Das Kleine Dummerle Und Andere Erzahlungen Zum Vorlesen Im Fami
Chapter 7
Klein Alex aber schien sich nicht einzugewöhnen; er nahm nicht zu und wurde nicht kräftig wie andere Kinder seines Alters. Wenn gerade Geld und Zeit übrig war, so wurde ihm Milch geholt und er wurde so gut gepflegt, wie's eben seine Pflegemutter verstand. War aber Mangel im Haus und drängte die Arbeit, dann mußte sich der Kleine wieder mit Kartoffeln begnügen und Kaffeebrühe trinken wie die andern Kinder auch. »Er verträgt's nicht,« sagte dann Greiner und sah trübselig auf das Kleine, das bei Nacht _sein_ Pflegekind war.
»Nein, er verträgt's nicht, er ist an seinen Soxhlet gewöhnt,« sagte die Mutter. »Aber gut ist's, daß er's nicht weiß und nicht bös auf uns ist, gelt du Kleiner, gelt du magst uns doch? Hast's ja so gut bei uns, kein Mensch darf dir was tun! Und am Sonntag, da wird's lustig, da fahren wir dich in Wald hinaus, wo die Vöglein singen und pfeifen, gelt du freust dich, kleiner Schelm?«
So plauderte sie mit ihm, ohne die Arbeit aus der Hand zu legen, und lachte ihm freundlich zu, und Marie, Philipp und Johann machten es der Mutter nach. Dann lächelte der Kleine so hold, daß sie ihn alle lieb hatten und ihm sein vieles Schreien verziehen. Sie beachteten es nicht so im Drange der Arbeit.
Sommer und Herbst waren vergangen. Das letzte Schiff, das die Puppen zu Weihnachten nach Amerika bringen sollte, war abgefahren, und was unsere kleinen Leute gearbeitet hatten, war nun auf der Reise in aller Herren Länder. Und nun stockte die Arbeit. Die Fabriken in Sonneberg gaben keine Aufträge mehr. Das war alle Jahre so im Winter, aber es war immer wieder ein Schrecken für die Leute, wenn der Verdienst aufhörte. Und doch konnten sie die Ruhe so notwendig brauchen. Der Kartoffelacker mußte bestellt und Holz gesammelt werden. Die Kammer, der man den ganzen Sommer versprochen hatte, daß sie auch einmal geputzt werden sollte, wurde nun rein gemacht. Die Kleider wurden geflickt, und wer kein gutes Hemd mehr hatte, für den wurde jetzt ein neues genäht. Aber die Kost wurde immer schmäler.
Um die Weihnachtszeit war's am schlimmsten. »Marie, geh zum Krämer,« sagte die Mutter, »hol einen Hering zu Mittag. Drei Pfennige nimmst mit, was er mehr kostet, soll der Krämer aufschreiben.« Marie kam zurück mit leeren Händen. »Er gibt's nicht mehr auf Borg; es wird ihm gar zuviel, sagt er; aber ich soll ein Töpfchen bringen, von der Heringsbrüh wolle er mir geben um drei Pfennig.« Und Marie nahm ein Töpfchen. »Sei doch gescheit und nimm den großen Topf mit, dann bekommst mehr,« sagte Frau Greiner. Aber der Krämer war auch gescheit; er machte den Topf nur zur Hälfte voll.
»Die Brüh ist kräftig,« sagte Frau Greiner, als sie sie zu den Kartoffeln auf den Tisch setzte, »man könnt' meinen, man hätte einen Hering, so stark schmeckt sie.« »Ja,« sagte Greiner, »aber hintennach merkt man's doch, daß man keinen Hering gegessen hat. Man wird halt gar nicht satt von der Brüh.« »Wart nur, im Sommer, wenn die gute Einnahm' kommt, dann holen wir wieder Speck.« So wurde schon im Dezember die harte Arbeitszeit wieder ersehnt.
