Part 10
Während diese Gedanken mich schmerzhaft durchzuckten, kam ein Diener und meldete Amulja, einen unsrer jungen Leute. Ich hätte ihn am liebsten abgewiesen, aber bevor ich mich dazu entschließen konnte, trat er ein. Dann begannen wir über die Nachrichten zu sprechen, die wir von den verschiedenen Distrikten hatten, und von ihren Kämpfen um ausländische Waren, und bald war die Luft von allen berauschenden Dünsten gereinigt. Mir war, als erwachte ich aus einem Traum. Ich sprang auf, ganz bereit zum Kampf, -- Bande Mataram!
Es gab verschiedene Neuigkeiten. Die meisten von den Händlern, welche Pächter von Harisch Kundu waren, waren zu uns übergegangen. Viele von Nikhils Angestellten waren auch heimlich auf unsrer Seite und zogen die Drähte in unserm Interesse. Die Kaufleute von Marwari erboten sich, eine Geldbuße zu zahlen, wenn sie nur mit ihren augenblicklichen Vorräten räumen dürften. Nur einige mohammedanische Händler waren noch hartnäckig.
Einer von ihnen hatte ein paar deutsche Schaltücher für seine Familie gekauft. Sie wurden ihm unterwegs abgenommen und von einem unsrer jungen Leute aus dem Dorfe verbrannt. Dies hatte zu Unannehmlichkeiten Anlaß gegeben. Wir waren bereit, ihm indische Wollstoffe dafür zu kaufen. Aber wo waren billige indische Wollsachen zu haben? Wir konnten ihm seine Tücher doch nicht gut durch Kaschmirschals ersetzen! Er ging und beklagte sich bei Nikhil, der ihm riet, vor Gericht zu klagen. Natürlich sorgten Nikhils Leute dafür, daß nichts dabei herauskam, da sein Rechtsanwalt selbst auf unsrer Seite war.
Die Sache ist nämlich die: wenn wir die verbrannten ausländischen Stoffe jedesmal durch indische Stoffe ersetzen und noch obendrein einen Prozeß durchkämpfen sollen, -- woher sollen wir das Geld nehmen? Und das Beste dabei ist, daß die Zerstörung ausländischer Waren den Bedarf noch vermehrt und damit also den Fremden Vorteil bringt. Es geht ihnen damit wie dem glücklichen Händler, dem der Nabob seine Kristalleuchter zerbrach, weil ihm das Klirren des zerbrechenden Glases so viel Spaß machte.
Eine andere Frage ist, ob wir, da es keine billigen bunten indischen Wollstoffe gibt, die Boykottierung der ausländischen Flanelle und Merinos so streng durchführen oder eine Ausnahme zu ihren Gunsten machen sollen.
»Weißt du,« sagte ich schließlich in bezug auf den ersten Punkt, »wir werden auf keinen Fall fortfahren, denen, deren ausländische Stoffe beschlagnahmt sind, dafür indische Stoffe zum Geschenk zu machen. Die Strafe soll sie treffen, nicht uns. Wenn sie uns verklagen, so müssen wir es ihnen dadurch heimzahlen, daß wir ihnen ihre Scheunen niederbrennen! -- Was erschreckt dich dabei, Amulja? Es ist nicht die Aussicht auf ein großartiges Feuerwerk, was mich lockt. Du mußt bedenken, daß wir im Kriege sind. Wenn du Angst hast, Leiden zu verursachen, so geh und suche dir Liebesfreuden; für unsre Aufgabe können wir dich dann nicht brauchen!«
Die zweite Frage entschied ich dahin, daß ausländische Waren auf jeden Fall verboten bleiben sollten und wir uns auf keinen Kompromiß einlassen wollten. In der guten alten Zeit, als man diese bunt gefärbten ausländischen Schals bei uns noch nicht kannte, wurden unsre Landleute ganz gut mit ihren einfachen baumwollenen Tüchern fertig, das müssen sie wieder lernen. Sie sehen vielleicht nicht so prächtig aus, aber jetzt ist nicht die Zeit, an das Aussehen zu denken.
