Das blaue Fenster: Novellen

Chapter 11

Chapter 113,235 wordsPublic domain

So wurde diese Rede die eindringlichste und längste Predigt, die je gehalten wurde, und als der Morgen graute, war der Ritter so windelweich geworden in seinem verhärteten und verstockten Gemüt, daß ihm zum ersten Male aufrichtige Tränen in die Augen traten und ihm jämmerlich und ganz elend zumute war. Da war die Jungfrau aber erst in ihrer Rede bei dem Augenblicke angelangt, da Clarissa in das Leben des traurigen Heinrich eingetreten war. Und sie füllte die Morgenstunde mit der Aufzählung aller Schandtaten, die er ihr auf der Pilgerfahrt angetan hatte, wobei der Ritter nur leise mit dem Kopfe nickte und seufzte, da er nunmehr schon selbst einsah, wie verliebt er in dieses herrliche Wesen sei, das ihn hatte gen Rom geleiten wollen. Er weinte recht aus tiefstem Herzen, da ihn jetzt jedes rauhe Wort und jede unwirsche Bewegung, durch die er die gute Clarissa verletzt hatte, selbst schmerzte und peinigte und er nur den einen Wunsch hegte, alles wieder gut zu machen, was er verbrochen hatte.

So kam denn die predigende Jungfrau zu dem Augenblicke, da der böse Heinrich Clarissa zu sich ins Bett gezogen hatte: aber nun vergaß er ganz der Stacheln und Dornen, die ihn umgaben und richtete sich im Bette auf und flehte inbrünstig um Vergebung, und sie solle um Himmels willen ihm nicht auch noch diese Schandtat noch einmal erzählen, er liebe sie ja, wie er noch nie im Leben geliebt, mit einer so heißen Verehrung und achtungsvollen Liebe, daß er sich selbst eines so reinen und heiligen Gefühles nie für fähig gehalten hätte. Er schluchzte und verbarg sein Gesicht in den Händen, so schämte er sich, und zwischen echten Tränen rief er immer wieder: »Wenn ich nur wüßte, wie ich deine Verzeihung erlange! Ich liebe, ich liebe dich ja so heiß und innig!«

Diesen Augenblick aber benützte die heilige Jungfrau, um aus dem Zimmer zu verschwinden, und dies um so mehr, als sie schon vor der Tür die Schritte der wahren Clarissa hörte, die denn auch im selben Augenblicke, da die Madonna ihr Platz gemacht hatte, an das Lager des Geheilten trat. So hörte denn die verwunderte, glückliche Clarissa seine reinen und wahrhaften Liebesbeteuerungen mit jubelndem Herzen an, in der schönsten Verwirrung des Gemütes, das sich vor Glückseligkeit gar nicht zu fassen wußte. Sie legte ihre Hand sanft auf das Haupt des Ritters, der sie erfaßte und mit glühenden und innigen Küssen bedeckte und mit seinen Tränen netzte. »Ich habe dir dein Spieglein zerbrochen,« sagte er da und seine Lippen wurden weich und sanft, so daß die Worte aus seinem Munde liebreich und hold zitterten, »aber was brauchst du jetzt auch einen Spiegel, da du dich nur immerfort in meinen Augen anschauen sollst; du wirst dich darin erschauen, du Liebe und Holde, und wirst noch durch meine reine und echte Liebe verschönt sein!«

Da sah sie schon lachend in seine Augen, sie erschaute sich darin und erschaute sich doch nicht, so erfüllt waren die Augen von Liebe.

Und auf einmal war es den beiden, als ob ein wundervoller Duft das Zimmer erfülle, und da der Ritter sein Bettuch verschob, so waren die Splitter verschwunden und er lag mitten auf einem dornenlosen Rosenlager zwischen weißen und roten duftenden Rosen; also, daß nie ein Brautpaar ein schöneres und lieblicheres Brautbett gehabt hat.

Sie umarmten und küßten sich lange und mit dankbaren und glücklichen Lippen und noch am selben Tage machten sie sich auf, – nachdem sie sich in der Kapelle der gnadenreichen Madonna für ewige Zeiten vereinigt hatten, – um nach Schwarzenburg heimzuwandern.

»Denn,« flüsterte er ihr ins Ohr, »nach Rom zu pilgern ......« worauf sie glutrot wurde und ihr Gesicht an seiner Brust verbarg.

