Das Gefängnis zum Preußischen Adler
Part 10
Während ich philosophierte, von Hühnern umgackert, fühlte ich den Drang, die Arme zu regen, die Fäuste. Dazu war ja nun die Kegelbahn gut. Ich stellte die Kegel auf und packte eine Kugel. Zuerst schob ich einen Versager, dann forsch alle Neune. Als ich abermals aufstellte, kam Frau Bolle: das Gefängnis wäre fertig. „Un Sie +beklagen+ Ihnen noch ieber disen Hof? Aber +lassen+ Se man lieber det Kejeln! Von wejen de Nachbarsleite! Die klatschen un kujenieren zu ville -- und wat so’n Amtsdiena is, uff den hacken se alle los.“ Ich sah mir die Nachbarschaft an. „Wer wohnt denn drüben in der kleinen Giebelstube?“ -- „Ach, der tut nischt! Det is der olle Kuschel, wo morjens immer de Kiehe zusammentuten tut.“ -- „Von Ansehen kenne ich ihn, natürlich auch von seiner Tuterei. Wie ich noch neu in Friedrichshagen war, dachte ich, Soldaten wären hier einquartiert.“ -- „Der Kuschel war bei’s Milletär Hornist, ebens dadrum tut er immer det Signal tuten: Habt ihr denn noch nich jenuch jeschlaa--feen! Un denn kommen de Kiehe heidi von selber aus’n Stall; un abends trotten se wieda rinn ... Aber nu, Herr Dokta, nu hat et jeschnappt, und Sie missen +ooch+ wieder rinn!“
Im Gefängnis nahm ich meine Post vor. Eine Reihe von Freunden und Gesinnungsgenossen drückte Teilnahme aus, sowie Empörung über das Vorgehen der Behörde. Ich beschloß, aus meinem Gefängnis die öffentliche Meinung anzurufen -- ein Flugblatt wollte ich loslassen. Und schrieb folgende Notizen in mein Tagebuch:
„Das Rechtsgefühl unseres Volkes verlangt, daß jede vom Staate verhängte Strafe einen Richterspruch zur Grundlage hat. Wo man sich herausnimmt, zu bestrafen, ohne dem Angeklagten ein über den Parteien stehendes Gericht einzuräumen, da liegt für unser Fühlen und Denken eine Ungeheuerlichkeit vor. Mit Entrüstung lesen wir von jener unumschränkten Fürstenherrschaft, die einen Schubart, einen Trenck und andere im Kerker verschwinden ließ, ohne daß ein Gericht entschieden hatte. Und der Inbegriff des Knutenregiments liegt in der Formel: Auf administrativem Weg nach Sibirien verschickt.
So was kommt bei uns nicht vor! denkt der preußische Staatsbürger. Aber ich bin im Gefängnis infolge einer administrativen Verfügung, ohne richterliche Entscheidung.
Und was habe ich verbrochen? Ich habe in sonntäglichen, polizeilich gestatteten Versammlungen, die jedermann zugänglich waren und auch von Minderjährigen auf Wunsch ihrer Eltern besucht wurden, über die freireligiösen Grundsätze Vortrag gehalten. Nicht wird mir zur Last gelegt, etwas Ungesetzliches gesagt zu haben. Doch es behauptet die Behörde, die Anwesenheit minderjähriger Personen verwandle meine Vorträge in Jugendunterricht. Einen solchen zu erteilen, verbietet mir das Provinzial-Schulkollegium, weil ich ‚das Dasein Gottes leugne‘ und daher nach Ansicht der Behörde überhaupt keine Religion habe.
Wie darf diese Behörde behaupten, zur Religion gehöre der Glaube an einen Gott, an einen persönlichen und außerweltlichen? Der Buddhismus, der dem Christentum an Zahl überlegen ist und -- wie selbst Kirchenchristen zugeben -- an sittlichem Werte schwerlich nachsteht, läßt keinen Gott gelten. Unter den ernsten Religionsforschern rechnet kein einziger den Gottglauben zum Wesen der Religion.
Und an +welchen+ Gott müßte man glauben, um Religion zu haben? Ist nicht das Wort Gott unendlich vieldeutig? Welches ist der +rechte+ Gott?
