Das Gefängnis zum Preußischen Adler

Part 3

Chapter 33,378 wordsPublic domain

Auch wie er zu dem Spitznamen Igel kam, will ich nicht verschweigen. Schon der Name Hegel hat die Anlage, in Egel, Igel umgewandelt zu werden. Und als ich zum erstenmal mit dem Rate zu tun hatte, ging es mir durch den Sinn: den mußt du schon mal gesehn haben! Wo denn aber? Da ward mir auf einmal klar, daß dieser Würdenträger Ähnlichkeit mit dem wettlaufenden Swinegel hat, wie ihn Ludwig Richter gezeichnet. Hier war ja dieselbe kurze Gestalt, derselbe kleine Duckmäuserkopf mit den listigen Schweinsäugelchen, dieselbe rattenhafte Spitzmäuligkeit -- seine schmalen, rasierten Lippen wurden durch ein paar Nagezähne schräg nach vorn geschoben -- hier war auch der huschende Leisegang des Igels.

Was die Pedale des Herrn Rat betrifft, so will ich beileibe nicht andeuten, daß sie krumm waren, wie die Schleichkrüppelchen des Buxtehuder Swinegels. Kurz und zierlich, ja das waren sie, deshalb würdigte sie der selbstbewußte Eigentümer auch einer besonderen Sorgfalt. Auf den Tanzkränzchen der Bürgerressource staunte man nicht bloß über die Elastizität der Hegelschen Hüpforgane, sondern auch über ihre patente Bekleidung. Beim Contretanz, den er mit den nasalen Lauten eines französischen Mäters zu kommandieren pflegte, kokettierte er in Lackstiefeletten, während er sonst gelbe Promenadenschuhe trug, die Beinkleider stutzerhaft aufgeschlagen. Sein Ideal war eine Mischung von Landrat und Friseur, emeritiertem Hauptmann und Tanzmeister.

Sein rastloser Ehrgeiz hatte ihn ins Fritzenwalder Amt befördert. Anfangs hatte er nur als Pensionär am Müggelsee leben wollen, als passionierter Angler, Tänzer und sonstiger Lebenskünstler. Dann in den Gemeinderat gewählt, fühlte er immer bestimmter, sein Genie sei noch lange nicht welk, vielmehr zu erneuter Karriere berufen. Damals fügte es sich, daß ein Friedrichshagener Amtsvorsteher, der sonst so tüchtige Herr Drachholz, wegen seines plötzlich gesteigerten Asthmaleidens auf Urlaub nach Ägypten gehn mußte, und nun war ein stellvertretender Amtsvorsteher nötig. Durch geschicktes Aufgebot all seiner Gönnerinnen gelang es dem Jungen Fritz, seinem gefährlichen Mitbewerber, dem reichen Klempnermeister Kuhlicke, viele Stimmen abspenstig zu machen. Nunmehr provisorischer Regent der „Kolonie“, hoffte er, dem Herrn Landrat und „den Herren da oben“ ebenso wie den Spießern bald zeigen zu können, daß Rat Hegel ein ganzer Kerl und Preuße sei, zum definitiven Amtsvorsteher fraglos vorherbestimmt.

Wenn der kleine Gernegroß den eleganten und gebildeten Weltmann herauszubeißen suchte, so kamen auch Entgleisungen vor, die dem Bierbankgelächter willkommene Nahrung boten. Als Beispiel mag eine Begebenheit dienen, die nach Errichtung einer biologischen Station für Binnenfischerei am Gestade des Müggelsees vorfiel. Ein fremdländisch aussehender Herr war von Berlin auf dem Bahnhof Friedrichshagen angelangt, als er in sichtlicher Ratlosigkeit, an einen Bahnbeamten gewandt, in gebrochenem Deutsch stammelte: „Wo ist biologische Station?“ -- „Hier ist Station Friedrichshagen“, lautete die Antwort. Der Ausländer blieb bei seiner Formel: „Ich will zu biologische Station.“ -- „Ach, Sie meinen wohl Station Zoologischer Garten?“ Der Ausländer protestierte: „Nicht zo -- sondern bi, bi!“ Dies Zwiegespräch hatte Rat Hegel mit angehört, und um seine weltmännische Gewandtheit darzutun, schüttelte er vornehm mitleidig das Haupt über des Bahnschaffners unbeholfene Art: „Aber Mann! Erraten Sie denn gar nicht, was dieser Pariser will, hä?“ Und er blinzelte den Fremdling an: „Oui oui, monsieur, je comprends! Kommen Sie!“ Vertraulich seinen Arm ergreifend, führte er ihn nach jenem Bretterhäuschen, das von den Reisenden der wenig komfortablen Vorortzüge oft mit sehnsüchtiger Hast erstrebt wird. „Ici bibi! Ici biologische Station!“ Mit einem Blick der Entrüstung wandte sich der Fremdling ab; Rat Hegel, über solche Wirkung seines Ratschlags verdutzt, ratschlagte hin und her, ob er es an Takt habe fehlen lassen, oder ob dieser Pariser doch etwas anderes gemeint habe.

