Das Gefängnis zum Preußischen Adler
Part 1
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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1914 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert; fremdsprachliche Ausdrücke und Passagen in Dialekt wurden nicht korrigiert.
Umlaute in Großbuchstaben (Ä, Ö, Ü) wurden nur teilweise als deren Umschreibungen (Ae, Oe, Ue) dargestellt. Zur Vereinheitlichung wurden letztere in der vorliegenden Bearbeitung in die ansonten überwiegend verwendeten Umlaute umgewandelt.
Der Übersichtlichkeit halber wurde das Inhaltsverzeichnis vom Bearbeiter an den Anfang des Texts verschoben.
Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt; besondere Schriftschnitte werden im vorliegenden Text mit Hilfe der folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:
gesperrt: +Pluszeichen+ Antiqua: ~Tilden~
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Bruno Wille
Das Gefängnis zum Preußischen Adler
Eine selbsterlebte Schildbürgerei
Mit einem Bild des Gefängnisses
Erstes bis fünftes Tausend
Verlegt bei Eugen Diederichs in Jena 1914
Kapitelverzeichnis
Seite
Blüh auf, gefrorner Christ 1
Vom Löweneckerchen 5
Anno dunnemals 14
Der Igel 22
Die Vernehmung 31
Der innere Feind 43
Brotkorb und Maulkorb 50
Milderung des Sittenklimas 55
Die olle Konservenkiste 59
Pfändung der Habe 70
Der Tierkreis 77
Verhaftet 82
Robinson richtet sich häuslich ein 90
Der Kreispfiffikus 98
Doktor fürs Vieh 106
Das Flugblatt 109
Die Grille im Käfig 116
Die Pennbrüder 121
Der Gefangene wildert Grünlinge 124
Das Preußenherz 135
Der Biedermaxe 141
Einsamkeit 151
Italienische Nacht 163
Herbstnachtigall 172
Von Badewannen und Müggelpiraten 177
Schwedische Schüssel mit Konfusionen 184
Goldmacherei und Strindbergs Koffer 191
Mein durchgebrannter Kerkerschlüssel 193
Gardinenpredigt und Lösung des Piratenrätsels 197
Aschenputtel und der Lizentiat 203
Der Fürst dieser Welt und die Schildbürger 211
Dreck--Speck--Zweck überhaupt 219
Was der Teelöffel anstiftete 224
So leb denn wohl 230
Kartoffelkomödie 233
Gedruckt in der Frommannschen Buchdruckerei in Jena
Blüh auf gefrorner Christ
Ostersonne, welch sanftes Feuer in deinem Kusse! Strahlenselig blinkerst du im feinen Wellenspiel hier vorn beim gelben Ufersande. Weiterhin glatt die mächtige Wasserfläche, blau spiegelt sich darin die Himmelswölbung. Wie blitzende Schneeflocken schweben ein paar Federwölkchen. Am jenseitigen Ufer hingedehnt eine Hügelkette mit Kiefernwald. Veilchenfarbene Schleier sind diese Massen, zart wie Duft ... O Zaubermacht der Ferne, wie weißt du zu verklären! Harte, schwere Körper lösest du auf in stoffloses Leuchten. Und Erlebnisse, die einst peinlich berührten wie kreischendes Geräusch, läutern sich zu friedlich heitrer Stimmung. Osterfeier der Seele -- am Grabe, wo ein hingemarterter Erdensohn in Todesbanden gelegen, lächelt der weißgekleidete Himmelsbote: „Er hat sein Gefängnis verlassen!“
„Blüh auf, gefrorner Christ!“ So klingt es in mir, ein verschollenes Gedicht -- und immer muß ich hinlauschen. Weiß nicht, wie es weiter geht; etwas zärtlich Schönes muß es wohl sein -- etwas wie dies laue Sonnenküssen und dies lichtgrüne Gras, bei dem ich im Ufersande lagre. Durch die blaue Luft flattern Träume von blühendem Schlehdorn, von goldigen Himmelschlüsselchen ... Und wieder jubelt es in mir: „Blüh auf, gefrorner Christ!“
Wer ist es doch, der diese Weise sang? Sie mahnt an alte Frömmigkeit, an einen Heiland, der innen aufersteht. Und deutlicher wird sie mir: ein Auftakt ist sie vom „Cherubinischen Wandersmann“. Schon ein viertel Jahrtausend, seit diesem Poeten seine frommen Sprüche aufgingen. Doch jung bleibt solche Gottseligkeit, jung wie Sonne und Erde, die mir immer wie große Kinder vorkommen. „Blüh auf, gefrorner Christ ...“ Und weiter? Ich weiß nur, daß es in den Versen wie Lerchenlaut zwitschert -- und eben fällt mir noch ein, daß der Frühling den gefrornen Christen ermahnt, die winterliche Erstarrung aufzugeben.
