Das Heim und die Welt

Part 2

Chapter 23,790 wordsPublic domain

Die Liste derer, die von meinem Gatten unterstützt wurden, war sehr lang. Wer nur einen neuen Webstuhl oder eine neue Reisenthülsungsmaschine erfinden wollte, dem stand er bei bis zum gänzlichen Ruin. Aber was mich am meisten ärgerte, war die Art, wie Sandip Babu ihn ausbeutete, indem er seine Arbeit für die Swadeschi-Bewegung als Vorwand gebrauchte. Was es auch war, sei es nun, daß er eine Zeitung gründen oder eine Vortragsreise für die Sache unternehmen wollte, oder daß er nach Ansicht seines Arztes Luftveränderung brauchte, mein Gatte gab immer hin, ohne zu fragen. Und dies gewährte er Sandip Babu noch außer der festgesetzten Summe, die dieser regelmäßig für seinen Unterhalt von ihm erhielt. Das Merkwürdigste dabei war, daß mein Gatte und Sandip Babu in ihren Ansichten gar nicht übereinstimmten.

Sobald der Sturm der Swadeschi-Bewegung auch mir ins Blut gefahren war, sagte ich zu meinem Gatten: »Ich muß alle meine ausländischen Kleider verbrennen.«

»Warum willst du sie verbrennen?« sagte er. »Du brauchst sie ja nicht zu tragen, solange du nicht willst.«

»Solange ich nicht will! Mein ganzes Leben lang...«

»Gut, trage sie denn nicht mehr! Aber wozu gleich feierlich einen Scheiterhaufen errichten?«

»Wolltest du mich in meinem Entschluß hindern?«

»Was ich dir sagen möchte, ist dies: Warum wollt ihr nicht lieber versuchen aufzubauen? Ihr solltet auch nicht einmal den zehnten Teil eurer Kraft in diesem zerstörenden Haß vergeuden.«

»Dieser Haß wird uns die Kraft geben, aufzubauen.«

»Das ist, als ob ihr sagtet, ihr könntet das Haus nicht erleuchten, ohne es anzuzünden.«

Bald kam ein neuer Verdruß. Als Miß Gilby zuerst in unser Haus gekommen war, hatte es große Aufregung gegeben, die sich dann allmählich beruhigte, als man sich an sie gewöhnte. Jetzt wurde die ganze Sache von neuem aufgerührt. Ich hatte mich vorher nicht darum gekümmert, ob Miß Gilby Europäerin oder Indierin sei, aber jetzt war es mir nicht mehr einerlei. Ich sagte zu meinem Gatten: »Wir müssen Miß Gilby aus dem Hause schaffen.«

Er schwieg.

Ich wurde heftig, und er ging traurig fort.

Nachdem ich mich ausgeweint hatte, war ich des Abends, als wir uns wiedersahen, etwas ruhiger gestimmt. »Ich kann Miß Gilby nicht durch einen Nebel von abstrakten Theorien ansehen,« sagte mein Gatte, »nur weil sie Engländerin ist. Kannst du nach einer so langen Bekanntschaft nicht über die Schranke eines bloßen Namens wegkommen? Kannst du nicht daran denken, daß sie dich liebt?«

Ich war ein wenig beschämt und antwortete etwas gereizt: »Meinethalben laß sie bleiben. Ich bin nicht darauf erpicht, sie fortzuschicken.«

Und Miß Gilby blieb.

Aber eines Tages hörte ich, daß ein junger Bursche sie auf dem Wege zur Kirche beschimpft hatte. Es war ein Junge, den wir unterstützten. Mein Gatte wies ihn aus dem Hause. Es gab an jenem Tage niemand, der meinem Gatten diese Tat verzeihen konnte, -- selbst ich nicht. Diesmal ging Miß Gilby von selbst. Sie weinte, als sie kam, um uns Lebewohl zu sagen, aber mein Zorn schmolz nicht. Den armen Jungen so zu verklatschen, -- und dabei war er ein so prächtiger Junge, der über seiner Begeisterung für die nationale Sache Essen und Trinken vergaß.