»Mein liebes, holdes, einziges Weib!« jubelte er, und, da eine Lerche sich vor ihnen tirillierend in die Lüfte schwang, da war es ihm, als ob seine Seele auch Flügel hätte, und plötzlich sang er der beschwingten Sängerin seinen Gruß zu:

»Tandarada, Tandarada! Welch ein Wunder mir doch geschah!«

Und er hat dieses Lied sein Leben lang weitergesungen!

* * * * *

Ihr lieben, guten Menschen aber, denen ich bis hierher wahrheitsgetreu und zu Gefallen diese Legende berichtet habe, nun seid mir nicht böse: ich weiß keinen Schluß dazu. Ich weiß nicht, wie sich der – Gott sei bei uns! –, wie sich der Böse mit der Mutter Gottes auseinander gesetzt hat! Und ob er auf seine gewonnene Wette sehr stolz ist! Denn ihr werdet doch gewiß, ihr guten und lieben Menschen, nicht verlangen, daß ich, nur um euch einen Schluß zu dieser Legende berichten zu können, mit ihm hätte sprechen sollen! Gott sei meiner Seele gnädig!

Aber eines ist wahr! In dem Kloster, daraus die Gräfin Clarissa von Schwarzenburg als Nonne entwichen, und fern, fern in der hohen Alpenkapelle, wo sie ihre armseligen Spiegelscherben der Mutter Gottes weihte, hängen zwei Bilder, von _einer_ Künstlerhand gemalt und beide berühmt ob ihrer Schönheit und Wunderkraft für unglückliche Liebesleute: die Madonna, die in der Hand ein Spieglein hält und sich holdselig und lächelnd in dem Glase betrachtet....

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Von =Hugo Salus= erschienen bisher:

=Novellen des Lyrikers.= Dritte Auflage. Egon Fleischel & Co., Berlin.

=Gedichte.= Zweite Auflage. Albert Langen, München.

=Neue Gedichte.= Albert Langen, München.

=Reigen.= Gedichte. Zweite Auflage. Albert Langen, München.

=Ehefrühling.= Fünftes bis siebentes Tausend. Buchschmuck von Heinrich Vogeler-Worpswede. Eugen Diederichs, Leipzig.

=Susanna im Bade.= Buchschmuck von Wilhelm Scholz. Albert Langen, München.

=Christa.= Ein Evangelium der Schönheit. Buchschmuck von Emil Orlik. Zweite Auflage. Wiener Verlag.

=Ernte.= Gedichte. Zweite Auflage. Albert Langen, München.

=Neue Garben.= Gedichte. Albert Langen, München.

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Verlag von Egon Fleischel & Co. / Berlin W 35

Novellen des Lyrikers

von

Hugo Salus

Preis geh. M. 2.—; geb. M. 3.—

=Aus den Besprechungen=

=Dresdner Anzeiger:= Mit dem Begriff Novelle im klassischen Sinne, im Geiste Maupassants etwa, darf man freilich nicht an diese überaus zarten Stimmungsbilder herantreten. Das Improvisierte, bisweilen Skizzenhafte des Rahmens, in dem uns ein Eindruck, subjektiv empfunden, lyrisch ausgesponnen, entgegentritt, ist von dem Greifbaren, ja Plastischen, das der Epiker geben will, himmelweit verschieden. Das aber gerade macht das ganze Freie, Urpersönliche des Verfassers aus, der ja nirgends den Lyriker verleugnen will, und dem epische Versuche im herkömmlichen Sinne gar nicht gelingen. Durch die lyrische Stimmung, die er in den besten Stücken ganz einheitlich festzuhalten weiß, durch eigenen Ton, der so gar nichts literarisch Gewolltes, oder gar Konventionelles hat, schlägt er uns in Bann. Es kommt Salus gar nicht auf die äußeren Geschehnisse, sondern auf das innere Erleben an. Ganz wundervoll ist das einem echten Dichtergemüt entsprungene Märchen: »Wo kommen die Kinder her?«

=Hamburger Nachrichten:= Einen besseren Titel hätte der Dichter seiner Novellen-Sammlung nicht geben können, denn aus jeder seiner Erzählungen spricht so unverkennbar der Lyriker, der zartbesaitete Gefühlsmensch, dem alles, was er sieht, viel weniger in realer Gestalt als vom Hauch der Poesie verklärt erscheint, daß man oft Verse und nicht Prosa zu lesen glaubt. Wenn man auch in manchen Dingen anders – nüchterner und deshalb vielleicht klarer – urteilt als Hugo Salus, immer achtet und schätzt man den feinsinnigen Poeten, dessen Bilder in wohltuender Reinheit vor uns erstehn, dessen Sprache den Stoff meistert und ihn beschwingt.

