Das Land unserer Liebe

Part 19

Chapter 193,480 wordsPublic domain

»Sie -- ist nicht -- wiedergekommen?! Ich war vor zehn Minuten schon einmal hier, um nach Fräulein Carstensen zu fragen -- man sagte mir, sie sei nach Hause gegangen -- ich ging zur Villa Carstensen ... Da ist sie auch nicht ... ist überhaupt gar nicht da gewesen ...«

Robert Timmermanns griff sich an den Kopf. »Sie machen einen ganz verständigen Eindruck, Fräulein -- aber alles, was Sie mir da erzählen -- bitte, nehmen Sie sich ein wenig zusammen -- und sagen Sie mir kurz und bündig, was Sie zu sagen haben.«

Und nun erzählte Antje. Ihr Bericht war klar wie ein Diktatbrief ihres Chefs.

Der Generaldirektor hörte ihr mit gespannter Aufmerksamkeit zu, ohne sie auch nur durch einen Ausruf, einen Laut zu unterbrechen.

»Fräulein,« sagte er dann mit einer Gelassenheit, durch die nur leise das Beben seiner Erschütterung hindurchschwang, »Sie wissen, was auf dem Spiele steht. Die Amerikaner dürfen's nicht merken -- Sie verstehen mich. Ich werde niemanden benachrichtigen als -- als meinen Bruder, der glücklicherweise drinnen im Saal ist. Und, Fräulein -- Ihren Herrn Chef werden wir auch in Kenntnis setzen müssen.«

Er winkte dem alten Charlie -- der stand wie eine Mumie an der Saaltür, hinter der eben jetzt aufs neue die lockenden Tanzweisen aufquirlten.

»Kennen Sie meinen Bruder, den Leutnant Timmermanns? Ich muß ihn sprechen. Holen Sie ihn heraus -- und auch den Herrn Präsidenten. Aber so, daß es nicht auffällt -- verstanden?«

Der Diener nickte wortlos. Die Saaltür öffnete sich, eine Sekunde lang blitzte das Fest in die Dämmerung der Diele hinaus, jubilierten die Geigen, rauschten die Akkorde des Flügels, schwebte der Tanz einher. Antjes Seele schrie. Bob Timmermanns stand unbeweglich, das harte Gesicht in scharfem Überlegen zusammengekrampft.

Im Augenblick, da der Alte die Tür von draußen schließen wollte, schlüpfte ein zierliches Figürchen an ihm vorüber, von perlmutterfarben schillernden Pailletten überrieselt, spähenden Blicks -- Bessie ... Hatten ihre Indianersinne die Witterung des drangvollen Moments?

»Verdammt -- die fehlt uns gerade ...« zischte Timmermanns.

Aber schon hatte Bessie ihre Freundin Antje erkannt. Sie raschelte heran, streckte beide Hände aus.

»Oh, das ist schön, daß Sie kommen, Miß Antje. -- Ich habe mich den ganzen Abend nach Ihnen gesehnt! Warum sind Sie nicht auf dem Fest? Sie gehören doch auch dazu ... Ich wette, Sie haben wegen dieses Schiffes mehr Briefe geschrieben als alle anderen Menschen zusammengenommen! -- Aber -- was haben Sie? Sie sind ja so aufgeregt? Und auch Sie, Mister Bobbie.«

Sie ließ sich nicht beruhigen. »Nein, nein, mir macht keiner was vor -- stimmt etwas nicht in Ihrem Stapellauf? Es wäre entsetzlich ...«

»Fräulein Bessie,« sagte Timmermanns, der von ihrem hastigen Englisch natürlich keinen Ton verstand, aber den Sinn ihrer Fragen erriet, »gehen Sie ruhig wieder hinein -- ich komme gleich zurück, Sie haben mir den nächsten Boston versprochen ... Fräulein Tietgens hat etwas Geschäftliches mit mir zu bereden -- zu Unruhe ist nicht die leiseste Veranlassung ...«

Umsonst -- da kamen schon die Herren -- der Leutnant, der Präsident. Und Bessie war nicht abzuschütteln ...

»Nein, nein, ich gehe nicht fort ... Ich will wissen, was los ist ... Vor allem will ich wissen, wo Miß Ilse ist ...«

Es blieb nichts übrig -- man mußte in ihrer Gegenwart Antjes Bericht entgegennehmen.