Mein Gatte brachte Miß Gilby in seinem eigenen Wagen zur Bahn. Ich fand, daß er viel zu weit ging. Und als übertriebene Gerüchte von diesem Vorfall Anlaß zu einem öffentlichen Skandal gaben, über den die Zeitungen herfielen, fand ich, daß ihm ganz recht geschehen sei.

Ich war durch meines Gatten Tun oft in Unruhe versetzt, aber nie vorher hatte ich mich seiner geschämt; doch jetzt mußte ich für ihn erröten. Ich wußte nicht genau, und es war mir auch gleichgültig, welches Unrecht der arme Noren Miß Gilby getan hatte oder getan haben sollte; aber wie konnte man in solcher Zeit über so etwas zu Gericht sitzen! Ich hätte die Gesinnung, die den kleinen Noren antrieb, der Engländerin seine Verachtung zu zeigen, nicht unterdrücken mögen. Ich konnte nicht anders als ein Zeichen von Schwäche darin sehen, daß mein Gatte eine so einfache Sache nicht begriff. Und daher errötete ich für ihn.

Und doch lag es nicht so, daß mein Gatte sich weigerte, die Swadeschi-Bewegung zu unterstützen oder daß er irgendwie der nationalen Sache entgegenarbeitete. Er war nur nicht imstande, sich mit ganzem Herzen dem Geist des »Bande Mataram«[10] hinzugeben.

»Ich will gern meinem Lande dienen,« sagte er, »aber die Gerechtigkeit steht mir höher als das Vaterland. Wer Götzendienst mit seinem Vaterlande treibt, ruft einen Fluch darauf herab.«

Fußnoten:

[1] Das Abzeichen des Frauenstandes bei den Hindus und das Symbol der hingebenden Liebe, die dieser Stand in sich schließt.

[2] Das Hauptgewand der Hindufrauen.

[3] Radscha (Rajah), indischer Fürst.

[4] Dies ist eine äußere Form der Verehrung und geschieht, indem man mit der Hand die Füße des Betreffenden und dann das eigene Haupt leicht berührt. Es ist nicht allgemein Sitte, daß die Frau ihrem Gatten ihre Verehrung in dieser Weise bezeugt. (Der englische Ausdruck ist: to take the dust of one's feet.)

[5] Titel der islamischen Landesfürsten.

[6] Es würde nicht als schicklich angesehen werden, wenn ein Mann beständig in dem Frauengemach aus und ein ginge, außer zu den bestimmten Stunden, die dem Mahl oder der Ruhe gewidmet sind.

[7] Bara = älter; Tschota = jünger. In vornehmen Häusern behalten die Witwen, obgleich sie nur auf eine lebenslängliche Rente vom Vermögensanteil ihres Gatten Anspruch haben, doch den Rang nach ihrem Alter, und die Titel Bara und Tschota bleiben bei den älteren und jüngeren Zweigen der Familie, wenn auch der jüngere Zweig der herrschende ist.

[8] Das Ansehen der Gemahlin des Radscha ist von höchster Wichtigkeit bei den vornehmen Hindus.

[9] Die nationale Bewegung, welche im Anfang mehr wirtschaftlichen als politischen Charakter hatte, da sie hauptsächlich auf Ermutigung der einheimischen Industrie gerichtet war.

[10] »Heil dir, Mutter!«, die Anfangsworte eines Liedes von Bankim Chatterjee, dem berühmten bengalischen Romanschreiber. Das Lied ist jetzt zur Nationalhymne geworden, und Bande Mataram wurde seit der Zeit der Swadeschi-Bewegung zum nationalen Losungsruf.

ZWEITES KAPITEL

BIMALAS ERZÄHLUNG

IV

Um diese Zeit geschah es, daß Sandip Babu mit seinen Anhängern in unsere Gegend kam, um Reden im Dienste der Swadeschi-Bewegung zu halten.

Es soll eine große Versammlung in unsrer Tempelhalle stattfinden. Wir Frauen sitzen dort auf der einen Seite, hinter einem Vorhang. Das Triumphgeschrei Bande Mataram kommt näher, und ein Schauer läuft durch alle meine Adern. Plötzlich strömt eine Schar von barfüßigen Jünglingen im gelben Asketengewand und Turban in den Tempelhof, wie ein schlammgeröteter Bach beim ersten Regenguß sich in das ausgetrocknete Flußbett ergießt. Der ganze Raum ist angefüllt von einer ungeheuren Menge, durch die man Sandip Babu trägt, auf einem großen Stuhl thronend, den zehn bis zwölf Jünglinge auf den Schultern tragen.

