Part 10
Es zog sie wieder ins Haus, um noch einmal durch die Höfe und Gänge und Säle von Magdalen College zu streunen. Hie und da lagen Bücher und Hefte, sonst war alles leer. Als sie zu einer Pforte gelangte, über der zu lesen war, daß fremde Besucher hier umzukehren hatten, reizte es sie natürlich hineinzugehen. Denn Mariclée hielt sich stets für befugt, wenn es irgend anging, solche Inschriften zu mißachten. Der Eingang war nur verboten, aber nicht verschlossen; sie drang nun in Gänge vor, in welchen sich die Studentenzellen aneinanderreihten, und in ein Winkelwerk von kleinen Treppen, Erkern und Stufen und stand plötzlich vor einer Türe, die halb offen stand und den Blick in ein reizvolles und lauschiges Zimmer gewährte. Sie sah einen Kamin, in dem hohe Flammen loderten, eine Teekanne, einen seidenen Flaus, ein vergittertes Fenster mit einem Rosenstock, das auf die Säulengänge des Klosterhofes hinausging, viele Bücher und die Lehne eines tiefen Sessels, in dem ein Jüngling weit zurücksaß, lesend, oder rauchend, oder sinnend, sie wußte es nicht, denn sie sah nur einen braunen Scheitel und eine weiße Stirn. Das andere verdeckte die Tür. Aber die Stimmung dieses Raumes, die roten, von der Sonne beschienenen Rosen am vergitterten klösterlichen Fenster, der Jüngling und das Bild seines Lebens an dieser privilegierten und weihevollen Stätte, bannten da Mariclées ewig schweifenden Geist in sehnsuchtsvolle Träumerei. Denn hier war etwas, was sie an der Wurzel packte, so daß sie sich auf ein Weilchen der Last und Zweifel, die ihr Herz täglich schwerer drückten, nicht mehr entsann. Denn der Grund, warum sie so abseits und so vereinzelt im Leben dastand, lag ja nur darin, daß gewisse Saiten, die bei anderen nur sporadisch oder nur leise anklingen, der eigentliche _Grundton_ ihres Wesens waren. Denn die Abnormität ihres ganzen Gefühlslebens beruhte ja nur darin, daß sie bei einem Dinge oder einem Menschen, der sie zur Leidenschaft hinriß, viel weniger dachte: »O gehörte er mir!« oder: »O wäre ich sein« als »O wäre ich _er_«. Ihre Identität war so locker geschraubt und, wo sich ein Anlaß bot, stets so bereit in die Brüche zu gehen, daß sich gewisse Lücken im Register ihrer Begriffe ergaben und sie nicht recht verstand, was wir mit unserem so begreiflichen Wunsch nach der Kontinuität unseres Bewußtseins sagen wollen, weil ihr nichts so willkommen war, als von diesem Bewußtsein abzusehen, ja sie nie so sehr _sie selbst_ war, als wenn sie auf ein Objekt stieß, mit dem sie ihre Identifikationen feierte. Dies war ihr Ideal der Vereinigung. Und darum stand sie jetzt wie ein weiblicher Faust an der Schwelle dieses Jünglings eine Weile still und konnte sich nicht von ihr trennen und empfand sein Leben und Sein und seine männliche Jugend als etwas so Holdes und Begehrenswertes, daß eine namenlose Sehnsucht sie an seine Nähe ketteten.
»Wer da?« rief er plötzlich und sprang auf. Da erschrak Mariclée, als wäre sie eine Nachtwandlerin, die im Mondschein auf einer Dachzinne lustwandelt, und bevor er Zeit hatte die Türe zu erreichen, rannte sie wie der Wind die verbotenen Gänge entlang, floh, ohne sich umzusehen, die Treppen und Erker hinab, stob wie der Wind ins Freie und auf die Straße hinaus dem nächsten Wagen zu, der sie geradewegs zur Bahn und ihrem Zuge zurücktrug.
