Das Friedensfest

Part 5

Chapter 53,631 wordsPublic domain

+Auguste+: Das sagst Du? -- pfui, Du!? der die Hand gegen seinen eignen Vater erhoben hat.

~Dr.~ +Scholz+ _(mit zornbebender Stimme in absolut befehlendem Tone)_: Auguste! -- Du wirst Dich entfernen! -- augenblicklich!!

+Auguste+: Na -- ich möchte wissen ....

~Dr.~ +Scholz+: Du wirst Dich augenblicklich entfernen!

+Frau Scholz+: O Du lieber Gott, warum nimmst Du mich denn nicht zu Dir! _(weinerlich)_ Auguste! Du hörst! -- folge dem Vater!

+Robert+: I, -- Mutter! das würd’ ich ihr denn doch sehr verdenken. Sie ist doch kein kleines Kind mehr. Die Zeiten haben sich doch wahrhaft’gen Gott sehr verändert.

~Dr.~ +Scholz+: Aber, ich habe mich nicht verändert. Ich bin der Herr im Hause. Ich werde Euch das beweisen.

+Robert+: .... lachhaft!

~Dr.~ +Scholz+ _(schreiend)_: Räu -- ber -- und -- Mör -- der --!!! -- -- -- ich -- -- -- -- -- enterbe Euch!!! ich werfe Euch auf die Straße!

+Robert+: Das ist ja direkt komisch.

~Dr.~ +Scholz+: _(bemeistert einen furchtbaren Zornausbruch und spricht mit unheimlicher Ruhe und Festigkeit)_: Du, oder ich, einer von uns verläßt das Haus -- augenblicklich.

+Robert+: Ich natürlich -- mit Herzensfreude.

+Frau Scholz+ _(halb befehlend, halb bittend)_: Robert, Du bleibst!

~Dr.~ +Scholz+: Er geht.

+Frau Scholz+: Fritz! hör’ mir zu! er ist der einzige ..... in den langen, einsamen Jahren hat er uns nicht vergessen, er .....

~Dr.~ +Scholz+: Er, oder ich --!

+Frau Scholz+: Gieb nach, Fritz, thu’ mir die Liebe!

~Dr.~ +Scholz+: Laß mich zufrieden! er, oder ich!

+Frau Scholz+: Ach, -- Ihr braucht ja meinswegen einander nicht begegnen, es geht ja ganz gut einzurichten ... aber ...

~Dr.~ +Scholz+: Gut, ich weiche. -- Dir und Deiner Meute weiche ich! -- Du und Deine Meute, Ihr habt von jeher den Sieg behalten!

+Wilhelm+: Bleib’, Vaterchen! oder wenn Du gehst, laß mich diesmal mit Dir gehen.

~Dr.~ +Scholz+ _(unwillkürlich zurückfahrend, zwischen Zorn und Entsetzen)_: Laß mich zufrieden, -- Taugenichts! _(gedankenlos nach seinen Sachen suchend)_: Banditen und Tagediebe! -- Taugenichtse!

+Wilhelm+ _(aufwallend)_: Vater! -- so nennst Du uns ... und bist es doch gewesen, der uns .... Ach Väterchen nein, nein, das will ich ja garnicht sagen! laß mich mit Dir gehn, ich will bei Dir bleiben, laß mich Alles wieder gut machen, was ich _(er hat seine Hand auf des Vaters Arm gelegt.)_

~Dr.~ +Scholz+ _(vor Schreck und Entsetzen wie gelähmt, retiriert)_: Laß los! ich sage Dir -- die Ränke der Verfolger werden zufällig ..... werden zuverlässig -- zu Schanden werden. Sind das diese Leute, -- diese Mächtigen, -- und diese mächtigen Menschen sind das Männer? einen Mann der, wie ich, einige Schuld hat, aber im Uebrigen dennoch ganz und gar -- und -- durch und durch -- und kurz und gut.

+Wilhelm+: Vater! Vater! Väterchen! komm zu Dir, komm doch zu Dir!

