Das Geheimnis der Gioconda: Das Tagebuch des Diebes

Part 1

Chapter 13,706 wordsPublic domain

Sammlung abenteuerlicher Geschichten Band 3:

Schwitzky / Das Geheimnis der Gioconda

Das Geheimnis der Gioconda

Das Tagebuch des Diebes

Herausgegeben von Ernst B. Schwitzky

Delphin-Verlag / München

Copyright 1914 by Delphin-Verlag / München

Vorwort

Die Papiere, die hier veröffentlicht werden, sind auf eine so eigentümliche Weise in meinen Besitz gelangt, daß ich mich veranlaßt sehe, darüber Rechenschaft abzulegen. Ich lernte zu Anfang des vergangenen Sommers, also etwa dreiviertel Jahre nach dem Verschwinden der Gioconda aus dem Louvre, in einem Kopenhagener Hotel einen Herrn kennen, der sich mir unter dem japanisch klingenden Namen DACO-NOGI vorstellte. Dieser Herr, den ich, wie die Dinge nun einmal liegen, für den Autor des hier veröffentlichten Tagebuchs halten muß, besaß, ohne von mir irgendwie dazu aufgefordert worden zu sein, die große Liebenswürdigkeit, während meines Aufenthalts in Kopenhagen mein Fremdenführer zu sein und sich meiner in jeder erdenklichen Weise anzunehmen. Er schien ein ganz besonderes Vergnügen daran zu finden, mir die mannigfaltigen Schönheiten Kopenhagens, das er außerordentlich liebte, zu zeigen und wenn ich in der kurzen Zeit von etwa zehn Tagen, so ziemlich alles gesehen habe, was Kopenhagen Sehenswertes besitzt, so verdanke ich das lediglich meinem Führer und seiner oft erstaunlichen Ortskenntnis. Er war selbst kein Däne, sondern nach der Klangfarbe seiner Sprache zu urteilen ein Deutscher, aus den rhein-mainischen Gegenden. Aus den Gesprächen ging hervor, daß er seit Jahren auf Reisen war, China, Japan, die Vereinigten Staaten, Südamerika, Indien genau kannte und sich sowohl in den Küstenländern, wie im Innern Afrikas längere Zeit aufgehalten hatte. Niemals jedoch konnte ich erfahren, zu welchem Zweck diese Reisen unternommen worden waren, und obgleich Herr DACO-NOGI so gar nicht das Aussehen eines Globetrotters hatte, sah ich mich zuletzt doch gezwungen, anzunehmen, daß er lediglich zu seinem Vergnügen gereist war. Übrigens sprach er außerordentlich selten von sich. Dagegen fiel es mir bald auf, wie intensiv ihn das Leben anderer beschäftigte, gleichviel, ob es das eines Kohlenträgers war, von dem wir im Vorübergehen zwei oder drei Worte aufgefangen hatten, oder das eines Ministers, dessen Rede uns durch die Zeitungen bekannt wurde. Es wird von Balzac erzählt, daß er oft in der Lebhaftigkeit seiner Phantasie von den Gestalten seiner Einbildung wie von lebenden Personen sprach und seine Freunde dadurch in Erstaunen setzte, daß er ihnen von den Schicksalen der Eugenie Graudet und des Vater Goriot erzählte, als handle es sich um Menschen, die jeden Augenblick selbst eintreten und sprechen könnten. In ähnlicher Weise überraschte mich oft Herr DACO-NOGI, wenn er plötzlich ohne jeden erkennbaren Anlaß aus dem Leben von Personen erzählte, von denen er weder wußte, was sie waren, noch wie sie hießen. Wie intensiv und außerordentlich diese Beschäftigung mit dem Leben anderer war, davon überzeugte ich mich zuerst an mehreren Bemerkungen, die er im Verlauf des Gesprächs über mich und meine Verhältnisse machte. Mehrere Male überraschte er mich nämlich durch die Kenntnis von Tatsachen aus meinem Leben, von denen ich bestimmt wußte, daß ich sie ihm nicht mitgeteilt hatte. Das erstemal als er plötzlich von meiner Schwester sprach, konnte ich noch glauben, es sei Zufall und ich maß der Sache weiter keine Wichtigkeit bei. Aber noch am selben Tage gab er mir ganz unvermutet