Das Exemplar

Part 11

Chapter 113,662 wordsPublic domain

»Hatte ich nicht recht?« sagte sie dann leise. »Wer bürgt uns, daß sie uns die Diskretion vergolten hätten, die ihnen von uns widerfahren wird?« und sie sah ihn mit einem trügerischen Lächeln an, als sei ihr nur die Gelegenheit nicht günstig genug gewesen.

Aber auch die Dame war sehr froh um die Begegnung. Es machte sich doch viel besser zu viert zurückzukehren!

Zweiundzwanzigstes Kapitel

Das große, luftige Turmzimmer, welches Mariclée in diesem Hause bewohnte, hatte sie gleich auf den ersten Blick merkwürdig angeheimelt. Irgendwie hatte es Stimmung, man wußte nicht warum. Von der schönen Landschaft allein, mit welcher der weitausspringende Erker gleichsam in unmittelbarem Kontakte stand, konnte sie nicht herrühren, denn die blumigen Vorhänge waren jetzt zugezogen, und doch behielt das Zimmer seinen eigentümlichen Zauber. Mariclée öffnete die Fenster und stieß die Läden zurück. In London hing die Nacht so totenstill, man fühlte nur die unbewegte, vom Ruße ewig durchsickerte Luft. Wie strömte sie hier! Wie rauschte der Nachtwind auf weiten Flügeln einher! Oder war es der Morgenwind? Man trennte sich so spät in diesem Schlosse. Selbst jetzt saßen unten noch einige beisammen, ein greller Lichtstrahl ergoß sich vom Saale aus über den Rasen und den sandigen Vorplatz und Stimmen drangen herauf. Smartness war hier das Hausgesetz; das einzige, auf das es ankam. Smartness bis zum Point d'Honneur, bis zur fixen Idee. Es war schon fast nicht mehr smart, so smart zu sein; aber für ein oder das andere Mal, von Freitag auf Montag fand Mariclée ein solches Leben unterhaltlich und wert gekannt, wenn auch nicht gelebt zu werden. -- Auf ihrem Bette lagen, wie üblich, wieder eine Anzahl Bücher, und gewohnheitsmäßig versuchte sie zu lesen, streckte aber alsbald den Arm nach der zierlich umschirmten Lampe aus, um sie auszudrehen, und schlief augenblicklich ein.

Plötzlich, wie auf einen inneren Stoß hin, und von einem leisen, unerklärlichen Schrecken erfüllt, riß sie die Augen auf. Sie lag jetzt im Dunkeln, den Blick auf die weite Sternenbahn, die vor den offenen Erkerfenstern still feierlich vorüberzog. Und in der Ferne, und schon wie abgekehrt, der wissende, erbleichte Mond.

Sie war so schläfrig gewesen. Warum war sie so schnell erwacht? des kühlen Luftzuges wegen, den sie spürte? O nein! -- ihre Wangen, ihre Hände fieberten. Welch holder Dämon war an ihr Lager hingetreten und hatte ein Bild entfacht, entschwundene Hoffnung wieder zu beseelen? Ein Bild: weiter nichts. Aber Mariclée war etwas von einer Sibylle; und es konnte nicht anders sein, als daß die Gabe zu träumen in ihr erstarken durfte und jener »leere Raum«, den es nicht gibt, in ihr entstand, der allein sich eignet, den Reflex des Künftigen und jene vorausgeworfenen Schatten aufzunehmen, welche als die sicheren Herolde den Dingen vorauseilen, die noch nicht geschehen und schon unentrinnbar sind. Aber das Bild? -- -- Das Bild war einfach ein Riesenleuchter gewesen, aus welchem unvermittelt, ohne daß eine Kerze darin stak, eine Flamme aufschlug, warm, grell und ohne Rauch. Diese Feuergarbe aber war es, deren beglückender Hauch Mariclées kummervolles Herz zum Stocken brachte, daß sie leise aufgeschreckt den Atem anhielt und erwachte.

