Das Gefängnis zum Preußischen Adler
Part 8
Tat also meinen Mantel um und ging mit Bolle aufs Amt. Der kluge Amtsvorsteher Kloß begrüßte mich mit seiner gewinnenden Höflichkeit. „Und nicht wahr, verehrter Herr Doktor? Sie schaffen den peinlichen Fall aus der Welt -- und beweisen Ihren guten Willen .... Sollte Ihnen aber für heute oder morgen die Zahlung nicht passen -- na gut, das macht nichts -- ich berichte einfach an die Behörde, daß Sie willig sind -- und wer weiß, ob sich damit nicht die ganze Geschichte in Wohlgefallen auflöst.“ Und die väterliche Güte, die aus dem Antlitz dieses Amtsvorstehers strahlte, war so verführerisch, daß ich an die Fabel vom Wanderer dachte, der sich seinen Mantel nicht vom Sturmwind abtrotzen, aber von der warmen Sonne abschmeicheln ließ.
Indessen bedeutete ich Herrn Kloß: „Sie meinen’s ja freundlich. Aber Sie könnten sich eigentlich selbst sagen, daß ich die Geschichte nicht angefangen habe, um bei der Entscheidung umzukippen. I bewahre! hier ist keine Spur von freiwilliger Unterwerfung. Nichts zahle ich, bin ganz und gar nicht willig.“ Mit einem Ausdruck von Fassungslosigkeit starrte er mich an, als zweifle er sacht an meinem Verstande. Nach einem Seufzer lächelte er süß, legte die Hand auf’s Herz und verbeugte sich: „Aber mein Verehrtester! Sie bringen mich in die peinlichste Verlegenheit -- ich müßte Sie ja -- bedenken Sie doch -- verhaften müßte ich Sie! Tun Sie mir so was nicht an! Bedenken Sie auch, was Sie Ihrem Stande schuldig sind! Es geht doch nicht, daß Sie ins Gefängnis spazieren! So was macht man doch mit Geld ab! Und Sie haben ja nicht mal Kosten davon -- die freireligiöse Gemeinde wird Sie schadlos halten, selbstverständlich! Also nicht wahr? machen wir’s so! Sie wollen nicht? wie? ab-so-lut -- nicht? Ja, +dann+ kann ich nicht helfen! nicht helfen!“ Und aufseufzend berührte er den Knopf der elektrischen Klingel.
Der Amtsdiener trat in strammer Haltung ein: „Bolle, der Herr ist Ihr Arrestant!“ Noch einen wehleidigen Blick gab mir der Amtsvorsteher mit auf den Weg und wimmerte: „Daß +mir+ so was passieren muß -- ausgerechnet +mir+!“ Ich konnte mich eines Lächelns nicht erwehren: „Sie tun ja, als wären +Sie+ der Arrestant!“ -- „Oh! Lachen Sie nicht! oh!“ stöhnte der Amtsvorsteher. „+Kennen+ Sie unser Gefängnis? Zu meinem Leidwesen sei’s gestanden, das ist verflucht unbequem!“
Ich wehrte mit der Hand ab: „Als ich Militärsoldat war, hab ich auf der Wachtstube eine harte Holzpritsche zum Schlummern gehabt -- hab auf Manöver in Scheunen und Ställen gepennt -- und beim nächtlichen Biwakieren war’s kalt und naß, war +auch+ verflucht unangenehm. Und doch hab ich’s mit guter Laune hingenommen. Jetzt bin ich abermals Soldat und auf dem Manöver -- es handelt sich gar um einen Dienst, den ich mir selbst, meinem Gewissen leiste -- also los, Herr Bolle!“
