Das Kleine Dummerle Und Andere Erzahlungen Zum Vorlesen Im Fami

Chapter 8

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Draußen vor dem Haus trippelte frierend Frau Greiners Schwester auf und ab. »Aber du hast lang gebraucht! Ich bin ganz erstarrt!«

»Macht nichts, Regine, macht gar nichts. Er hat's ja gekauft! Rat nur, um wieviel? Aber du hättest's ja doch nie erraten -- um 800 Mark, Regine! Komm zur Mutter, komm nur schnell!« --

Es war schon dunkel, als Frau Greiner ihr Dorf erreichte. Auf dem langen Wege hatte sie sich ihren Plan gemacht: Am Krämer wollte sie vorbeigehen und am Metzger, Schulden bezahlen, einkaufen, bar zahlen. Dann, wenn sie heimkam, wollte sie die Kinder hinausschicken, die brauchten nichts zu wissen von dem vielen Geld. Danach wollte sie zu ihrem Manne sagen: Den Kopf nimmt niemand, der hat ja gar so einen großen Mund, und dann, wenn er sich recht gegrämt hatte, wollte sie den Korb aufmachen und statt dem Kopf die Geldrollen vor ihn legen. Ja, so hatte sie sich's ausgedacht. Als sie aber endlich im Dorf war, mochte sie sich nicht mehr aufhalten; einkaufen konnte sie doch später noch, jetzt heim, heim! Und als sie die Zimmertüre aufmachte, wo all die Ihren beisammen saßen und auf sie warteten, und als ihr Mann auf sie zukam und sie ansah, wie wenn sein Leben abhinge von dem Wort, das jetzt über ihre Lippen kommen würde, da hatte sie kein Verlangen mehr, ihn zu täuschen; da fuhr sie ihm mit beiden Händen über seine schmalen Backen, und strahlend vor Glück rief sie: »Um 800 Mark haben sie ihn gekauft, und er will noch mehr von dir! Gelt, da kannst lachen, du alter Griesgram du!«

Der kleine Alex hatte geschlafen, als die Mutter heimgekommen war. Nach einer Stunde etwa ließ er sein Stimmchen hören und ein einstimmiges: »Jetzt wacht er!« kam aus aller Mund; im Augenblick war der Wagen umringt von allem was Greiner hieß, denn die ganze Dankbarkeit wandte sich dem Kindlein zu. Des Alex' Gesichtchen war's ja, das solches Glück ins Haus gebracht hatte. Milch hatten sie schon bereit, zwei von seinen Soxhletfläschchen standen voll auf dem Ofen. Wie lieblich der Kleine all die freundlichen Gesichter anlächelte, die seinen Wagen umringten, und wie gierig er die Milch trank; er konnte gar nicht genug bekommen! Sie sahen ihm alle zu. »Jetzt sollst du Milch haben, soviel du willst, alle Tage frische Milch, du lieber kleiner Schelm du!«

Aber wie war es nur möglich -- sie bekam ihm nicht einmal gut! »Er wird die Milch doch vertragen, es wird doch nicht zu spät sein?« dachte Greiner. Am nächsten Morgen wollte er sie gar nicht nehmen; er schob das Soxhletfläschchen weg, wenn sie es ihm reichten und mit allen Schmeichelworten immer wieder anboten. In der Nacht faßte Greiner einen Entschluß: »Wenn ich morgen in die Stadt gehe und das Geld hole, nehme ich den Arzt mit heraus; wir sind's ihm schuldig, dem Kind, wir wollen alles dafür tun.«

Aber das war nicht des kleinen Alex Bestimmung. Er war nicht gesandt, Mühe und Kosten zu machen, er sollte bloß aus dem Elend helfen. Jetzt hatte er geholfen und jetzt nahm er Abschied. In früher, dunkler Morgenstunde, als Greiner an seinem Bettchen saß, lächelte der kleine Alex holdselig, dann schloß er halb die kleinen Äuglein und war still. Ganz sanft war er entschlafen. Da trat der Mann ans Bett seiner Frau. »Magdalene, wach auf, unser Kleiner ist gestorben.«

Das Waislein wurde betrauert, wie es bei seinen eigenen Eltern und Geschwistern nicht mehr hätte betrauert werden können, und dem kleinen Fremdling folgten auf den winterlichen Friedhof alle Nachbarn und Freunde; denn es war keiner, dem es nicht Leid getan hätte um das liebliche Kind. Und sie sagten untereinander, es sei zu schön gewesen für diese Welt.

