Das Buch der Novellen. Erster Band
Part 19
Der Doctor lächelte. Sogleich lächelte die Kranke auch, denn sein Lächeln war für die Menschen immer das, was ein Sonnenstrahl für die Veilchen ist.
„Ja, wenn ich Dir, liebes Kind, damit eine Freude mach’, so werde ich spielen. Mutter Anna, Ihr holt mir wohl gerne die Zither von meiner Stube, sie hängt neben dem Bücherschrank; der Schlüssel steckt an der Thür.“
Und ein altes Mütterlein, das nur die rechte Hand hatte -- die linke nahm ihm vor Jahren der Doctor ab -- humpelte jetzt fort und kam bald wieder mit dem Instrument zurück.
Auch alle Anderen waren leise herbeigekommen und stellten sich um das Bett und das Tischchen, an dem nun der Doctor saß und die Saiten stimmte.
Endlich tönten diese zusammen in harmonischem Vielklang, und als ein Liedchen zu Ende war, fragte der Mann etwas schalkhaft: „Gefällt das der Nothburga?“
Die Kranke lächelte und er spielte weiter.
Aber plötzlich brach er das Spiel wieder ab und heiter zu den alten Männern und Frauen gewendet, sagte er: „Was thätet Ihr sagen, wenn die Nothburga Frau Doctorin würde?“
Da lachten sie Alle und meinten: „Der Nothburga wäre das schon zu gönnen.“
„Ei, das wäre wohl kein Glück für die Nothburga. Ich bin ein Vierziger und bin grau und griesgrämig; ich gehöre hin, wo die Krankheit ist, und Nothburga blüht erst auf und gehört zum Leben. ’s wird schon Einer kommen, der das mitbringt, werde nur erst gesund, Nothburga!“
„Ach, so lang’ ich ihn noch liegen seh’ mit der großen Wunde,“ entgegnete das Mädchen leise und langsam, „und so lange sie den Martin nicht wieder zurückgeben und sagen: er ist unschuldig, so lang’ kann ich nicht mehr gesund sein.“
Der Doctor griff wieder in die Saiten, sang ein heiteres Lied und einen Jodler dazu, so recht derb und lustig, daß die Weiber sagten: „Na, und jetzt ist er wieder wie ein Bauernbursch oben im Gebirg.“
Nur das Ende war nicht so. Das letzte Ausklingen eines Jodlers hat ein so eigenartig, innig Lustiges, daß es nur der geborene Aelpler recht hervorsprudeln und austrillern kann; ein Anderer kann es nicht, das letzte Ausklingen gelingt ihm nicht.
Endlich erhob sich der Doctor und sagte zu Nothburga: „Und jetzt muß ich ein wenig arbeiten; die Josefa bleibt bei Dir. Bevor ich fort nach Dernau geh’, komm ich schon noch einmal. Wenn Du dann endlich etwas stärker bist, werde ich Dir was Lustiges sagen. Die Mutter Anna trägt mir wohl wieder die Zither auf meine Stube?“
Dann ging er, um sich nach Martin umzusehen.
Als er die Treppe hinabstieg, eilte ihm schon die Schließerin entgegen: „Ach, man meint, man findet Euch gar nicht, Herr, kommt doch gleich hinab in den Hof, sie haben einen Todten gebracht!“
Und als der Doctor hinab kam in den Hof, da standen unter einem Vordach Leute, die lebhaft miteinander sprachen und Alle nach einem Fleck hinsahen.
Dort, auf zwei ineinander geflochtenen Baumästen lag der Todte. Es war das Leichentuch noch darauf, das der Wald und der Winter ihm geschenkt hatte; man wollte nichts an der Leiche anrühren, nicht einmal den Schnee herabfegen, so lange nicht der Arzt kam.