~Dr.~ +Scholz+ _(sich im Rythmus der Worte bewegend, halblaut)_: Und kurz und gut und ... ganz und gar ....

+Wilhelm+: _(ihn umarmend, mit der instinctiven Absicht, seinen Actionsdrang zu hemmen)_: Faß Dich! nimm Dich zusammen!

~Dr.~ +Scholz+ _(sich wehrend, wie ein kleines Kind flehend)_: Ach, schlag mich nicht! ach straf mich nicht!

+Wilhelm+: Aber um Gottes Himmels .....

~Dr.~ +Scholz+: Nicht schlagen! nicht -- wieder -- schlagen! _(er macht krampfhafte Anstrengungen sich aus Wilhelms Umarmung zu befreien)._

+Wilhelm+: Abfaulen soll mir die Hand -- Väterchen glaub doch nicht, .... Väterchen denk doch nicht ......!

~Dr.~ +Scholz+ _(hat sich befreit, flieht hülferufend von Wilhelm gefolgt)_.

+Wilhelm+: Schlag mich Du! schlag Du mich!

~Dr.~ +Scholz+: Bitte, bitte, bitte, -- .... Hülfe.

+Ida+ _(aus der Thür des Seitengemaches, todtenbleich)_.

+Wilhelm+ _(ereilt den Vater, umarmt ihn auf’s neue)_:. Schlag Du mich ....

~Dr.~ +Scholz+ _(unter Wilhelms Umarmung auf einen Stuhl zusammenbrechend)_: Ich ... a ... ah! a -- ah! ... ich -- glaube -- es -- geht -- zu Ende -- mit -- mir.

+Wilhelm+: Vater!!!

_(Frau Scholz und Auguste sind einander entsetzt in die Arme gesunken. Robert todtenbleich, hat sich nicht von der Stelle bewegt; sein Gesicht hat den Ausdruck unerschütterlicher Festigkeit.)_

Dritter Vorgang.

_Im Saale herrscht Halbdunkel. Die Lichter sind verlöscht bis auf einige auf dem Kronleuchter und ein einziges auf dem Christbaum. Vorn in der Nähe des Ofens am Tisch, den Rücken dem Nebenzimmer zugewendet, sitzt Wilhelm, die Ellbogen aufgestützt, sichtlich versunken in dumpfe, trostlose Grübelei. Robert und Frau Scholz betreten gleichzeitig die Halle, aus dem Nebenzimmer kommend._

+Frau Scholz+ _(Mit Zeichen der Erschöpfung, in gedämpftem Tone redend)_: Ne, Junge! -- mach ok nich Geschichten! Jetzt -- ma weeß nich hin, nich her. -- Wenn’s nu was Schweres is, was d’nn dann?

+Robert+: Du bist ja doch nicht allein, Mutter!

+Frau Scholz+: Aber sag mer nur! das kann doch nich Dein richt’ger Ernst sein! Das ist ja überspannt! Wo willst Du denn jetzt mitten in der Nacht blos hin?

+Robert+: Wenn’s weiter nichts is! alle Augenblicke gehen Züge -- und fort muß ich! -- Diesmal kann ich’s wirklich nicht mehr aushalten -- überhaupt -- ’s ist für uns Alle das Beste!

+Frau Scholz+ _(weinerlich)_: ’S war immer so hibsch in den letzten Jahren. Ich sag schon -- nu missen die wieder kommen! Seit die Buchners hier sind, is’s wieder mal reen verdreht, Alles.

+Robert+: Sei froh, daß Du die hast, Mutter!

+Frau Scholz+: I, daß hätt’ ich ganz gutt selber machen können.

+Robert+: Ich denke, er leidet niemand von uns um sich --; Vater --?!

+Frau Scholz+ _(weinend)_: Accurat, als wenn ich ihm was Böses gethan hätte -- und dabei bin -- ich -- doch gewiß -- immer -- diejenige gewesen .... ich hab gewiß immer mei’ Bestes gethan -- sei mal gerecht, Robert! -- Ich hab ihm sein schönes Essen gekocht -- er hat seine warmen Strümpfe gehabt ....