Als man den Philosophen Fichte wegen seines Atheismus maßregelte, sagte der Theologe Schleiermacher, es drohe gefährlich zu werden, über die Gottheit zu reden, bevor eine Begriffs-Bestimmung von Gott ans Licht gebracht und im Staate sanktioniert sei. Man solle doch vom Kurfürsten von Sachsen eine zu Recht bestehende Definition von Gott und dessen Dasein verlangen. Die amtliche Formel, die Schleiermacher spöttisch vermißte, ist immer noch nicht erfolgt, auch nicht in Preußen, dem Musterstaate des Verordnungswesens. Wie kann also der brave Untertan wissen, an +welchen+ Gott er glauben soll?
Schleiermacher war kein sogenannter Atheist wie Fichte, war ein heller Stern der Landeskirche, auf den sie stolz sein kann. Die Gläubigen aller Bekenntnisse mahnt Schleiermacher daran, das ganze Gebiet der Religion sei ein unendliches und könne die verschiedensten Gestalten annehmen. Wahre Religiosität sei nicht unduldsam. Nur die Anhänger des toten Buchstabens haben die Welt mit dem Geschrei und Getümmel der Religionsstreitigkeiten erfüllt; die wahren Beschauer des Ewigen waren immer ruhige Seelen, allein mit sich und dem Unendlichen, und wenn sie sich umsahen, jedem seine eigene Art gerne gönnend. Religion haben, heißt das Universum anschauen. Die Religion ist keine bestimmte Lehre, also nicht etwa der Glaube an einen persönlichen Gott oder an Unsterblichkeit, an Wunder und Offenbarungen. Sie dreht sich nicht um Begriffe, sondern ist eine Gemütsrichtung. Schleiermacher gesteht geradezu, eine Religion +ohne+ Gott könne +besser+ sein als eine andere +mit+ Gott, und erteilt den Gott-Fanatikern den Denkzettel: ‚Auch gab es unter wahrhaft religiösen Menschen nie Eiferer, Enthusiasten oder Schwärmer für das Dasein Gottes; denn Gott ist nicht alles in der Religion -- und das Universum ist mehr.‘
Trotz alledem erklärt mich die preußische Regierung für religionslos und setzt mich ins Gefängnis, der ich im Bewußtsein verfassungsmäßigen Rechts, in Ausübung der verbürgten Religions- und Gewissensfreiheit, meine Überzeugung meinen freireligiösen Konfirmanden vermittelt habe. Das Provinzial-Schulkollegium -- so schrieb mir der Kultusminister Bosse -- sei befugt, die Aufsicht über das gesamte Schulwesen in Berlin zu führen und nach § 11 der Regierungs-Instruktion vom 23. Oktober 1817 ‚instruktionsmäßig berechtigt, seinen Verfügungen durch Zwangsmaßregeln Nachdruck zu verleihen.‘ Die ministerielle Auffassung wäre kaum der Rede wert, träte sie nicht mit dem Anspruch auf, einer Entscheidung der Streitfrage durch ein Gericht nicht zu bedürfen. Den obrigkeitlichen Verfügungen alter, beim Volke nicht gut beleumdeter Zeiten, nämlich der Jahre 1808 und 1817, entnimmt die Unterrichtsbehörde die Befugnis, nicht nur Klägerin, sondern gleichzeitig Richterin und Rächerin zu sein. Da sie das darf, ohne daß Gericht und Volksvertretung Einspruch erheben, so haben wir im ‚Rechtsstaat‘ Preußen Zustände, die gewissen russischen ähneln und die knappe Bezeichnung rechtfertigen: +Sibirien in Preußen+.
Ein Versuch, meine Angelegenheit beim Oberverwaltungsgerichte anhängig zu machen, wurde abgewiesen mit der Begründung: ‚Verfügungen, wie die den Gegenstand des Klageangriffs bildende, unterliegen nicht der Anfechtung mit den (im Gesetz über die Landesverwaltung vom 30. Juli 1883) vorgesehenen Rechtsbehelfen und sind auch nirgendwo sonst der Kontrolle des Verwaltungsgerichts unterstellt. Das Verwaltungsstreitverfahren findet lediglich statt, soweit es durch besondere gesetzliche Bestimmungen zugelassen ist.‘ Also das Gericht erklärt, in meinem Falle sei es +nicht zuständig+!
