Das Haus in der Sonne

Part 1

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198. bis 249. Tausend. 1921.

CARL LARSSON

DAS HAUS IN DER SONNE

1921

KARL ROBERT LANGEWIESCHE

VERLAG / KÖNIGSTEIN IM TAUNUS & LEIPZIG

Alle Rechte vorbehalten. Auch das der Übersetzung. Amerikanisches „Copyright“ bei Albert Bonnier, Stockholm. Übersetzung der Texte von Frau Ellen Grönland-Jungbeck. Druck der Graphischen Anstalt Schirmer & Mahlau in Frankfurt a. M.

Die fünf großen, prachtvoll ausgestatteten Originalausgaben der Larsson’schen Bilderwerke erschienen im Verlage =ALBERT BONNIER IN STOCKHOLM=, teils in Folio-, teils in Querfolioformat. Von einigen dieser Werke gab es Ausgaben mit deutschem Text im Verlag Bruno Cassirer, Berlin, welche aber zur Zeit vergriffen sind. Die schwedischen Originalausgaben dagegen sind erhältlich, jedoch natürlich unter den heutigen Valutaverhältnissen für ~deutsche~ Käufer ziemlich kostspielig. Deutsche Interessenten wollen sich durch ihren Buchhändler vor der Bestellung beim schwedischen Verleger nach den jemaligen Tagespreisen erkundigen. Es liegen in diesen Prachtausgaben vor:

=ETT HEM= („Ein Heim“). 24 farbige Bilder mit Text und Textillustrationen. 1899. Inhalt deckt sich teilweise mit dem „Haus in der Sonne“.

=LARSSONS= („Familie Larsson“). 32 farb. Bilder mit Text u. Textillustrat. 1902. Inhalt ebenfalls teilw. identisch mit dem „Haus in der Sonne“.

=SPADARFVET= („Bei uns auf dem Lande“). 24 farb. Bilder mit Text u. Textillustrationen. 1906.

=ÅT SOLSIDEN= („Laßt Licht herein“). 32 farb. Bilder mit Text u. Textillustrationen. 1910.

=ANDRAS BARN= („Anderer Leute Kinder“). 32 farb. Bilder mit Text u. Textillustrationen. 1913.

Die große ~Original-Radierung~ Emil Ernst Heinsdorff’s: „=IN MEMORIAM CARL LARSSON=“, nach welcher für dieses Buch die gegenstehende kleine Zeichnung vom Künstler geschaffen wurde, ist im Verlage Karl Robert Langewiesche, Königstein im Taunus erschienen. ~Platten~größe 31 : 45 cm. 25 Vorzugsdrucke auf van Geldern, numeriert 1-25, vom Künstler handschriftlich signiert, in Schweden je 30 Kronen, in Dänemark und Norwegen je 36 Kronen. Die weiteren Abzüge auf Bütten, vom Künstler ebenfalls handschriftlich signiert, in Schweden je 15 Kronen, in Dänemark und Norwegen je 18 Kronen.

E. E. L. U. E. E. H.

1908. 27. Oktober. 1909.

Wer den Menschen zeigt, wie sie ein reines, schönes und heldenhaftes Leben führen können inmitten aller Armseligkeit unserer Städte und Dörfer; wer sie lehrt, ihr Brot zu essen und der Ruhe zu genießen und mit Menschen umzugehen, ohne daß man sich nachher schämen muß, der wird dem Menschenleben seinen Glanz wiedergeben, und sein Name wird in der Geschichte wertgehalten werden.

Ralph Waldo Emerson

_Sundborn, am Heiligabend 1898._

Gerade am Heiligabend, und gerade hier in Sundborn will ich diesen Text zu den Bildern aus meinem lieben Heim in Dalekarlien beginnen. Ich denke dadurch etwas Weihnachtsstimmung hereinzubekommen und Dich, lieber Leser und Beschauer, in Deiner frohesten Stimmung anzutreffen. Um es so wagen zu können, Dich für mich und das Meine zu interessieren.

