Das Geheimnis der Gioconda: Das Tagebuch des Diebes
Part 2
. . . Wenn ich noch an den kleinen verlassenen Palast der kleinen Soubrette denke, den ich in Wien im Alser Bezirk bewohnte. Zufällig habe ich später erfahren, daß sie wirklich in einem Tingeltangel in Hernals auftrat. Gerade an dem Tage als ich einzog, war sie zum erstenmal aufgetreten. Vorher war sie eine kleine Putzmacherin gewesen . . .
Nein, was lebte doch in diesem Zimmer -- es war nur zwei oder drei Meter breit und vier lang -- für ein kunterbuntlustiger Soubrettengeist. Gleich als ich unter der Tür stand und den Fuß noch nicht über die Schwelle gesetzt hatte, mußte ich ganz laut diese närrische Strophe deklamieren:
»Ich liebe dich, mein Hunderl, Ich bin verrückt nach dir . . . .«
Die Wirtin sah mich ganz verdutzt an. Aber ich sagte, ich sei eben im Variété gewesen, habe die Strophe gehört und ob sie ihr nicht auch gefiele.
Und wo ich ging und lag und saß und stand, immer arbeitete der Geist dieser kleinen, verrückten Person in mir fort.
Ich saß auf dem Stuhl und sagte: »Da kam ein kleines Mädchen auf ihn zu, das hatte einen Hut auf, der war ziegelrot mit funkelnagelneu . .«
Ja, man beging die unglaublichsten Dinge in diesem Zimmer. Einmal erwischte ich mich dabei, wie ich der Köchin gegenüber im Hause die Zunge herausstreckte und ihr eine Nase schnitt. Oder ich tanzte plötzlich vor dem Spiegel eine Kakewalk und hatte mir dazu den Kimono aus Yoshiwara umgehängt. Und welche Träume hatte man in diesem Palast! Nun eben die Träume einer ganz kleinen, verrückten Soubrette. Ein Graf sprach einen auf der Straße an. Es war im Volksgarten, gerade vor dem Denkmal der Kaiserin. Welch ein Duft von Beeten und Blumen. Und welch ein Sommerabend . . . Ach . . . Einem solchen Grafen mußte man sich ja gleich in den Arm hängen. Da war wirklich nichts dabei. Er hatte auch bei den Husaren gedient und war Leutnant. Und Rosen hatte er in den Händen, rote Rosen. Er sagte, sie seien für eine andere bestimmt, aber nun wolle er sie mir schenken. Denke nur. Gleich am andern Tag wollte er einen Ausflug mit mir machen. Ich wollte nicht, aber sein Wille war stärker. Auf der Sophienalpe küßte er mich zum erstenmal. Ich hatte ein neues rosa Kleid an, das ausgeschnitten war . . . . Ach und dann wurden wir so namenlos glücklich . . . Gott, wie lieb ich ihn hatte, und wie gut er war. Er nannte mich immer Dodo, das gefiel mir so gut, wenn er's sagte, und ich hatte es mir auch gewünscht. Aber dann kam das Duell. Wegen mir. Ein Leutnant von den Deutschmeistern hatte nämlich etwas über mich gesagt. . . Ach, wie ging es doch aus? Wurde mein Graf getötet? Nein, ich weiß nicht . . . aber die Sonne ging so blutrot über der Donau unter und die Nebel stiegen herauf. »Die weißen Abendfrauen kamen über das Meer« . . . Das klingt hübsch, nicht wahr? Ich habe es von einem wundervollen Dichter gehört. Er konnte überhaupt so schön schreiben, daß man ganz traurig wurde und weinen mußte . . .
Ja, ich konnte sie ganz deutlich vor mir sehen, diese verrückte, kleine Person. Schlank und biegsam war sie wie eine Gerte. Sie hatte nußbraune Haare, einen rosigen Teint und die Nase war ein wenig eingedrückt. Das gab ihrem Gesicht sozusagen etwas Bedenklich-Komisches. So oft man sie ansah, mußte man leise den Mund verziehen. Aber dann platzte sie heraus und glaubte, sie habe einen glänzenden Witz gemacht.