Mit der letzten Anspannung seiner Willenskraft hörte Georg Freimann seine Mitarbeiterin an. Was die sagte, war unbesehen als Wahrheit anzunehmen. Aber -- -- welche Kunde!!

Die »Deutschland« in Gefahr -- Ilse verschwunden -- Heinz wiedergefunden, aber in höchster Not ...

Ein Schwindel wollte den Reeder umwerfen. Gewaltsam raffte er sich zusammen -- und übernahm sofort die Führung.

»Miß Bessie, Sie haben gehört und verstanden, nicht wahr? Ich erwarte von Ihrer Freundschaft zu uns allen, daß Sie Ihrem Vater und Ihren Landsleuten gegenüber schweigen werden. Versprechen Sie mir das?«

Das Mädchen kämpfte vergebens mit den Tränen. »Miß Ilse!« stammelte sie schluchzend, »o Gott, wo ist Miß Ilse?!«

»Davon später! Ihre Hand, Miß Bessie -- Sie werden die Ihrigen nicht unnütz und vorzeitig beunruhigen? Gut -- so bleiben Sie ... Herr Generaldirektor -- Sie übernehmen ja wohl den Schutz der Werft. Mein Wagen wird Sie zum Hafen bringen. -- Sie alarmieren die Hafenpolizei, außerdem werde ich Ihnen noch zwei oder drei Ihrer jungen Herren herausschicken ... Genügt das? Oder haben Sie noch Wünsche oder Fragen?«

»Nein, Herr Präsident!« sagte Robert fest.

»Gut -- so bleiben zwei weitere Fragen: Wo ist Fräulein Ilse Carstensen -- und wo ist mein Sohn? Haben Sie eine entfernte Vorstellung, Fräulein Tietgens, was mit den beiden geschehen sein könnte?«

»Nein, Herr Präsident«, flüsterte Antje. »Nicht die leiseste Ahnung ... Aber ich fürchte, ich fürchte ...«

»Was fürchten Sie?!«

»Ich weiß -- daß mein Bruder ...« Schamglühenden Gesichtes verstummte sie.

»Ihr Bruder hat schon seit Monaten Fräulein Carstensen beunruhigt --« sagte Robert. »Wir wissen es, Fräulein Tietgens. Glauben Sie, daß -- halten Sie es für möglich -- -- mein Gott, das wäre ja entsetzlich ...«

»Ich ... kann mir wenigstens Fräulein Carstensens Verschwinden -- nur auf diese Weise erklären --« stammelte das gepeinigte Mädchen.

»So ... das ... halten Sie für möglich«, sagte Georg Freimann durch die Zähne. »Und wohin könnte er sie ... mein Himmel -- -- Hamburg ist groß ...«

Verzweifelt zuckte Antje die Achseln.

Die kleine Bessie hatte bislang stumm und gespannt gelauscht. Jetzt trat sie hastig einen Schritt vor:

»Ich weiß, wo Miß Ilse ist! Mister Freimann, geben Sie mir einen tapferen jungen Mann zur Begleitung, mehr brauche ich nicht. Mister Timmermanns soll sich Polizisten holen, ich werde mir auch Polizisten holen. Aber außerdem brauche ich einen tapferen und eleganten jungen Mann zur Begleitung. Geben Sie mir den, ich werde Miß Ilse finden und befreien.«

Sie ließ sich auf keinerlei weitere Erklärungen ein. Aber ihre Bestimmtheit hatte etwas dermaßen Ansteckendes und Beruhigendes --

»Gut«, entschied Georg Freimann. »Sehen Sie sich diesen Herrn da an -- Sie wissen, es ist der Bruder des Herrn Generaldirektors Timmermanns -- würde der Ihren Ansprüchen genügen?«

Bessie musterte den Leutnant mit scharfer Prüfung.

»Er tanzt sehr gut, dieser Herr -- er hat auch sehr viele Orden, also ist er jedenfalls sehr tapfer gewesen -- er genügt mir. Kommen Sie, Mister Timmermanns.«

»Ich vertraue Ihnen Fräulein Bessie an, Herr Leutnant«, sagte Freimann. »Ich weiß, Sie werden sich eher in Stücke reißen lassen ...«

»Dessen können der Herr Präsident sicher sein«, sagte Armin.

