Das Heim und die Welt

Part 5

Chapter 53,894 wordsPublic domain

Nun meinetwegen, verehre ihn, soviel du willst! Davon leben ja die Schulmeister. Aber da ich keiner bin, kann ich solche leeren Komplimente entbehren.

Tschandranath Babu fing an, von der Swadeschi-Bewegung zu sprechen. Ich dachte, ich wollte ihn in seinem Monolog fortfahren lassen. Es ist immer das Gescheiteste, einen alten Mann so lange reden zu lassen, bis er von selbst aufhört. Er hat dabei das Gefühl, daß er die Welt in Ordnung bringt, und ahnt nicht, wie fern die wirkliche Welt von ihm und seinem Geschwätz ist.

Aber selbst mein schlimmster Feind kann mir nicht nachsagen, daß ein Übermaß von Geduld mein Fehler ist. Und als Tschandranath Babu sagte: »Wenn wir erwarten, Früchte zu ernten, wo wir nicht gesät haben, so...« mußte ich ihn unterbrechen. »Wer will denn Früchte haben?« rief ich. »Wir richten uns nach dem Verfasser der Gita[18], der sagt, daß wir nur an unser Handeln, nicht an die Früchte unsres Handelns denken sollen.«

»Was ist es denn aber, was ihr haben wollt?« fragte Tschandranath Babu.

»Dornen!« rief ich aus. »Sie sind umsonst zu haben.«

»Aber die Dornen belästigen nicht nur die andern«, erwiderte er. »Wer sie sät, tritt sie sich selbst in die Füße.«

»Das sind alles ganz schöne Schulregeln«, entgegnete ich. »Wir wollen einstweilen unsre brennende Sehnsucht stillen. Augenblicklich stechen _uns_ die Dornen noch nicht; später, wenn wir sie fühlen, können wir ja noch immer bereuen. Aber warum sollte uns der Gedanke überhaupt schrecken? Wenn wir am Ende sterben müssen, haben wir Zeit genug, abzukühlen. Solange die Flamme brennt, laß uns sieden und überkochen!«

Tschandranath Babu lächelte. »Kocht, soviel ihr wollt,« sagte er, »aber haltet dies nur nicht für Arbeit oder Heldentum! Die Völker, die in der Welt etwas erreicht haben, haben es durch Handeln, nicht durch Überkochen erreicht. Aber die, welche die Arbeit immer gescheut haben, wollen, wenn sie einmal plötzlich zum Bewußtsein ihrer elenden Lage kommen, die Befreiung auf rechtlosem und gewaltsamem Wege erlangen.«

Ich gürtete gerade meine Lenden, um einen zermalmenden Ausfall gegen ihn zu machen, als Nikhil zurückkam. Tschandranath Babu erhob sich und sagte, zu Bima gewandt: »Jetzt muß ich gehen, Mütterchen, ich habe zu arbeiten.«

Als er fort war, zeigte ich Nikhil das Buch, das ich in der Hand hatte. »Ich erzählte gerade unsrer Bienenkönigin von diesem Buch«, sagte ich.

Neunundneunzig Prozent aller Menschen wollen durch Lügen getäuscht werden, aber dieser ewige Schulmeisterzögling läßt sich leichter mit der Wahrheit selbst täuschen. Ihm gegenüber ist Offenheit der beste Betrug. Daher war es beim Spiel mit ihm das Einfachste für mich, meine Karten offen auf den Tisch zu legen.

Nikhil las den Titel auf dem Einband, aber er sagte nichts. »Diese Schriftsteller«, fuhr ich fort, »fegen mit ihrem Besen den ganzen Staub von Redensarten weg, mit dem die Menschen unsre Welt zugedeckt haben. Daher sagte ich eben gerade, ich möchte, du läsest es einmal.«

»Ich habe es gelesen«, sagte Nikhil.