Bande Mataram! Bande Mataram! Bande Mataram! Es ist, als ob der Himmel bersten und in tausend Stücke zerreißen wollte.

Ich hatte Sandip Babus Bild schon früher gesehen. Es war etwas in seinem Gesicht, was ich nicht mochte. Nicht, daß er häßlich war, -- im Gegenteil, er hatte ein auffallend schönes Gesicht. Doch, ich weiß nicht, es schien mir, daß trotz all der Schönheit zuviel gemeiner Stoff hineingearbeitet war. Das Licht in seinen Augen schien mir nicht ganz echt zu sein. Darum mochte ich nicht, daß mein Gatte unbedenklich allen seinen Forderungen nachgab. Den Verlust des Geldes konnte ich schon ertragen, aber es ärgerte mich, daß er meinen Gatten hinterging und seine Freundschaft ausbeutete. Sein Benehmen war nicht das eines Asketen, nicht einmal das eines Menschen in beschränkten Verhältnissen, sondern durchaus stutzerhaft und verriet Liebe zum Luxus... Eine ganze Reihe solcher Betrachtungen kommen mir heute wieder in den Sinn, aber genug davon!

Als Sandip Babu jedoch an jenem Nachmittag zu sprechen anfing und die Herzen der Menge bei seinen Worten wogten und schwollen, als ob sie alle Schranken durchbrechen wollten, sah ich ihn wunderbar verklärt. Besonders als seine Züge plötzlich von einem Strahl der untergehenden Sonne erleuchtet wurden, die langsam unter die Linie des Tempeldaches sank, da erschien er mir wie ein Gottgesandter.

Von Anfang bis zu Ende war seine Rede ein stürmischer Ausbruch. Sein Vertrauen auf den Sieg der Sache war felsenfest. Ich weiß nicht, wie es kam, aber ich merkte plötzlich, daß ich den Vorhang ungeduldig zurückgeschlagen und den Blick fest auf ihn gerichtet hatte. Aber niemand unter der Menge beachtete, was ich tat. Nur einmal bemerkte ich, wie seine Augen mich anfunkelten, wie die Sterne des schicksalsvollen Orions.

Ich hatte mich ganz vergessen. Ich war nicht mehr die Gemahlin des Radscha, sondern die einzige Vertreterin von Bengalens Frauen. Und er war der Streiter für Bengalen. Wie der Himmel sein Licht über ihn ausgegossen hatte, so mußte auch der Segen einer Frau ihn für seine Aufgabe weihen...

Es schien mir ganz deutlich, daß, seit er mich erblickt hatte, das Feuer seiner Rede noch leidenschaftlicher emporgeflammt war. Indras Roß ließ sich nicht bändigen, und nun kam das Rollen des Donners und das Leuchten der Blitze. Ich sagte mir, daß seine Rede sich an meinen Augen entzündet hatte; denn wir Frauen wachen nicht nur über das Feuer des häuslichen Herdes, sondern über die Flamme der Seele selbst.

Als ich an jenem Abend heimkehrte, strahlte ich von einem neuen Gefühl des Stolzes und der Freude. Der Sturm in mir hatte mein ganzes Wesen aufgewühlt und seinen Schwerpunkt verschoben. Wie die Jungfrauen der alten Griechen hätte ich gern meine langen, glänzenden Flechten abgeschnitten, um eine Bogensehne für meinen Helden daraus zu machen. Wenn mein äußerer Schmuck mit meinen Gefühlen in Verbindung gestanden hätte, so würden Halsband und Armspangen ihren Verschluß gesprengt und sich wie ein Schauer von Meteoren über die Versammlung ergossen haben. Ich fühlte, daß ich ein persönliches Opfer bringen mußte, um den Sturm der leidenschaftlichen Erregung in mir aushalten zu können.