Ja, so hat es hier der weitgedehnte See gemacht, an dessen Ufer ich in molliger Aprilsonne schauend schwelge. Vom Tauwind ward seine Eisdecke zermürbt, zerschmolzen, und nun „blüht“ der See. Heiter leuchten die sanften Farben seines Spiegels. Dort in der schilfigen Bucht wimmelt es von verliebtem Wassergeflügel. In das Schnarren der Teichhühner, Haubentaucher und Gänseseeger mischt sich schüchternes Koaksen von Fröschen, glockenhaftes Unken von Kröten.
Auch in mir blüht etwas auf, wie ich mich so dem Frühling hingebe. Ein erster gelber Falter taumelt dahin, trunken von Sonne und lauer Luft. Gänseblümchen lächelt ihm zu -- wie ein Bauernkind ist es in seiner gesunden Frische und einfältigen Lieblichkeit. Neben ihm Jungvolk von Grashalmen -- ich lehne meine Wange ans zarte Grün. Da sind auch Huflattichs gelbe Sterne und die Milchtropfen des Hungerblümchens. Das Erlengezweig am sumpfigen Ufer ganz lila -- das machen die Blütenkätzchen, rötlichen Raupen ähnlich. Von den walzenförmigen Blüten der Haselnußstaude stäubt gelber Puder.
Und sieh doch, am Saume des Kiefernwaldes bei den Baumwurzeln glimmert’s wie blankes Kupfer: blühendes Moos! Das ernste Dunkelgrün der Moospolster hat einen zarten Flaum zur Sonne emporgetrieben, lauter goldbraune Fäserchen. Und jedes Fäserchen eine Blüte, selig, voller Leben und Zukunft -- jedes Blütenfäserchen ein schimmerndes Kunstwerk.
Und der Ufersand, sieh, welch Glitzern und Flirren! Jedes Körnchen ein blitzendes Edelgestein -- Goldpunkte ohne Zahl -- Lichtstaub der Milchstraße -- Wunder wie Sand am Meer! „Klein das Große -- groß das Kleine.“ Wie das Hehrste, das wir uns vorstellen können, klein ist vor der Unendlichkeit, so bedeutet andrerseits jede Winzigkeit eine ganze Welt -- und die Holdseligkeit dieses Frühlingsbildes ist gar nicht auszuschöpfen, sofern du den Sinn öffnest für die Fülle der Schöpfung ... „Blüh auf, gefrorner Christ!“ Der goldige Baldur ist da, ist neu erstanden aus Finsternis und Eis. Baldur ist nicht bloß der Lenz, die Jahreszeit; ich meine zugleich jene erweckende Macht, die aus trübem Geschick dem Herzen, das vom Frost auftaut, Auferstehung bereitet und Himmelfahrt. Und nun erinnere ich mich, wie der Vers weiter geht: „Blüh auf, gefrorner Christ -- der Mai ist vor der Tür!“
Sieh doch, ein Silberfunke sprüht vom Seespiegel ins blaue Luftreich! Hüpft die leuchtende Schönheit des Wassers in lenzlichem Übermut? -- Nur ein Hecht war’s -- der Hungrige hat sein Opfer verschlungen.