Als dieser nun dastand, traten drei Bauernbursche, wie sie ihm am Morgen im Walde begegnet waren, heran und sagten: „Haben heut’ einen traurigen Fund gemacht!“
„Wir sammeln dürres Gefälle zu Brennholz,“ erzählte einer der Burschen, „und waten so im Schnee herum. Sagt auf einmal der Georg -- Du, sagt er, da liegt auch ein nutzes (beträchtliches) Stück, das müssen wir heraus ziehen. Und wie er den Haken in den Schnee haut, sagt er: Das ist ja gar kein Holz! -- Nein sag’ ich, was wird’s denn sonst sein? und hau auch in den Schnee. Jesus, schreit d’rauf der Georg, eine Menschenhand! und -- ’s war nicht anders. Rechtschaffen g’schreckt hat’s uns und wir haben Keiner wollen angreifen. Sagt noch der Poldl: Ziehen wir ihn nur in Gottesnamen heraus, muß halt erfroren sein; zuletzt ist er gar nicht todt, er ist noch völlig weich. Und so haben wir ihn aus dem Schnee gezogen, haben ihm gleich Schuh’ und Strümpf’ herab gerissen und die Füße gerieben. Und wir haben ihn gerüttelt und noch stärker gerieben -- nein, was wir gearbeitet haben! Aber ’s war halt aus und vorbei. ’s ist ein wildfremder Mensch, wohin sollen wir ihn denn tragen als in’s Armenhaus? Wir haben noch gerathen und hin und her geredet; der Doctor ist heut’ dort, haben wir gesagt, und der wird schon wissen, was zu machen ist. Ein rechtschaffen trauriges Geschäft! -- Und da haben wir ihn jetzt.“
Sofort besichtigte der Doctor die Leiche. Es war ein junger Mann mit langen blonden Locken. Augen und Mund waren halb offen, von dem linken Mundwinkel über die Wange war eine röthlich braune Eiskruste -- der Verunglückte mußte aus dem Mund geblutet haben. Hände und Füße waren blau angelaufen. Das Beinkleid war von grauer Leinwand, der Rock aus Loden. Um den Hals hing der Leiche eine Sackuhr mit zerbrochenem Glase.
Ohne ein Wort zu sagen, löste der Doctor die Uhr ab und legte sie nebenhin auf ein Brett. Dann untersuchte er Schädel und Hals.
„Erfroren ist der Mann nicht,“ sagte er, „es zeigt auf einen Fall, es ist das Genick gebrochen.“
„Du ewiger Heiland!“ schrie die Beschließerin plötzlich, „Doctor, das ist ja Euere Uhr und der ist gewiß Euer Räuber!“
„Mag wohl sein,“ sagte der Mann ruhig, „tragt jetzt die Leiche in die Todtenkammer, alles Andere werde ich schon besorgen. Den Gotteslohn für das Hertragen aber müßt Ihr Euch wohl beim Gericht holen.“
Und die Bursche hoben die Leiche und trugen sie in die Todtenkammer.
Der Arzt ging in das Zimmer, wo Martin war. Dieser lag in mehrere Decken eingehüllt auf dem Ledersofa und schlief.
Der Doctor stand sehr lange vor dem Schlafenden und sah ihn an. -- Beide, die noch vor wenigen Stunden gemeinsam auf Verbrecherpfaden wandelten, schlafen nun. Beide sind gerichtet. Der Eine wird nicht mehr erwachen; sein Staub, der den Menschen einst Uebles gethan, wird Blumen und Rosen bringen. -- Der Andere wird wieder erwachen zu seinem alten, elenden Leben, und sein Leben wird noch elender sein, als bisher. Elend am Geist, ist er nun auch elend am Körper -- elend zum Erbarmen, unglücklich und immer unglücklich, bis zum Sterben. Und hat er nicht das Recht zu einem hellen, freudigen Leben wie jeder Andere? --
Langsam schritt der Doctor über die Treppe, ging in seine Stube und schloß sich ein. Zitternd klangen die Saiten in das Gemüth des Mannes:
Ihr führt in’s Leben ihn hinein, Ihr laßt den Armen schuldig werden. Dann übergebt ihr ihn der Pein...