Ich habe Dich ja so lieb! Du wirst bald merken, daß es gerade das Interesse dafür, wie Du es hast, ist, welches mich veranlaßt, die hier vorliegenden Bilder herausgeben zu lassen. Nimm es nun auf, wie Du willst, jedenfalls, ich ~muß~ sie Dir zeigen. Sei mein Freund! Dann wirst Du mich weniger anmaßend, und meine Betrachtungen weniger sentimental finden.

Also! Wenn ich jetzt so bei Dir an Deine Stimmung appelliere, muß ich gestehen, daß ich selbst ein klein wenig mißgestimmt bin, denn, bei näherer Betrachtung sehe ich soeben, daß meine Kinder viel zu viel „Julklapps“ bekommen. Damit werden sie verwöhnt und ~das~ ist nicht gut. Ich erhielt während meiner ganzen Kindheit nur ein einziges Weihnachtsgeschenk, das aber war mir zeitlebens von Nutzen, denn aus ihm erwuchs in meinem kleinen, vertrockneten Herzen die Tugend der Dankbarkeit:

Vater, Mutter und ich saßen eines Heiligabends in dem einzigen Zimmer, welches wir besaßen, vor dem Kaminfeuer. Viel Armut war darin zu finden, aber keine Mißgunst. Mutter betrachtete die sogenannten „besseren“ Leute, als seien sie in der Tat so etwas wie höhere Wesen, denen es ganz selbstverständlich gut gehen müsse, Vater dagegen fand alles um sich herum so ausgezeichnet, wie es nicht besser hätte sein können; und wäre er plötzlich -- na, sagen wir mal -- zum Staatsminister ernannt worden, so würde ihn „diese kleine Veränderung“ weder erstaunt, noch sonderlich beglückt haben.

Weil uns so gänzlich alles Weihnachtliche fehlte, so fing der Vater, wohl in der Absicht, uns dennoch etwas in Weihnachtsstimmung zu versetzen, an, von seiner Heimat in Sörmland zu erzählen. Er erzählte, wie ~wir~ im fünfzehnten Jahrhundert den Bauernhof „Hammarby“ gegen „Klein-Löfhulta“ eingetauscht hatten: „Von der alten Fräulein Lillie“ sagte er so ruhig, als sei es gestern gewesen. Von wem er es selbst wußte, weiß ich nicht. Er erzählte weiter, daß der See früher bis zu der uralten Kirche reichte und meinte, das sei ihm auch ganz klar, weil er einst, noch als kleiner Knabe, dort einen, in einen Stein festgenieteten eisernen Ring gefunden habe, einen solchen, an dem Schiffe festgekettet wurden, so daß ja als sicher anzunehmen sei, daß unsere Vorfahren Wikinger gewesen wären.

(Diese anmutige, behende Art, seine Vorfahren anzudeuten, hat eine gewisse Ähnlichkeit mit der grundlegenden Absicht dieses Buches. Auch dieses soll dartun, wie beim schwedischen Bauern die Anhänglichkeit an Heimat und Scholle zu tief wurzelt, als daß es möglich wäre, sie selbst durch den neuesten amerikanischen Patentpflug auszuroden.)

Während er noch so halblaut plauderte, tat sich die Tür ein wenig auf, um dann sofort wieder zuzuschlagen. Aber ich hatte doch gehört, daß etwas hereingeworfen wurde, und meinen Augen war das Vorüberhuschen des Rockes einer Dragoneruniform nicht entgangen.

Auf dem Fußboden lag ein kleines Paket mit der Aufschrift „Carl“ und es enthielt ein Bonbon, ein stattliches Bonbon, ein königliches, mit Fransen aus Seidenpapier und mit einem, in Spiralform darauf geklebten Vers. Es war ein Begräbnis-Bonbon. Und deshalb war der Vers sehr trostreich.

Seitdem steht der Name von Sergeant Erbsmann mit goldenen Lettern in flammender Schrift auf der reinsten Seite meiner Erinnerungen.

* * * * *

Und jetzt sitze ich selbst und verteile Weihnachtsgaben im eigenen Nest. In diesem Nest, von dem ich erzählen will.

