Part 15
Hedwig stockte der Atem: war das wahr, wirklich wahr, liebte er sie wirklich so sehr? Ein freudiger Schreck durchrieselte sie. Sie fragte nicht, woher die blonde Frau das wußte, es fiel ihr auch gar nicht ein, sich darüber zu wundern. Glückselig, von einem Rosenschimmer überstrahlt, der ihr unbedeutendes Gesichtchen verschönte, sagte sie leise: »Ist das auch wirklich wahr?«
»Auf Ehre!« Die warme, mollige Frauenhand drückte kräftig die ganz kalt gewordenen Mädchenfinger. »Ich jratuliere, Kind! Der Scheffler ist reizend, so jibt’s jar keinen zweiten mehr!«
»Aber Papa will doch nicht!« Schon wieder senkte die Kleine betrübt den Kopf. »Er schilt immer so, wenn Egon Besuch macht. Ach, wann soll sich Egon denn erklären?«
»Och, der!« Die schöne Witwe schlug eine helle Lache auf. »Der findt schon en Jelejenheit!« Und dann flüsterte sie vertraulich: »Heut kommt er her – janz bestimmt – um zwei Uhr hat er Diner bestellt – kannste nit mal vorkommen, so janz wie von unjefähr?«
Er kam, er kam! Selig strahlte Hedwig. Aber hier herkommen?! Nein, das tat sie nicht.
Helene zuckte die Achseln: »Jott nee, so etepetete?! Aber wat tut man nit für verliebte Leut! Der Scheffler is ja ’ne alte Freund von mir, und – weißte wat, Hedchen?« Flüsternd neigte sie ihr hübsches Gesicht auf das des jungen Mädchens herunter, daß dieses den ganzen warmen Duft, den ganzen süßlichen Parfümgeruch einatmete, der die schöne Frau immer umwogte. »Weißte wat, sei heut nachmittag, so um fünf erum, in eurem Jarten – mach die Jattertür auf, dat er nit zu schellen braucht – ich schick ihn hin – dann könnt ihr euch jut aussprechen. Wenn =ihr= erst emal einig seid, muß der Alte auch ja sagen. Haste mich verstanden? Um fünf, nach dem Diner – dat is heut sehr fein, Sekt trinkt er auch – ich schick ihn – –«
Sie fuhren auseinander. Es kamen gerade Bekannte die Straße entlang, und der erste Wagen mit Gästen fuhr beim Schwan vor. Hedwig hatte nur noch gerade Zeit, bedeutungsvoll ›Ja‹ zu nicken. Jetzt gab’s keine Bedenken mehr. –
Eine Stunde später strömten die Gäste schon. Wagen auf Wagen, und die verhaßten Automobile. Wie Ungetüme saßen die Automobilisten darauf, um sich dann zu entpuppen als elegante Kavaliere aus Belgien, die mit ihren schicken Damen hier das Pfingstfest zu feiern gedachten.
»Hören Sie mal, Donnerwetter, Helene, so hören Sie doch mal!«
Die Herren vom Lager fühlten sich heute etwas hintenangesetzt: es waren zu viel Fremde da, die auch gut dinierten und Sektpropfen springen ließen. Die schöne Frau Wirtin wußte nicht, wem sie zuerst ihr Lächeln schenken sollte.
»Die Frau muß ’nen Docht haben, ’nen höllschen Docht!« Der Stabsarzt konnte nicht umhin, dies bewundernd anzuerkennen. Nun ging es schon auf fünf Uhr, und sie war noch auf keinen Sitz gekommen. Bald hierhin, bald dorthin; bald wurde da was gewünscht, bald da. Der ganze Saal rappelvoll, Tisch eng an Tisch gerückt; kaum zum Durchwinden, und dabei eine Hitze, ein Lärm, ein Geklapper! Und sie immer mitten dazwischen, immer lächelnd, immer fidel, nicht ein bißchen müde, appetitlich, zum Anbeißen nett in dem klaren Kleid, das unter seinem dünnen schwarzen Flor den Busenansatz und die weiße Atlashaut schimmern ließ.