„Noch eins, Herr Doktor! Sie können jederzeit wieder raus -- sobald Sie mir erklären, daß Sie Zahlung leisten ... Nicht wahr, Sie kommen recht bald!“ Mich verbeugend, begegnete ich noch einmal seinem flehenden Blick; dann sagte er achselzuckend, verdrossen kalt: „Also, Bolle! Der Herr Doktor ist Ihr Arrestant -- führen Sie ihn ab!“
Als ich mit dem Amtsdiener an der Kirche vorbeiging -- damals war sie noch das altmodische Dorfkirchlein -- und als wir in die Müggelstraße einbogen, war mir leicht zu Sinn. Die Sache war ja nun endlich entschieden und im reinen. Ich empfand etwas von der Neugierde eines Kindes, das vor dem Theatervorhang sitzt und sich ausmalt, was jetzt für seltsame Bilder und Geschicke kommen sollen. Als ich halblaut vor mich hinlachte, warf mir Bolle von der Seite einen verdutzten Blick zu. „Nu sagen Se bloß, Herr Dokta, wat soll +nu+ werden! Ick muß Ihnen int Hotel inhaftieren. Wenn’t wenijstens int Vordahaus jinge, bei Onkel Pofken -- aber nee, daderzu will der Herr Amtsvorsteha keene Erlaubnis nich erteilen -- det kennte man ihn iebel nehmen.“ -- „Was für ein Hotel und Vorderhaus meinen Sie denn?“ -- „Na aber! Sie haben Ihnen noch nicht mal informiert über det Lokal, wo wir Ihnen unterbringen duhn? Nee so wat!“ -- „Keine Ahnung!“ -- „Und kennen woll noch nich mal den Preißischen Adler? Ach du meine Jiete! Det is doch der Jasthof von Onkel Pofken. Int Vordahaus is de Kneipe un der Jasthof jarnie -- wenn mal Loschierjäste kommen. Ick un Onkel, wir wohnen selbstmurmelnd ooch int Vordahaus. Wat nu aber der Hof is, da ha’ mer so’n kleenen Bau -- erst war et Waschkiche un Heiboden -- aus die Waschkiche hat man die drei Arrestzellen jemacht -- un det nennen se nu spaßhaft det Hotel. Oben uf’n Heiboden is de Herberje -- wissen Se, fier reisende Sonnenbrieder un wat sonst keene bessere Penne berappen kann.“
„Ich komme also in eine der Arrestzellen? Und wer haust in den andern?“ -- „Momentan keene Katze! Iberhaupt ha’ mer selten Arrestanten -- meist bloß so’n Fechtbruda oder ne Tippelschickse, wo sich von den Schandarm hat fischen lassen.“ -- „So! hm! Aber ich -- Sie wissen doch, daß ich Anspruch auf Selbstbeköstigung habe?“ -- „Aber feste! Mein Onkel, der Hoteljeh, liefert Sie, wat Küche un Keller halten.“ -- „~À la bonheur!~ Das Essen wird mir natürlich von meiner Frau geliefert -- die gewohnte Hausmannskost, wissen Sie, ist immer das Bekömmlichste. Tee und Kaffee bereite ich mir auf dem Spirituskocher -- na, und wenn ich dann erst gemütlich bei meinen Büchern sitze ...“ -- „Sie wollen sich also richtig heislich inrichten?“ Und er schüttelte sorgenvoll sein Haupt mit der Amtsdienermütze.
„Gasthof zum Preußischen Adler“ stand an einem Häuschen, das im Erdgeschoß Kneipe war und darüber noch ein Stockwerk hatte. Vorn hinein gingen wir nicht, sondern durch die Tür eines Bretterzauns unmittelbar in den Hof. Zur Linken befand sich eine Kegelbahn, das Hinterhaus war offenbar besagtes „Hotel“, denn die drei Fenster des Erdgeschosses hatten Kerkersprossen. Davor lag ein ländlicher Düngerhaufen in einer Senkgrube, wo Hühner scharrten.