Nein, nein, wie deutlich ich dieses Kind doch vor mir sah!
Da war ein Läufer mit roten Streifen, der lief längelang durch das Zimmer. Wenn sie sich an ihrem Grafen satt geträumt hatte und nicht mehr weiter wußte, ging sie an den Schrank und holte ihr bestes Kleid, es war rosa, und Lackschuhe heraus, mit breiten Seidenschleifen.
Es dauerte nicht lange, bis sie es an hatte. Sie guckte auch nur zweimal in den Spiegel. Was man doch für ein Mädel war! Es war wirklich schad um einen. Ja, ein bißchen schad war's schon.
Aber dann stellte sie sich ganz an das Ende des einen Streifens, raffte an beiden Seiten den Rock hoch, daß die Füße in den schwarzen Strümpfen bis zum Knöchel sichtbar waren und dann . . . dann balancierte sie auf dem schmalen roten Streifen ganz vorsichtig durchs Zimmer . . . eins . . . zwei . . . eins . . . zwei. Ganz vorsichtig und immer einen Fuß vor den andern . . . . Um keinen Preis wollte sie von dem roten Strich abweichen, und sie hielt den Atem an und sah ganz gespannt auf die schwarzen Schleifenschuhe. Es war ihr bitter Ernst sozusagen. Denn wenn sie heftig ins Schwanken geriet, dann mußte sie auflachen, als würde sie von jemandem -- wie wahnsinnig gekitzelt. Fiel sie aber um, dann stieß sie sogar einen richtigen Schrei aus, so daß Frau Vrany, die Wirtin, ganz erschrocken hereingestürzt kam und sagte: »Aber Fräul'n, was hab'n S' denn? Möcht mer doch grad mein'n, S'täten's schon am Spieß stecken. I hab mi ja am Tod d'erschrocken.« Aber dann saß sie irgendwo am Boden, lachte als würde ein Schlittengeschell wie rasend geschüttelt, wurde dann ganz ernsthaft und sagte mit einer Miene, von der nur der liebe Gott wissen konnte, ob sie echt oder falsch war: »I bin halt wieder runterg'fall'n, Frau Vrany; denken S', nur drei Schritt noch von der Tür.« Und während sie das sagte, fuhr sie einmal mit der Hand ganz schnell an ihrer stumpfen Nase vorbei, als gäbe es da etwas abzuwischen. Aber das war natürlich gar nicht der Fall, denn als Putzmacherin verkehrte sie ja schon seit einem halben Jahre mit den Damen der besten Gesellschaft.
Daß es so ein tragisches Ende mit der Kleinen nehmen mußte! Ach, weiß Gott, wenn sie auch eine Soubrette war, so war sie doch unschuldig wie eine Apfelblüte. Da war Herr Werder, ein dicker rötlicher Clown an dem Tingeltangel. Was denken Sie, was er eines Tages zu der Kleinen sagt?
»Nun, Fräulein,« sagt er eines Tages, »Sie werden ja jeden Tag dicker. Jetzt können Sie schon bald die komische Alte spielen.«
Und was tut die Kleine? Sie geht nach Hause und stellt sich vor den Spiegel und weint und weint und weint . . .
Zwei Tage später zogen sie sie aus der Donau.
Hole doch der Teufel diesen roten Clown.
* * * * *
. . . Ja, es war wirklich ein Erlebnis, in dem kleinen verlassenen Palast dieser Soubrette zu wohnen! Ich habe mich selten so köstlich amüsiert, obgleich ich doch häufig solchen Überbleibseln, oder soll ich sagen, solchen Schatten begegnete. Diplomaten, Gelehrte, Bettler und Könige, Diebe, Tapezierer und Fabrikanten, Bürgerfrauen, Dirnen, Heilige, Marktweiber und Kupplerinnen, Trunkenbolde, Asketen, Schiffer, Matrosen, Soldaten und amerikanische Milliardäre haben genau wie diese kleine Soubrette Dodo mir ihren Schatten vermacht, und ich habe auf mancherlei Weise nach ihrer Pfeife tanzen müssen, wenn es auch nicht immer so lustig war und mit einem Kimono um die Schultern wie in dem kleinen Zimmer in der Alserstraße.