+Robert+: Ach laß doch das, Mutter! -- was hilft das end--lose Lamentiren?!

+Frau Scholz+: Ja, das sagst Du! -- Du hast gut reden! -- aber wenn man sich abgerackert hat sei’ Leben lang -- man hat sich e’ Kopf zerbrochen, wie man’s und wie man’s blos recht macht -- und nu’ kommen fremde Menschen, und die werden vorgezogen!

+Robert+: Ida ist immer noch bei ihm?

+Frau Scholz+: Eine wildfremde Person -- ach ich möchte schon lieber garnicht mehr leben -- und dieser Lump! -- dieser Friebe! -- dieser Lump! -- wie der sich blos aufspielt! -- Gustel hat’s ihm aber gesteckt! -- Auguste hat ihm die Wahrheit aber ordentlich gesagt! -- Dieser Kerl erdreistet sich -- er hat sie geradezu aus dem Zimmer hinausgedrängelt. Das Mädel war außer sich. -- Und das is nu seine Tochter .... ne ... wißt er Kinder: was ich in meinen Leben schon ausgestanden habe! -- ich mecht’s Keenem wünschen.

+Robert+ _(unwillkürlich, mit einem kleinen Seufzer)_: Vater auch!

+Frau Scholz+: Was --?

+Robert+: Nichts. -- Vater auch sagte ich nur.

+Frau Scholz+: Wie denn?

+Robert+: Na -- Vater hat doch auch manches ausgestanden.

+Frau Scholz+: Na meinswegen gewiß nich. Mich hat er nich sehr gemerkt. Ich bin gewiß anspruchslos.

+Robert+ _(skeptisch)_: -- ’tja! -- ’tja! -- ’tja!

+Frau Scholz+: Wart’ nur, wenn ich wer’ im Grabe liegen -- da werdt’er dann schon einsehen ..

+Robert+: Ach, Mutter, laß doch nur; -- das hab ich ja schon hundertmal gehört.

+Frau Scholz+: Mag’s doch! Ihr werd’t’s schon noch emal einsehen -- und paß uff -- in gar nich langer Zeit.

+Robert+: Ach Mutter, ich bestreite ja doch garnicht, daß Du mancherlei gelitten hast -- unter Vater -- Ihr habt eben Beide gelitten. Ich begreife garnicht, weshalb Du mir das ....

+Frau Scholz+: Dummes Gerede! -- was hat ihm denn gefehlt, möcht ich wissen?

+Robert+ _(unüberlegt)_: Wenn Du’s durchaus wissen willst: Verständniß!

+Frau Scholz+: Ich kann mich nicht klüger machen, wie ich bin.

+Robert+: Das hat ja auch kein Mensch verlangt. -- Ueberhaupt .... es ist ja überhaupt Unsinn noch viel davon zu reden.

+Frau Scholz+: Na nu hört’s ganz uff -- _(weinend)_ nu bin ich am Ende noch gar Schuld, daß er krank darnieder liegt, nu ....

+Robert+: Das sag ich ja gar nicht.

+Frau Scholz+: Das hast Du +wohl+ gesagt.

+Robert+: Ach Mutter ....! Ich gehe lieber -- ich .... Mutter, ich kann wirklich nicht mehr.

+Frau Scholz+: Nein! -- ich möchte wissen -- was ich mir vorzuwerfen hätte -- ich habe ein gutes Gewissen.

+Robert+: Das magst Du behalten das magst Du auch meinethalben in Gottes Namen behalten! -- _(abwehrend)_ bitte -- nicht mehr!

+Frau Scholz+: Die Geschichte mit dem Gelde meinst Du wohl?

+Robert+: Ich meine gar keine Geschichte.

+Frau Scholz+: Meine Eltern haben’s sauer verdient -- welche Frau wird sich das gefallen lassen? -- Dein Vater schmiß es geradezu zum Fenster naus.

+Robert+: Aber Dein Onkel betrog Dich drum.

+Frau Scholz+: Das konnte man nich wissen.

+Robert+: Und Vater war gut zum Wiederverdienen?!