Bolle rasselte mit Schlüsseln, die er aus seiner Uniform geholt hatte, und öffnete die Gefängnistür. Wir traten in den schmalen Flur; rechter Hand lagen die drei Zellen, die mittelste schloß Bolle auf. Da war nun mein Heim: Ein weißgetünchter Raum, sehr unfreundlich, dumpfig und dunkel, dazu von ungewöhnlicher Enge -- neben dem Backsteinofen hatte eine Pritsche nebst einem Stuhle noch eben Platz. Bolle sah die Unzufriedenheit in meiner Miene. „Ha’ck Ihnen nich jesaacht? Wat dise drei Zellen sin, uf +die+ war +nich+ det Bibelwort jeminzt: Hier is jut sind, hier laßt uns Hütten baun. Un ick bleibe dabei, Herr Dokta -- +duhn+ Se, wat der Herr Amtsvorsteha Sie jeraten hat -- +zahlen+ Se den Schwindel, +fort+ mit Schaden! un wir sin die faule Jeschichte +los+. Sonst nimmt die keen jutet Ende nich.“ -- „Wieso?“ fragte ich verdutzt. -- „Aber, Herr Dokter, selbstmurmelnd! +Die+ Politik liecht doch nah -- uf +so+ ne Sache sin +mir+ doch nich injericht -- dafier is doch unser Hotel nich komfortabel! Det liecht ebens dadran, det wir hier ne andre Art von Vapackung haben!“ -- „Das sehe ich,“ bemerkte ich unwirsch -- „aber diese Verpackung lasse ich mir nicht zumuten!“
Nun sah Bolle vollends ratlos aus: „Na da ha’ mer ja de Bescherung! Nu wird’s Tach in de Bodenluke! Aber, Herr Dokta, duhn Se mich bloß den eenzichsten Jefallen un -- un -- schlagen Se keenen Lärm nich von wejen de Lokalletät! Schließlich kommt et noch dahin, det unser Jemeindeamt een neiet Jefängnis bauen muß.“ -- „+Muß+ es auch!“ trotzte ich -- „hier fehlt ja jede sanitäre Fürsorge!“ -- Bolle’s Mienenspiel drückte hilflosen Mißmut aus: „Ja +Sie+, det sagen +Sie+! Aber ick jebe Sie den juten Rat: wenn Se sich hier durchaus heislich niederlassen wollen, jut! Wir werden Sie die Haft so behaachlich wie meechlich machen. Aber man +bloß+ keenen effentlichen Lärm nich schlagen -- bloß nischt in de Presse bringen! saacht der Amtsvorsteha! -- Ick muß Ihnen jetzt einsam lassen, Herr Dokta! Aber nu vasprechen Se mich det -- nehmen Se Rücksicht, un so weiter!“
Seine Eröffnungen kamen mir gelegen, diese Verhältnisse ließen sich dazu benutzen, meine Haft zu erleichtern. „Will mir’s überlegen,“ antwortete ich. -- „Ja, duhn Se det! ick vertraue uf Ihre Bildung! Na, un wenn Se wat winschen -- oder wenn Se in Freiheit jelangen mechten -- denn rufen Se man aus et Fenster -- int Vordahaus is immer wer, wo Ihnen heert.“ -- „Gibt es hier keine Klingel?“ Er lächelte über meine Naivetät. -- „Aber wenn nu bei Nacht ... wenn zum Beispiel Feuer ausbricht ...“ -- „Hier +bricht+ keen Feia aus! Zu Ihre Sicherheit aber bleibt Ihre Türe nach’n Korridor uff -- un draußen steht ’n Emmer -- un fier det Feia ’n jroßer Kruch mit Wassa ... Haben Se man keene Bange! Ma sin’ ja nich in Rußland! Aber nu muß ’ck fiers erste jehn -- adchee also, Herr Dokta, adchee!“
Er ging, klappte die Tür zum Korridor zu -- dann hörte ich, wie die rasselnden Schlüssel die Haupttür verschlossen. Ich war allein -- nachdenklich saß ich auf meiner Pritsche.
Robinson richtet sich häuslich ein
In diesem Loche Monate zuzubringen, war eine grämliche Aussicht. Keine vier Schritte konnte ich tun, und an Luft mangelte es. Das Fenster reichte mir von der Brust bis zum Scheitel und war draußen mit vier Eisensprossen versichert. Der Scheibenrahmen hatte nur eine Klappe zum Lüften.
Vor dem Fenster eine Müllgrube, wo Hühner scharrten. Damit nicht jemand nachts hineintappte, war um diesen landwirtschaftlichen Bezirk ein Lattengehege. Daneben die Wasserpumpe, ein Kübel für Hühnerfutter, ein Hackeklotz mit Stubben, die zerkleinert werden sollten. Die Hinterfront des Gasthofs hatte zwei Türen mit ein paar Seitenfenstern, darüber eine Fensterreihe. Da war auch eine Glocke -- sie erinnerte an die Hofglocke meiner Klippschule; auf dem Blechschild stand „zum Amtsdiener“. Nebenher führte die Dachrinne ins Regenfaß. Die Straße war abgesperrt durch eine hohe Bretterplanke mit eingefügter Tür. Etwas angenehmer blickte man nach rechts: längs der Hofmauer eine Kegelbahn, der Stand für die Kegel war beim Eingang zu meinem Gefängnis. An den Borden der Kegelbahn sproß Rasen; wilder Wein umrankte die Laube, von wo geschoben wurde. Über die Mauer lugte der Giebel des Nachbarhäuschens und ein Akazienbaum -- aus seinem noch dunkelgrünen Wipfel zitterte das späte Zirpen einer Heuschrecke.