einen Rat, der die Kenntnis höchst komplizierter persönlicher und finanzieller Verhältnisse voraussetzte, deren Intimität mich vor dem Eigenverdacht bewahrte, vielleicht davon gesprochen zu haben. Zuerst stand ich vor einem Rätsel, das ich mir nicht im geringsten zu erklären vermochte und ich betrachtete meinen neuen Bekannten mit einer Mischung von Mißtrauen und leiser Furcht. Dann aber erhielt ich durch einige Beispiele, die das Leben anderer Personen betrafen, den seltsamen Beweis, daß dieser Mensch in einer geradezu ans Wunderbare grenzenden Art, die Fähigkeit besaß, aus den unbestimmtesten Redewendungen und den scheinbar unpersönlichsten Gesprächen auf Tatsachen und Geschehnisse zurückzuschließen, die einem Menschen mit gewöhnlichem Beobachtungsvermögen, schlechthin verborgen bleiben müssen. Mit dieser ungewöhnlichen Fähigkeit erinnerte er mich an die sonderbare Gestalt des Herrn Dupin in den Poeschen Novellen, denn Herr DACO-NOGI besaß in Wirklichkeit das ans Fabelhafte grenzende Assoziationsvermögen jener erdichteten Gestalt. Nur eine ungeheure Beweglichkeit der Phantasie, die selbst die geringfügigsten Sinneseindrücke verarbeitete, kann es ihm ermöglicht haben, zu so verblüffenden Feststellungen zu kommen, wie sie ihm in meiner Gegenwart gelangen. Übrigens arbeitete dieses fast übernatürlich zu nennende Assoziationsvermögen, wie die meisten ganz großen und übernormalen Fähigkeiten im Menschen, beinahe ganz unbewußt in ihm und er war sich in den allermeisten Fällen auch gar nicht klar darüber, irgend etwas erraten zu haben, was zu erraten andern Menschen schlechthin unmöglich gewesen wäre. Nach und nach nahm ich übrigens wahr, daß es keineswegs eine einfache, übermäßig ausgebildete Assoziationsgabe war, die meinem Bekannten so seltsame Ergebnisse lieferte. Wie sollte es auch durch einfache Assoziationen möglich sein, Stimmungen, Gefühle und halbbewußte Empfindungen von Menschen zu erraten, von denen er, wie gesagt, oft nicht mehr als drei Worte gehört und die er nur ein einziges Mal gesehen hatte. Es schien mir vielmehr eine Art künstlerischen Vermögens zu sein, das er besaß und vielleicht gibt das Wort Einfühlung den allgemeinsten Begriff von dem, was ich sagen will. Er vermochte sich auch durch den aller geringfügigsten Anlaß etwa so in einen Menschen einzufühlen, wie es der Betrachter oder Zuschauer eines Kunstwerkes tut, der damit die Absichten und die Mittel des Künstlers errät. Und zwar war die Art der Einfühlung in ein fremdes Leben so stark, daß sie ihn nicht nur vollkommen beherrschte, sondern ihn auch vollkommen veränderte. Oft, während er sprach, wechselte er seine ganze Haltung und seinen Gesichtsausdruck. Wie ein anderer Mensch wohl seine Rede durch Gebärden mit den Händen oder bei lebhafteren Temperamenten auch durch ein bewegliches Mienenspiel zu veranschaulichen sucht, so zwang bei ihm der Gedanke oder das Gefühl, das er ausdrücken wollte, den ganzen Körper in Dienst und veränderte alles an ihm. Nichts aber stand sozusagen willenloser unter dieser Kraft der Einfühlung, wie seine Stimme. Sie war gleichsam diejenige Saite, die die Schwankungen seiner Empfindung am vollendetsten und differenziertesten wiedergab. Sie war nicht nur von einer schier unglaublichen Modulationsfähigkeit, die die leisesten, zartesten und härtesten Töne anklingen ließ, nein, sie vermochte geradezu ihren ganzen Charakter zu verändern und oft, wenn ich, die Wirkung dieser Stimme auf mich zu erproben, die Augen schloß, hätte ich meinen können, plötzlich mit einem ganz anderen, fremden Menschen zu reden.