Und eine Möve kommt geschwebt. Zierlich wiegt sie sich, wie Schnee blitzt die Schwinge über der stahlblauen Flut. Mit sachtem Flattern sinkt sie auf den Wasserspiegel und tunkt den Schnabel hinein, leicht und zierlich. So umgaukelt ein Schmetterling zum Kusse seine blaue Blume ... Nicht doch! Die sanfte Bewegung des weißen Gefieders, dies scheinbare Kosen der Flut ist tatsächlich ein mörderischer Überfall; den zappelnden Fisch im Schnabel strebt schwerfälligen Flügelschlags der Raubvogel zum schlammigen Strande, die Beute zu verzehren.
Sirene Natur! Raubtier in lockender Schönheit! Doch ich klage nicht an -- bin selber ja Natur. Ich lächle -- und mag Wehmut im meinem Lächeln sein, so doch kein Weh. Seelenruhe hält mich umfangen, keine Wolke soll Trübung bringen. Mag lieber das graue Gewölk sich verklären zu goldenem Dufte!
Sonne, leuchtende Sonne, du freilich tust not zum Verklären. In den trüben Dunst der Gewöhnlichkeit muß etwas rinnen aus jenem Born, dem das ewige Licht entquillt. So erfüllt sich die Verheißung: „Wisset ihr nicht, daß ihr Götter seid.“ -- Ach, wie oft wissen wir’s nicht! Und das sind die Winterzeiten der Seele -- da wähnen wir uns nichts Besseres als trüben Erdenkloß, chaotisch zusammengeklumpt für ein Weilchen -- darauf angewiesen, mit Angst und Gier dies knappe Dasein zu behaupten ... „Der Mai ist vor der Tür!“ O Frühling, der du alles verklärst, wecke mir stets aufs neue zur Heiterkeit den Sinn, daß er aus den Gefängnissen aller Art Ausblicke finde zur Fülle des Lebens. Wo man sonst, weil Staub das Auge trübt, nur garstiges Chaos sieht, nur Zufall und blind tappendes Geschick, wo man sich aufregt über „Glück“ und „Unglück“, wo man grollt und verdammt, von schmeichelnder Hoffnung umgaukelt oder verstört von Sorge, -- da sieht der Erweckte in allem, was die Zeiten bringen, den Bezug zum Unendlichen. Und über sein Gemüt kommt eine Stille, daß er sein Schicksal heiter beschaut, wie dieser See Ufer und Himmel spiegelt.
Das ist die „geistige Gottesliebe“, wie Spinoza sagt, ist die „Schau der Ewigkeit“. Tief klingt es und schwer -- und ist doch etwas Schwebendes, Hohes, ist ein seliger Überblick, wie er sogar dem Vöglein ein wenig gelingen mag -- der Lerche, die dort von der Ackerscholle des Forsthauses jubilierend emporsteigt.
O lausche doch!
Ein schmiegt sich die süße Melodie in die Symphonie des All-Lebens! Schwinge dich auf! Sammle die Kraft zum Emporstieg -- aus deinem Innern schöpfe sie! Forme zur Macht, was dich niederdrücken will! Sein geheimer Beruf ist, deinen Widerstand zu wecken. Des Winters Mission und der tiefe Sinn aller Trübsal heißt Baldur. Sei du ein Auftauen der Eisscholle! Sei du einer, der aus dem Gefängnis ins Freie geht. Sei du Knospe, die aus enger Hülle ihr Sonnenkindlein entwickelt, mündend in unermeßliche Nachkommenschaften. Sei du Frühlingslerche, von Andacht emporgetragen über die dunkle Ackerfurche, hingegeben dem Lichte, dem Klange!
