Part 7
»Wo ist sie denn, diese wunderbare Seele?«
»Da, wo sie sich im Unendlichen findet, jenseits allen Erfolges.«
»Aber was hat alles dies mit unsrer Arbeit für das Vaterland zu tun?«
»Damit ist es dieselbe Sache. Wo unser Vaterland sich selbst als Endzweck setzt, da gewinnt es Erfolg auf Kosten seiner Seele. Wo es das Höchste und Größte als letztes Ziel sieht, da versäumt es vielleicht den Erfolg, aber es gewinnt an seiner Seele.«
»Gibt es dafür irgendein Vorbild in der Geschichte?«
»Der Mensch ist so groß, daß er nicht nur den Erfolg verschmähen, sondern auch das Vorbild entbehren kann. Vielleicht gibt es kein Vorbild dafür, ebensowenig wie das Samenkorn ein Vorbild für die Blume hat. Und dennoch ist der Trieb des Samenkorns auf die Blume gerichtet.«
Es ist nicht so, daß ich Nikhils Standpunkt gar nicht verstehe; darin liegt vielmehr die Gefahr für mich. Ich bin in Indien geboren, und das Gift seines Idealismus steckt mir im Blut. Wie laut ich auch gegen die Tollheit der Selbstverleugnung predige, ich kann mich selbst nicht ganz von ihr freimachen.
So kommen heutzutage bei uns solche sonderbaren Widersprüche zustande. Wir müssen unsre Religion haben und auch unsern Nationalismus, unsre Bhagavadgita und unser Bande Mataram. Die Folge ist, daß beide zu kurz kommen. Es ist, als ob man eine englische Militärkapelle neben unsern indischen Flöten spielen ließe. Ich muß es mir zur Lebensaufgabe machen, diesem fürchterlichen Durcheinander ein Ende zu machen.
Ich möchte, daß der europäische Stil bei uns zur Herrschaft käme, nicht der indische. Dann könnten wir stolz die Fahne der Leidenschaft hochflattern lassen, die die Natur uns mitgegeben hat auf das Schlachtfeld des Lebens. Die Leidenschaft ist schön und rein, -- rein wie die Lilie, die aus dem schlammigen Boden kommt. Sie steigt über alles, was sie beflecken will, empor und braucht keine Kunstmittel, um sich rein zu halten.
V
Eine Frage hat mich in diesen letzten Tagen gequält. Warum lasse ich zu, daß mein Leben sich so mit Bimalas verstrickt? Bin ich denn ein von der Strömung dahingetriebenes Stück Holz, das von jedem beliebigen Hindernis aufgehalten wird?
Nicht als ob ich irgendwelche falsche Scham darüber empfände, daß Bimala der Gegenstand meines Begehrens geworden ist. Es ist nur zu klar, wie sehr sie mich braucht, und so betrachte ich sie als ganz rechtmäßig mein. Die Frucht hängt mit dem Stengel am Zweig, aber das ist kein Grund, weshalb der Stengel das Recht haben sollte, sie ewig festzuhalten. Die reife Frucht fühlt, wie sie sich immer mehr vom Stengel löst. Sie hat ihre ganze Süße für mich aufgespeichert: Hingabe an mich ist Erfüllung ihres Daseins, ihres eigensten Wesens, ist ihre wahre Sittlichkeit. Daher muß ich sie pflücken, denn ich darf sie nicht um diese Erfüllung ihres Daseins bringen.
Aber was mich verdrießt, ist, daß ich mich immer mehr verstricke. Bin ich nicht geboren, um zu herrschen, um mich auf mein eigenes Roß, die Menge, zu schwingen und, die Zügel in der Hand, sie zu treiben, wie ich will und wohin ich will, -- der Preis für mich und für sie nur die Dornen und der Schmutz der Straße? Dies Roß wartet jetzt vor der Tür, es scharrt ungeduldig den Boden und kaut am Gebiß, und sein Wiehern erfüllt die Luft. Aber wo bin ich und was treibe ich, daß ich Tag für Tag die herrliche Gelegenheit versäume?