Weihnachten kam. Die Wege waren verschneit, das Eis glitzerte an den Bäumen, aber doch wanderten gar viele Dorfbewohner durch den winterlichen Wald, Sonneberg zu, das Christfest in der Kirche zu feiern. Auch Greiner und seine Frau gingen miteinander hin. Die Kinder ließen sie ruhig allein, brav waren sie gewiß an diesem Morgen, denn sie wußten von vergangenen Jahren: Vater und Mutter kehrten nach der Kirche bei der Großmutter ein, und die schickte Lebkuchen, für jedes Kind einen, und diese Freude warf ihren Schimmer voraus auf das Trüpplein der Kinder, das daheim neben dem Ofen kauerte und wartete, wartete eine Stunde nach der andern, unfähig an etwas anderes denken zu können, als an den Lebkuchen. Jetzt stapfte jemand in den Hausgang herein; der Postbote, dick beschneit, erschien unter der Türe, und als er nur die Kinder sah, rief er: »Ist der Vater nicht da oder die Mutter? Da ist ein Paket, ist wohl ein Christstollen darin. Daß ihr's nicht aufmacht! Ich leg's lieber da hinauf.« Und der Bote legte den Pack oben hin auf den Kleiderschrank und ging. Das war nun eine Aufregung! Da standen sie alle, die Marie, der Philipp und der Johann und sahen andächtig hinauf nach dem großen Paket in seinem braunen Packpapier und wiederholten, was der Postbote gesagt hatte: »Es ist wohl ein Christstollen.« Der Philipp, der sich das Paket näher besehen wollte, trug einen Stuhl herbei und hätte den Pack auch wohl heruntergeholt; aber das wollte Marie nicht erlauben und darum fing sie an, an dem Stuhl zu rütteln, so daß der Philipp schrie und froh war, als er glücklich wieder auf festem Boden stand. Und nun knieten sie auf der Bank am Fenster, kratzten das Eis von den Scheiben und sahen hindurch, ob denn die Eltern immer und immer noch nicht kämen.
Endlich tauchten sie auf, die zwei beschneiten Gestalten; der Vater kam hustend und frierend gleich auf den Ofen zu, die Mutter konnte nicht vorwärts kommen, so wurde sie bedrängt und umringt von den Kindern und ihr Korb bestürmt wegen der Lebkuchen. Auch der kleine Alex im Wagen tat einen kleinen Juchzer, als er die Mutter wieder sah, und auch er bekam von dem Weihnachtsgebäck. »Wenn's ihm nur gut bekommt, gib's ihm lieber nicht,« sagte Greiner sorglich. Aber ganz entrüstet rief seine Frau: »Ich werd doch nicht ihm allein keinen Lebkuchen geben, wenn alle einen essen? er muß doch auch merken, daß Christtag ist: da, mein Bübchen, da, heute ist Weihnacht!«
Einen Augenblick hatte das heißhungerige Verlangen die Kinder sogar das Paket vergessen lassen, aber noch mit dem ersten Bissen im Mund verkündeten sie das Ereignis. Philipp sprang wieder auf den Stuhl und Marie wehrte ihm nicht, so schleppte er das Paket auf den Tisch, und unter gespannter Aufmerksamkeit wurden die Schnüre gelöst. Alle drängten sich heran und mit unbeschreiblichem Jubel wurde der Christstollen begrüßt, den der Postbote prophezeit hatte, und was auch dieser nicht geahnt hatte: ein ganzer Kranz Würste, gute feste Siedwürste, und noch etwas gar liebliches: ein rosa Kinderkleidchen.
Die Sendung kam von Fräulein Elisabeth; sie hatte dem kleinen Alex das Kleid gemacht, der ganzen Familie zum Gruß für die Feiertage den Stollen gebacken und ihre Eltern hatten die Würste beigelegt. In einem Brief voll Liebe und Teilnahme fragte sie nach ihrem Liebling und ob ihn auch alle lieb hätten. Da umringten sie den Kleinen im Gefühl, daß sie ihm das alles verdankten, und sagten ihm liebe Worte, und er lachte laut, als sich all die freundlichen Gesichter über ihn beugten. Aber das schöne Kleidchen konnte ihm Frau Greiner nicht anziehen; so war er nicht gewachsen und gediehen, wie sich's wohl Fräulein Elisabeth vorgestellt hatte. »So sollte er halt jetzt sein,« sagte Greiner. »Wir heben das Kleidchen gut auf, bis übers Jahr wird er hineingewachsen sein,« sagte die Mutter und verwahrte es sorgsam.
