Part 15
»Nein,« war die Antwort, »er ist in Untersuchungshaft. Die Polizei ist jetzt verpflichtet, die Untersuchung einzuleiten.«
»Ich möchte ihn sehen«, sagte ich.
Als ich in seine Zelle kam, fiel er mir weinend zu Füßen.
»Ich schwöre Ihnen bei Gott,« rief er, »daß ich es nicht getan habe.«
»Ich zweifle nicht an dir, Kasim«, beruhigte ich ihn. »Fürchte nichts. Man kann dir nichts tun, wenn du unschuldig bist.«
Kasim war jedoch nicht imstande, einen zusammenhängenden Bericht von dem Vorfall zu geben. Er übertrieb augenscheinlich. Vier- bis fünfhundert Mann, große Gewehre, zahllose Schwerter spielten eine Rolle in seiner Erzählung. Daran war entweder sein aufgeregter Zustand schuld, oder der Wunsch, sich zu rechtfertigen, weil er sich so leicht hatte besiegen lassen. Er behauptete, daß Harisch Kundu dahinterstecke; er war sogar sicher, die Stimme Ekrams, seines Hauptpächters gehört zu haben.
»Nun höre einmal, Kasim,« mußte ich ihn warnen, »zieh du nicht mit solchen Geschichten andere Leute in den Handel! Du hast nicht Harisch Kundu oder irgend jemand anders anzuklagen.«
XIV
Als ich nach Hause ging, bat ich meinen Lehrer, mit zu mir herüberzukommen. Er schüttelte ernst den Kopf. »Ich sehe nicht, wie dies gut enden soll«, sagte er. »Die Leute ersticken ihr Gewissen und setzen das Vaterland an seine Stelle. Alle Sünden des Landes werden jetzt in ihrer ganzen nackten Häßlichkeit hervorbrechen.«
»Wer, meinen Sie, könnte...«
»Frage mich nicht! Aber die Sünde nimmt überhand. Schicke sie alle fort, auf jeden Fall fort von hier!«
»Ich habe ihnen noch einen Tag gelassen. Sie werden übermorgen fortgehen.«
»Und noch eins. Bringe Bimala nach Kalkutta! Sie bekommt hier ein zu einseitiges Bild von der Welt draußen, sie kann die Menschen und Dinge nicht in ihren richtigen Verhältnissen sehen. Zeige ihr die Welt -- die Menschen und ihre Arbeit, -- gib ihr einen weiten Blick!«
»Das eben gedachte ich auch zu tun.«
»Nun, so schiebe es nicht auf! Ich sage dir, Nikhil, alle Rassen der Welt müssen mit vereinten Kräften an der Geschichte der Menschheit bauen, und solange sie noch ihr Gewissen um der Politik willen verkaufen und ihr Vaterland zum Götzenbild machen, haben sie ihr Ziel noch nicht erkannt. Ich weiß, daß Europa dies im Grunde nicht zugibt, aber in diesem Punkte hat es kein Recht, unsern Lehrmeister zu spielen. Die Menschen, die für die Wahrheit sterben, sind unsterblich; und wenn ein ganzes Volk für die Wahrheit stirbt, so wird es auch in der Geschichte der Menschheit Unsterblichkeit erringen. Möge hier in unserm Indien unter dem Hohngelächter der Hölle das Gefühl für diese Wahrheit lebendig werden! Welch furchtbare Sündenseuche ist aus fremden Ländern in unser Land geschleppt...«
Der ganze Tag verging in der Unruhe, die die Untersuchung brachte. Ich war ganz erschöpft, als ich mich abends zur Ruhe begab. Ich war noch nicht dazugekommen, das Geld meiner Schwägerin nach dem Schatzamt zu schicken, und verschob es bis zum nächsten Morgen.
Mitten in der Nacht wachte ich auf. Das Zimmer war dunkel. Ich glaubte, irgendwo ein Stöhnen zu hören. Jemand mußte aufgeschrien haben. Tränenschweres Schluchzen erklang wie Windstöße durch die Regennacht. Mir war es, als ob der Schrei mitten aus meinem Zimmer gekommen wäre. Doch ich war allein. Bimala hatte seit einigen Tagen ihr Bett in einem andern Zimmer neben dem meinen. Ich stand auf, und als ich hinausging, fand ich sie auf dem Balkon ausgestreckt mit dem Gesicht auf dem nackten Boden.