=Heimgarten, Graz:= Seltsame kleine Geschichten eines wahren Dichters in der feinen rhythmischen Sprache, an die uns Salus in seiner Lyrik bereits gewöhnt hat. Aus unscheinbaren, den profanen Blicken meist wertlosen Dingen und Geschehnissen erträumt sich seine Muse ihre wunderlichen Abenteuer und gestaltet sie zu kleinen Novellen, die man allerdings nicht »spannende Geschichten« nennen kann im landläufigen Sinn, die aber feineren Lesern ein willkommener Genuß sein werden in ihrer tiefen Symbolik und ihrem demütigen Gefühl für die Wunder des Lebens.

=Das Literarische Echo:= Der Lyriker, der uns diesmal Novellen darbietet, hat einmal in seinem ersten Versbuche ein sehr sinniges und schönes Sonett geschrieben, das nunmehr verleugnet ist. Damals sagt er:

Zu schmal ist meines Dichterhauses Schwelle, Die Tür zu niedrig. Des Gewandes Falten Muß selbst die Lyrik eng zusammenhalten Will sie besuchen mich, die sonnighelle.

Doch für mein Ideal, für die Novelle, Ist schon die Tür zu eng. – – –

Nun hat sie dennoch Eingang gefunden. Wenn man will, durch ein Hinterpförtchen, denn unter den schematischen Begriff der Epik lassen sich die zarten, duftigen Geschichten nicht so leicht einfügen, weil sie Bilder und Träume, spinnwebfeine Fabeleien und verlockende Plaudereien sind – Novellen des Lyrikers und nicht Novellen schlechthin. Der epische Kothurn fehlt; Salus sitzt nicht am Vorlesetisch, sondern näher, viel näher. Ein anheimelndes Gefühl, eine liebliche und vertrauliche Art liegt in der persönlichen Diktion – gleichsam als säße man freundschaftlich mit zusammengerückten Stühlen um einen Tisch, und einer, irgend einer, aber ein Kluger und Feiner, begänne mit einem Male eine Geschichte zu erzählen mitten in eine Plauderei hinein oder in ein Schweigen.

Jene schöne Mühelosigkeit, die das leichte und doch so geschickt gesponnene Gefüge von Salus Weisen uns lieb und wert macht, verleiht diesen Geschichten eine unliterarische, würzige Frische, eine Lebendigkeit und Beweglichkeit, die das Absichtsvolle, das ja in jeder belletristischen Schöpfung fühlbar wird, möglichst unterdrückt.... Nicht einen Neuen gewinnt man mit diesem Buche lieb, sondern den lyrischen Fabulanten, den klugen, geschmackvollen und feinsinnigen Dichter des Lebens, Hugo Salus, der selbst in der kleinsten Facette das Bild der großen Kräfte zu spiegeln weiß.