Ich habe mich der Haft unterzogen, um in eindrucksvoller Weise zu zeigen, was für Zustände wir haben. Wenn die Herren oben sich herbeilassen sollen, Wünsche des Volkes zu erfüllen, so muß dieses eine laute Sprache reden, muß seinen Willen in einem Sturme öffentlicher Meinung kundgeben ...“
Nun warf ich die Feder hin und sprang auf. Umherlaufen wollt’ ich, hätte mich gern ein wenig ausgetobt. Doch mein Fuß stieß an -- seit ich die Zelle mit dem Tischchen und Stuhl teilte, konnte ich nicht mal die drei Schritte tun, die mir gestern den Spaziertrab eines Käfigtiers vergönnt hatten. Stutzig über die eingekeilte Enge, ergab ich mich ins Unvermeidliche und nahm seufzend wieder Platz.
Verrückte Welt! Warum sitze ich hier im Käfig, eingesperrt wie ein wildes Tier? Als ob nicht auch mein Atheismus lediglich darin bestände, daß ich meinen Verstand behalten will! Das ist doch so natürlich, so gesund, wie das Saugen der jungen Katze an der Mutterbrust. Und daß ich meine Überzeugung nicht aufgebe, darf nicht strafbar sein, ist vielmehr so rechtschaffen, wie die Anhänglichkeit der Mutterkatze an ihr Junges. Aber freilich, kaum werden die Bengels der Katzen ansichtig, so geht’s hinter ihr drein: „Hetz, hetz!“ Ihr blöden Tapse! Höret auf, einen heiligen Trieb zu stören!
Angenommen, meine Überzeugung wäre ein Irrtum. Dann bin ich immerhin ein Sucher der Wahrheit. Ist es recht, mich dafür zu bestrafen? Was soll dieser Appell an meine Scheu vor Unbequemlichkeit, an meinen Egoismus? Gesetzt, er habe den Erfolg, daß der Ketzer zu Kreuze kriecht, o pfui! dann erstickt man in ihm die Religion; die ist ja nichts anderes als Ehrfurcht vor der Überzeugung, vor dem nach Wahrheit strebenden Selbst! Ist aber solches Ersticken seiner Wahrhaftigkeit euer „Sieg“, ihr Perücken von Schilda, so habt ihr in der Person des Ketzers, der ja vom innern „Gott“ zu seiner Überzeugung bevollmächtigt wurde, Gott selber bestraft!
Lagen diese Zusammenhänge auch klar wie der sonnige Tag vor meinen Augen, so war doch zweifelhaft, ob die Volksgenossen denken würden wie ich. Die Regierung dachte +nicht+ wie ich. Es fehlte am richtigen Unterscheidungsvermögen.
Doch halt! wie stand es mit +meinem+ Unterscheidungsvermögen? Wenn ich nun hier Ideal mit Wirklichkeit verwechselte? Wenn ich Perlen vor die Säue würfe? Und mit Weltanschauung von Fichte, Schleiermacher, mit all der hohen Philosophie schließlich doch nur so etwas wäre wie ein Doktor fürs Vieh? O Kerker der Selbsttäuschung! Bin ich von dir umgittert? Ist mein Heiligstes Illusion? Das wäre die furchtbarste Gefangenschaft!
Ich, dem der Katechismusgott zur Fabel geworden, glaubte an die unmittelbare Macht des Rechts. Vertraute dem Feldgeschrei, von dem sich Leutehaufen hinreißen lassen -- vertraute auch etwas dem Schlagwort, mit dem das seelische Beharrungsvermögen überwunden werden sollte. Beharrungsvermögen oder, wie es der Mechaniker ebenfalls nennt, Trägheitsmoment! Ein Menschenkenner hat das Wort geprägt: „Öffentliche Meinungen -- private Faulheiten.“ Und ich -- rief die öffentliche Meinung an!
Aufs Papier hatte ich noch das Schlagwort geworfen: Sibirien in Preußen. Nun ja, es stimmte. Wehmütig bekennt freilich der Chronist neuerdings: Das Feuer der Märzrevolution, das damals in mir aufloderte, hat außen nur die Friedrichshagener Handlaterne zu entzünden vermocht, mit der ein Menschensucher, für manchen komisch wie Diogenes, in allerlei staubigen Kram hineinleuchtete.
