Part 18
Also heim -- zu Antje ...
Und dann? War nicht noch etwas anderes zu erledigen, bevor es ans große Rachewerk geht?! Was war's doch nur?!
Ah -- die Feine ...
Halb zehn an unserer Gartenpforte -- du erwartest mich, steigst zu mir ins Auto -- --
Wirst vergebens warten auf deinen Bräutigam, schöne Zarentochter ...
Aber wie -- wenn statt seiner -- ein anderer im Auto säße --?!
Düwel, Düwel -- dit wier 'n Snack --!!
Mit einem Ruck blieb Tedje stehen -- mitten in einer der üblen Gassen, an deren Fenstern die armseligen Huldinnen der schlimmen Viertel auf Beute warteten.
Da war sie ja, endlich, die lang umlauerte Gelegenheit ... Hahahaha!
Der eigene Bräutigam hatte sie aus ihrer Festung herauslocken müssen -- trieb sie in Tedje Tietgens' Arme ...
Das kommt nie wieder!
Und just in der letzten Stunde vor der großen Entscheidung -- vor der Tat, die so leicht mißglücken kann -- -- Dynamitkisten sind keine Schiffsniete ... da kann einer leicht aus Versehen mit in die Luft gehen ... Und vorher das da!
Düwel, Düwel -- so 'n Snack!
Esel und Schlappstiefel, wer da nicht zupackt!
War ja alles zum Lachen einfach, -- die zwei hatten's ja eingefädelt!
Als wenn man nicht ein halb Dutzend Freunde hätte unter den Benzinkutschern ... Dazu noch irgendeinen handfesten Kollegen als Helfershelfer -- ohne Gewalt wird es ja nicht abgehen ... Die läßt sich in Stücke reißen -- schreit ganz Hamburg zusammen ... Für alle Fälle ein Paket Watte und eine Flasche Äther, kriegt man in jeder Drogerie -- --
Aber schnell, schnell, in zehn Minuten ist Ladenschluß!
4
Mudder Lores »Bar« entbehrte nicht einer gewissen klebrigen Gemütlichkeit. Hier hatte Anders Niemann nach mancher Sitzung des »revolutionären Aktionskomitees« mit seinen Freunden scharf gezecht. Und nun -- diese Abschiedsstunde ...
Da saß er ihm gegenüber, dem guten Gesellen, mit dem er unzählige Stunden reinen Glücks erlebt -- wenn sie zusammen an Mudder Minings klapprigem Pianino Beethovens und Brahms' Sonaten gespielt -- und sich emporgeschwungen hatten über Enge und Niedrigkeit in strahlende Höhen kampfgeläuterten Menschentums ... Und nun -- nun war's vielleicht das letztemal ...
Anders hob das Glas: »Nich so trurig kieken, Clas, vellicht kümmt dat all man half so slimm.«
Da traf ihn aus des Freundes Augen ein Blick, unter dem er zusammenzuckte.
»Wi will'n drinken ...« stammelte der Holsteiner, »nich snacken ... blot nich snacken ... ick kann nich ... ick kann nich ...«
Was war das?! Ahnte er irgend etwas? Unmöglich -- Woher sollte er ...
Clas Mönkebüll war nicht der Mann, eine Hölle verschwiegen in der Brust zu tragen. Er litt ohne Grenzen.
»Wat hest du, Clos? Is di nich gaud --?!«
»Ne,« sagte Clas, und seine Brauen zogen sich so fest zusammen, daß sie die Augen fast verhüllten, »gaud is mi nich.«
Anders glaubte zu begreifen. Der Schwur ... die Freveltat, zu der er sich im Wirbel des Augenblicks hatte dingen lassen ... dieser wahnwitzige, fluchwürdige Plan -- -- Ach -- wenn man ihn retten könnte ...
»Jo, Clos, hest recht ... dat döggt nich, wat wi uns von düssen Russen hebbt ansnacken loten.«
»Dat helpt nich ... wi hebbt sworen ...« Clas stürzte ein großes Glas Schnaps hinunter und winkte der grellbunt gekleideten Aufwärterin um eine frische Füllung.