Mag doch eine Strecke deines Lebens finster und öde aussehn -- es kommt ein Lenzen, da glimmert es dir auf wie blühendes Moos, da bricht der Lerchentriller hervor, und der bisher verborgene Zusammenhang der Dinge erschließt sich. Mit staunender Andacht erschaust du: ein elendes Stück Dasein, roh und ungefüge, Staub und Schlamm, ordnet sich ins unendliche Leben, wie Dissonanzen in die Symphonie, und hat auf einmal Sinn, Stimmung, Schönheit, gütige Heiterkeit und Weisheit.
Und nun fällt mir ein, wie der ganze Frühlingsspruch lautet:
„Blüh auf, gefrorner Christ! Der Mai ist vor der Tür; Und ewig bleibst du tot, Blühst du nicht jetzt und hier!“
Vom Löweneckerchen
Mit Entzücken lauschte ich -- zurückgelehnt in den molligen Ufersand, so daß mir Halme die Schläfen umschmeichelten. Ich lausche der Lerche, die bei ihrem Taumeln durch den Äther vom Ostwind herübergetrieben wurde. Nicht mehr über dem Forsthaus-Acker stand sie, sondern senkrecht über mir. Deutlich sah ich ihre Flügelchen den Takt wirbeln zum Trillern der kleinen Kehle; die sprudelte wie ein singender Quell.
Einen schönen Namen, Lerche, haben dir die Lateiner gegeben: ~Alauda~ -- das heißt: „Lobe aufwärts!“ Dieselbe Bedeutung hat wohl auch dein deutscher Name. Meine niedersächsischen Landsleute nennen dich Lewerken, Löwarke oder Lauberchen, und ich denke, das soll heißen: „Loberchen“. In Hessen sagt man „Löweneckerchen“.
Dies Wort hat nichts zu tun mit dem König der Wüste. Allerdings erzählt das hessische Märchen von einem Löweneckerchen, das, auf der Spitze eines Baumes trillernd, von einem Löwen bewacht wird; indessen ist hier der Löwe kein Raubtier, sondern ein verzauberter Königssohn ...
Doch zunächst wäre ja wohl der Anfang der Geschichte zu berichten. Also: es war einmal ein Mann, der hatte eine große Reise vor, und beim Abschied fragte er seine drei Töchter, was er ihnen mitbringen solle. Da begehrte die Älteste Perlen, die Zweite Diamanten, die Jüngste aber sprach: „Ach lieber Vater, ich wünsche mir ein singendes, springendes Löweneckerchen!“
Mit dieser Tochter nun bin ich, der Chronist, von Herzen einverstanden, wie ich es überhaupt in den Märchen alleweil mit der dritten Tochter halte, ebenso mit dem jüngsten Königssohne -- die Jüngsten sind des Märchens Lieblinge (wohl weil sie noch ihre Kindlichkeit haben). Auch ich bin von Kindesbeinen an dem singenden, springenden Löweneckerchen überaus hold gewesen.
Vom Löwen, wenn es nicht gerade ein verwunschener Königssohn ist, halt’ ich nicht viel und gebe mich lieber der Vermutung hin: das Löweneckerchen hat seinen Namen von: Loben Äckerchen -- weil es lobt sein Äckerchen. Das Äckerchen, dem solch trillerndes Loben behagt, läßt dafür seine Pflanzenkinder hübsch gedeihen: Zum Mittsommerfeste wimmeln die blonden Ähren im Reigen, und Junker Mohn im roten Staatsrock führt zum Tanze Jungfer Kornblum mit dem Krinolinenkleid aus blauer Seide. Während dann Löweneckerchen droben trillert, lauscht von der Ackerscholle sein Weibchen empor. Im Halmenneste brütet es; da platzen die graugesprenkelten Hüllen, und aus jeder schlüpft ein neues Löweneckerchen -- wenn es auch nicht gleich so singen und springen kann wie Väterchen in blauer Himmelsaue.