Der Ortsvorsteher schrieb nach Köln, man sollte den Vormund ausfindig machen und ihm den Todesfall mitteilen. Die Familie lasse auch fragen, ob sie die Wäsche, den Wagen und den Soxhlet als Erbe behalten dürfe? Er, Ruppert, halte das für selbstverständlich. Er habe es nie gebilligt, daß man dieser armen Familie das Kind zugeschoben habe, und bitte den Vormund, die Beerdigungskosten zu zahlen.

Eines Tages brachte Ruppert das Geld für die Beerdigung und eine Antwort mit Entschuldigung. Der Vormund habe nicht gewußt, daß Fabrikant Greiner in so schlechten Vermögensverhältnissen sei. Die Wäsche und den Wagen sollten selbstverständlich die Kostgeber als Entschädigung erhalten.

»Vom Soxhlet steht nichts darin?«

»Nein, von dem nicht.«

»Siehst, wir sind nicht allein so dumm,« sagte Frau Greiner zu ihrem Mann. »Die Herren wissen halt auch nicht, was der Soxhlet ist.«

Im Frühjahr, als der Schnee schmolz, richteten sie das kleine Grab. Rings um den Hügel gruben sie in die Erde die Soxhletfläschchen, die dienten als Gläser für die Schneeglöckchen und Maiblumen. Sogar ein schönes Kreuz schmückte das Grab, obwohl das im Dorf nicht Sitte ist bei Kindergräbern. Aber wo ruht auch sonst ein kleiner Erdenbürger, der, wie Alex, eine ganze Familie aus dem Elend errettet hat? Mancher wird alt und grau und hat in seinem langen Leben andern kein Glück gebracht!

Wenn ihr an Weihnachten die Puppen seht, eine neben der andern ausgestellt in den Läden der großen Stadt, dann schaut sie genau an. Ist nicht eine dabei, die lebensvoll wie ein Kindergesichtchen euch ansieht zwischen all den großäugigen Puppengesichtern? Dann grüßt sie freundlich, ihr wißt ja, wie sie entstanden ist: dem kleinen Alex ist sie nachgebildet.

Der Akazienbaum.

Draußen vor dem Stadttor steht ein großes Haus, das ist das Kinderspital. Viele kranke Kinder liegen darin.

Mitten im kalten Winter wurde das kleine Lenchen krank. Man brachte es in das Kinderspital. Dort wurde es in ein Bett gelegt und von der Schwester gepflegt, lange Zeit.

»Ach, Schwester Berta,« seufzte Lenchen, »ich bin schon so lange krank, wann werde ich wohl wieder gesund?«

Da wies Schwester Berta auf den Akazienbaum, der vor dem Fenster so kahl dastand und seine dürren Äste über die Gartenmauer streckte, und sie sagte: »Wenn die Akazie wieder grüne Blätter bekommt, dann wirst du wieder gesund.« Von nun an sah Lenchen von ihrem Bett aus alle Tage durchs Fenster, ob die Akazie noch keine grünen Blätter zeigte, und sehnte sich danach.

Der Winter verging, die gute Schwester Berta kam fort, eine andere Schwester kam und pflegte die Kinder. Es wurde Frühling, alle Hecken und Büsche trieben Blätter, viele Bäume blühten schon, nur allein die Akazie stand noch kahl, wie im Winter.