Als sie gegen Abend die Glocke ihres geliehenen Palastes zog, eilte ihr die alte Klara aus ihrem verborgenen Revier entgegen. Sie hatte längst bemerkt, daß Mariclées erster Blick stets auf den Marmortisch gerichtet war, der in der Halle stand und auf dem die tagsüber eingelaufenen Briefe lagen. »No letter, Madam,« berichtete sie.
* * * * *
Wir wollen während der drei folgenden Wochen nur flüchtig bei Mariclée verweilen. Sie ist dem Leser in ihrer geringen Stetigkeit so wohl vertraut, daß er sich ohne Mühe vorstellen wird, wie sie ihre Londoner Zeit verbrachte. Immer seltener war sie vor dem Flügel des weißverhängten Saales anzutreffen, vielmehr suchte sie sich selber auszureißen und es litt sie immer weniger im Hause. Zum Glück hatte der Botschaftsrat seinen ersehnten Urlaub noch immer nicht erhalten, denn die Gespräche mit ihm waren ihr ein rechter Trost, und sie faßte dann ihre Eindrücke in langen Monologen zusammen. Trotz Oxford hatte sie sich für die englische Gotik nicht erwärmen können, zudem sie sich dort an einem übel restaurierten Turm stieß, der in ihrer Erinnerung das Bild des Städtchens beherrschte. Wenn sie an Oxford dachte, sah sie mit der ihr eigenen Parteilichkeit in erster Linie jenen Turm.
Die Angst mit ihrem Gelde nicht auszureichen hielt sie von weiteren Ausflügen ab. Durch einen Abgeordneten war sie jedoch glücklich ins Parlament eingedrungen und glaubte dort den wahren Grund gefunden zu haben, warum England keine Musik besaß. Seine Sprache war zu moduliert, zu reich an Intonationen; schön gesprochen war sie die herrlichste der Welt; sie schloß die Musik aus, wie jene Gedichte, die sich nicht komponieren lassen, weil sie an sich zu klangvoll sind. Diese Wahrnehmung hatte sie bezeichnenderweise im Parlament und nicht im Theater gemacht; das Pathos ist in der Tat keiner Sprache so gefährlich wie der englischen. Sie kam enttäuscht von einem »König Lear« zurück, den man in Deutschland viel stilvoller gab, ohne in den Zwischenakten neueste Operettennummern herunterzududeln. Was sie sonst an neueren Stücken sah, war alles von Übel. Hatte sie mit den Londoner Theatern kein Glück, oder war die geistige Nahrung wirklich so bescheiden angesetzt? Sie mußte unwillkürlich wieder an die drei Kuchensorten der tearooms denken. Hier wie dort dieselbe Genügsamkeit. Doch vom _Wesen_ dieses Volkes blieb sie nach wie vor entzückt. »Ich habe eine Entdeckung gemacht!« verkündete sie dem Botschaftsrat, »aber diesmal eine wirkliche! Wissen Sie, was die Engländer vor allen Dingen sind? was sie weit mehr sind als wir Deutsche, von den Franzosen nicht zu reden?«
»Nun was sind sie denn?«
»Sie sind im hohen Grade sentimental.«
»Ja, das ist sehr wahr,« sagte er.
Aber eine Woche später konnte man diese Entdeckung in allen Morgenblättern lesen, die Aufregung der Engländer war sogar nicht gering, ja sie standen förmlich auf dem Kopf deswegen, und sie war die Sensation des Tages. Nur hatte Herr Delcassé das Patent darauf, denn er war es, der sie in einer öffentlichen Rede über England den erstaunten Franzosen zur Kenntnis brachte. Mariclées Entrüstung war komisch anzusehen. »Sie sind mein Zeuge!« rief sie an jenem Abend ihrem Jugendfreunde zu und warf das Blatt erbittert hin, »wer hat das zuerst gesagt? aber ich darf die gescheitesten Lichter aufstecken. Sie fallen alle kopfüber unter den Scheffel.«
Es war ihre letzte Zusammenkunft, denn er hatte den ersehnten Urlaub endlich in der Tasche. Mariclée war es jetzt auch recht, daß er von der Bildfläche verschwand, denn die dritte Woche war nicht mehr fern. Bei diesem Gedanken überlief sie ein so tiefer Schauer, daß sie schnell von Krieg und Frieden sprach und das Gespräch gewaltsam auf die Ereignisse des Tages lenkte.