Nein, weiß Gott, so lustig war es nicht immer. Was glaubt man denn, was sich in der Brust vieler Menschen begibt?
Und doch, wenn ich es so recht bedenke, so war ich noch immer froh, wenn sich auf diese Weise etwas in meinem Leben ereignete. Hatte ich dann nicht wenigstens etwas, was mich ausfüllte, beschäftigte, was mich hinderte, die ungeheure Leere zu entdecken, als die ich mir zuweilen selbst vorkam? Gibt es denn etwas Entsetzlicheres als nichts zu sein? Lieber verkriecht man sich noch hinter die Gebärden und Masken eines anderen. Und ist es nicht besser, wenigstens noch etwas zu scheinen als ganz nichts zu sein, ein wesenloser Schatten, ein Gespenst . . .?
Ja, ich war diesen Überbleibseln im Grunde genommen doch immer sehr dankbar . . .
Na ja, ich sprach einmal mit einem Mediziner darüber: Es war ein berühmter Arzt und ich lernte ihn auf dem Bahnhof einer kleinen russischen Stadt kennen. Ich war gerade ganz ausgezeichneter Stimmung, denn ich war zwei Stunden durch den Schnee über Land gegangen und der Himmel war so klar und hell gewesen. Besonders ein Stern gerade vor mir, ach wie hatte der blau gefunkelt. So rätselhaft zwinkernd kühl und blau, wie ja, . . . . seltsam . . . . jetzt möchte ich fast glauben, er habe gelächelt wie das Frauenbild da hinter dem eisernen Ofen an der Wand. Oder besser noch wie ihre Hände da, hatte er gelächelt . . . Aber gleichviel; ich war in einer vorzüglichen Stimmung und so erzählte ich denn dem Arzt die Geschichte von der Soubrette. Aber ich erzählte es so, als sei es einem Freunde von mir passiert, und ob das nicht sonderbar wäre.
Nein, das wäre nicht sonderbar, sagte der berühmte Arzt. Und dabei zog er seine goldene Uhr heraus, klappte den Deckel auf und machte ein Gesicht, als wolle er zu einem Patienten sagen: Ja, Sie haben noch zwölf Minuten zu leben.
Nein, sonderbar sei das keineswegs; und dann nannte er auch irgendeinen griechischen Namen, den ich nicht verstand. Das Wort erinnerte mich nur von fern an Hippopotamos, und da erzählte ich ihm schnell die Geschichte von einer Mumie, die ich mal in der Nähe von Gizeh gefunden hätte und die eine auffallende Ähnlichkeit mit dem gegenwärtigen preußischen Ministerpräsidenten gehabt habe.
Das sei allerdings sonderbar, sehr sonderbar, sagte der berühmte Arzt. Und interessant sei es, ja außerordentlich interessant!
Wir schüttelten uns ganz herzlich die Hand, als wir uns trennten; wie gute alte Freunde.
Die alte Mumie hatte uns entschieden einander erheblich näher gebracht.
* * * * *
Den 9. August. Nun bin ich wieder seit fünf Tagen in diesem alten Paris. Hätte ich glauben sollen, daß diese Stadt noch einmal solchen Eindruck auf mich machen würde? In spätestens vierzehn Tagen wollte ich nach dem Süden gehen, in die Provence; aber wenn Paris fortfährt, mich mit seinem berauschenden Zauber zu erfüllen, werde ich den ganzen Herbst und Winter hindurch hier bleiben. Bis in den Frühling. Und wenn alles kommt, wie ich es mir denke, wird nach all dem im Mai ein Landaufenthalt an den einsamen, stillen masurischen Seen für mich das Richtige sein . . .
Aber Paris . . . Ist es ein Strom, eine Sonne, eine Nacht, Sturm, Glockenbrausen . . .? Ach, alles ist es; Höchstes und Tiefstes. Auf dem Lande trifft man keine zarteren Farben in den frühsten Tagen des Frühlings . . . Und von welcher Mannigfaltigkeit diese Nächte.