+Frau Scholz+: Er hätte sich eben so gut verspeculiren können.

+Robert+: _(lacht bitter.)_

+Frau Scholz+: Ich bin eben ’ne einfache Seele -- der Vater war eben zu vornehm für mich. -- Seine Mutter hatte och so was Vornehmes. Aber mei’ Vater war früher bluttarm -- in mir steckt eben das Armuthsblutt! Ich kann mich nich anders machen. Na meinswejen -- die paar Jahre wird’s wohl noch gehen. Der liebe Gott wird mich schon bei Zeiten erlösen.

+Robert+: Von Gott erlöst sein möchte man lieber!

+Frau Scholz+: Pfui! das is e’ Hallunke, der das sagt. Ach --: von Gott erlöst sein -- da nähm’ ich mir ne Nadel und stäch mer se -- hier -- in’s Herze -- in die Rippen. Wie scheußlich is das: von Gott erlöst sein! Wo wäre ich blos geblieben, wenn ich meinen Gott nich gehabt hätte. -- Willst Du d’nn wirklich fortgehn, Robert?

+Robert+ _(schon auf der Treppe)_: Ach schweig schon, Mutter! Ruhe brauch ich -- Ruhe. _(ab)_

+Frau Scholz+: Je ja! -- je ja, -- Ihr macht ein’n’s Leben nicht leicht! _(zu Wilhelm, der wie am Anfang noch immer antheillos am Tische brütet.)_ Nu denk’ Dir blos an --: Robert will fort!

+Wilhelm+: Meinethalben!

+Frau Scholz+: Sag mer nur --: wast sitzt Du denn immer so? das nutzt ja nischt, Du! -- sei doch nur vernünftig!

+Wilhelm+ _(seufzt tief auf)_: Ach, ja!

+Frau Scholz+: Das Seufzen nutzt gar nichts! sieh mich an! -- ich bin alt -- wenn ich mich hinsetzen wollte, wie Du .... Was geschehn ist, ist geschehn. -- Das ist nu mal nicht zu ändern. Hörst Du! lies was! -- steh auf, nimm Dir ’n Buch und zerstreu Dich!

+Wilhelm+ _(seufzt)_: Ach, Mutter! -- laß mich doch nur machen! -- ich störe ja doch Niemand! .... Ist Friebe vom Arzt zurück?

+Frau Scholz+: Nein, eben nicht. Ich sag ja schon, wenn man mal ’n Arzt nöthig hat, da is gewiß keiner zu finden.

+Wilhelm+: Es ist bedenklich, nicht? -- Ob es überhaupt noch mal werden wird?

+Frau Scholz+: Gott, ja! wer kann das wissen!

+Wilhelm+ _(starrt seine Mutter an, läßt plötzlich wild aufschluchzend die Stirn auf die Hände sinken)_.

+Frau Scholz+: Ja, ja, mein Junge --: wer hätte das gedacht?! ich will ja nicht sagen .... ich will ja Niemand die Schuld zuschieben -- aber zanken hättet Ihr Euch doch heute nich grade wieder brauchen -- na -- ma muß eben’s Beste hoffen. -- Er phantasirt ja nu wenigstens nich mehr. -- Wenn Ida doch nur ja nichts versähe! -- unser eins hat doch hundertmal mehr Erfahrung. -- Warum kann er denn zu Ida freundlich sein!? -- Ich beiße doch och nich! .... Ida is ja sonst ’n sehr ’n liebes Mädel is sie ja wirklich. -- Und Du nu erst! _(ihm auf dem Scheitel klopfend)_ Du kannst den lieben Gott schon danken -- da kannst Du lange warten, bis Du wieder eine, wie Ida, findst! ....... _(vorsichtig, vertraulich)_ .... Sag’ doch mal -- sind die Buchners -- gut situirt?

+Wilhelm+ _(aufbrausend)_: Ach, laß mich zufrieden! -- wie soll ich das wissen! -- was geht das mich an!

+Frau Scholz+: Was is denn da weiter?! -- ma’ wird doch ’mal fragen können -- Brummbär Du!

