Das deutsche Wunder: Roman

Part 7

Chapter 73,619 wordsPublic domain

Das klang in russisch gefärbtem Deutsch. Vor ihr war ein längliches, unruhiges und kluges Gesicht mit kühlen grauen Augen und dunkelblondem Schnurrbart. Eine vornehm-hagere Gestalt, den Kopf nach Slawenart lächelnd ein wenig zur Seite geneigt. Erst wußte sie nicht, wo sie ihn hintun sollte. Dann fiel ihr ein: Gott -- das ist ja dieser Mensch aus Moskau! Und zugleich stellte er sich selbst vor: „von Schjelting!“

Dabei nahm er, ohne eine Aufforderung abzuwarten, neben ihr Platz. Sie rückte unwillkürlich ein wenig von ihm ab und sagte sich:... ‚mein Fräulein...‘ -- wahrscheinlich sparte er sich das ‚gnädige Fräulein‘ für den Gothaer Almanach auf! Der Dünkel leuchtete ihm aus allen Poren, trotz seiner liebenswürdigen, weichen Art. Dabei -- komisch: Eine gewisse Unsicherheit in den Augen. Die entging ihr nicht.

„Ich habe Sie heute Nachmittag schon einmal gesehen, Fräulein Tillesen! Sie standen vor Ihrem Haus, mit einem Offizier!“

Die Stunde geht ... die Zeit verweht... Einmal ist es zu spät!... Dann dachte sie sich: Nein! -- Er reist ja erst morgen Mittag ab!

„Die Welt ist doch klein: Zufällig sah ich denselben Herrn vor einiger Zeit schon einmal in Belgien. Ich habe ihn sofort wieder erkannt.“

Dabei zuckte es nervös auf seinen Zügen. Er wandte plötzlich den Kopf und sah sie starr an.

„Wissen Sie denn überhaupt noch, wer ich bin?“

Den Gefallen tat sie ihm nicht und machte nur ein zweifelndes Gesicht.

„Wir sind alte Bekannte aus Moskau! Das heißt... Sie haben mich da eigentlich hinauskomplimentiert. Ihr Vater schlief...“

„So?“

„Nun -- und ich habe Ihren damaligen Rat befolgt, nach Wiesbaden zu gehen! ~Me voilà!~ Heute Nachmittag war ich schon in der Sprechstunde!“

Er beugte den blassen Kopf vor und sprach so leise und eindringlich, als handelte es sich um ein Staatsgeheimnis.

„Und: ~imaginez-vous, quel hasard~... beim Weggehen treffe ich zwischen Tür und Angel Professor Smoljanoff von der Universität in Odessa -- den, der da eben die miserable deutsche Ansprache radebrecht --. Seiner Vorstellung verdanke ich die Einladung für heute Abend... ~comme étranger de distinction~... als Eindringling in der Wissenschaft...“

„Oh bitte -- Sie sind hier willkommen!“

Sie frug sich: Warum schaut er mich denn so sonderbar an? Nervös und...? Na ja -- närrisch sind ja Vaters Patienten häufig! Ein leiser Hauch von Zigaretten, Kölnisch Wasser und ganz feinem Juchten wehte von ihm aus. Er rief in ihr wieder die Erinnerung an Moskau wach, an Glockengeläute von hundert Goldkuppeln in weißglitzerndem Schnee, an asiatische Weite.

„Kommen Sie jetzt aus Rußland?“

„Nein. Aus Belgien!“ sagte er hastig. „Wahrscheinlich reise ich von hier nach Montenegro.“

Seine Augen gingen unstät im Kreis. Er war plötzlich irgendwo anders mit seinen Gedanken. Dann kam er zu sich und schlug lächelnd die Fingerspitzen aneinander. Sein Landsmann Smoljanoff hatte seine Rede mit einem Hoch auf die deutsche Wissenschaft geschlossen. Nicolai Schjelting frug:

„Wer ist denn der schlanke, blonde Herr, der jetzt das Wort ergreift?“

„Ein Schwede. Professor Solander aus Upsala!“

„Er kann vorzüglich Deutsch!“

„Er war jahrelang Assistent meines Vaters, ebenso wie mein Schwager Higgins. Der Japaner auch, der nach ihm kommt!“

