Das Büchlein vom Leben nach dem Tode

Part 4

Chapter 43,046 wordsPublic domain

Als Fortsetzung des alten! Denn was den Leib des Greisen noch die Fortsetzung desselben Bewußtseins tragen läßt, welches der Leib des Kindes trug, von dem er kein Atom mehr hat, wird auch den Leib des Jenseits noch dasselbe Bewußtsein tragen lassen, was der Leib des Greisen trug, von dem er kein Atom mehr hat. Das ists, daß jeder folgende die Fortwirkung dessen, der das frühere Bewußtsein trug, in sich aufgehoben hält und dadurch gebaut ist. Also ist es ein Prinzip, welches das diesseitige Leben von Heute in Morgen und vom Diesseits ins Jenseits sich fortsetzen läßt. Und kann es ein anderes als ewiges Prinzip der ewigen Forterhaltung des Menschen geben?

Und so frage auch nicht: was machts, daß Wirkungen, die du diesseits in die Außenwelt gezeugt, die über dich hinaus sind, dir mehr als irgendwelche andere, die über dich hinaus sind, noch zugehören sollen. Das machts, daß jene vielmehr als diese von dir ausgegangen. Jede Ursache behält ihre Folgen als ewiges Eigentum. Im Grunde aber waren deine Folgen nie über dich hinausgegangen; sie bildeten schon die diesseits die unbewußte, nur des Erwachens zu neuem Bewußtsein harrende Fortsetzung deines Wesens.

So wenig ein Mensch je sterben kann, der einmal gelebt, könnte er je zum Leben erwacht sein, hätte er nicht vorher gelebt; nur daß er vorher nicht für sich gelebt. Das Bewußtsein, womit das Kind bei der Geburt erwacht, ist nur ein Teil des ewig dagewesenen allgemeinen göttlichen Bewußtseins, das sich in der neuen Seele für sich zusammengenommen. Wir können freilich die lebendige Bewußtseinskraft so wenig durch alle Wege und Wandlungen verfolgen, als die lebendige Körperkraft.

Sorgst du aber, das menschliche Bewußtsein werde, weil aus dem Allgemeinbewußtsein herausgeboren, auch wieder in ihm verfließen, so sieh den Baum an. Es hat lange Jahre gedauert, ehe die Zweige aus dem Stamme kamen; einmal gekommen, gehen sie nicht wieder in ihm unter. Wie wollte der Baum wachsen und sich entwickeln, wenn es geschähe; auch der Lebensbaum der Welt aber will wachsen und sich entwickeln.

Nach allem ist das die große Kunst des Schlusses vom Diesseits auf das Jenseits, nicht von Gründen, die wir nicht kennen, noch von Voraussetzungen, die wir machen, sondern von Tatsachen, die wir kennen, auf die größern und höhern Tatsachen des Jenseits zu schließen, und dadurch den praktisch geforderten, an höheren Gesichtspunkten hängenden Glauben von untenher zu festigen, zu stützen und mit dem Leben in lebendigen Bezug zu setzen. Ja, brauchten wir den Glauben nicht, wozu ihn stützen; doch wie ihn brauchen, hätte er keine Stütze.

Zehntes Kapitel

Des Menschen Seele ist durch seinen ganzen Leib ergossen, alsbald zerfällt er, wenn sie von ihm weicht; doch ihr Bewußtseinslicht ist bald hier bald da.[9] Nur eben sahen wirs im engen Leibe hin und wider wandern, wechselnd dem Aug, dem Ohr, dem innern und dem äußern Sinn zu leuchten, um endlich im Tode ganz darüber hinaus zu wandern, wie der, dessen kleines Haus zerstört wird, worin er lange hin und her gegangen, auf immer in die Weite zieht und eine neue Wanderung beginnt. Der Tod setzt keine andere Scheide zwischen beiden Leben, als daß er den engen Schauplatz der Wanderung mit dem weiteren vertauschen läßt. Und so wenig in dem jetzigen Leben das Bewußtseinslicht immer und überall zugleich ist, wo es nacheinander sein und wohin es sich zerstreuen kann, wird es im künftigen Leben sein. Der Schauplatz der Wanderung ist nur unsäglich größer, die mögliche Verbreitung weiter, die Wege freier und die Aussichtspunkte höher, alle niederen des Diesseits unter sich begreifend.