Als er sein Abenteuer im „Waldhaus“ erzählte, platzte der dicke Wirt heraus: „Warum haben Se’n denn nich zu +mir+ geschickt, Herr Rat? Er meinte doch offenbar die +Bier+ologische Station!“ Zufällig saß auch der Leiter der biologischen Station am Stammtisch, der schlug die Hände zusammen: „Also Sie, Herr Rat, sind das gewesen? Wissen Sie denn nicht, was für einen Beruf und Posten ich hier in Friedrichshagen habe!“ -- „Sie -- hä? Natürlich weiß ich das! Herr Professor sind Leiter des Instituts für Binnenfischerei am Müggelsee.“ -- „Na das ist doch die biologische Station!“ War das ein Reinfall für unsern Igel! War das ein gefundenes Fressen für die auf Ulk erpichten Bürger des Kreises Niederbarnim! Zu seiner Entschuldigung machte er mit wehmütigem Lächeln geltend: „Wenn ich bei der Frage des Ausländers nicht sofort erraten habe, daß Biologie Binnenfischerei bedeutet, so ist das verzeihlich bei einem Manne, der auf seiner Realschule zwar ein leidlicher Franzose gewesen, aber natürlich kein Lateiner. Auch bin ich eben ein schlicht konservativer Patriot, und in meiner bald vierzigjährigen Amtstätigkeit sind mir immer nur +Preußische+ Formen und Aufgaben vorgekommen, keine kosmopolitischen Probleme. Übrigens weiß man oben schon, was man an Rat Hegel hat, dem die Kolonie des Großen Friedrich anvertraut worden -- oder etwa nicht, hä?“

Ein Patriot -- nun ja, das war Rat Hegel -- was mancher Beamte, um die Gunst seiner Vorgesetzten beflissen, so unter einem Patrioten versteht. Die politische Gesinnung gehört dabei zum Dienst, wie der Soldat vorgeschriebene Uniform zu tragen hat und stramm seinen Griff macht, wenn das Kommando erfolgt „Helm ab zum Gebet!“ Obwohl der Junge Fritz gelegentlich mit Fridericianischer Aufgeklärtheit kokettierte, so war er doch auch von jenem Geist erfüllt, der einem Polizeimenschen zu Anfang der neunziger Jahre, wenigstens einem Preußischen, eigen war, nachdem man durch das Ausnahmegesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen lange genug zum Unratschnüffeln abgerichtet war. So nahe beim blutroten Hexenkessel Berlin hatte Rat Hegel ein klein wenig von dem Grundsatz, den sein Kollege in Erkner, „Wehrhahn“ in Gerhart Hauptmanns „Biberpelz“, mit den schneidigen Worten verkündet: „Meine Aufgabe hier ist mustern und säubern. Was hat sich nicht alles für Kehricht am Orte angesammelt! Dunkle Existenzen, politisch verfehmte, reichs- und königsfeindliche Elemente. Die Leute sollen zu stöhnen bekommen.“

So schlimm wie dieser Bramarbas hatte es Rat Hegel nun freilich nicht vor, dazu liebte er zu sehr seine Ruhe. Ein paarmal raffte er sich indessen zur hurrapatriotischen Attacke auf gegen die erwähnten dunklen Existenzen. Nicht geheuer schien ihm jene Gruppe von Schriftstellern, die in einigen Literaturgeschichten „die Friedrichshagener“ heißen. Als Menschen, die sich im Punkte der Überzeugung keinerlei Vorschriften machen ließen, um vielmehr von ihren Ideen oder mindestens ihrer gutgemeinten Schwärmerei geleitet zu werden, betrachteten sie Ungebundenheit als ihr Lebenselement und waren in Wort und Werk verblüffend unpreußisch.