Am Tage meiner Abreise von Kopenhagen kam Herr DACO-NOGI vormittags auf mein Zimmer, um sich von mir zu verabschieden. Er war im Mantel und Hut, denn er stand selbst gerade im Begriff abzureisen. Unter dem Arm trug er eine kleine Mappe aus dunkelgrünem Leder, die er bei seinem Eintritt auf dem Garderobenständer ablegte. Wir unterhielten uns vielleicht zehn Minuten; es lag mir mehrfach auf der Zunge zu fragen, wohin er reise, aber aus dem Gefühl heraus, nicht neugierig erscheinen zu wollen, unterließ ich die Frage. Einige Tage vorher hatte er übrigens davon gesprochen, demnächst nach Canada gehen zu wollen. Nach zehn Minuten erschien der Hausdiener und meldete das Automobil. Wir verabschiedeten uns kurz und herzlich. Dann, nach einer Stunde etwa, bemerkte ich, daß mein Bekannter die Mappe auf dem Garderobenständer hatte liegen lassen. Ich erkundigte mich bei dem Portier, ob Herr DACO-NOGI eine Adresse hinterlassen habe. Es war nicht der Fall. In der Hoffnung vielleicht aus dem Inhalt der Mappe die Adresse des Fremden erfahren zu können, öffnete ich sie mit dem anhängenden Schlüssel. Was ich fand, war nur eine große Anzahl dünner, zerknitterter Blätter, die mit einer steilen kritzlichen Schrift bedeckt waren und eine Karte, die an mich gerichtet war und nur die Worte enthielt: Bitte, betrachten Sie diese Mappe und ihren Inhalt als Ihr Eigentum. -- Schon auf der Fahrt von Kopenhagen nach Hamburg habe ich dieses seltsame Schriftstück, von dem ich beim flüchtigen Durchblick bald erkannte, daß es sich auf den Diebstahl der Gioconda bezog, zum erstenmal gelesen. Mein Entschluß, das Manuskript zu veröffentlichen, war sofort gefaßt. Meine Arbeit dabei ist keine andere gewesen als die einzelnen Blätter, die wirr durcheinander lagen, dem Sinne nach zu ordnen und aneinander zu reihen. Ich habe mich nicht für berechtigt gehalten, irgendwelche Zusätze oder auch nur irgendwelche Korrekturen in dem Manuskript anzubringen. Dagegen schien es mir geboten, die Eigennamen der Personen durch freigewählte zu ersetzen. Im übrigen ist das Tagebuch, wie es hier vorliegt, ein wortgetreuer Abdruck des Originals. --

Vielleicht wird es noch interessieren zu wissen, daß der Name DACO-NOGI ein Anagramm ist. Nur durch einen Zufall bin ich darauf geführt worden. Er entsteht durch Buchstabenumstellung aus dem Namen: GIOCONDA.

Im Oktober 1912

Der Herausgeber

Das Tagebuch

Den 5. August 1911. Als ich gestern auf dem Gare de l'Est den Wiener Schnellzug verließ, passierte mir etwas recht Seltsames und wenn man will, Rätselhaftes. Vielleicht ist es auch etwas ganz Natürliches, Einfaches und Erklärliches. Ich war kaum aus dem Zuge gestiegen, als meine Aufmerksamkeit auf einen Reisenden gelenkt wurde, der eben offenbar auch ausgestiegen war und den Perron hinuntereilte. Er war etwa fünfzig Schritte von mir entfernt. Ich glaube, er fiel mir nur durch seinen eigentümlich hellgelben Mantel und seinen hastigen Schritt auf, der etwas Unrhythmisches und Konfuses hatte.

Warum lief ich diesem Herrn eigentlich sofort nach?