»Ick nich, Clos -- ick nich ...«
»Ne ... öwerst ick ...«
Ein ungeheures Mitleid schwoll in Anders Niemanns Seele. Wie er verzweifelt rang, der treue Bursch, wider das Unausdenkbare, das der Dämon aus dem Osten ihm eingeblasen ... Oder war's etwa das nicht allein?! Immer wieder hoben sich des Freundes wirre Augen und sandten einen Blick herüber, in dem noch mehr lag als nur Verzweiflung über das eigene Schicksal ... ein Argwohn, ein Verdacht ... Nein, das war unerträglich. Anders fühlte erst in dieser Stunde mit voller Klarheit: Dieser junge Mensch aus der Tiefe war ihm wert und lieb geworden -- und dies das letzte Beisammensein vielleicht ... Wie immer der Ausgang sein sollte, ob es zur Vollendung kam oder nicht -- Anders Niemann und Clas Mönkebüll würden nie mehr zusammen arbeiten, plaudern, trinken, musizieren ... O Wehmut ohne Grenzen ... o grausamer Irrsinn des Lebens ...
Wohl hatte Anders Niemann eine Maske getragen -- wohl war zwischen ihm und dem Proletarier da drüben niemals im letzten Sinne Wahrheit gewesen ... Dennoch -- ein Band hatte sich geknüpft, stark genug, wenn eines Tages die Hülle des Truges fiele, über die Klüfte des Standes und der Bildung hinüber ein Leben lang zu dauern -- ein Anfang war gemacht, diese Klüfte zu überbrücken ... in seiner Freundschaft zu diesem Schlichten hatte Heinz Freimann einen ersten Schimmer der Erfüllung seiner kühnen Träume von einer versöhnenden Gemeinschaft aller deutschen Menschen erlebt ... Und nun dies Ende ... War denn kein Ausweg? War es denn ganz unmöglich, diesen kindguten, herzenswarmen Menschen der höllischen Verstrickung zu entreißen, in die er sich hatte hineinzerren lassen?!
»Clos ... segg mi, dat -- dat bliwt, dat du hüt nacht -- ick kann't un kann't nich gleuwen von di ...«
»Dat bliwt!!« sagte Clas hart.
Hier war ein Kamerad über Bord gegangen, kämpfte mit den Wogen, die ihn verschlingen mußten. Und der alte Seemann stürzte sich in den Strudel. Rettung! Rettung!
Er nahm seine ganze Kraft zusammen. Welches Glück, daß er der Sprache des Volkes mächtig geworden war bis in ihre feinsten Schattierungen! Wie mit wuchtigen Schwimmstößen rang er sich an die Seele des Freundes heran, packte die widerstrebende, kämpfte verzweifelt wider ihren selbstmörderischen Willen zum Untergang. Von Deutschland sprach er, das ihrer beider Vaterland sei. Von dem stolzen Schiff, in das sie beide seit einem Jahr ihre Kraft und ihren Fleiß hineingebaut. Von dem Fahneneid, den sie einst als Rekruten geschworen ...
Umsonst. Immer finsterer, immer unnahbarer zog des Arbeiters Seele sich vor dem heißen Werben des Mannes zurück, den er ein Jahr seinen Freund genannt. Und plötzlich überkam den Werber die jähe Erkenntnis, daß zwischen ihm und dem Gefährten noch etwas anderes liegen müsse als der Schwur, den jener geleistet ...
»Clos -- du hest wat gegen mi -- segg't mi iehrlich, Clos!«
»Ick verstoh nich ...«
»Doch -- du versteihst mi ... hett di een' wat ... seggt öwer mi --?«
Clas konnte nicht lügen. Mit einem Male richtete er sich hoch auf, sah dem Frager starr ins Auge und sagte:
»Geben Sei sick keine Meuh -- -- Herr -- Kapitänleutnant.«
Anders Niemann fühlte einen Stoß wider das Herz. Also das!! Aber wie?! und seit wann?!
»Ach so!« sagte er, und ohne sein Wollen ging eine Verwandlung mit ihm vor. Anders Niemann sank in die Tiefe -- Heinz Freimann ward wiedergeboren.