»Ach Schwester Marie,« seufzte Lenchen, »wann wird denn endlich die Akazie grün?« Da sah Schwester Marie hinaus auf den blätterlosen Baum; sie wußte nicht, daß die Akazien alle Jahre später grün werden als die andern Bäume, und da sie den kahlen Baum sah, antwortete sie: »Der wird wohl nie mehr grün, der ist abgestorben.« Da erschrak Lenchen und dachte bei sich: »dann werde ich auch nimmer gesund, dann bin ich auch abgestorben,« und das arme Kind weinte still in seinem Bettchen, wandte sich ab vom Fenster und wollte gar nicht mehr hinaussehen. Die Schwester wußte aber nicht warum und sagte eines Tages zum Arzt: »Ich glaube, dem Kind tun die Augen weh, es wendet sich immer ab vom Fenster.«

»Dann muß man einen Wandschirm vor sein Bett stellen,« sagte der Arzt, »damit es nicht ins Helle sieht.« So kam eine Wand vor Lenchens Bett, und es konnte das Fenster nicht mehr sehen.

Viele Wochen vergingen, alle Kinder, die man im Winter ins Spital gebracht hatte, waren längst wieder fort, nur mit Lenchen wurde es nicht besser. »Willst du nicht versuchen aufzustehen?« fragte manchmal Schwester Marie das stille Kind.

»Ich kann nicht, ich bin ja abgestorben,« sagte die Kleine und man ließ sie liegen.

Eines Tages sprach der Arzt: »Ich begreife gar nicht, warum es mit diesem Kind nicht vorwärts geht. Schwester, tragen Sie einmal die Kleine vor an das Fenster, damit ich sie besser sehen kann.« Lenchen wollte nicht ans Fenster, denn sie mochte den abgestorbenen Baum nicht sehen, aber Schwester Marie nahm sie auf den Arm und tat, wie der Arzt verlangt hatte. Lenchen drückte die Augen fest zu. Am Fenster stand der Arzt. »Augen auf!« befahl er. Da folgte sie und öffnete die Augen. Ihr erster Blick fiel auf die Akazie und siehe, der Baum war über und über voll grüner Blättchen, die wiegten sich im Sonnenschein und der blaue Himmel glänzte zwischen den Zweigen hindurch, die freundlich über die Mauer herübergrüßten. Da jubelte Lenchen laut auf und rief: »Die Akazie ist grün, jetzt bin ich gesund, Schwester Berta hat es gesagt!«

Der Arzt und die Schwester sahen sich sehr verwundert an, denn sie verstanden gar nicht, was das Kind meinte, aber sie freuten sich, daß Lenchen so glücklich war. Lange, lange blieb sie am Fenster und konnte sich nicht satt sehen an dem grünen Baum, und als noch einige Tage vorüber waren, da spielte sie drunten im Garten mit andern Kindern unter dem schönen Akazienbaum und war bald wieder frisch und gesund.

Wie Johannes Ruhn Kaufmann wurde.

Die große Frage, was einst aus ihm werden solle, war für Johannes Ruhn schon gelöst, lange ehe er aus der Schule kam; denn er hatte eine solch ausgesprochene Neigung zum Kaufmannsstand, daß seine Gedanken ganz und gar davon erfüllt waren. Sein Vater, ein tüchtiger und verständiger Mann, seines Zeichens ein Bahnarbeiter, war allerdings der Ansicht, daß für den kaufmännischen Beruf etwas Vermögen not täte, und er hatte das seinige nicht in Wertpapieren angelegt, der ganze Reichtum, den er besaß, war eine Frau und fünf Kinder. Deshalb äußerte Vater Ruhn manchmal Bedenken über die Zukunftspläne seines Ältesten; aber wenn er seinen Johannes beobachtete, wie der mit hellen Augen ins Leben sah, oder wenn er ihn von seinem zukünftigen Berufe reden hörte, dann hatte er, ohne recht sagen zu können woran es lag, den Eindruck: der wird auch ohne Vermögen vorwärts kommen. Auch seine Frau, die sonst eine sorgliche, schüchterne Art hatte, meinte von ihrem Johannes: »Den lassen wir nur machen, er findet schon seinen Weg, wenn nur alle so hell wären, wie der!«