Der Mann sah durch das Fenster hinaus in den Wintersturm. Das ist die Erde. -- -- --
-- -- -- Und Nothburga ist so jung und schön, sie ist eines besseren Schicksals würdig. Und Martin ist ein Narr, er sucht das Reich Gottes unter den Menschen. Noch ist er jung -- in seinem ferneren Leben wird er’s immer mehr einsehen, daß er vergebens gesucht, daß sein Jugendstreben eitle That eines Träumenden war, daß sein Leben ein verlorenes ist. Allen Halt einer Erziehung und geregelten Ausbildung entbehrend, wird er mit sich und Allem zerfallen. Das empfindsame, weiche Gemüth, sonst die erste Bedingung eines guten Menschen, wird diesem Manne zum materiellen und moralischen Verderben, denn es hat von seiner Umgebung doppelt tief die Eindrücke fanatischer, vorurtheilsvoller Gebilde aufgenommen, das Gegengewicht aber, eine freie, planmäßige Ausbildung entbehren müssen. -- So ist er das geworden, was er ist, ein edles Wollen ohne Plan, eine redliche Seele im Wahn, eine Kraft auf falscher Bahn. -- Zu sehr befangen in sich, wird alle äußere Einwirkung auf ihn erfolglos bleiben -- er fährt einen seltenen Weg, aber er fährt rasch und rettungslos in’s Verderben. -- ’s wär’ ein Glück für ihn, wenn’s aus wär’. -- --
An diese Gedanken des Doctors reihten sich noch andere, schwerere, dunklere -- endlich fuhr er rasch in die Saiten der Zither. Dann öffnete er einen Fensterflügel und ließ eisige Luft herein strömen. Eine große Schneeflocke fiel auf die Saiten und löste sich langsam und sanft auf dem klingenden Tonbrett...
* * * * *
Der Doctor schrieb Briefe an das Bezirksamt und das Kreisgericht. Dann ging er in seine Apotheke, die neben der Bücherstube war, und arbeitete eine Zeit.
Als es Mittag wurde, stieg er hinab zur Stube Martin’s. Dieser saß bereits auf seinem Lager und blickte wirr und verloren umher.
„Hab’ schier nicht gewußt, wo ich bin,“ sagte er zum Doctor und lächelte ein wenig. „Es ist mir gewesen, als hätt’ ich es schon gefunden; ich hab’ immer zu hoch geschaut, wo die Blumen sind und wo die Menschen lachen und weinen. Aber es liegt tiefer, Herr, es liegt tiefer, es liegt dort, wo die Blumen ihre Wurzeln haben. -- Da schaut nur, ich liege unten, aus meiner Brust schlägt ein Keim hervor und dieser wächst herauf. Da wird er grün und weiß und roth und mitten im Kelche liegt ein Samenkorn. Da kommt ein Vöglein und dieses trägt das Samenkorn hinaus zu den Menschen; diese lachen und werfen es unter das Gestein. Aus dem Gestein wächst nach tausend Jahren ein Kraut, und das ist das Kraut für das Menschenglück. -- In meinem Leben hab’ ich nicht so wunderlich geträumt! Wenn’s wahr wär’ und wenn’s halt doch wahr wär’, so möcht’ ich Euch wohl bitten, laßt mich hinab legen!“
Der Arzt faßte die linke Hand Martin’s und forschte nach dem Blutlauf, dann ließ er dem Kranken ein kühlendes Getränk bringen.
Später untersuchte er das wunde Bein, es war in Ordnung. Dann als Martin ganz wach und ruhig geworden war, sagte der Doctor: „Nun, Martin, magst Du mir erzählen, wie Dir’s bei Gericht ergangen ist und wie Du in den Wald und vor meinen Schuß kamst?“
Das Leben des Wurzelgrabers bis zu jenem Kirchweihfeste war dem Doctor bekannt; Martin erzählte also sein Schicksal von seiner Gefangennahme durch die Holzknechte bis zur Stunde, wo er veranlaßt durch den Fremden im Walde in der Absicht, den Reiter vor dem Erfrieren zu retten, das Pferd anhielt.
Sein Erzählen war ziemlich zusammenhängend und ruhig, und als er damit zu Ende war, sagte er heiter: „So und nicht anders war’s, und jetzt mein’ ich, ist mein Fuß auch gut.“
Der Doctor war nachdenkend. ’s ist auch nicht begreiflich, warum man Dem Bleikörner in das Bein jagen muß, der Einem das Leben retten will?