Aber sie überdachte nichts, denn der Schlaf hielt sie jetzt im Banne. Das Grün, Braun und Grau war noch ein und dieselbe nächtliche Wand: unsichtbar fiel der hohe Brunnenstrahl hernieder, und Baum und Hügel hoben sich von der dunklen Luft nicht ab. Nur die Umrisse der Putten und der Statuen des Gartens fingen schon an, sachte um ihr Dasein zu ringen, wie das Weiß der Wände in Mariclées luftigem Zimmer, das weiße Kleid, das vom Stuhle hing und ihr weißes Bett. Und plötzlich, wie bei einer Puppe, die, aufgerichtet, ihre Lider zurückschlägt, standen wieder ihre Augen auf einen inneren geheimnisvollen Ruck hin offen. Sie sah ihre Hand, die mit geisterhafter Blässe von der weißen Decke herabhing. Sie war kalt von der Luft, aber es hatte noch eine andere Bewandtnis mit ihr. Welches Band? welche Erinnerung? Und dann? was weiter? . . . . . aber sie brauchte nicht lange zu suchen. Soeben hatte sie Rosen in Menge gehalten, diese Hand, die jetzt so leer herabhing, und sich nach Rosenstöcken ausgestreckt und nach Rosen gegriffen, die sich nicht wehrten, sondern deren lange Stiele ihr gleichsam in die Finger folgten, daß diese sie schon gepflückt hielten, bevor sie sie noch brachen. Es waren langstielige, halb erschlossene, heftige Rosen, wie die, welche Mariclée vor zwei Tagen in einem Londoner Schaufenster bewundert hatte. Mit der Linken hielt sie einen großen Busch solcher Rosen an ihr Herz, während die Rechte, die jetzt so leer von der Decke herabhing, immerzu nach neuen roten, dornenlosen Rosen griff und noch ganz erfüllt schien von ihrer Blätterfülle, ihrem Atem, ihrer duftenden Seele, so lebendig war das Bild, so _wesenhaft_ jene Rosen gewesen. Und jetzt durchlief ein Schauer Mariclées Adern. »Ich werde ihn sehen,« dachte sie, und schloß die Augen, wie um noch einmal zu dem entschwundenen Pfade zwischen den geträumten Rosenstöcken zurückzufinden. Draußen aber ballten sich jetzt die Schatten und schoben zusammen wie zum Streit und begannen den Rückzug. Die Wipfel spürten schon die Helle des nahenden Tages, der Steg unterschied sich vom Strauche, und die Wege kannten sich wieder aus.

Da zum dritten Male taten sich vor Mariclée die hörnenen Tore des Traumes, die uralten, mitleidig auf, sie einzulassen, und wiesen sie zu einem Flusse hin, der unter einem sonnigen Himmel seinen blau leuchtenden Strom in Eile dahintrieb. Sie aber ging bange und traurig am Ufer entlang, ohne den Grund ihrer Schwermut zu wissen. Dennoch ging sie leichten Fußes ihren schönen Pfad. Weiße Wolken überzogen die Sonne und tönten das Licht zu jener seelenvollen, süßen, herben, holden Fülle ab, mit der nur ein österreichischer oder deutscher Himmel Wege, Wälder, eine Tanne, einen Felsen überhängt. Und immerzu steigerte sich das magische Leben der Landschaft. Mit einem Male verengte sich der grünende Pfad, ein Strauch fing sich an ihr Kleid und hielt sie zurück. Sie wandte sich, um ihn loszumachen, da hingen an den Spitzen der nackten braunen Hecke kleine goldgelbe Strahlenblumen von einem so balsamischen Duft, daß sie leise erschreckend den Atem anhielt und erwachte.

