Part 11
Nichts verriet deutlicher, wie gänzlich Nikhil diese göttliche Gabe der Phantasie verloren hat, als die Antwort, die er mir gab. »Während der muhammedanischen Herrschaft«, sagte er, »erhofften die Mahraten[27] und Sikhs[28] Erfolge von den Waffen, die sie selbst ergriffen hatten. Der Bengale begnügte sich damit, Waffen in die Hände der Göttin zu legen und Beschwörungsformeln zu murmeln; und da sein Land nun nicht wirklich eine Göttin war, so war das Einzige was für ihn dabei herauskam, die abgehauenen Köpfe der Opferziegen und -büffel. Sobald wir das Wohl unsres Landes auf dem Wege der Gerechtigkeit suchen, so wird der, der größer ist als unser Land, uns wahren Erfolg gewähren.«
Das Gefährliche bei der Sache ist, daß Nikhils Worte sich auf dem Papier immer so schön ausnehmen. Jedoch was ich sage, ist nicht dazu bestimmt, auf Papier gekritzelt zu werden, sondern soll sich tief ins Herz des Landes eingraben. Der Gelehrte hinterläßt uns in Druckerschwärze seine Abhandlung über den Ackerbau; aber der Landmann gräbt mit der scharfen Sichel seines Pfluges sein Werk tief in den Boden ein.
Fußnoten:
[26] Sakuntala war, nachdem der König, ihr Geliebter, mit dem Versprechen, sie holen zu lassen, in sein Königreich heimgekehrt war, so in Gedanken an ihn verloren, daß sie den Ruf des Eremiten, der als Gast zu ihr kam, überhörte. Der Eremit sprach den Fluch über sie aus, daß der Gegenstand ihrer Liebe sie ganz vergessen solle.
[27] Ein kriegerischer Volksstamm im Innern Indiens, der 1648 die Herrschaft des Großmoguls abschüttelte, erfolgreiche Eroberungszüge unternahm und ein Jahrhundert hindurch eine beherrschende Rolle spielte. (Übers.)
[28] Ursprünglich eine religiöse Sekte, gestiftet von Baba Nanak (1468-1539), die eine Vereinigung des Islams und des Hinduismus anstrebte. Sie verwandelte sich unter dem Druck von Verfolgungen in einen fanatischen Kriegerstaat, der lange mit wechselndem Erfolge gegen die Herrschaft des Großmoguls ankämpfte und sich schließlich mit den Mahraten in ihr Erbe teilte. (Übers.)
X
Als ich Bimala danach zuerst wiedersah, schlug ich ohne weiteres gleich hohe Töne an. »Ist es uns gelungen,« begann ich, »von ganzem Herzen an den Gott zu glauben, auf dessen Erscheinen wir seit Millionen von Jahren gewartet haben, um ihm zu dienen, und der sich uns jetzt endlich in sichtbarer Gestalt offenbart hat?«
»Wie oft habe ich Ihnen gesagt,« fuhr ich fort, »daß ich, wenn ich Sie nicht gesehen hätte, niemals mein ganzes Vaterland als eine Einheit erkannt haben würde. Ich weiß noch nicht, ob Sie mich richtig verstehen. Die Götter sind nur in ihrem Himmel unsichtbar, auf Erden zeigen sie sich den Sterblichen.«
Bimala sah mich seltsam an, als sie ernst erwiderte: »Doch, ich verstehe Sie, Sandip.« Es war das erste Mal, daß sie mich schlechtweg Sandip nannte.
»Krischna,« fuhr ich fort, »den Ardschuna sonst nur als seinen Wagenlenker gekannt hatte, offenbarte sich ihm eines Tages auch in seiner göttlichen Gestalt, und an dem Tage sah Ardschuna die Wahrheit. Ich habe Ihre göttliche Gestalt in meinem Vaterlande erblickt. Der Ganges und der Brahmaputra sind die goldnen Ketten, die sich in vielen Windungen um Ihren Nacken schlingen; im Waldsaum an den fernen Ufern des dunklen Flusses erblickte ich die dunklen Wimpern Ihrer Augen; der wechselnde Glanz Ihres Sari leuchtete mir in dem Spiel von Licht und Schatten auf dem wogenden grünen Kornfeld, und die brennende Sommerhitze, in der der Himmel schwer atmend daliegt, wie ein verschmachtender Löwe in der Wüste, ist nichts als Ihre grausam versengende Glut.«
»Da nun die Göttin ihrem Priester ihre Gegenwart in so wunderbarer Gestalt offenbart hat, so ist meine Aufgabe, im ganzen Lande ihren Dienst zu predigen, und dann wird das Land zu neuem Leben erwachen.