„Ich werde jetzt nach Dernau gehen, komme aber morgen wieder, um zu sehen, wie es Dir geht,“ sagte der Arzt, „sei schön ruhig und thue so, wie es die Pflegerin verlangt, dann wirst Du bald gesund sein, und wenn Du gesund bist, so werden wir zusammen vielleicht einmal was Fröhliches erleben.“
„Ich hätt’ Euch wohl noch um was bitten mögen, Doctor!“
„So sag’s nur gleich, Martin, sei zu mir ganz offen.“
„-- Da hab’ ich auf der Kirchweih mit einem Mädl getanzt -- Nothburga heißt es, und ich kenn’ es schon länger, es war die Schwester von Dem, den sie auf der Kirchweih erschlagen haben. Nothburga wird gewiß glauben, ich bin noch im Gefängniß und ich bin wirklich so schlecht, weil sie mich in’s Gefängniß geworfen haben. Wir haben sonst gar nichts miteinander, ich und die Nothburga, aber ich mag nicht, daß sie so schlecht von mir denkt, und da hab’ ich Euch halt bitten wollen, daß Ihr ein paar Zeilen für mich an die Nothburga schreibt; sie wohnt oben im Freiwaldgraben beim Wegmacher Hans, der ihr Vater ist.“
Der Doctor versprach, das zu besorgen, und verließ dann den Kranken.
Noch ging er in den Saal hinauf, wo viele Betten standen, und zu Nothburga. Sie lag ruhig auf ihrem Polster und hatte ein Gebetbuch in der Hand.
„Ich werde jetzt fortgehen und erst morgen am späten Mittag wiederkommen; sei immer hübsch ruhig, Nothburga, und thue, wie es die Pflegerin verlangt.“ Das sagte der Doctor noch zum Mädchen, faßte milde dessen linke Hand und hielt sie lange in der seinen, um den Blutlauf zu beobachten.
Dann gab er der Pflegerin, der Schließerin und Anderen Befehle über das ganze Hauswesen, besonders nachdrückliche über den Wurzelgraber und die Nothburga.
„Sollen diese hier genesen,“ sagte er, „so darf Eines von dem Andern vorläufig nichts wissen!“
So bestieg der Doctor seinen Braunen und ritt durch das Dorf. Das Schneien hatte aufgehört, Nebel lag über der ganzen, winterlichen Landschaft.
Der Doctor ritt nicht mehr durch den Wolfswald -- dort waren ja alle Pfade verschneit und verweht -- sondern er machte einen Umweg die Fahrstraße entlang. Diese war einsam und öde; nur dann und wann begegnete ihm ein Holzkarren, sonst wollte heute Niemand fahren.
Der Doctor ließ das Pferd langsam hintraben, hüllte sich dicht in seinen weiten Mantel und hing seinen Gedanken nach.
Seine Gedanken waren im Armenhaus zu Hochdorf, in seiner einsamen Stube zu Dernau und bei seinen Kranken in den zerstreuten Bauerngehöften im Gebirge, dann wieder waren sie draußen in der großen Welt und weit zurück in den längst entflohenen Jahren seiner Jugend.
* * * * *
Das Geschlecht der Grafen Preisheim war alt und berühmt, es hatte viel für das Vaterland geleistet. Als aber die große Zeit der deutschen Befreiungskriege kam, da konnte das Geschlecht seinen Mann nicht stellen; es war Niemand mehr davon da als ein achtzigjähriger Greis und dessen Enkel, ein Knabe mit goldigen Locken. Der Knabe war sehr kräftig und aufgeweckt und eines Tages nahm er das Schwert seiner Väter und wollte fort in den Krieg. Sein Großvater aber sagte: „Bleibe, Ludwig, Du bist noch ein Kind! Bis Du groß geworden sein wirst, werden schon noch andere Zeiten kommen, daß Du dem Vaterlande nützen kannst, bis dahin will ich Dich dazu erziehen.“
Der Knabe hing das Schwert in dem Waffensaale wieder auf, und dort hing es viele Jahre -- Ludwig nahm es nicht mehr herab.
