Part 10
»Es gereicht mir zur Freude, Ihnen mitzuteilen, daß Ihre Bewerbung um den Schuldienst zu Solten, die durch den Bauern Claus Mattens an mich gelangt ist, von mir als dem Patron der genannten Stelle berücksichtigt worden ist. Ich habe Sie bereits gestern Hohem Königlichen Konsistorio präsentiert, und wird Ihre Anstellung zweifellos unverzüglich erfolgen. Es wird gut sein, wenn Sie gleich nach dem Feste sich mir vorstellen und mit den Schulverhältnissen bekannt machen wollen. Der Weg von Ihrer Heimat nach hier beträgt gute vier Stunden, was ja für einen gesunden jungen Mann eine Kleinigkeit ist. Sie müssen über Wiechel gehen.
Beerbohm, Superintendent.«
Peter machte große Augen, als er diesen Brief las. Er ärgerte sich zunächst, daß der zufällige Reisegenosse auf solche Weise in sein Schicksal und Leben eingegriffen hatte. Dazu kam, daß sein Vater und er sich folgenden Tages das Schulhaus eines näher gelegenen Dorfes ansehen wollten, von dem viel Rühmens gemacht wurde. Aber bald gab Peter sich zufrieden. Aus dem Briefe des Superintendenten schien ihm Wohlwollen zu sprechen. Der alte Bauer in der Eisenbahn hatte ihm auch nicht übel gefallen, und allzu nahe bei Muttern zu bleiben, darauf kam es ihm ja nicht gerade an.
Am Dienstag nach Ostern machte Peter sich auf, um seinen Vorgesetzten und seine künftige Wirkungsstätte kennenzulernen. Der Vater bestand darauf, ihn zu begleiten.
Anfangs gingen sie schweigend nebeneinander. Aber bald kam es Peter vor, als ob der Vater etwas Besonderes auf dem Herzen hätte. Er räusperte viel und spuckte übermäßig oft aus. Endlich machte er Anstalt, damit herauszukommen.
»Peter, ick mutt di mal wat seggen.«
»Man to, Vader.«
»Weeßt du, wat Mudder und ick uns dacht hewwt?«
»Nee.«
»Wi wollen woll mit di trecken[10].«
»Mit mi? Nah Solten?«
»Ja, min Jung. Süh, dat is bäter för di. Denn mak ick di fein dat Land to Schick[11]. Du kriegst da doch nix van torecht. Bist ja de starkste nich, din sel' Mudder wör't ok nich. Und Trina, de kakt[12] di denn wat ... Dat du dine Uppassung[13] hest ... Süh, 'n Fro kannst du di noch nich nehmen. Da bist du to jung to ... Wat makst du för'n Gesicht? ... Is Trina de lesten Johren nich jümmer ganz god mit di wän?«
»Och ja, dat güng woll ...«
»Süh, uns well dat in dat ole Hüsselhus gar nicht mehr recht gefallen. De Bur lett us dat Dak so rein öwer'n Kopp tohopen fallen. Und Land hewwt wi ok nich genog to Katuffeln for de välen Kinner.«
»Und det schöt denn ok alle mit nah Solten?«
»Alle nich. De beiden öllsten könnt wi all verme'en[14].«
»Denn sünd dat noch veer ...«
»Nee, fief.«
»Is dat nich'n bäten väl för so'n Scholhus?«
»Och nee. Wenn de in so'n Hüsselhus ünnerkreepen[15] könnt, hewwt se in so'n grot Scholhus Platz mehr als to väl.«
»Meenst du ...?«
»Hm, süh, dat wär doch schön, wenn du dine lütten Bröers und Süsters[16] sülwst als Scholmester lehren künnst.«
»Och ... dat will ick just nich seggen. Und wenn se mal wecke verdeent hewwt und ick hau' jüm, wat seggt ehre Mudder denn?«
»Dar is se god van stellt.[17] Up't Hauen hollt Trina grote Stücke.«
»Dar hest du recht. Aber wenn ~ick ehr~ Fleesch und Blod hauen do, dat well ehr doch woll nich passen.«
»Och, Peter, dat well so slimm woll nich wän. Und dat si di sleit, da brukst du nich bange vör to wän. Se fat't di nich mehr an.«
»Is dankenswert. Dar harr ick ok keene rechte Lust mehr to.«
»Du bist also davon tofreden, dat wi mit di treckt ...?«
»Och Vader, da mutt ick mi erst up besinnen. Wi möt ok erst tosehn, wenn dat in Solten mit dat Hus und dat Annere passen deit.«
»Da hest du recht; deshalw bin ick ok hüt mit di gahn.«
Als sie in Brundorf bei der Kirche anlangten, trennten sich ihre Wege. Der Sohn ging nach rechts zur Superintendentur, der Vater nach links in ein Wirtshaus, um seine Rückkehr zu erwarten.