Zwanzigstes Kapitel
Die zweite Woche neigte ihrem Ende zu, als sie in der Zeitung las, die Ärzte hätten das Exemplar an die südlichste Küste Englands geschickt, um sich dort von einem neuerlichen und besorgniserregenden Rückfall zu erholen. Da warf sie das Blatt hin und schrieb ihm schnell entschlossen: sie würde noch drei Tage zugeben, aber länger könnte sie ihre Abreise nicht hinausschieben, und sie setzte Tag und Datum ihrer Abreise fest. Auf seine Gesundheit ging sie mit keinem Worte ein. Er konnte das ja nicht leiden.
Dann schrieb sie an ihre Freundin, daß sie statt am 27. September gerne erst am Morgen des 30. führe, um mit Freunden in Paris zusammenzutreffen, die sich nicht früher dort einfinden konnten. Man schrieb jetzt den 20., warum sie gerade den 30, genannt hatte, wußte sie nicht. Es geschah ganz blindlings -- hauptsächlich, um einen Schluß zu machen.
Denn sie fühlte, daß sie es nicht viel länger ertrug so ins Ungewisse hinein auf ihn zu warten. Ihre Kräfte hielten nicht mehr stand, gerade weil sie so gewaltsam mit ihnen verfuhr, sich immerwährend zwang bald für dieses, bald für jenes mit Feuereifer Partei zu nehmen und an alles zu denken, nur nie an das, was sie ganz erfüllte und Ziel und Zweck ihres Hierseins war. Dieser stets unterdrückte Gedanke war jetzt wie zu einem Fieberherde geworden, der immer stärkere Schauer in ihre Adern aussandte und sich nicht länger ausschalten ließ.
Mariclée verließ das Haus, um ihre zwei Briefe sofort in den Kasten zu werfen und bog dann, wie gewohnheitsmäßig, in Piccadilly ein. Es war Mittag, und der Tag lag vor ihr leer wie eine Wüste. Die kleine Zeitungsnotiz in ihrer kahlen Trostlosigkeit schwebte vor ihren Augen, nichts anderes klang in ihren Ohren. Aber was war da zu sagen? Er verschmähte es von jeher über Dinge, die unerbittlich waren, eine Silbe zu verlieren. Es war seine hochmütige Art sich mit ihnen auseinander zu setzen. So hatte er auch nie Abschied von ihr genommen, wenn sie auseinandergingen, als sei er der grauenvollen Unsicherheit des Lebens, die nur ein höhnisches Achselzucken verdiente, stets eingedenk. So gab er jetzt wohl das Spiel verloren, ohne ein Wort. Er hatte ganz recht. Sie blieb stehen und starrte in einen Laden. Was für schöne Blumen! dachte sie. Azaleen, mächtige Büsche langstieliger, kaum erschlossener roter Rosen, wie schön, wie lebendig! Warum sterben wir? -- Und plötzlich entschloß sie sich da nach Hampstead zu fahren. Die guten Leute, die sie dort einmal so freundlich aufgenommen und erfahren hatten, daß sie wieder in London sei, waren wiederholt gekommen, um sie aufzufordern, sie hatte immer zugesagt und war nie hingegangen. Sie konnte London nicht verlassen, ohne sie aufzusuchen. Und sie nahm den undground, kam aber schon bei der nächsten Station wieder ans Licht. Nein! sie konnte keine Menschen sehen, mit denen sie sprechen mußte. Würde sie denn eine Stimme haben? Sie fühlte, wie unsicher sie in ihrem zugeschnürten Halse saß, und den Flor, der wie Nebelstreifen immer wieder über ihre Augen zog. Dem Botschaftsrat, der sie für den Abend erwartete, hatte sie schon abgesagt. Was kümmerte sie der? Von der Welt, in der sie wandelte, zur seinigen führte kein Steg, keine Brücke mehr. Ein Sturm hatte alles mit fortgerissen und alle mühseligen Dämme durchbrochen! Denn nicht für einen Augenblick konnte sie mehr vergessen. --
»Vielleicht stirbt er,« sagte sie ganz laut und riß die Augen auf. Sie winkte einem Hansom. Der Kutscher schüttelte den Kopf. Da stieg sie rasch in einen Omnibus. Er war voller Leute. Ja, hier wollte sie bleiben. Sie wollte Menschen um sich haben, viele fremde Menschen, mit denen sie nicht zu reden brauchte, zu ihnen hinrücken, wie eine Frierende an den Feuerstoß. Waren sie nicht tausendmal besser als ihr erbärmliches Los?