Abermals musterte ich meine Klause -- aber da gab es nichts als Pritsche, Ofen, vier kahle, weißgetünchte Wände. Darauf Inschriften und Zeichnungen, mit Bleistift gekritzelt. Meine Vorgänger hatten sich mit Namen verewigt, auch durch Darstellungen, wie sie ein roher Geschmack auf Wänden anbringt. Da war eine Prügelei; ein Gendarm mit Helm und Säbel wurde verhauen von einem Kerl mit ungeheurer Faust; darunter die Verse:
ihr kricht mir doch nich unter vafluchtichte Blechkopp-Limmel, ick halte mir mit Fechten munter un drinke Rum mit Kimmel.
Neben solcher heroischen Kunst gab es auch komische. Wiederholt kam ein Mann mit Amtsmütze, verschmitzten Äugelchen und einer Kartoffelnase vor. Viel von dem Gekritzel behandelte Gefühle der Minne. Eine Tippelschickse hatte das sentimentale Bekenntnis abgelegt:
In Hamburg, da bin ich gewesen In Sammet und Seide gehüllt -- -- Meinen Namen, den darf ich nicht nennen, Denn ich bin nur ein Mädchen für Geld.
Die übrigen Kritzeleien waren garstig, für die Dauer unerträglich; schon die Kalkflächen hatten etwas Quälendes. An diesem ersten Gefängnistage habe ich empfunden, was es heißt, in öden vier Wänden zu hausen -- ohne Bild, ohne Farbigkeit.
So darf das hier nicht bleiben! Ein Häftling hat doch gewisse Rechte -- die lasse ich mir nicht schmälern! Mein Entschluß stand fest, ich überlegte, wie sich am zweckmäßigsten vorgehen ließe. Ich wollte nicht bloß mein eigenes Bett und Selbstbeköstigung fordern, sondern auch tägliche Spaziergänge und die Erlaubnis, beliebig Besuch zu empfangen. Und wie Robinson, auf die wilde Insel verschlagen, seine Höhle traulich ausstattete, indem er vom Wrack des gescheiterten Schiffes allerlei Kulturdinge einheimste, so wollte ich dies Gefängnis zur fidelen Klause gestalten. Aus meiner Häuslichkeit sollte meine Frau ...
Ach ja, meine Frau! Aber die wußte ja nicht mal, was aus mir geworden! Ich mußte sie benachrichtigen. Sah nach der Uhr ... Himmel, waren die Stunden verflogen! Ich spürte Hunger und Durst. Ob ich mir vom Gasthause was bringen ließe? Es kam mir wie eine Demütigung vor, was auszubitten. Zudem hegte ich den Verdacht, Bolle halte sich geflissentlich fern und werde, im Einverständnis mit dem Amtsvorsteher, alles aufbieten, mich am ersten Tage mürbe zu machen, damit ich in +Geld+ die Strafe entrichte. Na wartet, ihr Schlauberger! Ihr verrechnet euch in mir!