Was ich jetzt erlebte, läßt sich nicht mit Worten sagen. Nur er weiß es, der im Herzen der Welt sitzt und all ihr Weh in seinem eignen Herzen fühlt. Der Himmel ist stumm, die Sterne schweigen, still liegt die Nacht da, und inmitten von all diesem lautlosen Schweigen der eine verzweifelte Schrei!
Wir geben solchem Leid Namen, gute oder schlechte, je nachdem wie es die Wissenschaft einreiht, aber hat diese Todesangst, die aus einem zerrissenen Herzen aufsteigt und sich in das bodenlose Dunkel ergießt, überhaupt einen Namen? Als ich in jener Nacht unter dem schweigenden Sternenhimmel auf jene Gestalt herabsah, erbebte meine Seele in heiliger Scheu, und ich sagte zu mir selbst: »Wer bin ich, daß ich sie richten sollte?« O Leben, o Tod, o Gott des ewigen Seins, ich beuge mein Haupt in Schweigen dem Geheimnis, das in dir ist.
Einen Augenblick schwankte ich, ob ich umkehren sollte. Aber ich konnte es nicht. Ich kniete neben Bimala nieder und legte meine Hand auf ihren Kopf. Bei der ersten Berührung war es, als ob ihr ganzer Körper erstarrte, aber im nächsten Augenblick löste sich die Starrheit, und die Tränen brachen hervor. Ich strich sanft mit den Fingern über ihre Stirn. Plötzlich tasteten ihre Hände nach meinen Füßen, sie zog sie zu sich heran und preßte sie mit solcher Gewalt gegen ihre Brust, daß ich dachte, ihr Herz würde brechen.
BIMALAS ERZÄHLUNG
XVIII
Amulja sollte heute morgen von Kalkutta zurückkehren. Ich hatte die Dienstboten beauftragt, mich sofort zu benachrichtigen, wenn er ankäme, aber ich hatte nirgends Ruhe. Endlich ging ich hinaus, um draußen im Wohnzimmer auf ihn zu warten.
Als ich ihn ausschickte, um die Schmucksachen zu verkaufen, muß ich nur an mich gedacht haben. Es kam mir gar nicht in den Sinn, daß ein so junger Bursche, wenn er versuchte, solche wertvollen Juwelen zu verkaufen, leicht in Verdacht geraten könnte. So hilflos sind wir Frauen, daß wir, sobald Gefahr droht, die Last auf andre abschieben müssen. Wenn wir ins Verderben geraten, so ziehen wir die, die uns umgeben, mit hinab.
Ich hatte stolz gesagt, ich wolle Amulja retten, -- als ob ein Ertrinkender andre retten könnte! Statt ihn zu retten, habe ich ihn in sein Verhängnis geschickt. Mein lieber Bruder, eine solche Schwester bin ich dir gewesen, daß der Tod an jenem Brudertag gelächelt haben muß, als ich dir meinen Segen gab, -- ich, die unter der Last ihrer eigenen Schuld zusammenbricht!
Ich fühle heute, daß der Mensch mitunter von dem Bösen wie von einer Seuche befallen wird. Irgendein Keim fällt irgendwo hinein, und noch in derselben Nacht naht mit großen Schritten der Tod.
Warum entfernt man solchen Kranken nicht von den übrigen Menschen? Ich habe an mir selber erfahren, wie entsetzlich die Ansteckung ist, -- wie eine glühende Fackel, die nach allen Seiten auszüngelt, um die Welt in Flammen zu setzen.
Es schlug neun. Ich konnte den Gedanken nicht loswerden, daß Amulja in Gefahr sei, daß er der Polizei in die Hände gefallen sei. Es herrscht gewiß große Aufregung auf dem Polizeiamt: Wem gehören die Schmucksachen? Wie hat er sie bekommen? Und schließlich werde ich öffentlich vor aller Welt auf diese Fragen Antwort geben müssen.
Was für eine Antwort soll das sein? Endlich ist dein Tag gekommen, Bara Rani, nachdem ich dich so lange verachtet habe. Dir wird deine Rache werden, wenn das Publikum mich mit verächtlichen Blicken mustert. O Gott, rette mich nur diesmal, und ich will all meinen Stolz meiner Schwägerin zu Füßen werfen!