+Wilhelm+: Ach, Mutter -- verschon’ mich! -- wenn Du eine Spur von Mitleid mit mir hast --: verschon’ mich! .... bekümmere Dich nicht um mich -- verschon’ mich!

+Frau Scholz+: Na ja doch, ja! -- ich bin Euch eben überall im Wege. -- So ’ne alte Frau, die is höchstens noch gutt zum anranzen.

_(Auguste und Frau Buchner hastig aus dem Nebenzimmer.)_

+Auguste+: Mutter!

+Frau Scholz+: O Gott! was denn?

+Auguste+: Friebe ist eben gekommen.

+Frau Buchner+: Friebe hat keinen Arzt mitgebracht.

+Auguste+: Der Vater hat ihn gefragt, und da hat er gesagt ....

+Frau Buchner+: Er will keinen Arzt!!

+Auguste+: Er schimpft so furchtbar -- er will ihn zur Thüre nauswerfen.

+Frau Buchner+: Friebe will nicht noch ’mal gehen.

+Auguste+: Sprich Du doch nur noch ’mal mit Friebe!

+Frau Buchner+: Ja, sprich Du mit ihm! es ist doch dringend nöthig, daß ........

+Auguste+: Ein Arzt muß kommen -- sonst lauf’ ich selbst, ich fürchte mich nicht, und wenn ich bis Friedrichshagen laufen muß.

+Frau Scholz+: I warum nich gar! -- jetzt mitten in der Nacht -- wart’ nur, wart’ -- laß mich nur machen! _(Frau Scholz, Frau Buchner und Auguste hastig zurück ins Nebenzimmer.)_

+Frau Buchner+ _(kaum verschwunden, erscheint wieder. Schon bevor sie abging, hat sie ihren Blick verstohlen und kummervoll mehrmals auf Wilhelm gerichtet, der immer noch stumm und düster auf seinem Platze verharrt. Ein Blick überzeugt Frau Buchner, daß, außer Wilhelm und ihr selbst, Niemand zugegen ist. Hastig zuerst, dann mehr zögernd, nähert sie sich Wilhelm.)_

+Wilhelm+ _(hat ihre Annäherung bemerkt, hebt den Kopf)_: Was w... wollen Sie? ich -- habe Ihnen -- ja doch -- Alles vorher gesagt.

+Frau Buchner+: Aber ich wollte es Ihnen nicht glauben. -- Ich konnte mir das nicht vorstellen.

+Wilhelm+: Und jetzt glauben -- Sie es?!

+Frau Buchner+: Ich -- weiß -- nicht ....

+Wilhelm+: Weshalb belügen Sie mich? -- sagen Sie doch -- getrost, -- ja. -- Daß es so kommen mußte, war ja .... es war ja so lächerlich selbstverständlich. -- Wie habe ich mich nur so können verblenden lassen!

+Frau Buchner+ _(mit Fiebereifer)_: Wilhelm! ich halte Sie heute, wie damals, für einen guten und edlen Menschen. Ich versichere Sie: nicht einen Augenblick lang habe ich an Ihnen gezweifelt. Auch jetzt, wo mir auf einmal so angst und bange wird ....

+Wilhelm+ _(erhebt sich, holt tief Luft ein, wie Jemand der Beklemmungen fühlt)_: Es ist mir nur .... ich wußte es ja längst und doch ......

+Frau Buchner+: Ich komme zu Ihnen, Wilhelm! -- ich sage Ihnen offen .... es ist auf einmal so über mich gekommen. -- Ich sorge mich auf einmal so entsetzlich um Ida.