Zugleich aber fielen jetzt die Fesseln des Schlafes von ihr; sie fuhr empor und stürzte ans Fenster und grüßte mit weiten Augen den silbernen Himmel, das Herz von Hoffnung so geschwellt, daß es hinaustrieb mitten in ein _glückliches Meer_. --

Es war einer jener strahlend schönen Tage, wie sie der September mitunter zur Nachfeier des Sommers noch aufbringt. Während die Gäste, um Golf zu spielen, sich ziemlich nach allen Richtungen entfernten, nahm Mariclée den Augenblick wahr, schlich sich davon und zog die leere, sonnenbeschienene Landstraße hinab, um mit ihren drei Träumen allein zu sein; denn sie hallten noch so mächtig in ihr nach, daß sie in ihnen wie in einer Wolke einherging. Die warme, rauchlose Flamme, die aus dem Leuchter schlug, wellte in ihr empor, und sie dachte an die Rosen, den Fluß und die braune Hecke mit den kleinen, balsamisch duftenden Blüten. Im Sarntal hatte es einmal ein Fluß so eilig gehabt, sie erinnerte sich wohl. Und weißes Geball hatte sich immerzu vor die Sonne gestellt und mit ihrem Lichte gespielt.

Wie man sich manchmal an einem Wochentage mit der Empfindung trägt, daß es Sonntag sei, so war ihr an diesem Septembermorgen immer, als sei es März; Ende März, in der Gegend von Meran. Dort sprossen solche gelben Strahlenblüten an den Spitzen der Hecken; und Mariclée hielt inne vor einem Strauch, den eine laute Biene umsummte; ihr war, als müßten sie hier hervorbrechen, goldgelb, balsamisch und mit derselben Plötzlichkeit wie in der vergangenen Nacht. Aber der Strauch war welk, seine Blätter still und müde und bereit zu fallen; -- es war ein Mißton mitten in ihrer Stimmung voll seltsamer Weihe, als sie sich darauf besann. »O Gott!« dachte sie erschrocken, »wie bin ich von der Wirklichkeit verlassen!« -- Aber dann fand sie oder besser _verlor_ sich wieder. Die Sonne, vor welcher die Hirngespinste der Nacht bis in den fernsten Winkel des Gedächtnisses spurlos zu verwehen und verblassen pflegen, schlug die ihrigen nicht in Flucht. Vielmehr traten sie jetzt mit der Schärfe und Deutlichkeit des Schattenrisses hervor.

Wie sie da im mittäglichen Schein einsam ihres Weges zog, dachte sie glücklichen Herzens an ein Wiedersehen, und es war für sie ausgemacht, daß es nahe bevorstand. Nichts beirrte sie in dem Glauben. Es machte sie nicht stutzig, daß sie es in ihrer gegenwärtigen Verfassung so schlecht ertrug, mit Menschen zusammen zu sein und ihre Stimmen zu hören oder mit ihnen zu sprechen. -- Als sie jetzt eine Gruppe, die ihr vom Schlosse zu sein schien, von ferne auftauchen sah, machte sie eilig kehrt, bevor sie von ihr erblickt werden konnte.

»Wem laufen Sie denn davon?« rief ihr da eine lachende Stimme zu. Und das Liebespaar der Fontäne, das unbemerkt hinter ihr hergegangen war, vertrat ihr den Weg. Die Dame trug jetzt ein luftiges Strandkleid, und er, mit weißen Schuhen und einem lichtgrauen Hut, hatte sich ihr nicht minder hochsommerlich angepaßt.

»Ich wollte es nur mit jenem Wäldchen versuchen,« erklärte Mariclée, »es wird wirklich zu heiß auf der Straße.« Und sie deutete auf einen schattigen Weg, der dem Parke zuzulaufen schien und den beiden im Rücken lag; denn sie dachte nicht anders, als daß es ihnen auch nur willkommen wäre, allein weiter zu gehen; die aber nahmen sie sofort, wie auf Verabredung, in ihre Mitte. (Es machte sich doch viel besser, zu dritt wieder aufzutauchen!)