Das gab ein Festmahl heute! Wie taute der halb erfrorene abgemagerte Mann auf, als die heißen Würste aufgetragen wurden, und wie schmeckte diese ganze Woche die Kaffeebrühe so wunderbar, wenn der köstliche Stollen dazu eingetunkt wurde! Ja, der Dank kam aus dem Herzen, den Vater Greiner in einem Brief zu Neujahr an Fräulein Elisabeth im Namen der ganzen Familie aussprach! --
Januar war's, kalte kurze Tage und keine Arbeit im Haus. Nicht einmal bei Nacht konnte man die Sorgen verschlafen, denn Alex war krank. Eine Frau im Dorf hatte geraten, ihm von Zeit zu Zeit Überschläge zu machen auf das heiße Köpfchen, und das besorgte Greiner. So saß er in der stillen Nacht an dem Kinderwagen, und indem er auf das schöne Kind seiner verstorbenen Schwester sah und sich fragte, ob es wohl bald seiner Mutter nachfolgen würde, kam den Mann, der jahraus jahrein handwerksmäßig die gewohnten Puppenköpfe formte, das Verlangen an, dies Kinderköpfchen nach dem Leben zu bilden. Hätte er nur Wachs gehabt, wie er es in seinen jungen Jahren auf der Schule verwendet hatte, so hätte er sich's wohl zugetraut.
Es gab aber ein paar Jungen im Dorfe, die jeden Tag nach Sonneberg in die Industrieschule wanderten. Dort lernten sie Menschen und Tiere aus Wachs bilden. Durch diese konnte er sich welches verschaffen. Er sagte nichts davon zu seiner Frau; aber er ging frühmorgens vors Haus, paßte einen der Burschen ab und am Abend hatte er schon, was er brauchte zu seinem Vorhaben.
Und bei Nacht machte er sich an die Arbeit. Nie hatte es ihm Freude gemacht, in den Formen Köpfe auszudrücken, die ihm die Fabrik übergab; denn die Puppenköpfe, die da herauskamen, gefielen ihm nicht, er machte sie nur, weil er Geld dafür bekam. Aber nun hatte er eine Arbeit, die ihm Freude machte; er konnte etwas Schönes schaffen, wie vor zwanzig Jahren, wo er auf der Schule war. Mit jugendlichem Eifer ging er daran und nach ein paar Stunden hatte er ein Köpfchen geformt, das Ähnlichkeit hatte mit dem des kleinen Alex. Aber als er es am nächsten Morgen heimlich bei Tageslicht ansah, war er unzufrieden mit seinem Werk. Wohl waren die einzelnen Züge ähnlich, aber die Anmut und Lieblichkeit, die dem ganzen Gesichtchen einen besonderen Reiz verlieh, die fehlte. Mit einem einzigen Druck der Hand zerstörte er die Arbeit der vergangenen Nacht; er hielt wieder das formlose Wachs in Händen und legte es mutlos beiseite.
In der nächsten Nacht, als der Kleine unruhig wurde und dann im Weinen innehielt und verlangend die Arme nach ihm ausstreckte, war Greiner wieder ergriffen von dem rührenden Ausdruck des Gesichtchens. Kaum war das Kind beruhigt, so konnte er dem Verlangen nicht widerstehen, setzte sich an die Arbeit, formte aufs neue und allmählich kam's ihm in die Finger, daß er das zum Ausdruck zu bringen vermochte, was er vor sich sah. Ja, nun schien sein Köpfchen Leben zu haben; beglückt betrachtete er sein Kunstwerk. Diesmal verbarg er es nicht, er stellte es oben auf den Kleiderkasten; er wollte hören, was seine Frau dazu sagen würde.
