Das Kreuz im Venn

Part 17

Chapter 173,944 wordsPublic domain

Er seufzte auf und sah sich um. Weit hinten, in ihrem Kessel schon ganz versunken, lag die Stadt; nur die Burg war noch im Mondlicht zu sehen und die Felsen, die wie ein Tor die Chaussee umbauen. Noch stand der Mond nicht hoch, aber nicht lange mehr, und er würde ganz hinter der jenseitigen Höhenwand hervorgewandelt sein, senkrecht über dem Tale stehen und es übergießen mit vollem Licht. Dann mußte die Nacht noch herrlicher werden, noch traumhafter schön, noch überirdischer. Es galt zu warten. Wer vermißte ihn denn auch?! Die im Hause schliefen, er konnte hier nächtigen, wenn er wollte, keiner wurde es gewahr.

Eine schier jungenhafte Seligkeit überkam ihn, heute noch einmal seine Freiheit auszukosten. Wenigstens hier war er frei, frei! Hier durfte er ganz er selber sein!

Mit einem tiefen Aufatmen warf sich Josef auf den Boden und dehnte sich lässig in fauler Wonne. Als Kopfkissen diente ihm das Moospolster, das sich zwischen den herausstehenden Wurzeln einer Riesentanne eingebettet hatte. Von dem glatten Schiefergerutsch, auf dem er lag, fühlte er es warm aufsteigen. Oben auf der Höhe mochte es wohl schon kühl sein, aber hier zwischen den Talwänden saß noch die ganze Wärme und Lauheit der Sonne. Eine köstliche Behaglichkeit überkam ihn, wie er sie lange nicht gefühlt hatte – da noch nie! Er drehte den Kopf dorthin, wo das Städtchen versunken lag. Gott sei Dank, man sah nichts mehr davon! Hier war er allein, allein mit der Natur, die er immer geliebt hatte, geliebt und begehrt wie eine, um die man wirbt, und die man doch nie ganz besitzen kann. Er seufzte, lächelte, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und blinzelte in den Mond. Daß die Welt so schön sein kann! Er hatte das ganz vergessen. Aber jetzt war alle Bitterkeit weggespült, alles Häßliche, Niedrige und Gemeine, alles, was ihn quälte, und auch das, was ihn traurig machte.

Unten in der Au lag die Fabrik jetzt still, ohne Dampf und Gestank; nur das einsame Lichtchen des Wächters, der die Runde durch die Säle machte, flinzelte wie ein Sternchen zu ihm herauf. So weiß glänzte die rußige Stätte der Arbeit, so ruhevoll und freundlich, als sei sie eine Stätte der Freude. Traumhaft ragte darüber die jenseitige Talwand; der Mond beglänzte die Leyen, daß sie alles Krasse und Fratzenhafte verloren und zu Gesichtern wurden von wohlwollenden Riesen, die über den Tannenwald herüberlugten. Tief unten rauschte der Bach. Sein Rauschen, das immer stark war, denn er fließt ständig bergab mit starkem Gefälle, hatte jetzt etwas unsagbar Mildes, Einlullendes.

»Rausche, rausche,« murmelte Josef und schloß die Augen. Er hörte die Stimme der Natur. Ah, sie sprach zu ihm, zu denen, die Ohren haben, zu hören, und Herzen, um noch zu glauben an alles Schöne und Gute! Es war Josef, als sei er auf einmal wieder stark und jung und gesund und stände noch einmal an jenem Punkt, da das Leben noch jauchzt um den jungen Menschen und willenskräftig frohlockt sein starkes ›Es werde!‹

Wie lange er so dagelegen und geträumt hatte, wußte er nicht. Als er die Augen wieder aufschlug, stand der Mond ganz voll überm Talgrund. Es war so hell, so hell, daß jeder Tannenzweig sich abhob, daß man jede Welle im silbernen Bergwasser hüpfen sah, jeden Stein im Bachbett zu erkennen glaubte – oder sah man ihn wirklich? Da war noch ein zweiter Mond. Der droben am Himmel stand, spiegelte sich tief drunten im Bach – Mond oben, Mond unten. Josef lächelte: in New-York hatte er herrliche Theaterdekorationen gesehen, aber keine von ihnen wäre dieser gleich gekommen. Und sieh, die Staffage fehlte ja auch nicht!