Peter wurde von einem älteren, sehr behäbigen Herrn freundlich aufgenommen, wegen des guten Zeugnisses, das eben angekommen war, beglückwünscht und in das Sofa genötigt.
Darauf belehrte der Superintendent ihn über die Schulverhältnisse, die er in Solten vorfinden würde. Die Schule wäre ein Jahr lang bei dem großen Lehrermangel unbesetzt geblieben. Da würde viel nachzuholen sein. Und eine frische, junge Kraft sei da gerade am Platze.
Peter versprach, er werde sein Bestes tun.
»Welches ist Ihre religiöse Stellung?« fragte der geistliche Herr plötzlich und unvermittelt, und sein joviales Gesicht nahm einen ernsten Ausdruck an.
Peter sah ihn verdutzt an. Danach hatte ihn in seinem ganzen Leben noch kein Mensch gefragt. »Meine religiöse Stellung?« wiederholte er langsam, um Zeit zu gewinnen, sich die Antwort zu überlegen.
»Ich wollte wissen, ob Sie ein Pietist sind,« erklärte der Superintendent seine Frage näher.
»Pietist?« fragte Peter zögernd. Die Spitznamen, mit denen die verschiedenen kirchlichen Richtungen einander belegten, waren ihm nicht geläufig.
Der Geistliche machte eine ungeduldige Handbewegung. »Dann muß ich mich deutlicher aussprechen. Der neue Seminardirektor ist so einer von den neumodischen Pietisten, die die Welt um zweihundert Jahre zurückschrauben und den Leuten die Köpfe verdrehen möchten. Ich wollte gern wissen, ob er das bei Ihnen auch fertiggebracht hat.«
»Der Herr Seminardirektor,« sagte Peter, »lehrte in vielen Stücken anders als unser Landeskatechismus, den wir in der Schule gelernt haben. Ob aber seine Lehre so viel besser war, wie er immer behauptete, das kann ich nicht entscheiden.«
»Es freut mich sehr, mein lieber junger Freund,« sagte der alte Herr sichtlich erleichtert und klopfte dem jungen Schulmeister auf die Knie, »daß Sie sich haben nicht einfangen lassen, daß Sie sich Ihre geistige Freiheit und Selbständigkeit bewahrt haben. Ich begreife gar nicht, was diese Menschen darin finden, uns immer wieder mit ihren alten unklaren, mystischen Geschichten zu kommen. Gott, Tugend, Unsterblichkeit, diese drei Größen stehen fest. Der Philosoph Kant hat sie ein für allemal als Postulate der praktischen Vernunft nachgewiesen. Was darüber ist, das ist vom Übel.«
»Ja,« sagte Peter nachdenklich, »diese Dinge sind sehr schwer.«
»Was? Schwer?« fragte der andere verwundert. »Absolut nicht schwer. Man muß nur seinen gesunden Menschenverstand gebrauchen. Dann ist alles ganz klar. Daß ein höheres Wesen diese wunderschöne Welt geschaffen haben muß, daß wir Menschen ohne Tugend nicht menschenwürdig leben können, und daß für die vielen Ungerechtigkeiten dieses Lebens einmal eine ausgleichende Gerechtigkeit eintreten muß, das werden Sie doch nicht leugnen wollen?«
»Gewiß nicht, Herr Superintendent, ich will gar nichts leugnen,« sagte Peter.