»Gut -- so bliebe noch zu überlegen, ob wir nichts für meinen -- Sohn tun können ...«

Und abermals stand Antjes zuckendes Gesicht in dunkler Glut.

»Er wohnt bei meinen Eltern ... Wenn er irgendwo zu finden ist, dann ist er dort ... Ich will hingehen ... Es ist wenigstens eine entfernte Möglichkeit ...«

Wiederum griff die kleine Amerikanerin ein. »Wir gehen nachher alle mit Ihnen, Miß Antje, und suchen den jungen Mister Freimann. Vorher aber suchen wir Miß Ilse -- und Sie, Sie gehen mit uns. Wir werden in die schlimmen Viertel gehen -- und Sie, Sie kennen sich aus in den schlimmen Vierteln ... Miß Ilse haben wir in einer halben Stunde -- dann ist immer noch Zeit, Mister Freimann zu suchen ...«

»Miß Bessie,« sagte der Präsident, »ich mache mir schwere Gewissensbisse, Sie ohne Zustimmung Ihres Vaters in ein Abenteuer --«

»Oh, oh, Mister Freimann, nein, nein. -- Sie werden doch meinen guten +Daddy+ nicht aufregen! Ach nein, der ist solche kleine Überraschungen von mir gewohnt ...«

»Jedenfalls ist es mir eine große Beruhigung, Fräulein Tietgens, daß Sie mit von der Partie sind ... Mein Gott, welche Zeit, welche Zeit ...«

»Herr Präsident,« sagte Robert Timmermanns, »es ist jetzt alles aufs beste überlegt. Gehen Sie ruhig zu Ihren Gästen zurück -- die dürfen unter keinen Umständen etwas merken. Dazu brauchen Sie ihre Nerven. Alles andere überlassen Sie ruhig Ihren Getreuen ...«

Als die drei jungen Ingenieure der Werft, die Georg Freimann zusammengesucht hatte, sich im Vestibül einfanden, trafen sie den Generaldirektor bereits im Pelz. »Vorwärts, vorwärts, meine Herren ... das Auto wartet ... Ich erkläre Ihnen draußen alles.«

Armin strahlte wie ein Sekundaner beim ersten Rendezvous, als er der kleinen Amerikanerin den Arm bot. »Gnädiges Fräulein -- ich habe in Krieg und Frieden manche nächtliche Streife mitgemacht -- aber noch nie mit einer Dame am Arm ...«

Bessie, bis zur Nasenspitze in einen Sealpelz von märchenhafter Kostbarkeit gehüllt, schob ihre feste kleine Rechte in den straffen Arm ihres Kavaliers -- mit der Linken zog sie Antje an sich heran.

»Wir werden gehen an ein sehr schlimmes Platz ... Ich noch nicht weiß, wie zu kommen hinein ... Ich werde sein ein kleines Mädchen von der Straße ... und will gehen mit Sie zu solch eine Platz, wo er will bleiben mit ihr in diese Nacht ...«

»Donnerwetter!« schmunzelte Armin. Aber er schämte sich sofort. Die Lage war verteufelt ernst.

Die drei traten in den Park hinaus. Ein frühlingslauer Nachtsturm tobte ihnen entgegen.

»Also kommt ... Ich weiß sehr genau das Weg ... nur ich weiß nicht, wo zu finden das nächste +Police office+ ...«

»Das weiß ich«, sagte Antje. »Aber schnell, schnell, Miß Bessie ...«

Unter den sturmgepeitschten Ulmen des Harvestehuder Weges warteten das Carstensensche und das Freimannsche Auto. Wenige Sekunden später sausten beide davon -- das eine zum Hafen, das andere zur Neustadt.

Georg Freimann aber hatte schon längst mit strahlendem Gesichte den Saal betreten. Der Tanz war wieder flott im Gange. Amerika und Deutschland plauderten, flirteten, stepten, becherten um die Wette. Es war nichts vorgefallen -- gar nichts.