»Nun, und was sagst du?«

»Es ist ganz gut für die, die sich Mühe geben, wirklich nachzudenken, aber für die andern ist es Gift.«

»Was meinst du damit?«

»Wer predigt, daß alle gleichen Anspruch auf Eigentum haben, darf nicht selbst ein Dieb sein. Denn wenn er das ist, predigt er Lügen. Und wer eine Leidenschaft in sich nährt, der wird dies Buch nicht richtig verstehen.«

»Die Leidenschaft«, rief ich aus, »ist gerade unser bester Führer. Wenn wir ihm mißtrauen, so können wir ebensogut unsre Augen ausreißen, um besser zu sehen.«

Nikhil wurde sichtlich erregt. »Die Leidenschaft«, sagte er, »hat nur ihr Recht, solange wir sie zügeln. Wenn wir das, was wir richtig sehen wollen, auf unsre Augen drücken, so verletzen wir sie nur, aber wir sehen nichts. Und ebenso blendet uns auch die Heftigkeit der Leidenschaft, die keinen Raum lassen will zwischen sich und dem Gegenstande.«

»Es ist eure geistige Ziererei,« erwiderte ich, »die euch veranlaßt, in sittlichem Zartgefühl zu schwelgen und die rauhe Seite der Wahrheit nicht sehen zu wollen. Dadurch hüllt ihr nur die Dinge in einen verklärenden Nimbus, statt mit voller Kraft an die Arbeit zu gehen.«

»Aufwand von Kraft, wo Kraft nicht am Platze ist, fördert die Arbeit nicht«, sagte Nikhil ungeduldig. »Aber warum streiten wir über diese Dinge? Müßiges Streiten mit Worten nimmt nur den frischen Blütenstaub von der Wahrheit.«

Ich wollte gern, daß Bima sich an der Diskussion beteiligte, aber bis jetzt hatte sie noch kein Wort gesagt. Hatte ich ihr vielleicht einen zu rauhen Stoß versetzt, so daß sie jetzt, von Zweifeln bestürmt, den Wunsch hatte, wieder bei dem Schulmeister in die Lehre zu gehen? Und doch brauchte sie diesen Stoß. Man muß vor allem erst einmal einsehen, daß die Dinge nicht so fest stehen, wie man geglaubt hat.

»Ich bin ganz froh, daß ich dies Gespräch mit dir hatte,« sagte ich zu Nikhil, »denn ich wollte gerade unsrer Bienenkönigin dies Buch zu lesen geben.«

»Warum nicht?« sagte Nikhil. »Wenn ich es lesen konnte, warum sollte Bimala es nicht auch lesen? Was ich besonders betonen möchte, ist dies, daß die Leute in Europa alles vom wissenschaftlichen Standpunkt aus ansehen. Aber der Mensch ist mehr als bloße Physiologie oder Biologie oder Psychologie oder Soziologie. Vergiß das um Gottes willen nicht! Er ist unendlich viel mehr, als was die Naturwissenschaft von ihm lehrt. Du lachst über mich und nennst mich einen Schulmeisterzögling, aber das bist du, nicht ich. Denn du suchst die Wahrheit über den Menschen bei deinen naturwissenschaftlichen Lehrern und nicht in deinem eignen Innern.«

»Aber wozu all diese Aufregung?« spottete ich.

»Weil ich sehe, daß du darauf ausgehst, den Menschen zu schmähen und herabzusetzen.«

»Aber woraus in aller Welt schließt du das?«

»Aus allem, was du sagst und tust und womit du mein Gefühl verletzest. Du richtest beständig deine Angriffe gegen alles Große und Selbstlose und Schöne im Menschen.«

»Wie kommst du auf diese verrückte Idee?«

Nikhil erhob sich plötzlich. »Ich sage es dir gerade heraus, Sandip,« sagte er, »du kannst den Menschen in mir tödlich verwunden, aber du kannst ihn nicht töten. Darum bin ich bereit, alles zu erdulden, ganz bewußt, mit offenen Augen.«

Mit diesen Worten verließ er eilig das Zimmer.

Ich stand noch ganz verblüfft da und sah ihm nach, als ich plötzlich ein Buch fallen hörte, und als ich mich umwandte, sah ich Bima, die ihm schnell und sichtlich betreten folgte, wobei sie vermied, mir nahe zu kommen.