Wo’s not tat, griff Frau Helene, sie, die sonst so träge war, selber mit an; heute galt’s. Das war eine Ernte, nicht nur an Geld, nein, auch an bewundernden Blicken. Mit ihren schönen Armen hob sie eine Schüssel, reichte sie über Tische und Stuhllehnen und trug sie, ein wenig erhoben, trotz ihrer Schwere. Sie fühlte es, daß sie sich so gut machte, und das gab ihr die Lust, selber mit einzugreifen. Ihre Blicke jagten die Kellner.
Wie eine Königin, dachte Abeking. Nein, wie ein Bild! Er stieß den Stabsarzt an: »Sieht sie nicht aus wie Tizians Tochter?«
»Nanu!« Der gemütliche Stabsarzt lachte sich eins. »Die Dicke, in der Tat, die haben beide gemeinsam!«
»Von wem reden Sie denn eigentlich?« Scheffler wußte nichts von Tizians Tochter; er war im Kadettenkorps erzogen, er hatte nicht Zeit gehabt, Galerien zu besuchen.
»So so, ganz recht,« sagte er zerstreut, als Abeking, empört über den Stabsarzt, der von ›Dicke‹ sprach, den Streitfall vorlegte. »Sehr nett, ja ja!«
Was kümmerte es ihn, ob Helenchen dick oder dünn war? Er legte sich in Gedanken eine Liebeserklärung zurecht. ›Um fünf,‹ hatte ihm Helene vorhin zugeflüstert, ›um fünf is Hedwig Schmölder janz allein im Jarten. Dat Tor steht offen. Ran, immer ran an die Jewehre! Die Kleine is verliebt bis über die Ohren. Na, nu macht schon voran, ihr zwei!‹ Ja, in der Tat, Helene hatte ganz recht, es war Zeit! Wie lange noch, und das Kommando auf dem Platz hatte ein Ende, er kam in die Garnison zurück; und wenn er auch wohl nächstes Jahr wiederkam, dann schwamm der kleine Goldfisch vielleicht schon in eines anderen Teich. Verdammt! Er zerknickte einen Zahnstocher in winzige Stückchen und grübelte vor sich hin. Es war doch schwer, schwerer als er sich’s gedacht hatte, sich so hinterrücks der Tochter zu versichern, wenn man weiß, daß einem der Vater nicht grün ist. Es vertrug sich nicht so recht mit dem Begriff der Ehre. Aber was half’s, machten’s andere Kameraden nicht auch so? Wie sollte man sonst zu einer reichen Frau kommen? Und die mußte er haben!
Energisch den Stuhl zurückstoßend, stand der Offizier auf. Er zog die Uniform stramm herunter, preßte die Brust heraus und zwängte die Handschuhe an. »Ich komme nachher wieder,« murmelte er gepreßt zwischen den Zähnen. »Es ist mir zu heiß hier – unerträglich! Adieu, auf Wiedersehen – nein, Kaffee will ich nicht, nachher Bowle!« Er schlug die Hacken zusammen, er hatte nicht den Mut, die Kameraden anzusehen.
Leutnant Schmidt machte einen seiner Witze hinter ihm drein. Der Stabsarzt lächelte ein wenig malitiös. Sie wußten schon, wohin Scheffler stapelte.
Der kleine Abeking blieb ganz ernsthaft: das war doch immerhin eine Sache, sich so für’s Leben zu binden, ein großer Schritt, ein gewagter Schritt! Auch er hatte einstmals von Verloben geträumt, mit einem jungen Mädchen im weißen Kleid. Er hatte sich das immer entzückend gedacht, jetzt langweilte ihn das zum Sterben. Er gähnte und trommelte auf den Tisch: wie konnte Scheffler nur?! Sein Blick suchte Helene. Ob sie denn nun nicht bald Zeit fand, hierher an den Tisch zu kommen? Er winkte ihr mit den Augen – sie sah gerade her zu ihm und lachte – eine stürmische Bitte sprach aus seinem hübschen Gesicht. War er denn dazu hier heruntergekommen, gab er denn dazu soviel Geld aus, noch dazu Geld, das nicht einmal das seine war, um sie mit so vielen zu teilen?! Die Röte des Zorns und der Eifersucht schlug ihm zu Kopf; er hatte auch hastig getrunken, bei der Hitze wirkte alles doppelt. Er hätte alle diese hier, die sie mit den Blicken verfolgten, niederknallen mögen, und sie dann in seine Arme reißen und küssen – ha, küssen! Seine Blicke verschlangen sie.
