Das Heim und die Welt

Part 14

Chapter 143,759 wordsPublic domain

Amulja geriet, während er so sprach, immer mehr in Begeisterung. Er wird immer warm, wenn ich ihm zuhöre. »Die Gita lehrt uns,« fuhr er fort, »daß niemand die Seele töten kann. Töten ist ein bloßes Wort. So ist es auch mit dem Rauben von Geld. Wem gehört das Geld? Niemand hat es erschaffen. Niemand kann es mit sich fortnehmen, wenn er aus diesem Leben scheidet, denn es ist kein Teil seiner Seele. Heute gehört es mir, morgen meinem Sohn, am nächsten Tage seinem Gläubiger. Da nun tatsächlich das Geld niemandem gehört, warum sollte unsre Patrioten ein Tadel treffen, wenn sie, anstatt es einem unwürdigen Sohne des Vaterlandes zu lassen, selbst davon Gebrauch machen?«

Wenn ich Sandips Worte aus dem Munde dieses Knaben höre, zittere ich am ganzen Leibe. Mögen Schlangenbändiger mit Schlangen spielen; wenn ihnen ein Leid geschieht, so müssen sie darauf gefaßt sein. Aber diese Knaben sind so unschuldig. Die ganze Welt sollte segnend ihre Arme über sie breiten, um sie zu schützen. Sie spielen mit einer Schlange, deren Natur sie nicht kennen, und wenn wir sehen, wie sie lächelnd und vertrauensvoll ihre Hände ihren Giftzähnen nähern, so wird es uns klar, wie furchtbar gefährlich die Schlange ist. Sandip hat ganz recht, wenn er argwöhnt, daß ich, wenn ich selbst auch von seiner Hand den Tod nehmen würde, ihm doch diesen Knaben entreißen und ihn retten werde.

»So wollen also die Patrioten das Geld für ihren eignen Gebrauch haben?« fragte ich lächelnd.

»Gewiß wollen sie das!« sagte Amulja stolz. »Sind sie nicht unsre Könige? Armut würde ihrer königlichen Macht Abbruch tun. Wissen Sie, daß wir durchaus darauf halten, daß Sandip Babu erster Klasse reist? Er geht königlichen Ehren nie aus dem Wege, aber er nimmt sie nicht um seinetwillen an, sondern um unser aller Ehre willen. Die größte Waffe derer, die die Welt beherrschen, sagt Sandip Babu, ist der Zauber ihres äußern Prunkes. Das Gelübde der Armut würde nicht nur Kasteiung, es würde Selbstmord für sie bedeuten.«

In diesem Augenblick trat Sandip geräuschlos ein. Ich warf hastig meinen Schal über den Schmuckkasten.

»Ist das tête-à-tête noch nicht beendet?« fragte er in spöttischem Ton.

»Ja, wir sind ganz fertig«, sagte Amulja entschuldigend. »Es war nichts Besonderes.«

»Nein, Amulja,« sagte ich, »wir sind noch nicht ganz fertig.«

»Dann muß Sandip wohl noch einmal abtreten?« sagte Sandip.

»Bitte.«

»Und was sein Wiederauftreten anbelangt...«

»Heute nicht. Ich habe keine Zeit.«

»Ach so!« sagte Sandip mit blitzenden Augen. »Keine Zeit zu vergeuden! Nur für tête-à-têtes.«

Eifersucht! Wenn das starke Geschlecht Schwäche zeigt, so kann das schwächere es sich nicht versagen, die Siegestrommel zu schlagen. Daher wiederholte ich fest: »Ich habe wirklich keine Zeit.«

Sandip ging mit finsterm Gesicht hinaus. Amulja war ganz verstört. »Schwester Rani«, sagte er in bittendem Ton, »Sandip Babu ist böse.«

»Er hat weder Ursache noch Recht, böse zu sein«, sagte ich heftig. »Laß mich dich vor einer Sache warnen. Du darfst Sandip Babu nichts von dem Verkauf meiner Schmucksachen sagen, -- bei deinem Leben nicht!«

»Nein, ich werde es nicht tun.«

»Dann warte lieber nicht mehr! Du mußt noch heute mit dem Abendzug fahren.«

Amulja und ich verließen zusammen das Zimmer. Als wir hinaustraten auf die Veranda, stand Sandip da. Ich merkte, daß er Amulja auflauerte. Um ihn zu hindern, mußte ich ihn mit Beschlag belegen.

