Part 20
Der ältere lachte. »Das einzig Schreckliche in der Welt ist Langeweile, Dorian. Das ist die einzige Sünde, für die es keine Vergebung gibt. Aber wir werden darunter schwerlich zu leiden haben, wenn die Gesellschaft bei Tisch nicht etwa noch über die Sache viel Aufhebens macht. Ich muß den Leuten sagen, daß dieses Thema einfach Tabu ist. Und Omina --so was wie Omina gibt's nicht. Das Geschick sendet uns keine Herolde. Es ist zu weise dazu oder zu grausam. Übrigens, was in aller Welt sollte dir geschehen, Dorian? Du hast alles, was sich ein Mensch hienieden wünschen kann. Ich wüßte niemand, der nicht freudig mit dir tauschen möchte.«
»Es gibt keinen, mit dem ich nicht tauschen möchte, Harry. Lach' nicht darüber. Ich spreche die Wahrheit. Der elende Bauer, der da gestorben ist, ist besser daran als ich. Ich habe keine Angst vor dem Tode. Das Sterben ist's, wovor ich mich ängstige. Seine ungeheuren Flügel scheinen mich rings in der bleiernen Luft zu umschatten. Herr des Himmels, siehst du nicht, daß da hinter den Bäumen ein Mann auf mich lauert und mich beobachtet?«
Lord Henry sah in die Richtung, wohin die behandschuhte Hand zitternd wies. »Ja,« sagte er lächelnd, »ich sehe da den Gärtner auf dich warten. Er will dich vermutlich fragen, welche Blumen du heute auf dem Tisch haben willst. Wie lächerlich nervös du heute bist, lieber Junge! Du mußt gleich meinen Doktor konsultieren, wenn wir wieder in der Stadt sind.«
Dorian seufzte erleichtert auf, als er den Gärtner herankommen sah. Der Mann legte die Hand an den Hut, blickte erst zaudernd auf Lord Henry und zog dann einen Brief hervor, den er seinem Herrn überreichte. »Ihre Gnaden hat mir aufgetragen, auf Antwort zu warten«, sagte er halblaut.
Dorian steckte den Brief in die Tasche. »Sagen Sie Ihrer Gnaden, ich würde kommen«, sagte er kühl. Der Mann kehrte um und schritt rasch dem Hause zu.
»Wie gern doch die Frauen gefährliche Dinge tun!« sagte Lord Henry lachend. »Das ist eine von ihren Eigenschaften, die ich am meisten bewundere. Eine Frau ist mit jedem auf der Welt zu flirten bereit, solange andere Leute dabei Zuschauer sind.«
»Wie gern du doch gefährliche Dinge sagst, Harry! In diesem Falle bist du aber ganz auf dem Holzwege. Ich habe die Herzogin sehr gern, aber ich liebe sie nicht.«
»Und die Herzogin liebt dich sehr, aber sie hat dich nicht gern, also paßt ihr beide famos zusammen.«
»Du machst Klatschereien, Harry, und diesmal ist gar kein Grund zu Klatschereien vorhanden.«
»Die Grundlage für jeden Klatsch ist eine unmoralische Verläßlichkeit«, sagte Lord Henry und zündete sich eine Zigarette an.
»Du würdest jeden von uns bloßstellen, Harry, um einen Witz zu machen.«
»Die Welt legt sich aus freien Stücken auf den Opferaltar«, war die Antwort.