Die meisten von den Bootsleuten waren dafür gewonnen, daß sie sich weigerten, ausländische Waren überzusetzen, aber der Hauptfährmann, Mirdschan, war noch widerspenstig.
»Könnten Sie nicht einfach sein Boot versenken?« fragte ich unsern hiesigen Verwalter.
»Nichts leichter als das«, erwiderte er. »Aber wie, wenn man mich nachher zur Verantwortung zieht?«
»Wer wird die Sache so plump anfangen, daß man ihn zur Verantwortung ziehen kann? Doch wenn es dazu kommt, so will ich es schon auf mich nehmen.«
Mirdschans Boot lag an der Landungsstelle angebunden, nachdem es die Ladung zum Marktplatz übergesetzt hatte. Es war niemand darin, denn der Geschäftsführer hatte eine Unterhaltung veranstaltet, zu der alle eingeladen waren. Als es dunkel geworden war, wurde das Boot, nachdem man es mit Schutt beladen hatte, durchbohrt und aufs Wasser gestoßen. Es sank mitten auf dem Wasser.
Mirdschan verstand alles. Er kam weinend zu mir und bat um Gnade. »Ich hatte unrecht, Herr --« begann er.
»Wie kommt es, daß du das jetzt plötzlich einsiehst?« fragte ich höhnisch.
Er gab keine direkte Antwort. »Das Boot war 2000 Rupien wert«, sagte er. »Ich sehe jetzt meine Schuld ein, und wenn Sie mir diesmal verzeihen, so werde ich nie mehr...« und damit warf er sich mir zu Füßen.
Ich sagte ihm, er solle in zehn Tagen wiederkommen. Wenn wir ihm nur gleich die 2000 Rupien bezahlen könnten, so würde er mit Leib und Seele unser sein. Und er ist gerade der Mann, der unsrer Sache ungeheure Dienste leisten könnte, wenn wir ihn für uns gewännen. Wir werden nie ordentlich vorwärts kommen, wenn wir nicht die nötigen Mittel in Händen haben.
Sobald Bimala des Abends ins Wohnzimmer kam, ging ich ihr entgegen: »Königin! Alles ist bereit, der Erfolg wartet, aber wir müssen Geld haben.«
»Geld? Wieviel?«
»Nicht so sehr viel, aber auf die eine oder andre Weise müssen wir es bekommen.«
»Aber wieviel denn?«
»Augenblicklich genügen bloße 50000 Rupien.«
Bimala fuhr innerlich zusammen, als sie die Zahl hörte, aber sie versuchte, es nicht zu zeigen. Wie konnte sie sich wieder geschlagen geben?
»Königin!« sagte ich, »nur Sie können das Unmögliche möglich machen. Das haben Sie in Wahrheit schon getan. Oh, daß ich Ihnen die ganze Größe Ihrer Leistung zeigen könnte, dann würden Sie es wissen. Aber jetzt handelt es sich um etwas anderes. Jetzt brauchen wir Geld.«
»Sie sollen es haben«, sagte sie.
Ich sah, daß sie auf den Gedanken gekommen war, ihre Schmucksachen zu verkaufen. Daher sagte ich: »Ihre Schmucksachen müssen unsre Reserve bleiben. Man kann nie wissen, wann wir sie brauchen.« Und als Bimala mich in stummer Bestürzung anstarrte, fuhr ich fort: »Dies Geld muß aus der Kasse Ihres Gatten kommen.«
Bimala war noch bestürzter. Nach einer langen Pause fragte sie: »Aber wie soll ich sein Geld bekommen?«
»Gehört sein Geld nicht ebensogut Ihnen?«
»Ach, nein!« sagte sie, von neuem in ihrem Stolz verletzt.
»Nun,« rief ich, »dann gehört es auch nicht ihm, sondern seinem Vaterlande, dem er es in der Zeit der Not entzogen hat!«
»Aber wie soll ich es mir verschaffen?« wiederholte sie.