Nun soll ich wohl noch mehr verraten vom Märchen, das so spannend anhebt? Aber haltet euch lieber an die Brüder Grimm, die so manche schöne Heimlichkeit dem Volksmunde abgelauscht haben; dort kann man die Geschichte lesen.
Meinerseits habe ich vom Löweneckerchen nur aus dem Grunde angefangen, weil es sozusagen in meinem Herzen ein Nest hat, also zu den Wunderlichkeiten des Mannes gehört, der dies Gedenkbuch schreibt und dabei von seinem Vogel ähnlich beeinflußt wird, wie der Acker vom Lerchenliede.
Nach allem, was ich berichtet habe, wird es nicht wunder nehmen, daß der fliegende Sänger, der am Seegestade über mir trillerte, allmählich niedersank, bis er kurz über meinem Kopfe verstummte und sich fallen ließ. Gerade in meinen offenen Mund hinein. Das war ja nun keine Taube, wie sie den Bewohnern des Schlaraffenlandes gebraten ins Maul fliegt, kam mir aber nicht minder alltäglich und selbstverständlich vor. In mich hinein gehörte ja mein Vogel. Ich fühlte denn auch, daß er sofort in mein Herz geschlüpft war und nun ruhig brütend da saß ...
Doch ich wittere, daß meine Leser unruhig geworden. Auf natürliche Weise geht es nach ihrer Ansicht nicht zu, daß in einem Menschenherzen ein Vogel nistet. Drum muß ich wohl noch etliche Züge verraten aus der Naturgeschichte meines singenden, springenden Löweneckerchens.
Daß ich solch ein Ding beherberge, stellte sich zum ersten Male heraus, als ich noch ein ganz kleiner Junge war. Ich fand es noch nicht unter meiner Würde, auf einem hochbeinigen Stühlchen zu thronen, -- vorn hatte es eine Schranke, um Kindchen vor dem Hinuntergleiten zu bewahren und zugleich als eine Art Tisch zu dienen für Spielzeug oder Blechbecherlein.
In diesem Käfigstühlchen also saß ich am Familientisch bei Vater, Mutter, Bruder. Neben der Kaffeekanne, über die eine gemütliche Wollmütze zum Warmhalten gestülpt war, lagen im Gebäckkorbe Martinihörnchen. So nannten wir Magdeburger ein Gebäck in Form eines Hornes oder richtiger Hufeisens, von alters her am Tage Martini gebacken, zu Ehren eines Heiligen, der -- wie ich später erfuhr -- nichts Geringeres ist als der höchste Gott der alten Deutschen; wegen seines martialischen Berufes ist er dann von den christlichen Priestern zum heiligen Martin umgedeutet worden, der ein Reitersmann gewesen wie Wotan und bis in unsre Zeit in Gestalt jener Martinihörnchen einen Bezug auf das Hufeisen des Wotanrosses bewahrt hat.
Während mir mein Martinihörnchen mundete, blickte mein Vater träumerisch durchs Fenster und sagte auf einmal lebhaft: „Da kommt Sankt Martin auf dem Schimmel geritten!“ Diese Redensart wandte der Volksmund an, wenn am Martinstage, der in den November fällt, Schneeflocken stöbern.
Hier regte sich auf einmal mein singendes, springendes Löweneckerchen: Ich sah nicht bloß die Flocken, die draußen vom grauen Himmel in den engen Hof des städtischen Mietshauses wirbelten, sondern sah in leibhaftiger Wahrheit ein weißes Roß und den rotbärtigen Reiter mit Schlapphut und Mantel, schwertumgürtet -- so wie ich Sankt Martin aus einem Bilderbuche kannte. Gleich darauf war er vorübergesprengt, und nun war alles wieder wie sonst: eine bekalkte Wand, ein Ziegeldach, eine blecherne Dachrinne. „Hast du gesehen?“ fragte mein Vater geheimnisvoll, ich nickte sprachlos.
