Das Gefängnis zum Preußischen Adler

Part 12

Chapter 123,631 wordsPublic domain

Bald nach diesem Genrebilde sah ich Pofken im Sonntagsstaat und überlegte, aus welchem Anlaß er zum schwarzen Bratenrock noch die weiße Binde angetan habe und gar seinen Zylinder glätte. Auch der Amtsdiener erschien im vollen Wichs. Mit dem burgunderroten Kragen, den funkelnden Knöpfen und dem lackierten Extrahelm sah er wie ein Hauptmann außer Dienst aus, der zu Kaisers Geburtstag den bunten Rock hervorgeholt hat.

„Na, Herr Hauptmann von Bolle?“ sagte ich, wie er schneidig in meine Zelle trat, „Sie wollen wohl in die Kirche?“ -- „I wo! Nach Balin! Un ick wollte Ihnen bloß fragen, wann heite Ihr Besuch kommt. Die Sache is nämlich die: ma missen zu meine Baliner Tante, Jeburtstach hat se -- un denn will se immer de janze Familie um sich haben, die jute Seele. Meine Frau muß ooch mit -- un die Kindabagage. Sojar wat der Eenjährich-Freiwillije is.“ -- So nannte Bolle den „kleenen Matz“, weil er ein Jahr zählte und -- nach des Vaters mysteriöser Behauptung -- freiwillig gekommen war.

„Na und? Sie lassen Ihren Gefangenen doch nicht hilflos allein? Ihr Onkel scheint ja auch Ausgehtag zu haben.“ Der Amtsdiener nickte: „Onkel kommt mit! Um Uhre zehne ziehn ma los. Onkel will in Balin wat koofen, da muß ick bei sind ...“ -- „Kaufen?“ fragte ich nicht ohne Neugier. -- „Na ja! Et is nämlich ein Jeldschrank ..“ „Unsinn! Was braucht ein kleiner Gastwirt einen Geldschrank?“ -- „Onkel is nich bloß Jastwirt, ooch Pfandleiha un Althändla. Un det Jeschäft floriert so sachteken. Wat aber Wertsachen sinn, die missen feiasicha vawahrt werden. Ibrigens is der Jeldschrank een Jelegenheitskoof. Wat der kost’, kricht Onkel alle Dage mit Kußhand retur.“

„Na, das wären ja Ihre eigenen Angelegenheiten. Mich interessiert bloß, wer Sie hier vertreten soll. Meine Frau muß doch eingelassen werden, und Gäste kommen sicher schon vormittags.“ Bolle nickte: „Dadrum ebens will ick mit Sie reden. Rund heraus, ick weeß keenen, den ick die Jefängnisschlissel anvertrauen mechte. Denn wat die Schmalzjuste is, die hat in de Wirtschaft zu duhn, schickt sich woll ooch nich recht fier den Jefängnisdienst. Wissen denn nu Herr Dokta keenen Auswech nich?“

Belustigt wies ich nach der offenen Tür: „+Das+ da ist der Ausweg! Geben Sie doch einfach +mir+ die Gefängnisschlüssel! Mißbrauch treib ich nicht. Bloß daß ich meine Gäste einlassen kann!“ Prüfend sah mir Bolle in die Augen; er schwankte zwischen Mißtrauen und Zuversicht: „Hm! ick ha’ schon selba dran jedacht -- und hab ooch Vertrauen zu Sie. Denn wenn Se ausreißen +wollten+ ...“ -- „Ausreißen? Wozu denn? Freiwillig bin ich hergekommen, und es geht mir ja auch leidlich gut hier.“ Befriedigt nickte Bolle: „Sollt ick ooch meenen! Na abjemacht und Streisand druf! Die Schlissel bleiben also in Ihren Jewahrsam -- un nu kann ’k mir woll empfehlen ...“