»Also du weißt, wer ich bin, Clas Mönkebüll«, sagte er gefaßt. »Ich will dich jetzt nicht fragen, woher. Komm her, lieber Junge, hier ist meine Hand. Ich bin dein Freund -- du hast keinen besseren. Glaub' mir's -- werde nicht irre an mir Ich will dir alles erklären.«
»Geben Sei sick kein Meuh, Herr.«
Er stand auf, gab dem Frauenzimmer am Büfett einen Wink. Die verschwand. Man hörte, daß sie die Tür hinter sich abriegelte. Nun schritt Clas Mönkebüll zu der Tür, die zum Flur führte, schloß sie ab, steckte den Schlüssel in die Tasche und trat auf Heinz Freimann zu.
»Wenn Sei vellicht noch en Vadderunser beden will'n --«
In seiner Hand blinkte das Messer.
Heinz Freimann sprang auf. Einen Augenblick lang fuhr's ihm durch den Kopf: Eine Waffe! Dann: Schreien! Um Hilfe schreien -- pah -- umsonst. Er begriff nichts -- nichts als dies eine: Er war verloren.
Und plötzlich ein Blitzstrahl: Antje ... Was in diesen umdüsterten Augen schwelte, war nicht allein der Haß der Klasse -- solch fressendes Feuer entzündete nur verschmähte Liebe.
»Ein Wort noch, Clas!« sagte er fest und in Haltung. »Du willst mich töten, weil ich um euren Plan weiß -- und weil du glaubst, daß ich ihn verraten will. Ehrlich gestanden, ja -- ich hätte ihn verraten müssen, wenn du mich leben ließest. Müssen, Clas -- und wenn's mich meine Ehre gekostet hätte. Ich habe euch gewarnt -- habe euch angefleht mit allen Kräften meines Herzens, ihr solltet dem Hund, dem Moskowiter, nicht folgen. Es hat nichts geholfen. Darum muß ich euch verraten -- muß, wenn du mich leben läßt. Tu du, was du verantworten kannst. Aber ich glaube, zuvor ist zwischen dir und mir noch etwas anderes klarzustellen. Du bist unserer Freundin Antje Tietgens gut. Du glaubst, ich hätte sie dir abwendig gemacht. Und darum willst du mich töten. Tu's -- aber dann geh hin zu Antje, grüß' sie von mir -- und sag' ihr, ich hätte dir in meinem letzten Augenblick gesagt, daß ich niemals auch nur die leiseste Gunst von ihr bekommen hab' ... Ich habe ihre Lippen niemals berührt --!«
Da wurde Clas Mönkebülls gestraffter Körper plötzlich matt und schwankte. In die grimmverzerrten Züge trat ein ungläubiges, irres Staunen. Die zuckenden Lippen stammelten:
»Is -- dat -- wohr?! -- Is dat -- wohr --?«
»So wahr ich ein braver Soldat bin -- und dein guter Kamerad, dein treuer Freund, der dich wie einen Bruder ehrt und liebt ...«
Des armen Burschen Hand mit dem blinkenden Messer sank schlaff am Leibe herab. »Nu kann'k 't nich dauhn,« stammelte er heiser, »nu kann'k 't nich dauhn ...«
»So tu auch das andere nicht, Clas!« rief Heinz und legte seine beiden Hände auf des Freundes Schultern. »Besinn dich! Du bist ein Deutscher ... Es ist Wahn, dein Lied von der roten Seligkeit ...«
»Dei kümmt -- dei kümmt ...« Das war wie ein verzweifeltes Sichaufbäumen gegen empordämmernde Erkenntnis -- krampfhaftes Sichanklammern an treibende Trümmer ... Und nun: ein letzter Blick -- mit beiden Fäusten umklammerte Clas Mönkebüll des Freundes Rechte -- es war, als wolle er ihn an seine Brust reißen -- aber mit einem krampfigen Schluchzen machte er sich los, stürmte zum Ausgang, schloß auf, zog den Schlüssel ab, warf die Tür von draußen zu -- ein schwerer Riegel ward vorgeschoben, der Schlüssel krachte ins Schloß. --
Heinz Freimann war gefangen.
5
»Öwersnappt sünd's, Mudder -- öwersnappt!« eiferte Vadder Tietgens.