Zunächst etwas darüber, wie es mein wurde.

Vor einigen Jahren machten mein Schwiegervater und ich eine kleine Reise nach Dalarna, um Siljan herum. Dann aber führte uns ein kleiner Abstecher nach dem Heimatort meines Schwiegervaters, Sundborn, wo zwei alte Schwestern von ihm in einem ihm gehörenden Häuschen wohnten.

Es war ein kleiner, häßlicher, unansehnlicher, auf einem Schlackenhügel gelegener Bau. Man nannte ihn „Klein-Hyttenäs“, zum Unterschiede von dem, dem Nachbarn gehörenden „großen“ Hyttenäs. -- Das bißchen Erde, auf dem Kartoffeln gebaut wurden, war von anderswo hierher gebracht worden, und nur eine Hand voll Lehm ermöglichte es einigen Fliedersträuchern, den Duft und die Pracht Persiens über das Ganze zu verbreiten. Das Hüttlein steht unweit derjenigen Stelle, wo der Sundbornsbach eine Biegung macht, und wo er sich eine Kleinigkeit erweitert. Ein schmaler, abschüssiger Fußpfad führt unmittelbar zum Wasser, und dort liegt ein alter Nachen, um anzudeuten, daß hier „der Hafen“ sei. Neun schlanke Birken hatten unaufgefordert in der Schlacke Fuß, d. h. Wurzeln, gefaßt und sie machten in der Tat nicht den Eindruck, als litten sie hier unter Langerweile. Auch den beiden Alten konnte man keine Not ansehen. Zwei Muster von Ordnung. Und hatten doch nicht mehr, als sie so gerade zum Leben brauchten. Im Hause war alles sauber und nett. Die Möbel vom einfachsten Schlage, altmodisch und haltbar, ein Erbstück ihrer Eltern, die auf einem Gut in der Nähe gewohnt hatten.

An dieser Stätte überfiel mich das herrliche Gefühl der Abgeschiedenheit vom Lärm und Getriebe der großen Welt, so, wie ich es nur einmal vorher empfunden hatte. Und das war in einem ~französischen~ Bauernhof gewesen.

Als mein Schwiegervater mir daher vorschlug, mir im selben Dorf ein nicht zu großes Gut zu kaufen, lehnte ich mit absoluter Bestimmtheit ab, und begründete das, indem ich ihm erklärte, daß sich nur etwas, was diesem kleinen Idyll gleiche, für einen Künstler eignen würde.

Einige Jahre später starb die eine der Schwestern. Die andere mochte nicht allein so einsam wohnen bleiben, und da erinnerte sich mein Schwiegervater meiner damaligen Äußerung, und schenkte mir das Haus mit allem, was darin war.

Dafür soll er bedankt sein! Es tut mir in der Seele leid, daß dieser Ehrenmann starb, ehe er sehen konnte, wieviel Segen seine Gabe brachte. Denn sie hat viel zu unserm Glück beigetragen. Dort ist gezimmert und gemauert worden, jeden Sommer, soweit die Zeit und der Geldbeutel es zuließen. Meine Arbeit floß so leicht, ich hätte fast gesagt im Takt mit den Axtschlägen und dem Hämmern der Zimmerleute aus dem Dorf. Jedes Brett, jeder Nagel, jeder Wochenlohn kostete mich einen kummervollen Seufzer, aber ich dachte, kommt Zeit, kommt Rat. Das Haus ~mußte~ ich so haben, genau so, wie ich haben ~wollte~, sonst hätte ich mich nie darin wohl gefühlt, und daß meine Arbeit darunter hätte leiden müssen, war mir klar.

Das Ergebnis dieser Umgestaltung meiner Hütte ist es, welches ich Euch zeigen will. Euch, die Ihr zum Teil größere Landhäuser besitzen möget als ich. Zum Teil vielleicht auch nur Luftschlösser. Es geschieht nicht in eitler Absicht, zu zeigen, wie ich es habe, sondern weil ich meine, hierbei so verständig zuwege gegangen zu sein, daß es, wie ich glaube, als -- soll ich riskieren, es geradeaus zu sagen? -- ~Vorbild~ dienen könnte -- (so, jetzt ist es raus!) für Viele, welche das Bedürfnis haben, ihr Heim in netter Weise einzurichten.