=Die Zeit:= In dem neuen Buche von Hugo Salus haben mich die Titelnovelle und »Das Register« entzückt. Die erste Novelle sollte die dramatisch bewegte Geschichte einer verratenen Frauenseele werden. Salus hatte die feste Absicht, es auf der »ehrenwerten Landstraße der Sprache, die auch einmal zwischen Kornfeldern und Kartoffeläckern dahinführt,« zu versuchen. Doch er ist Lyriker, und – »man ist nicht ungestraft zwanzig Jahre seines Lebens Lyriker, bloß Lyriker!« Er schweift von der ehrenwerten Landstraße immer ab, in »Blumengärten und feierlich rauschende Haine«, die Stimmungen lenken ihn ab, das Singen der Worte verführt ihn. Eine »echte, epische Novelle«, eine ordentliche Geschichte wird’s eben nicht. Aber in diesem Bekenntnis liegt so viel Feinheit und eine so liebenswürdige Ironie, in diesem spielerischen Vortrag ein so lebendiger und biegsamer Geist, daß ich die »Novellen des Lyrikers« für ein Kabinettstückchen der Prosa halte. Über den Titel freilich und besonders über den bestimmten Artikel darin ließe sich streiten. Die Storm, Keller und Meyer waren bekanntlich auch Lyriker, und auf der »ehrenwerten Landstraße« der Sprache haben sie dennoch mit viel Vergnügen und großem Erfolg getrabt. Es mag ihnen ja manchmal schwer geworden sein, die Zügel etwas straffer anzuziehen, aber sie haben es verstanden. Und schließlich versteht es auch – Hugo Salus selbst, wie »Der Handschuh«, »Der Becher der Mensane« und »Der Toast« beweisen. Nur weiß er, daß ihn alle Welt als den Sänger kennt, durch dessen Lieder die Sehnsucht mit prinzessinnenhafter Grandezza schreitet und aus dessen Versen Amoretten kichern. Darum glaube ich, daß er den Titel aus einer gewissen Koketterie hingeschrieben hat, wenn diese auch nicht frei von Wehmut ist. Als künstlerisches Eingeständnis kommt mir die erste Novelle jedenfalls ungemein interessant vor. Und nun möchte ich schnell über all die hübschen Stücke, die jedem etwas bringen, über all die ergreifenden Liebesgeschichten, phantastischen und sinnigen Erklärungen, übermütigen Nordseebilder und glückseligen Italienfahrten, zu der kleinen reizenden Novelle »Das Register« eilen. (Folgt Inhalt.) – Es ist ja nur ein zierlicher Einfall, dieses Geschichtchen. Aber mit der Kunst eines echten – Lyrikers erzählt. Bei dem närrischen, sentimentalen und liebreizenden Dialog der beiden Mädchen mußte ich an die Mädchengestalten denken, die Klimt auf seinem Schubert-Bild gemalt hat.

=Die Zukunft:= Die Leute, die zu tun haben, wenn andere dichten, streiten sich jetzt weidlich herum, ob diese »Novellen des Lyrikers« auch wirklich »Novellen« sind oder nicht. Sollte man’s heutzutage noch für möglich halten? So hängt uns also noch immer das Zöpfchen hinten und Schablonisieren und Kategorisieren ist noch immer die Seele von Tantchen Kritik? Salus hat doch deutlich gesagt, daß er »Novellen eines Lyrikers« geschrieben hat, und dieser famose Titel kann wohl allenfalls eine neue Richtung für Prosawerke schaffen, schließt aber doch von vornherein jede Taxierung und jeden Vergleich aus. Zum Glück ist man bei Bezopften und Unbezopften so ziemlich darüber einig, daß es sich hier um wahrhaftige Kunstwerke handelt, ob sie nun das Novellenpatent besitzen oder nicht. Eigentümlich ist diesen seinen Ich-Geschichten, die so persönlich anmuten, daß sie wie aus einem großangelegten Tagebuch herausgeschnitten scheinen, ihre Entwickelung aus dem Symbol. Dichterseelen sind hellsehend und für Salus sind die seltsamen Zusammenhänge zwischen den Dingen und ihren Wirkungen, zwischen dem Stoff und dem Geist eine märchenreiche Domäne, in der seine starke Phantasie sich – fast möchte man sagen: »mit Behagen« – ergeht. Das ist es auch, was diesen Dichtungen in Prosa ihre besondere Tiefe und Nachwirkung verleiht: Salus fabuliert in einem Lande, das nicht auf der Oberfläche der Empfindungen liegt; man muß gewillt sein, ihm ins Symbolische und oft auch bis ins Mystische zu folgen. Das gilt allerdings nicht von allen Stücken seines Buches; bei manchen herrscht scharfe Deutlichkeit und die Erzählung fließt sicher dahin wie ein wohleingedämmtes Bächlein. Bei anderen Stücken aber tritt die Symbolik in ihr Recht, der Phantasie des Lesers (wenn er eine hat) ist dann ein wohltuender Spielraum geboten, und er kann auch gewissermaßen (wenn er’s kann) ein bißchen mitdichten. In dieser intensiven Mitbeschäftigung des Lesers liegt dann die dauernde künstlerische Nachwirkung.