Das wundersame nächtliche Landschaftsbild hatte sich belebt.

Josef reckte den Hals, eine plötzliche Neugier war in ihm erwacht: wer war denn das?! Wie im Märchen! Träumte er oder wachte er?! Er rieb sich die Augen. Und dann richtete er sich aus seiner lässigen Lage ein wenig auf, um besser hinabblicken zu können auf die beglänzte Straße zwischen den Tannenwänden.

Langsam, fast feierlich, trottete ein schwerer Ardennengaul daher. Als trüge er Prinz und Prinzessin ins Zauberreich. Der Mann saß hinten, die Frau hatte er vor sich; man sah ganz deutlich, daß er den Arm um ihren Leib hielt, daß er sie jetzt an sich preßte und küßte, und daß sie den Kopf an seine Schulter legte und das weiße Gesicht zu ihm aufhob, und daß er sie noch einmal küßte, und noch einmal, und noch einmal.

Der Mond beschien hell die Reitenden. Ein Bauernbursche und sein Mädchen waren das nicht! Der Beobachtende sah blanke Uniformknöpfe unter neugierigen Strahlen aufblinkern. Aha, ein Soldat! Aber wie kam der jetzt hierher? Nein, so saß kein gemeiner Soldat zu Pferde! Es war ein Offizier, schlank und biegsam. Und sie saß auch gut, keck und unerschrocken.

Ein leises Lachen klang herauf, es mischte sich in das Rauschen des Baches und verklang.

Oh, war das schön, war das schön, wie die beiden dahinritten! Ein Bild, ein ganz wunderbares Bild. Man brauchte kein Wort von dem zu vernehmen, was sie flüsterten, man wußte es, sie sprachen von Liebe. Und Liebe atmete die ganze Natur: die Mondnacht, die Tannen, der Wildbach. Niemand auf der Welt, als nur diese zwei. So mochte es damals im Paradiese gewesen sein, so einlullend-schön, so verführerisch-still, als Adam den Apfel nahm, den Eva ihm bot, und davon aß.

Jetzt waren die Reitenden gerade unter dem Lauscher, er beugte sich über den Rand des Felsens mit weitgeöffneten Augen.

Der Mond beschien zwei blonde Köpfe, die ohne Mütze, ohne Hut, ohne Tuch, die Stirnen dem kühlenden Atem der Nacht preisgaben. Ihnen machte die Liebe heiß. Es trabte der Gaul – trapp, trapp – er hatte einen Hackenstoß bekommen, sein Huf schlug so hart aufs Gestein der Straße, daß Funken sprühten. Trapp, trapp. Jetzt ein jäher Halt. Der Reiter hatte sich abgeschwungen. Da war ein kleines, verstecktes Pfädchen, das von der Chaussee zum Bach niederwärts führte, zu samtigem, duftigem Gras, zu weicher Ruhestatt. Der Reiter hob die Geliebte herab.

An eines der kleinen, neugepflanzten Ahornbäumchen wurde der Gaul gebunden. Er scharrte ungeduldig, man hörte die Hufe klappern; es plagten ihn die Mücken in der lauen Nacht. Ah, sie würden ihn noch lange plagen, der hatte gut warten! Hoch erhoben, wie ein Sieger die Beute, hatte der Liebende die Geliebte ins Versteck getragen – zusammen schlugen die Äste, man sah nichts mehr von Adam und Eva.

Wie vordem lag die nächtliche Landschaft wundersam beschienen, ein herrliches Bild, die schönste Dekoration zum schönsten Spiel. Aber Josef behagte sie jetzt nicht mehr. Was klapperte der Gaul denn so ungebärdig und schlug nach den Mücken und stampfte und schnaufte! Das störte den Frieden.