Zwar fand sich dieser düstere Ideengang in den munteren Mienen zweier Dämchen, die ihr gegenüber saßen, nicht eben bestätigt. Die eine sah jetzt zum Fenster hinaus, stieß die andere und machte sie auf irgendeine Straßenerscheinung aufmerksam, worauf sie sich beide zugleich gegenseitig anstießen, indem sie hocherfreut verständnisinnige Blicke wechselten. Und mit einem Male kehrte sich die ganze Reihe der Wageninsassen derselben Richtung zu und die übrigen reckten die Hälse, um zu sehen, was es gab.
Mechanisch folgte Mariclée diesen neugierigen Blicken und sah einen Schimmel, der in einem großen Karren stehend, von zwei Pferden gezogen, herannahte. Also das war die Sensation. Es mußten schon recht leere Köpfe sein, die hier zusammensteckten, daß ein so nichtssagender Anblick sie alle so erfüllte. Besonders die beiden Dämchen sahen ganz enthusiasmiert hinaus, als könnten sie sich an diesem dumm und geduldig dreinschauenden Pferd gar nicht genug sehen. Aber nun erinnerte sich Mariclée, daß es in England als ein großes Glückszeichen galt, einem solch einhergezogenen statt einherziehenden Schimmel zu begegnen. Daher die Stimmung, die im Wagen entstanden war. Konnte man sich etwas dümmeres denken? Da mit einem Male gedachte sie der Briefe, die sie vorhin in den Schalter geworfen hatte und die wohl jetzt, vielleicht in eben diesem Augenblicke, ausgehoben wurden. Und der Gedanke durchzuckte sie: wie, wenn er doch käme? . . Sie war also auch nicht besser.
Einundzwanzigstes Kapitel
Tags darauf traf ein sehr herzlich gehaltenes Telegramm ihrer Freundin ein. Vom Exemplar nichts. Da ließ sich Mariclée von einem jungen Ehepaar auf ein paar Tage nach Haslemere entführen und machte die Freitag auf Montag Mode mit. Sie war mit der übrigens sehr hübschen Frau von früher her sehr gut bekannt, eine jener Amerikanerinnen, vor deren triumphierender Mitgift die Türen der Londoner Salons sich wie magisch in ihren Angeln drehen. Mariclée war ganz zufällig auf der Straße mit ihr zusammengetroffen, und nun fuhr sie in Charles Street vor, duldete keine Absage, keinen Widerspruch und keine Bedenken, sondern half ihr eilig zusammenpacken, um sie gleich in ihrem Auto mitzunehmen. Dabei machte sie bestürmende Augen, wie ein Kind. Ihr Teint war sehr matt, und eine rote Locke, die sich unter ihrer seidenen Haube gelöst hatte, hing ihr ins Gesicht. Mariclée, die sehr oft nicht wußte, was sie selber wollte, ließ sich überrumpeln. Einesteils graute ihr wieder vor der Einsamkeit, eine Unterbrechung und eine andere Umgebung war ihr willkommen. Sie schärfte beim Abschied der alten Klara ein wohl auf ihre Briefe zu achten (sie ließ sich keinen nachsenden, aus Angst, er könnte verloren gehen), am Samstag gedachte sie sie unter irgendeinem Vorwand anzurufen, Sonntag kam sowieso keine Post, und am Montag früh würde sie ja zurückkehren.
So fuhr sie denn mit.