Hier ist es, ein Haus, welches nicht viele Taler wert war, und dessen Möbel noch wertloser waren. Die „Renovierung“ (klingt das nicht großartig?) wurde durch geradezu lebensgefährliche Hiebe auf das jährliche Einkommen -- welches mitunter so, manchmal aber auch anders war -- bestritten.

Und jetzt ist die Hütte fertig -- glaube ich.

* * * * *

Wenn Du dieses Hauses Schwelle betrittst, bist Du bei glücklichen Menschen. Sonst ist nichts Merkwürdiges hier, außer der Hütte selbst.

Der liebe Gott hat mich in reichstem Maße mit den guten Gaben des irdischen Lebens gesegnet. Meine Frau ist sicher einer von seinen Engeln, der meinetwegen soweit irdisch wurde, als erforderlich ist, um einem einfachen Haushalt vorzustehen und dafür zu sorgen, daß die Kinder ordentlich und sauber sind.

Doch, wenn sie, Karin, in später Dämmerstunde in einer Ecke kauert, und kaum ~mehr~ von ihr zu erkennen ist als die runden, träumenden Augen, welche still, aber tiefernst zu mir herüberblicken, so voll von ewiger, unveränderlicher Liebe, da ... da stürze ich zu ihren Füßen, berge meinen häßlichen, kahlen Kopf in ihren Schoß und fühle, wie ich mit ihr fortschwebe, still und sanft, in reine Luftschichten, in Gefilde, wo nur Friede herrscht, wo das Grün im hellsten Schimmer steht, wo eine Silberflut durch die herrlichste Landschaft flieht, wo die Luft nicht durch die ~Sonne~ erwärmt und erleuchtet wird, sondern durch Gottes, des Vaters strahlendes Lächeln.

Da wandern selige Geschöpfe in unschuldsvoller Nacktheit, schön und rein, wie die Blumen. Bei diesem oder jenem glaube ich irgend etwas wiederzufinden, irgend einen Zug, etwas, ich weiß nicht was, was ich glaube gesehen zu haben bei ... Ist es nicht? ... Ja ... nein .:: wie eigentümlich!

Die wunderbarsten Akkorde ertönen, die diese Gestalten bald zum Lächeln, bald zum Weinen bringen. Mitten in dieser Glückseligkeit sehen wir sie zu uns herabsinken und ihre Blicke fragen: „Woher? Daher? Wir waren so grenzenlos unglücklich dort, wo nur Haß und Bosheit regieren! Oder zehrende Langeweile! Und ihr, ihr lächelt das Lächeln der Seligen?“

Karin, deren Augen auch ~reden~ können, war gerade im Begriff, etwas zu antworten, worüber ich mich sicher gefreut, und was mir geschmeichelt hätte, als ein durchdringendes Heulen aus dem Jammertal uns rasch in die gute Stube zurückrief. Es war Kersti, unser jüngstes Kind, die wild schreiend hereingestürzt kam.

Da war irgend etwas, was sie haben ~wollte~. Ob es der Mond oder ein Stück Zucker war, weiß ich nicht mehr, nur, daß Karin das Gör in die Küche warf, „bis sie wieder lieb wäre“. Brita, die diese Strafe grauenhaft fand, heulte. Und Lisbeth kam herein, Laute von sich gebend, die nie enden zu wollen schienen. Bei Suzanne, die auch nur ein Mensch ist, tropften schwere Tränen auf die Schürze herunter, Ulf schluchzt nun ein für allemal ohne Grund und Ursache, und Pontus, der keine richtigen Tränen herausbringt, schneidet Gesichter -- in einer höchst unangenehmen Weise. Mitten in diesem ganzen Elend geht Lisbeth in die Küche heraus, kommt mit Kersti an der Hand zurück, und führt sie mit festem Schritt und den Blick streng und resolut auf uns gerichtet, zu ihrem Platz am Eßtisch.