Ich habe seit gestern darüber nachgedacht und weiß es doch nicht. Aber eigentlich, was ist denn so Unerklärliches daran? Warum soll ein Reisender wie ich es bin, ein Mensch, der lediglich zu seinem Vergnügen, na -- Vergnügen? -- also ein Mensch, der nur reist, um zu reisen, der nichts zu tun hat, gehen und kommen kann, wann und wie und wo er will -- warum sollte er nicht plötzlich auf den Einfall kommen, auf dem Gare de l'Est in Paris hinter einem Herrn mit einem hellgelben Mantel und einem unrhythmischen Gang herzulaufen?

Wenn ich es allerdings recht bedenke, so scheint es mir doch wieder seltsam oder zum mindesten auffällig. Denn ich liebe das Unrhythmische keineswegs. Ich gehe ihm sonst aus dem Wege, wo ich kann. Ich setze mich weder in ein Familienrestaurant noch in eine Elektrische. Warum also, warum ging ich ausgerechnet hinter diesem scheußlich konfusen und verzwickten Schritt her? Warum quälte ich mich mit sämtlichen Taktarten, diesen Schritt einzufangen?

Ja -- vielleicht hatte dieser Schritt doch etwas Rhythmisches, und ich rede mir nur ein, daß er verworren war. Immerhin -- er war wie zwei übereinander gepurzelte Takte und gar nicht zum aushalten.

Ich glaube, der Herr trug eine große schottische Mütze und in der Hand eine rote Ledertasche. Aber das weiß ich nicht bestimmt. Denn ich war wie hypnotisiert von dem Zwickzwack der Beine unter dem hellgelben Paletot und hatte, so lange ich ihm folgte, für nichts anderes Auge und Aufmerksamkeit.

Und nun geben Sie mal acht, was geschah. Ich gehe stracksweg hinter dem gelben Herrn da her, immer mit den Augen auf seinen Beinen. Und als er in eine Droschke steigt, rufe ich den nächsten Kutscher und weise ihn an, hinterher zu fahren. Es ist das schönste Wetter, ich kann meinen Freund -- denn so nenne ich ihn schon in heimlicher Wut -- da vorne gemächlich und bequem in der Droschke sitzen sehen. Das heißt, eigentlich sehe ich nur ein Stück von dem gelben Mantel und darüber die große schottische Mütze. Sein Gefährt ist immer etwa 100 Schritte voraus. Endlich hält es in der Rue Saint Honoré 41. Die Nummer fällt mir sonderbarerweise sofort auf, denn sie gibt mein Alter an. Er steigt aus, der Wagen fährt weiter und er tritt ins Haus.

Und nun habe ich eben in diesem Hause, im zweiten Stock, bei Frau Witwe Labrouquet gestern ein Zimmer gemietet! --

So -- ja so, als sei ich besonders hierher nach Paris gekommen, um bei Frau Witwe Labrouquet und ihrem lahmen Sohn zu wohnen!

Es ist einfach lächerlich!

* * * * *

Den 6. August. Ich verfalle wieder auf ein altes Mittel: alle quälenden Unruhen und zermürbenden Gedanken, die ganze Vergangenheit, die sich hinter mir auftürmt und auf mich herabzustürzen droht, die Unrast und Unbeständigkeit, die mich von Ort zu Ort treibt, die mir nirgends Ruhe läßt, meine Tage und Nächte durchtobt, dadurch zu bannen, indem ich schreibe . . .

Wenn ich mir wieder etwas aus meinem Leben erzähle, wenn ich aus meinen grauen und grünen Erinnerungen wieder kleine, zarte Gespinste hervorsuche, Träume, Leidenschaften, Gebete, -- Begegnungen mit anderen und mir -- geflüsterte, ungehörte, verwehte Dinge herbeirufe . . . ach, vielleicht werde ich dann noch einmal alles zurückdrängen können. Ich werde den Mächten, die mich und alle verfolgen, entrinnen, wie ein Dieb. Ja, wie ein Dieb, der sich geschickt in einem Kellergewölbe zu verbergen wußte, von dem niemand weiß, wo er geblieben ist, und an dem die hastigen Polizisten vorbeirennen, bis sie spät ihren Irrtum gewahr werden. Aber hallo! Jetzt hat der Dieb zwischen seinen grauen Kellerwänden neue Kräfte gesammelt und rasender als je fliegt er die langen Straßen hinab. Hinein in ein Haustor, durch den Korridor in den Hof, einen Blitzableiter hinauf, auf das Dach des allerhöchsten Hauses und ratsch -- weg ist er. Weg, als hätte ihn der Himmel verschluckt.