»Nein! uns entwischen Sie nicht!« rief die Dame im Strandkleid. Und jetzt regnete es auf Mariclée neugierige Fragen ein, die sich natürlich alle auf die Deutschen und Deutschland bezogen. Da zäumte sie ihr stets gewilltes Paradepferd und predigte über ihren im ganzen Lande mit Zischen aufgenommenen Text, auf dem sie immer beharrte: Die Liebe der Deutschen für England. Auf die Wahrheit dieses Textes kam es ihr auch gar nicht an, sondern auf die für sie unumstößliche Tatsache, daß unsere nationalen Eigentümlichkeiten sich zu sehr zugespitzt hatten, um eine weitere Steigerung zuzulassen. So konnte man vor allen Dingen nicht mehr französischer, nicht mehr englischer werden . . . . . . Mariclée suchte die Zukunft Europas nicht auf dem Wasser, sondern im Blut. War es denkbar, daß in einem täglich kleiner werdenden Erdteil stammverwandte Völker, deren so geteilte Qualitäten der endlichen Kreuzung dringend bedurften, allen Ernstes daran dachten, sich zu bekriegen?

Es war jedoch, als trieben die Beiden ein neues Spiel mit ihrer Leidenschaft, indem sie als Variante ihres gegenseitigen Interesses ein gemeinsames vom Zaune brachen. Mariclée war zu dünn besaitet, um es nicht herauszufühlen; sie kam sich zwischen den Beiden vor wie der Block unter dem Schaukelbrett und mit einem Male ließ sie los, hörte auf, den unbewegten Mittelpunkt zu bilden, störte das Gleichgewicht und unterbrach das Spiel. Plötzlich aufblickend, ergriff sie den Arm der Dame, hing sich ein und sagte nichts mehr. Sie fühlte sich heimisch zwischen diesen Beiden und es lag nun einmal nicht in ihr zu moralisieren. Den Nächsten auf seine Moralität hin zu prüfen war ein Unterfangen, für das ihr Talent und Interesse gleicherweise fehlten. Die Moralität des anderen war alles, nur kein Standpunkt. Wie seine Lunge, sein Pulsschlag oder seine Post, war sie nur für ihn selbst unendlich wichtig und existierte nur für ihn. Sein Glück aber, das Glück, wo immer sie es gewahrte, das existierte auch für sie, mit dem hielt sie Gemeinschaft, und das steckte sie an. Denn das Glück, während es währte, hatte geradezu etwas, das der Zeit zu gebieten schien und sie irgendwie gänzlich überbot, so daß ihr Herz sich daran fangen konnte und seinen Rhythmen hingab.

* * * * *

Auf der Schattenseite des Hauses warteten indes ein paar Gäste, in tiefen Korbstühlen vergraben, auf die Rückkehr der anderen und sahen lächelnd das seltsame Trio einherziehen.

»Cornelia und mein Vetter, die schon wieder von dem deutschen Mädchen nach Hause gebracht werden,« bemerkte eine Dame. »Es ist doch zu spaßhaft für Worte!«

»Sie hat eben eine Mission,« sagte ein Herr; »verirrte Schafe zu suchen und heimzutragen; das ist doch sehr schön.«

»Arme Cornelia!« lachte eine Dritte. »Warum stieß sie das Fräulein nicht in den Bach?«

Mariclée übersah von weitem die Situation.

»Ich wurde gefunden und in die Mitte genommen,« verkündete sie.

»Sie rissen mir aus,« sagte jetzt ihr gestriger Partner verbindlich, doch ohne sich um sie zu bemühen.

»Nein, Sie ließen mich im Stich,« gab sie lächelnd zurück. Sie wußte ganz gut, daß sie es mit ihm verdorben hatte.

Dreiundzwanzigstes Kapitel

Auf dem Marmortisch in Grosvenorstreet lagen am Montag morgen eine Anzahl Briefe und Zeitungen. Aber die alte Klara hätte ebensogut sagen können: »No letters, Madam«, denn das Exemplar hatte kein Zeichen gegeben.

Mariclée suchte sich weiszumachen, daß ihr Mut deshalb nicht gesunken sei. Und nur noch wenige Tage, dann würde es sich ja zeigen; -- dann war der Dreißigste. -- So lange und keine Stunde länger würde sie sich gedulden.