Hier hätte auch das Schlagwort gepaßt: Preußen in Schilda. Und es paßt noch immer; heute noch ist in Preußen möglich, was damals geschah!
Die Grille im Käfig
Eine noch unverblichene Laubkrone hob der Akazienbaum des Nachbarhofes in den Sonnenschein. Reglos träumten die Zweige in der stillen Luft, und wenn am Nachmittag die Sonne rötlich schimmerte, hoben sich vom Dunkelgrün der schattigen Massen die verklärten Blättergruppen ab, deren gefiederte Laubform hervortrat. Auf dem Baume zirpte noch immer die Grille. In ihre wunschlose Beschaulichkeit zu versinken, war mir wehmütiges Glück.
Die Besucherglocke läutete, und da stand mein Freund Eckehart, der schlanke Germane mit dem Christusbarte. Er winkte mir freundlich zu. Frau Bolle brachte den Schlüssel, und auf ihre Frage, wie lange der Herr bleiben wolle, gab er den Bescheid: „Muß gleich wieder fort. Nach Berlin auf die Bibliothek. Wollte Ihnen bloß was bringen.“ Und einen Gegenstand, in Papier eingeschlagen, enthüllte er vorsichtig. Eine Pappschachtel von der Größe eines Vogelbauers. Die eine Wand herausgeschnitten und durch Netzgewebe ersetzt. Oben ein Türchen zum Aufklappen. In diesem Käfig hockte bei Blättern von Runkelrübe eine Grille.
„Uh!“ meinte Frau Bolle in einer Mischung von Bewunderung und Abscheu -- „nu kiek doch eener, so’n Biest.“ Ein stattliches Exemplar, fast daumengroß, bräunlich grün. Beine und Silberflügel unverletzt. „Uh! Wie e’ jlotzt mit sein Ferdekopp!“ Altklug sah mich die Grille an, mit ihren niedlichen Augenperlen. Sie tat mir leid, fragend blickte ich auf Eckehart. „Damit Sie doch lebendige Gesellschaft in Ihrem Gefängnis haben, und weil Sie ein besonderer Freund der Heuschrecke sind.“
Also gut! die Grille ward aufgenommen. Den Faden der Schachtel befestigte ich am Wandteppich, nahe dem Fenster. „Freitag“ nannte Robinson seinen freitags gefundenen Gesellschafter. Heute war erst Donnerstag; aber auch dieser Tag paßte zur Benamsung des grünen Insekts. Ich brachte mein Gesicht an das Gittergewebe und schäkerte: „Wo ist denn mein Grüner Donnerstag?“ Mit Glotzen antwortete er -- das war ja seine Natur. Da er mit Futter versehen war, blieb mir nichts übrig, als ihm Ruhe zu gönnen. Zunächst war der Grüne Donnerstag mäuschenstill -- er schien sich zu orientieren im neuen Heim. --
Indessen dachte ich zurück an zauberische Septembertage, die ich jüngst genossen. Dachte an die edle Grillenjägerei mit Eckehart auf seinem „Rittergute“. Nicht als ob Eckehart Rittergutsbesitzer gewesen. Privatgelehrter war er, ein faustischer Sinnierer. Als Naturschwärmer hatte er sich im verwilderten Laubpark des Gutes Rahnsdorf, hinter dem Dorfe, ein Plätzchen für den Sommer gemietet und zu einer Laubenwohnung hergerichtet. Köstlich abgeschieden liegt das Gut, versteckt zwischen Kiefern und Akazien. Im Westen und Osten unpassierbare Sumpfwiesen mit wallendem Rohr; auf der Nordseite des Laubparks fließt die Spree. Im Wirtschaftsgebäude, das schon verfallen, haust eine friedliche alte Frau, von ihren Bekannten Großmutter genannt. Sie hat eine Enkelin, ein auffallend schönes Mädchen. Eckehart nennt sie „Diotima“ und schwärmt für sie, wie Hölderlein für seine schöne Helena und Madonna. An Sommerabenden hört der Wandrer aus dem verwilderten Park den Zaubergesang einer weiblichen Stimme mit Flötenbegleitung.