»Ich gratuliere Ihnen, lieber Freund«, sagte Elias Patterson und klopfte dem Hausherrn bewundernd auf die Schulter. »Ein ganz entzückendes Fest -- ein glückliches Omen für morgen -- und ein vielversprechender Auftakt für die Reihe von angenehmen Tagen, die Ihre Gastfreundschaft uns bereiten wird ... Ihr seid doch Mordskerle, ihr Deutschen ...«

7

Entsetzlich, mit solch aberwitzigen Träumen ringen zu müssen -- -- und sich nicht wachkämpfen zu können ... Es war ja, dem Himmel sei Dank, nur ein Traum, das alles ... Gleich würde sie aufwachen ... in ihrem behüteten Bettchen daheim -- und die abscheuliche Vision abschütteln mit einem befreienden Aufatmen ... diese ekelhaften Wahnbilder von einem angstvollen Gang durch den Freimannschen Park -- um irgendwen -- wen nur? -- zu treffen -- von einem Auto, in das man vertrauensvoll einstieg, um diesen jemand zu finden. Von einer frechen Umarmung -- einem abscheulichen, süßlichen, erstickenden Geruch -- von mühsamer Gegenwehr gegen ein grausiges, unfaßliches Etwas, das sich auf Lunge und Willen stürzte ...

Himmel, wie schwer der Schlaf -- wie mühsam dieser Kampf um das erlösende Erwachen ... Eine Angst schwoll in Ilses Brust. -- Mein Gott -- wenn das alles am Ende gar kein -- Traum -- gewesen wäre -- sondern --

Mit letzter Anspannung rüttelte Ilse an den verschlossenen Pforten des Erwachens -- nun richtete sie sich empor, nun riß sie krampfhaft die Augen auf -- -- und schloß sie sofort wieder, von Grausen durchfröstelt bis ins Mark. Nein -- der Traum war noch immer nicht abgeschüttelt ... oder -- --?!

Und abermals hob sie mühsam die Lider -- -- und sah -- -- und sah -- -- sah sich -- -- nicht im Nachtgewande, nicht in ihrem behüteten Bettchen -- nein, in ihrem meergrünen Gesellschaftskleide, mit bloßen Schultern, denen der pelzgefütterte Abendmantel entglitten war -- -- wo? Auf einem verschlissenen verstaubten Diwan, inmitten eines Berges abgeschabter Kissen, die nach alten, schlechten Parfüms und kaltem Zigarettenqualm rochen ... verknitterte Samtportieren -- ein Taburett, darauf ein Sektkühler mit zwei goldenen Flaschenhälsen -- zwei Schalen, in denen die Perlen leise knisternd aufstiegen ...

Wahnsinn!! Gegenüber ein aufgeschlagenes Bett ... aufgleißend im matten Schein einer roten Ampel ...

Und neben dem Bett saß ... ein Dämon ... ein Tier mit lauerndem Basiliskenblick ... er ... der Kerl ...

Ein einziger wilder Schrei des Entsetzens -- dann hatte Ilse begriffen. Und schon hatte sie sich gefaßt. Sie erstarrte in der Haltung einer unnahbaren Königin. Sie wußte, daß sie verloren war. Und ihre Hände tasteten, ihre Augen spähten umher nach einem Werkzeug, sich die hämmernden Adern zu öffnen.

»Na, mien Deern -- glücklich opwokt!« grinste der Unhold. »Wat heff ick di seggt --?! Mien Kamroden in Rußland -- --«

Seltsam -- Ilse Carstensen empfand eigentlich keine Angst. Nicht ein Mensch, ein Deutscher, ein Landsmann -- ein betrunkener Gorilla ... Was diese glotzenden Augen heischten, diese zusammengekrampften Fäuste zu erzwingen willens waren, das war vollkommen unmöglich -- das würde nie geschehen. Und ihre schmalen Lippen sprachen im Ton unsäglicher Verachtung über den Abgrund der Klassen hinüber:

»Ich wünsche ungestört zu bleiben. Machen Sie, daß Sie fortkommen!«

Über Tedjes Haupt klang in diesem Augenblick ein dunkles Rauschen. Er kannte es -- aus den Erzählungen seiner Kameraden im Felde, wenn eine größere Unternehmung bevorstand. Dann hatte der oder jener seiner liebsten Kriegsgesellen ihm heiser flüsternd dies Gefühl beschrieben ... und von denen, die sich solchermaßen ihrer Angst zu entlasten versucht hatten, war niemals einer wiedergekommen.