Eine Schwalbe, die in den Rachen eines hölzernen Todes fliegt, als dieser eben, als Spielzeug einer Turmuhr, zum Stundenschlag die Kinnladen öffnet, und die nun im Innern des Todes gefangen bleibt, bis die nächste Stunde sie wieder befreit: ein prächtiges Gleichnis für eine am Leben irrgewordene, verzweifelte Jünglingsseele, die eine Stunde lang den Schauern der Vernichtung preisgegeben ist, bis sie, mit neugewonnenem Lebensmut, wieder dem Licht und der Freiheit entgegenfliegt. In dieser Erzählung von der Schwalbe (und nicht in dieser allein) kommt Salus unserem lieben Meister Gottfried Keller in wunderliche Nähe. Noch bezeichnender für den Erzähler Salus ist wohl aber die feine und seltsame Geschichte »Hände«, in der sich uns ganz neue Empfindungsgebiete erschließen. Zu einem Sterbenden wird in der Nacht der Arzt und der Priester gerufen; und nun stehen beide an seinem Lager und jeder tut das Seine. Da bricht der Mond mit gespenstischem Leuchten durch das Fenster und nun reden die salbenden Hände des Priesters, die forschenden Hände des Arztes und die stillen, vergehenden Hände des Sterbenden im fahlen Mondlicht eine tief ergreifende Sprache. Drei einander fremde und ferne Welten, drei ungeheure Reiche aus dem Weltall der menschlichen Seele berühren sich in diesen Händen. Solches Hervorzaubern großer Ausklänge aus alltäglichen Geschehnissen ist für Salus sehr charakteristisch. Die tiefen Wirkungen dieser von der Frömmigkeit eines wahren Dichters verklärten Erzählungen entschleiern sich freilich eher einem naiv empfänglichen Gemüt als einem kritischen Kopf.

=Leipziger Tageblatt:= Mag er der großen und kleinen Kinder Frage: _»Wo kommen die Kinder her?«_ beantworten oder von der jungen _»Schwalbe«_ erzählen, die im Rachen der Turmuhr verschwindet und dabei zur Offenbarung für ihn wird, oder in _»Der Becher der Mensane«_ ein Märlein aus der Landsknechtszeit dichten, in _»Toast«_ tiefstes Frauenleid offenbaren, in _»Hände«_ eine sinnige Betrachtung über der Menschen Sterben geben und in _»Das Symbol des Lebens«_ ein Bild von hinreißender Schönheit und Tiefe, immer überwiegt das Lyrische, immer taucht der Erzähler seine Figuren und Geschehnisse in den Glanz und den Schimmer der Poesie. Aber der Leser darf dessen schon zufrieden sein, denn der auf diese Weise von dem Buche ausgehende Stimmungsreiz ist ein ganz außerordentlicher, und einen ebenso großen Genuß gewährt die künstlerisch ausgearbeitete, vornehme Sprache. Und als Drittes kommen das Licht und die Wärme der Darstellung in Betracht: die jauchzende Frohlaune in _»Seebad«_, die tiefe Innigkeit in den schon erwähnten Novellen »Wo kommen die Kinder her?« und »Das Symbol des Lebens«; empfängliche Gemüter werden davon bis in die Tiefe der Seele gepackt werden und sich nur schwer von dem Buche losreißen können.

=Nord und Süd= (Breslau): (Inhalt.) Wir dürfen nach solchem Wurf mit hohen Erwartungen den weiteren Prosaschöpfungen des Prager Poeten entgegensehen, dessen Persönlichkeit in ihrer echten Vornehmheit, sympathischen Liebenswürdigkeit und inneren Reinheit eine doppelt erfreuliche Erscheinung ist in einer Zeit, da selbst begabte Frauen – bei denen wir Männer anfragen müßten, was sich ziemt – wüste Dirnenlieder zu singen keine Scheu tragen.