»Verschaffen müssen und werden Sie es sich. Wie Sie es anfangen, das wissen Sie selbst am besten. Sie müssen es sich für die Göttin verschaffen, der es mit Recht gehört. Bande Mataram! Dies ist das Zauberwort, das die Tür seines eisernen Geldschranks öffnen, die Wände seiner Stahlkammer durchbrechen und die Herzen derer beschämen wird, die pflichtvergessen ihrem Ruf nicht folgen. Sagen Sie Bande Mataram, Bienenkönigin!«
»Bande Mataram!«
SIEBENTES KAPITEL
SANDIPS ERZÄHLUNG
VIII
Wir sind Männer, wir sind Könige, und unser Tribut muß uns werden. Solange wir auf der Erde sind, haben wir sie geplündert; und je mehr wir verlangten, je mehr hat sie uns gewährt. Von Urzeiten her haben wir Männer Früchte gepflückt, Bäume abgehauen, den Boden umgegraben, Säugetiere, Vögel und Fische getötet. Vom Meeresboden, aus den Tiefen der Erde, ja aus dem Rachen des Todes haben wir errafft, was wir nur erraffen konnten; keinen Verschluß in der Vorratskammer der Natur haben wir respektiert und unerbrochen gelassen.
Die einzige Lust dieser Erde ist, das Begehren derer zu erfüllen, die Männer sind. Die endlosen Opfer, die sie ihnen gebracht hat, sind es, die sie fruchtbar und schön und vollkommen gemacht haben. Ohne diese Opfer würde sie in der Wildnis verloren sein, sie würde sich selbst nicht kennen, die Türen ihres Herzens würden sich nie geöffnet, ihre Diamanten und Perlen nie das Licht erblickt haben.
So haben die Männer auch, nur dadurch, daß sie immer wieder forderten, alle latenten Möglichkeiten der Frauen erschlossen. In dem Maße, wie sie sich uns hingaben, haben sie immer ihre wahre Größe erlangt. Weil sie alle Diamanten ihres Glücks und alle Perlen ihres Leides in unser königliches Schatzhaus bringen mußten, haben sie ihren wahren Reichtum gefunden. So bedeutet für die Männer »annehmen« in Wahrheit »geben«, und für die Frauen heißt »geben« in Wahrheit »gewinnen«.
Was ich jedoch von Bimala verlangt habe, ist wirklich sehr viel! Zuerst hatte ich Bedenken, denn es ist ja nun einmal eine Eigenschaft des menschlichen Geistes, in zwecklosem Streit mit sich selbst zu sein. Ich fürchtete, ich hätte ihr eine zu schwere Aufgabe auferlegt. Mein erster Impuls war, sie zurückzurufen und ihr zu sagen, ich wollte lieber nicht ihr Leben elend machen, dadurch, daß ich sie in alle diese Sorgen hineinzöge. Ich vergaß in dem Augenblick, daß der Mann die Frau ja nicht schonen darf, wenn er ihr Dasein fruchtbar machen will, daß es seine Aufgabe ist, die Ruhe und Passivität ihres Wesens zu stören und dadurch, daß er den unermeßlichen Abgrund des Leidens in ihr aufwühlt, der ganzen Welt Segen zu bringen. Darum ist des Mannes Hand so stark und sein Griff so fest.
Bimala hatte sich von ganzem Herzen danach gesehnt, daß ich, Sandip, ein großes Opfer von ihr fordern, sie in den Tod schicken möchte. Welch anderes Glück gab es denn sonst für sie? Hatte sie nicht alle diese öden Jahre auf eine Gelegenheit gewartet, sich zu Tode zu weinen, -- so überdrüssig war sie der Eintönigkeit ihres ruhigen Glücks! Und daher wurde, sobald sie mich erblickte, der Horizont ihres Herzens von den Wolken verdunkelt, die ihr Leben mit Angst und Qual bedrohten. Wenn ich Mitleid mit ihr habe und sie vor ihrem Leid zu bewahren suche, wozu bin ich dann als Mann in die Welt gekommen?
Der wahre Grund meiner Bedenken ist, daß es sich bei meiner Bitte um Geld handelt. Das sieht nach Bettelei aus, denn das Geld ist Sache des Mannes, nicht der Frau. Darum mußte ich eine so große Summe nennen. Ein- bis zweitausend hätte nach einem kleinlichen Diebstahl ausgesehen. Fünfzigtausend hat die ganze Größe und Romantik eines kühnen Raubes.