»›In allen Tempeln soll dein Bildnis thronen‹[29]. Aber unser Volk hat die Wahrheit noch nicht erkannt. Daher möchte ich es in Ihrem Namen aufrufen und in unsern Tempeln ein Bild der Göttin aufstellen, dem niemand Glauben versagen kann. O meine Göttin, verleih mir die Macht dazu!«
Bimala hatte die Augen geschlossen und saß da wie ein Steinbild. Hätte ich weitergesprochen, so wäre sie in Verzückung erstarrt. Als ich schwieg, schlug sie die Augen groß auf und murmelte wie betäubt mit starrem Blick: »O Wanderer auf dem Pfade des Verderbens! Wer kann deine Schritte aufhalten? Sehe ich doch, daß niemand deinen Begierden Einhalt tut. Könige werden ihre Krone dir zu Füßen legen, die Reichen werden sich beeilen, dir ihren Schatz zu öffnen; die nichts weiter haben, werden bitten, ihr Leben für dich hingeben zu dürfen. O mein König, mein Gott! Was du in mir siehst, weiß ich nicht, aber ich habe die Unermeßlichkeit deiner Größe in meinem Herzen erkannt. Wer bin ich, was bin ich, vor dir? Ach, wie furchtbar ist deine vernichtende Gewalt! Ich werde nicht wahrhaft leben, bis sie mich ganz zerstört. Ich kann es nicht länger ertragen, mir bricht das Herz.«
Bimala glitt von ihrem Stuhl und umklammerte meine Füße, und dann brach sie in ein unaufhaltsames Schluchzen aus.
Dies ist nun wirklich Hypnotismus, -- der Zauber, mit dem man sich die Welt unterwirft! Man bedarf dazu keiner Waffen, sondern nur einer unwiderstehlichen Suggestionskraft. Wer sagt noch: »Die Wahrheit wird triumphieren?«[30] Nein, es ist die Täuschung, die den endgültigen Sieg davonträgt. Der Bengale hatte dies erkannt, als er das Bild der zehnhändigen auf einem Löwen reitenden Göttin erfand und ihren Dienst in seinem Lande verbreitete. Jetzt muß Bengalen ein neues Götzenbild erfinden, um die Welt zu berücken und zu erobern. Bande Mataram!
Ich hob Bimala sanft auf und ließ sie auf ihren Stuhl nieder, und aus Furcht, daß eine Reaktion eintreten könnte, begann ich von neuem, ohne Zeit zu verlieren: »Königin! Die göttliche Mutter hat mir die Pflicht auferlegt, ihr in diesem Lande einen Tempel zu bauen. Aber ach, ich bin arm!«
Bimala war noch in höchster Erregung. Ihre Augen glühten dunkel, ihre Stimme war heiser, als sie erwiderte: »Sie arm? Gehört nicht alles, was jeder von uns besitzt, Ihnen? Wozu habe ich meine Kästen mit Juwelen? Nehmen Sie all mein Gold und meine Edelsteine für Ihren Gottesdienst! Ich brauche sie nicht!«
Bimala hatte mir schon einmal ihren Schmuck angeboten. Ich pflegte sonst keine Grenzen zu setzen, aber ich fühlte, daß ich es hier mußte[31]. Ich weiß, warum ich hier zaudere. Dem Mann geziemt es, der Frau Schmuck zu schenken; es verletzt seine Männlichkeit, wenn er ihn von ihr annimmt.