Zum luncheon hatten sie zwei Dollarprinzessinnen eingeladen. -- Ach nein. Dafür dankte sie. Sie wollte ein paar Zeilen schreiben und sie dann hinüberschicken. Das war zunächst ihre Beschäftigung. Und dann? Ja, was wollte sie dann tun? Daran hatte sie nicht gedacht. Sie hatte nicht weiter als an den Marmortisch gedacht und an den Brief, den sie darauf zu finden hoffte und der nicht gekommen war. Ja, wohin sollte sie nun fliehen vor der Ungewißheit, die sie verfolgte? Wie weit würden sie ihre Füße tragen in den Wüstensand der Verlassenheit, dem sie sich anheimstellte?

War es nicht wieder ein Palliativ, sich den kreischenden Stimmen der Multi-Millionärinnen auszusetzen, statt dem höhnisch grellen Widerhall der Wirklichkeit, der anfing, gegen ihre drei Träume so mächtig zu detonieren? Darauf durfte sie jetzt nicht hören. Nein! Sparsam mußte sie jetzt mit ihren Kräften umgehen. Schon schmerzte sie das Tageslicht, schon wandelte sich ihr Herz wie zu einem heißen Stein; das alte Fieber brach von neuem aus; und Asche, Asche mußte sie nun unermüdlich auf ihre Sorge, ihre Zweifel, ihre brennenden Gedanken schütten.

Sie zog sich um und eilte etwas verspätet ins Ritzhotel, in dem die zwei Dollarprinzessinnen wohnten. Die eine war die Tochter eines immens reichen amerikanischen Schlächters, und um ihre soziale Stellung hätte sie manche bayrische Standesherrin beneiden können. Die zwei Damen warteten schon in der Halle, in Gesellschaft eines englischen Offiziers und eines Herrn aus dem Gefolge des Königs, beide sympathisch, unwissend und schön. Indes, -- ob geistvoll, ob borniert, im Ritz spielte das keine Rolle, alles war fürs Auge. Die Sinne waren eingelullt wie von Musik angesichts der Leute, die wie heimlich beleuchtete Schatten hier vorüberzogen. Diese Frauensilhouetten so stilisiert, so künstlich, daß tief hineingesetzte, gewagte, ja selbst häßliche Hüte auf diesen einzig auf den Effekt hergerichteten Köpfen einen erhöhten, fast ein wenig perversen Charme gewannen, und das Hohe, das Erhabene, das in seiner edlen Glätte Erhebende war hier der _Boden_ des Lebens; vom deutschen Gedankenhimmel war man hier fern genug, und auf ihn verzichtete man. Auch Mariclée war es da auf ein Weilchen immer, als ob sie ihn nicht vermißte.

So verlief denn ihr Essen recht beschaulich, und sie zog dann noch mit in das Atelier eines jener Modemaler, schlecht und recht, wie es deren zu allen Zeiten und in allen Ländern gibt, um ein Kinderporträt, das eben Furore machte, anzusehen. Es stellte ein kleines Mädchen dar und war ein richtiges Salonstück, hübsch, gefällig und wertlos.

»Ist sie reich?« flüsterte einer der Herren.

»Aber sehen Sie doch ihre Haarschleife an!« erwiderte Mariclée, »nur die Bandenden einer Millionärin halten sich so steil aufrecht.« --

»Dann will ich auf sie warten,« erklärte er.

