Part 18
Mir ist der Gedanke gekommen, daß ich doch immer etwas Neigung zur Tyrannei gehabt habe. Es war ein gewisser Despotismus in meinem Verlangen, meine Beziehungen zu Bimala in eine feste, klar umrissene und vollkommene Form zu bringen. Aber des Menschen Leben ist nicht dazu bestimmt, in eine feste Form gepreßt zu werden. Und wenn wir versuchen, dem Guten auf solche Weise Gestalt zu geben, als wäre es bloßer Stoff, so rächt es sich furchtbar, dadurch, daß es das Leben verliert.
Erst jetzt ist es mir klar geworden, daß es diese unbewußte Tyrannei gewesen sein muß, die uns allmählich voneinander entfernte. Als Bimalas Leben nicht zu seiner wahren Höhe aufsteigen konnte, da ich es von oben niederdrückte, mußte es sich dadurch einen Abfluß suchen, daß es seine Ufer am Grunde unterhöhlte. Sie mußte diese 6000 Rupien stehlen, weil sie mir gegenüber nicht offen sein konnte, weil sie fühlte, daß ich für gewisse Dinge kein Verständnis hatte noch haben wollte.
Menschen wie ich, die von einer Idee beherrscht werden, sind mit denen im Einklang, die ihren Überzeugungen zustimmen können; aber die andern können nur mit uns fertig werden, wenn sie uns betrügen. Unser hartnäckiger Eigensinn ist es, der selbst die Offensten und Geradesten auf krumme Wege treibt. Bei dem Versuch, uns eine Gefährtin nach unserm Sinn zu formen, verderben wir das Weib.
Könnte ich nicht noch einmal von vorn anfangen? Ja, dann würde ich den Pfad der Einfalt gehen. Ich würde nicht versuchen, die Gefährtin meines Lebens mit meinen Ideen zu binden, sondern die fröhliche Flöte meiner Liebe spielen und fragen: Liebst du mich? Dann wachse nur, dir selber treu, im Licht deiner Liebe! Laß Gottes Plan, der in dir lebendig ist, triumphieren und laß meine Pläne beschämt umkehren!
Aber kann selbst die große Heilmutter Natur die Wunde heilen, die all das Mißverstehen dieser letzten Zeit uns schlug? Die schützende Hülle, unter der allein die stillen Kräfte der Natur wirken können, ist auseinander gerissen. Wunden müssen verbunden werden -- können wir unsre Wunde nicht mit unsrer Liebe verbinden, so daß ein Tag kommt, wo ihre Narbe nicht mehr sichtbar sein wird? Ist es nicht zu spät? Wir haben so viel Zeit verloren mit Mißverstehen; wir haben die ganze Zeit bis jetzt gebraucht, um endlich zu verstehen, -- wie lange Zeit werden wir brauchen, um wieder gutzumachen? Und wenn die Wunde wirklich heilt, -- kann die Zerstörung, die sie verursacht hat, je wieder gutgemacht werden?
Ich hörte ein leises Geräusch an der Tür. Als ich mich umwandte, sah ich Bimala durch die offene Tür verschwinden. Sie mußte an der Schwelle gewartet haben, unschlüssig, ob sie hereinkommen sollte, und schließlich hatte sie sich entschlossen, umzukehren. Ich sprang auf und stürzte zur Tür und rief: »Bima!«
Sie stand still, doch wandte sie sich nicht um. Ich trat zu ihr, nahm sie bei der Hand und führte sie in unser Zimmer zurück. Sie warf sich mit dem Gesicht aufs Kissen und schluchzte unaufhaltsam. Ich sagte nichts, sondern setzte mich nur still zu ihr und hielt ihre Hand.
Als der leidenschaftliche Ausbruch ihres Schmerzes sich gelegt hatte, richtete sie sich auf. Ich wollte sie an meine Brust ziehen, aber sie schob meine Arme zurück und kniete vor mir nieder, indem sie wiederholt meine Füße ehrfurchtsvoll mit ihrer Stirn berührte. Ich zog hastig meine Füße zurück, aber sie umklammerte sie mit ihren Armen und sagte mit tränenerstickter Stimme. »Nein, nein, nein, du darfst deine Füße nicht wegziehen! Laß mich meine Ehrfurcht verrichten!«
Da ließ ich sie gewähren.
Fußnoten:
[42] Rollen aus Betelpfefferblättern mit Stücken von Betelnuß, Katschu und Gewürzen gefüllt, die als Kaumittel verwandt werden.