Selbst schon im jetzigen Leben aber sehen wir ausnahmsweise, in seltenen Fällen, das Bewußtseinslicht aus dem engeren Leibe in den weiteren wandern und wieder heimkehren, Nachricht bringend von dem, was in fernem Raume oder, in dessen weiten Zusammenhängen wurzelnd, in ferner Zeit geschieht; denn die Länge der Zukunft fußt auf der Breite der Gegenwart. Plötzlich öffnet sich eine Spalte in der sonst immer verschlossenen Tür zwischen Diesseits und Jenseits, um schnell sich wieder zu schließen, der Tür, die im Tode sich ganz öffnen wird, und erst da sich öffnen soll, um nie mehr sich zu schließen. Auch frommts nicht, vorher durch die Spalte nur zu schauen. Doch die Ausnahme von der diesseitigen Lebensregel ist nur ein Fall der größeren Lebensregel, welche Diesseits und Jenseits zugleich umfaßt.

Es kommt vor, daß der engere Leib nach einer Seite tief genug einschläft, um nach anderer über seine Grenzen hinaus in ungewohnter Weise zu erwachen, und doch nicht so ganz und tief, um nie mehr zu erwachen. Oder im weiteren Leibe wird ein Punkt so ungewöhnlich stark erregt, um in den engeren hinein eine die Schwelle übersteigende Wirkung aus einer sonst unzugänglichen Ferne zu erstrecken. Damit beginnen die Wunder des Hellgesichts, der Ahnungen, der vorbedeutenden Träume; lauter Fabeln, wenn der jenseitige Leib und das jenseitige Leben Fabeln sind; sonst Zeichen des einen und Vorzeichen des andern; was aber Zeichen hat, ist da, und was Vorzeichen hat, wird kommen.

Doch sind es keine Zeichen diesseitigen gesunden Lebens. Das Diesseits hat den Leib des Jenseits nur für das Jenseits zu bauen, nicht schon mit dessen Auge und Ohr zu sehen und zu hören. Die Blüte gedeiht nicht, die man vor der Zeit aufbricht. Und ob man den Glauben an das Jenseits durch den Glauben an diese Spuren seines Hineinleuchtens in das Diesseits #unterstützen# kann, so soll man ihn doch nicht darauf #bauen#. Der gesunde Glaube baut sich auf Gründen und schließt sich ab in höchsten Gesichtspunkten des gesunden Lebens, indem er selbst zu seiner Gesundheit und zum Abschluß seiner höchsten Gesichtspunkte gehört.

Du hattest seither gemeint, die leichte Gestalt, in der ein Verstorbener dir in der Erinnerung erscheint, sei bloß dein innerer Schein. Du irrst; er selbst leibhaftig ists, der in bewußtem Gange damit nicht bloß zu dir, sondern in dich eintritt. Die frühere Gestalt ist noch sein Seelenkleid; nur nicht mehr beschwert mit seinem frühern festen Leibe und träge mit ihm wandelnd, sondern durchsichtig, leicht, der irdischen Last entkleidet, im Momente jetzt hier jetzt da, dem Rufe jedes folgend, der den Toten ruft oder von selber sich dir stellend, dann mußt du des Toten denken. Auch hat man sich ja immer die jenseitige Erscheinung der Seelen so leicht, so körperlos, so unabhängig von des Raumes Schranken gedacht, und damit, das Rechte zwar nicht meinend, das Rechte doch getroffen.

Auch hörtest du wohl von Geistererscheinungen sprechen. Den Ärzten heißen sie Phantasmen, Halluzinationen. Sie sind es auch für die Lebenden, doch zugleich wirkliche Erscheinungen der Toten, die wir so nennen. Denn wenn schon die schwächern Erinnerungsgestalten in uns es sind, wie sollten es die soviel stärkeren entsprechenden Erscheinungen nicht sein. Warum also noch streiten, ob sie das eine oder andere sind, wenn sie zugleich das eine und das andere sind. Und warum dich künftig noch vor Geistererscheinungen fürchten, wenn du dich vor den Erinnerungsgestalten in dir, die es schon sind, nicht fürchtest.

Doch ganz fehlt nicht der Grund dazu. Ungleich den von dir selbst gerufenen, oder in den Zusammenhang deines innern Lebens von selbst leise und friedlich eintretenden, hilfreich daran mit fortspinnenden Gestalten kommen sie ungerufen, überkommen dich mit nicht abwehrbarer Stärke, scheinbar vor dich, wirklich in dich tretend, am Gewebe deines innern Lebens vielmehr zausend als fortspinnend. Ein krankhaft Wesen zugleich des Diesseits und des Jenseits. So sollen Tote mit Lebenden nicht verkehren. Es ist schon halber Tod des Lebenden, die Toten annähernd so deutlich, so objektiv zu schauen, wie sie sich untereinander schauen mögen; darum das Grausen der Lebendigen vor solcher Erscheinung der Toten; es ist zugleich ein halbes Zurückversinken der Toten aus dem Reiche über dem Tode in das Reich unter dem Tode; daher die Sage -- und ob nicht mehr als Sage? -- daß nur Geister umgehen, die nicht ganz erlöst sind, die noch mit einer schweren Kette an dem Diesseits hängen. Den Unseligen zu scheuchen, ruf' einen besseren und stärkeren Geist zu Hilfe; der beste und stärkste aber ist der Geist ob allen Geistern. Wer hat in seinem Schutz dir etwas an! Auch dazu stimmt die Sage, daß vor dem Anruf Gottes jeder böse Geist weicht.