Die Dollarprinzessinnen hatten sich indes in ein Gespräch vertieft, über das alles andere vergessen war. Die eine hatte nämlich in Bondstreet einen wundervollen Schlafrock entdeckt; und die andere wollte ihn auch. Der Preis war für die eine der Prinzessinnen (deren Vater _kein_ Schlächter war) denn doch zu hoch, und so einigten sie sich als gute Freundinnen, daß die eine ihn kaufen wollte, die andere ihn kopieren dürfte. Um wie viel billiger als das Original die Kopie sich belaufen würde, rechneten sie nun auf Schilling und Pence mit einer Präzision und einem Eifer aus, der Mariclée überraschte und verdroß. Sie war noch immer so naiv, bei reichen Leuten eine ihrem Vermögen entsprechende Distanz ihres Zahlensinnes vorauszusetzen, ja diese Distanz recht eigentlich als ihr vornehmstes und beneidenswertes Privilegium anzuerkennen. Sie war deshalb starr über eine so kleinkrämerhafte Genauigkeit und plötzlich von einem solchen Überdruß und Ekel vor diesen gesättigten und tellerflachen Existenzen überkommen, einer Scham, in dieser profanen Bilderwerkstatt mit diesen Müßiggängern herumzustehen, daß sie das Zusammensein mit ihnen nicht mehr ertrug und ihnen ganz abrupt unter irgendeinem Vorwand ausriß.

Es war noch früh am Nachmittag. Wohin wollte sie nun? und was war stark genug, ihr eine Ablenkung zu schaffen? Zu Hause konnte sie nicht bleiben, sie mußte ihren Gedanken aus dem Weg. Wie sie da ihre Treppe emporstieg und ihr Spiegelbild ihr entgegentrat, wußte sie's; heute oder nie würde sie die Fahrt nach Whitechapel unternehmen. Oft schon hatte sie sich ein Herz zu diesem Gange fassen wollen und es immer wieder aufgeschoben. Sie lief auf ihr Zimmer, warf sich rasch in einen dunklen, kurzen Rock und einen Mantel, nahm einen Stock und stürmte wieder davon. Mariclées sich Umziehen war sehr leicht ein sich Verkleiden; wer sie vorhin im Ritz gesehen, hätte sie kaum wiedererkannt in dem weltfremden Wesen, das mit großen, entschlossenen Schritten wie ein Seminarist einherging. Sie bestieg das Dach eines Omnibusses, fuhr erst Piccadilly und die schönen Stadtteile entlang, dann in die City und hinein in eine immer gedrängtere, einzig vom Trafik überfüllte, drückende Welt. Sie wogte, grau in grau, in den sich häufenden Gassen, wie eine im engen Bett hochtreibende Flut.