Schelmisch abwehrend schüttelte die schöne Frau den Kopf. Dabei spitzte sie aber doch den Mund wie zum Kusse. Ihre Lippen bewegten sich jetzt leise, er glaubte ein ›Nachher‹ oder ›Später‹ von ihnen abzulesen. Unruhig rutschte er auf seinem Stuhl. Es war unsagbar öde; die Anekdoten von Schmidt kannte er schon alle, oder wenn er sie noch nicht kannte, wußte er doch, worauf sie hinausliefen – wie konnte der Stabsarzt nur so darüber lachen?! Zu blöd! Seine Gedanken folgten wieder Scheffler: der verlobte sich nun – auch gräßlich – wie konnte sich ein Mann, ein Offizier, mit solch einer törichten, kleinen Person verloben, die noch von nichts eine Ahnung hatte, die kalt war wie eine Blüte im Schnee, ohne Glanz, ohne Duft?!
Sein Blick suchte wieder die schöne Frau. Jetzt sah er sie an einem Tisch stehen und mit ein paar Belgiern scherzen. Unerhört, unerträglich! Er hielt es nicht mehr aus. Wie Scheffler vorhin, so stieß auch er jetzt seinen Stuhl zurück und hörte nicht darauf, daß die Kameraden sagten, er solle doch noch sitzen bleiben, sie kämen nachher auch mit an die Luft. Er rannte aus dem Saal.
Ah, diese Qualen! Er glaubte nie ähnliche empfunden zu haben. Er hätte weinen mögen. Und doch konnte er ihr nicht böse sein, ihr nichts vorwerfen, es lag ja in ihrem Geschäft, mit jedem freundlich sein zu müssen. Ach, daß sie dazu verdammt war, Wirtin im Weißen Schwan zu sein! Würde sie denn nicht auch wo anders hin passen? Nein, nein – ja natürlich – ja, ja, ganz entschieden! Wer sagte da: nein?! Wie ein Wilder sah er sich um. Auch in anderer Lebenslage, in jeder Situation würde Helene am Platze sein. Besser als hier; für hier war sie viel zu schade! – –
Wenn sie nun herauskäme aus dieser Sphäre?! Ein Gedanke, so groß und ungeheuerlich schoß ihm plötzlich durch den brausenden Kopf, daß er vor sich selber davonrannte.
Er rannte die Gasse zu Ende, über Treppen und Treppchen, den steilen, schmutzigen, zwischen zerbröckelnden Mauern verborgenen Engpaß hinan, der zur Burgruine hinaufführte. Dort war er ganz einsam. Aus dem Städtchen herauf kam ein Sumsen, aber es wirkte hier oben nicht anders wie Bienengesumm.
Den Kopf in die Hand gestützt, saß der Leutnant auf einem Mauerrest und blickte starren Auges hinab in die Enge der Gäßchen, die unter ihm lagen. Auf das hochgegiebelte Schieferdach des Weißen Schwans – die Wetterfahne, ein sich ringelndes Weib mit dem Fischschwanz, stand gerade auf ihn gerichtet – hätte er spucken können. Er stierte auf den im Nachmittagssonnenlichte glitzernden und glimmenden alten Schiefer. Da unten wohnte sie – ah, eine Nymphe, eine Nixe, von den Drachen bewacht, die an den Ecken der Dachrinnen auf die Straße spieen! Er seufzte und starrte, bis ihm die Augen übergingen. Wenn er nun den Abschied nähme, ihr zuliebe –?!
Das war ein abenteuerlicher Gedanke, ein ganz verrückter Gedanke, der nirgendwo anders entspringen konnte, als auf dem Moorgrund des öden Schießplatzes, als hier in der Enge der versunkenen Stadt. Er hatte ihn behext, das fühlte er wohl. Er wurde ihn nicht los. Und ihm war, als hätte er erzählen hören, der schönen Helene wegen hätten sich schon einmal zwei Offiziere duelliert. Warum auch nicht? Sie konnte schon junges Blut dazu bringen. Man war doch kein Fisch, wenn man auch hier kaltgestellt war – ah, so kalt! Mit einem Laut des Unmuts reckte sich der junge Offizier und heftete dann seinen Blick auf seine blanken Stiefelspitzen; er konnte nicht mehr dahinabsehen, es zog ihn sonst hinunter mit Allgewalt.
