Part 6
+Robert+: Geschmacksache! -- Für mich ist es ein idealer Winkel geradezu; -- soll man sich denn immerfort aus dem Gleichgewicht bringen lassen, soll man sich denn kopfverwirrt machen lassen, -- ich werde so wie so zwei bis drei Tage gebrauchen um mich -- auf mein Bischen Lebensweisheit zu besinnen.
+Wilhelm+: Sag was Du willst: das nenn ich feig.
+Robert+: Na item, nenn es so. Früher oder später kommst Du doch auf meinen Standpunkt. Vater ist auch zuletzt auf diesen Standpunkt gekommen. Vater und Du, Ihr ähnelt einander zum verwechseln. Ihr seid dieselben Idealisten. Anno 48 hat Vater auf den Barrikaden angefangen, und als einsamer Hypochonder macht er den Schluß. -- Man muß sich an die Welt und an sich selbst +bei Zeiten+ gewöhnen, Du! -- eh man sich die Hörner abgelaufen hat.
+Wilhelm+: Oder aber an sich arbeiten, um anders zu werden.
+Robert+: Das sollte mir einfallen, ich bin, wie ich bin. Ich habe ein Recht so zu sein, wie ich bin.
+Wilhelm+: Dann fordere Dein Recht auch offen!
+Robert+: Ich werde mich hüten, denn ich will zu meinem Rechte +kommen+. Die Moralphilister sind nun mal in der Mehrheit. -- Uebrigens ich muß nun doch gehen -- also .... und wenn ich Dir rathen soll, Du: nimm Dich vor den sogenannten guten Vorsätzen in Acht!
+Wilhelm+ _(kalt)_: Wie meinst Du denn das?
+Robert+: Ganz einfach: man muß nicht +Dinge+ leisten wollen, die man seiner ganzen Naturanlage nach nun mal nicht leisten kann.
+Wilhelm+: Zum Beispiel?
+Robert+: I! -- zu mir kommen zum Beispiel manchmal solche Kerls, die mir den Kopf wer weiß wie heiß machen, von Idealen schwatzen. Man müsse für die menschheitlichen Ideale kämpfen, was weiß ich! -- ich und für Andere kämpfen! fabelhafte Zumuthung! -- und für was und zu was denn? -- Na aber wie ich Dich kenne, Dich beunruhigt so was, Du würdest herumlaufen, wie einer der gestohlen hat: was bin ich für ein Jammerkerl! würdest Du Dir in einem fort sagen. Hab ich nicht Recht? na und dann käme schließlich der gute Vorsatz, und der drückt einen dann, das kenne ich. Ich bin auch früher mit hunderterlei solcher Vorsätze herumgelaufen. -- Jahrelang -- und das ist kein Vergnügen sag ich Dir!
+Wilhelm+: Ich weiß nicht recht, auf was Du hinaus willst?
+Robert+: Etwas Bestimmtes habe ich auch durchaus nicht im Auge: -- die Unruhe -- an der Du jetzt laborirst -- hat ja auch noch andre Ursachen ...... Ich jedenfalls ..... wenn ich früher merkte .... in früheren Zeiten habe ich ja auch ähnliches durchgemacht -- aber sobald ich merkte, daß die Geschichte über meine Kräfte ging, habe ich ihr gewöhnlich kurz entschlossen den Rücken gewandt.
+Wilhelm+: Soll das ein Wink sein?
+Robert+: Wink? -- ich wüßte nicht ..... also nochmals -- laß Dir’s gut gehen und .....
+Wilhelm+: Sag mir doch mal Du -- rein objektiv -- es hat ein gewisses Interesse für mich .... es ist nur weil ....
+Robert+: Bitte, -- was wünschest Du zu hören?
+Wilhelm+: Du hast selbst vorhin etwas gesagt.
+Robert+: Wann, vorhin?
+Wilhelm+: Als wir über Vater sprachen.
+Robert+: Ach richtig, ja -- was soll ich denn da gesagt haben?
+Wilhelm+: Du sagtest, es würde vielleicht doch gut werden mit Ida und mir.
+Robert+: Ja so, -- Euer Verhältniß, -- das hätte ich gesagt. --?
+Wilhelm+: Das hast Du gesagt.
+Robert+: Nu ja, ich habe da +manches+ gesagt.
+Wilhelm+: Das heißt so viel, als -- Du bist von manchem, was Du da gesagt hast, zurückgekommen.
+Robert+: Ganz recht, das bin ich.
+Wilhelm+: Auch was die .... diese selbe Sache anbelangt ....?
