Gnaden Wohlnehmen, daß ich wieder eine derbe donnernde Attacke auf sie machte und es ihr hernach in aller Güte mitteilte. Denn wenn sie vorher den geringsten Wind davon bekommt, daß Euer Gnaden verliebt sind --« »Ach, lieber Himmel! Sie weiß noch ebensowenig davon, Trim,« sagte mein Onkel Toby, »wie ein Kind, das noch geboren werden soll.«

Die guten Seelen!

Madame Wadmann hatte es schon, mit allen Umständen, ihrer Brigitte vierundzwanzig Stunden vorher erzählt und saß in ebendem Augenblicke und hielt Kriegsrat mit ihr über einige kleine Zweifel, wie die Sache ablaufen möchte, die ihr der Meister Hämmerling, der bei solchen Vorfällen niemals zu schlafen pflegt, in den Kopf gesetzt hatte, ehe er ihr erlauben wollte, daß sie ihr +Te deum+ mit Ruhe halb aussänge --

»Mir ist erschrecklich bange,« sagte Madame Wadmann, »im Fall ich ihn heiraten sollte, Brigitte, daß der gute Kapitän mit seiner ungeheuren Wunde in der Hüfte niemals recht gesund sein möchte.« -- »Sie mag wohl nicht so schlimm sein,« versetzte Brigitte, »als Sie denken, und ich glaube auch überdem,« fügte sie hinzu, »daß sie zugeheilt ist.« --

»Das möchte ich doch wohl wissen, bloß seinetwegen,« sagte Madame Wadmann.

»Wir wollen erfahren, wie lang und breit sie ist,« antwortete Jungfer Brigitte, »ehe noch zehn Tage vorbei sind. Denn derweile der Herr Kapitän Ihnen seine Aufwartung macht, wird sein Korporal Trim, das weiß ich, seine Liebe bei mir anbringen wollen. Und ich will ihn ruhig machen lassen, was er will,« setzte Brigitte hinzu, »um alles von ihm herauszukriegen.«

Die Maßregeln wurden den Augenblick genommen. Und mein Onkel Toby und der Korporal gingen weiter mit den ihrigen.

»Nun,« sagte der Korporal, wobei er seine linke Hand in die Seite stemmte und mit der rechten einen solchen Schwung durch die Luft tat, der einen glücklichen Ausgang -- und mehr nichts -- versprach. »Wenn Euer Gnaden mir die Erlaubnis geben wollen, den Plan zu dieser Attacke zu machen.« --

»Er wird mir damit einen großen Gefallen erweisen, Trim,« sagte mein Onkel Toby. »Und da ich schon vorher sehe, daß er ihn als mein Adjutant wird mit helfen ausführen müssen, so hat er hier ein paar Gulden, daß er sein Patent in ein Glas Wein tauchen kann.«

»Nun, so wollen wir denn, mit Euer Gnaden Wohlnehmen,« sagte der Korporal -- und machte dabei einen Bückling für sein Avancement -- »damit anfangen, daß wir Euer Gnaden besetzte Kleider aus dem großen Feldkasten hervorholen und brav auslüften lassen, und wollen die Aufschläge mit Gold auf die Ärmel heften. Und ich will die weiße Knotenperücke frisch aufwickeln und zum Schneider gehen, daß er Euer Gnaden scharlachene Hosen kehrt.«

»Ich tue wohl besser, Trim, daß ich die rotplüschenen anziehe,« sagte mein Onkel Toby. »Die werden zu schlecht sitzen,« sagte der Korporal.

Hundertsechsundzwanzigstes Kapitel.

»Putz' Er meinen Degen mit einer Bürste und ein wenig Kreide.« -- »Es soll geschehen, wie Euer Gnaden befehlen,« versetzte Trim.

Hundertsiebenundzwanzigstes Kapitel.

Unterdessen mein Vater seine schriftliche Instruktion abfaßte, waren mein Onkel Toby und der Korporal beschäftigt, alles auf die Attacke vorzubereiten. Da der Gedanke, die feinen scharlachenen Beinkleider kehren zu lassen, aufgegeben war -- fürs erste zum wenigsten --, blieb nichts mehr im Wege, warum sie weiter hinausgesetzt werden müßte, als auf den nächsten Morgen. Also ward sie auf elf Uhr festgesetzt.

»Komm, mein Kind,« sagte mein Vater zu meiner Mutter. »Es wird für einen Bruder und eine Schwester ganz wohlgetan sein, wenn wir beide ein wenig nach meines Bruders Hause hinübergehen und ihm bei seiner Attacke ein wenig mit Rat und Tat beistehen.«

Mein Onkel Toby und der Korporal Trim waren schon seit einiger Zeit in vollem Putze, und als mein Vater und meine Mutter hereintraten, standen sie, da es eben elf Uhr schlug, schon auf dem Sprunge, den Marsch mit dem linken Fuße anzutreten. Die Beschreibung hiervon aber ist mehr wert, als in das Ende eines Kapitels, wie dieses, hineingewebt zu werden.

Mein Vater hatte nur gerade soviel Zeit, seine Instruktion meinem Onkel Toby in die Rocktasche zu stecken und ihm, mit meiner Mutter zugleich, viel Glück zu seiner Attacke zu wünschen.

»Ich hätte wohl Lust,« sagte meine Mutter, »durchs Schlüsselloch zu gucken, aus Neugierde.« -- »Nenne nur das Kind beim rechten Namen, mein Schatz,« sagte mein Vater --

»Und gucke durchs Schlüsselloch, solange wie du willst.«

Hundertachtundzwanzigstes Kapitel.

Obgleich der Korporal sein Wort ehrlich gehalten und meines Onkels Toby große Dreiknotenperücke auf Pfeifenstiele gewickelt hatte, so war doch die Zeit zu kurz, daß es sonderlich große Wirkung hätte tun können. Sie war manches liebe Jahr in einer Ecke seines alten Feldkastens zusammengequetscht worden. Und da sich schlimme Falten nicht so leicht herausmachen lassen und ihm der Handgriff mit den Enden von Talgkerzen nicht so geläufig war, so war es keine so lenksame Arbeit, wie man wohl denken möchte. Der Korporal trat wohl ein Schock Male mit funkelnden Augen und beiden Armen ausgestreckt in gerader Linie von ihr zurück, um ihr, wo möglich, eine bessere Miene einzuflößen. Hätte die Grämlichkeit einen Blick darauf geworfen, es würde Ihro grämlichen Gnaden ein Schmunzeln abgelockt haben. -- Sie fiel allenthalben in Locken, nur nicht da, wo es der Korporal haben wollte und wo eine oder ein paar Wellen ihr nach seiner Meinung würden Ehre gemacht haben. Da hätte er ebensoleicht einen Toten erwecken können.

So sah sie aus -- oder vielmehr, so würde sie auf jedem anderen Gesichte ausgesehen haben. Der sanfte Blick der Güte aber, der auf dem Gesichte meines Onkels Toby saß, machte jedes Ding in seiner Nähe mit so unwiderstehlicher Macht sich selbst ähnlich. Und dabei hatte die Natur mit so leserlichen Buchstaben in jeden Zug seiner Miene geschrieben: ~ein feiner Mann~, daß ihn selbst sein abgebleichter goldener Tressenhut und die große Hutschleife von schlaffem Taffetband gut kleidete. Obgleich an sich selbst kein Scherflein wert, wurden sie doch den Augenblick, da mein Onkel Toby sie aufsetzte, Dinge von Bedeutung und schienen ausdrücklich von der Hand der Wissenschaft ausgesucht zu sein, ihm ein Ansehen zu geben.