Noch ganz erfüllt von dem Abenteuer, tat ich in der Küche unserm Dienstmädchen Bericht. Ungläubig schüttelte sie den Kopf, und wie ich nunmehr behauptete, ganz deutlich hätte sich der Schimmel vor der Dachrinne gebäumt und hui, einen gewaltigen Satz übers Dach gemacht, da lachte mir Marie ins Gesicht und tippte mit dem Finger auf ihre Stirn: „Junge, du hast’n Vogel!“
Damals merkte ich, daß es eine Mißachtung sein soll, wenn gewöhnliche Leute so was von jemand sagen. Als ich in die Schule ging, wendeten meine Mitschüler des öfteren diese Unhöflichkeit an, und ich sprach sie gelegentlich wohl nach, obwohl mir die Ahnung schon dämmerte, daß solch ein Vogel manchmal eine Gottesgabe ist, die einer, so sich drauf versteht, lieber mag als Perlen und Diamanten.
Unser Hauswirt, der einen Ladenhandel mit Kolonialwaren hatte, vergnügte sich an einer Landwirtschaft im kleinen; auf seinem Hofe gab es Tauben, Hühner, sogar einen Ziegenstall, und die Ziege war meine Freundin. Einst las ich ihr aus meinem Märchenbuche vom Wolf und den sieben jungen Geißlein vor, während sie gemütlich aus ihrer Raufe knupperte -- es war ihr Leckerbissen, grüne Erbsenstauden, daran hingen sogar noch etliche Schoten. Auf einmal hinter mir höhnisches Lachen, und August, der Sohn des Hauswirtes, machte die bekannte Gebärde: „Du hast’n Vogel!“ Damals war ich dumm genug, mich darob zu schämen. Es dauerte aber nicht lange, so ging mir ein Licht auf.
August, dem ich mein Märchenbuch anpries, wurde neugierig, und ich lieh es ihm. Als ich etwas später fragte, wie ihm das Buch gefalle, meinte er gleichgültig, er habe bloß darin geblättert. Bald darauf brachte er mir das Buch zurück und sah mich mit einem Blicke an, kalt wie eine Hundeschnauze: „Is ja allens jelogen!“
Gelogen? Verdutzt war ich, ganz bestürzt. Meine lieben Märchen und gelogen? Lügen ist doch was Häßliches, Niedriges; meine Märchen aber sind schöne, edle Prinzessinnen! Ich fühlte, wie ich bei ihnen ordentlich was Besseres wurde. Nun aber August! Spürte er denn gar nichts von all der Herrlichkeit? Nein, wie dumm!
Aha! jetzt wußte ich auf einmal, was mir im Herzen nistete; und ich sprach zu August: „Du sagst immer, ich habe ’nen Vogel. Hab’ ich auch! Aber weißt du, was für einer das ist? Ein singendes, springendes Löweneckerchen! Dein Vogel -- na ja, der muß wohl ganz was andres sein!“ -- „Meiner?“ entgegnete August dummstolz -- „ick habe keenen Vogel!“ -- „Es hat jeder seinen!“ gab ich zurück.
Und an dieser Überzeugung hab’ ich festgehalten. Ich behaupte auch jetzt noch: jeder hat seinen! Nur freilich merkt es nicht jeder -- oder ist nicht ehrlich genug, es einzugestehen. Schämt sich seines Vogels -- und mag in diesem Gefühl nicht immer ganz unrecht haben.