+Wilhelm+: Ich muß gestehen ...... nur gerade jetzt -- --

+Frau Buchner+: Ich weiß ja, Sie lieben das Kind. Es kann sie ja auch Niemand inniger lieben! -- Ich weiß, Sie werden mit allen Kräften streben, meine Tochter glücklich zu machen. An Ihrem Willen wird es nicht fehlen, aber nun .... nun habe ich so mancherlei .... nun habe ich so viel gesehen hier und -- erfahren. Da ist mir vieles ..... vieles von dem, was Sie mir früher gesagt haben, erst verständlich geworden. Ich verstand Sie nicht. Ich hielt Sie für einen Schwarzseher. Ich nahm Vieles gar nicht einmal Ernst. Mit einem festen, frohen Glauben kam ich hierher. Ich schäme mich förmlich. Was habe ich mir zugetraut! Solche Naturen wollte ich lenken, ich schwache, einfältige Person! -- Nun wankt Alles. Ich fühle auf einmal meine furchtbare Verantwortung: für mein Kind, für meine Ida bin ich doch verantwortlich. Jede Mutter ist doch verantwortlich für ihr Kind. Reden Sie mir zu, Wilhelm! sagen Sie mir, daß Alles noch gut werden wird! Sagen Sie mir: wir werden glücklich! --: Sie und Ida. Beweisen Sie mir, daß ich unnütz Furcht und Sorge habe, +Wilhelm+! ...................

+Wilhelm+: Warum -- haben Sie’s -- soweit -- kommen lassen? -- Ich habe Sie gewarnt -- und gewarnt. Was habe ich Ihnen gesagt? ich habe gesagt: wir Alle .... wir Geschwister .... daß wir unheilbar kranken ..... vor allem ich .... daß wir an uns schleppen. -- Binden Sie Ihre Tochter nicht an einen Krüppel, -- habe ich Ihnen gesagt. -- Warum haben Sie mir nicht glauben wollen?

+Frau Buchner+: Ich weiß nicht. Ich weiß das selbst nicht.

+Wilhelm+: Nun haben Sie mich eingeschläfert, mein Gewissen beschwichtigt, -- und jetzt -- halb toll bin ich geworden vor Glück. -- Ich habe Augenblicke durchlebt -- durchkostet --! und auch andere wieder ...... Die furchtbarsten Kämpfe meines Lebens -- und nun -- verlangen Sie .... nun man muß zusehen, -- vielleicht, ja vielleicht ....

+Frau Buchner+: Wilhelm! ich verehre Sie! -- ich weiß, daß Sie am Ende doch jedes Opfer bringen. Aber Ida .... wenn es für sie zu spät ist .... wenn sie daran zu Grunde geht!

+Wilhelm+: Warum haben Sie mir denn nicht glauben wollen? -- Sie wissen nicht -- was mich das jetzt kostet. Stufe um Stufe mühsam gebaut habe ich mir -- ach, so mühsam! so mühsam! ... Dies Haus hier lag hinter mir. -- Gerettet war ich fast. -- Nun hat es mich wieder hereingerissen ... Warum mußten Sie es nur so weit kommen lassen? warum ......

+Frau Buchner+ _(unter Thränen)_: Ich weiß nicht! ich weiß das selbst nicht! ich habe das Kind erzogen. Es ist mir Alles in Allem gewesen; an seinem Glück zu arbeiten ist auf der Welt mein’ einziger Beruf gewesen. -- Nun kamen -- Sie in unser Haus. -- Ich gewann Sie lieb. -- Ich dachte auch an Ihr Glück, ich ..... Das hätte ich vielleicht nicht thun sollen .... Ich dachte vielleicht eben so sehr an Ihr Glück -- und -- wer weiß? -- am Ende -- zu -- allermeist -- an -- +Ihr+ Glück _(einen Augenblick lang starren Beide einander bestürzt in die Augen)_.

+Wilhelm+: Frau Buchner!!!

+Frau Buchner+ _(das Gesicht mit den Händen bedeckend, wie Jemand, der sich schämt, weinend ab durch den Treppenausgang)_.

+Wilhelm+ _(thut mechanisch ein paar Schritte hinter ihr drein, steht still, sucht seiner inneren Bewegung Herr zu werden, muß sich aber plötzlich, von Weinen geschüttelt, an der Wand stützen.)_

+Ida+ _(ihr Gesicht ist bleich, ihre Mienen drücken Ernst und Besorgniß aus. Sie tritt leisen Schrittes zu Wilhelm, umfaßt ihn und drückt ihre Wange an die seine)_: Ach, Willy! sieh’ ’mal: es kommen trübe und -- es kommen -- nicht, Willy? -- es kommen auch wieder helle Tage. Wer wird sich gleich so ..... so ganz und gar muthlos machen lassen.