Ein merkwürdiges Geschöpf ist doch dieser Nikhil! Er fühlt die Gefahr, die sein Heim bedroht, warum weist er mir nicht die Tür? Ich weiß, er wartet, daß Bima ihm das Stichwort gibt. Sagt sie ihm, daß ihre Ehe ein Irrtum gewesen ist, so beugt er sein Haupt und gibt zu, daß er einen großen Fehler gemacht hat. Er hat nicht die Geistesstärke, sich klar zu machen, daß es der größte aller Fehler ist, einen Fehler einzugestehen. Er ist ein typisches Beispiel dafür, wie Idealismus zu Schwäche führt. Ich kenne nicht seinesgleichen; er ist ein zu sonderbarer Kauz! Er eignet sich kaum als Figur für einen Roman oder ein Drama, viel weniger noch für das wirkliche Leben.

Und Bima? Ich fürchte, mit ihrem Traumleben ist es jetzt zu Ende. Sie hat endlich verstanden, wohin die Straße führt, auf die sie sich mitreißen ließ. Jetzt muß sie entweder ganz bewußt weiter oder umkehren. Wahrscheinlich aber wird sie bald einen Schritt vorwärtsgehen, und dann wieder einen Schritt zurückweichen. Aber das beunruhigt mich nicht. Wenn man Feuer gefangen hat, so brennen die Flammen nur um so wilder, je mehr man hin und her rennt. Der Schreck, den sie bekommen hat, wird ihre Leidenschaft nur noch mehr anfachen.

Vielleicht ist es besser, wenn ich gar nicht viel zu ihr sage, sondern ihr nur ein paar moderne Bücher zu lesen gebe. Auf diese Weise kann sie allmählich zu der Überzeugung kommen, daß ein Mensch mit modernen Ansichten die Leidenschaft als die höchste Wahrheit anerkennt und ehrt, statt sich ihrer zu schämen und Entsagung zu predigen. Wenn sie sich an irgend so ein Wort wie »modern« halten kann, so wird sie schon Kraft haben, weiterzugehen.

Sei dem, wie ihm wolle, ich muß das Spiel verfolgen bis zum Ende des fünften Aktes. Ich kann mich leider nicht rühmen, nur als Zuschauer dabei zu sein, der vorn in der königlichen Loge sitzt und ab und zu Beifall klatscht. Ich fühle, wie es an meinem Herzen reißt und in allen meinen Nerven zuckt. Wenn ich abends das Licht gelöscht habe und im Bett liege, so fühle ich mich von kleinen Berührungen, kleinen Blicken und kleinen Worten umschwirrt, die die Dunkelheit anfüllen. Wenn ich des Morgens aufstehe, so zittre ich vor lebhafter Erwartung, es ist, als ob mein Blut nach dem Takt einer Musik durch meine Adern läuft...

Auf dem Tisch stand ein Doppelrahmen mit Bimas und Nikhils Photographien. Ich hatte Bima herausgenommen und zeigte ihr gestern die leere Seite, indem ich sagte: »Der Geiz macht den Diebstahl zu einer Notwendigkeit, daher haben beide an der Sünde teil, der Geizige wie der Dieb. Meinen Sie nicht auch?«

Bima lächelte ein wenig und sagte nur: »Es war kein gutes Bild.«

»Was soll man machen?« sagte ich. »Ein Bild bleibt immer nur ein Bild. Ich muß mich schon damit zufrieden geben, so wie es ist.«

Bima nahm ein Buch auf und begann darin zu blättern. »Wenn Sie unzufrieden sind,« sagte ich, »so muß ich mich wohl bemühen, den leeren Platz auszufüllen.«

Heute habe ich ihn ausgefüllt. Diese Photographie von mir wurde vor vielen Jahren gemacht. Damals waren meine Züge noch jugendlich, und mein Geist war es auch. Damals hegte ich noch Illusionen über diese Welt und über das Jenseits. Der Glaube betrügt die Menschen, aber er hat ein Gutes: er gibt ihren Zügen einen höhern Glanz.

Mein Bild steht jetzt neben Nikhils, denn sind wir beide nicht alte Freunde?

Fußnoten:

[16] Im Hindu-Kalender als Unglückstag bezeichnet.

[17] Der letzte bedeutende Sanskrit-Dichter, der im 12. Jahrhundert in Bengalen lebte; Verfasser des Gitagovinda, einer Art lyrischen Dramas, das die Liebe des Gottes Krischna (= Vischnu) und der Hirtin Radha in glühenden Farben schildert, aber von den Anhängern der Vischnu-Religion in mystisch allegorischem Sinne verstanden wird. (Übers.)