Ach, aber ich hätte wirklich reich sein sollen! So viele von meinen Wünschen haben immer wieder auf ihrem Wege zum Ziel haltmachen müssen, nur weil es mir an Geld fehlte. Dies paßt nicht zu mir! Wäre das Schicksal bloß ungerecht, so könnte ich es verzeihen, -- aber solche Stillosigkeit ist unverzeihlich. Es ist nicht nur hart, daß ein Mann wie ich nicht weiß, wie er es anfangen soll, seine Miete zu bezahlen, oder daß er sorgfältig die Groschen für eine Fahrkarte zweiter Klasse zusammensuchen muß, -- es ist plebejisch!
Es ist ebenso klar, daß Nikhils väterliches Erbe für ihn einen Überfluß bedeutet. Zu ihm hätte Armut ganz gut gepaßt. Er hätte zusammen mit seinem treuen Lehrer sich ganz fröhlich ins Joch des bedürftigen Mittelstandes gespannt.
Es wäre mir eine Lust, könnte ich nur ein einziges Mal fünfzigtausend Rupien im Dienste meines Vaterlandes und ganz nach meiner eigenen Laune verschleudern. Ich bin ein geborener Nabob, und mein schönster Traum ist, einmal, wenn auch nur für einen Tag, diese Maske der Armut loszuwerden und mich in meiner wahren Gestalt zu sehen.
Ich habe jedoch meine ernsten Zweifel, ob Bimala je zu diesen 50000 Rupien gelangen wird, und wahrscheinlich werden es am Ende nicht mehr als ein paar tausend werden. Meinetwegen. Der Weise nimmt noch lieber ein halbes Brot oder auch nur ein Stückchen, als gar keines.
Ich muß später auf diese persönlichen Betrachtungen zurückkommen. Ich erhalte Nachricht, daß man mich sofort braucht. Irgend etwas ist verkehrt gegangen.
Es scheint, daß die Polizei von dem Manne, der Mirdschans Boot für uns versenkt hat, Wind bekommen hat. Sie sind ihm auf der Spur, aber er ist ein alter Sünder und sollte zu gerieben sein, um sich festzuschwatzen. Doch man kann nie wissen. Nikhil ist aufgebracht, und sein Verwalter ist vielleicht nicht imstande, nach seinem eigenen Kopf zu verfahren.
»Wenn ich Unannehmlichkeiten bekomme,« sagte der Verwalter, als er mich sah, »werde ich Sie hineinziehen müssen.«
»Mit welcher Schlinge wollen Sie mich fangen?« fragte ich.
»Ich habe einen Brief von Ihnen und mehrere von Amulja Babu.«
Ich hatte nicht geahnt, daß der Brief mit der Bezeichnung »dringlich«, den ich eilig beantworten mußte, nur eben dieses Zweckes wegen dringlich gewesen war. Ich lerne allmählich eine ganze Menge Dinge.
Jetzt gilt es, die Polizei zu bestechen und Mirdschan Schweigegeld zu zahlen. Und dabei ist gar kein Zweifel, daß viel von den Kosten dieses patriotischen Unternehmens als Profit in die Taschen von Nikhils Verwalter wandert. Doch ich muß für den Augenblick ein Auge zudrücken, denn ruft er nicht sein Bande Mataram ebenso kräftig wie ich?
Diese Arbeit muß immer mit lecken Gefäßen getan werden, die die Hälfte auslaufen lassen. Wir alle haben einen geheimen Fonds von sittlichem Urteil in uns aufgespart, und so wollte ich mich schon über den Verwalter entrüsten und in meinem Tagebuch eine Tirade gegen die Unzuverlässigkeit meiner Landsleute loslassen. Aber wenn es einen Gott gibt, so muß ich dankbar anerkennen, daß er mir einen scharfblickenden Verstand gegeben hat, der sich selbst und die Dinge um sich herum klar durchschaut. Ich kann wohl andre täuschen, aber nicht mich selber. Daher konnte auch mein Zorn nicht standhalten.