Ich konnte es nicht länger ertragen. Ich ging geradewegs zu der Bara Rani. Sie war auf der Veranda und würzte ihre Betelblätter. Thako war bei ihr.
Beim Anblick Thakos wich ich einen Augenblick zurück, aber dann bezwang ich mich, neigte mich tief vor meiner älteren Schwägerin und berührte ehrfurchtsvoll ihre Füße.
»Du meine Güte, Tschota Rani,« rief sie aus, »was kommt dir denn in den Sinn? Warum plötzlich diese Ehrfurcht?«
»Es ist mein Geburtstag heute, Schwester«, sagte ich. »Ich habe dich oft gekränkt. Gib mir heute deinen Segen, daß ich es nie wieder tun möge! Mein Wille ist so schwach.« Ich neigte mich noch einmal und ging eilig fort, aber sie rief mich zurück.
»Du hast mir nie gesagt, daß heute dein Geburtstag ist, liebe Tschotie! Komm doch heute nachmittag zum Tee zu mir. Das mußt du auf jeden Fall tun!«
O Gott, laß es heute wirklich meinen Geburtstag sein! Kann ich nicht noch einmal geboren werden? Reinige mich, mein Gott, und läutre mich und versuche es noch einmal mit mir!
Ich ging wieder ins Wohnzimmer, wo ich Sandip fand. Es war, als ob ein Gefühl von Ekel mir das Blut vergiftete. Das Gesicht, das ich im Morgenlicht vor mir sah, hatte nichts von dem Zauberglanz des Genius.
»Verlassen Sie das Zimmer!« stieß ich hervor.
Sandip lächelte. »Da Amulja nicht hier ist,« bemerkte er, »sollte ich meinen, ich sei jetzt an der Reihe, ein tête-à-tête mit Ihnen zu haben.«
Jetzt rächte sich meine Schuld. Wie konnte ich ihm das Recht wieder nehmen, das ich ihm selbst gegeben hatte? »Ich möchte allein sein«, wiederholte ich.
»Königin,« sagte er, »die Gegenwart eines andern hindert nicht, daß Sie allein sind. Verwechseln Sie mich nicht mit jedem Beliebigen! Ich, Sandip, bin immer allein, selbst wenn ich von Tausenden umgeben bin.«
»Bitte, kommen Sie zu einer andern Zeit! Heute morgen...«
»Warten Sie auf Amulja?«
Ich wandte mich zornig ab und wollte aus dem Zimmer gehen, als Sandip aus den Falten seines Mantels meinen Schmuckkasten hervorzog und ihn heftig auf den Marmortisch setzte. Ich war aufs höchste bestürzt. »Ist denn Amulja nicht fort?« rief ich aus.
»Fort, wohin?«
»Nach Kalkutta?«
»Nein«, frohlockte Sandip.
O, so hatte mein Segen doch gewirkt. Er war gerettet. Mag nun Gottes Strafe mich, die Diebin, treffen, wenn nur Amulja gerettet ist!
Der Wechsel im Ausdruck meines Gesichts reizte Sandip. »So erfreut, Königin?« fragte er höhnisch. »Sind diese Schmucksachen so kostbar? Wie konnten Sie sich denn dazu entschließen, sie der Göttin zu opfern? Denn Sie haben sie ihr tatsächlich geopfert. Wollten Sie ihre Gabe nun zurücknehmen?«
Der Stolz stirbt schwer und erhebt noch bis zum letzten Augenblick immer wieder seine Krallen. Ich fühlte, ich mußte Sandip zeigen, daß der Verlust der Schmucksachen mir vollständig gleichgültig war. »Wenn sie Ihre Begierde erregt haben,« sagte ich, »so können Sie sie nehmen.«
»Meine Begierde umfaßt heute den Reichtum ganz Bengalens«, erwiderte Sandip. »Gibt es eine größere Kraft als die Begierde? Sie ist das Roß der Großen dieser Erde, wie der Elefant Airavat das Roß Indras. Diese Juwelen gehören also mir?«
Als Sandip den Kasten nahm und wieder unter seinen Mantel barg, stürzte Amulja herein. Er hatte dunkle Ringe unter den Augen, seine Lippen waren trocken, sein Haar wirr; es war, als ob die Blüte seiner Jugend in einem einzigen Tage verwelkt sei. Sein Anblick schnitt mir durch die Seele.