Wie soll ich doch dieses seltsam berauschende Gefühl beschreiben, das mich ergriffen hat, seit ich meinen Fuß auf das Pflaster dieser Stadt gesetzt habe und in die Menge eingetaucht bin; das nun beständig und wie eine unwiderstehliche Macht in mir aufwächst und fast meiner Herr wird. Ist es mir nicht als wäre ich tief im Meer versunken? Fühle ich nicht das Lasten ungeheurer weicher und starker Massen auf mir, ein Lasten wie von Seide und dunklem Samt? Blaugrüne Wogen heben mich, wiegen mich. Ein Lichtstrom rauscht beständig an meinen Augen vorüber, bald blendend in leuchtenden Farben, bald gedämpft, in sterbenden Tönen; Nacht umfängt mich, und wieder reißt es mich ins Gold des glühenden Gestirns. Ein ungeheures Brausen umgibt mich; darin ein Auf und Ab von Tönen, hämmernde Akkorde, die von Not aufschreien, dumpfe, die sich klagend ergeben. Aber hinter dem allen singt und summt eine Melodie, die sich jetzt nähert, jetzt fern zurückweicht, die niemals stirbt, aber die sterben möchte, die sich besinnt, sich aufjauchzend zusammenrafft, wie mit Fäusten zupackt, Blöcke abwehrt, beiseite wirft, und wie mit beständigem Schritt gefaßt ins Leben schreitet . . . und wieder fern wird, sich senkt und verklingt und an schluchzenden Gewässern sich hinwindet und fast verstummt.
Ja, das ist Paris . . . für mich. Ach, viel mehr ist es, -- es ist meine Seele, meine Liebe, meine Leidenschaft . . . Ach, ich könnte ja glauben, ich selbst bin es, ich selbst bin diese dunkle unergründliche Stadt . . .
* * * * *
Den 10. August. Ich will es nur gestehen: Das kleine Frauenporträt mit den übereinander gelegten Händen und dem seltsamen Lächeln hinter dem eisernen Ofen macht mir zu schaffen. Es erinnert mich an irgendwen, und ich quäle mich, es herauszubekommen. Ich sehe es oft minutenlang an, oder drehe mich ganz plötzlich weg, schließe die Augen und frage mich, wo ich dieses Gesicht gesehen habe oder an wen es mich erinnert. Aber das Bild hält sein Geheimnis fest. Ja, es ist mir zuweilen, als mache sich die Dame in dem bräunlichen Rahmen noch obendrein lustig über mich.
Heute morgen kommt mir plötzlich der Gedanke, ich könnte ja Frau Labrouquet fragen. Und wirklich, ich bin auch schon auf dem Weg zur Tür, als mir erst einfällt, daß sie es ja gar nicht wissen kann. Wie soll um alles in der Welt Frau Labrouquet wissen, an wen mich diese kleine Dame mit den übereinandergelegten Händen erinnert? Werde ich es doch selbst kaum herausbekommen. Schließlich ist es ja auch ganz gleichgültig. Vielleicht erinnert sie mich an irgendeine Dame, die ich auf Trafalgar Square so und so habe in den Omnibus steigen sehen, oder an die Bewegung einer jungen Frau, die heimlich auf einem Mississippidampfer nach dem rotbraunen Hals des Kapitäns blickte. Vielleicht bin ich ja auch nur einmal in einer Stadt gewesen, die so aussah. Was liegt daran. Aber ich will gewiß nicht selig sein, wenn es mir nicht einen Augenblick so war, als könnte Frau Labrouquet meine Erinnerung auffrischen . . .
Da habe ich heute übrigens den Herrn in dem gelben Mantel und der schottischen Mütze wieder getroffen.
Ich war wohl noch zehn Schritte vom Haus, als ich plötzlich seinen verzwickten Schritt in die Türe hineinpurzeln sehe. War das nicht der Herr in dem gelben Mantel? Richtig. Da sehe ich ihn vor mir die Treppe hinaufgehen. Und was das Beste ist, wir sind Nachbarn. Als ich auf den letzten Treppenabsatz komme, schließt er eben bei Frau Labrouquet die Tür auf und tritt ein. Ich kann gerade sehen, wie das Zwickzwack seiner Beine noch einmal übereinanderpurzelt und es gibt mir einen förmlichen Ruck, daß ich fast über meine eigenen Beine stolpere.
* * * * *
Den 11. August. Na, ich wußte doch, daß es mit diesem Zimmer noch irgendeine Bewandtnis haben würde . . . Ich hatte es doch von oben bis unten umgekrempelt, daß kein Stück auf dem Platz geblieben war und die gute Frau Labrouquet, Witwe, Augen gemacht hatte . . . nun, wie gesagt, Augen, wie die geschiedene Blissot, als das mit dem Sparkassenbuch herauskam. Ja, sie hatte schon selbst ganz fest an das Sparkassenbuch geglaubt und war jetzt ganz empört und überrascht, daß es plötzlich nicht da sein sollte.
Ja so. Es hatte trotz alledem nicht seine Richtigkeit mit dieser Kabine von einem Zimmer. Da brauchte man, weiß Gott, keine feine Nase zu haben. Der Herr Kunstkritiker mit der ewigen Zigarre und der »anerkannten Feder« war allerdings erledigt. Nein, für die Presse brauchte man jetzt nicht mehr zu schreiben, und von Linienführung und Flächenwirkung und mimosenhafter Zartheit und wie all diese Ausdrücke heißen, war auch keine Rede mehr. Aber, aber . . . da war doch jemand, mit dem ich das Zimmer teilte, das war doch so klar. Ich hatte doch immer so ein leises Gefühl an den Schultern, ähnlich dem, wenn man ein wenig friert. Es konnte nicht lange dauern, bis es herauskam. Nein, Gott sei Dank, heute nachmittag geschah es. Die Gewißheit ist mir doch immer lieber als dieses ungeduldige Ist-es, Ist-es-nicht.
Da hatte ich mich eben fertig zum Ausgehen gemacht. Ich halte die Mütze noch in der Hand und lege gerade die Hand auf das kalte Metall des Türdrückers. Plötzlich fühle ich ihn. Er steht da drüben vor dem Spiegel und dreht mir den Rücken zu. Er beugt sich ein wenig seitwärts und fährt mit dem hoch erhobenen rechten Arm in den Ärmel seines Überziehers hinein.
Und während ich lausche, höre ich ganz deutlich wie er ganz erschreckt sagt: »Ob sie noch da ist? Mein Gott, wenn sie mich eines Tages verlassen hätte . . .«
Aha, denke ich, jetzt soll ich eine Liebesgeschichte zu hören bekommen. Ein kleines Drama wird sich abspielen. Immer sind es doch die Weiber . . .
Und während ich durch die schon abendlichen Straßen gehe, denke ich an die Liebe. An die Liebe mit sechzehn, mit zwanzig, mit fünfundzwanzig, mit dreißig und mit vierzig Jahren. Aber der mit sechzehn gebe ich den Vorzug.
Liebe mit sechzehn Jahren! Woher kamst du? Da ist plötzlich ein mattgrauer Schimmer zwischen den abendlichen Straßen, ein weiches Zerfließen der milchweißen Wolken um die frühe Sichel des Mondes und unser Auge steht voll Tränen. Irgendein Schmerzlich-Süßes-Wehes zieht in unser Herz ein und füllt es mit der Erinnerung alter Tage. Alle unsere Glieder sind von einer wohligen Müdigkeit befallen, in der alle Gedanken hinrinnen und in der jenes unruhig-ruhevolle Glück in uns einzieht, nach dem wir uns nach Jahren noch sehnen, sehnen.
Liebe mit sechzehn Jahren liegt nachts auf frischen Wiesen unter Sternen und läßt das Auge auf dem Mondlicht über jungen Buchen träumen.