Wieder auf der Pritsche, nahm ich mein Notizbuch und schrieb an meine Frau: „Nun doch in Haft! Im Hinterhaus des Gasthofs zum Preußischen Adler, Müggelstraße. Bitte laß auf einem Handwagen folgende Sachen herschaffen: Mein Bett nebst Matratze. Schreibzeug und Papier. Goethes Gedichte. Das allgemeine Landrecht, links im Oberfache des Bücherschranks. Böcklins Bild: Der Einsiedler. Das Ziegenfell aus meinem Schreibzimmer. Die rote Plüschdecke. Chamissos Gedichte. Den Wandteppich, mit dem wir mal die Flurtür verkleidet hatten. Nagelkasten, kleine Eisenringe für den Wandteppich. Bindfaden, Nadel und Zwirn. Ein Quadratmeter Stoff zu einem Fenstervorhang, recht bunt. Ein Beefsteak mit Bratkartoffeln und Gemüse. Eine Flasche Weißbier. Das Tischchen aus Bambusrohr. Meine Zither nebst Noten. Blumentopf vom Gärtner. Papierampel aus Japan. Eine Flasche Wermut di Torino! Nun sieh, daß ich bald was zu essen kriege!! Übrigens geht es mir gut.“
Die Blätter, auf die ich den Brief geschrieben, riß ich aus dem Notizbuch und hüllte sie in ein Zeitungsblatt. Gelegen kam soeben von der Straße ein Knabe mit einem Schulranzen. Durch die Fensterklappe rief ich ihn her: „Heda, Junge! Wie heißt du?“ -- „Anton Bolle.“ -- „Ich gebe dir zwei Groschen, wenn du einen Brief zu meiner Frau bringst.“ -- „Erst muß ’ck zu Mittach essen!“ -- Und Anton verschwand im Vorderhause. Mit noch kauenden Backen kehrte er zurück und erhielt den Brief. Kaum war er weg, so fielen mir weitere Wünsche ein, und ich notierte: „Dringlicher Nachtrag: Meine grüne Studierlampe!!! Tee nebst Spirituskocher!! Teller, Tassen, Gläser! Grimms Kinder- und Hausmärchen. Hausschuh und Hausanzug. Handkoffer mit Wäsche. Reisetoilette, Seife ...“ Ach, was hat der Kulturmensch doch alles nötig!
Nicht lange und Anton Bolle war zurück. „Na, was sagte meine Frau?“ -- „Et wäre jut!“ Ich gab ihm seine Groschen. „Du kriegst aber noch zwei, wenn du nochmals zur Kastanienallee läufst; willst du?“ -- Anton nickte und bekam den zweiten Brief. Die Stunde, die ich zu warten hatte, bis meine Frau erschien, dehnte sich, mein Magen auch. Wer hat nicht schon eine Hyäne bedauert, wenn sie die paar Schritte trottet, die der knappe Käfig zuläßt, sich dreht, zurücktrottet -- und so fortfährt, ruhelos. Ähnlich suchte ich meine Ungeduld auszutoben. Schließlich hatte ich eine Vorstellung von jener Drehwurmkrankheit, die Schafen so scheußlich wird; schwitzend saß ich auf meiner Pritsche.
Die Hoftür ließ sich vernehmen -- endlich! Meine Frau, einen Korb am Arm. An der Bretterplanke tat Frau Pape einen Riegel weg, es öffnete sich eine breite Pforte nach der Straße. Da stand der Handwagen mit den begehrten Sachen. Durch die Fensterklappe rief ich meiner Frau einen Gruß zu -- sie erwiderte wehmütig, versunken in den Anblick meines Gefängnisses. „Drüben klingeln!“ rief ich. Frau Pape zog die Glocke. Als Bolle den bepackten Wagen sah, war er stutzig. Dann kam er, das Gefängnis aufzuschließen. Er sah mich groß an. „Ick denke schon, det wir Ihnen +entlassen+ kennen -- un +Sie+ ... ja wat wird denn +nu+?“ -- „Entlassen?“ -- „Na Se werden doch endlich +zahlen+! Oder nee? Himmelkaldaunen! Se wollen Ihnen heislich inrichten?“
Ich sah ihn fest an: „Was ich Ihnen jetzt sage, Herr Bolle, gilt dem Amtsvorsteher. Wenn Sie sich einbilden, ich werde mir dies Loch gefallen lassen, das weder auf Gesundheit noch auf Anstand Rücksicht nimmt ... Hier fehlt der vorschriftsmäßige Luftgehalt -- fehlt rechte Ventilation -- fehlt ein anständiger Hof zum Spazierengehen. Dann diese Senkgrube unmittelbar vor meinem Fenster -- diese Zeichnungen und Inschriften, -- +der+ Toback ist mir denn doch zu ruppig! Und wenn nicht umgehend für Anständigkeit meines Gefängnisses gesorgt wird, richte ich ein Flugblatt an die Öffentlichkeit.“