Es war doch schon manches Mal vorgekommen, daß Offiziere einer Heirat wegen den Abschied nehmen mußten! Erst kürzlich war ein Bekannter von ihm zu Krupp gegangen – es ging ihm da sehr gut – sie lebten sehr glücklich. Warum sollte nicht auch er bei Krupp ankommen?!
Wahrheit und Dichtung vermischten sich in des jungen Mannes Kopf; dabei war er benommen vom hastig getrunkenen Wein, seine Augen sahen nicht klar mehr, der blinkernde Schein, der auf dem besonnten Schieferdach lag, machte ihn ganz verdreht. Er schloß die Augen, um nicht mehr hinsehen zu müssen. Er schlief ein, aber in seinen Träumen spukte die schöne Helene, viel schöner, viel hübscher noch, als sie in Wirklichkeit war. Mit einem lauten Ruf fuhr er auf und streckte die Arme aus – ah, eben war sie ihm an die Brust gesunken!
* * * * *
Es war nicht möglich, noch länger auf Scheffler zu warten. Abeking war zwar dafür gewesen, noch eine Stunde sitzen zu bleiben. Er war so unbefriedigt, so unglückselig – sollte er wirklich =so= gehen?! Helene hatte noch immer nicht Zeit gefunden, sich zu ihnen zu setzen; nur einen zärtlichen Blick hatte sie ihm dann und wann zuwerfen können, und es war ihm gelungen, ihr hinter dem hohen Büfett, das gegen die Blicke aus dem Saal schützte, einen flüchtigen Kuß zu rauben. Er hätte bis zum Morgengrauen geharrt.
Aber die beiden anderen, die übergenug hatten, fanden es rücksichtslos von Scheffler, so unpünktlich zu sein. Sie bestanden darauf, anspannen zu lassen; Schwiegervater würde Egonchen schon in der Equipage nach Hause schicken.
Wie ein Träumender bestieg Abeking den Wagen: Helene hatte ihm eben noch ein Zeichen gegeben, ein Zeichen! Was meinte sie damit? Als sie aufgebrochen waren, an den Kellner gezahlt und mit Geklirr und Gerassel das Lokal verlassen hatten, war sie ihnen gefolgt in den Hausflur. Dort brannte nur eine einzige Lampe; es war viel zu wenig Beleuchtung für den tiefen und hohen, wie in einem Kloster gewölbten Gang. Aber ihm war’s heut gerade recht so. Während der Stabsarzt und Schmidt scheltend nach ihren Mänteln suchten, hatte sich Helene dicht an ihn geschmiegt, er fühlte ihre weiche Hand an seiner Wange. Sie war heiß und erregt, er roch den Weindunst ihres Atems, aber das, was ihn bei einer anderen zurückgestoßen haben würde, fiel ihm bei ihr nicht auf, oder es störte ihn doch nicht. Arme Frau – sie hatte so vielen zutrinken müssen! Er fühlte sich plötzlich wie ihr Erretter, ihr Ritter.