Was wahr ist, ist weder gut noch böse, sondern einfach wahr. Ein See ist nur das übriggebliebene Wasser, das nicht vom Boden eingesogen wurde. Auf dem Grunde des Bande-Mataram-Kultes, wie überhaupt auf dem Grunde aller weltlichen Dinge ist eine Schlammschicht, mit deren aufsaugender Kraft man rechnen muß. Der Verwalter nimmt sich, was er braucht, wie auch ich mir nehme, was ich brauche. Diese kleineren Forderungen bilden einen Teil von dem, was die große Sache fordert, -- das Pferd muß gefüttert und die Räder müssen geölt werden, wenn man gut vorwärts kommen will.
Das Lange und Breite von der Sache ist, daß wir Geld haben müssen, und das bald. Wir müssen es nehmen, wo wir es am leichtesten bekommen können, denn wir können es uns nicht leisten zu warten. Ich weiß, daß wir uns dadurch um größeren Gewinn bringen können; daß die 5000 Rupien von heute vielleicht die 50000 von morgen im Keim ersticken. Aber ich muß es daraufhin wagen. Habe ich nicht oft neckend zu Nikhil gesagt, daß die, welche auf den Pfaden der Entsagung wandeln, gar nicht wissen, was Opfer heißt. Wir begehrlichen Menschen sind es, die bei jedem Schritt ihre Begierden opfern müssen!
Von den Todsünden ist die Begierde für die, die wirklich Männer sind, aber die Illusion, die nur für Schwächlinge ist, hemmt sie. Denn diese macht, daß sie ganz von der Vergangenheit und Zukunft eingenommen sind, aber sie hat eine verteufelte Art, ihre Schritte in der Gegenwart zu verwirren. Solche, die immer gespannt auf den Ruf aus der Ferne horchen und dadurch den Ruf des Augenblicks überhören, sind wie Sakuntala[26], die sich in Träumen von dem Geliebten verlor. Unerwartet kommt der Gast und schleudert den Fluch, der sie gerade um das bringt, was sie ersehnen.
Neulich drückte ich Bimalas Hand, und jene Berührung regt ihre Seele noch auf, wie sie auch in mir nachzittert. Wiederholung darf dies Gefühl nicht abstumpfen, denn dann würde zu etwas verstandesmäßig Bewußtem herabsinken, was jetzt ganz Gefühl und Musik ist. Augenblicklich ist in ihr kein Raum für die Frage »Warum?«.
Daher darf ich Bimala, die eins von den Geschöpfen ist, die die Illusion nicht entbehren können, nicht ihres vollen Anteils daran berauben.
Was mich betrifft, so habe ich soviel anderes zu tun, daß ich mich für den Augenblick damit begnügen muß, von dem Becher der Leidenschaft nur zu nippen. O Mensch der Begierde! Zähme deine Gier und übe deine Finger auf der Harfe der Illusion, bis sie ihren Saiten alle Töne der Verführung entlocken! Jetzt ist noch nicht die Zeit, den Becher bis auf den Grund zu leeren.
IX
Unsre Arbeit geht schnell vorwärts. Aber obgleich wir uns heiser geschrien haben, indem wir die Muhammedaner für unsre Brüder erklärten, haben wir doch einsehen müssen, daß es uns nie gelingen wird, sie ganz auf unsre Seite zu bringen. Daher müssen wir sie nun ganz unterdrücken und ihnen begreiflich machen, daß wir die Herren sind. Jetzt zeigen sie die Zähne, aber eines Tages werden sie wie zahme Bären nach unsrer Pfeife tanzen.
»Wenn es euch mit dem Gedanken eines vereinigten Indiens ernst ist,« wendet Nikhil ein, »so müßt ihr die Muhammedaner als einen notwendigen Teil desselben gelten lassen.«
»Ganz recht,« sagte ich, »aber wir müssen wissen, wo ihr Platz ist, und dafür sorgen, daß sie da bleiben, sonst werden sie uns beständig beschwerlich fallen.«
»So wollt ihr also Beschwerden verursachen, um Beschwerden zu verhindern?«
»Und was wolltest du tun?«
»Es gibt nur ein bekanntes Mittel, Streit zu vermeiden,« sagte Nikhil mit Betonung.