Ich glaubte einst, ich sei ein Sturmwind, und die abgerissenen Blumen, mit denen ich meinen Pfad bestreute, würden mich nicht im Fortschreiten hindern. Aber ich bin nur eine Biene, die immer um dieselbe Blume kreist. So trifft auch auf mich zu, was ich sagte: daß die Farbe, die der Mensch sich mit seinen Ideen gibt, nur auf der Oberfläche liegt. Der innere Mensch bleibt doch immer derselbe. Wenn jemand, der ganz in mich hineinsehen könnte, meine Biographie schriebe, so würde er beweisen, daß im Grunde gar kein Unterschied sei zwischen einem Kerl wie Pantschu und mir, oder selbst zwischen Nikhil und mir!
Gestern abend blätterte ich in meinem alten Tagebuch... ich las, wie ich gerade mein Examen gemacht hatte und mein Hirn von Philosophie zum Bersten vollgepfropft war. Selbst damals schon hatte ich mir gelobt, keinen Illusionen, weder eigenen noch fremden, Raum zu geben, sondern mein Leben auf der Grundlage der Wirklichkeit aufzubauen. Aber wie ist es tatsächlich bis jetzt damit gewesen? Wo ist die Festigkeit? Es gleicht vielmehr einem Netzwerk, das, obgleich der Faden überall zusammenhängt, doch zum größten Teil aus Löchern besteht. Ich mag versuchen, was ich will, sie lassen sich nicht wegbringen. Und gerade wie ich mich beglückwünsche, daß ich so sicher und unbeirrbar dem Faden folge, gerate ich in solch ein schlimmes Loch. Denn ich habe angefangen, Gewissensskrupel zu bekommen.
»Ich brauche es, es ist da; also nehme ich es mir.« -- Das ist eine klare und gerade Politik. Wer kraftvoll und energisch sein Ziel verfolgt, muß es sicher am Ende erreichen. Aber die Götter wollen nicht, daß solche Reise leicht ist, daher senden sie die Sirene Mitgefühl aus, daß sie den Wanderer vom Wege abbringt, indem sie seinen Blick mit ihrem tränenvollen Nebelschleier trübt.
Ich sehe, die arme Bimala kämpft wie ein Wild, das in einer Schlinge gefangen ist. Welche Todesangst ist in ihren Augen! Wie hat sie sich wund gerissen an ihren Fesseln! Dieser Anblick sollte natürlich das Herz eines richtigen Jägers froh machen. Und ich bin auch froh, aber ich bin auch wieder gerührt; und daher stehe ich zögernd und kann mich nicht entschließen, die Schlinge zuzuziehen.
Ich weiß, es hat Augenblicke gegeben, wo ich hätte zu ihr hinstürzen, ihre Hände ergreifen und sie an meine Brust drücken können, ohne daß sie Widerstand geleistet hätte. Hätte ich es getan, sie hätte kein Wort gesagt. Sie wußte, daß eine Krisis drohte, die in einem Augenblick den Sinn der ganzen Welt verändert haben würde. Und wie sie so vor der Höhle stand, aus der das Unberechenbare und doch Erwartete hervorbrechen sollte, wurde ihr Antlitz bleich, und ihre Augen glühten in Angst und Leidenschaft. Wenn dieser Augenblick eingetreten wäre, so hätte in ihm eine Ewigkeit Gestalt gewonnen, die unser Schicksal mit verhaltenem Atem erwartete.
Aber ich habe diesen Augenblick entschlüpfen lassen. Ich habe nicht mit rücksichtsloser Kraft zugegriffen und mich dessen versichert, was schon fast mein war. Jetzt sehe ich klar, daß es in meiner Natur verborgene Elemente waren, die sich mir offen als Hindernisse in den Weg stellten.
Genau auf dieselbe Weise wurde auch Ravana, der für mich der wahre Held des Ramajana[19] ist, von seinem Schicksal ereilt. Er hielt Sita in seinem Asokagarten in Gewahrsam und wartete, daß sie sich ihm geneigt zeige, statt sie kurzerhand in seinen Harem zu führen. Diese schwache Stelle in seinem sonst so großartigen Charakter machte die ganze Entführungsgeschichte nutzlos. Eine ähnliche Anwandlung von Gewissensskrupeln bewog ihn, seinem verräterischen Bruder nachzugeben, statt vor ihm auf der Hut zu sein, und der Dank war, daß man ihn tötete.