»Was ist es, was Sie mir sagen wollten, Sandip Babu?« fragte ich.

»Ich habe nichts Besonderes zu sagen -- ich wollte nur etwas plaudern. Und da Sie keine Zeit haben...«

»Einen kleinen Augenblick habe ich noch für Sie.«

Inzwischen war Amulja fortgegangen. Als wir eintraten, fragte Sandip:

»Was war das für ein Kasten, den Amulja mitnahm?«

Der Kasten war also seinen Augen nicht entgangen.

Ich blieb fest. »Wenn ich es Ihnen hätte sagen können, so hätte ich ihn ihm in Ihrer Gegenwart übergeben.«

»Sie denken also, Amulja wird es mir nicht sagen?«

»Nein, das wird er nicht tun.«

Sandip konnte seinen Zorn nicht länger verbergen. »Sie glauben, Sie werden die Oberhand über mich gewinnen?« fuhr er auf. »Das wird nie geschehen. Dieser Amulja würde glücklich sterben, wenn ich mich herabließe, ihn mit meinen Füßen zu zertreten. Solange ich lebe, werde ich es nicht dulden, daß Sie ihn sich zu Füßen zwingen.«

O, über die Schwachen! Endlich ist es Sandip klar geworden, daß er schwach ist mir gegenüber. Daher dieser plötzliche Zornesausbruch. Er hat eingesehen, daß er gegen die Macht, die mir gegeben ist, mit seiner bloßen Kraft nichts ausrichtet. Mit einem Blick kann ich seine stärksten Befestigungen zertrümmern. Nun muß er schlechterdings seine Zuflucht zum Poltern nehmen. Ich antwortete nur mit einem verächtlichen Lächeln. Endlich bin ich über ihn hinausgewachsen. Ich darf diese überlegene Stellung nicht verlieren, darf nicht wieder tiefer hinabsteigen. In all meiner Erniedrigung muß mir dieser kleine Rest von Würde bleiben!

»Ich weiß,« sagte Sandip nach einer Pause, »daß es Ihr Schmuckkasten war.«

»Sie können raten, was Sie wollen,« sagte ich, »von mir werden Sie nichts erfahren.«

»So vertrauen Sie also Amulja mehr als mir? Wissen Sie denn nicht, daß der Junge der Schatten meines Schattens, das Echo meines Echos ist? Daß er nichts ist, wenn ich nicht an seiner Seite bin?«

»Wo er nicht Ihr Echo ist, ist er er selbst, Amulja. Und dieser Amulja ist es, dem ich mehr traue als Ihrem Echo!«

»Sie dürfen nicht vergessen, daß Sie durch ein Versprechen gebunden sind, all Ihren Schmuck für den Dienst der Göttin zu opfern. Dies Opfer ist tatsächlich schon dargebracht.«

»Der Schmuck, den die Götter mir lassen, soll den Göttern geopfert werden. Aber wie kann ich den den Göttern opfern, der mir gestohlen ist?«

»Nun hören Sie, es nützt Ihnen nichts, daß Sie versuchen, mir auf diese Weise zu entkommen. Jetzt bedarf es rücksichtsloser Arbeit. Wenn diese Arbeit getan ist, können Sie nach Herzenslust Ihre weiblichen Listen üben, und ich will Ihnen bei dieser Kurzweil helfen.«

Von dem Augenblick an, wo ich meinem Gatten das Geld gestohlen und es Sandip gegeben hatte, war die Musik zwischen uns verstummt. Dadurch, daß ich mich weggeworfen hatte, hatte ich nicht nur all meinen eignen Wert zerstört, sondern auch Sandips Macht hatte ihren vollen Spielraum eingebüßt. Man kann seine Schützenkunst nicht an einem Gegenstand üben, der in greifbarer Nähe ist. Und so hat Sandip sein heroisches Aussehen verloren. Seine Rede hat einen Ton von kleinlicher Streitsucht bekommen.