Die Bewirtschaftung des Gutes beschränkt sich auf Gemüsebau, Heuernte und eine kleine Molkerei, -- zehn, zwölf Kühe, ein paar Ziegen. Ungestörtes Behagen ist der Herde beschieden, die auf der fetten Moorwiese grast und wiederkäuend unter Erlen lagert.
Eckeharts Tuskulum liegt auf einer Erhebung des Ufers unter einer mächtigen Eiche. Aus Balken und Brettern ist es zimmert, grün gestrichen, von wildem Wein umwoben. Durch Tür und Fensterlein sieht man ein Gärtchen, Unkraut, bunte Blumen, dann die Spree, Schilf, blaue Waldhügel.
Als ich diese Gemütlichkeit bewunderte, sagte Eckehart: „Auch auf Daches Zinnen kann ich steigen wie weiland der glückstrunkene Inselkönig. Mittels dieser Leiter erklimmt der Fürst bei gutem Wetter das pappene Dach, sein Reich zu überschauen. In der Hängematte am wagerecht übergereckten Eichenast lauscht er der Windharmonika, die in der Eichenkrone summt. Ach, und jetzt im Herbst die Heuschrecken!“ -- „Sie sind ein Lebenskünstler, Eckehart,“ hatte ich geantwortet. „Aber tun Sie mir den einzigen Gefallen und sagen Sie nicht Heuschrecke. Ich finde den Namen gräßlich! Er stammt gewiß von einer zimperlichen Stadtmamsell, die in idyllischer Anwandlung einen Heuhaufen zum Sessel erkor, um kreischend emporzufahren, die Augen starr gerichtet auf unsern unschuldigen Insektendäumling im grünen Frack. Als wäre er ein Ungetüm! Dummes Zeug! Ein liebes Tierchen! Ich nenne es nicht Heuschrecke, sondern Grille. Eine Art Zirpen klingt in diesem Namen.“
„Kommen Sie!“ sagte Eckehart. „Ich will Sie in meinen herbstlichen Jagdsport einführen. Kennen Sie die Tierschutz-Flinte? Ein Tierschutz-Verein hat sie erfunden. Man zielt damit auf das Tier, das man beschleicht, und drückt los. Die Flinte knipst bloß -- im Kolben sitzt eine photographische Platte, und als Beute hat man das Momentbild.“ -- „Und Sie haben so’n Dings?“ -- „Nein, ich ziele nicht mit dem Auge, sondern mit dem Ohr. Es ist gar nicht so einfach, die Stelle zu treffen, wo eine Grille geigt. Kommen Sie -- wir wollen mal Grillen beschleichen.“ Eckehart wies mit der Hand auf eine Kartoffelstaude. „Scharf mit dem Ohre aufpassen!“ Ich drauf los. Aber nun verstummt das Tierchen, mäuschenstill bleibt es minutenlang. Wieder beruhigt durch mein Stillstehen, zirpt es von neuem. Ich horche und spähe hin. Da zittert was Grünes, nun kann ich drauf losgehen; und jetzt fortzufliegen, ist nicht Grillenart.
Das war die Grillenjägerei, die wir vor vierzehn Tage betrieben hatten. Ich durchlebte sie noch einmal in der Erinnerung. Dachte auch an Diotimas Stimme, als sie auf meinen Wunsch Beethovens „Adelaide“ gesungen, begleitet von Eckeharts Flöten und dem Grillengezirp. Als das Mondlicht niederfloß, hatte Eckehart seine Diotima in die Arme geschlossen -- verstohlen, nur von mir bemerkt ... O du Grillenfänger! --
„Selig bist du, liebe Kleine, Die du auf der Bäume Zweigen Von geringem Trank begeistert, Singend wie ein König lebst ...“
So hat Goethe das Grillenlied Anakreons verdeutscht. Umsonst wartete ich auf das königliche Singen -- mein Grüner Donnerstag blieb stumm. Ach ja, Gefangenschaft ist ein bös Ding! Ich ging mit dem Plane um, meine Grille zu der andern bringen zu lassen, die in der Akazie zirpte. Da ich aber beobachtete, wie sich der Häftling die geschabte Mohrrübe munden ließ, dachte ich: „Schmeckt das Essen, wird das Herzchen nicht gleich vor Trauer brechen.“ Ich zündete den Spiritus meiner Teemaschine an -- das Wasser summte. Dieser elfenhafte Singsang hat etwas vom Zirpen der Grille. Meinen Zellengenossen begeisterte er, daß er die Gefangenschaft vergaß -- und horch, leise begann er zu geigen -- es klang, als ob ein Flageolett-Ton auf der ~E~-Saite zittere, oder als ob gläserne Zwergpantöffelchen den Walzer schleifen im Saale von Kristall.