Der Asiate im Frack sah winzig neben dem langen Skandinavier aus. Inge Tillesen sagte sich: Was soll ich den ganzen Abend neben dem Russen sitzen? Sie stand plötzlich auf und überließ ihn, der sie verblüfft ansah, sich selbst. Drüben, auf der anderen Seite des Saales, war um sie ein Sprachengewirr des Turmbaus von Babel. Dann eine Stille. Professor Schefik Bey, der bebrillte Osmane vom großen Militärhospital in Stambul, pries in einem reinen und guten Deutsch als einstiger Jünger der Ruperto-Carola und Georgia-Augusta vor diesen Männern vom Fuß des Fusyama und der Pyramiden, vom Goldenen Horn und Goldenen Thor die deutsche Wissenschaft.

Dann kam Professor Higgins aus Oxford, Hannah Tillesens Mann. Er sah mit der goldenen Brille über den bartlosen, schwammigen Zügen wie ein gelehrter Chinese aus. Er blinzelte gleich schalkhaft über sein bartloses Gesicht. Er sprach mit trockenem Witz wie ein englischer Klubredner. Er gestand es gleich zu Anfang: Er konnte doch nicht seinem Schwiegervater Komplimente machen! Nein: Vorwürfe! In der Tat: Man war ernstlich besorgt. Keine Frage war geeigneter, einen Mann schlaflos zu machen, als diese: Was würde denn schließlich aus der Menschheit, wenn man ihr das Sterben ganz abgewöhnte -- durch die deutschen Gelehrten. ‚~And his Excellency, my father in law~‘, an der Spitze! Sein näselndes und bekümmertes Halb-Deutsch und Halb-Englisch klang so komisch und zugleich so ungewollt freimütig und herzlich, daß Alles lachte und klatschte. Halblaut sagte seine Frau zu ihrer Schwester Inge:

„Dabei haßt er Deutschland wie die Sünde!“

„Was, Hannah...“

„Ja, neuerdings! Früher mißachtete er es nur und riß bösartige Witze über uns! Bob und Bill plappern sie ihm ja schon nach. Aber jetzt hat er unter dem Einfluß seines Bruders, des großen Sir William Higgins, auf Euch eine kalte Wut!“

„Und da schämt er sich nicht, hier so zu reden?“

„Ach, Inge -- Du kennst das People noch lange nicht!“

„Aber Lügen ist doch kein Gesellschaftsspiel!“

„Nein, Schatz: bei uns drüben eine Kunst. Ein höchst ernsthaftes Ding. Eine Gemütsakrobatik, im gegebenen Augenblick erst sich zu belügen und dann seinen Nächsten!“

„Darüber lachst Du auch noch, Hannah?“

„Weißt Du: wenn ich drüben einmal nicht mehr lachen kann, dann werd’ ich verrückt.“

De Klock -- de sleiht -- de Tied, -- de geiht... Plötzlich klang es wieder wie die Warnung Isebrinks: Wir sind von Feinden umgeben! Dabei überall frohe Gesichter, freundliche Worte in fremden Sprachen. Diener gingen umher und boten ehrwürdigen Edelwein in geschliffenen Römern. Deutschland verschwendete seinen goldenen Überfluß vom Rhein. Ringsum ein Schmatzen, Schlürfen, Lachen. Es übertönte fast das sonderbare, das ‚l‘ und ‚r‘ verwechselnde Englisch Li’s, des Mandarinen, der die Grüße Pekings überbrachte. Auf einmal stand Nicolai Schjelting wieder neben Inge. Er tat, als bemerkte er ihre etwas befremdete Zurückhaltung nicht, oder übersah sie wirklich in einer inneren Erregung, die immer wieder zuckend über sein Gesicht lief. Dabei bewahrte er doch sein gewohntes hochmütiges und gewinnendes Lächeln.

„Deutschland hat zwei Gesichter!“ sagte er. „Hier ist der preußische Janustempel geschlossen. Hier ist das Reich der Geister, das wir seit Jahrhunderten kennen und schätzen!“

Sie schwieg. Er fuhr fort, im lässigen Ton eines Mannes, der gewohnt ist, sich zu hören:

„Weimar... Bayreuth... Wissen Sie, was für mich eine der geweihtesten Stätten ist: der kleine, rote Sandsteinbau hinter dem Wredeplatz in Heidelberg, wo Bunsen und Kirchhoff die Spektral-Analyse entdeckten! Das sind die wahren Welteroberungen des germanischen Genius: durch den Weltenraum!“

Er war offenbar bemüht, ihr, der Tochter dieses Gelehrtenhauses, etwas Verbindliches zu sagen. Dabei war für sie immer ein Klang von Herablassung in seinem harten Deutsch. Ein Wink an das Volk der Dichter und Denker: die Erde ist vergeben! Mond und Sterne sind für Euer Fernrohr frei!