Langsam, zögernd machte sich Josef auf den Heimweg. Noch ein paar Mal schaute er sich um: der Gaul stand noch immer einsam, riesenhaft groß im Märchenschein, und scharrte die Straße. Die Glücklichen! Eine Nacht, geschaffen für die Jungen und Begehrenden. Mochten sie leben, genießen! Was ging’s ihn an, wer sie waren, woher sie kamen, wohin sie gingen?! Sie gehörten in diese mondbeglänzte Nacht, die Netze spinnt, in die alle Kreatur sich verstrickt. Er aber gehörte nicht mehr hierher.

»Josef, geh du nach Haus, leg du dich ins Bett,« sagte er, jetzt plötzlich ernüchtert, laut zu sich selber. Da – er nieste – schon ein Schnupfen! Mit lächelnder Selbstironie zuckte er die Achseln: das Liegen im Tau bekam einem eben nicht mehr!

Er beschleunigte seinen Schritt, bald war er im Städtchen. Die Turmuhr schlug Zwei. Alle Lichter waren längst erloschen, unter dunklen Dächern schliefen die Bürger. Der Nachtwächter schlief, auch der Mond ging jetzt schlafen. Josef hatte leise die Haustür hinter sich zugemacht. Kein Mensch war mehr draußen.

Aber einsam stand noch immer der Ardennergaul auf der dämmrig und dämmriger werdenden Chaussee. Immer ungeduldiger schlug sein Huf die Steine, er zerrte am Halfter, daß das junge Bäumchen sich bog, nicht viel fehlte, und er hätte es ausgerissen. Er wollte nach Haus, in den Stall, er wollte an die Raufe. Wütend schlug er mit Schwanz und Huf nach dem Geziefer. Er konnte nicht traben, nicht galoppieren, es durch den Luftzug verscheuchen; es bohrte sich ihm ins Fell, bald vorn an der Brust, bald hinten auf den Schenkeln, unterm Bauch, auf der Krupp. Er schnaufte, er brustete, seine Flanken schäumten. Er blähte die Nüstern, sie schienen Feuer zu sprühen durch die Nacht. Jetzt stieß er ein Wiehern aus, daß die Stille sich erschreckte, und machte einen entsetzten Satz, bei dem er die Hinterfüße hoch in die Luft warf, den Kopf fast vorn bis zur Erde stieß. Ein Wiesel war vor ihm hergehuscht, ein Fuchs, ein Iltis, oder sonst irgend ein Nachtgetier.

Er zitterte schreckhaft und zerrte am Halfter in nervöser Ungeduld. – – –

XI

Nun war das Pfingstfest vorüber. Vater Huesgen war mit dem Arbeiterzug in aller Frühe um vier schon nach Aachen gefahren; er kam erst nächsten Samstag wieder, aber wenn er dann heimkehrte, fand er die Mutter gewiß ganz munter, denn die Bäreb kehrte ja heut zurück. Darauf hofften sie. Gestern war sie gesprungen zu Echternach, und heute schon glaubte Frau Huesgen die wohltätige Wirkung zu verspüren. Sie fühlte sich frischer; was sie lange nicht getan hatte, sie schürzte ihr Kleid und fing an, den Melkeimer zu scheuern, und dann die Eimerbank und das Fäßchen, in dem sie so lange keine Butter mehr gedreht hatte. Wer weiß, wenn das weiter so ging, konnte sie bald Butter machen, ein paar Klütchen hinuntertragen zum Verkauf in die Stadt.

Von dem Sonnenschein des Festes lag noch über Hecken und Halden. Die Kinder zirpten noch lose wie sommerfrohe Spatzen zwischen den Hecken, sie hatten erst morgen Alltag, wenn die Schule anfing. Die kleinen Huesgens waren zur Eisenbahn gerannt, die Schwester zu holen; sie belagerten den Bahnsteig, bis der Zug aus St. Vith ankam. Aber Bäreb war nicht darin. Das war eine Enttäuschung. Ein Teil der Kinder lief heim, um der Mutter zu verkünden, daß die Bäreb nicht gekommen sei; die anderen blieben unten am Bahndamm sitzen, flitschten Steine in den vorüberquirlenden Fluß und warteten geduldig. Es kam ja noch ein Zug von St. Vith, freilich erst gegen Abend. Hei, wer zuerst die Bäreb sah und den Dores, und das der Mutter verkündete, der war König!