Inzwischen droht in diesem Gebiete geistiger Krankheit, der Glaube selbst zum Aberglauben zu erkranken. Am einfachsten, sich vor dem Kommen von Gespenstern zu bewahren, bleibts immer, an ihr Kommen nicht zu glauben; denn glauben, daß sie kommen, heißt schon, ihnen auf halbem Wege entgegenkommen.

Wie sie einander selbst erscheinen mögen, sagt ich. Denn dieselbe Erscheinung, die wider die Ordnung des Diesseits ist, ist nur vorweggenommen aus der Ordnung des Jenseits. Licht, voll, klar und objektiv werden die Bewohner des Jenseits einander in der Gestalt erscheinen, wovon wir nur einen schwachen Abklang, eine dämmernde Umrißzeichnung in der Erinnerung an sie haben, weil sie einander mit dem ganzen vollen Wesen durchdringen, wovon nur ein kleiner Teil in jeden von uns bei der Erinnerung an sie eindringt. Nur daß es jenseits wie diesseits der auf die Erscheinung gerichteten Aufmerksamkeit bedürfen wird, um sie zu haben.

Nun mag man immer fragen: wie ist es möglich, daß, die sich so durchdringen, sich doch so gegenständlich und begrenzt erscheinen. Aber frage erst, wie ist es möglich, daß, was als Erscheinung eines Lebenden in dich eingeht und in der Erinnerung an einen Toten dein Gehirn durchdringt -- und anders nichts liegt deiner Seele vor, darauf zu fußen --, dir als Anschauung doch objektiv, als Erinnerung noch begrenzt erscheint. Die selbst nicht mehr begrenzte Wirkung, die der Erinnerung unterliegt, spiegelt dir doch noch die Begrenzung der Gestalt, wovon sie anfangs ausgegangen, vor. Du weißt vom Diesseits nicht, warum; wie kannst du es vom Jenseits wissen wollen.

Und so sage ich wieder: schließe nicht von Gründen des Diesseits, die du nicht kennst, noch von Voraussetzungen, die du machst, sondern von Tatsachen des Diesseits, die du kennst, auf die größeren und höheren Tatsachen des Jenseits. Der einzelne Schluß kann irren; auch der, den wir nur eben machten; also hefte dich an keine Einzelheit der Zusammenschluß der Schlüsse in Richtung dessen, was wir vor allem Schluß und über allem Schluß zu fordern haben, wird unsers Glaubens beste Stütze von unten und Führung nach oben sein.

Faßtest du aber den Glauben gleich recht von oben, leicht fiele dir der ganze Glaubensweg herunter, den wir herauf genommen.

Elftes Kapitel

Ja wie leicht wäre alles für den Glauben, könnte der Mensch sich nur gewöhnen, in dem Wort, womit er seit mehr als tausend Jahren spielt, daß er in Gott lebt und webt und ist, mehr als ein Wort zu sehen. Dann ist der Glaube an Gottes und sein eigenes ewiges Leben nur #einer#, er sieht sein eigenes ewiges Leben zum ewigen Leben Gottes selbst gehörig, und in der Höhe seines künftigen über seinen jetzigen Leben nur einen höhern Aufbau über einem niedern in Gott, wie er selbst schon solchen in sich hat; er faßt am kleinen Beispiel das Höhere und im Zusammenhange beider das Ganze, wovon er nur der Teil.

Die Anschauung in dir zerrinnt, und die Erinnerung steigt daraus in dir auf; dein ganzes diesseitiges Anschauungsleben in Gott zerrinnt, und ein höheres Erinnerungsleben steigt daraus in Gott auf; und wie die Erinnerungen in deinem Haupte, verkehren die Geister des Jenseits im göttlichen Haupte. Nur eine Stufe über der Stufe derselben Treppe, die nicht zu Gott, sondern in Gott aufwärts führt, der in sich zugleich den Grund und Gipfel hat. Wie leer war Gott mit jenem leer gedachten Worte, wie reich ist Gott mit seinem vollen Sinne.