Aber ich darf nicht an mich denken. Nehme ich ihn denn an? Er soll als Opfer der göttlichen Mutter zu Füßen gelegt werden. O, es soll eine großartige Opferfeier werden, wie das Land sie noch nie vorher gesehen hat. Sie soll ein Markstein in unsrer Geschichte werden. Sie soll mein höchstes Vermächtnis an die Nation sein. Unwissende Menschen beten Götter an. Ich, Sandip, werde sie _erschaffen_.
Aber alles dies liegt noch in weiter Ferne. Wie werden wir der Not des Augenblicks gerecht? Wenigstens dreitausend Rupien sind unbedingt nötig, fünftausend würden gerade gut hinreichen. Aber wie in aller Welt könnte ich jetzt von Geld sprechen, nachdem unsre Gedanken diesen hohen Flug genommen haben? Und doch ist die Zeit kostbar!
Ich zwang alles Bedenken mit Gewalt nieder, als ich aufspringend rief: »Königin! Unsre Mittel sind erschöpft, unser Werk wird daran scheitern!«
Bimala zuckte zusammen. Ich sah, sie dachte an die unmöglichen 50000 Rupien. Welche Last mußte sie die ganze Zeit auf dem Herzen gehabt haben! Vielleicht hatte sie in schlaflosen Nächten darunter gestöhnt. Was hatte sie sonst als Opfer ihrer Liebe darzubringen? Da sie mir nicht ihr Herz selbst zu Füßen legen konnte, sehnte sie sich danach, diese Summe, die für sie so hoffnungslos groß war, zum Träger ihrer gefangenen Gefühle zu machen. Der Gedanke an das, was sie gelitten haben mußte, berührte mein Gewissen quälend; denn sie war jetzt ganz mein. Die Pflanze war mit den Wurzeln aus dem Boden gerissen und damit das Schlimmste getan. Jetzt bedurfte es nur noch der sorgfältigen Pflege und Nahrung.
»Königin!« sagte ich, »jetzt im Augenblick haben wir die 50000 Rupien noch nicht gerade nötig. Ich denke, daß wir einstweilen mit 5000 oder sogar mit 3000 auskommen.«
Sie war wie von einem Alp befreit. »Ich werde Ihnen 5000 holen«, sagte sie in einem Ton, als wollte sie in ein Jubellied ausbrechen, -- in das Lied, das Radhika in den Wischnu-Liedern sang:
Die Blume aller Blumen will ich suchen, Daß sie als Schmuck die dunklen Flechten ziere, Wenn der Geliebte naht.
-- es ist dieselbe Weise, dasselbe Lied: fünftausend will ich bringen! Mit dieser Blume will ich mein Haar schmücken!
Die Zurückhaltung der Flöte ist es, die diesem Liede seinen Wohllaut gibt. Ich darf nicht meine Begierde zu heftig in ihr Rohr blasen lassen, sonst würde, fürchte ich, statt der Musik die Frage ertönen: »Warum?« »Wozu so viel?« »Woher soll ich das schaffen?« -- ganz andere Töne, als das Lied, das Radhika sang! So habe ich recht, wenn ich sage, die Illusion allein ist wirklich, -- sie ist die Flöte selbst, während die Wahrheit nichts als ihre leere Höhlung ist. Nikhil hat in dieser letzten Zeit diese bloße Leere spüren müssen, -- man sieht es an dem Ausdruck seines Gesichts, der selbst mich schmerzlich berührt. Aber Nikhil pflegte sich zu rühmen, daß es ihm um die Wahrheit zu tun sei, während ich mich rühmte, daß ich mir die Illusion nicht rauben lassen wollte. Nun hat jeder, was er wollte; was gibt es da zu klagen?
Um Bimalas Herz nicht aus der dünnen Luft des Idealismus zu reißen, brach ich jede weitere Erörterung über die 5000 Rupien ab. Ich kam wieder auf die Dämonen vernichtende Göttin und ihren Gottesdienst zu sprechen. Wann sollte die Feierlichkeit stattfinden, und wo? In Ruimari, einem Ort, der zu Nikhils Gebiet gehört, findet einmal im Jahre eine grosse Messe statt, wo Hunderttausende von Pilgern sich versammeln. Das würde eine großartige Gelegenheit sein für die feierliche Eröffnung des Kultes unsrer Göttin.