Bis in das zwölfte Jahr blieb Ludwig in dem Schlosse seiner Väter und genoß die Erziehung des Großvaters, dann ging er in eine ferne Stadt und lernte die Weltweisheit, die in den Büchern steht.
Neben ihm auf den Schulbänken saßen auch noch viele andere junge Menschen, die dasselbe lernten, aber von geringerer Abstammung waren als er. Nur noch Einer saß in der Schule, der sich Freiherr nennen ließ.
Als Ludwig vierzehn Jahre alt war, erhielt er von seinem Großvater einen Brief, in welchem folgende Worte standen: „Mein geliebter Enkel! Die schweren Kriegszeiten haben unser Vermögen zerrüttet und den größten Theil desselben verschlungen. Lerne mit Fleiß und Ernst, daß Du im Stande bist, durch Dich selbst was zu werden. Dein treuer Großvater.“ --
Ludwig las den Brief, legte ihn dann in sein Schreibfach und studirte.
Ein Jahr später kam wieder ein Brief und dieser enthielt folgende Kunde: „An Seine Edelgeboren, den Grafen Ludwig Preisheim. Mir obliegt die traurige Pflicht, Ihnen den Tod Ihres Großvaters, des Herrn Grafen Roderich Preisheim anzuzeigen. Derselbe entschlief gestern nach einem kurzen Krankenlager selig in dem Herrn. P. Johannes, Pfarrer.“
Ludwig las den Brief, stützte lange den Kopf auf seine Hand, legte das Papier in sein Schreibfach und rüstete sich zur Abreise.
Als er nach Tagen heimkam in seine Vaterburg, ging er in das Zimmer seines Großvaters, sah den Stuhl an, wo er oft gesessen, und das Bett, in welchem er gestorben war. Dann ging er auf den Kirchhof, wo die Ahnengruft war, dort kniete er lange auf dem breiten Stein.
Dann entließ er alle Leute, die im Schlosse waren, verkaufte dasselbe und deckte die auf dem Gute liegenden Verpflichtungen. Weit drin im Gebirge besaßen die Preisheimer noch ein kleines, altes Schloß mit einigen Grundstücken; das verkaufte Ludwig nicht, sondern stellte einen Verwalter in dasselbe.
Als nun Alles so geschlichtet war, reiste Ludwig wieder in die ferne Stadt und studirte. Er wählte sich die Naturwissenschaften und die Medicin.
Zeit und Zeit ging nun ruhig dahin und wenn die Ferien kamen, lud er immer einen oder den andern seiner Collegen ein, mit ihm in die Gegend zu reisen, wo das Schloß stand.
Als Ludwig in das achtzehnte Jahr ging, da trug sich mit ihm was zu, was sich mit allen Studenten zuträgt, wenn sie in das achtzehnte Jahr gehen.
Er verliebte sich.
Und gerade um dieselbe Zeit verliebte sich auch der Freiherr, der mit Ludwig in einer Classe saß. Beide suchten in den freien Stunden einsame Wege, dachten an ihre Herzenskönigin und besangen sie durch selbst erfundene Verse.
Auf solchen Wegen trafen die beiden Jünglinge einmal zusammen, gestanden einander, daß sie liebten, und schlossen als Schicksalsbrüder engere Freundschaft. Aber diese Freundschaft war von kurzer Dauer, bald klärte es sich auf, daß die Mädchen, welche sie liebten, zusammen nur ~ein~ Herz hatten und daß dieses Herz einer Gärtnerstochter gehörte, die sehr schön war.
Als sich dieses aufgeklärt hatte, trat der Freiherr hin vor Ludwig und sagte: „Wir wollen uns duelliren!“
Darauf entgegnete Ludwig: „Wenn das Dein Ernst ist, so bist Du ein Narr, wie Alle, denen derlei Ernst ist. Das Mädchen selbst soll sagen, ob es Einen von uns nehmen mag, und welchen; demgemäß wollen wir dann ruhig handeln.“
Auf diese Worte schrie der Freiherr: „Graf Ludwig, Du bist ein Feigling!“ Da der Graf von sehr schöner Gestalt und allerorts beliebt war, so glaubte der Baron voraussehen zu können, daß das Mädchen denselben ihm vorziehen würde.