[18] Die Bhagavad-Gîtâ (»Gesang des Erhabenen«), eine der berühmtesten indischen Dichtungen, ein religiös-philosophisches Lehrgedicht, das als Episode dem großen Epos Mahâbhârata eingelegt ist. (Übers.)

VIERTES KAPITEL

NIKHILS ERZÄHLUNG

III

Ich habe mich nie viel mit mir selbst beschäftigt. Jetzt aber versuche ich oft, Abstand von mir zu nehmen, um mich zu sehen, wie Bima mich sieht. Was für ein Bild trübseliger Feierlichkeit bietet doch ein Mensch wie ich, der die Dinge immer zu ernst nimmt.

Es ist ganz gewiß besser, die Sorgen wegzulachen, als die Welt mit Tränen zu überschwemmen. Nur so kann die Welt wirklich weitergehen. Wir genießen unsere Speise und unsern Schlaf nur, weil wir die Sorgen, die überall, zu Hause und draußen, auf uns warten, wie leere Schatten verscheuchen können. Wenn wir sie nur einen Augenblick ernst nehmen, wo würde da unser Appetit und unser Schlaf bleiben?

Aber ich selbst kann mich nicht als einen dieser Schatten verscheuchen, und daher liegt die Last meiner Sorge beständig schwer auf dem Herzen meiner Welt.

Warum stellst du dich nicht hoch oben auf die große Heerstraße des Weltalls und fühlst dich als einen Teil des Alls? Was ist dir Bima in diesem ungeheuren, jahrtausendelangen Strom der Menschheit? Dein Weib? Was ist ein Weib? Ein leerer Name, den du wie eine Seifenblase mit deinem eigenen Atem groß gemacht und Tag und Nacht sorglich gehütet hast, und der doch beim ersten Nadelstich von draußen zerplatzt.

Mein Weib, -- und also in Wahrheit ganz mein eigen! Wenn sie nun aber sagt: »Nein, ich gehöre mir selber«, -- soll ich da antworten: »Wie kann das sein? Gehörst du nicht mir?«

»Mein Weib«, -- genügt dieser Name als Beweis, daß sie mir gehört, oder wird sie etwa sogar durch ihn mein Eigentum? Läßt sich eine ganze Persönlichkeit in diesen Namen einfangen?

Mein Weib! -- Habe ich nicht in dieser kleinen Welt alles gehegt und geliebt, was es Reines und Holdes in meinem Leben gab? Ich ließ es keinen Augenblick von meinem Herzen, daß es mir nicht in den Staub fallen sollte. Was habe ich nicht alles auf ihrem Altar geopfert an Weihrauch der Verehrung und Musik der Leidenschaft, an Blumen, die der Frühling und der Herbst mir brachten! Wenn sie sich nun wie ein Papierboot in das schmutzige Wasser der Gosse hineintreiben läßt, -- sollte ich da nicht auch...?

Da falle ich wieder in mein altes Pathos! Warum »schmutzig«? Und warum »Gosse«? Schmähworte, die man in einem Anfall von Eifersucht braucht, ändern die Tatsachen nicht. Wenn Bima nun einmal nicht mein ist, so ist sie es nicht, und kein Zürnen und Wüten und Streiten kann etwas daran ändern. Wenn mein Herz bricht -- mag es brechen! Das wird die Welt nicht zugrunde richten -- und mich auch nicht; denn der Mensch ist soviel größer als die Dinge, die er in diesem Leben verliert.

Aber das ist die Rücksicht auf die Gesellschaft ... Die überlaß ich der Gesellschaft selbst! Wenn ich weine, so weine ich für mich, nicht für die Gesellschaft. Wenn Bima sagt, daß sie mir nicht gehört, was frage ich dann danach, wo die ist, die die Gesellschaft als mein Weib ansieht!