Und Bolle kleinlaut: „En feinet Jefängnis is et ja +nich+ -- aber nu sagen Se selbst, wat soll denn hier jescheh’n?“ -- „Das hätten Sie sich früher überlegen sollen. Warum hat mich das Amt in Haft genommen, wenn es keine Vorsorge getroffen hat, und dies Lokal in einem so saumäßigen ...“ -- „Ach nee, Herr Dokta! Keene Amtsbeleidejung!“ -- „Beleidigend sind Ihre Zumutungen.“ -- „Det is ja zum Piepen! Sollen wir etwa frisch kalken lassen? Un wat fangen ma derweile mit +Sie+ an? Nebenan die beeden Zellen sinn +ooch+ keene Sakristei nich -- un haben nicht mal Heizung. Also wat --?“
„Will ich Ihnen sagen. Auf dem Wagen draußen sind Teppiche, Decken -- damit werden die Wände bekleidet.“ Bolle machte ein bedenkliches Gesicht. „Ferner verlange ich Bewegung in freier Luft, täglich zwei Stunden.“ -- „Hier uff disen Hof? Wat mechten Se denn da anstellen?“ -- „Na zum Beispiel Kegelschieben!“ Schweigend kratzte sich Bolle am Kinn. „Dann verlange ich, daß Besucher jederzeit eingelassen werden.“ -- „Na ja, scheeneken! Machen Se man een Jesuch an Ihre jemietlichen Provinzial-Schulkollejen von wejen de Kegelbahne un de Teppiche ...“ -- „Gesuch? Es geht +ohne+ Gesuch, und zwar sofort!“ Und ich ging an ihm vorbei auf den Hof -- begrüßte meine Frau und sagte zu Frau Pape: „Danke schön! Nun wollen wir mal gleich die Teppiche anmachen.“ -- „Die Ringe zum Anhängen haben wir schon angenäht,“ sagte meine Frau. Wir trugen Teppiche und Decken ins Gefängnis, und los ging das Hantieren. Bolle schlich hinweg wie ein begossener Pudel.
„Aber Mann!“ wandte meine Frau vorwurfsvoll ein. „Nicht so hastig! Das Essen wird ja kalt!“ Und wie sie aus dem Korbe auspackte, stieg mir der Duft von Gebratenem in die Nase.
Nach dem Essen fand ich Anlaß, in einen Winkel des Menschenherzens hineinzuleuchten: Wir geraten in Verlegenheit, wo wir glauben, die Achtung der Leute vor uns könne sich verringern, wenn wir uns nicht nach ihnen richten. Ungezählte Keime tüchtigen Lebens, Wahrheiten und Reformen, werden erdrosselt durch die Formel: So was sagt man nicht! so was schickt sich nicht! Und mancher Geist, der sonst selbständig, gebildet, ja erleuchtet ist, weiß sich nicht freizuhalten von der Autorität des Üblichen. Besuch’ doch mal eine Abendgesellschaft, wo alle Herren Frack tragen, während du Gehrock anhast. Oder du willst ein Kaffeehaus betreten -- und da bemerkst du, daß du den Schlips vergessen hast -- und kehrst um, wagst nicht einzutreten. Es gibt Träume, die es darauf abgesehen haben, uns in Verlegenheit zu bringen; hemdärmelig treten wir zur Prüfung vor das Professorenkollegium; in Unterhosen müssen wir über die Straße. Wie sich die Leute genieren, wo sie sich in ihrem Ansehen gefährdet fühlen, kannst du experimentell feststellen: Hast du in einer Kleinstadt jemand besucht und willst abreisen, und die Familie oder der Freund hat dich auf den Bahnsteig begleitet, so steige doch mal, Spaßes halber, in die +vierte+ Klasse ein! Während deine Begleiter bis zur Abfahrt auf dem Bahnsteig harren, mußt du vergnügt und recht auffällig zum Fenster raussehen und ein Gespräch durchhalten. Da kannst du was beobachten! Schamrot wie am Pranger steht man -- oder man drückt sich schleunigst. Mit einem Menschen, der vierter Klasse fährt, zu verkehren, ist blamabel! Niedlich ist auch die Wirkung, wenn du in „guter“ Gesellschaft zu erzählen anhebst: „Es war im Jahre -- na, ich kam gerade aus dem Gefängnis ...“ Bei diesem Wort, ich wette, geht ein Engel durchs Zimmer, man räuspert sich und lenkt rasch von dem heiklen Thema ab -- hem, hem! Frau Pape gehörte nicht Kreisen an, wo der Reserveoffizier den Ton angibt, ihr Vater war ein biederer Handwerker. Und doch, im Benehmen dieser Witwe zeigte sich jene Verlegenheit, deren Art ich geschildert habe. Beim Einrichten meines neuen Heims vermied diese treue Schafferin, mir gerade ins Gesicht zu seh’n. Sie schämte sich! Daß ein Mann, in dessen Haushalt sie Stütze war, im Gefängnis saß, war ein fataler Schein. Was ein anständiger Mensch sein will, darf sich eben nie so benehmen, daß die Frau Postsekretär sagen kann: aber so was! Beileibe nicht darf man irgendwelche Schererei mit der Polizei kriegen! Und wenn einem die Leute erst nachsagen können, man habe „gesessen“, so gehört man fast schon zum Abschaum der Gesellschaft.