+Wilhelm+ _(leidenschaftlich stammelnd)_: Ida! -- Einzige!! -- Liebste!! -- Süße -- wie soll ich denn nur ..... wie sollt ich denn nur jetzt leben ohne Dich? -- Deine Stimme, Deine Worte, Dein ganzes süßes, wunderbares Wesen, Deine Hände ...... Deine milden, treuen Hände.

+Ida+: Denkst Du ich? -- Denkst Du ich möchte leben, ohne Dich? -- Nein Du! -- wir wollen uns umschlingen und nicht los lassen -- fest -- fest -- und so lange es so ist ......

+Wilhelm+: Ja, ja! -- aber -- wenn’s nun ’mal anders würde?

+Ida+: Ach, sprich nicht so!

+Wilhelm+: Ich meine ja nur .... man kann doch nie wissen ... Eins kann sterben ....

+Ida+: Ach, wir sind jung.

+Wilhelm+: Wenn auch. -- Einmal kommt’s doch auch -- alt werd’ ich so wie so nicht.

+Ida+ _(heiß)_: Dann umarm’ ich Dich -- dann drück’ ich mich an Dich -- dann geh’ -- ich -- mit Dir.

+Wilhelm+: Ida! -- das sagt man so. -- Das thust Du doch nicht.

+Ida+: Das thue ich!

+Wilhelm+: Du denkst Dir das jetzt so -- Du weißt nicht wie schnell man vergißt.

+Ida+: Ich könnte nicht athmen ohne Dich!

+Wilhelm+: Das bildet man sich ein ....

+Ida+: Nein, nein, nein, Wilhelm! .....................

+Wilhelm+: So zu lieben -- wäre aber -- sogar eine Thorheit. Man wird doch nicht alles auf +eine+ Karte setzen.

+Ida+: Ich -- versteh’ Dich -- nicht ganz.

+Wilhelm+: Nur so .... ich .... sieh’ ’mal _(in ärgerlichem Tone)_. Ach, Du! -- das Thema ist unerquicklich! ...... wie geht es Vater?

+Ida+: Er schläft jetzt -- aber was hast Du denn nur?

+Wilhelm+ _(umhergehend)_: Das kommt so -- man weiß nicht wie. _(Plötzlich knirschend)_ -- Es giebt Momente, sag’ ich Dir ....! wenn einen die Wuth der Verzweiflung übermannt ..... in solchen Augenblicken kann ich mir denken .... in solchen Augenblicken kommt’s dazu, daß Menschen sich fünf Stock hoch -- den Kopf zuerst -- auf das Pflaster stürzen; -- förmlich wollüstig wird einem diese Vorstellung.

+Ida+: Gott behüte! -- Solchen Vorstellungen mußt Du nicht nachhängen, Willy!

+Wilhelm+: Warum denn nicht, möchte ich wissen? warum sollen Kerls, wie ich, zwischen Himmel und Erde herumschmarotzen? --: Nichtsnutzige Geschöpfe! -- Sich selbst ausmerzen -- das wäre doch noch was, -- dann hätte man doch +einmal+ etwas Nützliches gethan.

+Ida+: Es ist ja im Grunde nicht zu verwundern: -- Du bist überreizt und abgespannt ...

+Wilhelm+ _(in schroffen abweisenden Tone)_: Laß mich zufrieden Du, das verstehst Du nicht! _(über sich selbst erschrocken, verändert.)_ Ach, Du! -- Du mußt mir’s nicht übel nehmen. -- Geh’ doch lieber jetzt! Ich möchte Dich nicht verletzen. Und wie mir nun ’mal zu Muthe ist -- kann ich nicht -- einstehen für mich.

+Ida+ _(küßt Wilhelm stumm auf den Mund, dann ab in das Seitengemach)_.