Kathrinchen war nicht bei den Geschwistern. Sie hütete. Bartholomäus Adams, der Nachbar am grünen Klee, hatte viel Vieh, und der hatte sie gedungen für den ganzen Sommer. Nun brauchte sie nicht wie sonst in die Schule; das tat ihr eigentlich leid, es war so schön da, und sie lernte gern, aber der reiche Bauer gab fünfundzwanzig Mark für den Sommer und was zu essen, und zum Herbst ein paar neue Schuh. Und schön war’s ja auch draußen, wo die Bienen am Rain summten und die Hirsche, wenn der Abend kam, ganz dreist aus dem Dickicht traten und unterm Vieh grasten.

Der Bauer hatte Kathrinchen die Kühe besonders auf die Seele gebunden, war ihm doch die schöne braune Kuh gestorben, trotz Doktor Dreiborn, und trotzdem man das Kalb in Stücke geschnitten hatte. »Paß op, dat se net zo viel loofe on schlag se net mö’m Stecke! De Dreiborn, de Esel! Verklagen müßt ich de Kerl! Äwer de kümmt jo su wie su in de Höll. Jibst du äwer net Aacht, dat roden ich dir, da krißte de Huck jeschurt!«

Kathrinchen hatte verständnisvoll genickt: ach ja, das war ein Verlust, die braune Kuh, da konnte man wohl drüber weinen. Aber sie würde schon Obacht geben, der ›Uehm‹ konnte ganz ruhig sein, ihr kam keine zu Schaden, der liebe Gott war ja immer bei ihr und den Kühen. Der Bauer hatte geschmunzelt: »Da krißte ooch jet, wann Markt is!«

Kathrinchen hatte sich aufgemacht, als noch der Morgentau lag, und hatte seine sieben Stück vor sich hergetrieben zum Venn hinauf. Die Wiese des Bauern war noch nicht gemäht, drum hütete es so lange hier oben.

Die Marienley war nicht fern, auf dem großen Kreuz blinkerte so hell die Sonne, daß es strahlte wie in einem Glorienschein. Der Eisenbahndamm war von hier oben gesehen ganz niedrig, die Schienen waren nicht dicker als Haare, und der Fluß, der am Damm vorbeilief, war wie ein Faden. Und es war so still hier, gerade noch, als sei es hoher Feiertag. Vom Dorf herüber kam kein Laut, nur vom Truppenübungsplatz hörte man das dumpfe Schießen.

Jetzt sah Kathrinchen auch etwas von den Soldaten: Pferde trabten geschwind – Fähnchen flatterten im Morgenwind – Staubwirbel ballten sich zu Wolken – mächtige Gäule galoppierten, Karren auf hohen Rädern schleppten sie hinter sich her. Das waren die Geschütze. Ei, das war lustig anzusehen hier aus sicherer Entfernung! Kathrinchen setzte sich behaglich auf einen der Felsbrocken unweit der Ley. Sie fühlte sich so wohl hier in der Einsamkeit, von niemandem gesehen und selber die Menschen nur sehend, als seien es Puppen. Kein Gedanke von Furcht beschlich sie, die Mutter Gottes war ja so nah dort im großen Stein, den dunklen Felsspalt erhellend mit ihrer Lieblichkeit. Wer sollte ihr hier wohl was tun?! Und Wölfe gab’s schon seit vielen Jahren nicht mehr hierzuland; früher, ja früher, wie der Herr Lehrer erzählte, da waren sie aus den Ardennen herübergelaufen gekommen in die Eifel, verhungert und gierig, und hatten Hühner gefressen und Lämmer gewürgt. Weinen hatte Kathrinchen müssen, als der Lehrer das erzählt hatte – so ein Lamm, so ein armes weißes Lämmchen zu Tode gewürgt!

Jetzt zog sie ihr Strickzeug aus der alten Strohtasche, die auch Bäreb schon umgehängt hatte, als sie noch hüten gegangen war. Kathrinchen war immer fleißig, es hatte dem Vater schon ein paar Strümpfe gestrickt und den Brüdern der Reihe nach. Nun war der Dores daran, aber für den brauchten die Strümpfe nicht so lang und weit zu sein; das ging rasch.