In der Dunkelheit des Januarmorgens bemerkten weder die Frau noch die Kinder beim Aufstehen das kleine Köpfchen, das auf dem Schrank stand, und Greiner hatte eine gewisse Scheu, davon zu sprechen. Doch lächelte er beim Frühstück so traumverloren vor sich hin, daß seine Frau ihn verwundert ansah. Sie hatte aber nichts dagegen, daß er so vergnüglich dreinschaute, es war ihr schon lieber als das sorgliche und grämliche Gesicht, das sie an ihm gewöhnt war. Gegen acht Uhr richtete Marie sich zur Schule. Sie ging in die Kammer, ihr Tuch zu holen. Der Vater horchte auf ihre Schritte -- richtig, jetzt machte sie Halt, sie mußte etwa vor dem Schrank stehen. »Mutter,« rief sie nun aus der Kammer, »was steht denn da oben?«
»Ich weiß doch nicht, was du meinst.«
»Da oben auf dem Schrank, es sieht aus, wie ein Kopf.«
Jetzt wurde die Mutter aufmerksam und Philipp sprang neugierig in die Kammer. »Ein Puppenkopf ist's,« rief er, »aber kein solcher,« und er deutete auf die, welche sein Vater auspreßte.
»Auf dem Schrank steht doch kein Puppenkopf, oder hast du etwas hinaufgestellt, Elias?«
»Mußt eben sehen,« sagte der mit seinem wunderlichen Lächeln. Jetzt ging die Mutter selbst hinaus und Greiner schaute ihr nach. Vorsichtig hob Frau Greiner das Köpfchen herunter, nahm es vor ans Kammerfenster; die Kinder folgten ihr, der Vater horchte hinaus. »Das ist gar kein Puppenkopf,« hörte er jetzt seinen Philipp sagen, »das ist ja der Alex.«
»Gerade hab' ich's auch gedacht,« rief die Frau, »unser Alex, ja ganz wie er leibt und lebt.«
Da hörten sie Greiner laut und vergnügt lachen, wie sie's gar nicht gewöhnt waren. »Was lachst denn du so?« fragte seine Frau und kam zu ihm mit dem kleinen Kunstwerk in der Hand.
»Mich freut's halt, daß ihr's erkannt habt. Bei Nacht hab' ich's gemacht, daß wir doch ein Andenken haben, wenn der Kleine sterben sollte,« setzte er schon wieder in seiner gewohnten sorglichen Weise hinzu.
»So steht's nicht um ihn, daran brauchst gar nicht zu denken.« Sie trat an den Wagen, das Kind schlief, sie hielt das Köpfchen daneben. »Gut erraten hast's, wirklich gut!«
»Wenn man danach Formen machte, meinst nicht, das würde schönere Puppenköpfe geben, als die alten da?«
»Ja, wahrhaftig, Elias, aber wie müßt' man das anstellen?«
»Einen andern Weg wüßt' ich nicht, als daß man den Kopf den Fabrikherren zeigt, ob er einem von ihnen so gut gefiele, daß er Formen danach machen ließe.«
»Aber der müßt ihn dir abkaufen; für einen neuen Kopf hat mancher schon viel Geld bekommen.«
»Ich hab' ja nichts dagegen, wenn er ihn teuer bezahlt, du mußt ihn halt in die Stadt tragen; meine Liebhaberei ist das nicht, zu den Herren zu laufen, die einen vielleicht kurz abweisen.«
Die Frau sah das ein. Sie besann sich auch nicht, ob es _ihre_ Liebhaberei sei. Sie wollte es versuchen. Es gab ja eine ganze Anzahl von Fabrikanten in Sonneberg; ihre Schwester wollte sie fragen, an wen sie sich wenden sollte, einer würde es schon annehmen. Das Kunstwerk wurde nun vorsichtig wieder auf den Schrank gestellt, und am folgenden Tage richtete sich Frau Greiner, ihr Glück in der Stadt zu versuchen.
Dem lebendigen kleinen Alex versprach sie beim Abschied, daß es ihm nie mehr an Milch fehlen sollte, wenn sein Abbild einen Käufer fände. Leichtfüßig ging sie aus dem Haus -- Arbeit war nicht abzuliefern, der große Huckelkorb hatte seine Ruhezeit. Am Arm ein kleines Körbchen, in dem der Schatz geborgen war, ein großes Tuch um Kopf und Brust geschlungen, das die Winterkälte abhalten sollte, so verließ sie ihr Heim. Der Mann blieb in größerer Aufregung zurück als je vorher. Wenn sonst seine Frau zur Stadt ging, so handelte es sich nur darum, ob sie etwas mehr oder weniger Geld und Bestellungen heimbringen würde; heute aber war die große Frage, ob sie gleichgültig abgewiesen mit leeren Händen beschämt heimkommen, einen kleinen Betrag bringen oder gar eine große Summe erhalten würde?
