Das Bücher-Dekameron Eine Zehn-Nächte-Tour durch die europäische Gesellschaft und Literatur
Part 7
Zu einem Mädchen, das er gehabt, sagte der blondperückte Übersetzer Shakespeares: »Liebes Kind, vergiß nie diese weihevolle Stunde, wo A. W. von Schlegel dich küßte!« Ich nehme an, daß der Geck sie auf den Mund liebkoste. Die deutschen Essayisten haben dieselbe Gespreiztheit, aber sie haben ihre Muse mit dem gleichen Hochmut nur auf den Hintern geküßt. Sie haben nicht genug Geist, um klar sein zu können und sie verfügen über zu wenig Kenntnis der Welt, um einfach die Zeit zu erblicken, sie besitzen daher genügend Anmaßung, um das nicht einmal eingestehen zu wollen. Ein Essai ist kein dürrer Gaul, aber er ist auch keine fette Dirne. Er ist: man selbst.
Kam aber einer, der von dem liebenswürdigsten der Lessingperiode, von dem Peter Helfferich Sturz die Grazie, von Merck die Ironie, von Lichtenberg die tolle Bitterkeit hatte, kam ein Hahn, so schön wie Heine und prunkte seinem Erbteil noch den Kampfruf von europäischer Höhe hinzu, so schmähten ihn die seichten Enten der banalen Gewässer, aber die großen Chemiker der Prosa höhnten: Journalist. Ist dies Land nicht seltsam, wo die Berufe sich miteinander bombardieren, ein Musiker ein Schuster, ein Dichter ein Reporter, ein Journalist ein Schwärmer gezankt wird und wo Keiner Respekt hat vor der Vollendung, die jedes Handwerk zu erreichen in der Lage ist?
Geliebter Heine! Welche Fülle saß hinter seiner Glätte und welche Tapferkeit nistete in seinem Hohn. Welche Reife über seiner Eleganz und welche Idee hinter der zart gefalteten wasserklaren Verästelung der Begriffe! Ihm war der Tiefsinn nicht fern, und wenn er der schlechten Dunkelheit der Deutschen spottete, war er ihnen näher, weil er sie liebte, als wenn er mit Lot und Blei ihnen in ihren Wirrwarr gefolgt wäre, den er verachtete. Er konnte auch dies. Aber er wußte, daß es nicht darauf ankam, die Welt zu verschleiern, sondern ihr Geheimnis zu zauberschöner Figur zu enthüllen.
Er hat die schönste deutsche Prosa geschrieben, hat die Landschaft erlebt, seine Feinde gezüchtigt, seine Hasser übergangen, hat verachtet und maßlos Deutschland geliebt und um die Freiheit geworben wie ein Geliebter, und hat seine Sprache mit seinen Gefühlen durchschritten wie ein Page so erlesen und wie ein Gentleman so groß. Er hat versucht Sprache gesellschaftlich zu machen, und hat sie wahrlich aus den schönen Wäldern und aus den unklaren Schwülsten in die Üppigkeit eines noblen Barocks geleitet. Da aber schrieen genial erscheinende Strizzis, es habe zur Journaille hin gemeutert. Er hatte aber nur die Flüssigkeit einer Höhenlage erreicht, die ihn über alle in ihren Goldton stellte. Dann starb er im Exil, furchtbar von den Göttern heimgesucht, die ihm zu seinem Siechtum immerhin die Gabe nicht vorenthielten, es mit der inneren Schönheit seiner Sprache wie ein Genius zu überstehen.
Nichts, Mijnheer, wird uns gegeben, was wir nicht zahlen müssen, und für die Höhe jedes Glückes wird uns die Rechnung eines Tages gewiesen. Sie wissen es wie ich und ahnen, daß gutes Leben und beneidetes Schicksal nur in der Kunst besteht, mit der wir diese Narben maskieren. Tyche, die Glücksgöttin, die der Okeanos auswarf, hatte zwei Steuerruder in der gleichen zarten Hand, das des guten und das des üblen Ausgangs und lenkte sie, wie es ihr gefiel, indem sie die Sterne ansah, aber die wirklich Lebendigen haben immer ebenso wie die Spieler an sie als die nur richtig und glückhaft Steuernde geglaubt, weil ihre Steuerung oft ins Rechte führte. Schon Pindar jubelte ihr als dem unbedingt Glückbringenden zu, und der Sklave Servius Tullius setzte ihr Tempel, als er auf dem Throne saß. Man muß nur vertrauen.