„Die Macht des Gedankens!“ sagte er mit seinem lächelnden Blick über die festlich bewegte Menge aller Völker und Zonen. „Ich liebe dies Deutschland. Alles, was bei Ihnen alt ist: die Burgen am Rhein ... den Kölner Dom ... die Loreley ... die Romantik... Ah -- diese Höhenluft tut wohl! Ich wünschte nur einmal die Feinde Deutschlands hier herbei, damit sie erkennen, daß Deutschland nicht bloß an Krieg und Welteroberung denkt!“

„Wir?... Kein Mensch bei uns!“

Nicolai Schjelting lächelte.

„Die deutsche Disziplin ist bewundernswürdig. Das Geheimnis der Massenorganisation. Jeder will es. Aber Keiner giebt es zu.“

„Ich glaube, Sie träumen...“

„Wissen Sie, daß Sie darin den Japanern ähnlich sind? ~Ah -- ce Grec-là.~“ In dem Stirnrunzeln gegen den in schallendem Französisch seine Ansprache haltenden Professor Aristides Papadopoulo von der Hochschule in Athen lag die Verachtung des russischen Beschützers gegen das slawische Völkergemengsel auf dem Balkan. „Aber es hilft Ihnen nichts, Fräulein Tillesen. Jedes Kind auf der Erde weiß, daß Bismarck noch lebt!“

„Natürlich lebt er in uns!“

„... und daß sich Deutschland über kurz oder lang für Bismarck oder für Goethe entscheiden muß. Beides zugleich kann man nicht sein. ~Les esprits se rencontrent.~ Nun -- unter diesem Dach sind wir auf Goethes Spuren!“

Schjelting merkte, daß seine Art, slawische Unbestimmtheit in gallische Klarheit zu pressen -- dies geistreich-lässige Obenhin, dem er bei den Weltdamen von Petersburg und Paris den Ruf eines bedeutenden Kopfs verdankte, an Inge Tillesens ruhiger deutscher Sachlichkeit abprallte. Sein Lächeln hatte auf einmal etwas Asiatisches. Erinnerte sie an Moskau. Der ganze Mensch war ihr einen Augenblick unheimlich. Sie ersah die Gelegenheit, da gerade Washington T. Walker vom Harvard College in den Vereinigten Staaten sein Sprüchlein aufgesagt hatte, und trat zu ihrem Vater. Er tauschte mit ihr einen lächelnden Blick. Sie wußte: Für ihn waren diese Ansprachen nur Geduldproben, diese Ehrungen nur Zeitverlust. Er erfüllte hier nur seine Pflicht als geistiger Statthalter Deutschlands.

„Du Vater -- da hast Du einen komischen Patienten. Eben schaut er wieder herüber. Er scheint mir reichlich verdreht!... Was fehlt ihm denn?“

„Soweit ich heute sehen konnte, gar nichts. Er kommt morgen wieder.“

Ein zimmtbraunes, schwermütiges, von kohlschwarzem Vollbart umrahmtes Gesicht: der Inder Aughudimalo brachte die Grüße Ceylons. Er redete zuerst Englisch. Dann, zum Schluß, in klangvollem Sanskrit. Feierlich hallten, in der Sprache Buddhas, die Urlaute der Menschheit durch Raum und Zeit zu Ehren Deutschlands. Wie Quadern der Ewigkeit fügten sich, in der Zunge Julius Cäsars die paar knappen lateinischen Sätze, die Exzellenz Tillesen zur Antwort sprach. Die Völker vermählten sich. Die Jahrhunderte flossen ineinander. Ein Bleibendes ragte aus dem Strom des Seins. Die Erkenntnis. Und Deutschland der Hüter des Horts.