Ich weiß, daß Nikhils Reden, wie die Erzählungen guter Leute, immer mit einer Moral enden. Das Merkwürdige ist, daß er trotz seiner Vertrautheit mit moralischen Vorschriften noch immer an sie glaubt! Er ist ein unverbesserlicher Schuljunge. Das einzig Gute an ihm ist seine Aufrichtigkeit. Das Schlimme ist, daß seinesgleichen nicht einmal die Endgültigkeit des Todes zugibt, sondern immer den Blick auf ein Hernach richtet.
Ich habe mich lange mit einem Plan getragen, der, wenn ich ihn ausführen könnte, das ganze Land in Flammen setzen würde. Wir werden niemals unsre Landsleute zu wahrem Patriotismus aufrütteln, wenn wir ihnen das Mutterland nicht irgendwie versinnbildlichen können. Wir müssen eine Göttin von ihm machen. Meine Gefährten begriffen die Sache sofort. »Wir müssen ein passendes Götzenbild erfinden,« riefen sie aus. »Erfinden nützt nichts,« belehrte ich sie. »Wir müssen uns eins der anerkannten Götzenbilder aneignen, dem die Verehrung des Volkes in den tief gegrabenen Kanälen der Gewohnheit zuströmt, und es zum Repräsentanten des Landes machen.«
Aber Nikhil muß natürlich auch dagegen seine Einwendungen machen. »Wir dürfen nicht bei einer Sache, die wir für die rechte halten, zu Täuschungen unsre Zuflucht nehmen,« sagte er vor einiger Zeit zu mir.
»Kleinere Geister brauchen Täuschungen,« sagte ich, »und die meisten Menschen gehören nun einmal zu dieser Klasse. Darum richtet man in jedem Lande Gottheiten auf, um die Illusionen im Volke aufrecht zu erhalten, denn die Menschen sind sich ihrer Schwäche nur zu wohl bewußt.«
»Nein,« erwiderte er. »Gott ist nötig, um die Illusionen fortzuschaffen. Die Gottheiten, die sie aufrecht halten, sind falsche Götter.«
»Was macht das? Wenn es nottut, müssen wir auch falsche Götter anrufen, lieber als daß die Sache leidet. Unsre Illusionen sind noch lebendig genug, aber zu unserm Unglück verstehen wir nicht, sie unserm Zweck dienstbar zu machen. Sieh einmal die Brahmanen! Trotzdem wir sie wie Halbgötter behandeln und unermüdlich ehrfurchtsvoll ihre Füße berühren, sind sie doch eine Macht, die im Verfall ist.«
»Es wird immer eine große Klasse von Menschen geben, deren Natur es ist, am Boden zu kriechen, und die nur durch Berührung mit den Füßen andrer -- sei es auch in Gestalt von Fußtritten -- zu einer Tat gebracht werden können. Welch ein Jammer ist es doch, daß wir die Brahmanen, nachdem wir sie alle diese Jahrhunderte hindurch in unsrer Rüstkammer aufbewahrt und in scharfem und gebrauchsfähigem Zustande erhalten haben, jetzt in der Zeit der Not nicht verwenden können, um sie auf diesen Pöbel zu hetzen!«
Aber es ist unmöglich, Nikhil dies alles begreiflich zu machen. Er ist so für die Wahrheit eingenommen, -- als ob es überhaupt eine objektive Wahrheit gäbe! Wie oft habe ich versucht, ihm auseinanderzusetzen, daß gerade in der Unwahrheit die eigentliche Wahrheit liegt. Früher erkannte man bei uns diese Tatsache, und man hatte den Mut, zu erklären, daß für die, die beschränkten Geistes sind, Lüge Wahrheit sei.