[43] Auf dem nackten Boden sitzen ist ein Zeichen von Trauer und, von da aus übertragen, auch von Zerknirschung.
BIMALAS ERZÄHLUNG
XXIII
Auf, meine Seele! Jetzt ist die Zeit gekommen, dich dahin einzuschiffen, wo der Strom der Liebe einmündet in das große Meer der Anbetung. In diesem reinen Blau versinkt und verschwindet die ganze Last seines Schlammes.
Jetzt fürchte ich nichts mehr, -- weder mich selbst, noch irgend jemand anders. Ich bin durch Feuer hindurchgegangen. Was entzündlich war, ist zu Asche verbrannt, was geblieben ist, ist unsterblich. Ich habe meine Seele dem zu Füßen gelegt, der all meine Sünde in den Abgrund seines eigenen Schmerzes versenkt hat.
Heute abend reisen wir nach Kalkutta. Meine innern Unruhen ließen mich bis jetzt nicht dazu kommen, nach meinen Sachen zu sehen. Jetzt will ich sie ordnen und einpacken.
Nach einer Weile merkte ich, daß mein Gatte auch gekommen war und beim Packen half.
»Das geht aber nicht«, sagte ich. »Hast du mir nicht versprochen, zu schlafen?«
»Das habe ich wohl versprochen,« erwiderte er, »aber der Schlaf hat mir nicht versprochen, zu kommen und ist nirgends zu finden.«
»Nein, nein,« wiederholte ich, »das geht nicht. Leg dich wenigstens ein Weilchen hin!«
»Aber wie kannst du allein dies noch alles schaffen?«
»Natürlich kann ich das.«
»Nun, du magst dich rühmen, ohne mich fertig werden zu können. Aber offen gesagt, ich kann nicht ohne dich fertig werden. Selbst der Schlaf wollte zu mir allein nicht in unser Zimmer kommen.« Damit machte er sich wieder an die Arbeit.
Aber es kam eine Unterbrechung in Gestalt eines Dieners, der meldete, daß Sandip Babu da sei und bäte, vorgelassen zu werden. Ich wagte nicht zu fragen, wen er zu sprechen wünsche. Es war, als ob das Licht des Himmels plötzlich zurückwiche wie die Blätter einer Mimose.
»Komm, Bima!« sagte mein Gatte. »Laß uns hören, was Sandip uns zu sagen hat! Da er zurückgekommen ist, nachdem er sich schon verabschiedet hatte, muß er uns etwas Besonderes zu sagen haben.«
Ich ging nur mit, weil es noch schwieriger gewesen wäre, zurückzubleiben. Sandip starrte ein Bild an, das an der Wand hing. Als wir eintraten, sagte er: »Ihr fragt euch gewiß, warum der Bursche noch einmal wiedergekommen ist. Aber ihr wißt, der Geist ist nicht gebannt, bis alle feierlichen Bräuche erfüllt sind.« Mit diesen Worten zog er etwas aus seiner Tasche, das er in sein Taschentuch gebunden hatte, legte es auf den Tisch und löste den Knoten auf. Es waren jene Goldstücke.
»Versteh mich nicht falsch, Nikhil,« sagte er. »Du mußt dir nicht einbilden, daß ich, von deinem Umgang angesteckt, plötzlich ehrlich geworden bin; ich bin nicht der Mann, der mit schlotternden Knieen reuig zurückkehrt, um unrechtmäßig erworbenes Geld wiederzubringen. Aber...«
Er stockte. Nach einer Pause wandte er sich zu Nikhil, aber seine Worte waren an mich gerichtet:
»Ja, Bienenkönigin, endlich hat der Geist der Reue Einlaß gefunden in meinem bisher ungestört ruhigen Gewissen. Da ich jede Nacht, sobald der erste Schlaf vorüber ist, mit ihm zu kämpfen habe, kann ich ihn nicht für ein bloßes Hirngespinst halten. Es gibt vor ihm kein Entrinnen, selbst für mich nicht, bis die Schuld bezahlt ist. In die Hände jenes Geistes lege ich daher, was ich zurückbringe. Göttin! Ihnen allein auf der Welt kann ich nichts wegnehmen. Sie lassen mich nicht los, bis ich ganz entblößt bin. Nehmen Sie auch dies zurück!«
Damit zog er den Schmuckkasten unter seinem Mantel hervor und setzte ihn hin, und dann verließ er uns mit hastigen Schritten.