Als mein Gatte später nach Hause kam, zitterte ich vor Angst, er könne etwas sagen, was mit dem Siegeslied, das noch in meinen Ohren klang, in Disharmonie wäre; ich fürchtete, sein Wahrheitsfanatismus könne ihn verleiten, sich über irgend etwas, was am Nachmittag gesagt war, mißbilligend zu äußern. Denn dann würde ich ihm offen getrotzt und ihn gedemütigt haben. Aber er sagte kein Wort... und dies war mir auch nicht recht. Er hätte sagen sollen: »Sandip hat mich zur Vernunft gebracht. Jetzt sehe ich ein, wie sehr ich mich diese ganze Zeit geirrt habe.«

Ich hatte das Gefühl, daß er aus Ärger und Bosheit schwieg, daß er sich eigensinnig der Begeisterung verschloß. Ich fragte ihn, wie lange Sandip Babu bei uns bleiben würde.

»Er wird morgen in der Frühe nach Rangpur aufbrechen«, sagte mein Gatte.

»Muß es schon morgen sein?«

»Ja, er hat versprochen, dort zu reden.«

Ich schwieg eine Weile, dann fragte ich wieder: »Könnte er es nicht möglich machen, noch einen Tag zu bleiben?«

»Das wird er schwerlich können. Aber warum möchtest du es?«

»Ich möchte ihn zum Mittagessen einladen und ihn dabei selbst bedienen.«

Mein Gatte war überrascht. Er hatte mich oft gebeten, dabei zu sein, wenn er nahe Freunde zum Mittagessen bei sich hatte, aber ich hatte mich nie dazu überreden lassen. Er sah mich einen Augenblick schweigend und aufmerksam an, mit einem Blick, den ich nicht ganz verstand.

Plötzlich überkam mich ein Gefühl der Scham.

»Nein, nein,« rief ich, »das geht auf keinen Fall.«

»Warum nicht?« sagte er. »Ich will ihn selbst fragen; wenn es irgend möglich ist, wird er sicher morgen noch bleiben.«

Es erwies sich als durchaus möglich.

Ich will ganz aufrichtig sein. An jenem Tage machte ich meinem Schöpfer Vorwürfe, daß er mich nicht mit hervorragender Schönheit geschmückt hatte, -- nicht daß ich damit hätte Herzen stehlen wollen, sondern weil Schönheit verklärt. An diesem großen Tage sollten die Männer die Gottheit des Landes im Weibe erkennen. Aber ach, die Augen der Männer erkennen die Gottheit nicht, wenn es ihr an äußerer Schönheit fehlt. Würde Sandip Babu die Schakti[11] unseres Landes in mir offenbart sehen? Oder würde er mich nur für eine gewöhnliche Hausfrau halten?

An jenem Morgen besprengte ich mein herabhängendes Haar mit wohlriechendem Wasser und band es in einen losen Knoten mit einem rotseidenen Bande, das ich geschickt hindurchschlang. Das Mittagessen sollte schon um zwölf sein, da hatte ich begreiflicherweise nicht die Zeit, es nach meinem Bade noch in der gewohnten Weise in Flechten hochzustecken. Ich zog einen goldgesäumten weißen Sari an, und auch mein kurzärmeliges Muslinjäckchen hatte einen Goldsaum.

Ich war der Meinung, daß meine Kleidung eigentlich recht diskret sei und daß nicht leicht etwas einfacher hätte sein können. Aber meine Schwägerin, die zufällig vorbeiging, blieb plötzlich vor mir stehen, sah mich von Kopf zu Fuß an und lächelte mit zusammengepreßten Lippen ein vielsagendes Lächeln. Als ich sie nach dem Grunde fragte, sagte sie: »Ich bewundere deinen Aufputz.«

»Was ist daran so Belustigendes?« fragte ich sehr geärgert.

»Er ist prächtig«, sagte sie. »Ich dachte mir eben, daß eine von jenen tiefausgeschnittenen englischen Taillen ihn vollkommen machen würde.« Nicht nur ihr Mund und ihre Augen, sondern ihr ganzer Körper schien von unterdrücktem Lachen zu zucken, als sie das Zimmer verließ.

Ich war sehr, sehr böse und wollte im ersten Augenblick alles ausziehen und meine Alltagskleider anlegen. Ich kann nicht genau sagen, was mich hinderte, diesem Impuls zu folgen. Die Frauen sind die Zierde der Gesellschaft -- so redete ich mir ein -- und mein Gatte würde es nicht mögen, wenn ich nicht standesgemäß gekleidet vor Sandip Babu erschiene.