»Meinen Kasten!« rief er und stürzte geradewegs auf Sandip zu, ohne mich anzusehen. »Haben Sie den Schmuckkasten aus meinem Koffer genommen?«
»Deinen Schmuckkasten?« fragte Sandip spöttisch.
»Es war mein Koffer!«
Sandip lachte auf. »Deine Unterscheidung zwischen mein und dein wird etwas schwach, Amulja«, rief er. »Doch ich sehe, du wirst trotzdem als frommer Priester sterben.«
Amulja sank auf den Stuhl und barg das Gesicht in den Händen. Ich trat zu ihm und legte meine Hand auf seinen Kopf. »Was fehlt dir, Amulja?« fragte ich.
Er sprang auf. »O Schwester Rani,« rief er, »ich wollte Ihnen so gern selbst die Juwelen zurückgeben. Das wußte Sandip Babu, und nun ist er mir zuvorgekommen.«
»Was liegt mir an den Juwelen?« sagte ich. »Laß ihn sie nehmen! Das macht nichts.«
»Nehmen?« fragte er ganz verständnislos.
»Die Juwelen sind mein«, sagte Sandip. »Es sind die Insignien, die meine Königin mir verliehen hat.«
»Nein, nein, nein!« rief Amulja leidenschaftlich. »Niemals, Schwester Rani! Ich habe sie Ihnen zurückgebracht. Sie dürfen sie niemandem anders geben.«
»Ich nehme deine Gabe an, mein kleiner Bruder«, sagte ich. »Aber laß den, der Verlangen danach hat, seine Begierde befriedigen!«
Amulja funkelte Sandip Babu an wie ein Raubtier und stieß heiser hervor: »Hören Sie, Sandip Babu, Sie wissen, daß selbst der Galgen mich nicht schreckt. Wenn Sie sich unterstehen, diesen Schmuckkasten wegzunehmen...«
Sandip lachte gezwungen und sagte: »Du solltest mittlerweile wissen, Amulja, daß ich nicht der Mann bin, der sich vor dir fürchtet.«
»Bienenkönigin,« fuhr er dann zu mir gewandt fort, »ich bin heute nicht hierher gekommen, um Ihnen die Schmucksachen zu nehmen, sondern um sie Ihnen zu geben. Sie hätten unrecht getan, wenn Sie meine Gabe aus Amuljas Händen angenommen hätten. Um dies zu verhindern, mußte ich mich erst ihres Besitzes versichern. Nun nehmen Sie hier diese meine Juwelen als eine Gabe von mir. Da sind sie! Verschwören Sie sich mit diesem Burschen, soviel Sie wollen! Ich muß fort. Sie haben alle diese Tage Ihre besonderen Gespräche gehabt, von denen ich nichts wissen sollte. Wenn jetzt besondere Ereignisse kommen sollten, so geben Sie mir nicht die Schuld!«
»Amulja,« fuhr er fort, »ich habe deine Koffer und Sachen nach deiner Wohnung bringen lassen. Ich will nichts mehr in meinem Zimmer haben, was dir gehört.« Nach diesem letzten Pfeilschuß eilte Sandip hinaus und warf die Tür hinter sich zu.
XIX
»Ich habe keine Ruhe gehabt, Amulja,« sagte ich, »seit ich dich wegschickte, um die Schmucksachen zu verkaufen.«
»Warum, Schwester Rani?«
»Ich fürchtete, du könntest damit in Gefahr geraten, man könnte dich für einen Dieb halten. Ich möchte lieber die 6000 Rupien gar nicht haben. Jetzt mußt du noch etwas anderes mir zuliebe tun, du mußt gleich nach Hause gehen zu deiner Mutter.«
Amulja zog ein kleines Päckchen hervor und sagte: »Aber Schwester, ich habe die 6000.«
»Wo hast du sie her?«
»Ich versuchte alles mögliche, um Gold zu bekommen,« fuhr er fort, ohne meine Frage zu beantworten, »aber es gelang mir nicht. So mußte ich das Geld in Banknoten bringen.«
»Sag' mir aufrichtig, Amulja, schwöre mir, wo hast du das Geld her?«
»Das will ich Ihnen nicht sagen.«
Es wurde mir dunkel vor den Augen. »Was hast du Schreckliches getan?« rief ich. »Ist es denn...«
»Ich weiß, Sie werden sagen, daß ich auf ungerechte Weise zu diesem Gelde kam. Gut, ich gebe es zu. Aber ich habe den vollen Preis für meine Schuld bezahlt. Daher ist das Geld jetzt mein.«
Ich wollte nicht mehr wissen. Das Blut erstarrte mir in den Adern.