»Höre, Sandip,« rief mein Gatte ihm nach.
»Ich habe keine Zeit, Nikhil,« sagte Sandip, an der Tür stehenbleibend. »Man sagt mir, daß die Muselmänner mich für einen unschätzbaren Edelstein halten, und hinter mir her sind, um mich zu rauben und auf ihrem Friedhof zu vergraben. Aber ich fühle, daß ich noch weiterleben muß. Ich habe noch gerade 25 Minuten, um den Zug nach Norden zu bekommen. Daher muß ich für jetzt Schluß machen; wir werden unsre Unterredung bei der nächsten passenden Gelegenheit zu Ende führen. Wenn du meinen Rat hören willst, so zögre du auch nicht, von hier fortzukommen! Ich grüße Sie, Bienenkönigin, Königin der blutenden Herzen, Königin der Vernichtung!«
Er stürzte hinaus. Ich stand unbeweglich; nie vorher war mir so klar geworden, wie wertlos, wie armselig dies Gold und diese Juwelen sind. Noch kurz vorher war ich geschäftig gewesen, mir zu überlegen, was ich mitnehmen und wie ich es einpacken wollte. Jetzt fühlte ich, daß es überhaupt nicht nötig war, irgendetwas mitzunehmen. Aufbrechen und fortreisen so schnell wie möglich, darauf kam es an.
Mein Gatte trat zu mir und faßte meine Hand. »Es wird spät,« sagte er, »wir haben nicht mehr viel Zeit, unsre Reisevorbereitungen zu beenden.«
In diesem Augenblick kam Tschandranath Babu plötzlich herein. Als er uns beisammen fand, wich er erst zurück, doch dann sagte er: »Verzeihen Sie, Mütterchen, wenn ich störe! Nikhil, die Muselmänner haben sich erhoben. Sie plündern Harisch Kundus Schatzhaus. Das ist noch nicht so schlimm. Aber entsetzlich ist es, wie sie den Frauen des Hauses Gewalt antun.«
»Ich komme,« sagte mein Gatte.
»Was kannst du da tun?« sagte ich und hielt bittend seine Hand fest. »Ach Herr,« wandte ich mich an seinen Lehrer, »wollen Sie ihm nicht sagen, daß er nicht hingeht?«
»Es gibt nichts Dringenderes zu tun, Mütterchen,« erwiderte er.
»Ängstige dich nicht, Bima,« rief mein Gatte mir im Fortgehen zu.
Als ich ans Fenster trat, sah ich ihn zu Pferde fortgaloppieren, ohne irgendwelche Waffe in der Hand.
Gleich darauf kam die Bara Rani hereingestürzt. »Was hast du getan, liebe Tschotie?« rief sie. »Wie konntest du ihn fortlassen?«
»Ruf sofort den Dewan[44],« sagte sie zu einem Diener.
Die Ranis zeigen sich sonst nicht dem Dewan, aber in dem Augenblick waren der Bara Rani alle äußeren Formen gleichgültig.
»Schick dem Maharadscha sofort einen reitenden Boten nach und laß ihn zurückrufen,« sagte sie, sobald der Dewan erschien.
»Wir haben ihn alle beschworen, nicht hinzureiten,« sagte der Dewan, »aber er wollte nicht umkehren.«
»Laß ihm sagen, daß die Bara Rani krank ist, daß sie auf dem Sterbebett liegt!« rief meine Schwägerin verzweifelt.
Als der Dewan hinausgegangen war, wandte sie sich wütend gegen mich. »O du Hexe, du Ungetüm, konntest du nicht selbst sterben, statt ihn in den Tod zu schicken!...«
Es begann zu dunkeln. Die Sonne ging hinter dem gefiederten Laubwerk des blühenden Sadschnabaums unter. Ich sehe noch heute jede leise Schattierung jenes Sonnenuntergangs vor mir. Zwei Wolkenmassen zu beiden Seiten der sinkenden Sonnenscheibe gaben ihr das Aussehen eines gewaltigen Vogels, der seine feurig gefiederten Schwingen weit ausbreitete. Es war mir, als ob dieser verhängnisvolle Tag sich aufmachte zu seinem Fluge über den Ozean der Nacht.
Es wurde dunkler und dunkler. Aus der Ferne wogte Waffenlärm heran und wich dann wieder in das Dunkel zurück, wie die Flammen eines brennenden Dorfes fern am Horizont aufzucken und wieder verschwinden.