Nicolai Schjelting war aufgestanden. Es glückte ihm nicht mehr, unauffällig in Inges Nähe zu kommen. Es schien ihm auch, daß sie ihn absichtlich vermied. Auf einmal sagte er sich: Pah -- was tue ich hier? und fand sich schon mit umgeworfenem Sommermantel draußen in der Maikühle. In der fieberte er. Sein Herzschlag hämmerte. Er lief hastig die Sonnebergerstraße hinab und merkte dabei an dem harten Hall seiner Tritte, daß er seine Galoschen vergessen hatte, was ihm sonst nie geschah. Durch das Parkgebüsch zur Linken blinkten Hunderte von Glühwürmchen, die Lichter der italienischen Nacht. Die Wilhelmstraße war belebt wie am Mittag. Auf dem Schloßplatz daneben standen Massen vor dem Kaiserlichen Hoflager. Alle Fenster waren hell. Schwer bauschten sich ringsum die Fahnen. Vor dem Kurhaus knatterte es mit zischenden Raketen und dumpfen Donnerschlägen des Feuerwerks wie von einer Schlacht. Ein tausendfaches Ah hinterher. Er verzog ironisch die Lippen. Er dachte sich: Feiert nur Feste! Verplempert Euer Pulver! Wir halten unseres trocken. Wir sind am Werk! Ihr wißt nicht, wie nah!...

Plötzlich machte er Halt. Er griff sich an die Herzgegend, in einem Schrecken, wie er ihn noch nie in seinem Leben empfunden. Bei seiner methodischen Art, sich über Alles Rechenschaft zu geben, mußte er einmal klar darüber werden. Jetzt war der Augenblick da. Jetzt konnte er nicht länger dagegen ankommen und sagte sich, bleich geworden:

Was ist das? Ich will Deutschland vernichten und habe mich in eine Deutsche verliebt?...

Ich, ein verheirateter Mann. Und ein sehr wenig glücklich verheirateter Mann dazu!

Er bemühte sich, spöttisch zu lachen. Er zündete sich eine Zigarette an und sagte sich zwischen den zusammengebissenen Zähnen: Du träumst, mein Lieber! Das sind die deutschen Nebel! ~Voyons! ce n’est qu’ une fantaisie!~ Er dachte auf französisch, seine Lieblingssprache, um sich gegen Inge Tillesen zu wehren. Dabei stand er schon wieder vor ihrem Haus. Drinnen war Musik. Der Schatten von Menschen an den Fenstern. Die Straße lag dunkel und leer. Sporen klirrten auf ihr. Ein Hauptmann in dunkelrotem Kragen kam des Wegs. Er ging langsamer als sonst Offiziere. Sein Gesicht war sehr ernst. Er sah nicht nach dem Lichterglanz des Festes hinüber, sondern gerade vor sich auf den Boden, bis er Schjeltings Blick auf sich gerichtet fühlte. Eine Sekunde waren die beiden Männer Aug’ in Auge, erkannten sich gegenseitig, von der Begegnung in dem belgischen Eisenbahnabtheil her, maßen sich mit einem spöttischen und feindlichen Lächeln. Dann fiel im nächsten Haus das Tor ins Schloß. Nicolai Schjelting, der gefolgt war, las auf dem Messingschild: ‚Isebrink‘. Wider seine kalte Natur flackerte ein jäher Haß in ihm auf. Er gestand es sich, wie er die Straße wieder hinunterlief: Eifersucht gegen diesen Mann. Er hatte ihn und Inge Tillesen diesen Nachmittag vor dem Haus zusammen stehen sehen...

Und während er diese Nacht noch weniger als sonst schlafen konnte, ging es ihm durch den Kopf: Schließlich stößt man in Deutschland immer auf den, der den Säbel an der Seite trägt! Er ist der Erste und er ist der Letzte. Der deutsche Säbel muß zerbrochen werden. Das gilt im Großen wie im Kleinen. Für die Erde und für mich selbst.