Sandip richtete seine glänzenden Augen voll auf mein Gesicht, bis sie wie der durstige Mittagshimmel glühten. Ein paarmal machte er eine Bewegung, als ob er aufspringen und sich auf mich stürzen wollte. Ein Schwindel ergriff mich, meine Pulse stockten, es sauste mir in den Ohren, ich fühlte, wenn ich jetzt dablieb, würde ich verloren sein. Meine ganze Kraft zusammenraffend, riß ich mich vom Stuhl auf und eilte zur Tür.

Aus Sandips trockner Kehle kam ein erstickter Ruf: »Wohin wollen Sie fliehen, Königin?« Im nächsten Augenblick sprang er mit einem Satz auf, um mich festzuhalten. Jedoch beim Laut von Schritten draußen vor der Tür wich er schnell zurück und sank in seinen Stuhl. Ich stand vor dem Bücherregal still und starrte die Titel an.

Als mein Gatte eintrat, rief Sandip aus: »Sag einmal, Nikhil, hast du nicht Browning da unter deinen Büchern? Ich erzählte unsrer Bienenkönigin eben von unserm Universitätsklub. Weißt du noch, wie wir über die Übersetzung jener Verse von Browning stritten? Erinnerst du dich nicht mehr daran?

Warum blickte sie mich an, Wenn ich sie nicht lieben sollte? Gibt es nicht genug der Männer, -- Denn so nennen sie sich auch wohl -- Die schon morgen kaum noch wissen, Wenn sie ihre ganze Seele Heute ihnen offenbarte! Doch daß ich aus anderm Stoffe, Wußte sie, als ihre Augen Über jene Schar hingleitend Plötzlich an mir haften blieben[36].

Ich brachte die Übersetzung ins Bengalische irgendwie zustande, aber das Ergebnis war kaum ein bleibender Gewinn für die bengalische Literatur. Ich habe einmal allen Ernstes geglaubt, ich sei auf dem Wege, ein Dichter zu werden, aber die Vorsehung war gütig genug, mich vor solchem Unheil zu bewahren. Erinnerst du dich an den alten Dakschina? Wenn er nicht Salzinspektor geworden wäre, wäre er Dichter geworden. Ich weiß noch heute, wie er... Nein, Bienenkönigin, es hat keinen Zweck, das Regal zu durchstöbern. Nikhil hat seit seiner Heirat aufgehört, Gedichte zu lesen, -- vielleicht hat er seitdem kein Bedürfnis mehr nach Poesie. Aber ich glaube, ›das Fieber des Dichtens‹, wie es im Sanskrit heißt, ist im Begriff, mich wieder anzufallen.«

»Ich bin gekommen, um dich zu warnen, Sandip«, sagte mein Gatte.

»Vor solchem Fieberanfall?«

Mein Gatte beachtete diesen Versuch zu scherzen nicht.

»Seit einiger Zeit«, fuhr er fort, »sind mohammedanische Priester am Werk, die Muselmänner dieser Gegend aufzuwiegeln. Sie sind alle gegen dich aufgebracht und können dich jeden Augenblick angreifen.«

»Kommst du, um mir zur Flucht zu raten?«

»Ich komme, um dir die Mitteilung zu machen, nicht, dir meinen Rat anzubieten.«

»Wenn diese Besitzungen mir gehörten, so wären es die Priester, die diese Warnung brauchten. Wenn du, statt zu versuchen, mich einzuschüchtern, ihnen eine Probe deiner Energie gegeben hättest, das wäre deiner und meiner würdiger gewesen. Weißt du, daß deine Schwäche auch die Zemindars der Nachbarschaft ansteckt?«

»Ich habe dir meinen Rat nicht angeboten, Sandip. Ich wollte, du behieltest deinen auch für dich. Er ist außerdem ganz überflüssig. Und noch etwas anderes möchte ich dir sagen. Du und deine Anhänger haben im geheimen meine Leute bedrückt und geplagt. Das kann ich nicht länger dulden. Daher muß ich dich bitten, mein Gebiet zu verlassen.«

»Aus Furcht vor den Muselmännern, oder willst du mir noch eine andre Furcht einjagen?«

»Es gibt eine Furcht, die nur die Feigen nicht kennen. Im Namen dieser Furcht sage ich dir, Sandip, daß du fort mußt. In fünf Tagen werde ich nach Kalkutta reisen. Ich möchte, daß du mich begleitest. Du kannst natürlich in meinem Hause dort wohnen, dagegen habe ich nichts.«