Denen, die wirklich glauben können, daß ihr Land eine Göttin ist, wird ihr Bild als Ersatz für die Wahrheit dienen. Unsre Natur und unsre Überlieferungen hindern uns, unser Vaterland als das, was es ist, zu erkennen, aber wir können uns leicht dazu bringen, an sein Bild zu glauben. Wer wirklich etwas erreichen will, darf diese Tatsache nicht außer acht lassen.
Doch dies diente nur dazu, Nikhil aufzuregen. »Weil ihr die Kraft verloren habt, den Weg der Wahrheit zu gehen, um euer Ziel zu erreichen,« rief er aus, »wartet ihr beständig, daß euch irgendeine wunderbare Gabe in den Schoß fallen soll. Jahrhundertelang habt ihr versäumt, eurem Vaterlande zu dienen, und nun könnt ihr nichts andres tun, als ein Götzenbild aus ihm machen und eure Hände ausstrecken, in der Erwartung, daß euch die Gaben umsonst zufallen.«
»Wir wollen das Unmögliche vollbringen«, sagte ich. »Daher muß unser Vaterland zum Gott gemacht werden.«
»Du willst damit sagen, daß ihr nicht den Mut für mögliche Aufgaben habt«, erwiderte Nikhil. »Für das, was schon da ist, habt ihr keine Augen; ihr wollt etwas Übernatürliches sehen.«
»Höre einmal, Nikhil«, sagte ich schließlich, aufs äußerste gereizt. »Alles, was du da sagst, ist ganz gut als moralische Lehre. Diese Gedanken haben als Milch für Säuglinge ihren Dienst getan, solange der Mensch noch in diesem ersten Stadium seiner Entwicklung war, aber jetzt, da er Zähne bekommen hat, braucht er andre Nahrung.«
»Sehen wir denn nicht mit unsern eignen Augen, wie Dinge, an deren Aussaat wir nicht im Traum dachten, rings um uns her emporsprießen? Durch welche Kraft? Durch die Kraft der Gottheit unsres Landes, die sich darin offenbart. Der Genius der Zeit allein gibt der Gottheit ihr Bild. Der Genius streitet nicht mit Worten, er schafft. Ich kann nur gestalten, was der Geist des Landes aus sich gebiert.«
»Ich werde überall verkünden, daß die Göttin mich eines Traumes gewürdigt hat. Ich werde den Brahmanen sagen, daß sie sie zu ihren Priestern bestimmt hat und daß die Vernachlässigung ihres Dienstes, deren sie sich schuldig gemacht haben, die Ursache ihres Niedergangs ist. Und wenn du mir sagst, ich lüge, so antworte ich dir: Nein, ich sage die Wahrheit, -- ja, mehr als das, ich sage die Wahrheit, die das Vaterland schon lange aus meinem Munde zu hören erwartet. Wenn ich nur die Gelegenheit hätte, ihnen meine Botschaft zu verkünden, so würdest du über die Wirkung staunen.«
»Was ich fürchte,« sagte Nikhil, »ist, daß meine Lebenszeit begrenzt ist und daß die Wirkung, von der du sprichst, nicht die endgültige Wirkung ist. Sie wird Nachwirkungen haben, die sich noch nicht sogleich zeigen.«
»Mir ist es nur um die Wirkung zu tun, die sich auf das Heute erstreckt.«
»Mir ist es um die Wirkung zu tun, die sich auf die Ewigkeit erstreckt«, antwortete Nikhil.
Nikhil hat vielleicht auch seinen Anteil bekommen an Bengalens schönster Gabe, der Phantasie, aber er hat sie ganz überwuchern und fast ersticken lassen von einer ausländischen Pflanze, einer peinlichen Gewissenhaftigkeit. Man denke nur an den Gottesdienst der Durga, den Bengalen zu solcher Höhe entwickelt hat. Das ist eine seiner größten Leistungen. Ich könnte schwören, daß Durga eine politische Göttin ist und ursprünglich die Schakti des Patriotismus bedeutete zu der Zeit, als Bengalen um Befreiung von der muhammedanischen Herrschaft betete. Welcher andern Provinz Indiens ist es gelungen, für das Ideal, nach dem es strebte, ein so wunderbares Sinnbild zu finden?