Das Generalquartier der Friedrichshagener, mit denen es auch allerlei Berliner Genies hielten, war jahrelang das Haus der Brüder Streitmüller in der Ahornallee. Zweier Soziologen, die, begeistert von Güte für die Massen armer Volksgenossen, einem Sozialismus huldigten, der selbst den Sozialdemokraten zu frei war, daher „Anarchismus“ genannt wurde. Benno Streitmüller, der jüngere Bruder, verkehrte überdies in Paris und London mit Leuten wie Réclus und Fürst Krapotkin. Persönlichkeiten, die man später, als ihre geistige Bedeutung nicht mehr abzuleugnen war, mit dem entschuldigenden Etikett „Edelanarchisten“ bezeichnet hat, die aber in den achtziger und neunziger Jahren für den normalen Polizeiverstand Hochverräter und Bombenwerfer waren. Kein Wunder, daß der Preußische Statthalter von Friedrichshagen, den auch noch die Berliner Polizei scharf gemacht hatte, ein Auge auf seine Literatenkolonie hatte.

In diese amtliche Stimmung platzte eines schönen Tages eine Bombe hinein. Wenigstens ähnlich einer Bombe wirkte eine Postkarte, die aus London anlangte, adressiert an Herrn Benno Streitmüller in Friedrichshagen. Auf einem obskuren, doch wohl einfachen Wege war ihr Inhalt zur Kenntnis des Amtsvorstehers gelangt. Der ging hoch wie ein gärender Vulkan, als er die Worte las: „Produkt wohlgeraten. Zur größern Sicherheit läßt Freund die Kiste lieber von Hamburg abgehen; damit unterwegs nichts passiert, ist Inhalt als leicht zerbrechlich bezeichnet. Wohl bekomm’s! Dein Krapotkin!“ -- Oh! Da war ja nun die Bescherung, die längst von dieser Tintenkulibande zu erwarten war. In der Kiste mußte Dynamit oder so was sein, darauf ließen die Worte wie die Personen schließen. Vollends verdächtig war folgende Nachschrift der Postkarte: „Deinen Gruß an Fifi kann ich nicht bestellen. Denke dir, er hat sich fortgemacht -- vor fünf Tagen fand man seinen Käfig leer.“ Also ein Verbrecher war ausgebrochen; kein Zweifel, dies rebellische Gesindel hatte gefährliche Anschläge. Gott sei Dank war ja nun Rat Hegel rechtzeitig dahinter gekommen, der Himmel hatte ihn zum Retter auserkoren. Ja, ja! Wer hat jetzt noch die Stirn, den Amtsvorsteher eines märkischen Dorfes gering zu schätzen? Der Mann kann ja für den Staat Friedrichs des Großen ähnlich wichtig sein, wie für das römische Kapitol die Gänse waren, die durch ihr Schnattern vereitelten, daß es der Feind bei Nacht überrumpelte.