Einmal war's ja vorgekommen im Dorf -- das mochte aber schon dreißig Jahre her sein -- daß einer ein reicher Mann geworden war durch einen besonders hübschen Puppenkopf, den er geformt hatte. Es war Greiner zumute wie einem, der ein Los genommen, auf das er große Hoffnungen setzt, und nun sieht er der Ziehung entgegen -- wird's eine Niete sein, ein Gewinnst oder gar der Haupttreffer? Der schöne Traum mit dem großen Verdienst in Amerika fiel ihm wieder ein, wie schnell war er verflogen! Nun ja, auch _der_ schöne Traum würde wohl heute abend vorbei sein. Seine Frau wird den kleinen Kopf wieder heimbringen, vor ihn hinlegen und sagen: es hat ihn keiner gewollt. Natürlich, sie hatten ja in Sonneberg Formen genug, was sollten sie andere machen? Die alten Puppenköpfe gefielen ihnen vielleicht viel besser, sie lachten seine Frau wohl aus. Mit all seinem Denken und Fühlen war Greiner bei seiner Frau, nur körperlich weilte er unter seinen Kindern. Er sah und hörte kaum, was sie trieben.
Inzwischen hatte Frau Greiner die Stadt erreicht und suchte Mutter und Schwester auf. -- Auch bei diesen stockte in dieser Jahreszeit die Arbeit. Die alte Frau saß am Ofen und ruhte, die Schwester flickte, friedlich und still war's im Stübchen. Aus dem Topf auf dem Ofen wurde Frau Greiner eine große Tasse voll Kaffee eingeschenkt, der sie angenehm erwärmte nach dem langen Marsch durch die Kälte. Sie hatte schon erzählt, was sie heute in die Stadt trieb, aber das Kunstwerk war noch im Korb.
»So zeig doch einmal den Kopf,« sagte nun die alte Frau. Sorgsam nahm ihn Frau Greiner heraus, gespannt sah sie auf der Mutter prüfendes Gesicht. »Da spar' dir nur die Müh', Magdalene,« sagte sie jetzt, »das ist kein richtiger Puppenkopf. Der sieht ja aus wie ein Kinderkopf, den nimmt dir kein Fabrikant ab. Jetzt macht der Greiner in die dreißig Jahr Köpf' und weiß noch nicht, wie sie aussehen müssen! Hättest's ihm wohl sagen können, hast's denn du nicht gesehen?«
»Ja,« sagte die Frau kleinmütig, »anders ist er freilich, als sonst die Puppenköpfe sind, aber er hat halt gemeint, so wären sie schöner.«
»Wie, laß mich's doch auch recht sehen,« sagte die Schwester und stellte den Kopf an das Plätzchen, an dem sie sonst jahraus jahrein den Köpfen ihren Haarschmuck zurechtmachte. »So einer ist freilich noch nie dagestanden,« sagte sie kopfschüttelnd, »aber so unrecht ist er gerade nicht. Bei dem jungen Fabrikanten Weber drüben, da wär's doch nicht unmöglich, daß du ihn anbrächtest; da ging' ich hin, der ist fürs Neumodische; wenn der ihn nicht nimmt, dann nimmt ihn keiner.«
»Kennst du den Mann? Gehst du nicht mit mir?« fragte Frau Greiner.
»Bis ans Haus begleit' ich dich und wart' unten; hinauf möcht' ich grad nicht, sie sind oft so barsch.«
Die Schwestern gingen miteinander, es war nicht weit. Das Haus war geschlossen, am Glockenzug blieben sie zögernd stehen. »Meinst du nicht, man lacht mich nur aus mit meinem elenden Köpfchen? Sollt' ich's nicht bleiben lassen? Der Mutter hat's ja gar nicht gepaßt.«
»Wenn der junge Herr so zufällig herauskäm', wär's freilich besser, als wenn man so extra und großartig die Glocke zieht.« Eine Weile standen sie zaghaft auf dem kalten Pflaster. Da mußte die junge Frau an daheim denken, und es war, als ob sie es spürte, wie ihr Mann mit all seinem Denken bei ihr war. »Ich muß in Gottes Namen hinein,« sagte sie, »ich könnt' mich ja vor meinem Elias heut' abend nicht blicken lassen.« Sie läutete; die Türe wurde aufgezogen; die Schwester ging einen Schritt zurück und Frau Greiner vorwärts bis an eine Türe mit der Aufschrift »Kontor«, und tapfer hinein in das Zimmer, wo an großen Stehpulten zwei Herren schrieben.