Und sie hatte heute nichts von der Schnippischkeit, von dem neckend-überlegenen Ton, mit dem sie sonst die jungen Leutnants abzufertigen pflegte. Der kleine Abeking mit den treuherzigen Augen gefiel ihr gut: so jung, so jung, ah, so ein ganz junger war doch tausendmal netter, als so ein alter ›Knopp‹ wie Schmölder zum Beispiel! Netter auch als der Stabsarzt seligen Angedenkens, netter selbst als der schöne Egon, netter als viele, viele andere. Er war schüchtern, er traute sich nicht so wie die anderen, das gefiel ihr am allerbesten an ihm. Ein Gesicht hatte er fast wie ein Mädchen, fein und zart, trotzdem er schon braun gebrannt war wie eine Haselnuß. Und was er für ein niedliches Schnurrbärtchen hatte! Sonst, wenn er daran herumzwirbelte, während seine Blicke an ihr hingen, hätte sie immer sein hübsches Gesichtchen zwischen beide Hände nehmen mögen: ›Da haste en Bützken, lieber Jung!‹ – aber heute kam er ihr männlicher vor, unternehmender. Als er ihr heute hinter dem hohen Büfett einen heftigen Kuß aufdrückte, hatte sie etwas von einer Leidenschaft gefühlt, die auch ihr immer bereites Herz gleich mit in Flammen setzte. Als sie sich jetzt im dunkelnden Flur an ihn drückte, mit weichen Fingern seine Wange streichelte, war Verliebtheit in ihrem Tun: wahrhaftig, das war kein dummer Junge mehr, mit dem man ein bißchen liebäugelte, den man hinhielt von einem Mal zum andern, das war ein Mann, ein richtiger Mann! »Komm wieder,« flüsterte sie und streifte mit ihren Lippen sein Ohr.
Weiter hatte sie nichts sagen können. Die Kameraden rissen ihn mit fort: »Kommen Sie, kommen Sie, Abeking, wollen in die Klappe!«
Nun fuhren sie alle drei schweigsam zum Lager hinauf. Solange sie noch übers Pflaster des Städtchens holperten, hatten sie von Scheffler gesprochen – der übte sich ja nun in Bräutigamsgefühlen – aber als der Wagen ruhiger und langsamer die steigende Chaussee hinanrollte, verstummte die Unterhaltung. Die beiden gähnten und wickelten sich in ihre Mäntel. Abeking, ihnen gegenüber, machte einen langen Hals und spähte ihnen ins Gesicht: aha, sie schliefen schon! Wenn er nun aus dem Wagen spränge, das Endchen zurückliefe? Eine halbe Stunde kaum, und er wäre bei ihr! Nein, es war noch zu früh, längst noch nicht Mitternacht, der Schwan war noch voller Lärm und Lichter. Schade! Eine glühende Sehnsucht packte ihn, die schöne Frau zu umarmen. ›Komm wieder,‹ hatte sie in sein Ohr geflüstert – was meinte sie damit? Morgen? Übermorgen? Oder – heute noch?!
Während die Kameraden schon fest schliefen, fand er keinen Schlaf, obgleich die Augen ihm fast zufielen und der Kopf ihm verworren war. Sie hatten ihm so oft eingeschenkt; sie hatten’s gut damit gemeint, aber er konnte nicht viel davon vertragen. Nun hörte er in einem fort, wie aus weiter Ferne und doch nah, ganz nah, das ›Komm wieder!‹ Verdammt noch mal, wie sollte er das denn machen?! Er schätzte den Sprung, vom Wagen herab auf die Straße. Merken würden die beiden es jetzt nicht, aber nachher, wenn sie ausstiegen; nachher. Nein, jetzt ging es nicht!
Mit einem Seufzer der Ungeduld zwirbelte der junge Mann sein Bärtchen. Er atmete zitternd-beklommen, in seinen Adern floß es wie Feuer, er hatte kaum die Beherrschung, ruhig sitzen zu bleiben. Mit brennenden Augen stierte er über den Wagenrand. Aber er sah nichts von dem Zauber der schönen Nacht, er sah nur gespenstische Umrisse. Daß da links vom sich windenden Band der Straße tief unten im Tälchen der silberne Bach glänzte, und goldene Sterne sich in ihm spiegelten, sah er nicht. Er sah nur immer die begehrlichen Augen der schönen Frau. In dem Murmeln und Plätschern, das der über Steine herabfallende Bach zu ihm heraufsandte, hörte er nur die flüsternde Stimme: ›Komm wieder!‹
In dieser Nacht brauchte es keiner Nachtigallen-Lockung. – – ›Komm wieder!‹ – –
Der junge Mensch fieberte. Es klopften ihm alle Pulse. Er mußte zu ihr – ›Komm wieder!‹ – er mußte, es litt keinen Aufschub! Wenn er nun mit den Kameraden hinaufführe bis vors Lager, wenn er dann, während sie schlaftrunken davonwankten, dem Kutscher ein Zeichen machte, ihm einen Taler in die Hand drückte, sich einen Gaul beim Zügel langte, sich hurtig aufschwang und noch einmal hinuntergaloppierte ins Städtchen? Zu ihr!