»Es freut mich wirklich,« nahm der andere wieder das Wort, »erst einmal die Gewißheit zu haben, daß Sie kein Pietist sind. Einen solchen könnte ich in Solten auch nicht gebrauchen. Die Verhältnisse sind nämlich in dieser Beziehung dort etwas verwickelt. Freilich, der Kern der Bevölkerung besteht aus vernünftigen Leuten. Die Tätigkeit meines Amtsvorgängers, und meine eigene -- das darf ich in aller Bescheidenheit sagen -- haben in der Gemeinde sehr aufklärend gewirkt und die alten verstaubten Spinngewebe zum größten Teil aus den Köpfen herausgebracht. Nun ist aber gerade in Solten mir vor einer Reihe von Jahren der Wolf in die Herde gebrochen. Ein fremder Schuster, aus der Rheingegend zugewandert, ist dort hängengeblieben und hat sich eine Anbauerstelle erheiratet. Der hält wenig auf die Kirche, ist ein echter Pietist und Okkultist, und sucht in Solten Anhang zu gewinnen. Und, wie ich leider sagen muß, nicht ganz ohne Erfolg. Es gibt ja immer urteilslose Menschen, die so einem nachlaufen. Ich hoffe nun, daß Sie dort dem verderblichen Treiben dieses Mannes entgegenarbeiten und nicht nur in der Schule, sondern auch außerhalb derselben aufklärend wirken werden ... Übrigens, ich habe gleich von vornherein die besten Hoffnungen auf Sie gesetzt. Unser alter prächtiger Claus Mattens, der Sie neulich in der Eisenbahn für uns eingefangen hat, hat mir erzählt, wie Sie da im Zuge frank und frei Ihre Geige aus dem Kasten genommen und eins nach dem anderen gefiedelt haben. Solche frischen, lustigen jungen Leute, die das Leben genießen, natürlich in Züchten und Ehren, die habe ich für mein Leben gern. Denn ich bin auch einmal jung gewesen. Da dachte ich gleich: Der ist kein Kopfhänger, und heute habe ich ja darüber Gewißheit bekommen. Na, wie denken Sie sich denn einzurichten?«
»Das weiß ich noch nicht genau,« sagte Peter. »Meine Eltern denken halb und halb daran, mit mir zu ziehen.«
»Ach du meine Güte! Aber das Schulhaus hat ja nur eine einzige Stube außer dem Schulzimmer, und Sie haben Reihetisch bei den Bauern.«
»Soo?«
»Ja, hat Ihnen das denn der alte Claus Mattens nicht gesagt?«
»Nein.«
»Und Sie haben sich danach nicht erkundigt?«
»Nein, dazu war keine Zeit; ich mußte aussteigen.«
»Und dann bewerben Sie sich um die Stelle?«
»Herr Superintendent, ich habe mich nicht beworben. Der Mann sagte, ich müßte in Solten Schulmeister werden. Ich hielt das für Spaß, und habe gar nicht wieder daran gedacht, bis ich dann auf einmal Ihren Brief kriegte.«
Der alte Herr schlug die Hände zusammen und schüttelte sich vor Lachen. »Dieser alte Schlauberger! Darum kam er so pfiffig an und sagte: ›Herr Zupperndent, ick heww uns'n Scholmester infungen, 'n ganzen nüdlichen frischen Jungkeerl‹. Schön war das nicht gerade von dem Alten, Sie so hinters Licht zu führen. Aber schließlich, was soll man dazu sagen? Jeder ist sich selbst der Nächste. Für sein Dorf hat der Alte gut gesorgt. Ich fürchtete schon, die Stelle müßte wieder unbesetzt bleiben. Und ein paar Jährchen werden Sie es da schon aushalten. Nur, daß Sie Ihre lieben Eltern mitbringen, das ist unmöglich, so leid es mir tut.«
»Och,« sagte Peter, »das schadet am Ende nicht ganz viel.«