»Hest recht, Vadder«, hüstelte Mining. »Helpt jo allens nich, dat oll Gestreik un Geputsch ... flietig in dei Hann' spucken un arbeiten, as ji freuer arbeit' hebbt -- nich acht Stünn', ne, tein, twolf ... süß köhnt wi jo nich wedder hoch komen!«
Da paffte Timm Tietgens eine mächtige Unmutwolke: »Ne, Mudder, dat mi den'n Achtstünndag, dat mutt blieben ... öwerst se möten in dei acht Stünn' ok würklich arbeiten un nicht ümmer diskurieren un debattieren ...«
Antje saß still und bedrückt den Alten gegenüber. Wo nur die Jungens blieben?! Es braute sich etwas Schwüles, Dräuendes zusammen -- sie fühlte es am Zerren ihrer Nerven, am aussetzenden Schlag ihres gequälten Herzens. Ach, daß ein Mensch so leiden konnte, wie sie litt seit Monaten. Sie, die aufrechte, nackensteife Frau ...
Vadder Timm gähnte vernehmlich. »Ick bün meud -- ick warr doch hellschen klapprig, nich, Mudder? So 'n grote Red' -- dat is nix miehr vor mi ... Geihst du nich to Hus, Deern?«
»Ick wull op dei Jungs luern«, sagte Antje gepreßt. »Öwer goht ji man tau Bed, all beid ... ick heff' jo 'n Slötel ...«
Und dann saß sie einsam -- lauschte dem Stundenschlag der unzähligen Kirchtürme, die über dem Brodem der Stadt ihres feierlichen Ruferamtes walteten -- und sann -- sann -- sann ...
Nun feiern sie in der Villa Freimann -- die Glücklichen, die Reichen ... Und morgen, nach dem Stapellauf, da werden sie wieder feiern ... Das Werk, das zwölftausend Hände geschaffen, sie rechnen sich's allein an, weil's aus ihrem Kopf entsprungen ist ... Und wer wird dann der zwölftausend fleißigen Hände gedenken, ohne die ihr Planen ewig Papier und Phantasie bliebe?! Nein -- die Faust hatte schon recht, sich zu ballen und aufzurecken wider den herrischen Kopf, der allein im Lichte stand ... Gemeinsam war das Werk, gemeinsam sollte die Feier sein ... die Freude ... der Stolz ...
Einer von denen da oben, der hatte angefangen, das zu begreifen. Der träumte von einer neuen Welt, in der Kopf und Fäuste das Werk nicht nur gemeinsam schüfen, nein, auch gemeinsam begriffen, umfingen mit ihrer ganzen Seelenmacht. -- Er hatte nicht umsonst ein Jahr lang die Luft dieses Hauses, dieser bescheidenen Stuben geatmet, nicht umsonst aus Mudders Topf gegessen, mit Vadder geraucht und politisiert, mit den Burschen geschlafen und gewacht, gearbeitet und geschwatzt ...
Und würde nun doch emporsteigen aus der Niederung -- empor in seine helle Welt -- in die Welt des herrschsüchtigen Kopfes, des triumphierenden Geistes, des Glanzes, der Feste -- empor zu seinen Menschen, den Menschen seiner Rasse, seiner Klasse -- empor -- empor zu -- der andern ... mit der sie ihn vor wenig Tagen, Schulter an Schulter, durch die kahlen Bosketts am Glacis hatte schlendern gesehen -- wie er hundertmal mit ihr geschlendert war -- mit der armen Antje ...
Und Antje würde vergessen sein ... vergessen die unzähligen Stunden, in denen er ihr, sie ihm gegeben hatte -- das Beste, was ein jedes besessen -- eine Welt von Gedanken, Gefühlen, Sehnsüchten und Hoffnungen ...
Ach ja -- einmal ein Jahr aus seiner Welt in die andere hinüberwechseln, aus der Höhe in die Tiefe steigen ... das konnte er, das mochte er -- aber dann -- dann tat sie sich doch aufs neue zwischen hüben und drüben auf, die ewige, die unausfüllbare Kluft zwischen den zwei Völkern, die eines Blutes waren, eine Sprache redeten, eines Staates Bürger waren -- eines Vaterlandes Kinder ...
Pah -- Vaterland!!
Ach -- es blieb doch ewig wahr: Nur die da oben, nur die hatten überhaupt ein Vaterland ... die unten, die blieben ewig die »vaterlandslosen Gesellen ...«
O Heinz -- du hast das alles empfunden und verstanden -- du Guter -- du Reiner -- du Großer im Wollen und Sehnen ... du willst sie schließen helfen, die unüberbrückbare Kluft ...