»Sie wünschen?« fragte der eine, der nur einen Augenblick den Kopf erhoben hatte, dann aber eifrig weiterschrieb. Schüchtern und unsicher brachte Frau Greiner ihr Anliegen vor. Einen neuen Puppenkopf habe ihr Mann gemacht, weil sie ein so schönes Waisenkind hätten, nach dem hätt' er's gemacht, wie's leibt und lebt; bei Nacht, weil es seiner Schwester Kind sei und Umschläge brauchte bei Nacht.
»Ja, gute Frau, was geht denn das uns an, was wollen Sie denn eigentlich?« fragte der Schreiber.
»Wir haben gemeint, ob Herr Weber den Kopf nicht kaufen würde?«
»Kaufen? Ja, zu was denn?«
»Daß man Formen danach mache zu Papiermasché-Köpfen. Mein Mann ist Drücker in Oberhain.«
»Wenn er Drücker ist, dann soll er nur die Formen schön ausdrücken; aber die neuen Köpfe, das könnt' er wissen, die bezieht Herr Weber nicht von den Drückern da draußen im Wald, die werden von den Künstlern geliefert, von rechten Künstlern, die ausgebildet sind auf der Kunstschule. So etwas muß gelernt sein, gute Frau. Jetzt gehen Sie nur heim und machen Sie Ihrem Waisenkind Umschläge, das wird besser sein.« Er lachte und der jüngere Herr am nächsten Schreibpult lachte auch. Aber Frau Greiner war nicht empfindlich; es waren eben junge Herrn, die machten sich gern lustig, das nahm sie nicht schwer. Zeigen wollte sie doch wenigstens den Kopf. Sie nahm ihn aus dem Korb. »Das wäre er,« sagte sie; »der Herr Weber ist wohl nicht zu Haus, daß ich ihm den Kopf zeigen könnt'?«
»Nein,« sagte der Herr und schaute nur flüchtig nach dem Köpfchen. »Herr Weber hat genug neue Muster, fragen Sie nur anderswo; Fabriken gibt es ja hier in jedem dritten Haus, jedes Kind auf der Straße kann Ihnen eine zeigen.«
Frau Greiner packte ihren Schatz sorgsam wieder ein, und dabei sagte sie ganz treuherzig: »Es wär' mir doch recht gewesen, wenn ich den Herrn Weber hätt' einen Augenblick sprechen können. Weil er doch fürs Neumodische ist, und so neumodisch wie der Kopf ist, ganz weich ist er noch.« Die Herren lachten, da lachte Frau Greiner mit. »Sie haben halt noch gut lachen,« sagte sie, »Sie sind jung. Aber für meinen Mann ist's schon anders, wenn ich mit leeren Händen heimkomm'. Man könnt's Geld so nötig brauchen und er hat schon wunder gemeint, wieviel ich ihm heimbring'! Der macht böse Falten hin!«
Halblaut sagte der ältere Schreiber zum jüngeren: »So gehen Sie eben hinauf und bitten Sie Herrn Weber, daß er einen Augenblick herunterkomme.«
Frau Greiner bemerkte mit großer Genugtuung, daß Herr Weber nun auf einmal zu Hause war. Gleich packte sie ihr Köpfchen wieder aus.
So sehr jung war der Fabrikant nicht mehr, der nun eintrat und zu Frau Greiner sagte: »Einen Kopf hat Ihr Mann gemacht? So lassen Sie mal sehen.« Und während er mit dem Köpfchen in der Hand ans Fenster trat, es fortwährend betrachtend, fragte er: »Wie heißt denn Ihr Mann?«
»Elias Greiner.«
»Hat er denn schon mehr verkauft? Nein? Wo hat er's gelernt?«
»Nur als Bub war er ein halbes Jahr auf der Schul'.«
»So, so, und was verlangen Sie für den Kopf?«
Die letzte Frage war eine feine Frage! Die Augen von Frau Greiner leuchteten ordentlich, aber was sollte sie antworten? »Ich weiß nicht, was ich verlangen soll,« sagte sie. Inzwischen hatte Herr Weber mit seinem Buchhalter leise verhandelt.