Von dieser Zeit an mußte Ludwig immer allein gehen. Seine Collegen wollten nichts mit ihm zu thun haben, sie grüßten ihn kaum auf der Gasse, in Gelagen stieß Keiner mit ihm an und auf der Bank des Lehrsaales, wo er saß, saß sonst Keiner, als er. „Ein gräflich Blut und solche Feigheit!“ flüsterten sich die Jungen hinter seinem Rücken zu.
Das that dem Jungen weh, weil die Collegen ihn mieden und sein gräflich Blut beschimpften und weil er die Gesellschaft bedauerte, die von derlei falschen Grundsätzen noch so allgemein beherrscht wurde, die aber die gebildete und maßgebende heißen wollte und von der er lernen sollte. -- Was der Bauer im Jähzorn thut und nach eingetretener Nüchternheit bereut, thut der Duellirende in kalter Ueberlegung und mehr noch -- weil er glaubt, sein gegebenes Ehrenwort rufe ihn, schießt er todt. Ehrenhalber wird Einer wegen nichtsbedeutender Albernheiten der Flegeljahre zum Krüppel gemacht oder zu Tode geschossen.
Dergleichen dachte unser junger Gelehrter oft und oft und dergleichen gab ihm nach und nach eine andere Richtung.
Er sonderte sich immer mehr und mehr von dem Menschenkreis, in dem er lebte, und begann mit demselben zu zerfallen. Er widmete sich ausschließlich seinen Studien und als sich aus denselben ein vorzügliches Resultat ergab, kam er zum Entschluß, seinen Wirkungskreis als Mensch und Staatsbürger auf ein Feld zu stellen, das unbeleckt von der Aftercultur, einen dankbaren Boden für würdige Mannesthaten bietet.
Wohl nahm er nach seinen vollendeten Studien in einem großen Lazareth der Stadt eine Assistentenstelle an, erwarb den Doctortitel, lebte im Allgemeinen aber abgeschlossen ganz seinen wissenschaftlichen Forschungen und den Nothleidenden.
Da stand aber gegenüber dem Armen- und Siechenhaus ein großes Palais, in welchem tagtäglich glänzende Mahlzeiten, Bälle, Ballete, Concerte u. s. w. wechselten und die reiche, moderne Welt ihre Orgien feierte.
Die Gegenüberstellung dieser beiden Häuser verleitete unseren jungen Doctor zum Nachdenken und zu Reflexionen, die für ihn quälend waren.
So wahr und ernst die Aufopferung des jungen Arztes für die leidende Menschheit war, so dachte er doch endlich auch an sich selbst, wie sich seine Zukunft gestalten müsse, daß sein Leben und Wirken auch zu seinem eigenen Wohle werden könnte.
-- Für dich, du Schwärmer -- sagte er dann oft in Gedanken zu sich selbst -- wäre eine Dorfgemeinde recht, draußen in irgend einem Bergwinkel bei einfachen Landleuten. Da könntest du ruhig leben, der Menschen Freund sein und sie dir zu Freunden machen, und da würdest du in Einheit mit der Natur dein Leben und Können und Wissen vervollständigen. Den Grafen ließest du hübsch hier in der Stadt, nur den Menschen nähmest du mit. Man meint, es müßte ja gehen! --
Und es ging.
Eine Zeitung brachte die Nachricht, daß in Dernau, einem großen Dorfe am Fuße der Alpen, eine Chirurgenstelle zu besetzen sei. Preisheim reiste in die Gegend, in welcher auch das Schloß lag, das ihm von den großen Besitzungen seiner Ahnen geblieben war, bewarb sich um die Stelle in Dernau, erhielt sie und zog nach wenigen Wochen für immer fort von der großen Stadt und gründete sein Haus und Heim unter den Bauern am Fuße der Alpen.
So lebte er nun in seinem kleinen Hause und in den ersten Jahren hatte er sehr viel Zeit zum Studiren. Es kam selten Jemand, der ihn zu einem Kranken holte; die Leute gingen lieber zu Winkelärzten und Curpfuschern, wie sie in der Gegend lebten, als zum fremden Doctor aus der Stadt, der immer einen schwarzen Rock anhatte.