So liegt die Tragik des Lebens im Menschen selbst begründet. Anfangs liegt sie als winziger Keim irgendwo tief unten verborgen, um schließlich doch hervorzubrechen und das ganze Gebäude zum Sturz zu bringen. Die eigentliche Tragik besteht darin, daß der Mensch sich nicht als das erkennt, was er wirklich ist.
VI
So ist es auch mit meinem Verhältnis zu Nikhil. Wenn ich auch weiß, daß er verrückt ist, und über ihn lache, ich kann mich nicht ganz von dem Gedanken frei machen, daß er mein Freund ist. Zuerst wies ich seinen Standpunkt einfach ab, aber neuerdings hat er angefangen, mich zu beschämen und zu versetzen. Daher habe ich versucht, wie früher mit ihm zu diskutieren und dabei den alten begeisterten Ton anzuschlagen, aber er klingt nicht echt. Ja, bisweilen lasse ich mich so weit verleiten, daß ich meine Natur verleugne und so tue, als ob ich seiner Meinung bin. Aber Verstellung liegt nicht in meiner Natur, und auch nicht in der Nikhils; dies eine haben wir wenigstens gemeinsam. Daher ist es mir jetzt lieber, wenn ich ihm gar nicht begegne, und ich habe angefangen, ihm, soviel ich kann, aus dem Wege zu gehen.
Dies alles sind Zeichen von Schwäche. Sobald ein Mensch die Möglichkeit eines Unrechts zugibt, wird es Tatsache und packt ihn an der Kehle, wie sehr er auch versucht, allen Glauben an seine Existenz abzuschütteln. Was ich Nikhil offen sagen möchte, ist, daß man Ereignissen wie diesen als großen Wirklichkeiten ins Gesicht sehen muß, und daß das, was als Wahrheit sein Recht hat, wahre Freunde nicht trennen sollte.
Es läßt sich nicht leugnen, daß ich tatsächlich schwächer geworden bin. Aber nicht diese Schwäche war es, durch die ich Bimala gewann; sie versengte sich die Flügel an der Glut der Vollkraft meiner rücksichtslosen Männlichkeit. Sobald Rauch diese Glut verdunkelt, wird sie unsicher und verwirrt und weicht zurück. Dann kehrt sich ihr Gefühl gegen mich, und sie möchte mir am liebsten den Kranz, mit dem sie mich geschmückt hat, wieder abnehmen, aber sie kann es nicht; und so schließt sie nur die Augen, um ihn nicht zu sehen.
Doch trotz alledem darf ich nicht von dem Pfad, den ich mir vorgezeichnet habe, abweichen. Ich darf auf keinen Fall die Sache des Vaterlandes im Stich lassen, und am wenigsten im gegenwärtigen Augenblick. Bimala und mein Vaterland sollen mir hinfort eins sein. Der stürmische Wind aus Westen, der dem Lande den Schleier des Gewissens abgerissen hat, wird Bimala den Schleier des Weibes vom Antlitz reißen, und diese Entschleierung wird kein Gebot der Scham verletzen. Wenn das schaukelnde Schiff die Menge über den Ozean trägt und die Fahne des Bande Mataram über ihm flattert, so wird es zugleich die Wiege meiner Macht und meiner Liebe sein.
Bimala wird so verzückt sein, wenn sie die Befreiung ihres Vaterlandes im Geiste schaut, daß ihre Bande von ihr abfallen werden, ohne daß sie sich dessen schämt, ja sogar ohne daß sie es bemerkt. Ganz bezaubert von der Schönheit dieser furchtbaren, zerstörenden Macht, wird sie keinen Augenblick zögern, grausam zu sein. Ich habe in Bimalas Natur die Grausamkeit wahrgenommen, die die wesentliche Kraft alles Seins ist, -- die Grausamkeit, die mit ihrer rücksichtslosen Gewalt die Schönheit der Welt wahrt.