»Schaffe es fort, Amulja«, flehte ich. »Bringe es wieder dahin, wo du es hergenommen hast!«
»Das würde in der Tat schwer sein!«
»Es ist nicht schwer, lieber Bruder. Es war ein verhängnisvoller Augenblick, als du mich zuerst sahst. Selbst Sandip hat dir nicht so viel schaden können wie ich.«
Bei Sandips Namen fuhr er auf wie von einer Viper gestochen.
»Sandip!« rief er. »Durch Sie habe ich erst erkannt, was für ein Mensch er ist. Wissen Sie, Schwester, daß er keinen Heller von dem Gold, das er Ihnen abnahm, ausgegeben hat? Er schloß sich, nachdem er von Ihnen gegangen war, in seinem Zimmer ein und weidete sich an dem Anblick des Goldes, das er vor sich auf dem Fußboden ausbreitete. ›Dies ist nicht Gold,‹ rief er aus, ›dies sind die Blütenblätter der göttlichen Lotusblume der Macht; es sind Kristall gewordene Melodien aus den Flöten, die im Paradiese des Reichtums erklingen! Ich kann es nicht übers Herz bringen, sie zu wechseln, denn es ist, als sehnten sie sich, die Erfüllung ihres Daseins zu finden als Schmuck um den Hals der Schönheit. Amulja, mein Junge, blick' sie nicht mit deinem leiblichen Auge an, sie sind das Lächeln Lakschmis, der bezaubernde Strahlenkranz von Indras Gattin. Nein, nein, ich kann sie nicht dem Tölpel von Verwalter überlassen. Ich bin sicher, Amulja, er hat uns belogen. Die Polizei ist dem Manne, der das Boot versenkte, gar nicht auf der Spur. Der Verwalter will nur etwas für sich dabei herausschlagen. Wir müssen versuchen, die verhängnisvollen Briefe von ihm wiederzubekommen.‹«
»Ich fragte ihn, wie wir das anfangen sollten; er gebot mir, Drohungen oder Gewalt anzuwenden. Ich war bereit, wenn er das Geld zurückgeben wollte. Das könnten wir später erwägen war die Antwort. Ich will Ihnen die Einzelheiten ersparen, Schwester, wie ich es endlich fertig brachte, den Menschen so zu ängstigen, daß er die Briefe herausgab, die ich verbrannte, es ist eine lange Geschichte. Am selben Abend noch kam ich zu Sandip und sagte: ›Jetzt sind wir in Sicherheit. Geben Sie mir das Gold, daß ich es morgen meiner Schwester, der Maharani zurückgebe!‹ Er aber rief: ›Was ist das für eine Narrheit von dir? Du wirst bald vor dem Sari deiner geliebten Schwester vom ganzen Vaterlande nichts mehr sehen. Sag' Bande Mataram und banne den bösen Geist!‹«
»Sie kennen die Gewalt von Sandips Zauber, Schwester Rani. Das Gold blieb in seinen Händen. Und ich verbrachte die lange dunkle Nacht auf den Badestufen des Sees und murmelte: Bande Mataram.«
»Als Sie mir dann Ihre Juwelen zum Verkauf übergaben, ging ich noch einmal zu Sandip. Ich konnte merken, daß er böse auf mich war. Aber er versuchte, es nicht zu zeigen. ›Wenn du sie noch in irgendeinem Koffer von mir aufbewahrt findest, magst du sie nehmen‹, sagte er und warf mir die Schlüssel zu. Sie waren nirgends zu sehen. ›Sagen Sie mir, wo sie sind‹, sagte ich. ›Ich werde es tun, wenn du von deiner Narrheit geheilt bist, jetzt nicht‹, erwiderte er.«