London lag bald hinter ihnen. Ein rauschender Wind wehte von der Hampsteader Heide herüber, und den fernen Tiefen entstiegen blaue und violette Wolkenbänke. Himmel und Erde schienen sich auf dieser Insel näher anzugehen als andernorts. Mariclée, in ihre Wagenecke gedrückt, machte sich die Bemerkungen über ihr müdes Aussehen wohl zu nutze, indem sie nichts sprach. So war sie allein. Die Straße, die sie fuhren, drang in einen starken Wald und als wieder das offene Land vor ihnen lag, war die Welt von der ersten Pracht der Dämmerung wie neu umhangen. Mariclée nahm sie losgelösten Sinnes und in ungestörter Einsamkeit, als wäre sie ein Flieger, in sich auf. Selbst wenn sie etwas sagte oder sagen hörte, drang es nicht bis zu ihr, so sehr hatte sich ihr Kontakt mit der Natur verstärkt. Es war, als tauschte sie Blicke mit den Dingen, die sie sah. Ein reiner Himmel überhing die Hürden, und gerade vor ihr, flimmerte da nicht die silberne Sichel des Neumonds zu ihrer Linken und traf sie wie ein unerwarteter Gruß? . . . .
In dem Hause ihrer stürmischen Freundin fand sie eine sehr lebensfrohe Gesellschaft vor und plauderte an diesem Abend mit Männern, die einhergingen und sich hielten wie Götter, und sich glichen wie Brüder. Es war seltsam, wie gut sich Mariclée mit solchen Leuten vertrug, und wie leicht sie selbst auf ein Weilchen die Nachdenklichkeit von sich zu bannen und dieselbe Geste anzunehmen wußte wie diese Menschen, die über alle Güter dieser Welt verfügten und von den Slums wußten, wie man von der Milchstraße weiß. Aber während sie sich selbst auf ihrer Bühne bewegte, merkte sie plötzlich, wie schmal sie war; und sie maß sie, so oft sie sie selber beschritt, mit einem halb überlegenen, halb abenteuerlichen Gefühl, weil sie über ihre Ein- und Ausgänge so wohl orientiert war und über die Pfade, die abseits von ihr führten, und in welcher Richtung eine gewisse Folterkammer der Sorgen lag, deren Schatten nicht bis zu dieser Bühne gelangten. Denn nicht einmal die Kulissen derselben durften diese Bevorzugten in der Regel betreten, sondern waren streng an die paar glänzenden Bretter gewiesen, um als ein Blendwerk für andere heraußen zu stehen. Sie erkannte auch, warum das Geld nun einmal alles andere war wie ein Lebenselixir, so daß sich im Verkehr mit den sehr reich Geborenen leicht eine gewisse Dürftigkeit ergab, indem ja ein ganzes Paradies bitterer und süßer, vornehmer und ergreifender, feiner, edler, komischer und kurzweiliger Dinge bei ihnen wegfiel, und man sie mit ihnen nicht besprach, weil sie nichts davon wissen und sie in ihrem gemütlichen wie in ihren gemütsvollen Nuancen nicht verstünden. Und Mariclée, die auf ihre Armut doch so erbittert war, wurde stets von einer stolzen Neidlosigkeit überkommen, wo sie sich mit Millionären zusammengeworfen sah, als sei es irgendwie vornehmer, ihnen nicht zuzugehören.
An diesem Abend tanzte, rauchte, lachte und flirtete sie, schwirrte mit federleichten Schritten über den Saal und brachte es zustande und es tat ihr wohl, sich in ein anderes Wesen hineinzuträumen und zu vergessen, wer sie war. Unter den Gästen befand sich eine junge Frau in einem fabelhaften blauen Atlaskleid, mit schwarzen Reflexen wie hineingemalt. Sie pflegte von Freitag auf Montag ihrem alternden Gatten auszureißen und hatte die an sich recht simple Methode ein Achselband, das sich nie verschob, zurechtzurücken und eine Locke, die sich niemals löste, aus der Stirn zu streichen. In absehbarer Zeit würde sie ja diese Geste verlernen müssen. Infolge der schönen Dinge aber, auf die sie deutete, war sie vorläufig noch berückend. Mariclée, die an ihr vorübertanzte, fing einen unvorsichtigen, verheißungsvollen, um Erfüllungen wissenden Blick auf, folgte im Fluge seiner Richtung und sah zwei andere Augen, die sich füllten wie das Herz einer Nelke, ein Hin und wieder, blitzartig schnell und nicht einzuholen.