Leid muß es geben; aber ich muß mich mit allen Mitteln, die in meiner Macht sind, gegen eine Form der Selbstquälerei schützen: ich darf nicht denken, daß das Leben seinen Wert verliert, wenn das Schicksal mich einmal zurücksetzt. Der volle Wert des Lebens darf nicht für die enge häusliche Welt eingesetzt werden; Erfolg oder Mißerfolg auf dem Gebiet meiner persönlichen Leiden und Freuden sind zu belanglos, als daß sie das ganze große Unternehmen des Lebens bankrott machen könnten.

Die Zeit ist gekommen, wo ich Bimala des ganzen ideellen Schmuckes entkleiden muß, mit dem ich sie behangen habe. Ich gab meiner eigenen Schwäche nach, als ich solchen Götzendienst mit ihr trieb. Ich war zu maßlos in meinem Begehren. Ich machte einen Engel aus Bimala, um meinen eigenen Genuß zu erhöhen. Aber Bimala ist, was sie ist. Es ist widersinnig, zu erwarten, daß sie mir zu Gefallen die Rolle eines Engels spielen sollte. Der Schöpfer ist nicht verpflichtet, mir Engel zu schicken, nur weil ich Verlangen nach einem Idealbild von Vollkommenheit habe, das nur in meiner Einbildung besteht.

Ich muß mir eingestehen, daß ich in Bimalas Leben nur ein Zufall gewesen bin. Ihrer Natur nach ist für sie vielleicht nur mit einem Menschen wie Sandip eine wahre Ehe möglich. Doch ich darf mir nun auch nicht in falscher Bescheidenheit sagen, daß ich es verdiene, hinter ihm zurückzustehen. Sandip hat gewiß manches sehr Anziehende, das auch auf mich sehr stark wirkte, aber ich bin doch sicher, daß er nicht größer ist als ich.

Wenn er heute den Siegeskranz davonträgt und ich übersehen werde, so wird der, der ihm den Preis zuerkennt, einmal dafür Rechenschaft ablegen müssen.

Ich sage dies nicht im Gefühl stolzer Überhebung. Die einfache Notwendigkeit zwingt mich, mir allen Wert, den ich wirklich habe, zu vergegenwärtigen, damit ich nicht ganz an mir selbst verzweifle. Möge daher doch durch die schreckliche Erfahrung des Leides mir wenigstens _eine_ Befreiung zuteil werden -- die Befreiung von dem Mangel an Selbstvertrauen!

Ich habe unterscheiden gelernt, was ich wirklich in mir habe und was ich törichterweise zu haben glaubte. Die Abrechnung ist gemacht, und das, was übrig ist, bin ich selbst, -- nicht ein verkrüppeltes Selbst in Fetzen und Lumpen, nicht ein krankes Selbst, das auf Krankenkost gesetzt werden muß, sondern eine Seele, die das Schlimmste erduldet und es überstanden hat.

Mein Lehrer ging eben durch das Zimmer und sagte, indem er mir die Hand auf die Schulter legte: »Mach, daß du zu Bett kommst, Nikhil, es ist spät in der Nacht.«

Ja, es ist so schwer für mich geworden, zu Bett zu gehen, bevor es spät ist und Bima fest schläft. Am Tage sehen wir uns und sprechen sogar miteinander; aber was soll ich sagen, wenn wir allein zusammen sind, in der Stille der Nacht? -- Da schäme ich mich, körperlich und seelisch.

»Wie kommt es, mein Meister, daß Sie noch nicht schlafen?« fragte ich zurück. Mein Lehrer lächelte ein wenig, als er hinausging, und sagte: »Die Zeit des Schlafens ist für mich vorüber. Jetzt bin ich im Alter, wo man wacht.«

Bis hier hatte ich geschrieben und wollte gerade aufstehen und zu Bett gehen, da sah ich durch das Fenster vor mir, wie der schwere Mantel der Juliwolke sich plötzlich etwas öffnete und ein großer Stern hindurchschien. Er schien zu mir zu sagen: »Im Traumland knüpft man Bande, und sie zerreißen wieder, aber ich bin immer hier -- die ewige Lampe der Hochzeitsnacht.«

Und plötzlich wurde mein Herz von der Gewißheit erfüllt, daß hinter dem Vorhang der körperlichen Dinge durch die Jahrtausende hindurch treu die ewige Liebe wacht und auf mich wartet. Manches Leben hindurch habe ich in manchem Spiegel ihr Bild gesehen, -- in zerbrochenen Spiegeln, in gekrümmten Spiegeln, in staubigen Spiegeln. Und immer, wenn ich versuchte, mir den Spiegel ganz zu eigen zu machen, und ihn sorgfältig verschloß, dann sah ich das Bild nicht mehr. Aber wozu das alles? Was habe ich mit dem Spiegel, oder überhaupt auch mit dem Bild zu tun?