»Wer etwas verkaufen will, der muß auch den Preis machen,« sagte der Fabrikant.
Da wuchs Frau Greiner der Mut. »Ich denk' halt so,« sagte sie; »Fabriken gibt's hier in jedem dritten Haus, ich könnt' überall fragen und es dem Herrn geben, der's am besten bezahlt.«
Die jungen Herren lachten. Aber der Fabrikant wandte sich ernsthaft an sie: »Ich will Ihnen etwas sagen, Frau, und Sie können es Ihrem Mann ausrichten: der Kopf ist ausgezeichnet geformt, ganz nach dem Leben, aber trotzdem, Sie werden ihn doch nicht leicht verkaufen können. Es ist kein Puppenkopf, wie man es gewohnt ist. Ihr Mann soll sich einmal hundert Puppenköpfe ansehen: alle haben einen Mund so klein, kleiner als die Augen und so schmal wie die Nase. Beim Menschen ist es ja nicht so, und bei diesem Kopf auch nicht, darum sieht er aus wie ein Kinderköpfchen, nicht wie ein Puppenkopf. _Mir_ gefällt es so, weil es nach dem Leben ist, ich kann die großen Puppenaugen nicht leiden; aber ob es sich gut verkaufen läßt, das fragt sich sehr. Die Kaufleute wollen eben die hergebrachten Puppenköpfe, und darum dürfen Sie mir glauben, wenn Sie auch zu allen Fabrikanten laufen, Sie werden den Kopf schwer anbringen. Aber versuchen Sie es nur.«
Frau Greiner hatte kein Verlangen danach, sie war froh, daß dieser Mann an dem Kopf Gefallen fand. Auch flößte ihr seine Art Vertrauen ein. »Ich weiß nicht, was ich fordern soll,« sagte sie, »aber wenn Sie ihn kaufen wollen, so biete ich ihn niemand anders an. Sie werden mir schon geben, was recht ist.«
Noch einmal betrachtete der Fabrikant prüfend das kleine Kunstwerk, dann sagte er: »Ihr Mann soll mir schriftlich versprechen, daß er in den nächsten Jahren keinen Kopf für einen anderen Fabrikanten macht als für mich, dann zahle ich Ihnen für den Kopf 800 Mark; davon gebe ich Ihnen die Hälfte gleich mit und die andere Hälfte, sowie Ihr Mann mir das Schriftliche bringt. Wenn Sie einverstanden sind, so wird der Handel gleich schriftlich gemacht.«
»Ja, ja, ja,« sagte Frau Greiner, »einverstanden bin ich, ganz einverstanden,« und die Freude über die hohe Summe überstrahlte ihr Gesicht, alle ihre Erwartungen waren übertroffen. Als sie die Summe wirklich in die Hand bekam und das Schreiben dazu, sagte der Fabrikant: »Ihr Mann soll die andere Hälfte des Geldes selbst holen, ich möchte mit ihm reden, vielleicht können wir miteinander verabreden, daß er mir den Kopf auch in andern Größen liefert.«
Da fühlte die Frau, daß ihr für jetzt und für die Zukunft eine Last abgenommen war, die sie getragen hatte, solang sie zurückdenken konnte -- die bittere Armut, unter deren Druck sie gestanden, so lange sie lebte. Sie sagte noch mit Tränen in den Augen: »Vergelt's Gott, und mein Mann wird sich selbst bedanken,« und ging wie im Traum von dannen. Die Herren sahen ihr nach, der Buchhalter meinte: »Die hätt's auch um weniger hergegeben.« »Ja,« sagte der Fabrikant, »aber es wäre nicht recht, wollte man die Unwissenheit solch armer Leute ausnützen. Ein Künstler hätt' das Doppelte dafür verlangt. Der Kopf ist vorzüglich, wollen wir sehen, ob wir gute Geschäfte damit machen.« Das Abbild des kleinen Alex wurde in kostbarem Schrank verwahrt.