»Es sollte mich freuen,« versetzte der andere, »wenn diese Enttäuschung nicht gar zu groß für Sie wäre ... Um aber noch einmal auf die eigentümlichen Verhältnisse in Solten zurückzukommen, ich möchte Sie bitten, sich den Pietistenschuster vom Leibe zu halten und ihn überhaupt nicht zu besuchen. Er wird's natürlich probieren, Sie für seine überspannten Gedanken zu kapern und durch Sie Einfluß auf die Jugend zu gewinnen. Denn wer die hat, hat ja die Zukunft. Also hüten Sie sich vor ihm, gehen Sie ihm aus dem Wege! Junge Leute von Ihrem Alter sind noch nicht innerlich gefestigt genug, um solchen Einflüssen, wenn sie ihnen Zutritt zu sich gestatten, den nötigen inneren Widerstand entgegenzusetzen. Und dann noch eins, aber im Vertrauen. Wir haben einen sehr vernünftigen Amtshauptmann, der durchaus nicht gewillt ist, solches Konventikelwesen der Dunkelmänner in seinem Bezirk umsichgreifen zu lassen. Der würde uns ganz gern einmal seinen Landjäger zur Verfügung stellen. Also, wenn Sie etwas merken von polizeiwidrigen Abendversammlungen und Zusammenrottungen in den Häusern, so machen Sie mir gefälligst Meldung. Ich habe auch schon einigen zuverlässigen Bauern einen leisen Wink in dieser Richtung gegeben. Aber es ist nun einmal so, gegen die Geistlichkeit hält diese Gesellschaft immer zusammen, und den Landjäger sehen sie nicht gern in ihrem Dorf. Also ich verlasse mich auf ~Sie~. Ich würde Ihnen nun raten, sich heute gleich Ihren künftigen Wirkungskreis und Ihr Häuschen anzusehen. Und dann treten Sie Anfang nächster Woche frisch und fröhlich Ihren Dienst an.«
Peter war aufgestanden, machte den tiefen und steifen Bückling, den er Schulmeister Wencke abgesehen hatte, und bekam von seinem freundlichen Vorgesetzten einen warmen Händedruck zum Abschied.
Als er in die Gaststube des benachbarten Wirtshauses trat, um seinen Vater abzuholen, blickte dieser, hinter einem Schnapsglas sitzend, mit gerötetem Gesicht ihn höhnisch an und sagte, unbekümmert um die Anwesenheit einiger Gäste: »Du bist doch'n Döskopp und bliwst'n Döskopp.«
Peter war starr mitten im Zimmer stehengeblieben und fragte aufs höchste erstaunt: »Wat is denn?«
»Läßt di dor de slechste Scholstelle in't ganze Land uphangen, läßt di von so'n olen Glattsnacker in de Iserbahn so anfleiten, dat de nu in alle Wirtschaften vertellen kann, wat ick for'n Dämelklas van Jungen heww. Hähähähä.«
»Aber Vader, besinn' di doch!«
»Ick? Ne besinn' du di! Wer hett domols, as em dat verlöwt würd, Scholmester to weern, sinen Vader verspraken, dat he em helpen wull, de lütten Kinder grot to kriegen?«
»Vader!«
»Wer harr dat grote Wort, dat he sin' olen Öllern, de so väl Godes an em dan hewwt, to sick nehmen woll?«
»Vader,« sagte Peter, sich mühsam beherrschend, »ick gah nu nah Solten, wullt du mit?«
»Ick? Hähähä. Ick? Wat heww ick da to söken? In dat ole Muslock, wo nich mal een Morgen Land to hört, hä! Gah man alleen und kiek di dine Dummheit an! Hüt abend kummst du hier wedder för und halst mi aff. Weertsmann, schenk mi noch'n Lütten in! Wenn ener as Vader so'n Dämelklas van Jungen hett ...«
»Affhalen do ick di nich,« sagte Peter hart und bestimmt, »ick kann god ahn' di henfinnen, wo ick hen will.«
Der Vater stürzte eben hastig sein Glas hinunter.