Bimala glühte vor Begeisterung. Hier handelte es sich nicht um das Verbrennen von ausländischen Stoffen oder gar um das Niederbrennen von Scheunen, selbst Nikhil könnte also nichts dagegen haben, -- so meinte sie. Aber ich lächelte innerlich. Wie wenig doch diese beiden Menschen, die ganze neun Jahre lang Tag und Nacht zusammen gelebt haben, von einander wissen! Sie wissen vielleicht etwas von ihrem häuslichen Leben, aber wenn es sich um Außendinge handelt, so sind sie ganz ratlos. Sie haben in dem schönen Wahn gelebt, daß das Heim und die Außenwelt in vollkommener Harmonie ständen. Heute müssen sie zu ihrem Leidwesen einsehen, daß es zu spät ist, die jahrelange Versäumnis nachzuholen und beide miteinander in Harmonie zu bringen.
Doch was macht das? Mögen die, die den Fehler gemacht haben, beim Zusammenstoß mit der Welt ihren Irrtum erkennen! Was kümmert mich ihre Not? Für den Augenblick wird es mir lästig, Bimala noch länger wie einen Fesselballon in höhern Regionen schweben zu lassen. Es ist besser, ich bringe die Geldsache erst in Ordnung.
Als Bimala aufstand, um fortzugehen, und schon nahe der Tür war, sagte ich so ganz nebenbei: »Und was das Geld anbetrifft...«
Bimala hielt an, und sich nach mir umsehend sagte sie: »Ende dieses Monats, wenn ich mein Monatsgeld bekomme...«
»Das würde viel zu spät sein, fürchte ich.«
»Wann brauchen Sie es denn?«
»Morgen.«
»Gut -- Sie sollen es morgen haben.«
Fußnoten:
[29] Zitat aus der Nationalhymne Bande Mataram von Bankin Tschatterdschi.
[30] Ein Zitat aus den Upanischads.
[31] Es hängt eine Welt von Gefühlen an dem Schmuck der bengalischen Frauen. Er legt nicht nur Zeugnis ab von der Liebe und Achtung des Gebers, sondern er wird auch getragen als Symbol für alles, was man am Weibe am höchsten schätzt, -- die beständige Sorge um das Wohl ihres Gatten, die erfolgreiche Verrichtung aller materiellen und geistigen Pflichten, die der Haushalt ihr auferlegt. Wenn der Gatte stirbt und die Verantwortung für den Haushalt in andere Hände übergeht, dann wirft die Witwe allen Schmuck beiseite, als ein Zeichen, daß sie allen weltlichen Interessen entsagt. Zu jeder andern Zeit aber ist der Verzicht auf Schmuck immer ein Zeichen von höchster Not und appelliert als solches aufs lauteste an die Ritterlichkeit eines jeden Bengalen, der zufällig Zeuge davon ist. (Anmerkg. d. engl. Übers.)
ACHTES KAPITEL
NIKHILS ERZÄHLUNG
X
Die Lokalzeitungen haben angefangen, Artikel und Briefe gegen mich zu veröffentlichen, und ich höre, daß Karikaturen und Schmähschriften folgen sollen. Witz und Humor lassen ihren Übermut an mir aus, und über die Lügen, die auf diese Weise verbreitet werden, krümmt sich das ganze Land vor Lachen. Sie wissen, daß sie das Monopol haben, die Leute mit Schmutz zu bewerfen, und so kommt der harmlose Vorübergehende nicht unbesudelt davon.
Sie sagen, daß meine sämtlichen Gutsinsassen, vom höchsten bis zum niedrigsten, Freunde der Swadeschi-Bewegung sind, aber aus Furcht vor mir es nicht wagen, sich als solche zu bekennen. Die wenigen, die tapfer genug waren, mir zu trotzen, haben die ganze Härte meiner Verfolgung fühlen müssen. Ich bin im geheimen Einverständnis mit der Polizei und mit dem Magistrat, und diese verzweifelten Anstrengungen, mir zu meinem ererbten Titel noch einen ausländischen zu erwerben, sollen alle Aussicht auf Erfolg haben.