Und hurre hurre, hopp hopp hopp, Ging’s fort in sausendem Galopp, Daß Roß und Reiter schnoben Und Kies und Funken stoben.
Dies Gedicht fiel ihm immerwährend ein, er konnte den Rhythmus gar nicht loswerden: hurre hurre, hopp hopp hopp. Drunten war’s still, die Lichter waren alle erloschen, an den Laden schlug er, klirrend stieg er ab – trapp trapp trapp – des Rosses Hufe dröhnten – sie würde ihn hören. Sie wartete ja schon auf ihn. Hurre hurre, hopp hopp hopp – haha, das war eine Idee, ein toller Streich! Ein toller Ritt, aber – – wenn die Sonne aufging, war er wieder oben im Lager. Niemand merkte etwas, das Pferd stand im Stall, er selber lag in seinem Bette; nur zum Schein, was braucht es der Rast, wenn man beim Liebchen gewesen ist?!
»Und hurre hurre, hopp hopp hopp!« Er murmelte es in das dumpfe Rollen des Wagens, in das gleichmäßige Schnarchen der Kameraden hinein.
Die Pferde schnauften; der müde Kutscher trieb sie nicht mehr an, aber sie trabten von selber, sie witterten den Stall. Der Mond fing an zu scheinen. Jedes Hälmchen am Wege zitterte tau-beperlt. Die großen Tannen am Chausseerand, die, riesenhaft, vom Bachtal bis hier heraufragen, schimmerten silberig und fingen den Mondglanz mit ihren Ästen auf.
Weitoffenen Auges fuhr der Trunkene in den huschenden Glanz hinein, aber er sah nicht. Wie Leichensteine, weiß und gespenstisch, ragten die Meilensteine am Rand der steil-abstürzenden Böschung. Sein Gesicht schimmerte geisterbleich; er lächelte in sich hinein.
X
Egon von Scheffler war glücklicher Bräutigam. Es hatte schwere Mühe gekostet, den Alten herumzukriegen; vieler Tränen des Töchterchens hatte es bedurft, und vieler Versicherungen des Offiziers. Aber die Helene hatte das höchst schlau eingefädelt – was sollte der Vater jetzt noch machen?!
Es war eine unangenehme Überraschung für Heinrich Schmölder gewesen, als am hellen Pfingstnachmittag seine Hedwig plötzlich zu ihm in die Stube stürmte, wo er auf dem Sofa lag und rauchte, hastig, mit glühenden Wangen und glänzenden Augen sich auf ihn stürzte, die Arme um seinen Nacken schlang und ihr Gesicht an das seine preßte: »Ach, Papa, Papachen, ich bin ja so glücklich!« Was hatte sie sich denn so? Er wußte nicht, wie ihm geschah. Aber als er, sich ein wenig vom Sofa aufrichtend, Herrn von Scheffler in der Tür stehen sah, etwas verlegen lächelnd, aber doch mit einer gewissen Siegermiene, da wußte er alles. Zum Donnerwetter, wie war der denn hereingekommen? Er hatte es doch gar nicht klingeln hören!
Auch Frau Schmölder war, trotzdem ihr der Offizier so wohl gefiel, von der Plötzlichkeit der Sache nicht sehr erbaut: Hedwig war doch noch so jung, man hätte doch noch erst überlegen sollen! Sie sah ihre Tochter so böse an, wie sie nur konnte: fragt man nicht erst seine Mutter um Rat? Und Heinrich sah wiederum seine Frau böse an: sie war an allem schuld, sie hatte die Sache protegiert! Aber Hedwig schien so glückselig, und sie war das einzige Kind. Schulden hatte übrigens Scheffler nicht. Er hatte sofort, nachdem ihn Schmölder zu einer Unterredung in sein Privatkontor gebeten hatte, seine Verhältnisse unumwunden klargelegt: Vermögen hatte er keins, nur eine Zulage gehabt, aber ein gutes Avancement hatte er vor sich, und er war auch niemandem etwas schuldig. Dies gab den Ausschlag.