Ehe Kathrinchen anfing, mit den groben Nadeln zu rasseln, richtete sie die Augen zum Himmel auf, daß ihre samtige Schwärze sich erhellte vom goldigen Licht, das in sie herniederfloß, und hub ein Morgenlied zu singen an:

»Im Namen Jesu wach ich auf, Im Namen Jesu steh ich auf Und ziehe sittsam an mein Kleid, Im Namen der Dreifaltigkeit.

Hochheiligste Dreifaltigkeit, Gott Vater, Sohn und heilger Geist, Ach schütze mich in aller Not, Vor Feuer, Wasser, schnellem Tod!«

Die klare Stimme klang hell und weit übers Venn. Es war, als ob ihr alles lauschte. Der Morgenwind hatte sein Wehen eingestellt, die Kühe hoben die Köpfe, guckten mit den schönen dummen Augen nach der Hirtin und ließen das kurze, harte Rupfen sein, mit dem sie das zähe Gras vom Boden abrissen.

Immer höher stieg die Kinderstimme in die Luft, immer weiter klang sie hinaus:

»Auch bitt ich dich, o Gott, verleih Mir gnädiglich der Engel drei, Die heute mir und jederzeit Geleiter sei’n zur Seligkeit.

Der erste mög mir Führer sein, Der zweite Kraft im Kampf verleihn, Der dritte schütz mich immerdar, Daß mir nichts Böses widerfahr!«

Kathrinchen kannte viele solche schönen Lieder, aber dieses Lied liebte sie am meisten. Sie hatte es heute beim Aufstehen, und während sie im Herd das Feuer anblies, schon vor sich hin gesagt, aber der Rauch war ihr in die Kehle geschlagen, sie hatte es nur in sich hineinmurmeln können, schon um die Mutter nicht zu wecken, die sich noch einmal niedergelegt hatte, nachdem der Vater fortgegangen war. Hier aber konnte sie laut nach Herzenslust singen. Hier kamen auch die Geschwister nicht immerfort gerannt, zupften sie hier, zupften sie da, wollten bald dieses, bald jenes. Ach, die Jungens! Kathrinchen schüttelte altklug das Köpfchen, wenn sie daran dachte, daß sich die großen Jungen noch immer nicht selber einen Hosenknopf annähen konnten und ihr das Bein hinstreckten: »Bind mer ens de Rieme!«

O, hier war es gut sein, hier hatte sie Ruh! Die Kühe fingen wieder an zu rupfen, aber es war, als ob sie im Takt rupften und dazu nickten, das machte Kathrinchen Spaß. Sie sang voller Lust und sang immer lauter und heller der Reihe nach alle Lieder, die sie konnte und warf dabei den groben Wollfaden auf dem gestreckten rechten Zeigefinger über die langen eisernen Nadeln, die sie unter die Arme gesteckt hatte, so flink, daß das Strümpfchen zusehends wuchs. Ei, der Dores hatte ja so dünne Bein’, das war ihm bald maß!

Das Strümpfchen vor sich hinhaltend und es freudig anblinzelnd, saß sie sonnenbeschienen auf dem Stein, mit ihren Füßen baumelnd. Man sah ihr Figürchen schon von weit her. Sonst war nichts ragendes auf der Hochfläche, als die Ley mit ihrem Kreuz im schwarzen Dickicht der Tannen.