=Westermanns Monatshefte= (Berlin): Manchmal sagt ein einziger Buchtitel zur Charakteristik einer Literatur- oder Geschmacksrichtung mehr als lange Untersuchungen und Abhandlungen. Wie mit Zauberschlag erleuchtet er ein ganzes Gebiet, das für das kritische Auge bisher im Dunkeln schwamm, das weder rechte Form noch rechte Farbe zu haben schien. Das war der Fall, als der Prager Schriftsteller _Hugo Salus_ vor kurzem eine Sammlung kürzerer Erzählungen unter dem Titel: Novellen des Lyrikers erscheinen ließ. – Auf einmal wußte man, was eins der entscheidendsten, wenn nicht _das_ Kennzeichen der jungösterreichischen Novellistik ist: der starke lyrische Einschlag, der allen ihren Geweben eigen. Arthur Schnitzler, J. J. David, Hugo Salus, Felix Salten, Karl Federn, Emil Ertl – sie alle verleugnen selbst da, wo sie, wie David in seinem »Übergang«, modern-naturalistische Stoffe ergreifen, die starke lyrische Ader nicht, die ihrem künstlerischen Organismus erst das Blut zuführt. Fast überall taucht Salus seine kleinen und großen Handlungen in Glanz und Schimmer, gibt in Prosa aufgelöste Rhythmen und hebt die Welt seiner Menschen mit zärtlichen Armen über das Alltägliche hinaus. Stoffe und Schauplätze der Salusschen Novellen sind so verschieden wie möglich: ein zartes, sinniges Märchen, das Kindern den Ursprung der Kinder mit naturwissenschaftlicher Wahrheitsliebe und doch feinem Herzenstakt deutet, steht neben einer geschehnisfrohen, in toller, überschäumender Lebenslust schwelgenden Landsknechtgeschichte; eine Landschaftsstudie vom Strande von Westerland steht neben einer kleinen Novelle, die ganz durchglüht ist von der sehnsuchtsvollen Freude an Italien, neben einem Stück Selbstbiographie, das ein Bild aus dem modernen Prag zeichnet, damit zugleich aber tief in die Geschehnisse einer menschlichen Seele hinableuchtet. Doch nirgends ist es eigentlich das Was, fast überall ist es das künstlerische Wie, das den Leser anzieht und fesselt, wie der Dichter selbst sich augenscheinlich weit mehr von den Worten und Tönen, von den Farben und Formen, von den Bildern und Symbolen als von der sachlichen Handlung und dem Fluß des äußeren Geschehens hat ergreifen lassen. Freunden romanhafter Ereignisse sind die »Novellen des Lyrikers« deshalb weniger zu empfehlen als artistischen Feinschmeckern und Liebhabern erlesener Kleinkünste.

_Dr. Friedrich Düsel._

* * * * *

Buchdruckerei Roitzsch, G. m. b. H., Roitzsch.

[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf Grundlage der Erstausgabe erstellt. Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen. Die Liste der bisher vom Autor erschienenen Bücher wurde zur Verlagswerbung ans Buchende verschoben.

p 059: Kapitelnummer hinzugefügt: I p 059: durch ihre schlechten Verhälnisse -> Verhältnisse p 084: Anführungszeichen ergänzt: ... sie ist eine Palma!« p 132: Die Tür im Hintergrunde des Zimmer -> Zimmers p 140: Ritterschlag der Liebe sollte empfahen -> empfangen p 151: mitten in den breiten Streifen Mondlichtes -> dem p 186: sehr gelahrter Heilkünstler -> gelehrter p 193: Bett täglich aufgeschüttet-> aufgeschüttelt p 193: den der Graf für sich hatte fertigen lasse -> lassen p 216: indem sie die Laken, das den Ritter bedeckte -> das Laken p 228: von dem Bildern -> den p 228: von der sachlichen Handlung und den Fluß -> dem Fluß ]

[Transcriber’s Note: This ebook has been prepared from scans of a first edition copy. The table below lists all corrections applied to the original text. The list of other books published by the author was moved to the end of the book next to the other advertisements.

p 059: added chapter number: I p 059: durch ihre schlechten Verhälnisse -> Verhältnisse p 084: added closing quotes: ... sie ist eine Palma!« p 132: Die Tür im Hintergrunde des Zimmer -> Zimmers p 140: Ritterschlag der Liebe sollte empfahen -> empfangen p 151: mitten in den breiten Streifen Mondlichtes -> dem p 186: sehr gelahrter Heilkünstler -> gelehrter p 193: Bett täglich aufgeschüttet-> aufgeschüttelt p 193: den der Graf für sich hatte fertigen lasse -> lassen p 216: indem sie die Laken, das den Ritter bedeckte -> das Laken p 228: von dem Bildern -> den p 228: von der sachlichen Handlung und den Fluß -> dem Fluß ]