Bald war der Grasmusikant so zahm, daß er sich beim Fiedeln beobachten ließ. Die Silberflügel reibt er, sie zittern wie gestrichene Saiten. Sonst ist das Tierchen schwerfällig. Zwischen Fressen und Singen teilt es sein Dasein.
Daß es noch ein Drittes gäbe, wurde ich abends gewahr. Die Grille auf dem Akazienbaum hatte wohl erlauscht, daß eine andere in der Nähe hause. Als dem warmen Herbsttage eine schier sommerliche Nacht folgte, ward ihr Lied ein herausforderndes Schmettern. Ich saß bei der Lampe, über Schreibpapier gebeugt. Notierte Anakreons Lied auf die Grille, den griechischen Text, den ich mal auswendig gelernt hatte. Und dann versuchte ich eine Nachdichtung. Durchs offene Gefängnisfensterchen strömte lau der Nachtodem. Plötzlich tippt was an die Scheibe wie ein Nachtschmetterling. Dann schwirrt eine Grille herein -- mir gerade aufs Papier. Die Diotima vom Akazienbaum! Angelockt vom Grünen Donnerstag, hat sie den Spruch beherzigt: Es ist nicht gut, daß ein Geschöpf allein sei. Um den angebändelten Roman nach dem beliebten Schema „sie kriegen sich“ zu enden, packe ich den hergeschwirrten Amor bei seinen Flügelchen und tue ihn in den Schachtelkäfig. Die beiden Grillen sind nun stumm. Vor neugieriger Betrachtung kommen sie nicht zum Singen.
Die Grillenpoesie hat mich begeistert, und ich bringe eine Verdeutschung des anakreontischen Liedes zustande:
Grillchen hoch im Baumgezweige, Ei du quietschvergnügte Geige! Diedel diedel zirpt die Fiedel -- König Lustig liebt sein Liedel; Ist begeistert wie von Sekte, Weil er Taugeträufel schleckte. Und nun schau, Herr König, schaue Stolz vom Laubthron deine Gaue! Dein ist all die grüne Runde, Dein ist jede Sommerstunde! Dir, mein Grillchen, bleibt gewogen, Wer durchs Feld den Pflug gezogen. Heilig bist du allen Leuten, Die sich je der Sonne freuten. Darum weihten dir den Busen Gott Apoll und seine Musen; Und so hast du für das Schöne Deine süßen Silbertöne. Niemals rostig, niemals greise, Ewig jung ertönt die Weise. Erdenkind! Nein, Mittelwesen, Halb der Geisterwelt erlesen -- Erdenlust im Dichterherzen, Aber frei von Erdenschmerzen! Ohne Fleisch und Blut geboren, Seelchen, zum Olymp erkoren, Unschuldsvoll und wonnereich, Bist du bald den Göttern gleich.
Die Pennbrüder
Es dunkelte, die Gaststube drüben war erleuchtet, und es lärmten die zum Bier erschienenen Gäste. Was in ihren Taschen klimperte, mußte ja wohl vertan werden. Jetzt trat aus dem Hause, eine brennende Laterne in der Hand, Onkel Pofke -- so nannte man den Gastwirt, dem der Preußische Adler gehörte nebst dem als Gefängnis an das Amt vermieteten Bau. Der niedrige Dachraum über den drei Zellen war von Onkel Pofke zu einer Herberge für Reisende hergerichtet -- zwei Groschen die Schlafstelle. Hatten die Pennbrüder bei Tage ihren Draht zusammengeholt, so ließen sie abends was draufgehn.