Weiß Gott wie heiß mir wird, wenn ich an eine solche Diebsjagd denke!

Aber schön ist das, wundervoll. Das heißt natürlich, wenn man der Dieb ist. So alles auf den Fersen zu haben, einer gegen zwanzig, gegen hundert, und dann mit allen Anstrengungen des Geistes und Körpers arbeiten, arbeiten, arbeiten, daß einem der Schweiß perlt. Alles gedoppelt: Gesicht, Gehör, Geruch; spähen, jede Kleinigkeit berechnen, ausnützen und Sieger sein zuletzt, Sieger!

Ach ja . . . . wenn es nur leichter wäre, Diebstähle zu begehen . . . .

Ich erinnere mich noch deutlich an die furchtbare Angst, die ich in Messina ausstand, als ich mir einmal vorgenommen hatte, eine Apfelsine zu stehlen.

Ja -- ich wollte mir die Langweile damit vertreiben, mir zu zeigen, ob ich Mut hätte. Mut, eine Apfelsine zu stehlen.

Gott, wie deutlich steht doch alles vor mir: da ist das kleine Hotel mit der grünlich grauen Fassade und der schmierigen Tür. Da ist der Stall nebenan und da ist der kleine deutsche Hausknecht mit den feuerroten Haaren und den unwahrscheinlich großen Ohren, die immer -- offenbar von Stiefelwichse -- ein wenig schwarz waren. Ja, ja -- dieser Hausknecht. Er hatte übrigens trotzdem zarte Beziehungen zu der Köchin, die etwas bucklig war, und man sagte mir, sie erwarte ein Kind. Mein Gott --! Und da ist der schmutzige kleine Speisesaal mit den abgeschabten Tapeten und dem Kellner Luigi.

Aber das gehört nicht zur Sache.

Ich langweilte mich scheußlich in diesem verfluchten Nest und aus lauter Langerweile kam ich, wie gesagt, zuletzt auf den Gedanken: mir meinen Mut zu beweisen! Haha, -- ich wollte eine Apfelsine stehlen. Das sollte mir wahrhaftig ein Beweis für Mut sein!

Es war just um die Zeit der Ernte. Was für prachtvolle goldene Früchte gab es doch da. Wenn sie wie goldene Kugeln geschichtet in den Körben lagen, und die Sonne darauf schien, konnte man wirklich die Augen nicht weit genug aufreißen, um all dies kostbare Licht in den Körper einzulassen. Ja, man hätte sich am liebsten überall Augen in den Körper geschnitten, um all diese Fruchtbarkeit aufsaugen zu können.

Am Montag hatte man vor meinen Augen einen dieser braunen, nackten Bengel, die da überall umherlungern, dabei erwischt, als er gerade im Begriff stand, sich mit sechs großen roten Orangen aus dem Staube zu machen. Weiß Gott, beinahe wäre es ihm geglückt, diesem verflixten, kleinen Teufel. Was er für Augen hatte! Aber er hatte die Rechnung eben ohne seine Hose gemacht.

Ja, er trug nämlich als einziges Kleidungsstück eine graugrüne Hose auf dem Leib, aus der unten die Beine wie braune Streichhölzer herauskamen. Und in diese Hose hatte er die sechs Orangen vor dem Stand der Verkäuferin ganz unbemerkt hineingestopft. Er hatte sie wahrhaftig alle schon drin. Aber zuletzt bekam die Alte hinter dem Stand doch Wind von der Sache. Sie hatte eine kolossale braune Hakennase im Gesicht und trug eine blaue Bluse. Plötzlich stieß sie einen gellenden Schrei aus, fuchtelte mit den Armen in der Luft rum und kam hinter dem Stand hervorgesprungen.

Das war eine Pracht zu sehen, wie die braunen Beine der Raubkatze über die Straße flogen! Und die Alte schreiend mit geblähtem Rock hinter ihm her!

Mein Gott, ich stand und lachte aus vollem Halse.

Sie hätte ihn nicht bekommen, den Teufel, den kleinen. Aber an der Hose lag es, die brachte ihn an den Galgen. Denn während ihm eine der Orangen im Lauf aus dem Gurt sprang und rot durch den Staub der Straße rollte, sackten sich die andern immer tiefer in das rechte Hosenbein und -- bums, da lag er. Da hatte die Alte ihn aber auch schon am Kragen.

Donnerwetter, was das Tier aber auch für Raubfinger hatte; biegsam wie Fischbein und fest wie Stahl.

Na ja -- so kam ich selbst auf den Gedanken, eine Apfelsine zu stehlen. Und das gab mir Beschäftigung bis zum Schluß der Woche. Beschäftigung? Es war ein Stück Arbeit, ein Stück ganz verzweifelte Arbeit. Ich bekam in diesen Tagen ordentlich eine gute Meinung von den Dieben. Denn wenn ich nur die Hand ausstrecken wollte, um die Orange von dem Stand der Verkäuferin zu nehmen -- am ersten Tage probierte ich es dreimal -- dann zitterte ich am ganzen Leibe und fühlte kaum mehr den Boden unter den Füßen.

Ich glaube, ich habe in diesen fünf Tagen im ganzen zwanzig Pfund Orangen gekauft, nur um mir immer am Stand der Alten zu schaffen machen zu können. Ich konnte das Zeug ja gar nicht aufessen. Ich schenkte es im Hotel dem rothaarigen Hausknecht oder dem Oberkellner Luigi.

Am zweiten Tag lächelte mich die Alte schon immer von weitem an. Hole der Teufel ihr Lachen, ich werde meine Apfelsine schon bekommen, dachte ich. Aber ich ging wieder und trug nur das gekaufte Pfund nach Hause.

Dann wurde die Geschichte interessant, das Weib hatte offenbar meine Absicht erraten, sie lächelte jetzt jedesmal recht spöttisch, wenn sie mich kommen sah.

Ich nahm allen meinen Mut zusammen und versuchte eine günstige Gelegenheit abzupassen. Aber wenn sich die Alte einmal wegkehrte, dann war es mir beinahe, als seien mir die Hände mit einem unsichtbaren Strick an den Leib gebunden.

Ich wurde wütend, zu Hause in meinem Zimmer nannte ich mich einen erbärmlichen Feigling und schlug mit der Faust auf den Tisch, daß er umstürzte und die Platte zerbrach. Ich sagte mir, so kann es nicht weitergehn. Ich setzte also den Freitag als Ruhetag an und schwor mir, die Tat am Sonnabend zu vollbringen.

Ich hielt mein Wort. Allerdings das tat ich. Aber wie erbärmlich benahm ich mich doch. Es war in der Mittagsstunde und die Alte hatte eben ihre Bude verlassen, um an einem hundert Meter entfernten Brunnen Wasser zu holen. Weit und breit war keine Menschenseele zu sehen. Und da also -- in diesem Augenblick fand ich wirklich den Mut, meine Apfelsine zu stehlen. Pfui! Was war ich für ein feiger Dieb. Und ich lief wahrhaftig noch davon als hätte ich schon den Polizisten im Nacken. Pfui Teufel!

Übrigens hatte die Alte natürlich gar nichts bemerkt. Später sagte ich ihr einmal, daß ich lange die Absicht gehabt hätte, ihr eine Orange zu stehlen. Aber da lachte sie und wollte es nicht glauben; obgleich ich es beschwor, bei Gott.

* * * * *

Den 7. August. Nun da wäre ich denn hier bei Frau Witwe Labrouquet, geschiedenen Blissot und ihrem lahmen Sohn. Ob sich der Herr mit dem gelben Mantel, der schottischen Mütze und den Zwickzwackbeinen noch einmal sehen lassen wird?

Was dies übrigens für eine Wohnung ist. Drei Zimmer und Küche. Drei graue Schachteln mit Löchern, die man Fenster nennt. Über die langweiligen gelben Gardinen habe ich ein Paar alte Priestergewänder aus Tokio gehängt. Sie sind aus Seide und ich mag es gern, wenn Licht durch Seide fällt. Es fühlt sich dann ganz anders an.

Überhaupt habe ich heute den größten Teil des Tages damit zugebracht, das Zimmer umzuräumen. Ich konnte schon in der letzten Nacht nicht schlafen und hatte immer das Gefühl, es sei jemand im Zimmer. Der Schrank, das Bett, der Spiegel, die Stühle, alles tat noch den Willen des Menschen, der hier vor drei oder vier Tagen ausgezogen sein muß.

Ich kann noch ganz deutlich sehen wie er zum Beispiel da hinter dem Tisch auf dem roten Plüschsofa gesessen hat. So -- die Hand so ans Kinn gestützt und guckt da hinaus nach dem Schornstein auf dem gegenüberliegenden Dach. Und immer rauchend. Mittelsorte. Es muß ein Kunstschriftsteller oder Theaterkritiker gewesen sein; ein ganz gewöhnlicher, oberflächlicher und uninteressanter Mensch. Aber trotzdem eine »anerkannte Feder« und ein »gemütvoller Plauderer«. Auf alle Fälle ein Mensch, der sich zum Platzen ernst nimmt. »Wie schrieb ich doch damals, als Ibsen mich besuchte . . .«

Ja, weiß Gott, man konnte es an den Möbeln sehen, wie langweilig und bürgerlich und ernst dieser Mensch war. Ich mußte ja die ganze Bude auf den Kopf stellen, um den Geist dieser »anerkannten Feder« los zu werden. Ja, außer dem alten eisernen Ofen in der Ecke und dem Bild dahinter -- übrigens ein eigentümliches Frauenporträt --, ist auch kein Ding mehr an derselben Stelle geblieben.

Frau Witwe Labrouquet wird Augen machen!

Augen, wie die geschiedene Blissot an dem Tage, als es herauskam, daß es mit dem Sparkassenbuch von 2500 Frank, im Vertrauen, auf welches Herr Labrouquet ihr die Hand vor dem Altar gereicht hatte, nichts war.

Der arme Herr Labrouquet!

Er wußte ja nicht, daß bei einer Frau _immer_ etwas herauskommt. Es braucht nicht gerade ein falscher Busen zu sein, aber vielleicht eine irrsinnige Schwester; oder der Vater hat einmal im Zuchthaus gesessen oder sie hat einmal binnen vier Wochen zwei Verlobungen aufgelöst. Bekommen. Ach, es ist nicht immer etwas Wichtiges. Vielleicht verschweigt sie dem Bräutigam ja nur einen hohlen Zahn oder daß sie einmal ein Kind hatte . . . aber heraus kommt immer etwas. Und es ist wahrhaftig eine Herzensfreude, so einem jungen, freundlichen Ehemann zu begegnen am Tage, da etwas raus gekommen ist.

Männer können ja viel dümmere Gesichter machen als Frauen. Unfreiwillig natürlich. Denn wenn eine Frau dumm sein will, ist sie auch darin Meister.

Nein, nein, ich habe diesmal kein Glück gehabt mit meiner Wohnung. Warum um alles in der Welt mußte ich auch diesem gelben Mantel und dieser schottischen Mütze nachlaufen? Trotzdem ich den ganzen Bau sozusagen auf den Kopf gestellt habe, und kein Stück mehr am Platze ist, begegne ich noch immer dem Gedankengerümpel dieser »anerkannten Feder« und dieses »gemütvollen Plauderers«. Was für ein schales Zeug in so einem Schreibergehirn nebeneinander liegt. Ein Anblick wie ein Trödelladen.

An diesem Tisch zu sitzen ist mir ganz unmöglich. Da muß er täglich geschrieben haben, und wenn ich mich dorthin setze, fallen mir Dinge ein, die direkt reif sind für den . . . . er-Anzeiger. Unterm Strich.

Ich sitze also am Boden und schreibe auf meinem Koffer. Auf meinem kosmopolitischen Koffer . . . .