Meine Geliebte, dein Lächeln wird nie ersterben, und an jedem Morgen wird dein rotes Stirnzeichen mir neu leuchten.

»Welch kindischer Selbstbetrug!« spottet irgendein Teufel von seiner dunklen Ecke aus, -- »mit solchem törichten Geschwätz bringt man Kinder zur Ruhe!«

Das mag sein. Aber Millionen und Abermillionen von Kindern schreien und müssen zur Ruhe gebracht werden. Kann es sein, daß all diese Scharen mit einer Lüge gestillt werden? Nein, die ewige Liebe kann mich nicht täuschen, denn sie ist wahr!

Sie ist wahr, darum habe ich sie so oft gesehen und werde sie immer wieder sehen, selbst wo ich irre gehe, und selbst durch den dichtesten Tränenschleier. Ich habe sie auf dem Marktplatz des Lebens gesehen und im Gedränge verloren und wiedergefunden; und ich werde sie wiederfinden, wenn ich durch die Spalte des Todes diesem Leben entronnen bin.

Ach, Grausame, spiele nicht länger mit mir! Wenn es mir nicht gelungen ist, dich zu finden, indem ich den Spuren deiner Füße auf dem Wege, dem Duft deines Haares in der Luft folgte, laß mich nicht ewig darum trauern und weinen! Der Stern, der durch den Wolkenmantel glänzt, sagt mir, daß ich nicht verzagen soll. Was ewig ist, muß unvergänglich sein.

Jetzt will ich zu meiner Bimala gehen. Sie wird ihre müden Glieder ausgestreckt haben und eingeschlafen sein, erschlafft von all den innern Kämpfen. Ich will einen Kuß auf ihre Stirn drücken, ohne sie aufzuwecken, -- das soll mein Blumenopfer auf ihrem Altar sein. Ich glaube, wenn ich auch alles vergäße nach dem Tode, -- all mein Irren und all mein Leiden, -- die Erinnerung an diesen Kuß würde in mir nachzittern, denn der Kranz, der aus den Küssen der Liebe gewoben ist, wird einmal, nach vielen Existenzen, die ewige Liebe krönen.

Als der letzte Schlag verklungen war, der die zweite Stunde kündete, kam meine Schwägerin ins Zimmer. »Aber was machst du denn, lieber Bruder?« rief sie. »Geh doch um Gottes willen zu Bett und hör auf, dich so zu quälen! Ich kann es nicht ertragen, zu sehen, wie du leidest.« Die Tränen traten ihr in die Augen, als sie mich so bat.

Ich konnte kein Wort hervorbringen, sondern berührte nur in stummer Ehrfurcht ihre Füße und ging zu Bett.

BIMALAS ERZÄHLUNG

VII

Zuerst argwöhnte ich nichts, fürchtete nichts; ich fühlte nur, daß ich ganz meinem Vaterlande gehörte. Wie beglückend war diese rückhaltlose Hingabe! Nun wurde es mir offenbar wie der Mensch in völliger Selbstaufopferung seine höchste Seligkeit finden kann.

Ich glaube, daß dieser Rausch wohl allmählich ganz von selbst vorübergegangen wäre. Aber das wollte Sandip Babu nicht; ich sollte ihn erst ganz kennenlernen. Der Ton seiner Stimme war wie eine körperliche Berührung, jeder seiner Blicke warf sich bettelnd mir zu Füßen. Und hinter dem allen brannte eine Leidenschaft, so ungestüm, daß sie mich hätte mit den Wurzeln ausreißen und an den Haaren mit sich schleifen mögen.