»Gut, ich habe also noch fünf Tage Zeit. Inzwischen will ich Ihnen, Bienenkönigin, deren Stock ich nun verlassen muß, mein Abschiedslied summen. O, du Dichter des modernen Bengalen! Öffne mir deine Tore weit und laß mich deine Verse plündern! Eigentlich bist du der Dieb, denn es ist mein Lied, das du dir zu eigen gemacht hast, -- aber mag es meinetwegen deinen Namen tragen, es gehört doch mir.« Damit stimmte er mit seiner rauhen, etwas unsichern Baßstimme ein Lied nach der Bhairavi-Weise an:

Im Lenze deines Königtums, Geliebte, Da jagten sich Begegnen und Trennen in endlosem Spiel, Und Blumen erblühten auf der Spur der alten, die im Schatten welkten und starben. Im Lenze deines Königtums, Geliebte, Da erquoll jeder Begegnung mit dir ein Dankeslied. Doch hat nicht auch mein Abschied dir eine Gabe zu bieten? Ein zartes Hoffnungsblümchen, das ich heimlich im Schatten deines Blumengartens hegte: Mögen des Juliregens kühle Schauer Süß lindern deines Junis Glut!

Seine Kühnheit kennt keine Schranken, -- sie ist unverhüllt und nackt wie das Feuer. Man kommt gar nicht dazu, ihr Halt zu gebieten, ebensowenig wie man einen Donnerkeil aufhalten kann. Der Blitz flammt plötzlich auf, allen Widerstand verspottend.

Ich verließ das Zimmer. Als ich über die Veranda nach den innern Gemächern ging, stand Amulja plötzlich vor mir.

»Fürchten Sie nichts, Schwester Rani«, sagte er. »Ich reise heute abend und werde nicht erfolglos zurückkehren.«

»Amulja,« sagte ich, ihm fest in sein von jugendlichem Eifer glühendes Antlitz blickend, »ich fürchte nichts für mich, doch möge es nie dahin kommen, daß ich nichts mehr für dich zu fürchten brauche.«

Amulja wandte sich, um fortzugehen, doch bevor er mir aus den Augen war, rief ich ihn zurück und fragte: »Hast du eine Mutter, Amulja?«

»Ja.«

»Und eine Schwester?«

»Nein, ich bin das einzige Kind meiner Mutter. Mein Vater starb, als ich noch ganz klein war.«

»Dann geh zurück zu deiner Mutter, Amulja!«

»Aber, Schwester Rani, jetzt habe ich beides, Mutter und Schwester.«

»So komm heute abend, bevor du abreisest, Amulja, und iß mit mir!«

»Dazu wird keine Zeit sein. Lassen Sie mich etwas Speise für unterwegs mitnehmen, die Sie durch Ihre Berührung geweiht haben!«

»Was magst du besonders gern, Amulja?«

»Wenn ich bei meiner Mutter gewesen wäre, hätte sie mir eine Menge Pousch-Kuchen gebacken. Backen Sie mir welche mit Ihren eignen Händen, Schwester Rani!«

Fußnoten:

[35] Bruder von Rama, dem Helden des Ramajana, dessen Treue gegen seinen Bruder und dessen Gattin Sita sprichwörtlich geworden ist.

[36] Die erste Strophe aus dem Gedicht Christina (Dramatic Lyrics).

ZEHNTES KAPITEL

NIKHILS ERZÄHLUNG

XII

Ich hörte von meinem Lehrer, daß Sandip mit Harisch Kundu gemeinsame Sache gemacht hätte und daß eine große Feier stattfinden sollte zu Ehren der dämonenvernichtenden Göttin. Harisch Kundu erpreßte die Mittel dazu von seinen Pächtern. Die gelehrten Brahmanen Kaviratna und Vidjavagisch waren beauftragt, eine kunstvolle doppelsinnige Hymne zu verfassen.