„Erst möchte ich wissen, wer heute Nachmittag mit mir spazieren geht. Mein Ausgehrecht lass’ ich mir nicht verkümmern. Bei diesem herrlichen Wetter schon gar nicht.“ Der Amtsdiener, etwas verlegen, meinte nach etlichem Besinnen: „Bei die Tante sind ma bloß zum Diner -- wissen Se, in de Brauerei Feffaberch, Uhre zwelfe. Un so kennen ma um drei retur sind. Aber offen jestanden, will’k nachmittachs selber eenen Spazierjang machen, mit meine Familie. Ick dachte so nach de Rawensteina Miehle. Da jiebt et Kaffeeklatsch mit frische Fannkuchen.“ Dies Vergnügen, auf das sie sich schon gespitzt hatten, mochte ich Bolles natürlich nicht nehmen. Doch ich wußte Rat: „Vorschlag zur Güte! Sie nehmen mich einfach +mit+ nach Rawenstein!“ Bolle blickte unschlüssig, meinte aber schließlich: „Scheeneken, scheeneken!“ Dann führte er mich zur Kerkertür und steckte den Schlüssel nach innen: „Riejeln Se eenfach zu! Un wenn Besuch kommt, heern Se ja de Klingel.“ Ich wünschte viel Vergnügen und sah Bolle bald losziehn, nebst seiner geputzten Frau, die den weißgekleideten Einjährig-Freiwilligen trug. Dem Knaben Anton folgte Onkel Pofke mit seinem hohen Zylinder.

Keine halbe Stunde nach Abzug der Familie, und es ging die Glocke. Durchs Fenster sah ich den Vorsitzenden der freireligiösen Gemeinde. Sein Gesicht, gewöhnlich von unerschütterlichem Ernste, hatte einen besonders düstern Ausdruck. Wie er so wartend zu Boden starrte, das Kinn mit dem ergrauenden Knebelbart auf die Brust gesenkt, sah er aus wie jemand, der am offenen Grabe eine Rede halten soll. Ordentlich leid tat er mir, ermunternd rief ich: „Heda Friederici!“

Er fuhr zusammen und blickte sich nach der Stimme um. Wie er mich hinter meinem Fensterlein erkannte, errötete er. „Friederici! Hier bin ich! Kommen Sie doch!“ Er tat einen scheuen Wink, als wolle er andeuten: Auf Unterredungen in so formloser Weise darf man sich nicht einlassen! Und zog wieder die Glocke. „Der Amtsdiener is ja nicht zu Hause!“ rief ich, -- „is ausgegangen, mit der ganzen Familie! Keiner sonst is da, als höchstens die Schmalzjuste. Aber die hat in der Kneipe zu tun. Ich bin heute Herr im Hause. Kommen Se man zu mir ’rein!“

Unsicher hatte er sich mir zugewandt. Ich ging in den Gefängnisflur, schob den Eisenriegel von der Tür und trat munter auf den Hof, dem Besucher die Hand entgegengestreckt. Außer Fassung hielt er starr die Arme vor, wie zur Abwehr: „Aber wa? was is denn +das+?“ Lachend ergriff ich seinen Arm und zog ihn in meine Zelle.

Als narre ihn ein Traum, sah er sich um und schüttelte empört den Kopf: „Wa--was sind denn das für +Zustände+!“ -- „Was haben Sie, Friederici? Dieser grollende Blick? Zunächst nehmen Se mal Platz -- un schönguten Morgen!“ Zerstreut erwiderte er den Gruß, setzte sich aber nicht und fuhr fort zu eifern: „Sie wundern sich noch? Na ich danke! Sie werden doch zugeben, sowas sind keine geordneten Verhältnisse!“

„Ah so! In den Höfen der Gefängnisanstalt Moabit habe ich Posten gestanden als Einjähriger. Man muß scharf aufpassen, sogar auf Schießen gefaßt sein. Unerlaubtes Geplauder streng verboten. Daran dachten Sie wohl, Friederici? Na, leugnen Sie nicht! Als Sie mir abwinkten, besorgten Sie, von einem Posten eine blaue Bohne in den Leib zu kriegen. Keine Bange! Wir sind hier nicht in Moabit, mein verwöhnter Berliner! Hier sind Sie auf dem Dorfe!“ -- „Aber doch in Preußen!“ trumpfte er auf. -- „O natürlich! Unter den Fittichen des Preußischen Adlers. Aber was wollen Sie? Die Verhältnisse hier sind simpel. Hier gibts keine Ablösung für den Gefängniswärter. Das ist ein einziger Amtsdiener, und der hat noch sonst eine Menge Geschäfte. Und ist doch schließlich +auch+ ’n Mensch, der mal seinen Sonntag haben will ...“