Da ächzte der wilde Tedje -- und in seinem fiebergeschüttelten Körper schäumte gieriger Lebenshunger, quälender Durst nach Helle, Glück, Genüssen empor ... Die Stunde war da, die er ewig ersehnt hatte. Die lichte, die obere Welt ... Die Welt, die nichts von Schmutz und Schweiß, von Frost und Hunger, von eintönig freudloser Arbeit und stumpfsinnigen, tierischen Genüssen weiß. Die Welt voll Inhalt, voll Seele, voll Sinn ...

Und wie sie da vor ihm sich auftat -- das Sinnbild seiner Träume, in seiner Hand, ihm verfallen, wehrlos, rettungslos -- da fühlte, da wußte sein dumpfgrübelndes Hirn, daß er sie ja doch nie erfassen, nie besitzen, nie -- haben könnte ... Sie an sich reißen, wie man ein kostbar gebundenes Buch rauben mag, ein Buch, dessen Lettern man nicht lesen kann -- ja, das vermochte er ... Ein solches Buch kann der Räuber verschmutzen, zerreißen, zerstampfen -- begreifen, erfassen, erleben kann er es nicht.

Das alles schoß als mystisches Ahnen durch den Kopf des wilden Tedje ... Das lähmte ihm den gierenden Willen, den tierischen Trieb. Ein grenzenloses Mitleid mit sich selber überkam ihn, ein tiefer Ekel vor der schmutzigen Niedrigkeit seiner Existenz, aus der er selber nichts zu machen gewußt. Selbst seine Schönheit, die ihm unzählige Frauen seines Bereichs als willenlose Beute in die Arme getrieben, seine Manneskraft, der Dunst der Gefährlichkeit, der ihm den Respekt seiner Feinde, sogar seiner Vorgesetzten im Felde verschafft hatte -- in dieser Frau erweckte das alles nichts als Ekel und Abscheu -- kaum Haß, ja nicht einmal Furcht, nicht einmal Abwehr ... Die Welt seiner Sehnsucht lehnte ihn ab, stieß ihn aus, ganz selbstverständlich, ganz tatlos, durch ihre bloße Gegenwart, durch ihre eisige Fremdheit, ihre weltenweite Ferne ...

Gut denn -- und wenn er sie denn niemals haben, niemals erleben soll -- die Welt seiner Träume -- so soll sie wenigstens zertrümmert sein.

Langsam, von Selbstekel und Zerstörungswollust geschüttelt, erhob sich der wilde Tedje. Geduckten Hauptes, wie der Kampfstier in die Arena schreitet, tappte er auf das niedere Tischchen zu, auf dem die goldbehalsten Flaschen, die gefüllten Kristallschalen seine Sehnsucht höhnten. Und da fuhr auch das Mädchen empor. Jetzt hob der Mann die arbeitsharte Tatze, sie krampfte, sie krallte sich zusammen, die blassen Schultern der »Zarentochter« mit wütendem Griff zu packen. Da nahm Ilse Carstensen mit einer gelassenen Bewegung eine der Sektschalen und stieß sie dem Bedränger ins glutgedunsene Gesicht, daß sie klirrend zersprang.

Tedje taumelte, von Wein und Blut überströmt -- und fühlte zugleich eine Faust in seinem Nacken. Die Tür hinter ihm war aufgeflogen -- ein Herr im Frack -- Schutzmannshelme -- --

Aber schon hatte der Arbeiter sich losgemacht. Ein Sprung -- ein Griff in das aufgeschlagene Bett -- die Daunendecke flog dem Befrackten entgegen, umhüllte ihn sekundenlang, daß er wankte -- den nachdrängenden Beamten in die Arme sank -- -- und jetzt -- Höllenspuk! jetzt klaffte an der Wand zwischen Bett und Diwan ein meterbreiter schwarzer Spalt ... ein Hohngelächter gellte -- der Spalt schloß sich --

Tedje Tietgens war verschwunden -- wie weggeweht.

Ein Beben rann durch Ilse Carstensens hochaufgerichtete Gestalt. Ein Schrei des Entsetzens und der Erlösung zugleich ...