Wenn man nur die Frauen von den künstlichen Fesseln befreien könnte, die die Männer ihnen angelegt, so hätten wir auf Erden ein lebendiges Ebenbild der Kali, der schamlosen, mitleidslosen Göttin. Ich gehöre zu den Dienern der Kali, und eines Tages werde ich ihr wahrhaft dienen, indem ich Bimala als ihre Inkarnation auf den Altar der Zerstörung erhebe. Zu solchem Dienst will ich mich bereiten.
Der Rückweg ist uns beiden für immer verschlossen. Wir werden einander berauben, werden einander hassen, aber nie mehr voneinander frei werden.
Fußnoten:
[19] Râmâjana, das zweite große Heldenepos der altindischen Literatur (neben dem Mahâbhârata). Der Hauptinhalt ist, wie dem Helden Râma seine treue Gattin Sîtâ von dem Dämonen Râvana geraubt wird und wie er sie mit Hilfe des Affenkönigs Hanuman wiedergewinnt. (Übers.)
FÜNFTES KAPITEL
NIKHILS ERZÄHLUNG
IV
Alles rauscht und wogt in der Flut des Augusts. Die jungen Reisähren glänzen wie die Glieder eines kleinen Kindes. Das Wasser ist in den Garten beim Hause gedrungen. Das Morgenlicht gießt sich wie die Liebe des blauen Himmels verschwenderisch über die Erde aus... Warum kann ich nicht singen? Der ferne Fluß schimmert von Licht; die Blätter glitzern; die Reisfelder erschauern in goldenem Leuchten; und in dieser Herbstsymphonie bleibe ich allein stumm. Der Sonnenschein der Welt trifft mein Herz mit seinen Strahlen, doch es wirft sie nicht zurück.
Wenn ich sehe, wie mir die Gabe versagt ist, meine Gefühle auszudrücken, dann weiß ich, warum ich einsam bin. Wer könnte auf die Dauer Tag und Nacht meine Gesellschaft ertragen? Bimala ist voll von Lebenskraft, und daher bin ich ihrer in all den neun Jahren unsrer Ehe keinen Augenblick überdrüssig geworden.
Mein Leben hat nur seine stumme Tiefe, aber kein murmelndes Rauschen. Ich kann wie der stille See nur aufnehmen, nicht fortreißen. Und daher ist meine Gesellschaft wie ein Fasten. Heute erkenne ich es klar, daß Bimala die ganze Zeit an meiner Seite gedarbt hat.
Wen soll ich darum tadeln? Wie Vidjapati kann ich nur klagen:
August ist da. Wild schluchzt der Himmel auf, Und Tränenströme stürzen auf die Erde; Und, ach mein Haus ist leer.
Mein Haus, das sehe ich jetzt, war von Anfang an bestimmt, leer zu bleiben, weil seine Türen sich nicht öffnen lassen. Aber bis jetzt wußte ich nicht, daß seine Gottheit draußen saß. Ich war töricht genug zu glauben, daß sie mein Opfer angenommen und mir dafür ihre Gnade verliehen hätte. Aber ach, mein Haus ist die ganze Zeit leer gewesen.
Jedes Jahr um diese Zeit pflegten wir uns in einem Hausboot über die weite Fläche des Samalda treiben zu lassen. Ich sagte oft zu Bimala, daß jedes Lied immer wieder zu seiner Grundmelodie zurückkehren müsse. Die ursprüngliche Grundmelodie jedes Liedes findet sich in der Natur, wo der regenbeladene Wind über den rauschenden Strom hinfährt, wo die grüne Erde sich den Schattenschleier übers Antlitz zieht und ihr Ohr dem plaudernden Wasser zuneigt. Da ist es, wo am Anfang aller Zeiten Mann und Weib sich zuerst begegneten, -- nicht zwischen Mauern. Und daher müssen wir beide wenigstens einmal im Jahr zur Natur zurückkehren, um unsre Liebe neu zu stimmen auf den ersten reinen Ton, in dem unsre Herzen sich fanden.