Liebe mit sechzehn Jahren blickt den mondhellen Fluß hinunter und hört im Rauschen der Wellen süßere Stimmen als Violinen und Harfen. Ein dunkler Kahn zieht über silberne Fluten und der Glaube zieht ihm entgegen, und hofft ein Glück, so weit und so unermeßlich wie ein Königreich in den Märchen.
Ist es nicht schade, daß Liebe mit sechzehn Jahren so bald stirbt, daß mit den Jahren diese Träume verschwinden und uns nicht mehr besuchen? Sieh diesen blauen Blick, mit dem jene Sechzehnjährige dem Versinken der Sonne im Meere folgt. Sie hat die Hände übereinandergelegt, kleine schmale Kinderhände, wie zu einem Gebet an einen über den Wolken, sie hat das Haupt ein wenig zurückgelehnt und zwei blonde Haarsträhnen weht ihr der Abendwind leicht in die Stirn. Sieht nicht so das Glück aus?
Ja, was mich betrifft, ich gäbe alle Weisheit und alle gescheiten Einfälle, ich gäbe Ansehen, Stellung, Amt, und besonders alles, was Bildung heißt, alles, alles gäbe ich jetzt dahin für einen einzigen, dieser unsagbar süßen Träume der Jugend. Ich weiß, wenn die Leute alt werden, lächeln sie über diese schwärmerischen Ekstasen. Sie begreifen nicht, daß man stundenlang auf einer taufeuchten Wiese unter Sternen liegen mag, um an ein Paar blaue Augen und einen blonden Kopf zu denken und an nichts als dies. An Augen, die vielleicht einer kleinen und sehr dummen Musikschülerin gehören, die einen nie gesehen hat, und die für einen Lehrer mit einem schwarzen Schnurrbart und seidenen Taschentüchern schwärmt.
Warum glauben wir Erwachsenen doch immer, es zeuge von Vernunft und Reifsein, wenn man keine platonischen Fensterpromenaden mehr macht, sondern, mit Verlaub zu sagen, sich recht bald, nachdem man die Bekanntschaft einer jungen Dame gemacht hat, nach einer passenden »Gelegenheit« umblickt?
Was mich betrifft, so bedaure ich wirklich sehr, nicht mehr so dumm sein zu können, wie mit 16 Jahren; denn mit dieser Dummheit begann auch jenes unnennbar grenzenlose Hoffen, jenes unermeßliche Ahnen von etwas Kommendem zu entschwinden, das die Jugend so reich, so reich macht, daß selbst der ungeheure Besitz eines Petroleum- oder Eisenbahnkönigs dagegen nur ein totes, wertloses Nichts ist.
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Den 12. August. Also, mein scheinbar so verrückter Einfall mir bei Frau Labrouquet, geschiedenen Blissot, Rat zu holen über das verteufelte Frauenzimmer da hinter dem eisernen Ofen war gar nicht so absurd! Wer weiß, vielleicht hat man das kleine Fräulein Foujeu, spätere Blissot und noch spätere Labrouquet, Witwe, als sie noch in die 57. Gemeindeschule ging, doch einmal mit der Gioconda bekannt gemacht. Oder wer kann wissen, warum es eines Tages dem kleinen Laufmädel Mimi Foujeu wünschenswert erschienen ist, etwas von Raffael di Urbino und Lionardo da Vinci zu wissen. Vielleicht ist sie zu diesem Zwecke doch zwei oder dreimal im Louvre gewesen, obgleich sie die »alten Heiligen« immer recht schrecklich fand und nachts von ihnen träumte.
Nein, das ist nun wahr; wenn sie etwas erreichen wollte und es sich in den Kopf gesetzt hatte, dann war Fräulein Foujeu eine genau so energische Person wie noch heute die gute Frau Labrouquet, Witwe, die doch nun bereits seit zwei Stunden am Schlüsselloch steht, um endlich einmal festzustellen, was es denn mit ihrem neuen Mieter für eine Bewandtnis habe. Ich muß mir, weiß Gott, irgend etwas für sie ausdenken. Stellen Sie sich doch nur vor, zwei Stunden mit gekrümmten Rücken dastehen und dabei noch beständig den kühlen Luftzug, der durch das Schlüsselloch auf das Auge strömt . . . Das beste ist, ich schieße meinen Revolver ab. Oder nein. Vielleicht küsse ich einmal das Bild da hinter dem Ofen; das könnte sie ausgezeichnet durchs Schlüsselloch beobachten. Ja, ja, das werde ich tun. Ich werde die Gioconda küssen, als wäre sie meine Angebetete . . .