Auf einem düsteren Platze machte der Omnibus kehrt, und Mariclée mußte umsteigen. Während sie auf einen anderen wartete, verfinsterte sich der Himmel, und es fing an zu regnen. Ein Gefühl unendlicher Verlassenheit senkte sich wie ein Nebel auf sie herab. Ein Überdruß hatte sie hierher getrieben. Aber welchen Becher hielt sie sich jetzo hin? Und alle Warnungen ihrer Freunde, ja nicht allein eine solche Gegend aufzusuchen, fielen ihr nunmehr aufs Herz. Aber die Dinge waren nun einmal da, damit man seine Schlüsse daraus zöge, und was für einen Sinn hätte das hier umzukehren? Suchte sie nicht Kontraste, mußte sie nicht eine Ablenkung haben? -- Als ein hoher Wagen einherpolterte, stieg sie rasch ein, aber schon dachte sie an ihr Haus in Grosvenorstreet, wo die alte Klara für sie sorgte und sie hegte, wie an den Olymp. Es stiegen jetzt seltsame, äußerst schmutzige Leute ein, polnische Juden, schwatzende Frauen mit großen Ohrringen, ohne Hut, nicht frisiert und schmierig. Und auch die Bevölkerung schien eine ganz andere, viel dunklere geworden. Die Straße, auf die sie jetzt hinaussah, dünkte ihr der richtige Übergang zu dem Orte, zu dem sie fuhr. Sie war sehr breit, mit niederen trostlosen Häusern. Zwei Hansoms, obwohl schon alt und abgedankt, nahmen sich wie degradiert hier aus; und überall mündeten von dieser Straße aus, schwarzen Schlünden gleich, finstere Gäßchen, eng wie zwischen den Lagunen. Jetzt mußte bald die Brücke kommen, denn sie hatte sich eingebildet, Whitechapel läge von der übrigen Welt durch eine Brücke getrennt. Aber da hielt der Wagen, und da stand schon »Whitechapel«, der berüchtigte Name, in grellen Lettern an allen Ecken zu lesen. Es hatte nichts Schreckliches, es war nur schrecklich durch seine Öde; alles Heitere, alles Behagliche verwiesen. Die Häuser zogen sich in schmählicher Gleichförmigkeit wie Reihen von Sträflingen hin. Warum dieser unwürdige Stempel einer ganzen Stadt aufgedrückt? wie ehrlos war eine solche Unfreudigkeit! Welchen Sinn hatte das? Sie blickte umher, unschlüssig, wohin sie sich wenden sollte, und ging dann eine der finsteren Gassen hinab. Doch bevor sie noch ein Dutzend Häuser entlang gegangen war, hielt sie inne; auch ohne die Warnungen ihrer Freunde hätte sie hier gezögert und wäre umgekehrt. Das Herz schlug ihr im Halse; sie erkannte ihre Unvorsichtigkeit. Selbst von Schutzmännern schienen diese höllischen Gassen gemieden. Ein Stoß, und man verschwand auf immer in einem dieser schwarzen, hohläugigen Eingänge. Ein Weib mit einem großen Bündel im Arm hatte sie schon erspäht und trat aus einem Winkel hervor. Wie vor einem Abgrund trat sie jetzt zurück; es saßen ihr mit einem Male tausend Augen im Kopfe, und sie merkte die Gefahr. Sie lief nicht, ihre Füße waren wie Blei, sondern mit angestrengten Schritten und nur einen einzigen Gedanken im Kopf steuerte sie wieder dem Rande der breiten Straße zu, hielt sich an deren Ecke wie an einem Geländer fest und sah dann, denn hier glaubte sie sich geborgen, wieder hinab. Zwei Männer schlappten einher, so ganz in ihr elendiges Gespräch vertieft, daß sie nicht aufblickten und Mariclée sie ungestört betrachten konnte. Der eine horchte gespannt, der andere gestikulierte, unsäglich geschäftig, in einem Anzug, der viel zu lang an den Beinen, viel zu kurz an den Ärmeln war, und die Gliedmaßen der beiden, ihre Schritte, die Art, wie sie ihre Daumen, ihre Finger, ihre Lippen bewegten, wie sie lachten, ihre tierisch scharfen und zugleich verblödeten Augen, alles war infam. Mußte man nicht an einen Riß in der Gattung glauben, der solche Menschen vom Menschen schied? Indes war das Weib mit dem großen Bündel im Arm auf Mariclée zugekommen und bettelte sie an. Sie gab ihm schnell einen Penny und rückte weiter weg; allein es hielt sich an ihrer Seite. Da warf Mariclée einen Blick auf das Bündel, aus dem ein sechs bis acht Monate altes Kind zufrieden hervorsah. Dieser Anblick aber war es, vor dem sie alsbald die Flucht ergriff und wie in sinnloser Angst einem Omnibus zulief, der gerade einherfuhr. An jenen beiden Männern war etwas grotesk Harmloses im Vergleich, und lieber hätte sie noch einen ganzen Troß solch niedriger Subjekte einhergehen, wie dieses Kind einhertragen sehen. Allein das Weib mit seiner Teufelsbrut folgte ihr schnell auf den Fersen, löste mit ihrem Penny eine Fahrkarte und setzte sich neben sie, als gehörten sie zusammen. Voll Ekel zog Mariclée ihren Rock straffer um ihre Knie, aber dann fielen ihre Blicke wieder auf das entsetzliche Kind, dessen kaum ans Licht gebrachte Züge auch nicht einen Hauch von Unschuld umwehte, das sich vielmehr mit jedem Atemzuge an eine Welt der Verruchtheit und der Verbrechen festzusaugen schien. Diese rüsselhafte Nase, dieses bestialische Kinn behaupteten sich schon mit einer wüsten Sicherheit, als schmiede es ein viel festerer Ring als andere kleine Lebewesen an die Kette der Erscheinungen.