Natürlich überbrachte Rat Hegel seine Entdeckung brühwarm dem Berliner Polizeipräsidium. Mit dem Erfolge, daß ein Dutzend handfeste Detektivs in aller Herrgottsfrühe die Friedrichshagener Anarchistenspelunke umzingelten, und daß der Igel, flankiert von zwei Revolverfritzen, in das Verbrecherhaus eindrang, sobald die erste Post mit der avisierten Dynamitkiste zu erwarten war. Streitmüllers Haushälterin wollte eben mit dem Marktkorb einholen gehn, als ihr der Amtsvorsteher eröffnete, daß Haussuchung stattfinde. Zuerst wurde der Korb der verblüfften Madam visitiert, dann hieß es: „Führen Sie uns zu Herrn Benno Streitmüller, wir wissen, daß er hier ist.“ -- „Ach, der ist ja in Paris!“ -- „Leugnen ist überflüssig -- wenn Sie ihn verborgen halten, werden Sie ernste Unannehmlichkeiten haben.“ So ging die Untersuchung nach allen Regeln der Polizeikunst los. Doch kein Benno Streitmüller, nicht einmal sein Bruder Paul wurde aufgestöbert. Wie dann die Postkiste angelangt war, fanden sich darin Blechdosen. Das war ja nun bedenklich. Darin mochten die Dynamitbomben verwahrt sein. Mit größter Behutsamkeit ging man vor -- konnte doch so’n Dings einem vor der Nase explodieren -- und das Gesicht konfiszieren ... „In Wasser legen!“ krähte Rat Hegel und retirierte, als ein waghalsiger Polizeier eine der Höllenmaschinen öffnete ... Huhu brrr! Es waren rätselhafte Kugeln darin, faustgroß und dunkelrot. Jetzt hatte der heldenhafte Detektiv sein Käsemesser gezogen und wagte in solch eine Kugel -- höchst schauderbar -- hineinzupieken. „Det sieht ja aus wie Paradiesäppel!“ meinte er schnüffelnd -- „Jotte doch, richtije Paradiesäppel, wo neierdings Tomaten heeßen. Wat will die Bande mit Obst?“ Nun bestätigte die Haushälterin, in den Blechdosen seien eingemachte Tomaten, und als man ihr den Inhalt der Postkarte mitteilte, gab sie unter Gelächter die Aufklärung: Fürst Krapotkin, ein passionierter Tomatenzüchter, habe Benno Streitmüller für seine Züchtungsmethode interessieren wollen. Und Fifi, der aus dem Käfig Ausgebrochene, war ein Kanarienvogel Krapotkins -- in seiner Unerfahrenheit hatte das Tierchen sein Freiheitsideal außerhalb des Vogelbauers, im wüsten London gesucht.

Nicht ganz so harmlos wie die geschilderte Begebenheit, doch ebenso charakteristisch, verlief jene andere, die mich persönlich mit dem Igel aneinander brachte. Es mochte ihm bekannt sein, wer seinen zoologischen Spitznamen geprägt hatte, der ihn ebenso wurmte, wie der „Junge Fritz“ eine Schmeichelei bedeutete. Vollends gehörte ich zu der Literatursippe und war einer der Schlimmsten. Genug, ich witterte längst, daß er mir nicht grün; ja von Anfang an hatte mich der lauernde Zug in den Schweinsäugelchen ahnen lassen, dieser Igel werde mal einen listigen Gang mit mir tun und trage sich mit dem Vorsatz: „Warte nur, frecher Langbein, ich werde dich noch zur Strecke bringen, wie mein Namensvetter von Buxtehude!“

Na ja, an Diensteifer ließ er ’s nicht fehlen, als die Reiberei losging. Die Einleitung war ein Schriftstück, das vom Amtsdiener Bolle in meine Wohnung gebracht, mich „zur Vernehmung“ aufs Amt lud. Mein erster Gedanke war: Du hast wohl was Impertinentes in einer Rede gesagt oder durch Druck veröffentlicht? und nun will dir der Staatsanwalt zu Leibe? Aber nein doch! Wohl nur als Zeuge sollst du vernommen werden; vielleicht auch wollen diese Büropedanten einfach das Personalregister berichtigen. Sei’s, wie es sei -- wir werden ja sehen!

Die Vernehmung

Das Fritzenwalder „Amt“ war einstalliert in einem gemieteten Landhäuschen, das nur ein Erdgeschoß mit einem großen Zimmer und ein paar kleinen hatte. Längs der Wände lagen die Akten aufgestapelt, in den Fächern hölzerner Gestelle ohne Verschluß, dem Staube, der Vergilbung, den Motten preisgegeben. All diesen Akten hing gewissermaßen die Zunge zum Halse heraus, und diese Aktenzunge war gelb, grün, blau, rot, ein Kennzettel, um Rede zu stehen über den Inhalt des Schriftstückes. Ein paar Schreiberseelen hockten an Pulten, und wenn sie nicht frühstückten, rauchten oder plauderten, hörte man ihre Federn kritzeln, dazu im Sommer den ländlichen Fliegenschwarm summen und beim Nachbar die Hühner gackeln.

Rat Hegel saß dann -- vorausgesetzt, daß er nicht am Gestade der Müggel die Angelrute schwang -- in einer Art Boudoir, das mit Schreibtisch und Lutherstuhl ausgestattet war, auch mit Teppich, Liegesofa und etlichen Bildern. Hier pflegte der Igel Amtspflichten zu erfüllen, die er nicht der Kritik und Indiskretion aussetzen mochte. Wenn zum Beispiel eine junge Witwe gegen ihre Steuereinschätzung reklamierte, oder wenn die stattliche Frau Mauermeisterin in einer Bauangelegenheit den Vorteil ihres Gatten wahrzunehmen suchte, oder wenn ein hübsches Dienstmädchen ... das heißt, ob das Mädchen hübsch, die Meisterin stattlich, die Witwe jung war, tut eigentlich nichts zur Sache -- lassen wir’s!

Genug, in besagtes Geheimkabinett wurde ich von einem Beamten des Vorderbureaus, dem ich meine Vorladung gezeigt, nach zeremonieller Anmeldung geleitet. Der Igel erhob sich von seinem Sessel am Schreibtisch, zog unter Augenzwinkern den Kopf zwischen die Schultern -- was eine gemessene Verbeugung sein sollte -- lud mich durch Handbewegung auf das Sofa und nahm die hochwichtige Schreibarbeit wieder auf, die mein Eintreten unterbrochen hatte. Als mir sein Kritzeln zu langweilig wurde, stand ich auf, die Bilder zu betrachten, mit denen das Boudoir geschmückt war. Das Portrait des greisen Kaisers in Öldruck war mir nicht ganz neu; wohl aber ein großes Gruppenbild, das den Amtsvorsteher darstellte, inmitten des Gemeinderats und der Freiwilligen Feuerwehr.

„Hä?“ grunzte der Igel in etwas mißbilligendem Tone, befremdet durch meinen Mangel an Befangenheit. „Sie kommen gleich dran. Die Zeit soll Ihnen nicht lang werden.“ -- „Bitte!“ gab ich im Tone der Wurstigkeit zurück und vertiefte mich nunmehr in die Photographie des Landrats. Doch schon hatte er die Feder hingeworfen und ein Aktenstück aufgeschlagen. Mit nachlässigem Genuschel las er: „Zu vernehmen der Schriftsteller Dr. Bruno Wille zu Friedrichshagen, Kastanienallee neun.“ Stechend blinzelten seine Schweinsritzen zu mir herüber: „Das sind +Sie+ -- hä? Wollen Sie gefälligst wieder Platz nehmen!“ Ich setzte mich, und nachdem er abermals eine spannende Pause gemacht hatte, indem er die Akten durchblättert, fuhr er fort: „Da ist ’ne -- Sache vom -- Königlichen -- Provinzial -- Schulkollegium -- hä?“ Und grausam listig fixierten die Äugelchen ihr Opfer.

Ich war nichts weniger als bestürzt. Eine Schulsache? Ich fühlte mich erleichtert, fast übermütig. War ich doch die beklemmende Aussicht los, daß mich der Staatsanwalt wegen einer freimütigen Äußerung belangen wolle. Schule! Kollegium! Na ja, es wird sich um gestundete Kollegienhonorare handeln -- schon recht! Diese alten Studentenschulden müssen abgezahlt werden -- und nun will man mich dringend mahnen. Was könnte ich sonst mit der Schulbehörde zu tun haben? -- Wie? Oder sollte diese Geschichte den Jugendunterricht angehen, den ich in der freireligiösen Gemeinde erteile? -- Meine dämmernde Ahnung wurde rasch zur Wahrscheinlichkeit, getroffen vom nüchternen Lichte historischer Realität. Gehört doch Friedrichshagen zu Preußen, und hier, wo der Gesetzentwurf des Ministers von Zedlitz-Trützschler, eine Verfrommungsattacke auf die Volksschule, soeben von der öffentlichen Meinung abgewiesen war, schlich nun das Dunkelmännertum auf Hintertreppen, um durch administrative Verfügungen Vorteile zu gewinnen.

„Ja und --? Was will denn das Provinzial-Schulkollegium?“ erlaubte ich mir, mißtrauisch und etwas ungeduldig zu fragen. Wieder in das Dokument vertieft, wiegte der Rat den Kopf, als wisse er nicht, wie er die Sache anfassen solle. Da er gemerkt hatte, daß sein Amtsgesicht nicht imponiere, suchte er mir auf andre Art beizukommen. Schüttelte also das mit fuchsiger Perücke gezierte Denkerhaupt, als befremde ihn der Inhalt des Schriftstückes. Aufatmend in den Lutherstuhl zurückgelehnt, klatschte er die flache Hand auf das Papier: „P! Was soll unsereins nicht alles! So ’nem Amtsvorsteher werden die schwierigsten Sachen zugemutet. Gewisse hochgestellte Herren scheinen zu denken, man is so’n richtiger Packesel -- für ihre diplomatischen Missionen -- hä?“ -- Mein Lächeln für Beifall nehmend, suchte er diese Stimmung zu begünstigen und fuhr im Tone einer behaglichen Beschaulichkeit fort: „Unser Großer Friedrich hat gesagt: In meinem Staate kann jeder nach seiner Fasson selig werden. Das ist auch mein Grundsatz -- naturgemäß.“ Zustimmend neigte ich ein wenig den Oberkörper, und es fuhr der Igel fort: „Na ja! Darin sind wir einig! Nun aber das da! P!“ Und wieder klatschte er nichtachtend auf das Dokument -- „was soll man +dazu+ sagen, hä?“

„Aber Herr Rat, ich weiß ja noch gar nicht --?“ Beschwichtigend hob er die Hand: „Lassen Sie mich zuvor bemerken, daß +mich+ hier keinerlei Schuld trifft -- nicht die mindeste Verantwortung, als Mensch sozusagen. Auch für mich gilt das Wort jenes englischen Prinzen: Ich diene!“ -- „Ich zweifle nicht, Herr Rat.“ -- „Ja, nicht wahr? Und Sie können sich denken, Herr Doktor -- wenn die Herren oben -- Sie verstehen, wen ich meine! wenn sie vorher bei +mir+ angefragt hätten, ob die Sache opportun sei ...“ -- „Sie meinen die Sache da vom Provinzial-Schulkollegium?“ -- „+Ich+ hätte gesagt: +Nicht+ opportun!“ -- „Aber hat sie denn was zu tun mit dem Grundsatz, daß jeder nach seiner Fasson? Wie? Mit Religion? Ach so, es handelt sich wohl um die Freireligiöse Gemeinde?“ -- „Naturgemäß! Ja und nun sagen Sie mal, Herr Doktor, was +wollen+ denn diese Freireligiösen, hä? Sie möchten wohl ganz ohne Glauben sein? ohne Pastor und ohne Kirche, hä? Na ja, wissen Sie, so’n +bißchen+ freireligiös -- und wenn ich auch ein konservativer Mann bin -- im Grunde unseres Herzens haben wir alle heutzutage so’n Stück Freigeist. Ich selber habe mal im Gemeinderate -- als es sich um die Waldparzelle für die Wasserwerke handelte, -- da habe ich unverfroren gesagt: +Meine+ Kirche -- wissen Sie, meine Herren, was +meine+ Kirche ist? Der Wald! -- Ja wohl, Herr Doktor, das hab ich rund heraus gesagt. Sehn Sie, darin bin ich +auch+ freireligiös ... Wer hat dich, du schöner Wald, aufgebaut so hoch da droben?“