So . . . jetzt ist das kleine Fräulein Foujeu doch noch auf seine Kosten gekommen . . .
Ja, man hätte mir die sieben Foltern androhen können, und ich wäre hier nicht auf die Gioconda gekommen. Zufällig entdeckte ich heute das Bild im Louvre.
Aber es ist mir auch gar nicht so unerklärlich, daß ich das Bild hier nicht erkannt habe, trotzdem es eine recht gute Reproduktion ist. Wie um alles in der Welt denkt man hier an eine Gioconda? In so einem Zimmer, das doch auch schon zu galanten Zwecken benutzt wurde -- ja, weshalb eigentlich »galanten«? Nein, das verstehe wer will. -- Wie ist man hier auf eine Gioconda vorbereitet! Hier wünscht man eine »Susanne« zu sehen, oder die nackten Göttinnen vor Herrn Paris oder wenn etwas Gemüt dabei sein soll, ein »Allein«, ein »Endlich-Allein« oder noch besser ein »junges Glück« in einem vergoldeten Rahmen.
Ja, »junges Glück«, das würde hierher passen, viel besser zum mindesten als die Gioconda, auf die man, wie gesagt, nicht vorbereitet ist und deshalb nicht erkennt. So ist es doch. Wenn ich, sagen wir, Herrn Roosevelt, ohne davon in den Zeitungen gelesen zu haben, urplötzlich auf dem Rücken eines Elefanten oder mit einem erbeuteten Gorilla auf der Schulter am Kongo getroffen hätte, wie um alles in der Welt, hätte ich da den großen Staatsmann, der er doch zu Hause sicherlich ist, erkennen sollen? Selbst wenn ich, wie es ja leider nicht der Fall ist, sein bester Freund wäre?
Madonna Gioconda in ihrem bräunlichen Rahmen, der mich an alte Kontore erinnert, lächelt unergründlich. Ich glaube, wenn man das Bild und die Frau lange ansehen könnte, würde sie zu leben beginnen. Ich kann es so deutlich fühlen, wie die Konturen ganz leise im Bilde erzittern würden. Und könnte sie nicht die übereinandergeschlagenen Hände aufheben, um einen mit einer Geste zu berühren, unter der man schaudern würde, wie unter dem Gedanken einer mütterlichen Blutschande?
Es ist so seltsam mit diesen furchtbaren Händen. Man weiß nicht, werden sie Himmlisches tun oder Tierisches. Und wenn Tierisches, werden sie nicht, indem sie es tun, es auch heilig sprechen? Und müßte man nicht den Wunsch haben, sie zu küssen, auch wenn sie Lasterhaftes getan hätten? Ich meine das so, wenn sie an einem lebenden Weibe wären.
Eigentlich ist es ein furchtbares Bild. Ich werde es von jetzt ab nicht mehr ansehen.
Aber was rede ich mir denn ein? Haben meine Bedenklichkeiten vor diesem Bilde mit der Entdeckung, daß es die Gioconda des Lionardo ist, auch nur um einen Deut abgenommen? Diese Ähnlichkeit war es also nicht? Also eine andere? Aber welche, welche? Es ist mir doch als erinnerten mich diese Züge . . .
Ach, an alle erinnern sie mich, an alle . . .
Mögen sie mich doch erinnern, an was und an wen sie wollen und meinethalben an Frau Labrouquet, die geschiedene Blissot.
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Den 13. August. Der gute Herr, da hinten vor dem Spiegel, der sich ein wenig links beugt und mit erhobenem rechten Arm in das Ärmelloch fährt, ist der vollendetste Narr, den ich je gesehen oder erlebt habe. Wann mag er nur hier gewohnt haben? Ob es lange her ist?