Abgespannt und übernächtig saß er am nächsten Vormittag im Sprechzimmer dem Geheimrat Tillesen gegenüber. Der wiederholte:

„Sie sind nicht krank! Nichts als Nervenüberlastung. Beseitigen Sie deren Ursachen. Sie sind so verschieden wie die Menschen selber... Familienverhältnisse...?“

„Ich lebe in einer ungetrübten Ehe.“

„Geldsorgen...“

„Ich bin reich.“

„Unpersönliche Affekte: religiöse Zweifel ... wissenschaftliche Skrupel ... politischer Ehrgeiz...“

„Der ist mir nun ganz fremd, Exzellenz!“

„So? Da hat sich also Professor Burchardt gestern geirrt! Er erzählte mir von Ihnen: Er hatte sich gerade auf dem Baseler Bahnhof Ihr „~Essai contre le Teutonisme~“ gekauft. Da liegt es. Ich las noch vor dem Einschlafen darin!“

Schjelting warf einen Blick auf die hellblaue Broschüre und schwieg betreten.

„Sie sind ein guter Hasser, Herr von Schjelting. Das hindert Sie, wie ich sehe, nicht, die Hilfe des Landes nachzusuchen, das Sie da in Ihrem letzten Kapitel aus der Liste der Völker streichen wollen. Ich hätte Ihnen auch gern geholfen...“

„Exzellenz ... ich...“

„Aber gegen die Reinkultur von Deutschenhaß, die Sie da in sich und Anderen züchten, giebt es auch in meinem Laboratorium kein Mittel. Nehmen Sie statt dessen eine Warnung von mir mit auf den Weg: Sie laufen in Ihrem Büchlein Sturm gegen ein von Ihnen mechanisch konstruiertes Deutschland. Sie ziehen an Schnüren Gliederpuppen von Offizieren, Königen, unzufriedenen Arbeitern, Junkern, malen Kasernen und Fabriken. Was dahinter steht, ahnen Sie nicht: den deutschen Geist!“

Der Gelehrte begleitete Schjelting bis zur Schwelle.

„Sie waren gestern in meinem Hause zu Gast. Vielleicht haben Sie da einen Hauch davon gespürt. Ich könnte mir denken, daß das in Etwas Ihre Ansichten über die Ausrottung Deutschlands mildert. Und daß Sie dann auch besser schlafen... Ich wünsche es Ihnen. Leben Sie wohl!“

Nicolai Schjelting stand draußen auf dem Flur. Er lachte höhnisch auf und schritt davon, ohne auf den Weg zu achten, und verfehlte ihn und fand sich plötzlich in dem Seitengang zu dem Laboratorium.

Die Türe nach dem ersten Arbeitsraum stand offen. Drinnen war es groß, kahl, hell. Tausende von Glasplättchen und Reagenzgläsern an den weißen Wänden. Herren und Damen in weißen Kitteln an den weißen Tischen. Haufen von weißen Mäusen lagen darauf, lebten noch in Käfigen, wurden geimpft, gemessen, seziert, zu Hunderten in Tabellen eingetragen, in Fieberkurven protokolliert.

„Ach, geben Sie mir doch mal schnell den Milzbrand rüber!“ sagte ~Dr.~ Käthe Cornelius. ~Dr.~ Irma Enderlin neben ihr meinte:

„Ich hab’ ihn nicht! Ich steck’ bis über die Ohren im Flecktyphus! Katsura feixt so rätselhaft: wahrscheinlich hat der ihn annektiert.“

„Hier, bitte!“

Der quittengelbe Zwerg schob das Gläschen hinüber und kniff wieder das rechte japanische Schlitzauge über dem schwärzlichen Aalgewimmel der Cholera-Kommas im Wassertröpfchen des Mikroskops. An seiner Seite präparierte Dr. Woinowitsch, der riesenhafte Sohn der Schwarzen Berge, mit einer Hand, die gewohnt schien, den Yatagan zu führen, das Kleinhirn eines chloroformierten Meerschweinchens in dünne Scheiben zum Serum gegen die Hundswut.

Es war in dem Laboratorium kühl, wie in einer Kirche. Eine sonderbare Luft, voll Äther und Zigarrenrauch, wehte zu Schjelting hinaus. Dann hörte er plötzlich Inges Stimme:

„Hat Niemand das Radium gesehen?“

Inge Tillesen war von dem Nebenraum her hereingekommen. Sie trug nicht wie die Andern den Assistentenkittel. Sie erschien von drüben nur im Auftrag ihres Vaters. ~Dr.~ Pfeiffer hob den bärtigen Kopf von einer Kartoffelscheibe voll Mäusepest.