Es war nämlich Abendbrotszeit. Niemand wagte, die Sache weiter zu berühren -- denn Lisbeth ist ein Charakter. Nach kaum fünf Minuten strahlt die ganze Familie in Glück, Friede und Einvernehmen. Kersti fragt, ob Papa ein von ihr gedichtetes, schönes Lied hören will, ähnlich wie sie immer zu dichten pflegt:

„Und der Kuckuck er ruft, auf der Wiese so blau.“

Jetzt küßte ich Karin vor all den Gören. Mögen sie denken, was sie wollen.

* * * * *

Einst sagte ich in einem verzweifelten Augenblick meines Lebens zu mir selbst: „Es muß doch spaßhaft sein, weiter zu leben, um zu sehen, wie es später wird.“

Seitdem sind zwanzig Jahre vergangen.

Als ich einst einem guten Freund, Kamerad und ehemaligen Schüler die Bilder dieses Buches zeigte, sagte er: „Du hast das Rätsel des Lebens gelöst!“ Das verstand ich nicht sogleich, aber einige Jahre später schlug ich mir mit der Hand vor den Kopf und sagte: „Ja, das hab ich!“ Und zwar als ich mich verheiratete!

Wenn -- o, möge es so werden! -- die verheirateten Leute ein klein wenig Freude an diesem Buche haben, so soll es andererseits den Unverheirateten zum großen Nutzen dienen!

Junggeselle! Es gilt das Leben! Löse eine Fahrkarte nach Falun. Dort wirst Du von Johann und meinem kleinen wohlgenährten „Braune“ abgeholt. Nachher darfst Du ganz ungestört in meiner ländlichen Equipage sitzen und Dich der schönen Landschaft von Dalarna erfreuen, die Du durchfährst. Da die Fahrt wenigstens ein und eine viertel Stunde dauert, hast Du Zeit genug. Du darfst Dich mit Johann unterhalten und erfährst, daß Du „Sveden“ berührst, den Ort, wo Svedenborg geboren wurde, und wo Linné seine Hochzeit mit Sara Morea feierte. Dann fährst Du hinauf und herunter über ein paar langgestreckte Hügel, und wenn Du ein praktischer Mann bist, so wirst Du Dich über die gut gepflegten Wälder freuen oder darüber, wie gleichmäßig und schön der Hafer steht. Bist Du aber eine gefühlvolle Seele, so luge hinein zwischen die Baumstämme und erfrische Dein an Staub gewöhntes Auge, indem Du Dir den mit weichem Moos bewachsenen Waldboden ansiehst, auf dem die kleinen Elfen sich tummeln und tanzen zwischen dem Preißelbeerkraut und den Waldblumen. (Dies aber geschieht erst spät am Tage.)

Dann kommst Du (vorbei am Krokfors -- dem Anwesen, auf dem die letzten drei Generationen der Vorfahren meiner Frau lebten --) zum Bach herunter, der Dir murmelnd zuruft: „Eile Dich doch, sie warten auf Dich mit dem Essen.“

Endlich poltert der Wagen über die Brücke in das Kirchdorf Sundborn.

Unter Euch braust der Fluß, der die Holzflöße nach Korsnäs und Runn herunterbringt.

Der Wagen holpert herein zwischen altem Gerümpel und dampfenden Düngerhaufen, über des Nachbars Hof durch die kleine grüne Gartenpforte, die Hühner, halb besinnungslos, aus ihrem Mittagsschlaf aufschreckend.