Während mir das Essen mundete, stand Frau Pape nachdenklich vor einem Bilde, das ich herbestellt hatte; es war Böcklins Einsiedler, der nachts in seiner Klause geigt, von Engelchen belauscht. In meinem Haushalte hatte die gute Frau sich kaum abgegeben mit Nachdenken über ein Bild. Nun war, durch meine Verhaftung, ihre Ideenwelt aufgerüttelt. „Na Frau Pape? Was interessiert Sie denn an dem Einsiedler?“ -- „Ach ’n Einsiedler is det?“ -- „Was dachten +Sie+ denn?“ -- „Na, ick dachte Sankt Peter.“ -- „Wieso?“ -- „Ick habe in de Schule jelernt, den Sankt Peter hätten se int Jefängnis injestochen.“ -- „Ach so! Die Eremitenklause haben Sie für ein Gefängnis angesehen?“ -- „Na ja, eng jenuch is se schon, un drin is ooch nischt.“ -- „So wie hier!“ -- Frau Pape nickte bedeutsam: „Un da ha’k mich jesaacht: Wenn se jar den heiligen Sankt Peter injespunnt haben, ... aber nu +is+ et jar keen Sankt Peter!“ -- „Ich verstehe, Frau Pape! Wie Sie das Wägelchen mit meinen Sachen herbrachten, haben die Nachbarinnen getuschelt: ‚De Papen is bei Dokter Willes, wo se doch den Mann injespunnt haben -- un kiek mal, jetzt holen se die Betten int Jefängnis!‘ War’s nich so, Frau Pape? Sie werden ja rot wie’n junges Mädchen. Sie haben sich geniert! Aber das Geschwätz soll Ihnen nicht nahe gehn. Die Leute halten sich ans Äußerliche -- denken nicht darüber nach, daß man auch wegen einer gerechten Sache ins Gefängnis kommen kann.“ Frau Pape nickte bewegt: „Det ha’ck de Kunzen ooch jesaacht!“ -- „Ach so, die Kunzen war’s; die Betschwester?“ -- „Ja woll, eene olle Betschwester is se! Die wohnt an ’n Katholschen Bahnhoff jleich links -- un wenn Ochsigkeit weh dähte, +ihr+ hörte man brillen bis Potsdam!“ -- „Der erzählen Se man vom Gefängnis Sankt Peters -- Sie können auch daran erinnern, daß Christus einer war, den sie ins Gefängnis steckten.“ -- „Hurrejott, det is ooch wahr! Sojar +der+ hat jesessen!“ -- „Weil er nicht glaubte, was die Pfaffen sagten, und weil er nicht mundtot leben wollte! Hätte die Kunzen im alten Zion gelebt, die wäre unter der verblendeten Rotte gewesen, die einen Gerechten anspie. Ach ja, Frau Pape! Die Erde zwar dreht sich vorwärts. Nur mit dem Fortschritt der Erdenkinder hapert’s -- sie +trauen+ sich nicht recht vorwärts, wo sie mal aus dem Herkommen raus sollen. Es gibt zu viel fromme Verlegenheit in der Welt! Gefängnis von Schilda, dein Bolle heißt Angstmeier!“
Der Kreispfiffikus
Drüben am Vorderhause gellte die Glocke. Wie ich trotz der einbrechenden Dämmerung erkannte, stand da eine mir willkommene Persönlichkeit: der Arzt des Ortes. In Friedrichshagen, wo jetzt mindestens ein halbes Dutzend Jünger Äskulaps wetteifern, praktizierten damals zwei Ärzte, einer immer besser als der andere. Doch eben aus diesem Grunde gab es für meinen Freundeskreis nur diesen einen; sintemalen wir keinen Geschmack fanden an Apothekerei, desto mehr aber an den Geistes- und Herzensvorzügen des Herrn Doktor Jacoby.