Höben Sie jetzt ihre kleine Pistole Mijnheer, so schössen Sie ins Nichts, denn was sollten Sie anderes treffen als das heulende Dunkel um den Schnee. Und doch lockt es mich hinaus von den Kerzen, und von den verschneiten Wäldern zog es mich die ganze Nacht schon in die Dämmerbläue des Südens, obwohl ich nichts weiter wünsche, wie noch Wochen auf dem Berg hier zu bleiben und die Kämpfe des Frühjahrs mit dem Firnschnee zu sehen und zu empfinden, wie die schwarze Sonne des Mai die Matten auflodert zu Wolken von Geruch und den Schneeharsch der Nordseiten mit dem gierigen Maul der Panterin beleckt. Aber wie lockt mich toll der Gedanke an Brioni, daß ich den Hafen von Marseille wieder sehe und das Donnern der Jetée vor dem Blumengarten von Genf wieder höre. Es reißt uns immer aus einem Zustand des besitzenden Glücks in die Leere nach neuem und, seltsames Widerspiel der Kräfte, trägt uns die Blutfahrt von der Eroberung zu dem Verlassenen zurück. Welches Glück, welche Wanderschaft, mit der wir kreisen um unsere Achsen und, ach, welches Vertrauen, daß Tyche das Steuer richtig warf.
Im Norden Schwedens erzählte mir der Dichter Didring, daß es ihn treibe aus den wundervoll gewellten Wiesen, aus den Wäldern mit dunkelblauen Schatten Skånes und Smålands, im Lauf der Jahre, in die Gletscher aufzubrechen, die das Gebirge zwischen Lappland und Rußland formieren, bei den Bahnarbeitern in Baracken zu leben wie ein Hund, die Sonne aufgehen zu sehen wie einen geliebten Stern der Heimat und dann wieder, das Herz von Entbehrungen voll wie ein Wolf aber in Glück gebadet, zu den rauschenden Pappeln und den Silberwinden seines Südens zurückzufahren. Welcher Widerspruch, Mijnheer, der Gefühle, und wo, wenn dies unsere Wegfahrt ist, fängt Glück an, hört Glück auf? Denn, wenn es da ist, fühlen wir es nicht, und wenn es war, wissen wir es wohl, aber es ist schon Legende hinter den Wäldern und Jahren. Man legt sein Leben daran, es, wie die bengalischen Jäger den Tiger, mit Raketen aufzujagen und erkennen später vielleicht einmal, daß unbeachtet von uns, in der stillsten Stunde, auf einfachstem Lande, das Glück uns die Bestimmung und die lichteste Minute auf die Schultern warf. Was wollen Sie, was bleibt?
Weiterleben.