Die beiden ersten Jahre unsrer Ehe verbrachte ich unsern Hochzeitstag in Kalkutta, wo ich meine Examina machte. Aber von dem nächsten Jahre an, in den sieben folgenden Jahren haben wir jedesmal diesen Tag inmitten der blühenden Wasserlilien gefeiert. Jetzt beginnt eine andere Oktave meines Lebens.
Es wird mir schwer, nicht daran zu denken, daß der August in diesem Jahre wiedergekommen ist. Ob Bimala wohl daran denkt? Sie hat mich nichts merken lassen. Alles um mich her ist stumm.
August ist da. Wild schluchzt der Himmel auf, Und Tränenströme stürzen auf die Erde. Ach, und mein Haus ist leer.
Das Haus, das leer geworden ist, weil die Liebenden sich trennten, ist doch mitten in seiner Leere noch von Musik durchzittert. Aber das Haus, das leer geworden ist, weil die Herzen sich trennten, ist furchtbar in seinem Schweigen. Selbst der Schrei des Schmerzes ist dort nicht am Platz.
Dieser Schmerzensschrei muß in mir zum Schweigen gebracht werden. Solange ich fortfahre zu leiden, wird Bimala nie wahrhaft frei werden. Ich muß sie ganz freimachen, sonst werde ich mich selbst nie von der Lüge befreien können...
Ich glaube, eins habe ich jetzt angefangen zu verstehen. Der Mensch hat die Flamme der Liebe zwischen Mann und Weib so angefacht, daß sie über ihr rechtmäßiges Gebiet hinaus um sich gegriffen hat, und er ihr jetzt nicht mehr Halt gebieten kann. Der Mensch hat aus seiner Liebe einen Götzendienst gemacht. Aber es wird Zeit, daß die Menschenopfer an ihrem Altar aufhören ...
Ich ging heute morgen in mein Schlafzimmer, um ein Buch zu holen. Es ist lange her, daß ich es am Tage betreten habe. Ein Schmerz schnitt mir durch die Seele, als ich mich heute im Licht des Morgens darin umblickte. Am Kleiderriegel hing ein Sari von Bimala, zum Gebrauch fertig geplättet und gekräuselt. Auf dem Toilettentisch stand ihr Parfüm, daneben lagen ihr Kamm, ihre Haarnadeln, und da war auch die Scharlachpaste für das Stirnzeichen! Unten standen ihre goldgestickten kleinen Schuhe.
Einst, in früheren Zeiten, als Bimala ihre Abneigung gegen Schuhe noch nicht überwunden hatte, da brachte ich ihr diese von Lakhnau, um ihr Lust dazu zu machen. Das erstemal wollte sie vor Scham zu Boden sinken, als sie nur damit hinaus auf die Veranda gehen sollte.
Seitdem hat sie manches Paar zu Ende getragen, aber dies Paar hat sie immer wie einen Schatz aufbewahrt. Als ich ihr zuerst diese Schuhe zeigte, neckte ich sie mit einer merkwürdigen Gewohnheit, die sie hatte: »Ich habe dich überrascht, wie du meine Füße ehrfurchtsvoll berührtest, als du glaubtest, daß ich schliefe. Dies ist mein Liebesopfer, das die Füße meiner Gottheit, wenn sie wach ist, immer in Ehrfurcht berühren soll.« Allein sie wehrte erschrocken ab: »Du mußt nicht solche Sachen sagen, sonst werde ich nie deine Schuhe tragen!«
Dies Schlafzimmer, -- es hat eine so feine Atmosphäre, die ich bis ins innerste Herz spüre. Ich habe bis heute nie gewußt, wie mein durstendes Herz seine Wurzeln ausgestreckt und sich um jeden einzelnen vertrauten Gegenstand geklammert hat. Ich sehe, es genügt noch nicht, wenn ich die Hauptwurzel ausreiße, um mein Leben zu befreien. Selbst diese kleinen Schuhe halten mich fest.