Meine Absicht war, erst zu erscheinen, nachdem sie sich schon zum Mittagessen gesetzt hatten.

Bei der Beaufsichtigung des Bedienens hätte ich die erste Scheu am besten überwinden können. Aber das Essen war nicht zur rechten Zeit fertig, und es wurde spät. Inzwischen ließ mein Gatte mich rufen, um mir den Gast vorzustellen.

Ich war schrecklich verlegen, als ich Sandip Babu ins Gesicht sehen sollte. Es gelang mir jedoch, mich zu fassen, und ich sagte: »Es tut mir sehr leid, daß es mit dem Essen so spät wird.«

Er kam ohne jede Verlegenheit auf mich zu und nahm an meiner Seite Platz. »Ein Mittagessen,« sagte er, »bekomme ich irgendwie jeden Tag, aber die Göttin des Überflusses bleibt hinter der Szene. Nun, da die Göttin selbst erschienen ist, macht es wenig, wenn das Essen auf sich warten läßt.«

Er war im Privatverkehr eben so emphatisch wie in seinen öffentlichen Reden. Er zögerte nicht und schien daran gewöhnt, unaufgefordert den Platz einzunehmen, den er sich wählte. Er erhob mit solcher Zuversicht den Anspruch auf Vertraulichkeit, daß man sich im Unrecht gefühlt hätte, wenn man sie ihm hätte streitig machen wollen.

Es war mir ein schrecklicher Gedanke, daß Sandip Babu mich für ein schüchternes, altmodisches Häufchen Unbedeutendheit halten könnte. Aber ich hätte ihn um mein Leben nicht mit geistreichen Erwiderungen bezaubern oder blenden können. Wie war ich nur auf den unglücklichen Einfall gekommen, so fragte ich mich zornig, solche lächerliche Figur vor ihm zu spielen?

Als das Mittagessen vorüber war, wollte ich mich zurückziehen, aber Sandip Babu, kühn wie immer, stellte sich mir in den Weg.

»Sie müssen mich nicht für so materiell halten«, sagte er. »Nicht das Mittagessen veranlaßte mich zu bleiben, sondern Ihre Einladung. Wenn Sie jetzt die Flucht ergriffen, so würden Sie mit Ihrem Gast kein ehrliches Spiel treiben.«

Wenn er diese Worte nicht in heiterm und ungezwungenem Ton gesagt hätte, so hätten sie mich wohl verstimmt. Aber ich mußte mir ja sagen, er stand meinem Gatten so nahe, daß ich mich als seine Schwester ansehen konnte.

Während ich versuchte, mich innerlich auf diesen vertraulichen Ton einzustellen, kam mir mein Gatte zu Hilfe, indem er sagte: »Könntest du denn nicht wiederkommen, wenn du dein Mittagessen gehabt hast?«

»Aber Sie müssen uns Ihr Wort geben, bevor wir Sie fortlassen«, sagte Sandip Babu.

»Ich verspreche es«, sagte ich mit einem leichten Lächeln.

»Ich will Ihnen sagen, warum ich Ihnen nicht trauen kann«, fuhr Sandip Babu fort. »Nikhil ist nun schon neun Jahre verheiratet, und diese ganze Zeit sind Sie mir ausgewichen. Wenn Sie dies nun wieder neun Jahre lang tun, werden wir uns überhaupt nicht wiedersehen.«

Ich ging auf den Geist seiner Bemerkung ein und fragte leise: »Aber warum sollten wir uns selbst dann nicht wiedersehen?«

»Mein Horoskop sagt mir, daß ich früh sterben werde. Keiner von meinen Vorfahren hat sein dreißigstes Jahr überlebt. Ich bin jetzt siebenundzwanzig.«

Er wußte, daß dies Eindruck machen würde. Und er mußte diesmal einen leisen Ton von Besorgnis in meiner Stimme hören, als ich flüsternd sagte: »Der Segen des ganzen Landes wird sicher den bösen Einfluß der Sterne abwenden.«

»Dann muß die Gottheit des Landes selbst diesem Segen ihre Stimme leihen. Dies ist der Grund, warum ich so eifrig wünsche, Sie möchten wiederkommen, damit mein Talisman schon heute anfangen kann zu wirken.«

Sandip Babu hatte eine solche Art, alles im Sturm zu nehmen, daß ich gar nicht dazu kam, ihm etwas übelzunehmen, was ich einem andern nie erlaubt haben würde.