Als nun der Junge aus der Schule kam, gingen die Eltern mit bester Zuversicht daran, ihm eine Lehrstelle ausfindig zu machen. Der Vater hielt Umfrage, die Mutter kaufte kein Salz und kein Schmalz, ohne mit der Frage zu schließen, ob eine Lehrstelle frei sei; Johannes selbst stellte sich da und dort vor -- aber es wollte nicht gelingen und die gute Zuversicht verlor sich mit jeder Woche mehr. In manchem Geschäft wäre wohl Platz gewesen, aber es wurde Lehrgeld verlangt oder höhere Ausbildung und beides stand Johannes nicht zur Verfügung. Andere besahen sich den Jungen, doch ihrem Blick entging das Besondere, das die Eltern an ihm kannten; sie sahen nur die für sein Alter noch etwas kleine, zarte Gestalt, nicht die hellen Augen, die aus dem offenen Gesicht strahlten und von Unternehmungslust glänzten. Es boten sich so viele kräftige, derbe Burschen an, ihnen wurde der Vorzug gegeben, und niemand wollte Johannes.

So ging der Sommer hin, der Herbst kam, es fand sich kein Plätzchen, immer kleinmütiger wurde die Stimmung bei Vater, Mutter und Sohn.

Dieser machte sich einstweilen daheim nützlich. Die Mutter konnte ruhig auswärts Arbeit annehmen, ihr Großer ersetzte ihr Kindsmagd und Köchin, denn zur Untätigkeit war seine Natur nicht angelegt, er mußte immer zu tun haben, sonst war ihm nicht wohl. Aber trotz seines guten Willens vergaß er von dieser Hausarbeit, die ihm nun zufiel, doch so manches, und das kam daher, daß seine Gedanken nicht bei der Sache waren; die arbeiteten unablässig und suchten nach Mittel und Wegen, um das ersehnte Ziel zu erreichen: Kaufmann zu werden. Wollte man ihn in keinem Geschäft aufnehmen, so mußte es anderswie gehen.

Und es kam der Tag der Eingebung, die Stunde, in der seine hellen Augen plötzlich den Weg vor sich sahen, den er gehen mußte.

Lange hatte er, sinnend am Fenster stehend, in den abendlichen Herbstnebel hinausgeschaut; von dort war ihm das Licht nicht gekommen, aber woher sonst? Was ist es doch für ein geheimnisvoller Hergang, wenn wir nachdenken, so lange, bis unserem Geist plötzlich aufleuchtet, was uns ohne dieses Besinnen dunkel geblieben wäre?

Johannes Ruhn hätte auch nicht sagen können, wie es zugegangen, daß er plötzlich wußte, was er tun mußte; aber er war glückselig über diese Klarheit. Sein gutes, noch kindliches Gesicht strahlte vor Freude und die Lust belebte seinen ganzen Menschen, er stemmte die Hände auf das Fensterbrett, hob sich vom Boden und warf die Beine hinaus wie ein junges Füllen.

Und dann begann für den kleinen Geschäftsmann die Arbeit. Die erste mußte sein: Vater und Mutter für seinen Plan zu gewinnen. Am Abend, als die kleinen Geschwister zu Bette waren, begann er mit Herzklopfen seine Gedanken zu entwickeln: Weil er in keinem Geschäft ankomme, müsse er selbst eines beginnen, und weil kein Geld da sei, müsse er etwas verkaufen, was ihn selbst nichts koste, was er geschenkt bekäme. Er wußte schon etwas, nämlich: alte Kistchen, Büchsen und Pappschachteln; die bekomme man umsonst in den Läden und auch von seinen Kameraden würde ihm jeder welche schenken. Wenn er die alle sauber herrichten und ausbessern würde, und hätte dann einen ganzen Haufen in allen Größen und Formen, dann könnte er sie verkaufen, vor Weihnachten, wo jedermann Pakete abschicke, vielleicht auf der Messe oder an einer Straßenecke, und alte Packpapiere und Schnüre müßten auch dabei sein. Und wenn er dann etwas Geld verdient habe, dann kaufe er noch Siegellack dazu und Adreßkarten und Begleitscheine, daß die Leute alles bequem beieinander hätten, und den Ungeschickten würde er auch helfen zusammenpacken und -- -- hier unterbrach sich Johannes. Es kam ihm plötzlich zum Bewußtsein, daß er schon eine ganze Weile redete und die Eltern noch immer kein Zeichen von Beifall gaben. So hielt er inne, begierig, was sie sagen würden.