+Robert+: Euer Verhältniß?
+Wilhelm+: Ja.
+Robert+: Ist Dir das denn wichtig?
+Wilhelm+: Ja, vielleicht.
+Robert+: Ja.
+Wilhelm+: Du bist also nicht mehr der Ansicht -- daß wir .....
+Robert+: Nein.
+Wilhelm+: Schön -- ich danke Dir -- Du bist offen -- ich danke Dir. -- Aber nehmen wir mal an -- setzen wir den Fall, ich kehre der ganzen Sache den Rücken -- sehen wir zunächst mal ganz davon ab, was das für mich bedeuten würde angenommen -- also, ich ginge auf der Stelle mit Dir -- was sollte dann -- aus Ida -- werden?
+Robert+: Hm -- Ida? -- Ida? _(zuckt die Achseln)_ hm ja, ja -- das läßt sich nicht so schnell .... das heißt -- besorgen würde mich das wirklich nicht so sehr.
+Wilhelm+: Du!!! das ist Deine alte Perfidie! das kenne ich.
+Robert+: Perfid? wieso denn? nein da täuschest Du Dich! um perfid zu sein ist mein Interesse doch nicht ausreichend -- mein Interesse an der Sache mein ich. Ich glaube wirklich nicht .....
+Wilhelm+: Das weiß ich besser, Du. Du wirst mich doch nicht dieses Mädchen kennen lehren wollen?! es ist nun mal so -- verlaß Dich darauf! sie hat nun mal ein Gefühl für mich, ich kann’s nicht ändern -- ich bilde mir nichts ein darauf. -- Was wird also aus ihr werden, wenn ich davon laufe?
+Robert+: Hm -- machst Du Dir also wirklich ernstlich darüber Gedanken?
+Wilhelm+: Allerdings -- ja -- allerdings.
+Robert+: Antworte mir doch gefälligst erst mal darauf: wenn Ihr Euch heirathet, was wird dann aus Ida?
+Wilhelm+: Das kann kein Mensch wissen.
+Robert+: O doch, Du! das weiß man --: Mutter.
+Wilhelm+: Als ob Ida mit Mutter zu vergleichen wäre.
+Robert+: Aber Du mit Vater.
+Wilhelm+: Jeder Mensch ist ein +neuer+ Mensch.
+Robert+: Das möchtest Du gern glauben. Laß gut sein! da verlangst Du zu viel von Dir. Die fleischgewordene Widerlegung bist Du ja doch selbst.
+Wilhelm+: Das möchte ich wissen.
+Robert+: I, das weißt Du sehr genau.
+Wilhelm+: Schließlich kann man sich darüber hinaus entwickeln.
+Robert+: Wenn man danach erzogen ist nämlich.
+Wilhelm+: Ach, es hat keinen Sinn weiter zureden.
+Robert+: Durchaus meine Ansicht.
+Wilhelm+: Das kann ja doch zu nichts führen _(ausbrechend, außer sich.)_ Ihr wollt mich zu Grunde richten! -- Ich bin das Opfer eines Complots! -- Ihr habt Euch gegen mich verschworen, Ihr wollt mich abthun! -- Ihr wollt mich endgültig abthun!
+Robert+: Das war Vaters zweites Wort.
+Wilhelm+: Das ist lächerlich, -- Deine Bemerkungen sind einfach lächerlich! -- Habe ich etwa nicht Grund, das zu sagen -- wollt Ihr mich etwa nicht von Ida trennen? Es ist ..... aufrichtig gesagt -- mir fehlen die Worte ..... Es liegt eine so fabelhafte Anmaßung .... eine Brutalität liegt darin -- über alle Begriffe geradezu! Mit Ida soll ich Mitleid haben! -- wer hat denn mit mir Mitleid, sag mal? nenn mir einen Menschen! -- wer denn?
+Robert+: Selbstverständlich! -- wenn Du so sprichst, selbstverständlich!
+Wilhelm+: Man verlangt Opfer von mir. -- Auf einmal soll ich die unsinnigsten Opfer bringen! Ich soll ....
+Robert+: Du kannst Dir jedes Wort getrost sparen. -- Unter solchen Verhältnissen selbstverständlich. -- Es ist Dein gutes Recht, das Mädchen fest zu halten.
+Wilhelm+: Unter solchen Verhältnissen? -- unter was für Verhältnisse? sag mir doch bitte!
+Robert+: Du sprachst von Ida -- vorhin -- meines Wissens ...
+Wilhelm+: Nun ja -- also was --?