»So is't recht,« fuhr Peter voll Bitterkeit fort, »sup di man düchdig enen an, daß de Lüe glieks Bescheed weten, wat de nee Scholmester för'n Vader hett. Adjüs.«
»Du verdammte Jung,« keuchte Harm Eggers und sprang in voller Wut auf. Aber er wurde von zwei Männer, die mit ihm am Tische saßen, festgehalten. Und Peter ging aufrecht und die Füße hart aufsetzend hinaus. Draußen hörte er noch, wie der Vater drinnen lärmte und fluchte, und mit schnellen Schritten eilte er davon.
Es kam ihm zwar für einen Augenblick ein leises Gefühl der Reue, daß er mit solchem pietätlosen Wort von seinem Vater geschieden war. Aber ein inneres Kindesverhältnis zu dem Manne, der in den letzten Jahren durch den Trunk immer mehr heruntergekommen war, hatte er eigentlich doch nicht mehr gehabt. Dann war es ja schließlich zu ertragen, wenn das äußerliche lose Band nun auch durchgerissen war. Und das Neue, dem er entgegenging, brachte ihn schnell über solche Gedanken hinweg.
Als Peter das Kirchdorf hinter sich hatte, lag Solten in der Ferne auf einer mäßigen Anhöhe vor ihm. Er mußte das Dorf mit Wehlingen vergleichen. Das behäbige Bauerndorf in dem wiesen- und waldreichen Bachtale war ohne Frage viel reizvoller als diese neue Heimat auf der hohen Geest. Heide sah man von dieser Seite nur wenig. An der Straße zwischen dem Kirchdorf und Solten war alles Ackerland, das aber mit seiner losen, sandigen Ackerkrume wie mit dem hungrigen Winterkorn den Eindruck großer Magerkeit und Kargheit machte.
Bei den ersten Häusern des Dorfes griff Peter sich einen Jungen auf, um sich zum Schulhause führen zu lassen. Der Junge ging mit ihm eine Weile die ungepflasterte Dorfstraße entlang, bog dann auf ein Gehöft ab und auf ein Gebäude zu, das man zunächst für eine Scheune halten mußte. Als sie aber um dasselbe herumgingen, zeigten sich einige Fenster und eine Tür. Peter stand vor seinem neuen Heim.
Er rüttelte an der Tür, die jedoch verschlossen war. Als er sich umsah, kam aus dem Bauernhause, auf dessen Hofe das Schulhaus lag, ein Mann in Hemdsmauen mit einem Schlüssel in der Hand. Der sagte trocken »Dag« und schloß dem jungen Schulmeister sein Haus auf. Während sie miteinander die Schulstube und einen zweiten weißgetünchten Raum mit einem Fenster, in dem eine Scheibe zerbrochen war, besahen, erzählte er, bis vor wenigen Jahren hätte die Schule und Schulmeisterwohnung von Hof zu Hof gewechselt. Aber das wäre der Gemeinde schließlich lästig geworden, und so hätte sie ihm diese Scheune abgekauft und zu einer schönen Schule umgebaut. Die Fensterscheibe hätten im Winter die Jungens beim Schneeballen eingeworfen, aber er glaube sicher, daß die Gemeinde eine neue würde einsetzen lassen. Beim nächsten Bauernmal wollte er das vorbringen, und Eile hätte die Sache ja wohl nicht; denn es ginge ja auf den Sommer.
Als die beiden mit ihrer Besichtigung fertig waren und wieder ins Freie traten, sah Peter, daß sein alter Freund aus der Eisenbahn auf die Schule zugeschritten kam, den Brösel im Munde und sein pfiffigstes Lächeln im Gesicht. Peter fühlte einen Grimm gegen den Mann und überlegte sich, wie er dem Ausdruck geben sollte. Der Alte kam ihm aber zuvor: »Kiek mal an, da is he ja all, unse lütte Scholmester van de Iserbahn.« »Jawoll,« unterbrach ihn Peter, »den ji so bannig anföhrt hewwt. Dat harr ick van jo nich dacht.«
»Anföhrt?« fragte der Alte mit der unschuldigsten Miene von der Welt, indem er die Pfeife aus dem Munde nahm und behaglich ausspuckte.