»Als ich sah, daß er sich nicht bewegen ließ, mußte ich auf andre Mittel sinnen. Ich versuchte das Gold gegen die 6000 Rupien in Banknoten von ihm einzutauschen. ›Du sollst sie haben‹, sagte er und verschwand in seinem Schlafzimmer, während ich draußen wartete. Dort erbrach er meinen Koffer und ging durch eine andre Tür mit Ihrem Schmuckkasten geradewegs zu Ihnen. Er wollte nicht, daß ich ihn Ihnen brächte, und nun wagt er, ihn seine Gabe zu nennen. Wie kann ich sagen, wieviel er mir geraubt hat! Niemals werde ich ihm verzeihen!«
»Aber eins ist gewiß, Schwester, die Macht, die er über mich hatte, ist gänzlich gebrochen. Und Sie sind es, die sie gebrochen hat!«
»Lieber Bruder,« sagte ich, »wenn das wahr ist, so habe ich nicht umsonst gelebt. Aber es bleibt noch mehr zu tun, Amulja. Es ist nicht genug, daß der Zauber gebrochen ist. Seine häßlichen Spuren müssen getilgt werden. Zögre nicht länger, geh' sogleich und bringe das Geld dahin zurück, wo du es hergenommen hast! Kannst du es nicht tun, mein Liebling?«
»Mit Ihrem Segen ist alles möglich, Schwester Rani!«
»Bedenke, daß es sich nicht um deine, sondern auch um meine Sühne handelt. Ich bin eine Frau; die Außenwelt ist mir verschlossen, sonst ginge ich selbst. Daß ich die Last meiner Sünde auf dich wälzen muß, ist meine härteste Strafe.«
»Sagen Sie das nicht, Schwester! Der Weg, den ich ging, war nicht Ihr Weg. Er lockte mich wegen seiner Gefahren und Schwierigkeiten. Jetzt, da Ihr Weg mich ruft, mag er tausendmal schwieriger und gefährlicher sein, Ihr Segen wird mir zum Ziel helfen. Es ist also Ihr Befehl, daß dies Geld wieder an seinen Platz gebracht werde?«
»Nicht mein Befehl, mein Bruder, sondern ein Befehl von oben.«
»Davon weiß ich nichts. Für mich genügt es, wenn der Befehl von Ihren Lippen kommt. Und, Schwester, ich hatte doch eine Einladung von Ihnen? Um die darf ich nicht kommen. Sie müssen mir, bevor ich gehe, Ihr prasad[37] geben. Dann werde ich, wenn es irgend möglich ist, noch vor Abend meinen Auftrag erfüllen.«
Die Tränen traten mir in die Augen, als ich mit einem Versuch zu lächeln sagte: »So sei es.«
Fußnoten:
[37] Speise, die durch die Berührung eines verehrten Menschen geweiht ist.
ELFTES KAPITEL
BIMALAS ERZÄHLUNG
XX
Sobald Amulja hinaus war, sank mir der Mut. Auf welch gefährliches Abenteuer hatte ich diesen einzigen Sohn seiner Mutter ausgesandt? O Gott, warum mußte meine Sühne so weite Kreise ziehen! Konnte ich nicht allein büßen, ohne daß so viel andere meine Strafe teilten? O, laß nicht dies unschuldige Kind deinem Zorn zum Opfer fallen!
Ich rief ihn zurück, -- »Amulja!«
Meine Stimme klang so schwach, sie erreichte ihn nicht mehr.
Ich ging zur Tür und rief noch einmal: »Amulja!«
Er war fort.
»Wer ist da?«
»Ja, Maharani?«
»Geh' und sag' Amulja Babu, daß ich ihn zu sprechen wünsche!«
Was nun geschah, konnte ich nicht genau feststellen, -- vielleicht war dem Manne Amuljas Name fremd, -- er kehrte unmittelbar darauf mit Sandip zurück.