Oh, wenn dir das gelänge -- ja, wenn du auch nur standhaft, gläubig, heilig genug wärst, dein Leben zu setzen an dies Werk -- deine Antje wollte sich's nicht gereuen lassen, daß sie ihr ganzes Herz in dich, in dein Wollen und Wesen hinein verblutet hat ...
-- Horch ... die Stiege knarrt ... Tedje ... nicht ganz sicher, wie immer ... aber ... allein. Und Clas und Anders --?!
Da stand er in der Tür ... Gott ... diese Augen --
So blickt kein Mensch ... so blickt ein -- --
»Kiek ... Antje ... un dei Ollen?!«
Das Mädchen legte die Hand auf die Lippen.
Leise schwankend tappte sich der Bruder an den Tisch. In seinen gedunsenen Zügen zuckten die Gedanken, die Gefühle, wetterleuchtend von innerem Aufruhr. Jetzt legte er die rissige Arbeitshand auf der Schwester vollen Arm:
»Hest 'n arg leiw -- dien'n Kierl -- nich wohr, mien Deern?«
»Ick verstoh di nich, Tedje ...«
Nein -- sie verstand ihn nicht ... zwar seine Worte, aber nicht sein Fühlen. In seinem rohen, zerwühlten Gesicht strahlte jählings etwas selten, fast nie Geschautes auf -- eine wehe Güte -- eine schmerzvolle Liebe ...
»Wenn hei nu eens Dogs nich wedder köm' -- dat deed di weih, nich wohr, mien Deern?«
Wunderlicher Gesell -- seine Stimme zitterte -- es stand etwas in seinem Auge, das im stillen Schein des Glühdrahts blinkte wie eine Perle ... Und schon war's verwischt, hinweggeweht ... und etwas Tückisches, Lauerndes, Abscheuliches flatterte empor.
»Ick will di wat vertellen, Antje ... Clos un ick -- wi gohn hüt nacht en sworen Gang tausomen ...«
Antje saß erstarrt ... ganz Lauschen -- ganz ahnungsvolles Grausen ...
»Meuglich, dat wi tausom'n dorbi kaput gohn ... dat wi, kein ein wedder an Mudders Disch tau sitten kümmt ... Dat wull ick di seggen, mien Deern ... du sast dei Ollen grüßen van uns twei ... un wenn't so kümmt ... denn sast du Vaddern seggen, dat wi follen sünd op dat grote Slachtfeld von dei Frieheit -- as truge Söhns von't Proletariat ...«
»Um Gottes willen, Tedje -- wat hebbt ji vör?!«
Und mit dem nervösen Begreifen, das diese grausengewöhnte Zeit ihren Menschen angezüchtet:
»Den'n Damper! dei ›Dütschland‹? ... dei wöllt ji sabotieren --?!«
Tedje schwieg -- ein Satansgrinsen um die Lippen, zwischen denen die Zähne bleckten wie ein Hyänengebiß.
»Jo -- dei geiht in dei Luft, hüt nacht!!«
»Dat's nich wohr, Tedje -- dat's nich wohr!«
»So wohr as ik hüt noch hier sitt -- un morgen vellicht nich miehr ... Wi hebbt sworen, Clos un ick --!«
»Tedje --« schrie das Mädchen, »un Anders? -- Wat is mit Anders?!«
Da verzerrte sich des Bruders Gesicht zu einer Grimasse urweltentstiegenen Hasses.
»Dien Kierl -- hahaha! Dien Kierl! Weißt du, wer dat is? 'n Spitzel is hei, 'n ganz hundsgemeinen Verräter!«
Und in grellen, abgerissenen Sätzen stieß er heraus, was er wußte von Anders Niemann. Daß er in Wahrheit Heinz Freimann sei -- und daß er um halb zehn das Fräulein Carstensen treffen wolle, seine Braut, um ihr den Anschlag seiner Kameraden zu verraten.
»Öwerst doar hett hei keen Glück mit -- Clos Mönkebüll bliwt em op de Hacken ... hei mutt met op dei Werft ... Un wenn wi annern in dei Luft gohn, denn geiht hei mit! Un wenn hei sich vörher muckst, dann sitt em Clos sien Messer twüschen dei Rippen!«
Entgeistert hatte Antje der entsetzlichen Kunde gelauscht. Nun saß sie noch immer bewegungslos, unfähig, das Unfaßbare in sich aufzunehmen.