Und schon war das enge Gelaß mit Menschen wie gestopft. Armin Timmermanns hatte sich freigemacht, schoß auf Ilse zu:

»Zur rechten Zeit gekommen, gnädiges Fräulein?!«

Stumm nickte das Mädchen -- bot ihrem Retter die eiskalte Hand. Der zog sie ritterlich an die Lippen ... Und jetzt -- jetzt schwirrte ein helles Triumphlachen -- und da streckte Bessie der geretteten Freundin ihr festes Händchen entgegen, fiel ihr jauchzend und schluchzend um den Hals ... und jetzt -- hoch lauschte Ilse auf -- durch das wirre Brausen erregter Männerstimmen hatte sie eine Stimme vernommen --

Gewimmel der Polizisten, die alle Möbel abrückten, Teppiche und Bilder aufhoben, um nach der Feder zur geheimen Tür zu fahnden, durch die der Attentäter verschwunden war.

Sie stießen eine scheußliche, schlotternde, greinende Vettel in die Mitte des Raumes ...

»Olle Düwelsbroden, wies uns dei Fedder, süß brekt wi di alle Rippen in'n Liew kaput ...«

Und jetzt -- durch die Reihen der Behelmten drängte sich ein junger Mann in einer Matrosenbluse ...

»Ilse --!!«

Da warf Senator Carstensens stolze Tochter sich an des Verlobten Brust. Vergebens Fragen, Bitten, Tröstungen. Sie weinte -- weinte -- weinte.

8

Über den unruhig wogenden Elbstrom, vom Sprühschaum umstiebt, sauste ein leise fauchendes Motorboot. Am Steven, fieberhaft nach vorn spähend, als könne sein Blick die Mitternachtsschwärze durchdringen, stand Robert Timmermanns -- den Zylinder fest in den Nacken geschoben, den Paletot überm Frack. Neben ihm ein Polizeileutnant, im Boot ein Vierteldutzend junger Ingenieure der Werft und zwölf Schutzleute, Karabiner umgehängt, Revolver im Gurt.

»In dieser Nacht, Herr Generaldirektor,« flüsterte der Polizeileutnant, »rückt die Armee der Ordnung in die Stadt Berlin ein ... Morgen früh sitzt die Regierung der Republik hinter Schloß und Riegel ... In acht Tagen herrscht wieder Zucht und Recht in Deutschland.«

»Gott geb's!« knurrte Robert. »Mir ist's im Augenblick wichtiger, daß wir noch zurecht kommen, ehe sie uns die ›Deutschland‹ in die Luft sprengen.«

Kommen wir zu spät, dachte er bei sich -- dann schieß' ich mir eine Kugel aus Armins Karabiner in den Schädel.

Schade wär's doch --! sann er grimmig. Es fing gerade an, ein bißchen nett zu werden -- das Leben. United Transatlantic Lines -- Generaldirektor -- Stapellauf der »Deutschland« -- und ich laß mich hängen, wenn ich die tolle kleine Yankeemaid nicht doch noch ein bißchen lieber habe, als ich diese unheimlich vornehme Ilse jemals hätte haben können ... Na -- wollen sehen ... Wenn mir von den Saboteuren einer zwischen die Klauen kommt, dem sei Gott gnädig ...

Auf der Werft alles still. Der riesige Würfel des Verwaltungsgebäudes zur Linken -- gegenüber das phantastische Gefüge des hochgetürmten, breit hingelagerten Helgengerüstes -- und darunter wie ein Gebirge massig aufwuchtend der dunkle Gigantenleib der »Deutschland« -- alles lag in gelassen rastendem Schweigen.

Da stieß -- des Polizeileutnants Fuß plötzlich an etwas Weiches ... Dies Gefühl kannte er -- aus hundert Nachtgefechten ...

Eine Taschenlampe blitzte auf: ein lebloser Mann -- an seinem Hals ein gräßlich klaffender Schnitt -- Blutgüsse auf Kleidern und Fußboden ... Bob Timmermanns erkannte den Toten: ein braver Werftwächter ...

»Ihr Hunde --!« knirschte er, »ihr Hunde!«

Weiter -- weiter! Heran an die Helling, heran an das Schiff! Wir dürfen nicht zu spät kommen! Da -- ein paar Gestalten, die sich niedergekauert, springen auf, rasen gehetzt von dannen. ... Schon fliegen die Karabiner an die Backen, Schüsse blitzen hinter den Fliehenden drein -- weiter! weiter! Der hastige Gang wird zum Lauf -- da sind wir am Schiffsrumpf -- steil klaftert die Eisenwand sich empor, vom Gewirr der Gerüste und Laufstege befreit, bereit, in die Flut zu gleiten ...