„Das hat Exzellenz gestern hier auf dem Tisch liegen lassen!“

Inge umwickelte mit ihrem Taschentuch die kleine Kapsel, in deren Glasgehäuse, einem kleinen Korkflöckchen ähnlich, das Geheimnis der Welt unsichtbar und lautlos seine Energiemassen in die Weite schleuderte. Draußen im Gang knatterte es heftig. Märchenhafte blaue und grüne Flammen zuckten im Nebenraum aus dem Röntgenapparat. Davor stand Schjelting.

„Sie suchen wohl meinen Vater?“

Er verneinte mit slawisch-schmiegsamer Verbeugung.

„Man hat mich bereits wieder weggeschickt. ~On m’a traité comme un garçon~:... Ich bin kein Schuljunge, dem man politische Lektionen giebt!“

„Mein Vater und Politik... Ach, Du lieber Gott!“

„Dann haben Andere ihm das suggeriert. Sie!“

„Was denn?“

„Sie haben ihn gegen mich aufgehetzt... Sie arbeiten gegen mich ... schon in Moskau hielten Sie mich fern von ihm...“

„Ich verstehe Sie nicht!“ sagte Inge und schaute ihn kopfschüttelnd an.

„~C’est ridicule!~ Ich suche ärztliche Hilfe, und man giebt mir eine pangermanistische Vorlesung. Das tat nicht not. Ich weiß es, daß sich Deutschland überhebt!“

„So -- nun habe ich Sie bis zum richtigen Ausgang gebracht. Nun gehen Sie mal heim und beruhigen Sie sich, Herr von Schjelting! Das ist doch keine Art!“

„Deutschland überhebt sich... Aber es mag sich hüten. Es steht vor dem Fall!...“

„Was...?“

„Ah: Was sag’ ich da?... ~Enfin~... Es macht nichts! Sie glauben es mir ja doch nicht!... Ihr Alle nicht! Umso besser!“

„Was ist denn nur mit Ihnen? Was soll das höhnische Lachen? Man könnt’ sich ja fürchten!“

„Oh nichts!... ~Mes compliments!~“

Noch als Inge Tillesen wieder oben in ihrem Zimmer war, sah sie dies verbissene und hochmütige Lächeln vor sich. Diesen vielwissenden und grausamen, plötzlich halbasiatischen Gesichtsausdruck. Vor ihr stand der alte Lübecker Schrank. De Klock -- de sleiht -- de Tied -- de geiht... Nun war es höchste Zeit. Sie trat ans Fenster. Vor dem Nachbarhaus lud der Diener des Generals Isebrink Offiziersgepäck auf einen Handkarren und schob ihn in der Richtung nach dem Bahnhof. Automobile tuteten an ihm vorbei, schossen fröhlich hinaus in den grünen Rheingau. Die französische Tricolore flatterte über dem Kühler, die Sterne und Streifen Amerikas, der britische Union Jack... Lautes Russisch klang unter den bunten Sonnenschirmen vorübergehender Damen. Der Maihimmel war wolkenlos blau. Ein leiser Wind bewegte den Wald von schwarz-weiß-roten Fahnen. Inmitten dieser gastfrohen Lebensfreude war in Inge Tillesen ein Grauen. So als sei irgendwo auf der Nordseite ein Fenster offen, und es zöge Einem kalt und unsichtbar über den Rücken. Sie dachte sich: Eigentlich sagen Beide dasselbe, Isebrink und dieser unheimliche Russe... Sie sind wie zwei Geisterseher. Sie merken etwas, was wir nicht merken. Vielleicht sehen sie auch nur Gespenster...

Aber ist es nicht seltsam, daß zwei Gegner genau der gleichen Meinung sind? Daß bald Alles anders auf der Welt wird als bisher seit fast undenklicher Zeit? Seit Menschenaltern kennen wir ja nur den Frieden, lieben wir den Frieden, preisen wir den Frieden. Der Krieg ist uns ein böser Traum unserer Vorfahren...

Unbestimmt regte sich in ihr ein Schutzbedürfnis. Etwas von der Wehrlosigkeit der Frau in einer Welt voll Waffen. Es ging ihr durch den Kopf: Wenn das möglich wäre -- es ist ja nicht so -- Aber wenn es möglich wäre, wer stellt sich dann vor den Vater und mich und das Haus hier und Wiesbaden und Deutschland?