Simon Bräuer kam von der Strafkolonie her. Deren tiefgehendes neues Ziegeldach schrie wie Blut aus dem Braun des Moorlands; noch blühte das Venn nicht überall, seine Farbe war noch eintönig. Zögernd hatte sich der Aufseher erst noch ein paar Mal nach dem Hause zurückgewendet: würde der Hilfsaufseher auch gut aufpassen? Er war erst kürzlich eingetreten, und die Kerls waren jetzt so renitent; am ersten Pfingstfeiertage war der Süßchenbäcker frech geworden. Der Kerl protzte wohl auf seine Kraft? Hei, den hatte er aber zu Boden geduckt mit einem Blick, daß er sich nicht mehr muckte. Der Rotfuchs, der war auch wie ein Toller gewesen, wollte nicht mit zur Kirche, hörte auf kein Kommando, lief herum wie ein wildes Tier im Käfig, hatte sich auf sein Bett geschmissen, den Kopf gegen die Wand gekehrt, so daß er ihn zum Sich-besinnen mal ins Kaschöttchen hatte führen müssen, in das enge, stockdunkle Käfterchen hinter der schweren Bohlentür mit den eisernen Haspen. Ohne Licht, ohne Beschäftigung, ohne Suppe hatte er darin gesessen, bis er zahm geworden war am andern Tag. Was fiel den Kerlen denn ein, steckte ihnen der Frühling im Blut, der auch aus den elendesten Knorren Schößlinge treibt? Freilich – Simon Bräuer sah sich um, ließ seine Falkenaugen schweifen von Ost nach West, von Süd nach Nord – arme Teufel, jetzt war es lockend! Die Ferne blaute im Duft, aus dem Moorgrund stieg ein kräftiger Geruch; bald würde hier alles rosa blühen von den Glöckchen der Vennheide. Jetzt hieß es aufpassen!

Er setzte die Zähne aufeinander. Aber seine Frau brauchte keine Angst zu haben – sie war gestern hier oben gewesen, er hatte ihr rund ums Haus alles gezeigt – es passierte schon nichts! Was die Weiber so schreckhaft sind! Er hatte mit ihr draußen gestanden, ihr etwas erklärt, sie hatte an seinem Arm gehangen, da hatte sie plötzlich aufgeschrieen und den Kopf an seiner Brust versteckt. Nun, was war denn los? Sie hatte nachher selber darüber gelacht und sich geniert, daß sie so furchtsam gewesen war. An die Gitterstäbe des Schlafsaals hatte der Rotfuchs seine Nase gedrückt – nun ja, schön war der gerade nicht, es gab Schönere, aber zum Fürchten war er doch auch nicht. Aber sie hatte sich immer wieder geschüttelt: buh, sah der einen an! Sie war gar nicht davon abzubringen, immer wieder fing sie an von dem Kerl zu sprechen. Verwünscht! Beinahe hätte der verdammte Kerl ihren ganzen schönen Entschluß wieder über den Haufen geworfen. Auf einmal wollte sie sich nicht mehr recht entschließen, mit den Kindern herzuziehen: es wäre doch gar zu verlassen, zu einsam hier oben. Sie fürchtete sich aufs neue. Und sie hatte doch fest versprochen gehabt, zum ersten August spätestens oben zu sein! Er wollte dann darum einkommen, daß er ein Häuschen für seine Familie gebaut bekam, nicht allzuweit ab, etwa auf halbem Weg zwischen Heckenbroich und der Strafkolonie, sodaß man doch Weib und Kind sehen konnte, wenn es einem gar so gelüstete. Er hatte sich das so schön gedacht – und nun?!

Bräuer zog die Stirn zusammen, sein Gesicht wurde streng: sie =mußte= herauf. Sie waren Mann und Weib, und das Weib hatte dem Mann zu folgen. Das wollte er ihr heut sagen zum Abschied.

Er zog die Uhr und sah finster darauf: elf Uhr. Nur noch eine Stunde, und Thereschen war fort! Dann rollte sie da unten hin in dem schwarzen Zuge über die Geleise, und er hatte das Nachsehen. Er seufzte auf. Unwillkürlich beschleunigte er seine Schritte: je früher er zum Bahnhof kam, desto länger hatte er noch was von ihr. Er lief fast Trab, und dabei grübelte er in sich hinein: wie sollte er’s nur anstellen, sie sobald als möglich wieder hier oben zu haben? Es dünkte ihn jetzt viel unmöglicher, ohne sie zu sein, als da er das erste Mal von ihr geschieden war.

Eine bittende Stimme schreckte ihn auf. »Könt Ihr mir saone, wie vill Uhr et is?« Die kleine Hirtin saß auf einem Stein, nicht weit von den Tannen. Jetzt rutschte sie von ihrem Sitz herab, legte ihr Strickzeug sorglich nieder und kam mit trippelnden Schrittchen lächelnd auf ihn zu.