Schau! Glimmt dort nicht etwas am Boden?! Hölle und Teufel, eine Zündschnur ... Mit den mächtigen Tatzen zerdrückt Bob Timmermanns die Glut ... Mit dem Lichtkegel der Laterne verfolgen sie die Schnur: Da steht eine Blechkiste, groß genug, um ein ganzes Geschwader in die Luft zu sprengen ... Und da -- noch ein Toter -- nein, ein Sterbender ... Bob Timmermanns kennt das Gesicht, aber nicht den Namen ... Ein Blondkopf mit großen, halb offenen Träumeraugen -- hinter dieser Stirn hätte man alles andere gesucht als einen Dynamitarden ... Er ist gut getroffen ... aus seiner Schlagader rinnt matter schon der pulsende Strahl. Er öffnet den Mund -- will etwas sagen -- aber es kommt kaum noch ein Hauch ... Es klingt wie: Antje ...

Hast gebüßt, Gesell. Zieh hin, wo auf dich wartet, was du verdient hast.

Sie haben gut gesorgt, die Hunde. Mittschiffs eine zweite Kiste aufgebaut, am Heck eine dritte. Vor allem die Zündschnuren durchschneiden! Unnütze Vorsicht -- die haben sie nicht einmal mehr in Brand gekriegt -- außer der einen.

Der Polizeileutnant teilt eine Wache und Patrouillen ein. Das ganze Werftgelände wird abgestreift, ein paar junge Kerle, die sich versteckt hatten, werden eingefangen und unsanft vor den Leutnant geführt. Schluchzend gestehen sie ihre Teilnahme an dem Komplott. Aufgefordert aber, die Namen der Rädelsführer zu nennen, schweigen sie, halb angstvoll, halb verbissen. Einen Kameraden verraten? Das tut man nicht -- außerdem würde es einem schlecht bekommen. -- Einer ist gefallen -- kennt ihr den? Sie werden zu dem Toten geführt: Ja -- das ist der Mönkebüll.

Still liegt das weite Werftgelände, still dahinter zieht der Fluß seine Bahn zum Meer. Hamburg schläft, Altona schläft. Die paar Schüsse haben die Stadt der Arbeit nicht aus dem Schlummer geweckt.

* * * * *

Bob Timmermanns saß in seinem einsamen Bureau und braute sich einen Grog. Über ihn kam eine furchtbare Müdigkeit. Verflucht, waren das Tage gewesen ... Die Vorbereitungen für die Ankunft der Amerikaner, für den Stapellauf hatten die Direktion in fieberhafter Anspannung gehalten. Und dann -- das Fest ... der Tanz ... Die Ankunft der Sekretärin -- ihre Schreckensbotschaft -- Kleine Bessie -- wie mag's dir ergangen sein.

Des Riesen harte Züge wurden ganz weich. Er streckte sich in seinem Klubsessel, trank in bedächtigen Zügen das glühheiße Getränk -- und fiel in Träumerei. Kleine -- süße Bessie ... Ein ganzer Teufelskerl, diese tolle Neuyorkerin ... Mit ihrer ruhigen Bestimmtheit hatte sie sogar dem Präsidenten imponiert.

Hamburg ist groß! hatte er mit hängenden Armen gesagt. Und die Kleine: Ich weiß, wo sie ist ... Glück zu, Prachtkerlchen ... Wenn du das fertig bringst -- und uns unsere Ilse wiederschaffst -- dann verlange von Bob Timmermanns, daß er vom Aussichtstürmchen auf dem Helgengerüst in die Elbe springt -- er tut's.

Kleine ... süßeste ... Bessie ...

»Guten Morgen, Bob.«

Der Generaldirektor fuhr auf. Teufel -- eingeschlafen ... Vor ihm stand sein Bruder Armin -- auch er noch immer im Frack.

»Erzähl'!«

»Gerettet!«

»Erzähl'!«

»Erst einen Grog, mein Teurer ... Die Hauptsache weißt du ja.«

Ein hastiges Berichten hinüber und herüber.

»Entwischt -- Düwel un Dunnerslag!« fluchte Bob. »Gib acht, der macht uns noch zu schaffen! Ich wette, der steckt hinter allem ... und du meinst, er hat ihr nichts getan?«