Johann hält vor der Veranda, wo Kapo, der Ordnung halber, etwas knurrt, aber Euch gleich den Rücken kehrt, um seinen Freund Braune zu begrüßen. Dann machst Du es genau so, wie alle andern Leute, anstatt uns zu umarmen, stehst Du und begaffst die Wandmalereien über dem Schrank, worin die Feuerspritze verborgen ist, und mit mildem Gesichtsausdruck liest Du den lieblichen Vers über der Haustüre:

„Sei willkommen, Lieber Du, Bei Carl Larsson und seiner Fru!“

* * * * *

Nun gehst Du in einen kleinen Vorplatz hinein, wo es Dir kaum möglich sein wird, zwischen all den Kindersachen einen Haken ausfindig zu machen, auf dem Dein Überzieher Platz hätte. Wirf ihn Helena zu, sie wird ihn Dir irgendwo hinlegen, wo Du ihn nie wiederfindest.

Du wirfst einen Blick auf Dein angenehmes Gesicht im Spiegel, „striegelst“ Dein Haar mit der Bürste, und entledigst Dich durch Stampfen des äußerlichen Schmutzes dieser sündhaften Welt. Du wählst eine der drei Türen. Natürlich die, die zum Eßzimmer führt. Du machst sie auf und begegnest einem „Gottes Friede“, das an der Wand geschrieben steht.

Durch die Glastüren des Schrankes siehst Du all das Tischgerät blinken und strahlen. Auf dem Büfett stehen Reihen von Flaschen und Krügen, die eine Auswahl Deiner Lieblingsgetränke enthalten. Karin kann dies nicht leiden, aber ich finde immer, daß es so gediegen und solide aussieht. Über dem Schrank hängen drei Teller, bemalt von Liljefors und Kreuger.

Jetzt ist der Tisch gedeckt, die Kinder stehen ungeduldig wartend hinter den Stühlen und Dein Platz neben mir auf dem Sofa erwartet Dich.

Ulf betet salbungsvoll (wir glauben, daß er mal Prediger wird):

„Gott, gib jedem Kinde seine Nahrung, fleißigen Männern und Frauen ebenfalls!“

Da Du ein sehr fleißiger Mensch bist, so ißt Du dementsprechend. Und darüber freuen wir uns alle. Du genießest, was das Haus zu bieten vermag, und obwohl dieses oder jenes anders ist, als Du es gewohnt bist, läßt Du es Dir gut schmecken, und daran tust Du recht. Jeden Sonntag essen wir zum Frühstück sogenannte „Flottmölja“, hier in Dalarna ein allgemein bekanntes Gericht, bestehend aus in Milch gekochtem „Knäckebröd“, gemengt mit einer Sauce aus Ziegenkäse und Gott weiß, was die Köchin alles hineingetan hat. Als Fleisch ißt man gebratenen Speck dazu oder ebensolchen grünen Hering.

Aber es kann auch sein, daß man Dich mit einem Essen anzuführen versucht, welches auf italienische Manier zubereitet ist. Dieses lernten die Frauen von der Signora Bellio, als sie sich mal einige Wochen hier oben bei uns ausruhte. Und Du bekommst Zwiebeln zum Hammelbraten auf französische Art. Du darfst Gesichter schneiden so viel Du Lust hast, aber muckse Dich nicht! Bei uns ~sollst Du unser~ Essen haben. Damit basta! Ich war kürzlich bei einem sehr netten jungverheirateten Ehepaar eingeladen; bei dem Abendessen hörte ich jemand sagen: „Es ist keine Frage, daß die junge Frau gut kocht, wenn sie bloß die verwünschte Muskatblüte weglassen möchte beim Spinat.“ Nein sie ~soll~ gerade dies Gewürz in ~ihrem~ Essen haben, ebenso wie sie in allen andern Dingen ihren eigenen Geschmack haben sollen, geradeso, wie ihr eigenes Wesen, so daß man auch merkt, daß man bei ~ihnen~ ist. Nur wenn das Essen nicht sauber oder nicht mit Sorgfalt zubereitet ist, oder nicht mit einem freudigen Herzen dargeboten wird --, dann darfst Du Dich beschweren.

Übrigens -- da von Essen und Trinken die Rede ist: -- fanden wir da kürzlich ein altes Buch mit dem schönen Titel „Adelige Übungen, viertes Heft, mit dazugehörigen Kupferstichen, gedruckt in dem Sal der Königlichen Buchdruckerei. Niclas Wankyfs Druckerei. Anno 1690“. Darin stehet zu lesen: „~Usus Globorum~, das heißt: Den Nutzen, den man von den Globen in der Astronomie und der Geographie hat: Von Skantz Oeconomia oder Wirtschafts- und Landwirtschaftsbuch: Ärztebuch, Gartenbuch und zuletzt Kochbuch.“

Karin beabsichtigt, Dir nach einem Rezept des letzteren ein Gericht zu kochen. Das Rezept ist folgendes:

„~Kraft-Brühe.~ Nimm 3 Rebhühner, 2 Kapaune, das Viertel eines Schafes, eine Kalbskeule, schneide von allen das Fett ab, zerschlage die Knochen der Vögel, lege alles zusammen in eine Zinn- oder Kupferflasche, ohne irgendwelche Flüssigkeit, tue den Deckel fest darauf und verklebe ihn mit Brotteig. Laß das Ganze in einem Kessel voll Wasser kochen, sieh aber zu, daß der Deckel der Flasche nicht ins Wasser kommt. Wenn man nicht alles verderben lassen will, nimm die Flasche heraus, wenn es 12 Stunden gekocht hat, siebe es durch ein Leinentuch und drücke den Saft gut aus.“

Karin meint, daß es im ganzen einen Teller Suppe geben wird: aber wenn Du diese Suppe erst verzehrt hast, denke ich, wirst Du heben können, was Du willst, wenn es auch noch so schwer wäre. Sicherlich wirst Du leise in das Tischgebet einstimmen:

„~Gestärkt~ verlasse ich den Tisch, hab’ Dank, o guter Vater.“

* * * * *

Wenn die Kinder im Bett waren und die Dienstmädchen sich auf ihr Kämmerchen neben der Waschküche verzogen hatten, pflegten Karin und ich uns im Eßzimmer besonders wohl zu fühlen. Ich las ihr etwas vor, während sie die Löcher und Risse flickte, die im Laufe des Tages in den verschiedenen Kleidungsstücken der Gören entstanden waren. Jetzt, seitdem ich ein gar zu unwohnliches Garderobenzimmer zu einer Art Atelier umgemodelt habe, sitzen wir meistens dort. Es liegt in einer Reihe mit den beiden Schlafzimmern, und von da aus kann Karin ihre Kleinen hören, wenn sie aufwachen und eines beruhigenden Wortes, eines Kusses oder einer Abreibung bedürfen, sofern ihnen zu heiß ist, um einschlafen zu können.

An den sonnigen, regenfreien Tagen essen wir unter der großen Birke hinter dem Wohnhaus. Weißt Du, diese Birke ist das schönste von allem! Wenn dieser Baum nicht wäre, hätte die ganze Besitzung gar keinen Wert für mich. Er gibt einen so herrlichen Schatten, und es ist dort gerade so ein ganz klein wenig zugig, so viel, daß sich weder Mücken noch Motten dort wohlfühlen.

Die Manieren sind dort noch ungezwungener, und die Kleinen mit den bloßen Füßchen verzehren dicke Milch mit einem Eifer, der himmlisch ist. Und wie sie sich unterhalten und herumtummeln! Wenn Karin jemand klar machen will, wie wundernett es ist, sich mit der munteren Schar abzugeben, pflegt sie mit leuchtenden Augen, voll Überzeugung zu sagen: „Es macht viel, viel mehr Spaß, als ins Theater zu gehen!“

Als ich heute mit hausväterlicher Würde zwischen ihnen saß und so erbaulich wie möglich versuchte, ihnen auseinanderzusetzen, daß es Gottes Fügung war, daß der einfache Soldat Bernadotte aus Pau König von Schweden und Norwegen wurde, und daß dies sicher auf einem Blatt im Buche des Schicksals vorher bestimmt gewesen sei, sagte Lisbeth mit einer unnachahmlichen Schulterbewegung: „König? Ah, man verheiratet sich ganz einfach mit einer Prinzessin und die Sache ist fertig!“