Es kamen allerlei Einwände. Der Mutter schien der Handel nicht fein genug; ein Trödelgeschäft sei das, und wenn er Trödler sei, komme er nimmer hinauf in den richtigen Kaufmannsstand; und ein kaltes Vergnügen wäre das, im Dezember im Freien seine Ware feilzubieten, da könnte man mehr als einen Schnupfen davontragen; auch denke sie sich's nicht schön, betteln zu gehen, um so eine Menge Schachteln zusammenzubekommen. Mit diesen und ähnlichen Einwänden wurde aber Johannes leicht fertig; denn ihm erschien der beabsichtigte Handel sehr fein und die Kälte fürchtete er gar nicht und betteln würde er nirgends, nur bitten. Aber nun kam ein anderes, ein schwerwiegendes Wort: »Ohne Erlaubnis geht das nicht,« sagte der Vater, »für so etwas muß man eine Eingabe bei dem Magistrat machen, muß Abgaben zahlen, wohl auch noch Gewerbesteuer entrichten, daran scheitert die Sache.«

An so etwas hatte Johannes nicht gedacht und wollte es zuerst gar nicht glauben. Wie sollte denn der Magistrat sich darum kümmern, wenn er, Johannes Ruhn, alte Schachteln verkaufen wollte? Aber der Vater erklärte ihm die Sache, und die schweren großen Worte: Magistrat, Gewerbesteuer und Abgaben drückten so sehr auf Johannes' Luftschloß, daß es einzustürzen drohte; bis die Mutter dem schönen Gebilde zu Hilfe kam, das sie doch selbst erst angegriffen hatte, nun aber in warmer Regung des Mitleids zu stützen geneigt war. Sie sagte zum Vater: »Du müßtest eben einen der Herren vom Magistrate darum ansprechen.«

Einige Tage später kam Vater Ruhn vom Rathause heim, wo ihm eröffnet worden war: wenn sein Junge so ein findiger Kerl sei, so möge er die Sache immerhin versuchen, zunächst ohne Abgabe. Auch stünde ihm zu seinem Versuch ein alter Marktstand unentgeltlich zur Verfügung.

Johannes Ruhn wußte sich an diesem Tage nicht zu fassen vor Glück. Seine Freude war so groß, daß sie wie ein Strom die Geschwister, ja auch die Eltern mit fortriß, die gar nicht mehr zu dem Gedanken kommen konnten, ob es eigentlich ein so besonderes Glück sei, wenn im günstigsten Falle durch den Verkauf von alten Schachteln einige Mark verdient würden? Der zu erwartende Gewinn war es auch nicht, der Johannes so beseligte; es war vielmehr die Freude des Erfinders, die ihn erfüllte und nun seine Unternehmungslust weckte.

Es dauerte gar nicht lange, so füllten sich die Räume mit Schachteln, Pappkästen und Kistchen aller Art; denn es sprach sich bald in der Nachbarschaft herum, wie hocherwünscht solche in der Familie Ruhn seien; gar manche Bodenkammer wurde durchsucht und befreit von altem, bestaubtem Packmaterial, das von Johannes mit lebhafter Dankbarkeit in Empfang genommen und nun gereinigt und ausgebessert wurde. Unermüdlich schaffte er mit Zwirn, mit Kleister und Leim, und allmählich türmten sich die sauber hergerichteten Schachteln, so daß die Familie in ihren kleinen Zimmern bedrängt wurde von diesem Überfluß und sehnlich den Tag erwartete, bis sich der Segen herausergießen würde aus ihren engen Räumen.