»Also«, schloß er lachend, »werde ich Ihren Gatten so lange als Geisel hierbehalten, bis Sie zurückkommen.«

Als ich im Begriff war zu gehen, rief er: »Darf ich Sie um eine Kleinigkeit bemühen?«

Ich wandte mich etwas erschrocken um.

»Erschrecken Sie nicht«, sagte er. »Es ist nur ein Glas Wasser. Sie haben vielleicht bemerkt, daß ich beim Essen kein Wasser trank. Ich trinke es etwas später.«

Ich mußte hierauf etwas Interesse zeigen und nach dem Grund fragen. Er erzählte mir, daß er seit länger als einem halben Jahr an Verdauungsbeschwerden gelitten und nun endlich, nachdem er alle möglichen allopathischen und homöopathischen Mittel vergeblich versucht hatte, mit einheimischen Heilmitteln ganz wundervolle Resultate erzielt hätte.

»Sehen Sie,« fügte er mit einem Lächeln hinzu, »Gott hat selbst meine Gebrechen so eingerichtet, daß sie nur dem Bombardement mit Swadeschi-Pillen weichen.«

Hier mischte sich mein Gatte ein. »Du mußt zugeben,« sagte er, »daß du eine ebenso große Anziehungskraft für ausländische Medizin hast, wie die Erde für Meteore. Du hast in deinem Wohnzimmer drei Schränke...«

Sandip Babu unterbrach ihn. »Weißt du, was die sind? Die sind die Strafpolizei. Sie sind da, nicht weil man ihrer bedarf, sondern weil sie uns durch die moderne Gesellschaftsordnung aufoktroyiert sind, daß sie uns Geldstrafen auferlegen oder andere Unbill zufügen.«

Mein Gatte kann Übertreibungen nicht leiden, und ich merkte, daß er verstimmt war. Aber jede Verzierung ist eine Übertreibung. Sie stammt nicht von Gott, sondern vom Menschen. Ich weiß noch, wie ich einmal mich meinem Gatten gegenüber verteidigte, als ich eine Unwahrheit gesagt hatte: »Nur die Bäume und Tiere und Vögel sagen die Wahrheit ganz nackt, weil es diesen armen Dingern an Erfindungsgabe fehlt. Hierin zeigen die Menschen ihre Überlegenheit über die niedern Geschöpfe, und die Frauen sind noch den Männern über. Wie reicher Schmuck der Frau wohl ansteht, so auch Ausschmückung der Wahrheit.«

Als ich hinaustrat auf den Korridor, der zu den Frauengemächern führte, sah ich meine Schwägerin an einem Fenster stehen, durch das man ins Empfangszimmer sehen konnte. Sie versuchte durch die Jalousien zu spähen.

»Du hier?« fragte ich überrascht.

»Auf dem Lauscherposten«, erwiderte sie.

V

Als ich zurückkam, entschuldigte sich Sandip Babu. »Ich fürchte, ich habe Ihnen den Appetit verdorben«, sagte er besorgt.

Ich schämte mich sehr. Ich war wirklich unziemlich schnell mit meinem Essen fertig geworden. Man konnte mir leicht nachrechnen, daß ich in der Zeit nicht viel hatte essen können. Aber mir war nicht der Gedanke gekommen, daß jemand nachrechnen würde.

Ich hatte das Gefühl, daß Sandip Babu meine Beschämung merkte, was sie natürlich noch erhöhte. »Ich wußte wohl,« sagte er, »daß der Impuls des scheuen Wildes Sie von mir trieb, um so mehr weiß ich es zu würdigen, daß Sie Ihr Versprechen halten.«

Mir wollte keine passende Antwort einfallen, und so setzte ich mich errötend und voll Unbehagen auf das eine Ende des Sofas. Die Vision, die ich von mir selbst gehabt hatte, als die im Weibe verkörperte Gottheit, die durch ihre bloße Gegenwart Sandip Babu krönte, in stolzer Majestät, diese Vision war mir ganz entschwunden.