Mit umwölkter Stirn sagte der Fabrikant ja. Er hätte lieber jeden anderen zum Schwiegersohn gehabt, als einen Offizier; aber wenn er gerecht sein wollte, mußte er sich eingestehen, daß der, an dem er so gern etwas zu tadeln finden wollte, untadelig aus seinem Verhör hervorgegangen war. Die beiden Männer reichten sich die Hände.
»Machen Sie meine Hedwig jlücklich,« sagte der Vater. Es lag eine Bitte in dem sonst so trockenen Ton Heinrich Schmölders, und zugleich ein leis-bange Frage, die der Bräutigam wohl heraushörte.
Er verbeugte sich gehalten: »Ich werde alles tun, was in meinen Kräften steht, Ihr Fräulein Tochter glücklich zu machen. Mein Ehrenwort!«
Ein paar Stunden später nannte man sich schon ›Egon‹ und ›Schwiegerpapa‹, wenn auch vorerst das ›Sie‹ noch beibehalten wurde. Heinrich Schmölder hatte einen feinen Wein heraufbringen lassen; es wurde ein ganz fröhliches Abendbrot. Die Eltern sahen immer wieder ihr Kind an, und das Kind den Bräutigam.
Scheffler selbst war in einer strahlenden Laune. Es war alles so glatt gegangen, es hatte gar nicht vieler Worte bedurft in dem blühenden, lauschigen Garten zwischen den Felsen, und das kleine Mädchen war ihm an die Brust gesunken, errötend, zitternd, und er hatte ihr einen zarten Kuß aufgedrückt. Nun hielt er die Hand der Braut beständig in der seinen. Er sah wohl den immer wiederkehrenden ängstlich-forschenden Blick des Vaters, der ihn über den Tisch weg fast durchbohrte, aber er lächelte zuversichtlich: ja, er hatte dies kleine Mädchen wirklich lieb, herzlich lieb, viel lieber, als er eigentlich gedacht hatte. Es würde schon ganz gut mit ihr gehen!
Es wurde spät, bis der Bräutigam sich verabschiedete, und als ihm dann die Braut das Geleit bis zur Gartentür gab, und er sie da noch einmal küßte, seine Lippen auf die warmen jungen Lippen drückte, mischte sich in diesen Kuß ein aufflackerndes Begehren: wahrhaftig, das hatte er sich doch nicht so reizend gedacht, so ein junges Ding die Liebe zu lehren!
Der Schwiegervater hatte ihn mit der Equipage heraufgeschickt. In der bequemen, weichgepolsterten Ecke lehnte träumerisch der Offizier; er dachte daran, daß der Alte doch eigentlich ein famoser Kauz sei, der, der Tochter zuliebe, auch dem Schwiegersohn so leicht nicht etwas abschlagen würde. Oh, wie klug hatte er doch daran getan, der kleinen Hedwig Schmölder, die die anderen Kameraden etwas unbedeutend fanden, den Hof zu machen! Zufrieden lächelte er in sich hinein. Nun würden sie ihn beneiden! Er strich sich den schönen Schnurrbart. Gedanken, angenehme Gedanken strömten ihm in Menge zu; er war ganz darein vertieft.
Da merkte er doch plötzlich auf. Wie ein Schatten flog etwas an ihm vorüber, ein beschlagener Huf sprühte Funken, ein Pferdeatem, heiß und keuchend, schnob am Wagen vorbei. Was war das?! Er wollte sich erheben, sich umsehen – da – da war auch schon alles verschwunden. Ein Traum, eine Halluzination, eine Täuschung der Sinne. –
* * * * *
Am folgenden Morgen pochte der Bursche vergebens an Abekings Tür. Der Herr Leutnant hatte mal einen festen Schlaf, aber wenn auch noch Festtag war, er mußte doch Appell abhalten! Der Bursche räusperte und scharrte mit den Füßen, zuletzt donnerte er mit der Faust gegen die Tür. Diese war nicht verschlossen; als er sich endlich ohne ›Herein‹ hineintraute, war sein Leutnant nicht da, das Bett gar nicht berührt.
Er stieß unwillkürlich einen Laut des Erstaunens aus, der die ganze Enge der Offiziersbaracke durchhallte.