»Solche Blicke zu werfen!« dachte die tanzende Mariclée. Warum hatte sie sich um diese Kunst betrügen lassen, sie, die niemand etwas schuldete? Der Wortlaut der Zeitungsnotiz brauste jetzt wieder in ihren Ohren. Was war da noch zu hoffen? -- Vielleicht trug man ihn die Treppen auf und nieder, wie vergangenes Jahr. Vielleicht hatte man ihm ihren Brief nicht nachgesandt, vielleicht war er zu krank ihn zu lesen.
Sie warf sich in einen Stuhl und ihr Partner setzte sich zu ihr. Er war ihr Tischherr gewesen und sein Äußeres hatte sie mehr frappiert als seine Worte. Wenn nur unsere deutschen Männer so aussähen! dachte sie. Welche Gestalt, welche Zeichnung. Er erzählte ihr jetzt vom Burenkrieg und daß er so viele Kameraden dort verlor. Und er haßte die Deutschen.
Mariclée schüttelte den Kopf. »Woher stammt unsere heutige Unrast, unser die ganze Welt umspannendes Heimweh?« seufzte sie. »Halbheit ist überall und rückständig sind wir alle. Auf die Dauer ist heute jeder Ort verschlagen und dem Gefühl entlegen.«
»Oh!« räumte er auf. »I dont find that at all.«
Mariclée lachte und sah ihm ins Gesicht.
Aber wo war die Dame in dem schweren Atlaskleid, das flammende Blau mit den schwarzen Reflexen fehlte im Bilde wie der starre Guß des Rockes, glatt wie Erz, der ihre edlen Maße besang.
Der Saal lag im Erdgeschoß, ein paar weit auslaufende, breite Marmorstufen führten direkt in den Park, das Wetter war so milde, daß die Flügeltüren offenstanden.
»Sie haben die berühmte Fontäne im Park noch nicht gesehen?« sagte ihr Partner nach einer Weile, »darf ich sie Ihnen zeigen?«
»Jetzt?« rief sie erstaunt. »Es ist ja dunkel.«
Sie glaubte ein leises Befremden in seinen Augen zu lesen, und weil ihr nichts so verhaßt war, als für eine Naive zu gelten: »Wo ist sie denn?« setzte sie schnell hinzu.
»Wollen wir gehen?« fragte er. Und Mariclée nahm ihren Umhang, der irgendwo in der Ecke des Saales lag. Er war von breiten Bändern wie ein Schäferhut gehalten und sie warf ihn über ihre schöne Achsel. Wie sie, halb ihrem Begleiter zugewandt, die Stufen hinunterging, hoben sich ihre Umrisse mit verräterischer Leichtigkeit von der hell erleuchteten Türe ab. Denn der kühne Mangel an Gewicht und Schwere, der ihr inneres Wesen kennzeichnete, lag auch in ihren Linien. Sie drangen jetzt in die stillen Alleen ein, und wovon hätten sie gesprochen, wenn nicht von Liebe. Mariclée, die sich sehr gerne über dieses Thema unterhielt, äußerte mit ihrer modulierten Stimme Dinge, die sie nie geäußert und nie gedacht und die sehr durchdacht und kundig klangen. Den Brunnen hörte man schon rauschen. Er lag in einem weiten flachen Rasenviertel, und ein hoher Strahl, den er emporsandte, fiel müßig plätschernd zurück. Das Merkwürdige daran war sein effektvolles à l'italienne, in einer offenen Balustrade mündendes Bassin, und daß man wie aus einer Waldespforte unerwartet zu ihm trat.
Aber noch unerwarteter war der Anblick, der sich ihnen hier darbot; ein zweites Paar: die Dame im schweren Atlaskleid, die sich küssen ließ. Mariclée wollte zurücktreten, aber die beiden verfolgten schon ihren Weg weiter in den Park sichtlich ohne eine Ahnung, daß man sie gesehen hatte.