Vor der Nebenvilla leuchteten die breiten, dunkelroten Generalstabsstreifen. Der Hauptmann Isebrink verabschiedete sich auf der Schwelle von seinen Eltern und ging fest und rasch die Sonnebergerstraße hinab. Er wandte nicht den Kopf. Er schaute gerade aus vor sich hin. Sie hätte ihn anrufen müssen, damit er sie am Fenster sah. Sie kämpfte mit sich. Nun war er schon um die Ecke... Fort. Auf dem Weg nach Berlin...

Sie war sehr ernst und sehr bleich geworden. Als sie an einem der nächsten Tage im Getümmel vor dem Kurhaus Schjelting sah und er sie lächelnd begrüßte, trat sie unvermittelt auf ihn zu.

„Ich möchte Sie gerne Etwas fragen!“

„Bitte!“

„Wollen Sie mir versprechen, es mir auch wirklich zu beantworten? Nicht bloß mit irgend einer französischen Phrase?“

„Wenn ich kann...,“ sagte er lächelnd.

„Was meinten Sie vorgestern damit: Deutschland steht vor dem Fall?“

„Erbarmen Sie sich: Ein kleiner Scherz!“

„Damit scherzt man doch nicht!“

„Oh doch! Sie kennen mich nicht! Man nimmt mich nirgends ernst!“

„Ich glaube sehr!“

„Ah -- Sie schmeicheln!“ sagte er liebenswürdig und belustigt und wurde plötzlich finster unter ihrem Blick. Den hielt er nicht recht aus. Zwischen ihnen war ein sonderbares, schweres Schweigen.

„Herr von Schjelting: Was hieß das: Deutschlands Fall?“

Er lächelte wieder.

„Mißtrauen Sie mir doch! Ich lüge immer! ~Que voulez-vous? C’est mon métier!~ Meine Art, die Wahrheit zu sagen!“

„Also soll man nun an Ihre Drohungen glauben oder nicht?“

Es zuckte spielerisch über sein undurchdringliches Gesicht. Er erinnerte sie jetzt wirklich an ein lauerndes Raubtier.

„Ihr werdet Alle untergehen!“ sagte er sanft und dabei so nachlässig, als spräche er vom Wetter.

„Was?“

„Aber Sie nicht mit! Das möchte ich nicht! Dafür werde ich sorgen! Sie werden noch von mir hören!“

„Man glaubt, man träumt...“

„Aber erzählen Sie es nicht weiter!“ Er hob die Schultern. Der affektierte Hochmut erschien auf seinen unruhigen Zügen. „Oder erzählen Sie’s! Man glaubt es Ihnen ja doch nicht! Keiner von Euch glaubt daran!“

„Und ich am wenigsten!“

„~Qui vivra, verra!~ Meine Mission bei Ihnen ist erfüllt!“

„Soll ich mir denn einbilden, daß Sie eigens nach Wiesbaden gekommen sind, um mir Ihre Staatsgeheimnisse zu verraten?“

„Natürlich bin ich Ihretwegen hierher gekommen!“

Inge Tillesen machte große Augen.

„Ihr Vater kann mir doch nicht helfen!“ sagte er. „Das wußte ich vorher! ~C’était une farce!~ Ich bin und bleibe schlaflos. Aber Sie wollte ich sehen und sprechen! Das will ich immerwährend! Seit Moskau!“

Nun begriff sie auf einmal: Um Gotteswillen! Der Mensch ist in Dich verliebt. Wahnsinnig verliebt. Diese Erkenntnis gab ihr einen solchen Schrecken, daß sie sich umdrehte, ihn stehen ließ, mehr davonlief als ging. Erst nach Hunderten von Schritten kam sie auf der Wilhelmstraße zu sich.

„Halt, Fräulein Inge! Wo brennt’s denn?“

Sie blieb stehen. Vor ihr war der General Isebrink.

„Ja -- Sie haben immer zu tun!“ sagte er. „Bei Euch Tillesens -- da jagen sich die Feste. Mein Haus ist wieder still. Mein Paulchen weg! ’runter in die Türkei!“

„Er ist doch nicht schon unterwegs?“

„Nee -- noch in Berlin! Aber in ’ner Woche fährt er!“

„Oh -- Aber ich halt’ Sie vom Mittagessen ab! Guten Tag, Herr General!“ Inge Tillesen gab dem alten Herrn die Hand und ging langsam weiter.

V.