Mein Lehrer hatte eben mit Sandip ein Wortgefecht darüber. »Auch bei den Göttern gibt es eine Entwicklung«, sagte Sandip. »Der Enkel muß die Götter, die sein Großvater schuf, nach seinem eignen Geschmack ummodeln, sonst bleibt er ein Atheist. Meine Sendung ist es, die alten Gottheiten der neuen Zeit anzupassen. Ich bin zum Erlöser der Götter geboren, der sie von der Knechtschaft der Vergangenheit frei macht.«

Ich habe von unsrer Kindheit an gesehen, welch ein Ideengaukler Sandip ist. Er hat kein Interesse daran, die Wahrheit zu entdecken, aber es erfreut sein Herz, wenn er an ihr seinen Witz üben kann. Wenn er unter den Wilden Afrikas geboren wäre, so hätte er eine schöne Zeit damit zugebracht, ein Argument nach dem andern zu erfinden, um zu beweisen, daß der Kannibalismus das beste Mittel ist, eine wahre Gemeinschaft zwischen Mensch und Mensch herzustellen. Aber die, die sich mit Betrug abgeben, betrügen schließlich sich selbst, und ich bin fest überzeugt, daß Sandip, jedesmal, wenn er sich einen neuen Trugschluß ausgedacht hat, sich einredet, er habe die Wahrheit gefunden, wie widerspruchsvoll auch seine Schlüsse unter sich sein mögen.

Doch ich werde mich jedenfalls nicht dazu hergeben, die Fabrikation solcher Rauschmittel in meinem Lande zu fördern. Die jungen Leute, die bereit sind, sich in den Dienst ihres Vaterlandes zu stellen, dürfen sich nicht an den Rausch gewöhnen. Wer andre durch Rauschmittel zur Vollbringung eines Werkes treibt, sündigt an ihrer Seele.

Ich sah mich genötigt, Sandip in Bimalas Gegenwart zu sagen, daß er fort müsse. Vielleicht werden beide mir falsche Beweggründe unterschieben. Aber ich muß mich frei machen, auch von der Furcht mißverstanden zu werden. Mag selbst Bimala mich mißverstehen...

Es kommen immer mehr mohammedanische Priester von Dacca herüber. Die Muselmänner auf unserm Gebiet hatten mit der Zeit eine fast ebenso große Abneigung gegen das Töten von Kühen bekommen wie die Hindus. Aber jetzt tauchen hier und da Fälle auf, wo sie Kühe schlachten. Ich hörte zuerst davon durch ein paar von meinen mohammedanischen Pächtern, die ihrem Abscheu darüber Ausdruck gaben. Ich sah, daß wir hier in eine schwierige Lage gerieten. Bisher waren ihre religiösen Gründe nur ein Vorwand, aber dieser Vorwand wird zu wirklichem Fanatismus werden, sobald sie Widerstand finden. Darin zeigt sich gerade der Scharfsinn dieser Maßregel.

Ich ließ einige von meinen Hauptpächtern, die Hindus waren, rufen und versuchte, ihnen die Sache im rechten Lichte darzustellen. »Wir können selbst unerschütterlich an unsern Überzeugungen festhalten,« sagte ich, »aber wir haben keine Macht über die Überzeugungen anderer. Wenn auch viele unter uns der Wischnu-Religion angehören, so bringen doch die Schakti-Gläubigen unter uns nichtsdestoweniger ihre Tieropfer dar. Dagegen läßt sich nichts tun. Und ebenso müssen wir nun auch die Mohammedaner gewähren lassen. Daher bitte ich euch, haltet euch von allen Gewalttätigkeiten zurück!«

»Maharadscha,« erwiderten sie, »es ist so lange her, seit man von solchem Frevel gehört hat.«

»Das kommt daher,« sagte ich, »weil sie sich aus eignem Antrieb dessen enthielten. Laßt uns jetzt so verhalten, daß sie es von selbst wieder tun. Aber wenn wir den Frieden brechen, bringen wir sie nicht dazu.«

»Nein, Maharadscha,« drängten sie, »jene guten alten Zeiten sind vorbei. Dieser Frevel wird nicht aufhören, wenn Sie ihn nicht mit starker Hand unterdrücken.«

»Unterdrückung«, erwiderte ich, »wird nicht nur das Küheschlachten nicht verhindern können; sie kann dahin führen, daß auch Menschen hingeschlachtet werden.«

Einer von ihnen hatte eine englische Schule besucht. Er hatte gelernt, die Schlagworte des Tages nachzusprechen. »Es ist nicht nur eine Frage der Strenggläubigkeit«, wandte er ein. »Unser Land ist im wesentlichen ein ackerbautreibendes, und die Kühe sind...«