Auf der andern Seite sind die Zeitungen des Lobes voll von den Zemindars Kundu und Tschakravarti, den treu ergebenen Söhnen des Vaterlandes. Wenn das Land nur noch ein paar solche tapfre Patrioten mehr hätte, heißt es, so würden die Fabriken von Manchester sich bald ihr eigenes Grablied nach der Melodie des Bande Mataram singen müssen.
Dann folgt in blutroten Lettern eine Liste der verräterischen Zemindars, deren Schatzhäuser man verbrannt hat, weil sie die Sache nicht unterstützen wollten. »Das heilige Feuer«, heißt es weiter, »ist aufgerufen, daß es seinen heiligen Beruf erfülle und das Land reinige, und noch andere Kräfte sind am Werk, die dafür sorgen, daß die, die nicht wahre Söhne des Mutterlandes sind, sich nicht länger auf seinem Schoß breitmachen.« Die Unterschrift ist augenscheinlich ein Pseudonym.
Ich merkte, daß unsre Studenten dahinter steckten, daher ließ ich einige von ihnen rufen und zeigte ihnen den Brief.
Einer der Studenten berichtete mir mit ernster Miene, sie hätten auch gehört, daß eine Schar entschlossener Patrioten sich zusammengetan habe, die rücksichtslos jedes Hindernis, das sich der Swadeschi-Bewegung entgegenstellte, aus dem Wege räumen wolle.
»Wenn auch nur einer unserer Landsleute diesen verwegenen Gesellen zum Opfer fällt,« sagte ich, »so bedeutet dies in der Tat eine Niederlage unseres Vaterlandes.«
»Das verstehen wir nicht, Maharadscha«, sagte ein Student der Geschichte.
Ich versuchte, ihnen meine Meinung zu erklären.
»Unser Vaterland«, sagte ich, »ist durch bloße Furcht bis an den Rand des Abgrunds gebracht, -- Furcht vor den Göttern bis hinab zu der Furcht vor der Polizei; und wenn ihr nun im Namen der Freiheit ein anderes Schreckgespenst aufstellt, -- wie ihr es auch nennen mögt --, wenn ihr, mit der Schwäche eures Vaterlandes rechnend, es durch offene Gewalt eurem Willen unterwerfen wollt, so kann keiner, der sein Vaterland wirklich liebt, auf eurer Seite sein.«
»Gibt es denn irgend ein Land,« fragte der Geschichtsstudent weiter, »das sich aus einem andern Grunde als aus Furcht seiner Regierung unterwirft?«
»Die Freiheit, die in einem Lande herrscht,« erwiderte ich, »kann man nach dem Grade bemessen, in dem die Furcht dort herrscht. Wo ihre Herrschaft sich auf die beschränkt, die rauben und plündern möchten, da kann die Regierung sich rühmen, den Menschen von der Gewalttätigkeit des Menschen befreit zu haben. Aber wo Furcht darüber wachen soll, wie die Menschen sich kleiden, wo sie Handel treiben und was sie essen, da hat man keine Achtung vor der Willensfreiheit des Menschen und zerstört die Menschheit an der Wurzel.«
»Übt man in andern Ländern nicht auch solchen Zwang auf den Einzelwillen?« fragte der Geschichtsstudent weiter.