»Ich bin froh,« sagte Mariclée leise, »daß wir keine Störenfriede gewesen sind.« Eigentlich hatte sie große Lust zu lachen. Er indessen lachte nicht, noch sprach er, und sein Gesicht schien schärfer und lebendiger geworden. Da graute ihr. Es war, als zögen sich eiserne Maschen um ihr Herz, und als senkte sich ein unsichtbares Visier über ihre umschatteten Züge. Aber zum Unglück versah sie sich der Putten nicht, die an den Eckstufen der Balustrade kauerten, glitt aus und wäre gefallen, hätte sie nicht ein starker, schnell bereiter Arm gehalten. Sie fand ihr Gleichgewicht sogleich wieder, aber statt ihr seine Stütze zu entziehen, trat er härter an sie heran und drückte sie an sich. Da, im Nu sich bäumend, wandte sie ihm, ohne ein Wort zu sagen, ein Antlitz zu, das für sich selber sprach, grau, fahl und schroff, wie eine Bergesfurche, einen Blick voll Abneigung, ja voll Haß. Und er ließ sie los, als wäre sie eine Schlange.
Aber Mariclée hatte sich schon gefaßt.
»Ein Springbrunnen ist doch wirklich nicht der geeignete Platz,« sagte sie mit erkünsteltem Spott; »daß es uns ginge, wie den beiden vorhin, die unsere Schritte nicht hörten. Was dächte man!?«
»Was dachten wir?« sagte er.
»Aber da war doch anzunehmen« . . . . . sie brach schnell ab. »Ich bin die wildfremde, gestern erst Gekommene. Ist das deutsch? würde man fragen, ja schlimmer: man würde lachen.«
Sie konnte ihm doch nicht gestehen, daß sie selber es war, der solche Dinge, über die sie so schön theoretisieren konnte, in der Praxis unmöglich erschienen, weil sie durch ihr Geschick von je darum betrogen wurde und sie unwiederbringlich hinter ihr lagen, ohne daß sie sie je erfuhr.
»Wollen wir gehen?« fragte er.
Aber Mariclée hatte jetzt Augen wie ein Luchs. Bevor sie mit ihm durch diese schwarze enge Waldespforte weiterzog, mußte sie ihm etwas Geschicktes, Trennendes zu sagen finden. Aber die rechten Worte standen ihr nicht zu Gebote.
Aus dem Rasen-Viereck stach eine weiße Steinbank hervor. Ein wenig hinkend, als könnte dies ihre Kontenance verstärken, ging sie darauf zu.
»Bleiben wir doch einen Augenblick,« schlug sie vor. Von ihrer Abneigung, ihrem schnell bereiten Haß wußte sie nichts mehr. Sie begriff so wohl, daß man mit diesem Manne ein paar Tage, ein paar Wochen, ein paar Monate glückliche Zeiten lebte, und daß man ihm nicht widerstand. Es ging ihr nur wie an jenem Tage bei Selfridge: aus irgendeinem Grunde durfte sie wieder nicht mittun und mußte vom Tanzboden herab.
So wenig subtil er war, hatte ein Etwas in ihrer Haltung sein Mißtrauen doch erregt.
»Haben Sie jemandem die Treue geschworen?« fragte er mit leisem Hohne. »O ich bin selbst die Hintergangene!« lachte Mariclée. »Meine Moralitäten haben keine moralische Basis.«
Zwischen den schwarzen Tannen sahen die Sterne mit fast böser, fast bedrohlicher Nähe herab.
»Ungeliebt hinabzufahren,« ja das war ihr schwermütiges Verlangen geworden. Aber warum log sie und machte sich schlecht? als sei es schmählich zur Treue an sich selbst gezwungen zu sein? Sie atmete auf, als jetzt unter der dunklen Waldespforte die Dame im Atlaskleid mit ihrem Gefährten sichtbar wurde. Etwas eilig rief und winkte sie ihnen von ihrer Bank aus zu.