Weißt du denn, wie das Jenseits der Anschauungen in deinem Geiste möglich ist? Du weißt nur, daß es wirklich ist; doch nur in einem Geiste ist es möglich. Also kannst du auch leicht, unwissend wie es möglich ist, an die Wirklichkeit eines Jenseits deines ganzen Geistes in einem höhern Geiste glauben; du mußt nur glauben, daß ein höherer Geist ist und daß du in ihm bist.

Und wieder: wie leicht wäre alles für den Glauben, wenn der Mensch sich gewöhnen könnte, eine Wahrheit in dem zweiten Worte zu sehen, daß Gott in allem lebt und webt und ist. Dann ist es nicht eine tote, sondern eine durch Gott lebendige Welt, aus welcher der Mensch sich seinen künftigen Leib erbaut und damit ein neues Haus in Gottes Haus hineinbaut.

Wenn aber wird dieser lebendig machende Glaube lebendig werden?

Daß er lebendig macht, wird ihn lebendig machen.

Zwölftes Kapitel

Du fragest nach dem Ob; ich antwortete mit dem Wie. Der Glaube erspart die Frage des Ob; doch wird sie getan, so gibt es nur die eine Antwort darauf durch das Wie; und solange das Wie nicht fest steht, wird das Ob nicht aufhören zu gehen und zu kommen.

Hier steht der Baum; manch einzeln Blatt davon mag fallen; doch sein Grund und sein Zusammenhang ist fest und gut. Er wird immer neue Zweige treiben, und immer neue Blätter werden fallen; er selbst wird nicht mehr fallen; wird Blüten der Schönheit treiben, und statt im Glauben zu wurzeln, Früchte des Glaubens tragen.

Nachschrift

Die erste Anregung zu der in dieser Schrift ausgeführten Idee, daß die Geister der Gestorbenen als Individuen in den Lebenden fortexistieren, ward mir durch eine Unterredung mit meinem, damals in Leipzig, jetzt in Halle lebenden Freunde, Professor Billroth. Indem diese Idee in eine Reihe verwandter Vorstellungen bei mir teils eingriff, teils solche erweckte, hat sich dieselbe auf vorstehende Weise gestaltet und durch eine Art notwendigen Fortschritts zur Idee eines höhern Lebens der Geister in Gott erweitert. Inzwischen hat der Urheber derselben, wie in der Religionsphilosophie überhaupt, so namentlich in der Unsterblichkeitslehre, eine von der hier verfolgten ganz verschiedene und sich direkter an das kirchliche Dogma anschließende Richtung genommen, welche ihn sogar von jener Grundidee großenteils oder ganz wieder abgeführt hat, daher ich, indem ich ihn als Schöpfer derselben glaubte bezeichnen zu müssen, doch nicht mehr als ihren Vertreter zu nennen wage. Die eigenen Ansichten dieses Philosophen über den betreffenden Gegenstand wird man in einem, demnächst von demselben zu erwartenden, Werke entwickelt finden.

FUSSNOTEN:

[1] Dem Physiologen läßt sich bezeichnender sagen: das schaffende Prinzip des Kindes liegt vor der Geburt nicht in dem, was nach der Geburt von ihm fortleben wird, was ja jetzt erst das Abhängige ist, das Geschaffene, sondern in dem, was vom Kinde bei der Geburt in Rückstand bleiben und verderben wird, wie der Leib des Menschen im Tode (_placenta cum funiculo umbilicali, velamentis ovi eorumque liquoribus_); aus seiner Tätigkeit, als seine Fortsetzung wächst der junge Mensch hervor.

[2] Viele biblische Parallelstellen hierzu sind zusammengestellt in »Zendavesta« III, S. 363 ff. und den »Drei Motiven und Gründen des Glaubens«, S. 178.

[3] Mag man das Nervenspiel auf chemische oder elektrische Prozesse zurückführen, immer wird man, wenn nicht selbst ein Spiel von Schwingungen letzter Teilchen darin zu sehen, doch solches wesentlich dadurch erweckt oder davon mitgeführt zu halten haben, wobei das Unwägbare eine wichtigere Rolle als das Wägbare spielen mag. Schwingungen aber können nur scheinbar erlöschen, indem sie sich in die Umgebung ausbreiten, oder, wenn ja durch Übergang ihrer lebendigen Kraft in sogenannte Spannkraft zeitweise erlöschend, doch nach dem Gesetze der Erhaltung der Kraft einer Wiederbelebung in irgendwelcher Form harren.