+Robert+: Jetzt sprichst Du von Dir -- es kam so heraus -- na -- mit einem Wort, wenn es Dir gleichgültig ist, was aus dem Mädchen wird -- wenn Du die nöthige Dosis .... nun sagen wir meinetwegen Rücksichtslosigkeit auf Lager hast .... wenn Du sie so nimmst .... so wie einen neuen Rock oder Hut oder so was ......
+Wilhelm+: Robert! -- so durch und durch herzlos, wie Du bist, -- Du hast doch diesmal Recht -- ich gehe mit Dir .... hier aus dem Hause -- heißt das -- gehe ich mit Dir .... ein Stück -- nicht weit -- und nun .... nun .... bin ich fertig -- mit Euch Allen. -- Ja, ja, jetzt bin ich -- rede nicht erst! -- jetzt bin ich wirklich fertig -- ganz und gar .......
+Robert+ _(sieht ihn erstaunt an und zuckt dann mit den Achseln.)_
+Wilhelm+ _(mit steigender Heftigkeit)_: Du, Du! -- gieb Dir keine Mühe -- es gelingt Dir nicht -- mich kannst Du nicht täuschen mit Deiner harmlosen Ruhe. -- Recht hast Du allerdings, aber was Dich auf den rechten Gedanken gebracht hat, das sag ich Dir in’s Gesicht, das ist jämmerlicher Neid ..... das ist einfach tief klägliche Mißgunst! -- Du weißt sehr gut, daß ich ehrlich kämpfen würde, doch ihrer schließlich einigermaßen würdig zu werden. -- Du weißt sehr gut, wie dieses Mädchen mit ihrer Reinheit mich reinigt. Aber Du willst es nicht! Du willst mich nicht gereinigt wissen. -- Warum willst Du es nicht? -- nun weil .... weil Du selbst so bleiben mußt, wie Du bist ...... weil sie mich liebt und nicht Dich! -- Und deshalb hast Du mir diesen ganzen Abend mit Deinem Polizeiblick aufgelauert ..... hast mir immer und immer wieder zu erkennen gegeben, daß Du etwas von mir weißt -- ja wohl! Du hast ganz Recht! ich bin ein durch und durch lasterhafter Mensch. Nichts ist mehr rein an mir. Besudelt, wie ich bin gehöre ich nicht neben diese Unschuld, und ich bin auch entschlossen, kein Verbrechen zu begehen. Aber Du Robert! Du wirst dadurch nicht reiner; ein Glück für Dich, daß Du Dich nicht mehr schämen kannst!
+Robert+ _(hat während des letzten Drittels von Wilhelms Rede seine Sachen genommen und ist dem Ausgang zugeschritten. Die Klinke in der Hand bleibt er stehen, als ob er reden wollte, besinnt sich eines anderen, zuckt resignirt mit den Achseln und entfernt sich sehr ruhig. Ab.)_
+Wilhelm+ _(dem Davongegangenen nachrufend)_: Robert! -- Robert! --
+Ida+ _(aus dem Nebenzimmer eintretend)_: Wen rufst Du denn?
+Wilhelm+: Ach -- Du bist hier.
+Ida+: Der Arzt ist drin, Wilhelm -- er sagt -- es sei doch ernst, es ....
+Stimme der Frau Scholz+ _(jammernd)_: Mein lieber guter Mann, ach! .... ach, mein lieber, guter Mann!
+Wilhelm+: Was habe ich gethan! was habe ich nun wieder gethan!
+Ida+: Es drückt mir das Herz ab. -- Ich möchte Dich gern -- nicht fragen, ich .... aber es muß etwas .... Du hast etwas Willy!
+Wilhelm+: Gar Nichts habe ich -- in die Einsamkeit möchte ich wieder -- dort ist unser Platz, Ida.
+Ida+: Weshalb --? ich verstehe garnicht.
+Wilhelm+ _(barsch und heftig)_: Ja, ja, ja! das ist ja die alte Leier --: ich versteh Dich nicht, ich versteh Dich nicht! -- Mutter und Vater haben auch ihr Leben lang verschiedene Sprachen gesprochen; Du verstehst mich nicht! Du kennst mich nicht! -- Du hast platte Backfischillusionen, und da habe ich nichts weiter zu thun, als mich zu verstecken vor Dir und zu verstecken -- bis ich ganz und gar zum elendesten Betrüger und Schurken werde.
+Ida+ _(hat Wilhelm bestürzt angeblickt, nun weint sie)_.