Mein wandernder Blick fiel auf die Nische. Mein Bild da blickt noch ebenso wie immer, obgleich die Blumen, die es schmückten, längst welk und trocken sind. Von allen Dingen im Zimmer sind sie mit ihrem Gruß allein aufrichtig. Sie sagen mir, daß sie nur noch da sind, weil es nicht der Mühe lohnte, sie fortzunehmen. Doch mag es sein; ich will die Wahrheit willkommen heißen, wenn sie auch in so dürrer und trostloser Gestalt mir erscheint, und will auf die Zeit hoffen, wo ich imstande sein werde, so unbewegt und ruhig auf alles hinzublicken, wie mein Bild da oben in der Nische.
Als ich noch dastand, trat Bimala hinter mir ein. Ich wandte hastig meinen Blick von der Nische ab zu dem Bücherregal und murmelte: »Ich wollte mir nur Amiels Tagebücher[20] holen.« Wozu brauchte ich ihr freiwillig eine Erklärung zu geben? Ich fühlte mich wie ein Übeltäter, ein Eindringling, der ein Geheimnis, das er nicht wissen soll, ausspäht. Ich konnte Bima nicht ins Gesicht sehen und eilte schnell hinaus.
V
Ich saß draußen in meinem Zimmer und hatte mir gerade gesagt, daß es keinen Sinn hätte, wenn ich versuchte zu lesen oder mich irgendwie sonst zu beschäftigen, -- es war mir, als ob alle meine künftigen Tage in eine feste Masse zusammenfrieren und sich für immer schwer auf meine Brust legen wollten, -- da kam Pantschu, der Pächter eines benachbarten Zemindars[21] mit einem Korb voll Kokosnüsse und begrüßte mich ehrerbietig.
»Nun, Pantschu«, sagte ich. »Was soll denn dies?« Ich hatte Pantschu durch meinen Lehrer kennengelernt. Er war sehr arm, daher dachte ich, der arme Bursche wollte sich durch dies Geschenk ein kleines Trinkgeld verschaffen, um aus einer augenblicklichen Verlegenheit zu kommen. Ich nahm etwas Geld aus meiner Börse und hielt es ihm hin, aber er wehrte mit gefalteten Händen ab: »Nein, Herr, das kann ich nicht nehmen!«
»Warum nicht, was hast du denn?«
»Lassen Sie mich Ihnen beichten, Herr. Einmal, als ich sehr in Not war, stahl ich ein paar Kokosnüsse aus diesem Garten hier. Ich werde alt und kann jeden Tag sterben, daher bin ich gekommen, um sie Ihnen zurückzuzahlen.«
Amiels Tagebücher hätten mir an jenem Tage nicht helfen können, aber diese Worte Pantschus machten mir das Herz leichter. Es gibt doch noch andere Dinge im Leben als die Vereinigung oder Trennung von Mann und Weib. Darüber hinaus erstreckt sich die große Welt, und man hat erst das rechte Maß für seine eigenen Leiden und Freuden, wenn man mitten in dieser Welt steht.
Pantschu hängt mit großer Verehrung an meinem Lehrer. Ich weiß recht wohl, wie er sich abmüht, um das Notwendigste zum Leben aufzubringen. Er steht jeden Morgen vor Tagesgrauen auf, watet mit seinem Korb voll Betelpfefferblättern, Tabakrollen, farbigem Nähgarn, kleinen Kämmen, Spiegeln und anderm Kram, den die Dorffrauen lieben, durch das knietiefe Wasser des Sumpflandes und geht hinüber zu dem Namasudra-Viertel. Da tauscht er seine Waren gegen Reis ein, wodurch er etwas mehr bekommt, als er dafür bezahlt hat. Wenn er früh genug zurückkommt, geht er, nach einer eiligen Mahlzeit, noch einmal fort zum Konditor, wo er beim Schlagen des Zuckers für die Waffeln hilft. Sobald er heimkommt, setzt er sich hin und macht Schildpattspangen und plagt sich oft dabei bis Mitternacht. Und bei all dieser trostlosen Plackerei verdient er kaum so viel, daß er und die Seinen sieben Monate hindurch zweimal am Tage essen können. Um satt zu werden, trinkt er erst immer eine tüchtige Portion Wasser, und seine Hauptnahrung sind die billigsten und minderwertigsten Bananen. Und doch muß die Familie den übrigen Teil des Jahres mit einer Mahlzeit auskommen.