Sandip Babu begann absichtlich eine Diskussion mit meinem Gatten. Er wußte, daß sein scharfer Verstand in schlagfertigen Entgegnungen am besten zur Geltung kam. Ich habe seitdem oft beobachtet, daß er sich nie eine Gelegenheit zum Wortgefecht entgehen ließ, wenn ich zufällig dabei war.

Er kannte meines Gatten Ansichten über den Bande-Mataram-Kult und begann in herausforderndem Tone: »Also du gibst nicht zu, daß man bei der patriotischen Werbearbeit auch versuchen soll, auf die Phantasie zu wirken?«

»Man darf schon auf sie wirken, Sandip, aber ich halte nichts davon, wenn man alles damit machen will. Ich möchte mein Vaterland, so sehen, wie es in Wahrheit ist, und darum würde ich mich scheuen und es für unwürdig halten, mit hypnotisierenden patriotischen Reden zu arbeiten.«

»Aber was du hypnotisierende Reden nennst, ist für mich Wahrheit. Ich glaube an mein Vaterland wie an meinen Gott. Mir ist die Menschheit heilig. Gott offenbart sich sowohl im Menschen wie in seinem Vaterlande.«

»Wenn du das wirklich glaubst, dann sollte es für dich keinen Unterschied geben zwischen den verschiedenen Menschen und den verschiedenen Ländern.«

»Ganz recht. Aber mein Gefühl ist begrenzt und kann nicht die ganze Menschheit umfassen, daher verehre ich sie hier in meinem Volke.«

»Ich habe nichts gegen diese Verehrung als solche, aber wie willst du Gott verehren, wenn du andere Völker hassest, in denen er sich gleichfalls offenbart?«

»Der Haß ist auch ein Diener der Anbetung. Ardschuna gewann Mahadevas Gnade[12] dadurch, daß er mit ihm rang. Gott wird am Ende mit uns sein, wenn wir bereit sind, uns ihm im Streite zu stellen.«

»Wenn dem so ist, so sind beides seine Diener, die, welche deinem Volke dienen, und die, welche ihm schaden. Aber wozu dann noch Patriotismus predigen?«

»Wenn es sich um das eigene Volk handelt, ist es etwas anderes. Da spricht das Herz deutlich und verlangt, daß wir ihm dienen.«

»Wenn du die Konsequenz dieser Beweisführung ziehst, so mußt du sagen, daß, da Gott sich in uns offenbart, wir vor allen Dingen uns selbst dienen müssen, weil unser natürlicher Instinkt dies fordert.«

»Nun höre einmal, Nikhil, dies ist alles nur dürre Logik. Begreifst du denn nicht, daß es so etwas wie Gefühl gibt?«

»Ich will dir offen sagen, Sandip,« erwiderte mein Gatte, »gerade mein Gefühl ist verletzt, wenn ihr Ungerechtigkeit zur Pflicht zu machen sucht, und Gottlosigkeit zum sittlichen Ideal. Wenn ich nicht imstande bin zu stehlen, so liegt die Ursache nicht in meinen logischen Fähigkeiten, sondern in einem gewissen Gefühl von Selbstachtung und Treue gegen meine Ideale.«

Ich kochte innerlich. Zuletzt konnte ich nicht länger schweigen. »Ist nicht die Geschichte jedes Landes,« rief ich, »sei es nun England, Frankreich, Deutschland oder Rußland, die Geschichte von Diebstählen, die für das Vaterland begangen wurden?«

»Sie müssen für diese Diebstähle zahlen; sie müssen schon jetzt dafür zahlen; ihre Geschichte ist noch nicht zu Ende.«

»Auf jeden Fall,« fiel Sandip Babu ein, »meine ich, wir sollten es ebenso machen wie sie. Laß uns nur einstweilen die Koffer unsres Landes mit gestohlenen Schätzen füllen, und dann mögen, wie bei den andern Ländern, Jahrhunderte darüber hingehen, ehe wir dafür zahlen, wenn es überhaupt dazu kommt. Denn ich frage dich, wo findest du für diese ›Zahlen‹ ein Beispiel in der Geschichte?«