+Wilhelm+: _(blickt ihr nach, geht, steht still, zeigt ein Gesicht voll Schrecken und Staunen und faßt sich an die Stirn, wie Jemand, der sich auf bösem Wege ertappt hat. Während dies geschieht, ist Robert durch den Treppenbogen eingetreten)_.

+Robert+ _(den Hut in der rechten Hand, über’m Arm den Ueberzieher und eine Reisedecke, in der Linken einen Plaidriemen, begiebt sich bis an den Tisch, wo er die Sachen ablegt)_.

+Wilhelm+ _(bemerkt ihn und sagt, nachdem er ihn eine Weile beobachtet)_: Wohin -- willst Du?

+Robert+: Fort.

+Wilhelm+: Jetzt?

+Robert+: Warum nicht? -- _(den Plaidriemen ausbreitend)_. Ich habe genug -- über und über sogar! -- Mutter wird künftig ..... wird künftig die Weihnachtstage -- ohne mich auskommen müssen -- _(nach dem Ofen umblickend)_. Es ist kalt hier.

+Wilhelm+: Draußen friert’s.

+Robert+ _(die Reisedecke rollend)_: So! -- um zehn thaute es doch.

+Wilhelm+: Es ist umgeschlagen.

+Robert+: Wie wird man nur den Berg ’runter kommen bei der Glätte?

+Wilhelm+: Der Mond scheint ja!

+Robert+: Wenn auch.

..................

+Wilhelm+: Er phantasirt nicht mehr.

+Robert+: So, so!

..................

+Wilhelm+: Er will keinen Arzt.

+Robert+: So, so!

..................

+Wilhelm+: Es ist so plötzlich gekommen, man --

+Robert+: Hm -- ja, ja!

+Wilhelm+: Es muß doch in ihm gesteckt haben.

+Robert+: Natürlich -- sonst wäre er doch wohl nicht nach Hause gekommen .........

..................

+Wilhelm+: Mir graut -- was daraus werden soll?!

+Robert+: Was soll man machen?!

..................

+Wilhelm+: Meiner Seele -- ich weiß nicht, was ich anfange, -- wenn er einmal stirbt ..... Mit meinem Bewußtsein! mit dem, was ich jetzt erkannt habe! ..... ich wüßte wirklich nicht ..... und nun noch die Reue, die Gewissensbisse ..... ä! -- was da! -- was liegt schließlich daran?!

+Robert+: I, Du! -- da hätte man viel zu thun ..... der Alte ist ein Bischen anders -- na ja -- unsere Vorstellung stimmte nicht ganz. Gott, ja! aber das ändert doch nichts an der Sache.

+Wilhelm+: Ich sage Dir -- es ist mir heiliger Ernst -- mit Wollust würde ich heut verzichten, auf das ganze elende Bischen Leben, wenn es ihm zu Gute käme.

+Robert+ _(den Ueberrock anziehend)_: Das hat wenig Sinn Du -- meiner Ansicht nach -- Sieh mal, ich gehe jetzt in ein kleines, geheiztes Comptoirchen, setze mich mit dem Rücken an den Ofen -- kreuze die Beine unter dem Tisch -- zünde mir diese ..... selbe Pfeife hier an und schreibe -- in aller Gemüthsruhe hoffentlich, solche ..... na, Du weißt schon solche Scherze, ..... solche Reclamescherze: Afrikareisender ..... nahe am Verschmachten, na ..... und da laß ich denn gewöhnlich eine Caravane kommen, die unsern Artikel führt. -- Mein Chef ist sehr zufrieden -- es geht durch den Inseratentheil aller möglichen Zeitungen; und was die Hauptsache ist --: Wenn ich da so sitze, siehst Du, und die Gasflamme den ganzen Tag so über mir fauchen höre -- von Zeit zu Zeit so’n Blick in den Hof -- so’n Fabrikhof ist nämlich was Wunderbares! -- was Romantisches, sag ich Dir! ..... mit einem Wort, da summt mich keine Hummel an.

+Wilhelm+: Dann lieber gleich todt sein.