„Aber was soll der Vogel?“ fragt ungeduldig, wenn nicht gar pikiert mancher Leser. „Was hat der Vogel mit der Chronik zu tun, um die es sich hier handelt? Von der seltsamen Gefangenschaft will ich hören!“ -- Gemach! Eins nach dem andern! Ein gewissenhafter Chronist greift an die Wurzeln der Dinge und entwickelt daraus die ganze Geschichte. Um es rund herauszusagen: Der Vogel war’s, der mich in mein Gefängnis zum Preußischen Adler brachte; mit seinen Launen hat er alles heraufbeschworen. Ich meine freilich nicht bloß +meinen+ Vogel, sondern zugleich den Vogel andrer Leute. Ich meine die Vogelhaftigkeit unsres guten Vaterlandes Schilda, -- und ich meine letzten Endes die Vogelhaftigkeit des Weltalls. Weil also die Naturgeschichte des Vogels durchaus zur Sache gehört, so darf ich wohl noch ein bißchen davon plaudern. Aus dem Kapitel meiner Kindheit, das nun einmal aufgeblättert ist, teile ich zwei weitere Erlebnisse mit. Sie sollen dartun, was für ein launischer Kauz der Vogel des Verfassers ist. Man muß beizeiten wissen, was man von ihm zu erwarten hat.
Wenn ich an Sommersonntagen mit meinen Eltern nach dem Dörfchen Krakau spaziert war, wo man in einem Garten an der Elbe Kaffee trank, wenn wir dann bei Sonnenuntergang nach der Stadt heimkehrten, kamen wir vor Eintritt in den Festungsgürtel an einem Häuschen vorbei, das von der Landstraße zurückgezogen in einem Obst- und Blumengarten lag. An seiner Mauer blühten Rosen und Malven, zum traulichen Giebelfenster hinan rankte Wein mit richtigen Trauben. Was mich am allermeisten entzückte, war das rote Gleißen der Fensterscheiben. „Mit diesem Haus muß es eine abenteuerliche Bewandtnis haben, weil doch Gold und Purpur aus seinem Innern strahlt, und weil mir dann immer ein süßes Klingen im Herzen anhebt. Da muß eine Fee hausen!“ Diese Vermutung hatte ich dem August nicht verhohlen. Er trat an einem Ferientage zu mir: „Kommste mit? Vater hat jeschäftlich zu duhn -- un weißte wo? Da, wo deine Fee haust!“ Natürlich war ich bereit und war höchst gespannt.
Diesmal aber machte das rätselhafte Haus einen völlig andern Eindruck -- schon deshalb, weil wir keine Abendsonne, sondern nebeliges Herbstwetter hatten. Blätterlos hing das Gerank am Giebel, hinter trüben Fenstern lauerte es unheimlich. Der Besitzer des Hauses kam uns entgegen, ein hagerer, ältlicher Mann in Schlafrock und Wollmütze. Er hatte stechend schwarze Augen und einen pfeifenden Atem. Augusts Vater zog tief seinen Hut, und auch August benahm sich unterwürfig vor dem Mann. Es hieß, wir dürften uns im Garten umsehn, und Augusts Vater ging mit dem Manne ins Haus. Im Garten war ja nun diesmal nichts Hübsches -- die Obstbäume standen kahl, welk lag unten das Laub, die Himbeersträucher häkelten mit ihren Dornen, auf den Beeten moderten die Strunke abgeschnittener Kohlhäupter. Ich fühlte mich erleichtert, als Augusts Vater wiederkam. Und dann gingen wir.
„Was ist das für einer?“ fragte ich scheu. Verächtlich lautete die Antwort: „Der Olle? Ein Halsabschneider!“ Es überlief mich kalt, und ich dachte zuerst an einen Menschenfresser, wie sie im Märchen vorkommen. Dann zog ich in Erwägung, daß August, der später die Handlung seines Vaters übernehmen wollte, den Ausdruck wohl im kaufmännischen Sinne meinte, und so viel wußte ich ja bereits, daß ein Halsabschneider ein böser Mensch war. „Aber warum habt ihr dann solche Bücklinge vor ihm gemacht?“ -- August zuckte die Achsel: „Jeschäft is Jeschäft!“