Besagter Onkel also kam drüben aus dem Gasthause mit brennender Laterne und ging zur Kegelbahn, die neben meinem Gefängnisse war. Da sein Gesicht beleuchtet war, konnte ich ihn beobachten. Der Graukopf mochte ein Sechziger sein, war aber noch kräftig und behende. Sein glattrasiertes, faltiges Gesicht hatte einen biedern und gemütlichen Ausdruck, seine Nase war rot, eine sogenannte Tulpe, listig waren die Schweinsäugelchen. Die Laterne an einen Haken der Kegellaube gehängt, betrachtete er einen Gegenstand, den er zwischen den Fingern hielt. Als ein Gast aus der Kneipe zu ihm trat und vertraulich raunte, antwortete der Onkel abweisend: „Wenn ick doch sage, der Stein is unecht! Det bisken Jold lohnt nich. Eene Mark achtzig will ’ck uff deine Zeche anrechnen.“ -- „Wat?“ entgegnete der Pennbruder patzig. „Eens achtzig for so’n teiret Andenken? -- an meine verflossene Braut? Nich in de Hand!“
Jetzt kamen johlend drei andere Gäste nebst dem ältesten Jungen des Amtsdieners: „Also los, der Ring wird ausjeschoben! Flott, Bengel! Kejel uff! Un hinten de Laterne anjestochen!“ Wie nun die Kegelbahn hell genug war und Onkel Pofke mehrere Glasnäpfe mit Weißbier hergeschafft hatte, trat der erste Kegler vor, ein Bursche mit einer hohen, etwas glucksenden Stimme. Die Kegelkugel in der Hand wiegend, streckte er das linke Bein vor, knickte mit dem rechten ein und holte zum Wurf aus. Forsch rollte die Kugel, die Kegel prasselten, der Junge rief: „Achte +um+!“ Der König war allein stehn geblieben, das war ein guter Wurf. „Hurra!“ johlten die Kegelbrüder, und der Erfolgreiche trällerte im Fisteltenor:
„Det Fechten is ’ne edle Sa--ache; Luft is fier alle Menscher frei.“
Dann stärkte er sich aus dem kommunistischen Weißbiernapfe so tief, daß man rief: „Verheirate dir man nich drin!“ Nun donnerte Wurf um Wurf, und immer lauter wurde die Gesellschaft. „Das wird ja nett!“ seufzte ich, „die Kerle kriegen fertig, bis Mitternacht zu skandalieren. Aber es muß doch auch hier sowas wie Polizeistunde geben. Sonst, bei Gott, wende ich mich an den Amtsvorsteher, zum Donnerwetter!“ Indessen blieb das Donnerwetter auf der andern Seite, bei diesen hahnebüchenen Sprößlingen des deutschen Michel, der wohl schon zu Zeiten des alten Donnergottes gekegelt haben mag und im Grollen des Wolkenwetters das Kegelschieben Donars belauschte. Jedesmal, wenn einer alle Neune geworfen hatte, wurde von den Pennbrüdern im Chor ein „Versch“ gesungen:
„Ick walze meinen Schlendrian Und drinke meinen Korn, Und wat ick nicht berappen kann, Det hat der Wirt verlor’n. Un hau ick hier det Jlas In hundertdausend Trimmern, So hat sich doch keen Mensch, Keen Mensch dadrum zu kimmern.“
Das Gespräch der Pennbrüder kam wiederholt auf den Ring, und man war über den Stein geteilter Meinung. Dabei wurden Vorkommnisse erwähnt, die mir nicht ganz koscher vorkamen, obwohl ich sie fast gar nicht verstand, weil sie im Rotwelsch der Walz- und Fechtbrüder verhandelt wurden. Da hörte ich Ausdrücke wie „Schucker“, „dufte Winde“, „Penneboos“ und „Pickus“. Bei einem Wortwechsel meinte einer patzig: „Oller Hammelkopp! Wat is zu machen, wenn du keene Flebbe hast! Un ieberall lauert und luchst de Polente!“ Ein Anderer bemerkte: „Hättest du bloß nich immer Schandarmen, un een bisken Kurage! Du bist ’n Kerl wie’n Stücke Wurscht!“ Ein guter Kegelwurf schnitt den Disput ab, und weiter sang man: