Das Büchlein vom Leben nach dem Tode
Part 3
So sind die gestorbenen Genien und Heiligen die wahren Vermittler zwischen Gott und den Menschen; sie sind zugleich der Ideen Gottes teilhaftig, führen sie den Menschen zu, zugleich empfinden sie die Leiden, Freuden und Wünsche der Menschen, und führen sie Gott zu.
Hat sich doch der Kultus der Toten mit dem vergötternden Naturkultus gleich im Ursprunge der Religion halb verschwistert, halb geteilt; die rohsten Völker haben das Meiste, die gebildetsten das Höchste davon behalten, und wo gäb es heut noch eine, die nicht ein großes Bruchstück davon als ihr Hauptstück bewahrte.
Und so sollt es in jeder Stadt einen Tempel ihrer größten Toten geben, angebaut an den Tempel Gottes oder in ihm eingebaut, indes man Christus wie bisher mit Gott selbst im selben Zimmer wohnen lasse.
Siebentes Kapitel
»Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunkeln Wort; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich es stückweise; dann aber werde ich es erkennen, gleichwie ich erkannt bin.«
1. Kor. 13, 12.
Der Mensch führt hier zugleich ein äußeres und ein inneres Leben, das erste allen sichtbar und vernehmbar in Blick, in Wort, in Schrift, in äußeren Handlungen und Werken, das letzte nur ihm selbst vernehmbar in inneren Gedanken und Gefühlen. Vom sichtbaren ist auch die Fortsetzung ins Äußere sichtbar, leicht verfolgbar; die Fortsetzung des unsichtbaren bleibt selber unsichtbar, doch fehlt nicht. Vielmehr setzt mit dem äußeren Leben des Menschen, als sein Kern, das innere sich über den diesseitigen Menschen fort, den Kern des jenseitigen zu bilden.
In der Tat, was von dem Menschen während seines Lebens den Lebenden sichtbar und spürbar ausgeht, ist nicht das einzige, was von ihm ausgeht. So klein und fein eine Erzitterung oder Schwingung sei, von der eine bewußte Regung in unserem Haupte getragen wird, das ganze Spiel bewußter Regungen aber wird von einem inneren Spiele unseres Hauptes getragen, sie kann nicht anders erlöschen, als daß sie Fortwirkungen ihrer Art in uns und endlich über uns hinaus erzeugt; wir können sie nur nicht ins Äußere hinein verfolgen. So wenig die Laute ihr Spiel für sich behalten kann, es wird über sie hinausgetragen, so wenig unser Haupt; nur das Nächste davon gehört der Laute und dem Haupte.
Welch unsagbar verwickelt Spiel von Wellen hoher Ordnung, die in dem Spiele unserer Häupter den Ursprung haben, mag über dem groben niederen Spiel, was unserem Aug und Ohr draußen vernehmlich ist, sich verbreiten, vergleichbar feinsten Kräuselungen über den großen Wellen eines Teiches, oder Zeichnungen ohne Dicke über der Fläche eines dickmaschigen Teppichs, der von ihnen die ganze Schönheit und höhere Bedeutung hat. Der Physiker aber erkennt und verfolgt nur das Spiel der Wellen niederer Ordnung draußen und kümmert sich nicht um das feinere, was er nicht erkennt. -- Ob er es nicht erkennt, doch kennt er das Prinzip, darf er die Folge leugnen?[3]
Also erschöpft das, was von den Geistern durch die Fortwirkungen ihres äußerlich spürbaren diesseitigen Lebens in uns eingegangen ist, auch nicht ihr ganzes Dasein; sondern auf uns unfaßbare Weise besteht in der Natur zu diesem äußeren Teile ihres Wesens noch ein innerer, ja der Hauptteil ihres Wesens. Und hätte ein Mensch auf einer wüsten Insel sein Leben geführt und beschlossen, ohne je in anderer Menschen Leben eingegriffen zu haben, er würde doch nach seinem inneren Wesen kernhaft fortbestehen, einer künftigen Entwickelung harrend, die er im diesseitigen Wechselverkehr mit anderen nicht finden konnte.
Hätte anderseits ein Kind nur einen Augenblick gelebt, es könnte in Ewigkeit nicht wieder sterben. Der kleinste Moment bewußten Lebens schlägt schon einen Kreis von Wirkungen um sich, wie der kürzeste Ton, der im Moment erloschen scheint, solchen um sich schlägt, der den Ton ins Unendliche über den nahe Stehenden und Hörenden hinaus trägt; denn keine Wirkung erlöscht in sich selbst, und jede zeugt in Ewigkeit neue Wirkungen ihrer Art. Und so wird sich der Geist des Kindes von diesen bewußten Anfängen aus wie der jenes vereinsamt gebliebenen Menschen noch fortentwickeln; nur anders, als wär es von einem schon fortentwickelten Anfang aus geschehen.
Wie nun der Mensch erst im Tode das volle Bewußtsein dessen erhält, was er in andern geistig gezeugt, wird er auch im Tode erst zum vollen Bewußtsein und Gebrauch dessen gelangen, was er in sich selbst getrieben. Was er während seines Lebens gesammelt an geistigen Schätzen, was sein Gedächtnis erfüllt, was sein Gefühl durchdringt, was sein Verstand und seine Phantasie geschaffen, bleibt ewig sein! Doch der ganze Zusammenhang davon bleibt diesseits dunkel; bloß der Gedanke schreitet mit einer lichten Ampel hindurch und beleuchtet, was auf der schmalen Linie seines Weges liegt, das andere bleibt im Dunkel. Nimmer wird der Geist hienieden seiner ganzen innern Fülle auf einmal gewahr; bloß indem ein Moment desselben ein neues zur Verknüpfung herbeilockt, taucht es einen Augenblick aus dem Dunkel hervor und sinkt im nächsten wieder dahin zurück. So ist der Mensch Fremdling in seinem eignen Geiste und irrt darin herum, dem Zufall folgend oder mühsam am Faden des Schlusses seinen Weg suchend, und vergißt oft seine besten Schätze, die abseits von der leuchtenden Spur des Gedankens versenkt liegen im Dunkel, was des Geistes weites Gefilde deckt. Aber im Augenblicke des Todes, wo eine ewige Nacht das Auge seines Körpers überzieht, wird es zu tagen beginnen in seinem Geiste. Da wird der Mittelpunkt des innern Menschen zu einer Sonne entbrennen, welche alles Geistige in ihm durchleuchten und zugleich als inneres Auge durchschauen wird mit überirdischer Klarheit. Alles, was er hier vergessen, findet er da wieder, ja er vergaß es diesseits nur, weil es ihm voraus ins Jenseits ging; gesammelt findet er es nun wieder. In jener neuen allgemeinen Klarheit wird er nicht mehr mühsam zusammensuchen müssen, was er verknüpfen möchte, und zerstückeln in seine Merkmale, was er scheiden möchte, sondern mit #einem# Augenschlage wird alles, was in ihm selbst ist, gleichzeitig von ihm erblickt werden in seinen Verhältnissen der Einheit und des Widerspruchs, des Zusammenhanges und der Trennung, der Harmonie und des Zwiespalts, nicht bloß nach #einer# Richtung des Denkens, sondern gleichzeitig nach allen.[4] So hoch der Flug und das Auge des Vogels über dem langsamen Kriechen der blinden Raupe schwebt, die nichts erkennt, als was ihr träger Schritt berührt, wird jene höhere Erkenntnisweise sich erheben über die unsre. Und so werden im Tode mit dem Leibe des Menschen auch sein Sinn, sein Verstand, ja der ganze auf diese Endlichkeit berechnete Bau seines Geistes untergehen, als Formen, die zu eng geworden für sein Wesen, als Glieder, die ihm nichts mehr nützen in einer Ordnung der Dinge, wo er alles, was sie einzeln, mühsam, unvollkommen ihm schaffen und erschließen müßten, auf einmal unvermittelt in sich haben, schauen und genießen wird. Das Selbst des Menschen aber wird unversehrt in seiner vollen Ausbreitung und Entwickelung bestehen in jener Zertrümmerung seiner zeitlichen Formen, und an die Stelle jener erloschenen niedern Tätigkeitsweise wird ein höheres Leben treten. Beschwichtigt ist alle Unruhe der Gedanken, die sich ja nicht mehr zu suchen brauchen, um sich zu finden, und nicht mehr zueinander zu bewegen, um sich ihres Verhältnisses bewußt zu werden. Aber dafür beginnt nun ein höheres Wechselleben von Geistern, mit Geistern; wie die Gedanken miteinander in unserm Geiste, verkehren jene zusammen in dem höheren Geiste, den oder dessen alles verknüpfende Mitte wir Gott nennen, und unser Gedankenspiel selbst ist nur eine Verzweigung dieses Verkehrs. Da wird es keiner Sprache mehr bedürfen, sich gegenseitig zu verstehen, und keines Auges, den andern zu erkennen, sondern wie in uns der Gedanke den Gedanken versteht und auf ihn einwirkt, ohne Vermittelung von Ohr und Mund und Hand, sich mit ihm verbindet oder von ihm scheidet ohne fremdes Band und ohne Scheidewand, so heimlich, innig und unvermittelt wird das Wechselleben der Geister untereinander sein. Und keinem wird im andern mehr etwas verborgen bleiben. Da werden alle sündigen Gedanken, die hier im Dunkel des Geistes schlichen, und alles, was der Mensch in sich bedecken möchte vor seinesgleichen mit tausend Händen, offenkundig werden allen Geistern. Und nur der Geist, der hier ganz rein und wahr gewesen, wird ohne Scham in jener Welt den andern entgegentreten können; und wer verkannt gewesen hier auf Erden, der wird dort seine Anerkennung finden.
Und auch am eignen Wesen wird der Geist bei seiner Selbstdurchschauung gewahren jede Lücke und was noch unvollendet, störend, disharmonisch darin zurückgeblieben ist aus diesem Leben, und nicht bloß erkennen wird er diese Mängel, sondern fühlen mit gleicher Stärke des Gemeingefühls, als wir unsre körperlichen Gebrechen. Wie aber in uns der Gedanke am Gedanken sich reinigt von dem, was unwahr in ihm ist, und wie sich die Gedanken verknüpfen durch ihre gemeinsamen Momente zu höhern Gedanken, und jeder sich dadurch ergänzt in dem, was jedem fehlt, so werden auch die Geister in ihrem gegenseitigen Verkehr die Mittel ihres Fortschritts zur Vollendung finden.
Achtes Kapitel
Der Mensch verkehrt während seines Lebens nicht allein geistig, sondern auch materiell mit der Natur.
Wärme, Luft, Wasser und Erde dringen von allen Seiten in ihn hinein und strömen nach allen Seiten aus ihm wieder zurück, schaffen und wechseln seinen Leib; aber indem sie, die außer dem Menschen nur nebeneinander hergehen, sich in ihm begegnen und kreuzen, knüpfen sie einen Knoten, der des Menschen leibliches Gefühl und hiermit zugleich alles, was noch innerlicher ist als dies Gefühl, abschließt vom Gefühle der Außenwelt. Nur durch die Fenster der Sinne vermag er noch aus seinem leiblichen Gehäuse in die Außenwelt hineinzusehen und hineinzufühlen und wie mit kleinen Eimern etwas daraus zu schöpfen.
Wenn aber der Mensch sterben wird, so wird sich mit dem Verfaulen seines Leibes jener Knoten lösen, und der Geist, nicht mehr durch ihn gefesselt, wird sich nun mit völliger Freiheit durch die Natur ergießen. Er wird nicht mehr bloß die Licht- und Schallwellen empfinden, wie sie an sein Auge und Ohr schlagen, sondern wie sie im Äther- und Luftmeere selbst fortrollen, nicht mehr bloß das Anwehen des Windes und das Anwogen des Meeres gegen seinen darin gebadeten Leib fühlen, sondern in der Luft und dem Meere selbst rauschen; nicht mehr äußerlich im Waldes- und Wiesengrün wandeln, sondern Wald und Wiese mit den darin wandelnden Menschen fühlend durchdringen.
So geht ihm also nichts verloren im Übergange zu der höhern Stufe, als Werkzeuge, deren beschränkten Dienst er missen kann in einem Dasein, wo er vollständig und unvermittelt alles in sich tragen und empfinden wird, was auf der niedern Stufe ihm durch jene träge Vermittelung nur einzeln und äußerlich nahe trat. Was sollten wir auch in das folgende Leben noch Auge und Ohr mit hinübernehmen, um das Licht und den Schall zu schöpfen aus dem Borne der lebendigen Natur, da der Wellenzug unseres künftigen Lebens mit der Licht- und Schallwelle in eins gehen wird? Doch mehr!
Das Auge des Menschen ist nur ein kleines sonnenhaftes Fleckchen auf der Erde und hat vom ganzen Himmel nichts als lichte Pünktchen. Das Verlangen des Menschen, vom Himmel mehr zu wissen, wird hier nicht erfüllt.
Er erfindet das Fernrohr und vergrößert damit die Fläche und die Tragkraft seines Auges; umsonst, die Sterne bleiben Pünktchen.
Nun meint er, was das Diesseits nicht gewähren kann, im Jenseits zu erlangen, seine Wißbegierde endlich dadurch zu befriedigen, daß er in den Himmel kommt und fortan alles klar erblickt, was seinen irdischen Augen hier verborgen blieb.
Er hat recht; nicht dadurch aber kommt er in den Himmel, daß er Flügel bekommt, von einem Gestirne zu dem anderen oder gar in einen unsichtbaren Himmel über den sichtbaren Himmel zu fliegen; wo gab es in der Natur der Dinge dazu die Flügel; nicht dadurch lernt er den ganzen Himmel kennen, daß er nach und nach in immer neuen Geburten von einem Gestirne auf das andere getragen wird; kein Storch ist dazu da, die Kindlein von Stern zu Stern zu tragen; -- nicht dadurch gewinnt sein Auge die Tragkraft für die größten himmlischen Weiten, daß es zum größten Fernrohr gemacht wird; das Prinzip des irdischen Sehens will nicht mehr reichen; -- sondern dadurch gelangt er zu allem, daß er als jenseitiger bewußter Teil des großen himmlischen Wesens, das ihn trägt, an dessen Lichtverkehr mit den andern himmlischen Wesen bewußten Anteil gewinnt. Ein neues Sehen! für uns hienieden keines, weil unseres hienieden keines für den Himmel ist. Im Himmel schwebt die Erde selbst als großes Auge, ganz eingetaucht in die Lichtmeere der Gestirne und rings sich darin wendend, den Wellenschlag aller von allen Seiten zu empfangen, der sich millionen- und aber millionenmal kreuzt und doch nicht stört. Mit diesem Auge wird der Mensch einst in den Himmel sehen lernen, indem der Wellenschlag seines künftigen Lebens, womit er es durchdringt, dem äußern Wellenschlag des Äthers, der es umgibt, begegnet und ihm entgegen mit feinsten Schlägen durch die Himmel dringt.
Sehen lernen! Und wie viel wird der Mensch noch nach dem Tode lernen müssen! Denn mag er doch nicht meinen, daß er der ganzen himmlischen Klarheit, wozu das Jenseits ihm die Mittel bietet, gleich beim Eintritt mächtig sein wird. Auch diesseits lernt das Kind erst sehen, hören; denn was es anfangs sieht und hört, ist unverstandener Schein, ist Schall, worin kein Sinn, zuerst sogar nur Blendung, Betäubung und Verwirrung; nichts anderes aber mag das Jenseits den neuen Sinnen des neuen Kindes anfangs bieten. Nur was der Mensch aus dem Diesseits mitbringt, den gesamten Erinnerungsnachklang alles dessen, was er diesseits getan, gedacht, gewesen, sieht er mit dem Übertritt auf einmal in sich klar erhellt, doch bleibt er damit zunächst nur, was er war. Auch meine niemand, daß die Herrlichkeit des Jenseits dem Törichten, dem Faulen, dem Schlechten anders zugute kommen wird, als daß sie ihn den Mißklang seines Wesens dazu empfinden läßt und dadurch endlich nötigt, sein Wesen umzukehren. Schon in das jetzige Leben bringt der Mensch ein Auge mit, die ganze Pracht des Himmels und der Erde zu schauen, ein Ohr, die Musik und Menschenrede zu vernehmen, einen Verstand, den Sinn von alledem zu fassen; was frommts dem Törichten, dem Faulen, dem Schlechten?
Wie das Beste und Höchste des Diesseits, ist auch das Beste und Höchste des Jenseits nur da für die Besten und Höchsten, weil selbst nur durch die Besten und Höchsten verstanden, gewollt und geschaffen.
Also mag auch erst der höhere Mensch des Jenseits das Verständnis für den bewußten Verkehr des Wesens, das ihn trägt, mit den andern himmlischen Wesen gewinnen und selbst als Werkzeug in diesen Verkehr mit eintreten.
Ob nicht endlich doch die ganze Erde, allmählich immer engere Kreise ziehend, nach Äonen von Jahren in den Schoß der Sonne zurückkehren wird, dem sie einst entronnen, und von da ein Sonnenleben aller irdischen Geschöpfe beginnen wird, wer weiß es; und wozu not, daß wir es jetzt schon wissen?
Neuntes Kapitel
Die Geister der dritten Stufe werden in der irdischen Natur, von der die Menschheit selbst ein Teil ist, wohnen wie in einem gemeinschaftlichen Leibe, und alle Prozesse der Natur ihnen dasselbe sein, was uns jetzt die Prozesse unseres Leibes. Ihr Leib wird die Leiber der zweiten Lebensstufe umfangen als eine gemeinschaftliche Mutter, gleichwie die Leiber der zweiten Stufe die der ersten umfangen.
Nur das aber hat jeder Geist dritter Stufe von dem allen gemeinsamen Leibe als seinen ihm eigenen Teil, was er im irdischen Reiche fortentwickelt, fortgebildet hat. Was in der Welt durch eines Menschen Dasein anders geworden, als wäre er nicht dagewesen, ist sein ferneres Dasein auf der gemeinsamen Wurzel alles Daseins.
Zum Teil sinds feste Einrichtungen und Werke, zum Teil fortlaufende in sich kreisende und auf sich zurückschlagende Wirkungen, wie auch der jetzige Leib aus Festem und aus Veränderlichem, was an dem Festen seinen Anhalt hat, besteht.
Nun greifen aber alle Daseinskreise, welche das Leben der jenseitigen Geister tragen, durcheinander, und du fragst, wie ist es möglich, daß so unzählige sich kreuzen, ohne sich zu stören, zu irren, zu verwirren.
Frage doch erst, wie ist es möglich, daß unzählige Wellenkreise sich in demselben Teiche kreuzen, daß unzählige Schallwellen sich in derselben Luft kreuzen, daß unzählige Lichtwellen sich in demselben Äther kreuzen, daß unzählige Erinnerungswellen sich in demselben Haupte kreuzen, daß endlich die unzähligen Lebenskreise der Menschen, welche ihr Jenseits tragen, sich schon diesseits kreuzen, ohne sich zu stören, zu irren und zu verwirren. Vielmehr kommt nur dadurch ein höheres Leben und Weben der Wellen, der Erinnerungen, der diesseitig und endlich der jenseitig Lebenden zustande.
Was aber scheidet die Bewußtseinskreise, die sich kreuzen?
Nichts scheidet sie in irgendwelchen Einzelheiten, worin sie sich kreuzen; sie haben alles einzelne gemein; ein jeder hat es nur in anderen Beziehungen als der andere; das scheidet sie im ganzen und unterscheidet sie in höhern Einzelheiten. Frage wieder, was Wellenkreise, die sich kreuzen, unterscheidet oder scheidet; einzeln nichts; doch unterscheidest du sie leicht selbst äußerlich im ganzen; noch leichter werden sich Kreise, die innerlich selbst bewußt sind, auch innerlich selbst unterscheiden.
Vielleicht schon manchmal hast du aus einem fernen Weltteil einen Brief empfangen, gekreuzt beschrieben nach Länge und nach Quere. Was läßt dich beide Schriften unterscheiden? Nur der Zusammenhang, den jede in sich selber hat. So kreuzen sich die geistigen Schriften, womit das Blatt der Welt beschrieben ist; und jede liest sich selbst, als hätte sie den Platz allein, und liest zugleich die andern als solche, die sie kreuzen. Nicht bloß zwei Schriften freilich, unzählige kreuzen sich in der Welt; der Brief ist aber auch nur ein schwaches Bild der Welt.
Wie aber kann das Bewußtsein seine Einheit in so großer Verbreitung seiner Unterlage noch bewahren, wie vor dem Gesetz der Schwelle des Bewußtseins noch bestehn?[5]
Frag erst, wie es seine Einheit in der kleineren Ausbreitung des Leibes bewahren kann, deren Fortsetzung die große doch nur ist. Ist denn dein Leib, ist dein Gehirn ein Punkt? Oder gibt es einen Mittelpunkt darin als Sitz der Seele? Nein.[6] Wie's jetzt der Seele Wesen ist, den kleinen Zusammenhang deines Leibes zu knüpfen, wirds künftig ihr Wesen sein, den größeren des größeren Leibes zu knüpfen. Gottes Geist knüpft sogar den ganzen Zusammenhang der Welt; -- oder wolltest du auch Gott in einem Punkte suchen? -- Du wirst im Jenseits an seiner Allgegenwart nur größern Teil gewinnen.
Sorgst du aber, daß die Welle deines künftigen Lebens in ihrer Ausbreitung nicht mehr an die Schwelle reiche, die sie diesseits übersteigt, so denke auch daran, daß sie sich nicht in eine leere Welt hinein verbreitet, da sänke sie wohl rettungslos in den Abgrund, sondern in eine Welt, welche als ewiger Unterbau Gottes zugleich dem Deinigen sich unterbaut; denn nur auf Grund des göttlichen Lebens vermag die Kreatur überhaupt zu leben.[7]
So kann der Zaunkönig auf dem Rücken des Adlers leicht einen Berggipfel überfliegen, wozu er für sich zu schwach wäre, und endlich von dem Rücken des Adlers aus den allgemeinen Flug desselben noch ein Stücklein überfliegen. Gottes aber ist der große Adler wie das kleine Vöglein.
Wie aber kann der Mensch nach dem Tode des Leibes, des Gehirnes missen, des so kunstvoll gebauten, das jede Regung seines Geistes trug, das von den Regungen des Geistes noch weiter ausgebaut solche in immer größerer Kraft und Fülle trug. War es umsonst gebaut?
Frage die Pflanze, wie sie des Samenkornes missen kann, wenn sie dasselbe sprengt, ins Licht zu wachsen, des so kunstvoll gebauten, was durch Treiben des innern Keimes sich noch weiter in sich selber ausgebaut. War es umsonst gebaut?
Doch wo ist draußen ein gleich kunstvoller Bau, wie dein Gehirn, der es im Jenseits ersetzte, und wo gar einer, der es überböte; doch soll das Jenseits ja das Diesseits überbieten.
Aber ist nicht schon dein ganzer Leib ein größerer und höherer Bau, als Auge, Ohr, Gehirn, nicht über jedem Teil? -- So und unsagbar mehr überbietet die Welt, wovon die Menschheit mit Staat, mit Wissenschaft, mit Kunst und mit Verkehr nur ein Teil ist, dein kleines Hirn, den Teil von diesem Teil. Sieh nur, willst du zu einer höhern Ansicht dich erheben, in der Erde nicht bloß noch einen Ball aus trocknem Erdreich, Wasser, Luft; sie ist ein größeres und höheres einheitliches Geschöpf als du, ein himmlisches Geschöpf, mit wunderbarerm Leben und Weben in ihrem Oberraum, als du in deinem kleinen Gehirn trägst, womit du nur ein Winziges zu ihrem Leben beiträgst. Umsonst wirst du von einem Leben #nach# dir träumen, wenn du das Leben #um# dich nicht zu erkennen weißt.
Was sieht der Anatom, wenn er in das Gehirn des Menschen blickt? ein Gewirr von weißen Fasern, dessen Sinn er nicht enträtseln kann. Und was siehts in sich selbst? eine Welt von Licht, Tönen, Gedanken, Erinnerungen, Phantasien, Empfindungen von Liebe und von Haß. So denke dir das Verhältnis dessen, was du, äußerlich der Welt gegenüberstehend, in ihr siehst, und was sie in sich selbst sieht, und verlange nicht, daß beides, das Äußere und Innere, sich im ganzen der Welt mehr ähnlich sehe, als in dir, der nur ihr Teil. Und nur daß du ein Teil von dieser Welt bist, läßt dich auch einen Teil von dem, was sie in sich sieht, in dir sehen.
Und fragst du endlich etwa noch, was unsern weitern Leib, den wir so nennen, erst jenseits erwachen läßt, nachdem wir ihn doch schon diesseits ins irdische Reich hinausgetrieben, und er schon jetzt die Fortsetzung unsers engern Leibes ist?
Das selbst, daß dieser engere einschläft, ja vergeht. Nichts als ein Fall derselben allgemeinen Regel, die durchs ganze Diesseits reicht, Beweis, daß sie auch noch darüber hinaus reicht. Du Zweifler willst ja immer nur vom Diesseits schließen, also schließe.
Die lebendige Kraft des Bewußtseins entsteht nie wahrhaft neu, geht niemals unter, sondern kann wie die des Körpers, worauf sie ruht, nur ihre Stelle, Form, Verbreitungsweise zeitlich und räumlich wechseln, heut oder hier nur sinken, um morgen oder anderwärts zu steigen, heut oder hier nur steigen, um morgen oder anderwärts zu sinken.[8] Damit das Auge wache, du mit Bewußtsein sehest, mußt du das Ohr in Schlaf senken, damit die innere Gedankenwelt erwache, die äußern Sinne schlafen lassen; ein Schmerz am kleinsten Punkt kann das Bewußtsein deiner Seele ganz erschöpfen. Je mehr sich das Licht der Aufmerksamkeit zerstreut, so schwächer wird das Einzelne davon erleuchtet, je heller es auf einen Punkt trifft, so mehr ins Dunkel treten alle andern; auf etwas reflektieren, heißt von anderm abstrahieren. Dein Wachsein heut verdankst du deinem Schlaf seit gestern, je tiefer du heut einschläfst, so munterer wirst du morgen erwachen, und je munterer du gewacht hast, so tiefer wirst du schlafen.
Nun aber schläft der Mensch diesseits im Grunde stets nur einen halben Schlaf, der den #alten# Menschen wieder erwachen läßt, weil noch der alte da ist; erst im Tode den vollen Schlaf, der einen neuen erwachen läßt, weil der alte nicht mehr da ist; doch die alte Regel ist noch da, die einen Ersatz des alten Bewußtseins fordert, und dazu der neue Leib als Fortsetzung des alten; also wird auch ein neues Bewußtsein da sein als Ersatz und Fortsetzung des alten.