„Er darf aber seinen Gefangenen nicht allein lassen“ -- bullerte Friederici -- „bei offener Tür! Da hört doch die Weltjeschichte auf!“ -- „Sagen wir lieber: die Preußengeschichte! Seien Sie friedlich! Der Amtsdiener ist mit Frau und Kindern nach Berlin -- seine Tante hat Geburtstag, die ganze Familie ist zu Mittag eingeladen. Rührt Sie das nicht? Sie sind doch +auch+ verheirateter Mann mit Frau und Kindern. Na, und nun lächeln Se mal, Sie strenger Cato! Sie Preußenherz!“ -- „Ach was, Preußenherz! Auf das Preußentum poche ich bloß insofern, als es auf straffe Ordnung hält.“ -- „O Sanktus Bürokratius!“ entgegnete ich mit Augenaufschlag, „nun geht dein Gespenst gar bei den Freireligiösen um!“ Friederici verwahrte sich: „Die Freireligiösen lassen Sie lieber aus dem Spiel! Die sollten hier mal Zeuge sein! Gestern Abend hatten wir Sitzung. Ein Andrang, sage ich Ihnen -- und alles in wilder Bewegung. Über den Kultusminister ging es her, daß ich schon dachte: jetzt bauen sie in der Rosenthalerstraße eine Barrikade! Oh da hätten Sie hören sollen, wie alles Sie bedauerte! Wie man die trostlose Lage des Gefangenen ausmalte! Im düstern, feuchten Kerker sitzt er, hinter Eisensprossen, dicken Riegeln ...“ -- Ich unterbrach ihn: „Wollen Sie sich gefälligst überzeugen? hier sind in der Tat Eisensprossen -- und den dicken Riegel haben Sie bemerken können, als ich aufriegelte ...“ -- „Ja aufriegelte!“ spottete Friederici -- „wenn +das+ unsere Freireligiösen wüßten! Die haben mir noch auf die Seele gebunden, daß ich vor keinem Hindernis zurückschrecken soll, um nur ja Zutritt zum armen Gefangenen zu finden. Man bildet sich ein, Sie schmachten in grausamer Verlassenheit. Der gefühlvolle Papa Falk hat sogar das Lied angestimmt: Zu Mantua in Banden ...“ Scherzhaft zog ich das Taschentuch: „Ach Jotte doch! Ich bin aufrichtig -- muß bloß lächeln, weil hier wieder mal die Wirklichkeit abweicht von der Phantasieschablone. Aber nun trösten Sie die mitleidigen Seelen! Erzählen Sie, wie Sie mich gefunden haben ...“ -- „Niemals!“ protestierte Friederici, „wenn ich ihnen +das+ erzähle, gibt es einen kalten Wasserstrahl auf die Begeisterung. Man steinigt mich -- Ihrer kann man ja nicht habhaft werden.“ -- „Aber was hat man denn gegen mich?“ -- „Na, ich danke, einen Märtyrer stellt man sich doch anders vor!“ -- „Ach so! Sie möchten einen Märtyrer haben? Im Sinne der düsteren Kulissenromantik! Und nun enttäusche ich Sie. Bin eben kein blutender Glaubensheld, kein Giordano Bruno! Aber +freuen+ wir uns doch, daß unser Sittenklima milder ist als dazumal! Ein Mensch fühlt das hier, ein lebendiger! Und lächelt über das Ansinnen, daß er sich foltern lassen soll, damit seine Partei einen Märtyrer hat ...“

„So ist es nicht gemeint!“ versetzte Friederici versöhnlich. „Ich wollte bloß sagen: unsere Gemeinde war gestern noch stolz auf Ihr Martyrium -- und nun soll sie morgen lange Gesichter machen? Darin liegt doch was Fatales!“ -- „Fatal für solche, die nicht Humor genug haben -- und die nicht in erster Linie das Leben gelten lassen, sondern ihre Schablone vom Leben. Die Schablone ist ein Gefängnis, das sich die Menschen selber zurecht machen. Schon des Kindes Innenleben wächst in lauter Käfige ein. Kein Wunder, wenn später alles Denken, Fühlen, Handeln Schablone bleibt. +Ich+ habe wenigstens den +Schlüssel+ zu meinem Gefängnis und spaziere gemütlich hinaus. Aber der Gefängnisphilister wird +verwirrt+, wenn er ausschlüpfen darf -- wie ein Kanarienvogel, der immer nur im Käfig steckte und sich eingewöhnt hat.“ -- „Überheben Sie sich nicht!“ meinte verdrossen mein Besucher. -- „Fällt mir nicht ein!“ gab ich zurück. „Auch ich gehöre ja der großen Zivilisationsfabrik an. Meine ganze Überhebung besteht darin, daß ich gewisse Dinge überschaue. Und nun schauen auch Sie, guter Freund! Schauen Sie hier das Leben! Es ist +immer+ anders als unsere Schablone -- ist immer einzig. Es spottet jeden Käfigs. Der Zivilisationsphilister glaubt nicht an das Leben, er glaubt an sein Reglement. Hier könnten die Vertreter des Reglements was lernen! Der Kultusminister und seine Räte. Und auch Sie, braves Preußenherz. Kränken Sie sich nicht, weil ich Sie so nenne! Ich weiß, wie pflichttreu Sie sind! Aber nun lassen Sie’s gut sein! Mäßigen Sie mal Ihren Korrektheitseifer! Schon schlüpft ein schüchternes Lächeln durch die Eisensprossen Ihres Ernstes. Jetzt gefallen Sie mir. Und jetzt lassen Sie uns fidel sein im fidelen Gefängnis! Tun Sie mir mit einem Gläschen Bescheid! Mein Amtsdiener delektiert sich an Pfefferberger Bier. Halten wir uns an diese Pulle Wermut! Bittersüß ist der Trank -- wie mein Gefängnis! Bittersüß, wie der Humor -- und wie eigentlich das ganze Leben.“

Der Biedermaxe

Der freireligiöse Führer hatte sich verabschiedet. Auf dem Hofe erschien meine Frau nebst Frau Pape, die den Korb mit meinem Mittagessen trug. Lachend wurde ich begrüßt, wie ich so ganz ohne Aufseher auf den Hof trat. Die Seltsamkeit meines Gefängnisses wurde schon wie eine Selbstverständlichkeit hingenommen. Beim Verzehren des Sonntagsbratens kündete ich an, wir würden heute einen Waldspaziergang machen.

„Da ist wer! Vielleicht Besuch für dich!“ Durchs Fenster sah ich einen kurzen Mann; nach der Kleidung hätte man ihn für einen Liebhaber des Segelsports halten können; doch das fahle Gesicht, die schwammige Gestalt verriet den Stuben- und Wirtshaushocker. Sein marineblauer Anzug und die Seemannsmütze waren wohl Renommisterei. In die Brust geworfen, den Kopf hoch, die Augen rollend, den dicken Schnurrbart forsch gesträubt, suchte er sich das Ansehen eines Kapitäns oder ehemaligen Militärs zu geben. Etwas lächerlich Widerwärtiges war an ihm, als wäre er die Karikatur eines Feldwebels, der Kasernenstuben inspiziert und seine Augen wie ein Luchs umhergehen läßt, Unregelmäßigkeiten zu entdecken. Der Mann mit der Kapitänsmütze wandte sich bald hier-, bald dorthin, drehte den Kopf zur Amtsdienerglocke, zur Regentonne, ging hastigen Schrittes zur Kegelbahn, wieder zur Pumpe. Alles geschah mit ruckartigen Bewegungen und einer hochmütig strengen Miene. Sein Aufmerken war nun mißtrauisch auf den Gefängnisbau gerichtet. Hinter den Eisensprossen mußte er zwei Gesichter bemerkt haben; denn plötzlich starrte er durchbohrenden Auges und tat ein paar stramme Schritte nach meinem Fenster. Wie er die Glotzaugen aufriß, um seinem Gesicht einen majestätischen Ausdruck zu geben, erinnerte er an den Frosch der Fabel, der sich aufblies, bis er platzte.

Der Mann mit der Kapitänsmütze platzte nun freilich nicht, doch explodierte seine Geschwollenheit in einem Hohngelächter: „Hohoho!“ Und wie man jemand verächtlich von Kopf bis zu den Füßen mißt, wandte er das Gesicht schadenfroh vom Kerkerfenster niederwärts zur Müllgrube und spie herausfordernd aus: „Pfui Deibel!“ Auf dem Absatz umgewendet, stolzierte er, wie nach einer Heldentat, zur Straßenpforte. Ehe er sie hinter sich zumachte, wiederholte er sein hohles Gelächter.

Was war das? Mit dieser stummen Frage blickte ich meine Frau an, sie mich. „Das muß ja ein niederträchtiger Kerl sein,“ sagte sie, „er wollte dich verhöhnen.“ Ich wiegte langsam den Kopf: „Was es doch für Menschen gibt! Das heißt, Menschen sollte man sie gar nicht nennen, sondern Leute.“ -- „Kennst du ihn?“ forschte meine Frau, „hast du ihm was getan?“ -- „Nicht daß ich wüßte! Keine Ahnung, wer er ist! Wohl ein Spießer, der im Käseblättchen gelesen hat, daß ich hier Gefangener bin. Aus Neugier schnüffelt er nun hier herum -- oder will sich dicke tun -- weil er nicht ist, wie so ein Lump hinter Schloß und Riegel. Aber lassen wir den aufgeblasenen Frosch! Wir wollen lieber den wundervollen Herbsttag genießen. Ich strecke mich noch ein Stündchen hin und lese im Chamisso. Du könntest derweilen zu Spornreutters gehn und sie einladen, den Spaziergang mitzumachen. Aber pünktlich drei Uhr hier sein!“

Meine Frau ging -- ich versank in Nachdenken über die menschliche Natur. O Mensch, du kleiner Gernegroß! Wie komisch, wenn du neben deinesgleichen das Figürchen um Strohhalms Breite höher recken möchtest! Und wie häßlich, wenn du den andern duckst, bloß damit du dir groß vorkommen kannst, und wenn du ihn unter deine Füße zwingen möchtest. Schadenfreude ist des Menschen schlimmste Blamage.

Sieh da, die Familie Bolle war zurück! Ich verließ mein Gefängnis und wiederholte dem Amtsdiener, daß ich nun den Spaziergang machen möchte. Er murrte, er sei müde vom Geburtstag, müsse mindestens eine Stunde schlafen. „Aber Mann!“ wandte Frau Bolle ein, „denn is ja die scheene Sonne wech!“ Borstig erwiderte er: „Komm du mich nich mang die Amtsjeschäfte! Ick nehme eich ieberhaupt nich mit.“ -- „Friedlich, Herr Bolle! Ich mache Ihnen das Zugeständnis, Sie legen sich jetzt aufs Ohr, aber nur eine halbe Stunde! Schlummern Se mal etwas rascher als sonst, hernach sind Sie besser ausgeruht, als nach langem Schnarchen. Bedenken Sie: Frische Pfannkuchen zum Kaffee!“ Es blieb ihm nichts übrig, als sich zu fügen, zumal seine Frau energisch geltend machte, bei dem milden Wetter müsse sie mit den Kindern ins Freie.

Bald kam meine Frau mit dem jungen Ehepaar Spornreutter, das in Friedrichshagen wohnte. Spornreutter, Herausgeber einer Zeitschrift, hatte viel Sinn für Landschaft, für Kunst und künstlerische Volksbildung, wie er denn in der Volksbühne mein wackerer Helfer war. Seine Frau, stillvergnügt, eine zierliche Blondine von der Waterkant. Im Hofe richtete Frau Bolle nebst dem Knaben Anton den Kinderwagen für den Einjährig-Freiwilligen her. Als der Amtsdiener seine Verschlafenheit überwunden hatte, zog unsere Karawane los. Ich mit Spornreutter voran, dann unsere Frauen, drittens Anton, der den Kinderwagen schob, zuletzt das Ehepaar Bolle.

Der Herbstnachmittag war goldig und süß wie ein vollkommener Apfel. Nach Westen gesunken, hauchte die Sonne noch warm über Stoppelfeld und vergilbtes Kartoffelkraut. Ein Herbstfaden schwamm wie blitzendes Silber in der stillen Luft. Nun tauchten wir in den Kiefernforst, der sich meilenweit erstreckt. Auf verschwiegenen Gestellwegen ging es gemächlich, zuweilen pfadlos über Moospolster. Weite Strecken waren von Adlerfarn bedeckt, die gefiederten Blattwedel vergilbt. Teppiche von Preißelbeerkraut, wildverrankte Brombeerhecken. Hin und wieder leuchtete aus dem Moose ein roter Fliegenpilz. „Au kuck mal, Rehe!“ rief Anton. Die geschmeidigen Tiere hüpften mit langen Sätzen über die Farne, zwischen den Stämmen blinkte der weiße Fleck am hellbraunen Hinterteil, dann waren sie entschwunden. Nun raschelt’s an einer Kiefer: Eichhörnchen rennt fauchend die Baumborke hinan, hüpft von Wipfel zu Wipfel. Der Wald lichtet sich -- eine Schonung. Über die niedrigen Nadelbüsche ragen vereinzelte Riesen, knorrig, die Wipfel gebreitet. Schon verklärt sich der Himmel, und rötlichgolden fließt der Sonnenduft schräg über den Forst. Kiefernäste erglühen. Hoch im Äther zieht drohende Kreise der Habicht -- in der Schonung hat er eine Kaninchensippe erspäht. Auf das Kreischen des Räubers antwortet zankend der Häher. Dann trommelt ein Specht mit dem Schnabel seinen Borkenwirbel. Sonstige Vogelstimmen sind selten, nur daß schleppenden Flugs eine Krähe krächzt oder winzige Meisen, um die roten Beerendolden der Eberesche schlüpfend, wie Mäuschen piepen. Entferntem Meeresrauschen ähnlich, wogt ein Seufzen durch die Nadelwipfel, die sich kaum regen. So recht für Träumer ist dieser märkische Kiefernforst. In Grübelei versinkt der Wanderer, seine ernste Stimmung wird durch die einförmige Öde zusammengehalten.

Erst als wir auf dem üblichen Wege nach Rawenstein waren, wo noch andere Leute spazierten, kamen wir ins Geplauder. Ich erzählte von dem sonderbaren Gast, der heute den Gefängnishof besucht hatte, und dann blieben wir stehn, um Bolle darüber zu befragen. Gar nicht erbaut von meinem Bericht, wiegte er den Kopf: „Au Backe, det war der Biedamaxe!“ Wir lachten über den Namen. „Erzählen Se, Bolle, was für einer das ist!“ -- „Kommissionär schimpft e’ sich, un eene Baustelle hat er am See, wo die Holzbaracke steht. Dadrinne lauert e’ uff Kooflustije, wo e’ rinlejen kann. Leben dut e’ von’t Jeldjeschäft. Wissen Se, meine Herren, wenn ick heite, un hätte +Kapetal+, ick machte +ooch+ Jeldjeschäfte. Det Jeldjeschäft ...“ -- „Schon gut! Aber weshalb nennen Sie Ihren Kommissionär Biedermaxe?“ -- „Den Namen hat e’, weil er immer den Biedermann rausbeißen dut. Wie se mal Kaisers Jeburtstach in de Brauerei jefeiert haben, erhebt sich unsa Maxe un redet uff de deitsche Treie, un zum Schluß hebt e’ drei Finger der rechten Hand zum Schwur, rollte seine Jlotzoogen un jröblt:

„Der Schwur erschallt, de Woge rinnt, De Fahnens flattahn hoch im Wind, Der Deitsche, bieda, fromm un stark, Beschirmt de heilje Landesmark.“

Wir lachten: „Aha, seitdem nennen Sie ihn Biedermaxe.“ -- „Ja, un wer ihm kennt, hat nich jern wat zu dun mit ihn. Wenn er heite unsan Hof inspiziert hat, is det bloß, weil e’ wat ausschniffeln will, um Ihnen zu denungzian oder mir. Im Denungzian is der Biedamaxe stark. Den Briefdräjer hat er denungziat, weil der den Briefkasten mal etwas zu frieh abjeholen hat; un eenen Bahnschaffner, weil der vajessen hatte, ihn det Billet abzunehmen. Dabei jeheert sich doch Nachsicht fier Beamte, wo ohnehin ihr Dienst schwer jenuch is. Un wissen Se, wat der Biedamaxe saacht, wenn man ihm zur Rede stellt? Denn wirft e’ sich in de Brust un schnauzt: Jeder deitsche Mann von Bildung hat darieber zu wachen, det die unterjeordneten Orjane in jebührende Ordnung funksjenian.“ -- „Und ist das aufrichtig gemeint?“ -- Bolle antwortete: „Bei seine Jeldgeschäfte sind die jebührende Ordnung zwanzig Prozent. Selbstmurmelnd!“

Eine Moorwiese durchquerte den Kiefernforst. Einst mußte hier ein See gewesen sein, der Wasserrest schlich als Fließ durch ein schwarzes Bett. Zum Teiche gestaut, hatte das Wasser die Rawensteiner Mühle getrieben; seit aber das Mühlrad nichts mehr einbrachte, hatte sich der Pächter auf die Gastwirtschaft verlegt. Ein Garten mit alten Erlen, Kuhställe, eine Scheune mit Storchnest, Taubenhaus und gurrende Tauben, Hühner und Enten, schilfumkränzt der Mühlteich, ein Ausblick auf Moorwiesen und Kiefern.

Da es bei dem aufsteigenden Abenddunst nicht ratsam schien, im Freien zu sitzen, begaben wir uns in die große Gaststube. Nur noch ein Mitteltisch war frei, und hier nahmen wir Platz, obwohl es nicht angenehm war, so auf dem Präsentierteller zu sitzen. Bald stand vor uns eine gewaltige Kaffeekanne und eine Schüssel mit Pfannkuchen. Meine Frau füllte die Tassen und lud ein, zuzugreifen. War nun das nicht ein gemütliches Bild? Der Gefangene mit seinem Kerkermeister Kaffee schlürfend im ländlichen Wirtshause? Die Frauen schmausen Kuchen, der Polizeisprößling im Kinderwagen saugt an seiner Milchflasche. Wir plaudern harmlos, als ob es in der Welt nichts Schlimmes gäbe, nichts Verbotenes und keine Strafen! Als wäre das Friedensreich gekommen, wo neben dem Löwen das Lamm ruht.

Je argloser wir uns gaben, desto mehr wurden die Blicke der übrigen Gäste kalt und finster. Die Frau eines Drogenhändlers, nebst Töchtern und Schwiegersöhnen wie eine Gluckhenne, musterte entrüstet unsern Tisch und war im Einvernehmen mit einem Sattlermeister, der den Kopf schüttelte, als wolle er mit Hebbels Meister Anton sagen: „Ich verstehe die Welt nicht mehr!“ Wäre die spiritistische Lehre, daß konzentrierte Seelenkräfte auch im Schweigen die Menschen bestimmen und sogar Tische rücken können, zutreffend gewesen, das einmütige Aufbegehren der Spießergesellschaft hätte den frechen Gefangenen und seinen frivolen Kerkermeister nebst dem ganzen Mitteltische jählings hinausbefördert. So aber blieben wir mit der Seßhaftigkeit materieller Wesen, bis all das Unsere verzehrt war. Als dann Frau Bolle den Kinderwagen hinausschob und ihr Mann, die Hand an den blanken Helm gelegt, seinen Schutzbefohlenen den Vortritt ließ, brach die verhaltene Empörung hinter uns los: „Nee, so wat! Haste Worte?“ -- „Haben Sie gehört?“ meinte Spornreutter, und ich entgegnete: „Der Biedermaxe geht um!“

Draußen war es dunkel und die Gegend des Moors derart nebelig, daß kaum noch Dämmerlicht vom Himmel kam. Der Knabe Anton hatte die Führung, hinter ihm schob der Amtsdiener den Kinderwagen. Ich verbiß mich mit Spornreutter in ein grimmes Gespräch: „Haben diese Bürgersleute denn nicht die mindeste Solidarität mit mir? Ich bin doch nicht gefangen, weil ich ihr Eigentum oder sonst ihre Lebensinteressen geschädigt habe.“ Spornreutter unterbrach: „Erstens haben Sie das doch! Ungläubigkeit ärgert die Leute. Zweitens ist es ihnen schnuppe, aus welchem Grunde Sie dem Gefängnis verfallen sind. Sie sind jedenfalls ein polizeiwidriges Subjekt, Sie müssen sitzen -- das genügt! Da Sie also hinter Schloß und Riegel gehören, so geraten diese Spießer aus dem Häuschen über das Schauspiel, das sich eben unter ihren Augen abgespielt hat. Statt im Kerker zu büßen, macht der Gefangene gemütliche Waldspaziergänge nach einem öffentlichen Lokal, und die Polizei geht mit als Vergnügungsmeister und Lakai. Bezahlt man +dafür+ seine Steuern, he?“ -- „Aber haben diese Leute denn gar keinen Sinn für die +lustige+ Seite meines Gefängnisses? Warum hat kein einziger +geschmunzelt+? Was hat ihre Herzen der Mitfreude so +verschlossen+?“ -- „Unschuldswurm!“ meinte Spornreutter, „trauen Sie diesen Leuten solche +Mit+freude zu? +Schaden+freude ist ihnen eigen! Das haben Sie am Biedermaxe erlebt, der höhnisch über Sie lachte.“