»Die Büffel in diesem Lande«, unterbrach ich ihn, »geben auch Milch und werden zum Pflügen gebraucht. Und solange wir, ihre abgehauenen Köpfe auf den Schultern und mit ihrem Blut befleckt, in unsern Tempeln rasende Tänze aufführen, wird die Religion nur unserer spotten, wenn wir mit den Mohammedanern in ihrem Namen streiten, und bei dem Streit um die Wahrheit bleibt der Streit die einzige Wahrheit. Wenn nur die Kuh und nicht der Büffel dem Schlachtmesser heilig sein soll, so ist dies Buchstabendienst, aber nicht Religion.«

»Aber merken Sie denn nicht, Maharadscha, was die Ursache von allem ist?« fuhr der englisch geschulte Pächter fort. »Dies ist alles nur dadurch möglich geworden, daß der Mohammedaner sich sicher fühlt, selbst wenn er das Gesetz bricht. Haben Sie nicht von dem Fall Patschurs gehört?«

»Warum ist es möglich,« fragte ich, »die Mohammedaner so als Werkzeuge gegen uns zu gebrauchen? Haben wir sie nicht durch unsere eigne Unduldsamkeit dazu gemacht? Auf diese Weise straft uns jetzt die Vorsehung, denn das Maß unsrer Sünde ist voll, und sie wird nun an uns heimgesucht.«

»Nun gut, wenn dem so ist, so mag sie an uns heimgesucht werden. Aber die Rache wird kommen. Wir sehen das untergraben, was die größte Stärke unsrer Obrigkeit ausmachte, ihre Treue gegen ihre eignen Gesetze. Einst waren sie wirkliche Könige, die des Rechtes walteten; jetzt werden sie selbst Gesetzbrüchige und also nicht besser als Räuber. Die Geschichte mag anders urteilen; aber unser Herz wird sie immer so richten...«

Die Verleumdungen gegen mich, die sich durch die Zeitungen verbreiten, machen mich berüchtigt. Ich höre, daß man auf dem Verbrennungsplatz der Tschakravartis unten am Fluß mein Bild mit aller Feierlichkeit und großer Begeisterung verbrannt hat, und daß man andre Beschimpfungen plant. Der Anlaß war, daß sie mich aufgefordert hatten, mich als Aktionär bei der Gründung einer Baumwollspinnerei zu beteiligen. Ich mußte ihnen sagen, daß ich nicht so sehr den Verlust meines eigenen Geldes fürchtete, als mich mitschuldig zu machen am Verlust so vieler armer Aktionäre.

»Sollen wir annehmen, Maharadscha,« sagten meine Besucher, »daß das Wohl des Landes Ihnen gleichgültig ist?«

»Industrie kann das Wohl des Landes fördern,« versetzte ich, »aber der bloße Wunsch, daß das Wohl des Landes gefördert werde, garantiert der Industrie noch keinen Erfolg. Selbst als wir mit kühlem Kopf daran gingen, wollte unsere Industrie nicht blühen. Haben wir irgend welchen Grund, zu glauben, daß sie es jetzt tun würde, nur weil wir toll geworden sind?«

»Warum sagen Sie nicht einfach, daß Sie Ihr Geld nicht wagen wollen?«

»Ich will mein Geld hineinstecken, wenn ich sehe, daß es Ihnen um die Industrie selbst zu tun ist. Aber wenn Sie ein Feuer angezündet haben, so ist damit noch nicht gesagt, daß Sie nun auch die Speise haben, die damit gekocht werden soll.«

XIII

Was ist das? Unser Unterschatzamt in Tschakna ist geplündert! Eine Geldsendung von 7500 Rupien sollte nach dem Hauptamt geschickt werden. Der dortige Schatzmeister hatte die Barschaft beim Staatsschatzamt in kleine Bankscheine eingewechselt, um sie bequemer tragen zu können, und hielt sie in Paketen bereit. Mitten in der Nacht brach eine bewaffnete Bande ins Zimmer ein und verwundete Kasim, den Wächter. Das merkwürdige bei der Sache ist, daß sie nur 6000 Rupien genommen und das übrige auf dem Boden ausgestreut haben, obgleich sie das ebenso leicht hätten mitnehmen können. Jedenfalls ist der Beutezug der Banditen zu Ende, und die Polizei beginnt ihren Beutezug. An Frieden ist jetzt nicht mehr zu denken.