»Wer leugnet dies?« rief ich aus. »Aber in allen diesen Ländern hat der Mensch erst seine Menschheit zerstören müssen, damit die Sklaverei gedeihen konnte.«
»Beweist es nicht vielmehr,« warf ein älterer Student dazwischen, »daß Sklaverei dem Menschen angeboren und eine Grundtatsache seiner Natur ist?«
»Sandip Babu setzte die Sache sehr klar auseinander«, sagte ein dritter. »Er gab uns das Beispiel Ihres Nachbarn, des Zemindars Harisch Kundu. Auf seinen Gütern würden Sie auch nicht eine einzige Unze ausländischen Salzes finden. Woher kommt dies? Weil er immer mit eiserner Faust regiert. Für die, die von Natur Sklaven sind, ist es das größte Elend, wenn ihnen ein strenger Herr fehlt.«
»Ei, Herr,« fiel ein jüngerer Student ein, »haben Sie denn nicht von dem widerspenstigen Pächter des andern Zemindars hier in der Nähe, Tschakravarti, gehört, wie man gesetzlich gegen ihn vorging, bis er in äußerste Not geriet? Als er schließlich gar nichts mehr zu essen hatte, ging er aus, um die silbernen Schmuckstücke seiner Frau zu verkaufen, aber niemand wagte, sie ihm abzunehmen. Dann bot ihm Tschakravartis Verwalter fünf Rupien für alles zusammen. Sie waren über dreißig wert, aber er mußte den Handel annehmen oder Hungers sterben. Nachdem der Verwalter ihm die Sachen abgenommen hatte, sagte er kalt, daß diese fünf Rupien auf seinen Pachtzins gutgeschrieben werden sollten! Als wir das hörten, waren wir so empört, daß wir mit Tschakravarti oder seinem Verwalter nichts mehr zu tun haben wollten, aber Sandip Babu sagte uns, wenn wir die lebendigen Menschen so beiseite werfen wollten, so müßten wir uns schließlich die Toten von den Verbrennungsplätzen holen, um unsre Sache auszufechten! Lebendige Menschen wie diese, bewies er uns, wissen, was sie wollen und wie sie es erreichen, -- sie sind die geborenen Herrscher. Die, die keine eigenen Wünsche haben, müssen sich den Wünschen solcher Menschen fügen oder durch sie zugrunde gehen. Sandip Babu stellte sie -- Kundu und Tschakravarti -- in Gegensatz zu Ihnen, Maharadscha. Ihnen, sagte er, wird es bei all Ihren guten Absichten nie gelingen, die Fahne der Swadeschi-Bewegung auf Ihrem Gebiet aufzupflanzen.«
»Ich möchte«, sagte ich, »etwas Größeres pflanzen. Mir ist es nicht um tote Pfähle zu tun, sondern um lebendige Bäume, und diese brauchen Zeit zum Wachsen.«
»Ich fürchte, Herr,« bemerkte der Geschichtsstudent höhnisch, »Sie werden weder Pfähle noch Bäume bekommen. Sandip Babu lehrt ganz richtig, daß man zugreifen muß, wenn man etwas haben will. Wir brauchen alle etwas Zeit, um dies zu lernen, weil es dem widerspricht, was wir in der Schule gelernt haben. Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie einer von Harisch Kundus Pachteinnehmern einen der Pächter, der nichts anderes mehr zu verkaufen hatte, zwang, sein junges Weib herzugeben! An Käufern fehlte es nicht, und die Forderung des Zemindars wurde befriedigt. Ich kann Ihnen sagen, Herr, der Anblick des verzweifelten Mannes ließ mich nächtelang nicht schlafen! Aber was mein Gefühl auch sagte, soviel war mir klar, daß der Mann, der das Geld, das er haben will, zu bekommen weiß, und sollte er auch das Weib seines Schuldners verkaufen, -- daß dieser ein besserer Mann ist als ich. Ich gebe zu, daß ich nicht dazu imstande wäre, ich bin ein Schwächling, meine Augen füllten sich beim Anblick solcher Not mit Tränen. Aber wenn irgend jemand unser Vaterland retten kann, so sind es diese Kundus und Tschakravartis und ihre Leute.«
Ich fand keine Worte für mein Entsetzen. »Wenn das, was Sie sagen, wahr ist,« rief ich aus, »so sehe ich klar, daß es die Aufgabe meines Lebens sein muß, das Vaterland zu retten. Die Sklaverei, die uns bis ins Mark gedrungen ist, kommt bei dieser Gelegenheit als entsetzliche Tyrannei zum Ausbruch. Ihr seid so gewohnt, euch aus Furcht der Macht zu unterwerfen, daß für euch der Glaube an die Notwendigkeit der Unterwerfung der Schwächeren eine Art Religion geworden ist. Mein Kampf soll gegen diese Schwäche, gegen diese abscheuliche Grausamkeit gerichtet sein.«
Diese Dinge, die für gewöhnliche Menschen so einfach sind, verwirren sich unglaublich in den Köpfen der Studenten, und der einzige Zweck ihrer historischen Sophistereien scheint zu sein, die Wahrheit zu verdrehen!