»Jawoll, anföhrt! Wat is denn dat för'n Scholhus?«
»Och, so'n jungen Bengel, de keen Fro und Kinder hett, kann't genog dormit don.«
»Und de por elenden Daler, för de ener sick hier schinnen mutt.«
»Oh, he kriegt ja Äten und Drinken to. Wo woll he denn mit väl Geld hen? Dat hett all mannigenen up slechte Weg' brocht. Abers nu kam he man, min lüttje lewe Scholmester. Min Olsch' is bi und kakt'n Tass' Kaffee. Dorbi wöt wi uns wedder verdrägen.«
Peter wollte noch Schwierigkeiten machen, aber der Alte streckte den Arm mit der Pfeife aus und schob ihn lachend vor sich her. Da ergab er sich und ging mit.
»Spaß mutt makt weern,« begann der Bauer wieder, »aber nu lat uns dar mal vernünftig öwer snacken. Süh, wi hewwt all'n ganz Johr keenen Scholmester hatt, und de, den wi harrn, wör'n ganzen Natten. Aber unse Kinner könnt doch nicht upwassen as de armen Heiden, as dat lewe Veih. Nich wohr, dat geiht doch nich?«
»Nee, dat geiht nich,« sagte Peter. »Aber möß ick denn jüst her?«
»Och nee, min beste Minsch, harr ick'n annern in de Iserbahn drapen[18], de mi ebenso god gefallen harr as he, denn harr ick den nahmen.«
»Dat glöw ick,« sagte Peter lachend.
»So, nun sünd wi to Hus,« sagte der Bauer und trat mit Peter in die große Missentür seines stattlichen Hauses.
Während sie über die lange Diele gingen, beobachtete er Peters Gesicht von der Seite, blieb dann plötzlich stehen und sagte: »Scholmester, hett he denn keene Ogen in sinen Kopp?«
»Wat is denn?« fragte Peter erschrocken und sah sich vor die Füße, ob er etwa dem umherlaufenden Federvieh zu nahe getreten wäre.
»Dor rechts und dor links steiht dat beste Veih in't ganze Dorp und he sleit[19] dor keen Og' nah hen?«
»Och ja, dat is ok wahr ...« sagte Peter und holte das Versäumte nach. »De Koh dor mit den Blessen vor den Kopp, dat is gewiß de beste.«
»Nee, lütt' Scholmester, dat is just de ordenärste in'n ganzen Stall.«
»Ach soo ... ick verstah van so wat nich ganz väl.«
»Gor nix versteiht he; dat seh ick,« sagte Clas Mattens.
Am Herde angekommen rief er: »Hier, Mudder, is he, unse Scholmester. Nu bring dinen Kaffee man rin.«
Sie gingen in die Stube und nahmen auf der Bank am gedeckten Tische Platz.
»Na Scholmester, nu segg he mal,« begann Mattens wieder, »geiht he noch wedder nah Hus oder bliewt he forns[20] hier?«
»Forns hier bliewen? Güng dat woll?« fragte Peter lebhaft.
»'t geiht allens,« antwortete der Bauer. »Min' Peer hewwt woll mal'n Dag Tied. Denn spannt wi morrn an und halt sin Saken, Bedd, Disch und wat he süssen[21] noch hett, und denn is't ferdig. 't schall em ok nich väl kösten.«
»Hmhm.«
»Schall ick morrn anspannen?«
»... Da is man'n Haken bi ...«
»Wat denn?«
»Ick heww keen Bedd und Disch und Stohl und wat dor süssen noch tohört ...«
»Denn mutt he sick dat köpen. Is keen annern Rat.«
»Dor is ok man wedder 'n Haken bi.«
»Wat denn?«
»To'n Köpen hört Geld.«
»Dat stimmt.«
»Und dat heww ick nich.«
»Hett denn sin Vader nix?«
»Wat de hett, dat brukt he sülwst.«
»Dat is'n verdullten Kram,« sagte Clas Mattens und kratzte sich hinter den Ohren. »Nee, dat gelt nich, erst Bodder un denn dick Honnig up. Dat smeckt bäter.« Er schob Butter und Honigteller nahe an Peter heran, und dieser war auch nicht blöde. Da er den Honig schon aufgestrichen hatte, schmierte er die Butter dazwischen.