Ich will der Wahrheit nicht ausweichen. Ich fühlte Tag und Nacht sein zehrendes Verlangen. Es hatte etwas so wahnsinnig Verlockendes, mich in den Abgrund solcher Leidenschaft zu stürzen. Wie furchtbar schien es, wie schmachvoll, und doch wie süß! Dazu kam meine unbezähmbare Neugier, die mich immer weitertrieb. Ich wußte so wenig von ihm, er konnte nie und auf keine Weise mein werden, und seine Jugend loderte in tausend Flammen auf -- ach, wie voller Geheimnis war diese ungeheure, heiße Leidenschaft!

Im Anfang hatte ich ein Gefühl der Verehrung für Sandip, doch das schwand bald. Ich hörte sogar auf, ihn zu achten; ja, ich begann, auf ihn herabzusehen. Dennoch war mein Herz ein Instrument, das er meisterhaft zu spielen wußte. Was nützte es, wenn ich vor seiner Berührung zurückwich und sogar das Instrument selbst in mir haßte; es mußte doch seinem Zauber gehorchen.

Ich muß gestehen, es war etwas in mir, was... wie soll ich sagen?... etwas, was mich wünschen läßt, daß ich damals gestorben wäre.

Tschandranath Babu kommt immer, wenn er Zeit findet, zu mir. Er hat die Kraft, meinen Geist zu einer Höhe zu erheben, von der ich in einem Augenblick das Gebiet meines Lebens nach allen Seiten vor mir ausgebreitet sehe und erkenne, wo seine wirklichen Grenzen sind und daß ich töricht darüber hinausgehen wollte.

Aber was nützt das alles? Will ich denn wirklich Befreiung? Es ist, als ob ich nur ein Gebet habe: mag Leid über unser Haus kommen, mag das Beste in mir verkümmern und verdorren; wenn nur dieser süße Wahn mir bleibt!

Wenn ich vor meiner Heirat meinen verstorbenen Schwager sah, wie er wahnsinnig vor Trunkenheit seine Frau schlug und dann in rührseliger Reue schluchzend und heulend gelobte, keinen Branntwein wieder anzurühren, und wie er dann doch am selben Abend sich hinsetzte und ein Glas nach dem andern trank, dann war ich von Ekel gegen ihn erfüllt. Aber mein Rausch heute ist noch furchtbarer. Ich brauche mir das Gift nicht erst zu verschaffen und einzuschenken: es quillt in meinen Adern, und ich weiß nicht, wie ich ihm widerstehen soll.

Muß dies bis zum Ende meines Lebens so fortgehen? Bisweilen sehe ich mich selbst erschrocken an und denke, mein Leben ist ein Nachtmar, der plötzlich mit seiner ganzen Lüge verschwinden wird. Es ist so ganz losgelöst von allem, was war, und hat keine Beziehung mehr zu seiner Vergangenheit. Was es jetzt ist und wie es so werden konnte, kann ich nicht verstehen.

Eines Tages sagte meine Schwägerin mit höhnischem Lachen: »Was für eine rührend gastfreundliche Hausfrau wir doch haben! Ihr Gast will durchaus nicht weichen. Zu unsrer Zeit hatten wir auch Gäste; aber wir kümmerten uns nicht so ausgiebig um sie -- wir waren törichterweise zu sehr in Anspruch genommen durch die Sorge für unsern Gatten. Der arme Nikhil muß es büßen, daß er zu modern ist. Er hätte als Gast kommen sollen, wenn er bleiben wollte. Jetzt sieht es so aus, als ob es für ihn Zeit wäre, zu gehen.«

Dieser Sarkasmus traf mich nicht; denn ich wußte, daß es diesen Frauen nicht gegeben ist, Art und Ursache meiner Hingebung zu verstehen. Das begeisternde Gefühl, meinem Vaterlande Opfer zu bringen, stählte mich damals, daß solche Pfeile mich nicht erreichen und verletzen konnten.

VIII

Seit einiger Zeit ist von der Sache des Vaterlandes gar nicht mehr die Rede. Den Gegenstand unsrer Unterhaltung bilden jetzt die sexuellen Probleme der Gegenwart und ähnliche Fragen, dazwischen etwas Poesie, sowohl altindische wie moderne englische, und das Ganze ist immer begleitet von einer tiefen Grundmelodie, wie ich sie nie vorher gehört habe, voll Männlichkeit und zwingender Gewalt.