»Na, Deern, wat seggst nu tau dien'n Kierl?! Dat heff'k di seggen wullt -- dat du weißt, wat hei vör'n Halunk weur -- un dat hei nich wert is, dat du di üm em grämst, wenn hei verswinnt op Nimmerwedderseihn ...«
»Tedje!« schrie Antje. »Dat dörft ji nich -- ji dörft em nix dauhn! Ji kennt em nich -- öwerst ick, ick kenn' em ... Ick heff dat jo allens wußt, von'n iersten Oogenblick an heff ick dat wußt, donn all, as ick em seih'n heff an Mudders Disch ...«
»Dat -- hest du -- wußt?!«
»Dat heff ick, Tedje ...« Und in jagenden Worten versuchte sie dem Bruder klarzumachen, was den Kapitänleutnant Heinz Freimann heruntergezogen in die Welt der harten Handarbeit ums tägliche Brot ...
Tedje Tietgens hatte sich in einen Stuhl fallen lassen. Er ließ der Schwester angstgehetzte Schilderung über sich hinbrausen -- im Anfang mit hämischem Grinsen -- dann immer gebannter ... immer verstörter. Fern, ganz fern dämmerte etwas herauf -- eine Ahnung, ein mattes, ungewisses, hauchhaftes Leuchten ...
Nein -- nein -- das durfte nicht sein ... Der Traum von der roten Seligkeit, die moskowitische Prophetie hatte in Tedjes zerfahrenes, verludertes Leben etwas wie einen Sinn, ein Ziel, eine Hoffnung hineingebracht ... An das alles klammerte er sich verzweifelt an, um nicht ins Bodenlose zu sinken ... Brüsk raffte er sich auf:
»So -- nu is't 'naug, Antje! Hest di gaud besabbeln loten, Deern -- ick fall' do nich op 'rin! Allens Swindel, allens Kaptalistenhumbug! Adjüs, Swester -- ick heff di seggt, wat ick weit -- nu mok, wat du wullt ... grüß dei Öllern -- un wenn wi nich wedderkomen -- denn vergeet mi nich ganz, heurst?«
Er faßte die Schwester an beiden Schultern, wie er's so oft getan -- preßte sie an sich in wilder, verzweifelter Zärtlichkeit -- riß sich los -- stürmte hinaus, die hölzerne Stiege hinunter polterten seine schweren Schuhe, die Tür fiel drunten ins Schloß, auf der Straße verklang sein Schritt.
An allen Gliedern schlotternd, stand Antje. Über ihre zuckenden Wangen stürzten die Tränen.
Was tun? Was tun?!
Die »Deutschland« sabotiert -- Antje wußte, was das bedeutete. Die H. T. L. -- die United Transatlantic Lines -- die Hammonia-Werft -- alles brach zusammen. Ach -- und ihre kleine Welt? Die Welt ihres armen, gemarterten Herzens? Der Bruder -- Clas -- verloren beide ... diese enge, geliebte Stube -- morgen wird sie widerhallen vom Jammer der Verzweiflung ...
Und Heinz --! Wo war er? Sie wußte es nicht -- kein Schatten einer Ahnung ... Nur das eine war gewiß: Er war in den Händen der zwei Männer, mit denen er seit einem Jahr Wachen und Schlaf geteilt -- die er als seine Freunde, sie wußte es, geehrt und geliebt -- nun waren sie binnen einer Stunde durch ein unbegreifliches Schrecknis seine Todfeinde geworden ...
Auch er -- verloren -- verloren ... und damit das letzte, was ihres eigenen Lebens ganzer Sinn und Inhalt geworden war.
Was tun?! Es gab nur eine Antwort, nur eine Lösung:
Zu ihr -- zu der andern -- zu seiner Braut. Wenn einer noch retten konnte -- dann war sie es -- sie -- und die Menschen, die sie umgaben -- die Klugen, die Starken, die Mächtigen.
Und schon stand Antje in Hut und Mantel, schon raste sie die Treppe hinunter.
Zu ihr ... zur Schwester ihres Leides ...