Ich dachte einmal daran, ihm eine jährliche Unterstützung zu geben, aber mein Lehrer sagte: »Du kannst das harte Los dieses Mannes nicht ändern, du könntest nur ihn selbst mit deiner Gabe verderben. Mutter Bengalen hat nicht nur diesen einen Pantschu. Wenn ihre Brüste ausgetrocknet sind, so kann die Milch, die von außen kommt, das nicht gutmachen.«
Solche Gedanken machen nachdenklich, und ich beschloß, es mir zur Aufgabe zu machen, einen Ausweg aus der Not zu finden. Noch am selben Tage sagte ich zu Bima: »Wir wollen unser Leben daran setzen, die Wurzel dieses Übels in unserm Lande auszurotten.«
»Ich sehe, du bist mein Prinz Siddharta[22]«, erwiderte sie lächelnd. »Aber gib nur acht, daß der Strom deiner Gefühle mich nicht am Ende auch mit hinwegfegt!«
»Siddharta legte sein Gelübde allein ab. Ich möchte, daß wir es zusammen tun.«
Wir kamen auf andere Dinge zu sprechen. Bimala ist nämlich im Grunde, was man eine »lady« nennt. Wenn auch ihre Familie nicht in guten Verhältnissen lebt, so ist sie doch eine geborene Fürstin. Sie zweifelt nicht, daß es für die Sorgen und Leiden der niedrigeren Klassen einen andern Maßstab gibt. Natürlich leiden sie beständig Mangel, aber es ist nicht gesagt, daß dies für sie wirklich »Mangel« bedeutet. Sie fühlen sich gerade in ihrer Enge wohl und sicher, wie der Teich in seinen Ufern; wenn ihre Grenzen weitergesteckt werden, kommt nur der Schlamm zum Vorschein.
In Wahrheit teilt Bimala doch nur mein Heim aber nicht mein Leben. Ich hatte sie so vergrößert und ihr einen so großen Platz eingeräumt, daß, als ich sie verlor, mein ganzes übriges Leben mir eng und klein schien. Ich hatte alles andre in eine Ecke geworfen, um Platz für Bimala zu machen, -- indem ich ganz dadurch in Anspruch genommen war, sie zu schmücken und zu kleiden und zu erziehen und Tag und Nacht mich um sie zu drehen, und dabei vergaß, wie groß die Menschheit ist und wie kostbar des Menschen Leben. Wenn die Zufälligkeiten des täglichen Lebens anfangen, den Menschen zu beherrschen, so sieht er die Wahrheit nicht mehr und verliert seine Freiheit. Und Bimala nahm diese Zufälligkeiten so peinlich wichtig, daß die Wahrheit sich mir ganz verbarg. Daher sehe ich keinen Ausweg aus meinem Elend und starre nur immer auf den leeren Platz, der mir die Welt bedeutete. Und so klingt mir an diesem Augustmorgen schon stundenlang der alte Kehrreim im Ohr:
»August ist da. Wild schluchzt der Himmel auf, Und Tränenströme stürzen auf die Erde. Ach, und mein Haus ist leer.«
Fußnoten:
[20] Henri Frédéric Amiel, Genfer Dichter und Philosoph deutscher Schule (1821-81), besonders bekannt durch die Auszüge aus seinen Tagebüchern, die nach seinem Tode veröffentlicht und ein verbreitetes Erbauungsbuch wurden. (Übers.)
[21] Der von der Regierung gegen eine Pachtsumme angestellte Hauptpächter eines Landstriches mit dem Recht der Unterverpachtung.
[22] Der Name Buddhas, bevor er der Welt entsagte.
BIMALAS ERZÄHLUNG
XI
Die Veränderung, die mit einem Schlage über den Geist Bengalens gekommen war, war ungeheuer. Es war, als ob der Ganges die Asche der sechzigtausend Söhne Sagars[23] berührt hätte, die kein Feuer hatte entzünden, kein Wasser in lebendige Erde hatte umwandeln können. Das tote Bengalen stand plötzlich aus der Asche auf und sprach: »Hier bin ich!«