Endlich kam die erste Dezemberwoche, mit ihr die Weihnachtsmesse, der zur Eröffnung des »Geschäfts« bestimmte Zeitpunkt. Noch vor Tagesanbruch, ehe die kleinen Geschwister wach waren, zogen Vater, Mutter und Sohn hinaus nach dem Platze, der ihnen zum Aufrichten der alten Meßbude angewiesen war. Einmütig halfen sie zusammen, doch war den beiden Eltern das ungewohnte Unternehmen peinlich; sie sprachen nur leise miteinander, um die Aufmerksamkeit der anderen Meßleute nicht auf sich zu ziehen, während sie sich mühten, den Stand aufzurichten. Johannes dagegen war frei von dieser Befangenheit, lief zu den anderen Ständen, um abzusehen wie diese zusammengefügt wurden, und man durfte ihn nur ansehen, um auf seinen belebten Zügen zu lesen: Heute ist ein großer Tag!

Seinem Stand gegenüber war ein solcher mit Glaswaren und Porzellanfiguren. Er erfaßte das sofort als einen besonderen Glücksfall; und als die derbe Frauensperson, die eben ihre Kiste auspackte, einmal innehielt und neugierig hinüberblickte zu ihm, der mit so ungewohntem Kram den Markt bezog, nahm er seinen Vorteil wahr, trat zu ihr heran und zog artig die Mütze: »Ich handle mit Packwaren,« sagte er, »und wenn Sie Glaswaren verkaufen, dann seien Sie doch so gut und sagen Sie den Leuten, daß sie bei mir Schachteln finden. Vielleicht traut sich dann auch mancher, mehr so zerbrechliche Dinge einzukaufen.« So hatte er schon in der ersten Morgenstunde eine Geschäftsverbindung geschlossen. Seine Mutter hatte ihm verwundert nachgesehen; wie vertrauensvoll ging er auf die Leute zu, während sie im bedrückenden Bewußtsein des »Trödelkrames« immer Angst hatte, man würde sie auslachen. So trieb sie auch bald ihren Mann, mit ihr heimzugehen: »der Johannes richtet es schon ohne uns,« meinte sie, und so überließen sie den kleinen Geschäftsmann seinem Schicksale.

Kalt war es an diesem Dezembermorgen und still blieb es auf der Messe, ein Käufer kam auf fünf Verkäufer und nach leeren Schachteln fragte keiner. Aber doch -- das bemerkte Johannes mit großer Befriedigung -- hatten alle Vorübergehenden einen Blick für die hoch aufgebauten Schachteln, für die verschiedenfarbigen Packpapiere, die feine Holzwolle, die Schnüre, die in allen Längen und Stärken dahingen, und kaum einer übersah die ungewohnte Aufschrift:

_Packwaren._

Gegen Mittag wurde der Markt belebter; die Porzellanhändlerin brachte ein zierliches Figürchen, eine Schäferin, zum Verkauf. »Nehmen Sie sich nur gleich da drüben eine Schachtel mit, daß der Hirtenstab nicht abbricht,« sagte sie zu der Käuferin, und richtig, das Fräulein wandte sich den Packwaren zu. Sie war Johannes' erste Kundin, wie eifrig wurde sie aber auch bedient! Wie sorglich wurde die passendste Schachtel gewählt und wie vorsichtig die Schäferin in feinste Holzwolle gebettet! Bis nach Australien hätte sie ohne Ungemach in dieser Verpackung reisen können. Und dann nickte Johannes voll Vergnügen seinem Gegenüber zu, und bewachte gerne den Kram, während die Frau ging, sich einen Topf heißen Kaffees zu holen.

Am ersten Abend brachte Johannes nur wenige Pfennige als Erlös heim, und in den nächsten Tagen war es nicht viel besser. Schnee und Regen fielen durcheinander auf die Verkäufer herab, die frierend von einem Fuß auf den andern trippelten, das war kein Spaß.