Die Abendglocken erklangen von unserm Tempel. Ich wußte, die Bara Rani saß jetzt da, die Hände in stillem Gebet gefaltet. Aber ich konnte keinen Schritt vom Fenster weichen.
Die Straßen, das Dorf dahinter und die noch entfernteren Baumreihen verschwammen immer mehr im Dunkel. Der See in unserm Park blickte mit trübem Glanz zum Himmel auf, wie das Auge eines Blinden. Zur Linken schien der Turm seinen Hals auszurecken, um etwas, was in der Ferne geschah, zu erspähen.
Die Geräusche der Nacht nehmen alle Arten von Verkleidungen an. Ein Zweig knackt, und man glaubt, ein Verfolgter renne um sein Leben. Eine Tür schlägt zu, und es ist einem, als ob das Herz der Welt in jähem Schreck pochte.
Lichter flackerten plötzlich unter dem Schatten der fernen Bäume auf und verschwanden wieder. Ab und zu erklirrten Hufe, doch es waren nur Reiter, die aus den Palasttoren ritten.
Ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, daß, wenn ich nur sterben könnte, alles gut sein würde. Solange ich lebte, griffen meine Sünden immer weiter um sich und säten nach allen Seiten Zerstörung aus. Ich erinnerte mich an die Pistole in meiner Truhe. Aber meine Füße wollten nicht vom Fenster weg und sie holen. Wartete ich denn nicht auf mein Schicksal?
Die Nachtwache kündete feierlich die zehnte Stunde. Bald darauf tauchten in der Ferne eine ganze Reihe Lichter auf, und eine große Schar von Leuten wand sich wie eine große Schlange auf den dunklen Wegen den Palasttoren zu.
Der Dewan stürzte ans Tor. In demselben Augenblick galoppierte ein Reiter herein. »Wie steht es, Dschata?« fragte der Dewan.
»Nicht gut,« war die Antwort.
Ich hörte diese Worte ganz deutlich von meinem Fenster aus. Aber dann wurde etwas geflüstert, was ich nicht verstehen konnte.
Dann kam eine Sänfte, der eine Bahre folgte. Der Doktor ging neben der Sänfte.
»Was meinen Sie, Doktor?« fragte der Dewan.
»Ich kann noch nichts sagen,« erwiderte der Doktor. »Die Wunde am Kopf ist ernst.«
»Und Amulja Babu?«
»Mit ihm ist es aus. Eine Kugel hat ihn ins Herz getroffen.«
Fußnoten:
[44] Eingeborener Angestellter eines großen bengalischen Haushaltes, der den Verkehr mit den Eingeborenen vermittelt.
INHALT
_Erstes Kapitel_
Bimalas Erzählung I-III 1
_Zweites Kapitel_
Bimalas Erzählung IV-V 28
Nikhils Erzählung I-II 51
Sandips Erzählung I 62
_Drittes Kapitel_
Bimalas Erzählung VI 71
Sandips Erzählung II-III 78
_Viertes Kapitel_
Nikhils Erzählung III 104
Bimalas Erzählung VII-X 113
Sandips Erzählung IV-VI 136
_Fünftes Kapitel_
Nikhils Erzählung IV-V 151
Bimalas Erzählung XI-XIII 163
Nikhils Erzählung VI-VII 182
_Sechstes Kapitel_
Nikhils Erzählung VIII-IX 192
Sandips Erzählung VII 207
_Siebentes Kapitel_
Sandips Erzählung VIII-X 218
_Achtes Kapitel_
Nikhils Erzählung X-XI 245
Bimalas Erzählung XIV 264
_Neuntes Kapitel_
Bimalas Erzählung XV-XVII 277
_Zehntes Kapitel_
Nikhils Erzählung XII-XIV 314
Bimalas Erzählung XVIII-XIX 330
_Elftes Kapitel_
Bimalas Erzählung XX-XXII 344
_Zwölftes Kapitel_
Nikhils Erzählung XV-XVI 372
Bimalas Erzählung XXIII 399
_Gedruckt im Frühjahr 1921 von der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig_ *
Notizen des Bearbeiters:
Gesperrte Schrift markiert durch _ ... _
Unterschiedliche Schreibweisen wurden nicht geändert.
Typographische Fehler und einzelne Satzzeichen wurden still- schweigend geändert.
End of Project Gutenberg's Das Heim und die Welt, by Rabindranath Tagore