Als ich nach Hause kam, war die Nachricht mir schon vorausgeeilt. »Das ist ja schrecklich, Bruder«, rief die Bara Rani. »Was sollen wir nur tun?«

Ich nahm die Sache leicht, um sie zu beruhigen.

»Etwas ist uns geblieben«, sagte ich lächelnd. »Wir werden schon irgendwie durchkommen.«

»Scherze nicht darüber, lieber Bruder. Warum sind sie alle so böse auf dich? Kannst du ihnen denn nicht den Willen tun? Warum bringst du einen jeden gegen dich auf?«

»Ich kann das Land nicht zugrunde gehen lassen, um sie zufrieden zu stellen.«

»Wie entsetzlich war doch die Sache, die sie da auf dem Verbrennungsplatz angestellt haben! Es ist eine Schande, daß man dich so behandelt. Die Tschota Rani ist dank ihrer englischen Bildung über alle Furcht erhaben, aber ich hatte nicht eher Ruhe, als bis ich nach dem Priester geschickt hatte, daß er das Unheil abwendete. Tu's mir zuliebe und reise nach Kalkutta, mein Liebling. Ich zittere, wenn ich denke, was sie dir antun können, wenn du noch länger hier bleibst.«

Die aufrichtige Besorgtheit meiner Schwägerin rührte mich tief.

»Und Bruder,« fuhr sie fort, »habe ich dich nicht gewarnt, du solltest lieber nicht soviel Geld in deinem Zimmer aufbewahren? Sie können jeden Tag Wind davon bekommen. Es ist nicht wegen des Geldes -- aber wer weiß...«

Um sie zu beruhigen, versprach ich, das Geld sofort nach dem Schatzamt zu bringen und es dann mit der nächsten Gelegenheit nach Kalkutta zu schicken. Wir gingen zusammen nach meinem Schlafzimmer. Die Tür zum Ankleidezimmer war geschlossen. Als ich klopfte, rief Bimala drinnen: »Ich ziehe mich an.«

»Nun, wie kommt es denn, daß die Tschota Rani sich so früh am Tage anzieht?« rief meine Schwägerin. »Da ist wohl wieder eine ihrer Bande Mataram-Versammlungen. Räuberkönigin,« rief sie Bimala scherzend zu, »zählst du da drinnen deine Beute?«

»Ich sehe nachher nach dem Geld«, sagte ich und ging hinaus nach meinem Geschäftszimmer.

Ich fand den Polizeiinspektor auf mich warten. »Haben Sie irgendeine Spur von den Banditen?« fragte ich.

»Ich habe einen Verdacht.«

»Auf wen?«

»Auf Kasim, den Wächter.«

»Kasim? Aber wurde der nicht verwundet?«

»Nicht der Rede wert. Eine Fleischwunde am Bein, die er sich wahrscheinlich selbst beigebracht hat.«

»Aber ich kann mich nicht entschließen, das von ihm zu glauben. Er ist ein so treuer Diener.«

»Sie mögen ihn für treu gehalten haben, aber das hindert nicht, daß er ein Dieb ist. Habe ich nicht erlebt, wie Menschen, denen man zwanzig Jahre lang getraut hatte, plötzlich...«

»Selbst wenn es so wäre, so könnte ich ihn doch nicht ins Gefängnis schicken. Aber warum sollte er den übrigen Teil des Geldes haben umherliegen lassen?«

»Um den Verdacht von sich abzulenken. Was Sie auch sagen mögen, Maharadscha, er ist ein alter Praktikus in solchen Schlichen. Er ist zwar zu seiner Dienstzeit immer am Platz, aber ich bin sicher, daß er bei allen Räubereien in der Nachbarschaft die Hand im Spiele hat.«

Und nun zählte mir der Inspektor die verschiedenen Methoden auf, wodurch es möglich sei, an einem Raubanfall zwanzig bis dreißig Meilen weit fort teilzunehmen und doch zur rechten Zeit wieder im Dienst zu sein.

»Haben Sie Kasim mitgebracht?« fragte ich.