Aber am vierten Tage verkündigte Johannes schon in der Frühe der Porzellanhändlerin: »Der Barometer steigt,« und bald darauf brach die Sonne durch und all die Glaswaren glitzerten in ihren Strahlen; der Himmel wurde blau und lockte die Menschen hinaus, die schnell den guten Tag benützen wollten. Durch die Reihen der Buden schoben und drängten sich immer mehr Kauflustige, und an Johannes Ecke war gar oft der Ausruf zu hören: Hier können wir gleich eine passende Schachtel auswählen. Das Geschäft ging gut; der kleine Geschäftsmann strahlte, und weil er es jedem Käufer als eine besondere Güte auslegte, wenn er bei ihm kaufte, so war er selbst voll Freundlichkeit und scheute keine Mühe, unter seinen Schätzen den passendsten für einen jeden auszuwählen. Dadurch wurden die Leute zutraulich; manche Unbeholfene ließen sich ihre Ware gleich von ihm verpacken, die Adresse aufkleben und wollten erst noch wissen, was ihre Schachtel wiege und wieviel sie wohl da- und dorthin Porto koste. Als das Johannes merkte, brachte er der Mutter Wage mit und fing an, daheim jeden Abend die Postvorschriften zu studieren, die er sich verschafft hatte; lernte sie auswendig, wußte bald die Postsätze bis in die fernsten Länder und wünschte sich nur jeden Tag, es möchte recht oft nach dieser Weisheit verlangt werden. Bald sprach es sich herum: auf der Messe ist einer, handelt mit Schachteln, sieht aus wie ein Bub, weiß doch alles wie ein Postbeamter, ist aber nicht so kurz angebunden wie diese, sondern gibt freundlich Bescheid. Längst wäre Johannes' Vorrat an Schachteln zu Ende gewesen, aber die Quelle für neue war ja so nahe. Abends, wenn die Buden geschlossen wurden, ging er durch die Reihen; man kannte ihn nun schon und gab ihm, was untertags durch Verkauf leer geworden war. Erhielt er es auch nicht ganz umsonst, jetzt konnte er ja etwas dafür zahlen, ein kleiner Gewinn sprang doch noch dabei heraus; und was ihm die Hauptsache war, es ging doch immer lebhaft zu vor seiner Bude und niemand mußte mit einer unpassenden Schachtel davongehen.

So verflogen ihm die Tage, und mit Schmerz sah er das Ende der ganzen Herrlichkeit nahen, noch drei Tage und die Messe war vorüber.

Heute ging es noch lebhaft zu. Vor der Bude der Porzellanhändlerin stand ein älterer Herr mit seinem Enkeltöchterchen. Die Kleine suchte unter den Blumengläschen, und während sie wählte, horchte und schaute der Herr hinüber nach der Packwarenbude. Er hatte als Magistratsrat die Einwilligung zur Eröffnung dieses Handels gegeben und sah nun zufällig das wunderliche Geschäft im Betrieb. Was ihn aufmerksam gemacht hatte, war der Ruf einer noch kindlichen Stimme: »Aber legen Sie keinen Brief in die Schachtel, denn nach Frankreich ist das verboten!« Es war Johannes, der das einer Käuferin nachrief. Der alte Herr trat näher und beobachtete mit wachsender Teilnahme den kleinen Geschäftsmann. Wie betrieb der Junge seine Sache! Mit welchem Eifer war er dabei, wie unverdrossen half er den Käufern auswählen, und beachtete ihre Bedenken; er wollte nicht um jeden Preis seine Ware losschlagen, man merkte es wohl, daß seine Freude war, die Leute _gut_ zu bedienen; und nun fragten sie den kleinen Burschen nach Porto und Gewicht, und der wußte wirklich Bescheid zu geben! Schon eine ganze Weile war der stattliche Mann mit der Kleinen an der Hand als stiller Beobachter dagestanden; und, obgleich ihn das Kind an seiner Hand zog und bat: »Gehen wir doch weiter, da ist ja gar nichts Schönes,« blieb er doch auf seinem Posten. Johannes hatte schon mehrmals nach ihm aufgesehen. Der Herr kaufte nichts, sah nicht nach den Schachteln, was wollte er denn? Fast unheimlich wurde es ihm unter dem scharfen Blick des großen, ernst dreinsehenden Mannes; hatte er vielleicht etwas einzuwenden gegen sein Geschäft? »Ich habe die Erlaubnis vom Magistrat,« sagte Johannes und blickte dem Herrn offen ins Auge. »Das weiß ich,« entgegnete dieser; lächelte vor sich hin, blieb noch eine Weile stehen und folgte dann dem fortstrebenden Enkelkinde.