Sein finsteres Gesicht wurde ein wenig freundlicher: so würde sein Töchterchen vielleicht auch einmal aussehen, nur daß es Flachszöpfchen hatte, nicht so dunkele Haare wie die hier. Er antwortete: »Elf Uhr!«

»Merci. Da moß ich baal no hem driwe. Dä Küh weiden äwer noch esu jot!« Sie nickte und wollte wieder zu ihrem Sitz zurück, zierlich durch das Heidekraut trippelnd trotz der plumpen, schwergenagelten Schuhe, die aufs Wachstum berechnet, viel zu weit um ihre zarten Knöchel schlorrten.

Er sah sie flüchtig an, dann betrachtete er sie interessierter; das ernsthafte Gesichtchen unter dem weißen, rot-gepunkteten Kopftüchelchen gefiel ihm wohl. Daß die Eltern dies junge Kind so ganz allein in die Einsamkeit schickten! Er vergaß ganz, daß er selbst einst auch draußen im Venn, noch viel weiter draußen, noch viel ferner von jedem Menschen, das Vieh gehütet hatte. Aber er war ein Junge gewesen, dies hier war ein Mädchen. »Biste nit bang?« fragte er.

Sie sah ihn groß an und schüttelte, ganz verwundert, verneinend den Kopf.

»Wem biste?«

»Huesgens – ich bin jo dat Kathrinche!« Sie nahm es als ganz selbstverständlich an, daß er sie nun kannte; jeder im Dorfe kannte sie ja.

Aber er sagte: »Huesgen – Huesgen?«

»Huesgen-Jörres, am jrünen Klee, wo dir immer vorbeijeht, wenn dir nor Kirch jeht!«

»Kennste mich denn?«

»Oh, ich kennen Uech siehr jot, dir sed der Herr Bräuer von dem Huhs do!« Sie nickte nach dem roten Dach hin, das über eine Erdwelle hervorleuchtete. »Dat sieht mer jo esu wiet. On wann dir möt Uehre Leut vorbeikott, da kieken ich ömmer hinger der Heck eruhs.«

»Schmeißt du auch mit Steinen oder streckste de Zung eraus?«

Sie wurde ganz dunkelrot und sagte kein Wort.

»No, dann adjüs,« sagte er gutmütig und streckte ihr die Hand hin.

Aber sie gab ihm die ihre nicht. »Adjüs,« sagte sie nur und nickte; sie war gekränkt: wie konnte er nur denken, sie würde die armen Leute mit Steinen schmeißen?!

Er sah noch einmal nach ihr zurück, ehe er in die Senkung zur Bahn hinabstieg. Ein Trupp seiner Strafgefangenen näherte sich jetzt der Ley, die Schaufeln geschultert; sie fingen nicht weit von dem Platz der Hirtin zu arbeiten an. Bräuer krauste die Stirn: er mußte doch wirklich den Huesgens mal sagen, daß die ihr Mädchen wo anders zum Hüten hinschickten. Es gab ja noch Plätze genug. Warum denn gerade hier, so nahe der Kolonie?!

Aber er dachte nicht mehr weiter daran, als er jetzt an der Station stand und sein Thereschen im Arm hielt. Die Frau weinte bitterlich, viel heftiger, als da er fortgezogen war im Februar. Jetzt war ihr Herz geteilt: sie hatte ihn ja so lieb und fürchtete sich doch so sehr. Ihr schöner, stattlicher Mann – ach, würde sein starker Arm sie doch bald wieder umfassen! Und doch – der Rotfuchs, die Kerle alle! Und dann das Venn!

Er sprach kein Wort von ihrer Übersiedlung hierher. Er stieß nur heraus: »Jrüß die Kinder, jrüß die Kinder,« und preßte ihr die Hand dabei so fest, daß sich ihr der Trauring schmerzhaft ins weiche Fleisch drückte. Als sie schon im Coupé saß, stand er noch auf dem Trittbrett und drückte ihr die Hand. Er sprang erst ab, als der Zug schon in Bewegung war. »Jrüß die Kinder!« Ein Ruf, ein Winken, ein lautes Aufschluchzen im Coupé – fort war die Frau, und der Aufseher Simon Bräuer wieder allein mit seinen Vierzig auf einsamem Venn.