[4] Schon bei Annäherungen an den Tod im Diesseits (durch Narkose, oder im Moment des eben drohenden Ertrinkens, oder im Schlafwachen) kommen Annäherungen an diese den geistigen Inhalt auf einmal durchleuchtende Klarheit vor, wovon Beispiel in »Zendavesta« III, S. 27 und (Fälle bei drohendem Ertrinken) in Fechners Zentralbl. für Naturwiss. u. Anthropologie 1853, S. 43 u. 623 verzeichnet sind.

[5] Dies erfahrungsmäßige Gesetz der Beziehung zwischen Leib und Seele besteht darin, daß das Bewußtsein überall erlischt, wenn die leibliche Tätigkeit, woran es hängt, unter einen gewissen Grad der Stärke, den man die Schwelle nennt, sinkt. Nach Maßgabe nun, als sie sich mehr ausbreitet, kann sie auch leichter durch die damit eintretende Schwächung darunter sinken. Wie das ganze Bewußtsein seine Schwelle hat, welche die Scheide zwischen Schlaf und Wachen des ganzen Menschen bildet, so auch alles Besondere im Bewußtsein, worauf es beruht, daß während des Wachens bald dies bald das im Bewußtsein auftaucht oder erlischt, je nachdem die besondere Tätigkeit, woran es hängt, die Sonderschwelle übersteigt oder darunter sinkt. Vergl. Elemente der Psychophysik Kap. 10. 38. 39 und 42.

[6] Vergl. hierüber Elemente der Psychophysik, Kap. 37, und Atomenlehre Kap. 26.

[7] Um nicht einen scheinbaren Widerspruch der obigen Betrachtung mit der psychophysischen Lehre von der Mischungsschwelle (worüber das Erläuterndste in Wundts Philos. Stud. IV, S. 204 und 211) bestehen zu lassen, folgende Bemerkung: wenn die aus Komponenten mannigfachster Art zusammengesetzte psychophysische Lebenswelle des Menschen, um diesen kurzen Ausdruck fortzubrauchen, sich in eine Welt hineinverbreitete, die nur andersartige Komponenten enthielte, so würde freilich anzunehmen sein, daß sie durch ihre Ausbreitung unter die, hier in Betracht kommende, Mischungsschwelle fiele. Da aber das psychophysische Wellenmeer der Welt unter seinen übrigen Komponenten auch solche enthält, welche mit denen der Lebenswelle des Menschen gleichartig sind, und zwar von verschiedenster Höhe oder Intensität, also auch solche, welche die Mischungsschwelle schon übersteigen oder derselben nahe sind, und durch die zutretenden gleichartigen nur um so mehr gesteigert werden, so stellt sich das Resultat der obigen Betrachtung nur auf etwas gründlicherem Wege wieder her.

[8] Unstreitig hängt dies, dem sog. Gesetz der Erhaltung der Kraft im Körpergebiete analoge, Gesetz auch mit demselben durch die Grundbeziehung des Geistigen zum Körperlichen irgendwie zusammen, ohne daß dieser Zusammenhang schon klargestellt ist, oder das Gesetz der Erhaltung der Bewußtseinskraft schon psychophysisch aus dem Gesetz der Erhaltung der Körperkraft ableitbar wäre, solange das Grundwesen der psychophysischen Tätigkeit selbst nicht klargestellt ist. Das Gesetz muß also für sich aus Tatsachen, wie sie oben folgen, gefolgert werden; und gewinnt, ohne #exakt# in voller Allgemeinheit bewiesen zu sein, doch eine Wahrscheinlichkeit dadurch, die es geeignet macht, Aperçus, wie die, um die es sich hier handelt, zugrunde gelegt zu werden.

[9] Mit wissenschaftlichem Ausdrucke wird man sagen können: das Bewußtsein ist überall da und wach, wenn und wo die der geistigen unterliegende leibliche, sogenannte psychophysische Tätigkeit jenen Grad der Stärke, den man die Schwelle nennt, übersteigt. (Vgl. S. 44 Anmerk.) Hiernach kann das Bewußtsein in Zeit und Raum lokalisiert werden. Der Gipfel der Welle unserer psychophysischen Tätigkeit schwankt gleichsam von einem Orte zum anderen, womit das Bewußtseinslicht seine Stelle wechselt, nur daß er während des diesseitigen Lebens immer bloß innerhalb unseres Leibes, ja eines beschränkten Teils dieses Leibes, hin und wider schwankt und im Schlafe ganz unter die Schwelle sinkt, über die er im Wachen wieder aufsteigt. Hierüber vgl. Elemente der Psychophysik II, Kap. 40 und 41.

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