»Dat is'n verdullten Kram ...« wiederholte der Bauer nachdenklich. »Ohn' Bedd geih't nicht, und'n Disch und Stohl is ok nödig.«
Nach einer Weile sagte er entschlossen: »Scholmester, he hett seggt, ick harr em anföhrt. Dat mag wän, he harr süssen woll'n bätern Platz kriegen könnt. Aber nu hör he to: ick will dat wedder god maken. Ick will em dat Geld, wat he nödig hett, lehnen[22], dat he sick inrichten kann. Aber denn mutt he mi dat'n bäten upschriewen, dat dat Bedd und de annern Saken mi tohört, bet he se ganz betalt hett. 't is man wegen Lewen und Starwen ... Is em dat so recht?«
»O beste Vader Mattens, daför schall he väl dusendmal bedankt wän! Up wecke Ort schall ick dat noch wedder ...«
»Nu mak he keenen langen Dröhnsnack. Dat wör afmakt. Hören deit em also nix as wat he up'n Liew hett? Wo hett he denn sin Vigelin'?«
»De is noch tu Hus. Und ok süssen heww ick dar noch allerhand, wat hier her mutt, Strümp und Hemden und'n bäten Tüg und min Böker ...«
»God, denn spann ick morrn an, und wi beiden föhrt hen und halt den ganzen Kram her. Und wat wi süssen brukt, dat köpt wi uns unnerwegs.«
»Dat geiht ja schön. Aber, wat ick noch seggen woll, in min Stuw' is'n Fenster twei.«
»Dat schall Discher Buck insetten. Dat well ick woll vör de Gemeen' up mi nehmen.«
»Och Vader Mattens, wat freu ick mi, dat ick jo in de Iserbahn drapen heww, und dat ick nah Solten kämen bin!« sagte Peter mit ehrlicher Freude.
Clas Mattens, der nach beendigtem Kaffeetrinken eben seine Pfeife wieder angesteckt hatte, schmunzelte und blies ein paar mächtige Wolken von sich.
* * * * *
Am nächsten Morgen spannte Mattens mit dem Frühesten an, und neben dem breitschulterigen, behäbigen Bauersmann nahm der schmale, lang aufgeschossene Schulmeister Platz. So fuhren sie langsam in den frischen Aprilmorgen hinaus.
Das Gespräch zwischen ihnen riß nicht ab. Die Führung lag in den Händen des Bauern. Er sprach von den Feldern, Heiden, Wäldern, Wiesen, Dörfern, Gehöften, Menschen und Tieren und allem andern, was in seinen Gesichtskreis gehörte, mit jener Treffsicherheit und Sachlichkeit und jenem trockenen Humor, die nur aus dem intimen Umgang mit den Dingen und der behaglichen Freude an ihnen sich ergeben. Er sprach in jener urgesunden echten Bauernart, die den nicht gar zu blasierten Kulturmenschen immer wieder überrascht, und ihn erquickt wie der frische Duft der Scholle, die nachdenkliche Menschen immer wieder zweifelhaft macht, ob unsere ganze Kultur und »Bildung« wirklich so viel wert ist, wie es uns von allen Dächern gepredigt wird, ob wir für sie nicht einen zu hohen Preis gezahlt haben; in jener Art, von der ein Bücherschreiber, der nicht raffiniert für ein raffiniertes Publikum, sondern deutsch für das deutsche Volk schreiben möchte, immer wieder lernen muß, und um die er manchmal so einen schlichten Heide- und Moorbauer aufrichtig beneidet. Denn ganz lernt's einer doch nicht wieder so, der leider »schrecklich viel gelesen.«