»Im selben Augenblick, als Sie mich fortschickten,« sagte er eintretend, »hatte ich eine Ahnung, daß Sie mich zurückrufen würden. Die Anziehungskraft desselben Mondes bewirkt beides, Ebbe und Flut. Ich war so sicher, daß Sie mich würden rufen lassen, daß ich tatsächlich draußen im Korridor wartete. Sobald ich Ihren Boten von Ihrem Zimmer her kommen sah, sagte ich: ›Ja, ja, ich komme, ich komme sogleich!‹ bevor er nur ein Wort äußern konnte. Das überraschte Gesicht dieses Hinterländers hätten Sie sehen sollen! Er starrte mich mit offnem Munde an, als ob er dächte, ich könne zaubern.«
»Alle Kämpfe in der Welt, Bienenkönigin,« fuhr Sandip in seiner Rede fort, »sind in Wahrheit Kämpfe zwischen hypnotischen Kräften. Zauber gegen Zauber geübt, -- geräuschlose Waffen, die auf unsichtbare Schilde stoßen. In Ihnen habe ich endlich einen ebenbürtigen Gegner gefunden. Ich weiß, Ihr Köcher ist gefüllt, Sie Meisterin im Streite! Sie sind die Einzige in der Welt, die es fertig gebracht hat, Sandip fortzuschicken und zurückzurufen, je nach Ihrem holden Willen. Nun liegt das Wild zu Ihren Füßen. Was wollen Sie jetzt mit ihm tun? Wollen Sie ihm den Gnadenstoß versetzen oder es in Ihrem Käfig gefangen halten? Doch ich muß Sie vorher warnen, Königin, es wird Ihnen ebenso schwer werden, das Tier auf der Stelle zu töten, wie es einzusperren. Jedenfalls sollten Sie keine Zeit verlieren, Ihre Zauberwaffen zu gebrauchen.«
Sandip mußte die kommende Niederlage schon vorausspüren, und so schwatzte er, um Zeit zu gewinnen, in einem fort, ohne eine Antwort abzuwarten. Ich glaube, er wußte, daß ich den Boten nach Amulja geschickt, dessen Namen der Mann sicher erwähnt hatte. Trotzdem brauchte er absichtlich diesen Kunstgriff. Er wollte mir nicht Zeit lassen, ihm zu sagen, daß ich Amulja und nicht ihn hätte sprechen wollen. Aber seine Kriegslist war umsonst, denn sie zeigte nur seine Schwäche. Ich durfte keinen Fußbreit von dem Boden weichen, den ich gewonnen hatte.
»Sandip Babu,« sagte ich, »ich bewundere, wie Sie so endlose Reden halten können, ohne steckenzubleiben. Lernen Sie sie vorher auswendig?«
Ihm schoß das Blut ins Gesicht.
»Ich habe gehört,« fuhr ich fort, »daß unsre Redner von Beruf ein Buch mit allen möglichen fertigen Reden haben, die sie sich dann für jede beliebige Gelegenheit zurechtmachen können. Haben Sie auch solch Buch?«
Sandip knirschte seine Antwort zwischen den Zähnen hervor. »Die Natur hat euch Frauen eine Menge Reize als Ausstattung mitgegeben, und darüber hinaus habt ihr noch die Hilfe der Putzmacherin und des Juweliers; aber glauben Sie nur nicht, daß wir Männer ganz ohne Waffen sind...«
»Sie täten besser, Ihr Buch noch einmal anzusehen, Sandip Babu. Sie bringen alles durcheinander. Das kommt davon, wenn man die Dinge auswendig lernt.«
»Sie!« stieß Sandip hervor, der nun alle Herrschaft über sich verlor. »Haben Sie ein Recht, mich zu beschimpfen? Sie, die ich bis in die kleinste Faser ihres Wesens kenne? Was...« Er konnte nicht weitersprechen.
Sandip, dieser gewaltige Zauberer, ist vollständig hilflos, sobald sein Zauber nicht wirken will. Von der Höhe seines stolzen Königtums war er plötzlich auf die Stufe eines rohen Bauern gesunken. O, die Freude, ihn so schwach zu sehen! Je beleidigender er in seiner Roheit wurde, je stärker wallte diese Freude in mir auf. Seine Schlangenwindungen, mit denen er mich umstrickte, versagen den Dienst, -- ich bin frei. Ich bin gerettet, gerettet! Beleidige mich, beschimpfe mich, zeige dich in deiner wahren Gestalt; nur verschone mich mit deinen falschen Lobeshymnen!
In diesem Augenblick trat mein Gatte ein. Sandip hatte nicht die Elastizität, sich wie sonst in einem Nu zusammenzuraffen. Mein Gatte sah ihn eine Weile überrascht an. Wäre dies ein paar Tage früher gewesen, so hätte ich mich geschämt. Aber nun war es mir gerade recht, was auch mein Gatte denken mochte. Ich wollte meinem geschwächten Gegner den entscheidenden Schlag versetzen.