XI
Pantschus vorgebliche Tante macht mir zu schaffen. Es wird schwer sein, sie des Betrugs zu überführen, denn obwohl es oft schwierig oder unmöglich ist, Zeugen für ein wirkliches Geschehnis zu finden, so lassen sich doch immer für etwas, was gar nicht geschehen ist, unzählige Beweise aufbringen. Der Zweck dieses Schachzuges ist augenscheinlich, den Verkauf von Pantschus Pachthof an mich rückgängig zu machen.
Da ich keinen andern Ausweg finden konnte, dachte ich daran, Pantschu auf meinem Gebiet ein Stück Land in Erbpacht zuzuweisen und eine Hütte darauf bauen zu lassen. Aber mein Lehrer wollte davon nichts wissen. Er meinte, ich solle solchem boshaften Treiben gegenüber nicht gutwillig nachgeben, und erklärte sich bereit, die Sache selbst in die Hand zu nehmen.
»Sie, Meister?« rief ich höchst überrascht.
»Ja, ich«, wiederholte er.
Ich konnte mir durchaus nicht vorstellen, wie mein Lehrer irgend etwas gegen diese juristischen Ränke tun könnte. An diesem Abend kam er nicht wie sonst zur gewohnten Stunde zu mir. Als ich mich nach ihm erkundigte, erfuhr ich von seinem Diener, daß er mit einem kleinen Koffer, in den er ein paar Sachen und etwas Bettzeug gepackt hatte, abgereist sei und in einigen Tagen zurück sein werde. Ich dachte, daß er sich vielleicht aufgemacht hätte, um im Dorf, wo der Onkel Pantschus gelebt hat, Zeugen zu finden. Aber solch Unternehmen schien mir ganz aussichtslos...
Am Tage vergesse ich mich über meiner Arbeit. Aber wie der Spätherbstnachmittag langsam vorrückt und die Farben am Himmel trübe werden, trüben sich auch meine Gefühle. Es gibt viele in dieser Welt, deren Seele in Steinhäusern wohnt, -- sie brauchen sich um das Draußen nicht zu kümmern. Aber meine Seele wohnt unter den Bäumen im freien Felde; sie nimmt die Botschaften, die die freien Winde bringen, mittelbar in sich auf, und die ganze Tonleiter von Licht und Dunkel findet Widerhall und Antwort in ihrer innersten Tiefe.
Solange der helle Tag um mich leuchtet und ich mitten im Getriebe der Menschen bin, scheint es, als ob meinem Leben nichts fehlt. Aber wenn die Farben am Horizont verblassen und der Himmel die Vorhänge über seine Fenster zieht, dann fühlt mein Herz, daß der Abend auch für mich wie ein Vorhang herabsinkt, um die Welt draußen auszuschließen und die Stunde zu künden, wo die Dunkelheit sich mit dem Einen füllen muß. Erde, Himmel und Wasser rufen es uns zu, und ich kann mein Ohr nicht ihrem Ruf verschließen. Wenn daher die Dämmerung immer tiefer wird, wie der Blick aus den dunklen Augen der Geliebten, so sagt mir mein ganzes Wesen, daß die Arbeit allein nicht der wahre Sinn des Lebens sein kann, daß sie allein nicht Inhalt und Zweck des menschlichen Daseins sein soll, denn der Mensch soll nicht ein bloßer Sklave sein -- auch nicht der Sklave des Wahren und Guten.
Ach, Nikhil, wo ist der Teil seines Selbst geblieben, der sonst, wenn die Arbeit des Tages getan war, unter dem Sternenhimmel alle Fesseln von sich warf und hineintauchte in die unendlichen Tiefen des nächtlichen Dunkels? Wie furchtbar einsam ist doch der, dem in der Mannigfaltigkeit des Lebens der Gefährte fehlt!