Es fiel mir nicht leicht, den Schein der Ernsthaftigkeit zu wahren. Seine Erwähnung des Waldes brachte mir eine hölzerne Warnungstafel in Erinnerung, die damals am Eingang zum Forst angeschlagen war, unterzeichnet „Amt Friedrichshagen. gez. Hegel.“ Sie enthielt die monumentalen Worte: „Das Betreten dieses Waldes ist nur mit geschlossener Pfeife gestattet.“ -- „Sehr verdienstvoll, Herr Rat,“ -- lächelte ich -- „daß Sie in unserm Friedrichshagen etwas von der friderizianischen Tradition lebendig halten.“ Wie wenn einem Berliner Weißbierphilister die Kohlensäure prickelnd in die Nase steigt, so wurden des Igels Nüstern angenehm geschwellt, und vor Genugtuung funkelten seine Äugelchen. „Aber“ -- so fuhr ich fort -- „darf ich mir die Frage erlauben, inwiefern unser Religionsgespräch, das mir ja an und für sich interessant ist -- ich meine, inwiefern es zur Sache gehört -- zu meiner Vernehmung in Angelegenheiten des Provinzial-Schulkollegiums?“ Er nickte, und mich streifte ein echter Igelblick -- in dem sich Pfiffigkeit und Mißtrauen mischten. „Zur Sache gehört das alles -- ganz naturgemäß. Was nun Ihre Anspielung auf den friderizianischen Geist betrifft, so ehrt sie mich. Indessen muß ich eine Einschränkung geltend machen. Es hat nämlich der geniale Friedrich -- bei aller Freigeisterei -- an gewissen Ideen der Religion festgehalten. Vor allem an der Idee des höchsten Wesens, wissen Sie, hä?“

„Des höchsten Wesens? Hum! Ja, aber es kommt bloß darauf an, was man darunter versteht!“ -- „Ja, verstehen denn die Freireligiösen +überhaupt+ etwas darunter?“ Jetzt begegnete ich dem lauernden Blick des Anglers, wenn er dem anschwimmenden Fischlein den Köder hinwirft, mit dem es den Haken verschlucken soll. Da ich schwieg, so lockte er weiter: „Allerdings, wer unter dem höchsten Wesen einen weißbärtigen Herrn versteht“ ... Unsicher geworden, verstummte er, ich aber nahm seinen Gedanken auf: „An den weißbärtigen Herrn glauben Sie also wohl selber nicht, Herr Rat, wie?“ -- „Immerhin an einen Gott!“ eiferte er mit Salbung -- „an ein höchstes Wesen, das über der Natur waltet -- als Regent, als Persönlichkeit -- darauf kommt es an -- hä?“

„Ja so! Persönlichkeit! Aber müßte ein höchstes Wesen denn nicht +erhaben+ sein über jegliche Beschränkung? Persönlichkeit +ist+ doch Beschränkung!“ Sein Gesicht wurde eisig und simpel, und er murrte: „Beschränkung? hä? Na, das ist denn doch stark! Da muß ich doch bitten ... Mögen +gewisse+ Persönlichkeiten -- mögen sie beschränkt sein -- so gibt es doch andere -- die alles eher, nur nicht beschränkt sind -- sollte ich meinen -- hä?“ Und seine Äugelchen suchte er aufzureißen zur gebieterischen Hoheit seines genialen Vorbildes. -- „Aber nein doch!“ beschwichtigte ich -- „eine bestimmte Persönlichkeit zu verkleinern liegt mir fern -- und Goethe hat ja auch mit Recht gesagt: Höchstes Glück der Erdenkinder ist doch die Persönlichkeit!“ -- Er wurde wieder friedlich: „Wollt’ ich mir auch ausgebeten haben.“ Dann schien er über das Rätsel der göttlichen Persönlichkeit zu grübeln -- bis er auf einmal erleuchtet deklamierte: „Gott ist -- ein Geist!“ -- „Und die ihn anbeten,“ zitierte ich weiter, „sollen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten. Schon recht! Doch weshalb müssen dann unsere Schulkinder im wörtlichen Sinne glauben, daß Gott den Menschen nach seinem Ebenbilde geformt, also ebenfalls einen Körper habe? Und daß er im Garten Eden in der Abendkühle lustwandelte? Und dem Abraham als dreifältiger Mann erschien? Und mit Mose auf dem Sinai redete? Und bei Jesu Taufe vom Himmel rief: Dies ist mein lieber Sohn?“