6
Aus ungezählten hellerleuchteten Fenstern strahlte Haus Freimann die Siegeshoffnung seines Herrn in die Märznacht -- in die kahlen Parks und Baumarkaden um die vornehmste Villenstraße Deutschlands.
Die Yankees waren keine zugeknöpften Engländer -- sie waren freimütige Söhne eines freien Landes. Es war ihnen wohl in dieser Stunde, durch die ein warmer Hauch von Versöhnung, von Menschlichkeit, von Hoffnung flutete. Und sie hielten's nicht für Raub, sich behaglich zu geben, wo sie sich behaglich fühlten.
Die Herren waren im Salon beisammen, in Gruppen um kleine Tische verteilt. Frau Johanna inmitten -- strahlend in Hoffnung und Güte. Manch offenes Männerwort wurde gesprochen. Die Deutschen konnten sich manchen lange getragenen Groll von der Seele reden.
Hinüber und herüber flog's -- Anklagen, Bitterkeiten -- grundlose und tief berechtigte hüben und drüben ...
Und doch über dem allen eine geheime Entspannung. Man sah sich, man fühlte sich wieder -- man sprach sich aus ... man fing an, einander zu begreifen ...
Die Jugend im Saale hatte kurzen Prozeß gemacht. Ihr Lebensdrang, ihr Freudebedürfnis hatte den großen Abgrund schnell überbrückt. Misses und Jungmädchen, Jungherren und Gentlemen drehten sich längst im Onestep, im Boston, im Tango ...
Zwar fehlte von den beiden jungen Königinnen dieses Abends die eine: Ilse Carstensen hatte sich nach aufgehobener Tafel für eine Stunde entschuldigen lassen. Die war längst herum -- aber vergebens schauten die jungen Ingenieure und Abteilungschefs vom Patterson-Konzern sich die Augen aus nach der schlanken blonden Hamburgerin. Bessie aber konnte sich kaum des Ansturms der kriegsgestählten Jünglinge erwehren, auf deren Fräcken -- nu jrade! -- die Eisernen Kreuze von verbrausten Schlachten, von verschmerzten Leidensjahren erzählten.
Wie ein Turm ragte Bob Timmermanns' Hünengestalt, leuchtete sein blonder Schädel, flammte sein blonder Bart über dem Tanzgewühl. Er brach sich und seiner Tänzerin Bahn wie seine Schiffe durchs Wellentosen des entfesselten Ozeans ... Aber immer wieder sah man in seinem Arm das straffe Körperchen der munteren Bessie, an seinem breiten Männerbusen das kapriziöse Köpfchen mit den weißblonden Wuschellocken. Und im Gewühl neigte der Riese den kantigen Friesenschädel, schmachtete das Schelmengesicht zu ihm empor:
Bär du -- Hunnensohn -- du gefällst mir ...
Musik verklingt -- Gewühl beruhigt, entwirrt sich ...
Zu Bob Timmermanns tritt auf leisen Sohlen, in Eskarpins und Seidenstrümpfen, korrekt gefältelten Gesichts der greise Charlie:
»Herr Generaldirektor -- eine Sekunde, wenn ich bitten darf ...«
»Schön -- verzeihen Sie, Miß Bessie ... Gehen Sie hinaus«, flüsterte Timmermanns dem alten Diener zu. »Ich finde Sie draußen ...«
Verflucht! Jedenfalls etwas Unangenehmes ... Eine Meldung von der Werft ... Nur jetzt keine Krise, nur jetzt nicht ...
Beim Hinaustreten erkannte er sofort die junge Dame im schlichten Lodenmantel ... die Sekretärin des Hausherrn.
»Fräulein Tietgens -- was gibt's?«
»Herr Generaldirektor -- heut nacht um drei Uhr soll die ›Deutschland‹ in die Luft gesprengt werden.«
»So -- --« sagte Bob Timmermanns tonlos. »So -- -- Erzählen Sie, Fräulein.«
»Herr Generaldirektor -- ist Fräulein Carstensen wieder im Saal?«
»Nein -- sie hat sich vor -- es muß schon länger als eine halbe Stunde sein -- sie hat sich entschuldigt -- Kopfschmerzen -- ist nach Hause gegangen -- wollte bald wieder hier sein. Aber was hat das mit -- mit der ›Deutschland‹ zu tun?«