+Wilhelm+: Da siehst Du nun: dies ist mein wahres Gesicht. Und ich brauche nur einen Augenblick lang zu vergessen, was ich Dir gegenüber für eine Rolle spiele, da kommt es auch schon hervor. Du kannst mein wahres Gesicht nicht ertragen. Du weinst und Du würdest Jahre hindurch weinen, wenn ich nicht Mitleid mit Dir hätte. -- Nein, Ida, es darf zwischen uns nichts werden ..... ich bin zu dem festen Entschluß gekommen.
+Ida+ _(An seinen Hals fliegend)_: Das ist nicht wahr! -- das ist nun und nimmermehr wahr!
+Wilhelm+: Denk’ an das, was Du hier gesehen hast! sollen wir es von neuem gründen? -- sollen wir dieses selbe Haus von neuem gründen?
+Ida+: Es wird anders werden! es wird besser werden, Wilhelm.
+Wilhelm+: Wie kannst Du das sagen?
+Ida+: Das +fühle+ ich.
+Wilhelm+: Aber Du stürzst Dich blindlings in’s Verderben, Ida! ich reiße Dich in’s Verderben!
+Ida+: Ich habe keine Furcht, -- davor habe ich keine Furcht, Wilhelm! hab’ nur wieder Vertrauen! gieb’ mir nur wieder Deine Hand! Dann werd’ ich Dir etwas sein können -- stoß mich nur nicht von Dir ........
+Wilhelm+: Gieb’ mich frei! -- zum ersten Mal liebst Du! -- Du liebst eine Illusion. Ich habe mich weggeworfen, wieder und wieder. Ich habe Dein Geschlecht in Andern geschändet. -- Ich bin ein Verworfener. --
+Ida+ _(jauchzend und weinend ihn umhalsend)_: Du bist +mein+! Du bist +mein+!
+Wilhelm+: Ich bin Deiner nicht werth!
+Ida+: O sage das nicht! vor Dir bin ich klein, ach, wie klein! wie eine kleine, kleine Motte bin ich nur. Wilhelm, ich bin nichts ohne Dich! ich bin Alles durch Dich -- zieh’ Deine Hand -- nicht -- von mir -- armseligen -- Geschöpfe!
+Wilhelm+: Ida!!! -- ich Dir? Ida ich? ... _(umarmen und küssen sich unter Lachen und Weinen.)_ Ich soll meine Hand nicht von Dir ziehen? -- Ja -- was -- sagst Du denn da -- was sagst Du -- denn nur -- da -- Du -- böse .....
+Ida+: Nun -- versprichst Du -- mir -- nun ...
+Wilhelm+: Ich schwöre Dir -- jetzt .... _(ein markdurchdringender Aufschrei aus dem Nebenzimmer schneidet die Rede ab. Betroffen und entsetzt starren Ida und Wilhelm einander in die Augen)_.
+Stimme der Frau Scholz+: Mein Mann -- stirbt ja! -- mein -- guter, lieber Mann -- stirbt ja doch -- mein Mann .... _(lautes Weinen)_.
+Wilhelm+: Gott! -- mein Gott -- was? -- Vater!!! Vater!!! _(will sich in’s Nebenzimmer stürzen; halbwegs kommt Ida ihm zuvor.)_
+Ida+: Wilhelm! -- komm’ zu Dir selbst! -- und -- geh’ nicht -- ohne mich!
_(+Friebe+ kommt von Schluchzen geschüttelt aus dem Nebenzimmer und verschwindet in der Küche.)_
+Auguste+ _(folgt Friebe auf dem Fuße. Vor Wilhelm stehen bleibend, stößt sie mühsam hervor)_: Wer -- trägt nun -- die Schuld? -- wer? wer --? -- _(Sie bricht am Tisch zusammen, ein dumpfes und hohles Stöhnen entringt sich ihrer Brust. Das laute Weinen der Frau Scholz ist noch immer hörbar.)_
+Wilhelm+ _(will ausbrechen)_: Auguste!
+Ida+ _(an Wilhelm’s Brust beschwichtigend, mit bebenden Lauten)_: Wilhelm, -- ich glaube -- Dein Vater -- ist nicht mehr.
_(Wilhelm will auf’s Neue ausbrechen, wird abermals durch Ida beschwichtigt, kämpft seinen Schmerz nieder, sucht und findet Ida’s Hand, die er krampfhaft in seiner drückt, und geht Hand in Hand mit dem Mädchen aufrecht und gefaßt auf das Nebengemach zu.)_
Druck von +A. Klarbaum+, Berlin ~S.O.~