Part 11
Hätte Peter vor einem Jahre mit einem Mann wie Clas Mattens eine Fahrt über die Heide gemacht, so würde er mit Kunst und Tücke das Wort an sich gerissen und belehrende Vorträge über wer weiß was für abliegende Dinge gehalten haben. Denn damals hielt er sich wegen seines bißchens Bücherweisheit für »gebildet« und verpflichtet, andere zu bilden und zu belehren. Heute aber hielt er den Mund, hörte zu und fragte. Denn er war jetzt gebildet genug, um einzusehen, daß auch ein Schulmeister, der ein gutes Abgangszeugnis vom Seminar in der Tasche hat, noch nicht alle Weisheit mit Löffeln gefressen hat, daß er noch tüchtig lernen mußte und sich auch nichts vergab, wenn er von einem Bauern lernte. Er war gebildet genug, um die Welt des gefestigten, auf seine Scholle und Arbeit stolzen Bauerntums als eine ganze und reiche Welt zu empfinden, die es durchaus nicht nötig hatte, sich vor der Welt der Bildung und Bücher, in die er selbst ein wenig hineingerochen hatte, schamhaft zu verkriechen. Und er war gebildet genug, um einzusehen, daß er an diese Welt, in der er ja auch leben sollte, wieder mehr Anschluß suchen mußte, daß neben dem, was in den Büchern stand, auch das ihn umgebende Leben Beachtung verdiente. So machte er denn während dieser Fahrt Ohren und Augen weit auf und war des Bauern lernbegieriger Schüler.
Es kam bei diesen Gesprächen zwischen Bauer und Schulmeister zufällig heraus, daß Clas Mattens nicht schreiben und nur mangelhaft lesen konnte. Peter kannte ja viele, die statt ihres Namens drei Kreuze machten. Aber bei Mattens wunderte ihn das doch, und er sagte: »Dat harr ick nich dacht.« »Jawoll,« lachte der Alte, »ji Scholmester bild't jo jümmer in, wenn da'n düchdigen Keerl is, de in de Welt paßt und sinen Kram versteiht, denn harrt ji dat Meiste darto dan. Kinners, Kinners, 't hett all Keerls in de Welt geben, as noch keen Scholmester de Jungs de Böxen stramm tög.«
Nach einer Fahrt von vier Stunden langte das Gefährt vor Harm Eggers' Häuslingskate an. Als Peter innerlich auf alles gefaßt und gegen alles gewappnet, in die Tür trat, hörte er den Vater in der Stube laut schnarchen. Seine jüngste Schwester erzählte ihm eifrig, er wäre dun[23] nach Hause gekommen und hätte von Muttern schreckliche Prügel gekriegt. Sie zeigte ihm auch lachend den Stock, der in der Ecke stand. Die Mutter wäre auf der Nachbarschaft zum Waschen. Peter raffte in größter Eile seine Sachen zusammen, trug sie auf den Wagen, sprang selbst hinauf und bat Mattens, davonzufahren.
»Wat? Nich mal'n Tass' Kaffee kakt uns din' Mudder? Dar harr ick mi bannig up spitzt.«
»Se is nich to Hus,« sagte Peter kurz.
Auf der Rückfahrt kauften sie in einem Flecken, was sie für die erste Einrichtung für nötig hielten. In ihren Ansichten darüber stimmten sie bis auf einen Punkt überein. Der Bauer meinte, Peter könne sich wenigstens den Sommer über ganz gut draußen am Hofbrunnen waschen und brauchte kein Waschgeschirr. Aber Peter, der an diesen Luxus von Wehlingen und vom Seminar her gewöhnt war, wollte nicht gern auf ihn verzichten. Mattens meinte, die Schulmeister würden immer großartiger, und man wüßte nicht, wo das schließlich noch hinaus sollte, gab aber endlich doch nach.
Es ging bereits gegen Abend, als sie wieder zu Hause anlangten. Der Bauer half dem jungen Schulmeister, die Siebensachen abzuladen und ins Haus zu schaffen. »So,« sagte er, als sie damit fertig waren, »nu mak he sick man allens fein to Schick, und adjüs ok.« Dann hängte er in die Stränge ein und zog mit seinem Gespann ab.
Peter stand in seiner Stube zwischen seinem Hausrat. Jetzt war's wirklich eine kleine Aussteuer. Da kam ihm plötzlich die Erinnerung, wie Schulmeister Wencke in Wehlingen ihn vor drei Jahren auf seine Kammer geführt und gesagt hatte: »So, nun mach's dir nur gemütlich in deinem Heim.« Wehmütig dachte er daran, mit was für einem jäh erwachenden Heimgefühl er damals von dem Dachstübchen Besitz ergriffen hatte. Von dem Glück und Jubel jener Stunden war er heute weit entfernt. So konnte er sich überhaupt nicht mehr freuen. Aber froh war er doch, daß er nun wieder ein eigenes Heim hatte. Das enge Zusammenleben mit innerlich ihm fremden Altersgenossen, wie das Seminar es mit sich gebracht hatte, war ihm zuletzt fast unerträglich geworden. Es mochte ja zuerst ganz heilsam für ihn gewesen sein. Aber im Grunde war er doch einer der Menschen, deren Bestes nur in der Stille und Einsamkeit reift, und denen es darum einfach Lebensbedürfnis ist, oft und viel allein zu sein. Das war ja nun im Soltener Schulhause wieder möglich. Und darüber freute er sich.
Er machte sich an die Einrichtung seines Zimmers. Denn gemütlich sollte es hier auch werden.
Die schwierigste Arbeit nahm er zuerst in Angriff: das Bettmachen. Da sie hierfür nur Oberbett und Kissen gekauft hatten -- ein Laken hatte Frau Mattens aus ihrem Leinenschatz hergegeben und mäßig verrechnet -- so brauchte Peter Stroh, um die Butze aufzufüllen und sich eine weiche Unterlage zu bereiten. Er ging in das Bauernhaus, auf dessen Hof die Schule lag, und bat darum. Swiebertsbauer war glücklicherweise nicht zu Hause. Wahrscheinlich hätte er Peter auf das nächste Bauernmal vertröstet, wo beschlossen werden könnte, welche Höfe je ein Bund Stroh für das Bett des Schulmeisters zu liefern hätten. Die Bäuerin aber war menschenfreundlicher. Sie kommandierte ihre Magd, das nötige Stroh nach dem Schulhause hinüberzutragen und dem Schulmeister auch gleich das Bett fertigzumachen. »So'n Mannsminsch kennt dar doch nix von,« sagte sie.
Als die Magd nach Ausführung ihres Auftrages gegangen war, fuhr Peter mit dem Einrichten fort. Die Geige, sein wertvollstes Besitztum, stellte er auf den niedrigen Beilegerofen, dessen Eisenplatten zweimal mit dem »Fräuwlein von Samaria« und einmal mit Christi Taufe geschmückt waren. Den gekauften Tisch stellte er an die Längswand und baute seine Bücher an dieser auf. Die Wände waren gänzlich kahl, und gerade über dem Tische war ein Stück Bewurf abgefallen. Aber Peter besaß ein Mittel, diesen Schönheitsfehler zu verdecken und der kahlen Fläche einigen Schmuck zu verleihen. In der Seminarstadt hatte er sich einmal bei einem Althändler für wenige Groschen ein paar ungerahmte Bilderblätter gekauft. Die brachte er mit kleinen Nägeln über seinem Tische an. Das eine Blatt zeigte das Bild eines alten Mannes mit tiefgefurchten Zügen und wallendem Barte, der einsam auf seinem Lager saß und das Haupt auf eine vor ihm stehende Harfe gestützt hielt, auf deren Saiten seine welken Finger leise Töne zu greifen schienen. Darunter standen die Worte:
Wer nie sein Brot mit Tränen aß, Wer nie die kummervollen Nächte Auf seinem Bette weinend saß, Der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte.
Wegen dieser Worte vor allem, die er zum erstenmal an jenem glücklichsten Tage seines Lebens gelesen hatte, als seine Seele eben mit Goethes Mailied gejubelt hatte, war ihm dieses Bild in dem Fenster des Antiquars so lieb geworden, daß er es sich endlich kaufen mußte. Und da hatte der Mann ihm gleich ein anderes Bild gezeigt, das dazu gehöre, und er hatte sich dieses auch gekauft. Da stand ein Mädchen in langem, weißem Kleide, halb Kind, halb Jungfrau, an eine Säule gelehnt und schaute mit schmerzlich sehnsüchtigem Blicke in die Weite. Darunter stand:
So laßt mich scheinen, bis ich werde; Zieht mir das weiße Kleid nicht aus! Ich eile von der schönen Erde Hinab in jenes feste Haus.
Als Peter mit dem Einräumen seines Zimmers fertig war, setzte er sich an seinen Tisch, stützte den Kopf in die Hände, sah gerade vor sich auf seine Bilder und ihre Verse, und verfiel in tiefes Sinnen.
Tränenbrot und durchweinte, kummervolle Nächte ... ja, er selbst kannte sie auch, so jung er war gegen den Alten auf dem Bilde ...
Der alte Harfenspieler hatte durch sie die himmlischen Mächte kennen gelernt. Konnte er das auch von sich sagen? ... Nein. Im Gegenteil. Vorher hatte er von Gott -- so setzte er stillschweigend für die himmlischen Mächte ein -- gewußt und ohne Bedenken und Zweifel, aber freilich, auch ohne sich viele Gedanken zu machen, über ihn gelehrt. Das war so leicht gewesen. Es stand ja alles fertig im Katechismus und in der Bibel. Dann hatte er in jener Verzweiflungsnacht zu Gott geschrien und keine Antwort bekommen, keine Erhörung gefunden. Seitdem fühlte er im Unterricht manchmal etwas wie ein böses Gewissen, wenn er von ihm lehrte. Aber er beruhigte sich: Wir Schulmeister müssen's alle, es steht einmal in den alten Büchern so drin, und Religion ist immer gewesen und muß auch sein.
Und doch waren auch wieder Stunden in seinem Leben, in denen er das Gefühl gehabt hatte, als ob er jetzt, nachdem er den Gott seiner kindlichen Vorstellungen verloren, erst auf dem Wege wäre, Gott von ferne zu ahnen, ihn vielleicht einmal zu kennen; als ob er sein Liebesglück und Liebesleid, seine Jubelstunden und seine durchweinten Nächte einbeziehen könnte, ja müßte, in einen verborgenen Liebeswillen, der geheimnisvoll über seinem Leben waltete. Selten waren solche Stunden, und es waren auch dann nur Ahnungen, die ganz leise und heimlich durch seine Seele zogen. Die entgegengesetzte Stimmung, daß er mit einem blinden, grausamen Geschick haderte, daß er sich dumpf und stumpf unter etwas Unabänderliches zu beugen suchte, hatte die Vorherrschaft ... Der Harfenspieler war ein alter Mann. Vielleicht hatte der auch nicht immer so an seine Leiden und Schmerzensnächte gedacht, so voll stiller Ergebung, ja voll Dankbarkeit für das, was solche Zeiten ihm gegeben. Das kam vielleicht erst mit den Jahren ...
Peter ließ seine Augen auf dem zweiten Bilde ruhen. Von dessen Versen hatte er bislang überhaupt nichts verstanden. Es war ihm lieb geworden, weil das weiße Kleid des Kindes und ein leiser Zug in ihrem Gesicht ihn an seine Tote erinnerte. Und bei dem festen Hause hatte er ganz unbestimmt an das goldene Tor gedacht. Wie er nun so in stillem Sinnen hinschaute, haftete sein Auge an einem kleinen Wörtlein: So laßt mich scheinen, bis ich ~werde~ ... Werden ... Werden ... ~Was~ werden? Das stand da nicht ... Nur: werden ... Wie er darüber nachdachte, wollte es ihm plötzlich scheinen, als sei in diesem schlichten Wörtlein sein ganzes Jugendsehnen auf das kürzeste und treffendste ausgedrückt. Nicht, was so an der Oberfläche getrieben hatte: Hauptseminar und Küsterstelle usw., sondern das, was in der Tiefe geströmt und jene Wünsche getragen hatte. Und es kam ihm die Erinnerung an eine Frühlingszeit seines Lebens, da er dieses Werdens mit seligen Schauern selber inne geworden war. Aber dann waren ja wieder Zeiten gekommen, in denen er die Empfindung hatte, als ob alles in ihm tot und still läge. Nun stand dieses Wort vom Werden über seinem Schreibtisch, und er wollte es als eine freundliche Verheißung nehmen, daß das Werden doch noch nicht aufgehört habe, daß die alte Sehnsucht noch Erfüllung finden könnte.
Die beiden Bilder hingen nebeneinander. Und der Antiquar hatte ihm beim Kauf gesagt, daß sie eng zusammengehörten. Er hatte auch irgend eine Geschichte erzählt, die das beweisen sollte. Die war ihm aber entfallen, wenn er sie überhaupt recht aufgefaßt hatte.
Ja, vielleicht gehörte, auch ohne diese besondere Geschichte, überhaupt im Leben, alles dieses zusammen: Die kummervollen Nächte und das Tränenbrot und das Werden, die schöne Erde und das feste Haus und das goldene Tor; das Suchen und Sehnen, das Weinen und Verzweifeln, das Wachsen und Werden, und ... Gott ...
Es war etwas in ihm, was sich nach Aussprache sehnte. Da nahm er seine Geige. Den Blick auf den Harfenspieler gerichtet, begann er zu spielen, schmerzvoll klagende Weisen mit einem leisen Unterton der Ergebung, wie sie der Alte einst seiner Harfe entlockt haben mochte. Dann wandte er sich dem andern Bilde zu und zog lange, süße, innige Töne. Tränen füllten seine Augen, und mit den umflorten Blicken sah er in Mignons Bild das Bild seiner teuren Toten. Da packte ihn ein wilder Schmerz, und schrill und scharf zog er mit dem Bogen über die Saiten. Dann schaute er wieder auf den zum Frieden gekommenen Alten, strich allmählich ruhiger, und ging zuletzt in Händels Largo über, das ihm von allen Tonstücken, die er kannte, das liebste war. Er stand jetzt vor dem Fenster, und sein Blick flog zu dem Stückchen Himmel auf, das zwischen der Schule und dem nahen Bauernhause sichtbar war.
* * * * *
Am nächsten Tage fing Peter an, sich in Solten herumzuessen. Das Dorf zählte sieben Halbhöfe, und jeder hatte die Verpflichtung, einen Tag der Woche den Schulmeister zu Mittag und Abend zu beköstigen. Den Morgenimbiß nahm er zu Hause ein, und traf mit einer benachbarten Häuslingsfrau, der er auch die Wartung seines Zimmers übergab, das Abkommen, daß sie ihm durch eins ihrer Kinder dazu einen Becher frischgemolkener Ziegenmilch herüberschickte.
Da Peter jetzt des Willens war, die Welt, in der er lebte, und das ihn umgebende Leben kennenzulernen, so war ihm der Reihetisch ganz lieb. Denn dazu bot er ja die beste Gelegenheit, die sich nur denken ließ. Wenn er des Mittags mit hungrigem Magen auszog, kam er sich fast wie ein Entdeckungsreisender vor und hielt Augen und Ohren offen. Er versuchte von dem Aussehen der Häuser auf ihre Bewohner, von dem Vieh auf die Menschen, von den Menschen auf das Vieh, von den Eltern auf die Kinder, von den Kindern auf die Eltern zu schließen, er verglich, stellte Betrachtungen an, kurz, er studierte das Leben und die Menschen. Was die Hofbesitzer betraf, so fand er bald heraus, daß er gleich am ersten Tage die größten Gegensätze kennengelernt hatte: den wortkargen, stumpfen, geizigen Swiebertsbauern, und den humoristischen, klugen, noblen Mattensbauern. Frauen gab's, wie überall, ordentliche und schlampige, heitere und mürrische, gut aussehende und häßliche, mütterliche und stiefmütterliche. Von den Altenteilern hatten die einen etwas Patriarchalisches in ihrem Wesen, die andern hatte das Leben, Arbeit und Sorge müde und stumpf gemacht. Peter packte das Leben mit wachen Sinnen, und wo er's packte, da wurde es ihm interessant. Während er die Menschen beobachtete, beobachteten die Menschen ihn, und schon am Ende der Woche stand das Urteil über ihn ziemlich fest: »Wi hewwt'n lütten schönen Scholmester krägen. He is gar nich stolz, itt wat up'n Disch kummt und hett Ogen in'n Kopp.« Nur die Schulkinder, die ja demnächst am meisten mit ihm zu tun haben sollten, hielten ihr Urteil in der Schwebe. Die wollten doch lieber erst sehen, wie er sich in der Schule machen würde.
Am Sonntag ging Peter nach Brundorf zur Kirche. Er setzte sich auf den Orgelchor, woselbst der Organist ihm schlimmes Herzeleid antat. Er hatte seine Orgel schlecht in Stimmung und griff und trat mehr als einmal böse daneben. Denn er dachte: Was verstehen die dummen Bauern von Musik? Wenn's ihnen man tüchtig in die Ohren braust! Peter drehte sich einige Male herum und bearbeitete den breiten Rücken des Kollegen mit empörten Blicken. Aus dem Stadium, in dem ein Tongeräusch wie Schulmeister Wenckes Geigenkratzen Musik für ihn gewesen war, war er jetzt heraus, und die gute und gutgespielte Orgel der Hauptkirche der Seminarstadt hatte ihn verwöhnt.
Als der Superintendent auf der Kanzel erschien und seine Predigt begann, hörte Peter aufmerksam zu. Viel aufmerksamer und angestrengter, als je früher in Steinbeck und Olendorf. Denn es war nun einmal der Trieb in ihm erwacht, das Leben und die Menschen, wo und wie sie sich ihm boten, kennenzulernen. Da hatte er nun bald das Gefühl, solche Predigt könnte nur ein Mann halten, der mit Gott und der Welt, vor allem aber mit sich selbst auf das schönste zufrieden ist. Er beneidete den geistlichen Herrn und alle, die wie er das Leben im hellsten Sonnenschein liegen sahen, verklärt von der Güte eines alliebenden Vaters und von einer allgemeinen, die Welt -- wenigstens mit Worten -- umspannenden Menschenliebe. Indem er dann aber tiefer darüber nachdachte, fand er doch, die wirkliche Welt und das wirkliche Leben zu erkennen und zu verstehen, das hatte doch auch seine Vorzüge, wenn dabei auch mancher schöne Traum zerrann, und so schöne Phrasen, wie sie von der Kanzel herunterpurzelten, unmöglich wurden. Die Erkenntnis des Wirklichen empfand der junge Schulmeister, wenn er auch erst eben angefangen hatte, die Augen und Ohren aufzumachen, doch schon als eine Bereicherung des eigenen Lebens.
Wie seine Augen so auf dem glattrasierten, runden, strahlenden Gesicht des Geistlichen ruhten, sah er plötzlich neben diesem den abgehärmten, von langem weißen Bart umwallten Kopf seines alten Harfenspielers. Da mußte er die beiden nach ihrem Aussehen und nach ihren Worten vergleichen und von diesen Aeußerungen aus auf das dahinterliegende Wesen schließen. Der eine redete des langen und breiten von der Güte und Liebe eines großen Vaters über dem Sternenzelt. Der andere sprach bescheiden, fast scheu, von himmlischen Mächten. Der Mann auf der Kanzel redete von sich und seinem fröhlichen Glauben und legte dabei beteuernd vor der ganzen Gemeinde die Hand auf die breite Brust. Der alte Harfner saß allein in einer engen Zelle, auf die Harfe gestützt, und sprach, ganz für sich, wie von einem Dritten, aber in Worten, in denen des eigenen schwergeprüften Herzens Schlag zitterte ... Da fühlte der junge Schulmeister sich dem Manne auf der Kanzel fremd und fremder, und dem alten Harfenspieler immer verwandter.
Als von der Kanzel ein Ausfall gegen die Feinde des Lichts und der Aufklärung kam, mußte er an den Schuster denken, vor dem er so eindringlich gewarnt war. In Solten hatte er sonst noch nichts über den Mann gehört, als daß er gute und billige Ware liefere. Jetzt, wo der Superintendent gegen Leute seiner Art zu Felde zog, fühlte Peter beinahe etwas wie Sympathie für ihn und beschloß, trotz aller Warnung vor der damit verbundenen Gefahr, seine Bekanntschaft zu machen.
Als Peter nach beendigtem Gottesdienst sich auf den Heimweg machte, beschäftigten ihn die Gedanken, die ihm während der Predigt gekommen waren, noch immer. Dieser Superintendent gehörte ohne Zweifel zu den Menschen, die der Seminardirektor als »öde, platte, geistlose Rationalisten und Totengräber der Kirche« bezeichnet hatte. Und der letztere war ja von ersterem als »Pietist und Dunkelmann« gebrandmarkt worden. »Und welches ist ~Ihre~ religiöse Stellung?« hatte der Superintendent ihn gefragt. Peter lachte, als ihm die wunderliche Frage einfiel. Aber sofort wurde er wieder ernst. Er gestand sich, daß er jetzt, nachdem der Trieb, das Wirkliche zu erkennen, in ihm erwacht war, den Wunsch verspürte, auch über diese schweren, schwersten Fragen, die in der Schule täglich vorkamen, Klarheit zu gewinnen. Aber wie? Aus Büchern? Zu ihnen hatte er in dieser Sache wenig Vertrauen, seitdem er wußte, wie die hochstudierten Herren, die sie schrieben, einander widersprachen. Da dachte er wieder an seinen alten Harfenspieler. Der wußte von den tiefen verborgenen Kräften, die der Menschen Leben gestalten, tragen und segnen, wohl mehr als jene hochgelehrten Herren. Wo hatte er das gelernt? In der Schule des Lebens ... In der Schule der Leiden ... Ja, in der Schule der Leiden, vielleicht war da das Letzte und Tiefste und Größte zu lernen ...
»Na, lütte Scholmester,« rief hinter ihm Clas Mattens' muntere Stimme, »he hollt den Kopp ja so dal, he is woll ganz deepdenksch[24] vandag?«
Peter blieb stehen und erwartete den herankommenden Bauern.
»Hewwt wi nich'n schönen Zupperndenten?« fragte dieser, nachdem er Peter eingeholt hatte.
»Och ja,« meinte der Schulmeister, »he kann bannige Wöer[25] maken.«
»Blot eenen Fehler hett he,« sagte Mattens, »he makt ~to väl~ Wöer. He künn datsülwige in de halwe Tied seggen. Aber dat hört woll to de Gelehrsamkeit van de groten Herrns, dat se sick nich so kort befaten könnt as'n dummen Buersmann. Ick hol't mit den Spruch: 'n lange Wost[26] und'n korte Predigt, dorbi kann'n dat Winderdag und Sommerdag utholen.«
Am nächsten Morgen wurde Peter durch die Stimmen der Kinder, die sich frühzeitig vor der Schule versammelten, aus dem Schlaf geweckt. Er stand schnell auf, schloß die Schultür auf, trank seine Ziegenmilch und trat zum erstenmal vor die ihm anbefohlene Kinderschar.
Das Gesicht der Schule war das ihm von Wehlingen her vertraute: Blaue und graue Augen, hellblonde Haare, die Langköpfe weit zahlreicher als die Kurzköpfe. Der Kinder, die irgendwie von dem allgemeinen Typus abwichen, waren nur wenige. Aber ein Kind -- das sah Peter auf den ersten Blick -- machte in dieser Umgebung einen fremdartigen Eindruck. Es war ein Mädchen von etwa zwölf Jahren. Das schmale Gesichtchen war feiner geschnitten und weißer in der Farbe als die der Kameradinnen, und die dunklen Augen hatten ganz ihren eigenen Ausdruck. Peter glaubte die Gesamtheit der übrigen Kinder auf den ersten Blick ihrem Grundcharakter nach zu kennen. Es war dieselbe Art, mit der er herangewachsen war, und die er in Wehlingen zweiundeinhalb Jahre unterrichtet hatte, die ungemischte niedersächsische Rasse. Aber dieses eine Gesicht gab ihm Rätsel auf.
Peter eröffnete seine Tätigkeit als selbständiger Lehrer nach einigen Gesangversen mit einer kleinen Ansprache, in der er die Kinder zu Fleiß, Aufmerksamkeit, gesittetem Betragen und anderen Schülertugenden ermahnte und die Hoffnung aussprach, daß sie selbst es ihm möglich machen würden, den Stock nicht zu gebrauchen. Denn er schlüge höchst ungern und wäre in seiner ersten Schule beinahe ganz ohne Schläge ausgekommen. Dieser Teil seiner schönen Rede fand die größte Aufmerksamkeit seiner Zuhörer. Ein großer Bengel wechselte mit seinem Banknachbarn einen vielsagenden Blick.
Darauf begann Peter nach dem Stundenplan mit der Religionsstunde. Er wollte zunächst feststellen, was die Kinder an Memorierstoff beherrschten, und stellte Fragen aus dem Landeskatechismus. Die Kinder hatten den Text leidlich binnen, trotz des lehrerlosen Jahres, während dessen nur selten ein Schulmeister aus der Nachbarschaft zur Vertretung herübergekommen war. Aber, so oft Peter fragte, fiel es ihm auf, daß das fremdartige Mädchen nicht aufzeigte, ja, nicht einmal aufblickte. Wie verlegen saß sie da und sah vor sich nieder. Zuletzt stellte er eine ausgesucht leichte Frage und rief sie auf, obgleich sie sich wieder nicht meldete. In die Schule kam eine Bewegung, die Kinder stießen sich an, lachten, legten sich auf die Tische und wandten die Köpfe, um die Gefragte zu beobachten. Peter brachte durch ein paar energische Worte die Gesellschaft zur Ordnung und Ruhe und wandte sich dann wieder an die aufgerufene Schülerin, die mit gesenktem Kopf schweigend in der Bank stand. Er versuchte ihr zu helfen, indem er die Antwort anfing. Vergeblich. Ratlos sah er sich in der Klasse um. Da meldete sich ein anderes Mädchen, und als Peter ihr zunickte, sagte: »Lina ihr Vater will das nicht haben, daß sie den Katechismus lernt.«
»Sooo?« fragte er verwundert.
Da flog die kleine Plappertasche wieder in die Höhe und fuhr fort: »Lina ihr Vater sagt, im Katechismus steht der rechte Glaube nicht in.«
»Setz dich und halt deinen Mund!« sagte Peter ärgerlich.
»Was ist dein Vater?« fragte er freundlich das Kind, das noch immer stand und jetzt rot übergossen war.
»Schuhmacher,« war die schüchtern gegebene Antwort.
Die Plappertasche zeigte wieder eifrig den Finger, wobei sie dem Schulmeister den Arm entgegenzuckte und sich über die Bank warf.
»Was willst du denn nur?« fragte Peter ärgerlich.
»Lina ihr Vater ist ein Fremder, er ist ...«
»Wenn du dich noch einmal um Sachen kümmerst, die dich nichts angehen, stelle ich dich dort in die Ecke,« sagte Peter, scharf verweisend. Das Mädchen nahm die Schürze und maulte.