Als aber die Zeit kam, in welcher der schwarze Rock seine Dienste nicht mehr versehen konnte, ersetzte ihn der Doctor durch einen grauen, wie ihn die Bauern und die Winkelärzte trugen.
Jetzt erst kamen sie -- zuerst für einen Kranken, der von anderen Aerzten aufgegeben war, und als dieser genaß, auch für andere; bald wurde er zu Lungenentzündungen und zum Typhus gerufen. Und Preisheim hatte Glück; den Kranken gewann er das Vertrauen ab und den Gesunden die Herzen. Er war sehr gewissenhaft; er gab nicht allein den Kranken die Mittel, zu gesunden, sondern auch den Gesunden, um nicht zu erkranken. Freilich sagte der alte Todtengräber einmal, als ihm der Doctor einen heilsamen Trank gegen das Fieber zu bereiten lehrte: „Ja, da bringt sich ja der Herr selbst um’s Brot!“
Aber der Herr hatte immer ein’s zu essen; für Zwei hätte es auch noch ausgelangt, aber der Mann schien ganz darauf zu vergessen. -- Ja, vielleicht wenn jene Gärtnerstochter da gewesen wäre! Unmittelbar vor seiner Abreise aus der Stadt hatte er sie noch einmal gesehen: wie er aus dem Siechenhaus trat, trug man sie hinein. Der Freiherr hatte sie geschickt. --
So klein und niedlich das Häuschen des Doctors war und so viel Arbeit es gab im Garten, in der Studirstube, in der Apotheke, die sich der Doctor selbst eingerichtet hatte, so schlug die Schwarzwälderuhr an der Wand doch Stunden, in denen es ihn schmerzte, daß er allein war. Da ging er wohl oft, die Hände auf dem Rücken, durch das Zimmer und dachte so nach über sich und über den Weltgang, und endlich ging er gar in das Stübchen seiner alten Haushälterin und sagte: „Hat die Barbara denn gar keine Arbeit für mich? Wenn nicht, so spiel’ mir die Barbara ein wenig was auf der Zither!“
Sie waren schon recht steif und ungelenk, die Finger der Alten, sie hatten schon viel gefaßt und gegraben im Leben, darum sagte Barbara auf des Doctors Bitte auch immer: „Mein’, das wird Euch aber gefallen, wenn ich klimpere! Lernt es doch selbst, Euere Finger sind noch gelenkig dazu.“
Und Doctor Preisheim lernte das Zitherspielen. Er spielte wohl die Lieder der Bauern, die Jodler und Almer, aber er spielte sie anders; er spielte schön, aber nicht ganz so lustig und frisch wie Andere im Dorfe, die es konnten. Es ließ sich bei seiner Zither nicht recht tanzen und aufjauchzen, man mußte zuhören, wie man dem Bachrauschen und dem Waldsäuseln zuhört, wenn man auf der Au ruht und träumt. Es war eigen beim Doctor, man sagte später, mit diesem Saitenspiel habe er Todtkranke kerngesund und Kerngesunde todtkrank gemacht. --
Das Schloß des Doctors lag nur wenige Stunden von Dernau im Orte Hochdorf. Der Mann ging öfters den Fahrweg, oder auch den Fußsteig durch den Wolfswald nach Hochdorf und sah das alte Mauerwerk von außen und von innen an. Außer dem Verwalter und einigen Dienstboten, welche die dazu gehörigen Felder bearbeiteten, wohnte Niemand im Schlosse. Düster und öde stand es da.
Der Doctor dachte oft nach, was damit anzufangen sei.
Ein Bauer wollte einen Theil des Gebäudes zu einer Heuscheune pachten, aber der Doctor war nicht damit einverstanden. Der Bauer sagte noch: „Nu, viel zu gut, mein’ ich, wär’ die Rumpelkammer just nicht dazu; es gehen ohnehin die Geister drin um!“
Und richtig, kaum ein Jahr vorüber war, gingen im alten Schlosse die Geister um -- mitsammt den Leibern.