In Elis stand Tyche schon groß neben dem kleinen Halbgott der Stadt als die Schützerin, denn man glaubte so stark an ihren guten Wurf, daß sich die Zuversicht schon zum Monument verdichtete. Aber man war nicht gesonnen, anzunehmen, daß das Steuer nach der dunklen Seite falle, und die recht Lebendigen haben den Gedanken, daß das Furchtbare komme, stets mit der überlegenen Lache behandelt, mit der aus dem vollen Prunk des Rokoko der Herzog von Lauzun von dem Miserabelen sprach: »Ich behandelte es nach Kavaliersitte, es wurde zur Treppe hinuntergeworfen.«
Als wir vom Theater sprachen, dachte ich einen Augenblick, es sei vielleicht an der Zeit und ein guter Stil, die alten Häuser der Melpomene abzubrechen und mit Autos und Zelten durch die Hauptstädte der Welt und ihre Landschaft zu rasen, und, wo die Entfernungen nichts mehr gelten, die Kulte der Völker, von ihren wild gewordenen Maschinen aus, durcheinanderzuwerfen und so einen großen Stil der internationalen Vaganten wieder zu kreieren, aber auch die Völker wie mit Blitzen untereinander und ohne die üblichen Sentimentalitäten zu befruchten. Der Flieger Manucci stieg mit seinem Zweidecker über die Poebene und streute aus viertausend Meter die Asche seiner Geliebten auf das Land, das er liebte, und auch in seiner modernen Geste stak die sinnbildhafte Liebe zur Befruchtung. Warum sollte eine neue Generation nicht, da die alten Tempel überall versagen, vom Tempo ihrer Zeit aus, auch wenn es verbrecherisch ist aber wie alles Böse und Dämonische nicht ohne erhabene Schönheit, warum sollte eine neue Generation nicht ihren Ausdruck und ihre Zufriedenheit mit ihren verzehnfachten PS erjagen?
Aber als ich die Diva gereckt wie eine Liane und mit der Spannung der großen Katzen über den Körper durch den Schneesturm in das blendende Hell der Halle treten sah, reizte mich als das Zeitlichere die Filmform ihres Lebens. Denn diese Leute haben nicht nur Erfolge, sondern auch Wirkung, sie geben nur ihre Körper hin, aber sie sind nicht verpflichtet ihre Seelen hinauszuspeien. Sie haben den Beifall und das Publikum der Millionen, sie erreichen die Schichten der Menschheit, die keine Zeitung, keine Mobilmachungsordre, kein Gesetzbuchparagraph, selbst kein Beauftragter Gottes mehr erreicht und sie haben den einzigartigen Vorzug, daß sie nicht an die Sprache ihrer Heimat, sondern an die gesamte Menschheit nur verpflichtet sind. Welche Breite, welcher Radius.
Aber auch welche Fülle, wenn sie aus den elektrischen Kanonaden der Ateliers hinaustreten und ihnen, denen die Landschaft der Natur in ihrem Gewerbe lieblich schaukelt wie keinem anderen der Berufe, heute von den Sprunghügeln des Engadin herunterfegen können und morgen die Motorjachten des Züricher Sees überfüllen, später den Bobsleigh in Oberwiesental führen, Skijöring in Partenkirchen, Fuchsjagd über den Schnee Oberhofs und Kitzbühls treiben, auf den Kamelen von Tunis schwanken und ohne über einen Scheck von märchenhafter Größe zu erbleichen, sich beim Valutastand von einigen Tausend auf den Dollar nach den Prärien von Texas, den Quecksilberurwäldern Mexikos und den Bergen des Dalai-Lama aufmachen. Dies Leben ist zeitgemäß wie nur eines, denn es verneint alle Schwierigkeiten der wirtschaftlichen Krisen, hat die Richtung nach der natürlichen und prunkvollen Erhöhung des Daseins, ohne dabei seinem Wurfspieße zu entgehen oder sein Dunkel nicht zu kennen. Es ist allerdings keine Kunst.
Aber was ist Kunst? Gehen wir schlafen. Denn die Sehnsucht nach der Festlichkeit anderer Völker, nach Walpurgis auf Hasselbacken, nach Micarême in Paris, nach der Weihnacht der Magyaren schneit mit dem Triebschnee gegen die Züge der Fenster. Kunst ist: mit Dreißig Jahren sein Leben auszubalancieren, daß die Leistungen aber auch der Genuß in die erste Reihe des Möglichen treten. Je suis l'ami des bons jours. Aber ich liebe die Nächte auch. Schlafen Sie tief, aber nicht lang. Das Wetter ist ein Weib und wirft uns vielleicht Sonne durch den Morgen herein.
Die dritte Nacht
Das Wetter ist ein Weib, Mijnheer, die Sonne hat geschienen und in den Kerzen liegt noch das beglückende Gefühl dieser Minute, als das Gestirn, selber zitternd vor Wonne, die Riesenschleife über das Bärental begann. »Apportez-moi une femme,« schrie Bonaparte nach Marengo, er hatte das Wunder abgeschlossen und begab sich zu seinem Widerspiel in den Realitäten.
Wären Sie die Frau, Mijnheer, mit der ich vor Jahren einen halben Monat hier oben verbrachte, ich spräche lieber zu ihr wie zu Ihnen heute und ich sagte ihr statt Ihnen, weil man Gedanken aus einem Zustand der Beglückung nur an einen Gegenstand des Glückes zu adressieren vermag, ich sagte ihr:
»Liebe, im Schloßgrün Favorits ließ ein früherer Markgraf einen Türken aus dem Bett seiner Gemahlin ziehen, enthaupten und stellte das Monument seines Kopfs auf den lieblichen Brunnen, aber er vermochte nicht zu verhindern, daß das Auge des Mongolen das Schlafzimmer der tollen Dame mit einer mörderischen Melancholie im Blick hielt. Selbst den Tod tragen die Männer durch die Kunst den Frauen wie eine Bereicherung wieder zu. Wie viel heftiger muß ihr Leben jede Sekunde bereit sein, an sie verschwendet zu werden. Säßest du statt an dem Kamin, dessen Buchenfeuer dem Spiel deiner braunen Muskeln Salut knattert, nach sieben Frühlingen und sieben Sommern, die du mit mir verlebtest, an einer Bai, bei Sankt Malo am Hafen, in einem Fischerhaus Swinemündes, einer Villa Partenkirchens, ich umgäbe dich nach soviel Leben erst mit Kunst. Aber ich würde vorher versucht haben, dir alles zuzuführen, was an Entzückungen, Werten und Erfahrungen, an Reisen, Steinen, Wollüsten und Leiden mir zugänglich und auf dich übertragbar ist, so daß du erst aus dem vollsten Rahmen und glücklichsten Reifsein des Daseins heraus dich zu seinen seltsamen Spiegelungen in der Kunst wendetest, die manchmal noch gelungener aber, gestehen wir es, nie so sehr Himmelfahrt sind wie es selbst. Erst wenn man viel gelebt und fast alles erfahren, manches genossen und das meiste durchforscht hat, bekommt der Abglanz des gedachten und gestalteten Daseins jene wundervolle Süße, die dem Lebendigen sein Dasein bejaht und gereinigt zurückreigt.
Ohne das sind Bücher langweilig wie tote Ratten und das Leben nur hat »chien dans le ventre«. Ein schöner Mann flößt, wie die Chronik sagt, den Frauen Vergnügen ein, jedoch ein Buch von seinen Träumen allein dürfte sie beträchtlich verkühlen. Ich weiß, daß ich die Leiber des Rubens und Boucher und Ingres aber auch die der blühendsten Statuen erst begriff, als ich reell wußte, wie süß die Vertiefungen an den Gelenken der Lebenden, wie reich die Brüste, die mit der ganzen Wurzel den Busen umfangen, wie herrlich die Kreise über den Hüften, wie rührend die Übergänge des Brustkorbs und des weichen Unterleibes und wie heiß die Linien der Schenkel und Waden aus dem Leben selber entgegenschlagen. Und auch erst, als ich das dritte Jahrzehnt meines Daseins rastlos benutzte, alles zu wissen und das Mögliche zu erfahren aber das Unausdenkbare selbst noch zu erfassen, erst nach dem Gelebten gelang es mir in breiterer Fülle das Gespinst der Kunst und des zu Gestaltenden bis in die Tiefen zu durchprüfen, zu verwerfen oder zu begrüßen, je nachdem es unter dem Anhieb vor Berufung brannte oder als Schwindel verknallte.
Kunst ist keine Sache neben dem Leben her, sondern springt aus dem Dasein wie ein Tier aus der Mutter und wird begriffen nur durch das Beispiel der großen Erzeugerin. Es ist verächtlich, der Kunst leben und das gewaltig sie überrollende Leben nicht sehen zu wollen, aber jedes weit und herrlich gelebte Dasein kehrt, zum mindesten in dem erreichten Gleichmaß seines Wuchses, als Beispiel der Vollendung zur Kunst zurück.
Was man Frauen sagt, muß man vorsichtig sagen. Es wird zu leicht eins vom andern getrennt. Als Herr Herwarth Walden, berühmt durch die Proklamation wichtiger Maler der Moderne und scheinbar auch durch Kompositionen eigner Hand, in Paris bald nach dem Krieg ein Konzert gab, schrieb er in seiner Zeitschrift, es sei ein immenser Sukzeß gewesen, selbst der chinesische Gesandte habe als dem ersten europäischen Konzert seines Lebens dem seinen beigewohnt. Der Gesandte aber hatte lachend später gesagt, er habe geäußert, zwar detestiere er Musik und sei unbeschreiblich unverständig auf diesem Gebiete, aber in Anwesenheit so schöner Frauen (die ihn mitgebracht), habe er zum erstenmal in seinem Leben es vermocht, einer Musiksache beizuwohnen bis zum Ende. Ich will sagen, um mich deutlich zu fassen, es verdrießt mich zu sehen, wie die Frauen mit Buddhas Sprüchen und Konfutses Epigrammen und des Grafen Hermann Keyserling (in Darmstadt für die ihn unterstützenden jüdischen Finanzleute Deutschlands modisch aufgezäumten) Freibeuter-Wahrheiten herumlaufen, Frauen, deren Lebensradius kaum den Kilometer ihrer Heimatstädte durchmißt und die von Kindergebären und Motorrädern ebensowenig wissen, wie sie davonlaufen, wenn sie einen Epileptiker fallen sehen. Ich finde es komisch, eine Blaugestrumpftheit gegen das Dasein zu züchten, statt die blassen Literaturhyänen erst durch das erlebte Dasein auf diese Papiersachen loszulassen. Es verdrießt mich, Sportmädels mit schönen Körpern mit dem Strindberg und Dostojewski unter dem Arm durch die Landschaft rennen zu sehen, als sei es nicht der offenbarlichste Greuel, zu so viel Frische so viel wohl künstlerischen aber abscheulichen Ballast zu packen, und als gehöre zu der Anmut der kühnen Jugend nicht die Feurigkeit und der freche Adel eines apollonischeren Dichters.
Ach, es versteht niemand mehr heute die Kräfte und die Mittel zueinanderzupassen, und die ausgewählten und füreinander bestimmten Elemente des Lebens marschieren nicht zueinander. Die Frauen tragen Kostüme, die ihrem Wuchs nicht entsprechen, essen Krebse im Frühjahr, Gänse im Sommer, Aale im Winter, und tragen Farben, die barbarisch die Natur rebellieren, statt dem Beige der Birke im Herbst und dem gedämpften Lila des Rhododendron im Frühling oder dem gepflegtesten Grün der atlantischen Zeder im Sommer sich anzuschließen. Sie treiben den Sport, der ihrem Körper nicht paßt, entblößen die Partien, die sie verschweigen sollen, und verhüllen die Décolletés, die am vorzüglichsten sie ehren. Sie fahren in Wagen durch die Parks, in denen man an Fontänen auf dem Rücken liegt, und pilgern zu sportlichen Festen in Wüsten von Sand und Asphalt, die man mit den schnellsten Motoren gern flöhe. Sie reisen zu Zeiten, wo die Hitze jede Landschaft unerträglich macht und verkennen die schönen Falten der Jahreszeiten, wo im anschwellenden April und im ausgeweiteten Oktober der Glanz des Jahr-Beginns und das Kupfer seines Endens voll Schönheit unser Klima überfunkelt. Sie wissen ihre Zeit nicht zu ihrem Leben zu passen, scharen sich zu ihrem Widerpart, treffen ihre Glückskrisen an den abscheulichsten Stellen, pflegen ihre Körper zu den falschen Jahreszeiten und wenn sie suchen ihr Leben mit dem Adel einer Haltung zu vereinen, züchten sie einen Geschmack von Blech oder eine Kultur von Benzin.
Ihre Hände sind wohl manikürt und auf den Nägeln gerötet aber sie haben nicht die glücklichen Linien beachtet und wissen die Siegeszeichen und die des Todes nicht von denen der tötlichen Anmut und der Bestimmung zur rasenden Liebe zu unterscheiden. Sie haben Risse zwischen sich und ihrer Umgebung, sind geblendet vor ihrem eigenen Blut und wenn sie ihren Stil zu haben glauben, haben sie den Schwanz ihres Bullis in der Hand oder das Hirn eines anderen in der Pfanne oder statt dem Geliebten den Kühler des Autos am Herzen. Du lächelst. Ich rede wie ein Père noble der französischen Bühne. Eine kluge Frau zu lieben, sei das unbestrittene Vorrecht der Päderasten, sagte lachend ein Wüstling, aber er wußte nicht, daß es Frauen gibt, die den Vorzug besitzen, ihren Verstand nicht aus den Schriften von Waldemar Bonsels oder des Doktor Steiner aus Stuttgart, sondern aus einem alles klug beherrschenden aber sich nicht versagenden Leben genommen zu haben.
Säßest du mit mir an jener Bai, über der Bucht von Sankt Malo, an einem Hafen, in einer Villa von Rottach und wir dächten: wie sind wir gewandert, welchen Genüssen und welchen Schmerzen haben wir, einander noch frisch wie Geliebte, am Busen gelegen, da baute dann ich eine Welt wohl um dich von Büchern und du durchschrittest sie wie den Spiegelsaal von Versailles, der jede Linie deines Wuchses schöner zurückgab. Du fändest dich in jedem Abenteuer und in jeder Verdammnis. Aber keine Wollust, die du genossen und keinen Traum, den du unterdrückst, den du nicht auch darin fändest. Das wäre nicht erlesen Gekünsteltes, sondern du fändest die Welt einfach wieder und würdest nun klarer zu ihr geführt.
Mit einem deutschen Fürsten, belesen wie keiner der Schriftsteller Deutschlands, die selbst ihrer sechzig Jahre Bildungslosigkeit und Faulheit nicht ekelt, redete ich in seinem Weinberg von seinen Büchern und er machte den Unterschied, der mich verblüffte, zwischen Büchern für den Salon und den anderen. Er gab seiner Geliebten bestimmte Sachen nie aus einem Gefühl der Grandezza, während im Leben er ihr keine Rundfahrt der Leidenschaft versagte. Ich fand dasselbe darin, wie in dem, was ich selber befolgte, nur schien mir, daß er seine seigneurale Reinlichkeit verwechselte mit dem Bestreben, nur das der Geliebten entsprechende stets zu nehmen und daß er aus der Gepflogenheit seiner Manieren heraus das für Ablehnen hielt, was in Wahrheit nur Auslese war, die sein Instinkt bestimmte.
Man schenkt nach seinem Geschmack, bildet nach seinem Gefühl, liest nach Temperament. Einer Sechzehnjährigen gäbe ich dasselbe wie einer von Vierzig, wenn ich den gleichen Flair für beide hätte, aber der von Dreißig würde ich vielleicht das Gleiche wie der von Fünfzig versagen. Mit Fünfundzwanzig entwarf ich den Plan einer Bibliothek, die man an zehn Armeekorps und in dreißig Fabriken sandte. Du könntest sie alle lesen, aber ich würde dir keines davon schenken. Ich würde mehr wollen und weniger, aber vor allem stets nur deiner Ruhe wie deinen Leidenschaften gerne das gleiche zitternde Erlebnis der Schönheit zuzuführen wünschen. Alles andere ist hors de ligne. Was ich täte? Was man im Gefühl hat, hat man nicht im Kopf wie die kleinen Lyriker, die ihre Zehngroschenverse stets zur Rezitation bereit tragen. Was ich dir brächte nach soviel Abschreibungen, Pathos und Abschweifung? Ich weiß es nicht.
Wenn du weiße Haut hättest, wäre es anders, besäßest du Lotosaugen statt die eines Vogels, wäre mein Einfall ein wieder erneuter. Ich brächte dir, was für dich paßte aus diesem Erleben, aus jener Reise, aus dieser Beglückung und aus irgendeinem Zorn. Und ich könnte dir höchstens heute so, morgen anders spielerisch gleich den Wolken des Kamins eine Welt der Literatur an die Wand malen, wenn du wünschest, daß ich dich mit Träumerei unterhalte. Denn ich liebe die Welt vor allem um ihres Wechsels und ihrer Lust am Spiele willen, und wenn du nicht die Fähigkeit hättest, aus allen Lagern deiner Seele und allen Fallen und Festlichkeiten deines Körpers in immer andere hineinzuspringen, hättest du an mir schon lange nicht mehr den Jäger.
Geliebte Diana.
Ich ließe vor allem der Wildheit, mit der du die Hänge befährst, die Eleganz des Geistes und das Seltene der Vergangenheit von ähnlich vollendeter Anmut sich gesellen. Du lerntest zuerst, eh du die Grazie der Franzosen erführest, das Deutsch des Mittelalters. Dem Mittelhochdeutsch naht der Deutsche sich noch immer mit der barbarischen Geste des Gunther, der, als er zum erstenmal zu Brünhild ins Bett sprang und ihre Nüancen nicht beachtete, erlebte, daß sie ihn fesselte und an einen Nagel der Wand hing. »Er wânde vinden friunde: dô vant er vîntlichen haz.« Du lerntest so das verlorene Paradies von des Reuenthalers derben Späßen bis zu Walthers Süße, von Hartmans Wundern im »Iwein« bis zu Wolframs Herbe und des Alten Reinmars Seligkeit. Jede Übersetzung ist eine lächerliche Dreistigkeit, denn man kann eine höhere Sprache nicht mit einer niederen übertragen. Wir haben heute wohl gelernt, Tempos wie die Teufel in die Sprache zu bringen, Raffiniertes bis zur Verzweiflung auszudrücken und Begriffe bis ins Aschgraue zu benennen und zu finden, aber den Wohllaut der Musik und die Einfachheit der klar blitzenden Welt und die große Verzücktheit der Gefühle erreichen wir nicht wieder. Wer aber glaubt, ohne Studium, den Fall der Vokale, die Trennung der Diphthonge, die Rhythmik der Satzbogen verstehen zu können, begeht die gleiche Dummheit wie jener, der ihrem Wesen nah zu sein denkt, weil die Worte alle den unseren ähnlich sind, aber fast alle verfeinerten und anderen Sinn bedeuten. Du wirst diese Bemühung nicht auf dich nehmen, ohne daß der Zauber, dem du begegnest, auf dich zurückwirkt.
Unser Hunger nach Dasein ist groß, das Leben zu kurz, unsere Bewegungslinie zu eng, wir können nicht alles haben. Aber jedes Genossene treibt uns nach mehr. Als im Jahre Zwölfhundert der Marschall der Champagne Villehardouin als erster Grande und Lebemann anfing, Geschichte zu schreiben und die Menschen mit der Gewalt eines Rubens in sein Gemälde hineinwarf, als der Pfaffe Konrad, der ein schlechter Künstler war, die »Kaiserchronik« schrieb, begann die Literatur der Briefe und Memoiren, uns die Völker und Menschen mit jungfräulicher Plastik heranzutragen. Statt dünner Schicksale, die mäßige Dichter gestalten, redet plötzlich die Phantastik der Zeit. Von den Aufzeichnungen des Kardinal Retz, der sich nur so ausdrücken konnte, daß er an eine Dame schrieb, und der den Atem seiner Zeit zur höchsten Höhe blies, über des großen Kanzelredners Bossuet Porträte verstorbener Fürsten, über Montesquieus erwachenden Blick für die Breite gelebter Zusammenhänge bis zu dem fabelhaften und glühenden Fresko, das der Herzog von Saint Simon von der Zeit des vierzehnten Louis schrieb, lernst du, deinen eigenen Erfahrungen die der großen Epochen und Menschen hinzufügend, einen Schritt mehr zur Weisheit.