»Ich wollte, ich könnte lieben!« rief Dorian Gray mit einem tiefpathetischen Klang in seiner Stimme. »Aber es scheint, ich habe die Glut der Leidenschaft verloren und die Sehnsucht des Begehrens vergessen. Ich bin zu sehr in mich selber konzentriert. Meine eigene Person ist eine Last für mich geworden. Ich möchte entfliehen, weggehen, vergessen. Es war albern von mir, überhaupt herzukommen. Ich denke, ich telegraphiere an Harvey, daß er die Jacht instand setzt. Auf einer Jacht ist man sicher.«
»Wovor sicher, Dorian? Du hast Unruhe. Warum sagst du mir nicht, was es ist? Du weißt, daß ich dir helfen könnte.«
»Ich kann es dir nicht sagen, Harry«, erwiderte er traurig. »Und es mag wohl alles nur Einbildung sein. Der unglückselige Zwischenfall hat mich aus dem Gleichgewicht gebracht. Ich habe eine schreckliche Vorahnung, daß mir etwas Ähnliches zustößt.«
»Was für Unsinn!«
»Ich hoffe, es ist Unsinn, aber ich kann dies Gefühl nicht loswerden. Ah! da kommt die Herzogin und sieht aus wie Artemis in einem Tailormade-Kleide. Sie sehen, wir sind zurück, Frau Herzogin.«
»Ich habe schon alles gehört, Herr Gray«, antwortete sie. »Der arme Geoffrey ist ganz außer Fassung. Und man sagt, Sie hatten ihn gebeten, nicht auf den Hasen zu schießen. Wie seltsam!«
»Ja, es war sehr seltsam. Ich kann nicht mal sagen, warum ich es getan habe. Eine Eingebung vermute ich. Er sah so niedlich aus, der kleine Kerl. Aber ich bedaure sehr, daß man Ihnen von dem Manne erzählt hat. Es ist ein peinliches Thema.«
»Es ist ein langweiliges Thema«, unterbrach ihn Lord Henry. »Es hat keinerlei psychologischen Wert. Wenn es Geoffrey noch absichtlich getan hätte, wie interessant wäre es dann! Ich würde gern jemand kennenlernen, der einen wirklichen Mord begangen hat.«
»Wie abscheulich von dir«, schrie die Herzogin auf. »Nicht war, Herr Gray? Harry, Herrn Gray ist wieder unwohl. Er wird ohnmächtig.«
Dorian hielt sich gewaltsam aufrecht und lächelte. »Es ist nichts, Frau Herzogin,« murmelte er, »meine Nerven sind schrecklich in Unordnung. Nichts weiter. Ich fürchte, ich bin heut morgen zuviel gegangen. Ich habe gar nicht gehört, was Harry gesagt hat. War es sehr toll? Sie müssen es mir ein andermal erzählen. Ich halte es fürs beste, mich jetzt ein bißchen hinzulegen. Sie entschuldigen mich, nicht wahr?«
Sie hatten die große Treppe erreicht, deren Stufen vom Gewächshaus auf die Terrasse emporführten. Als sich die Glastür hinter Dorian geschlossen hatte, wandte sich Lord Henry um und sah die Herzogin mit seinen schläfrigen Augen an. »Bist du sehr in ihn verliebt?« fragte er.
Sie gab eine Weile keine Antwort, sondern stand da und blickte auf die Landschaft. »Ich möchte es selber wissen«, sagte sie endlich.
Er schüttelte den Kopf. »Wissen, wäre ein Verhängnis. Nur die Ungewißheit hat für uns Reiz. Ein Nebel macht die Dinge wunderbar.«
»Man kann darin seinen Weg verlieren.«
»Alle Wege enden am selben Punkt, meine liebe Gladys.«
»Wie heißt der?«
»Enttäuschung.«
»So war mein Debüt im Leben«, seufzte sie.
»Sie kam mit einer Krone zu dir.«
»Ich bin der Erdbeerblätter in unserer Krone müde.«
»Sie steht dir gut.«
»Nur in der Öffentlichkeit.«
»Sie würde dir fehlen«, sagte Lord Henry.
»Ich werde mich von keinem Blättchen trennen.«
»Monmouth hat Ohren.«
»Das Alter ist schwerhörig.«
»War er nie eifersüchtig?«
»Ich wollte, er wäre es.« Dabei lachte sie. Ihre Zähne sahen aus wie weiße Kerne in einer scharlachfarbenen Frucht. Indessen lag oben in seinem Zimmer Dorian Gray auf einem Sofa, Schrecken in jeder zuckenden Fiber seines Körpers. Das Leben war für ihn urplötzlich eine so schwere Last geworden, daß er sie nicht mehr tragen konnte. Der gräßliche Tod des unglücklichen Treibers, der in dem Dickicht wie ein wildes Tier niedergeknallt worden war, schien ihm selbst den Tod vorauszusagen. Er war fast in Ohnmacht gefallen bei dem zynischen Scherz, den Lord Henry in einer zufälligen Laune gemacht hatte.
Um fünf Uhr klingelte er seinem Diener und hieß ihn seine Sachen für den Nachtschnellzug nach London zu packen und den Wagen für halb neun vors Tor zu bestellen. Er war entschlossen, keine Nacht mehr in Selby Royal zu schlafen. Es war ein Ort voll böser Vorzeichen. Der Tod ging dort am hellen Tage um. Das Gras des Waldes war mit Blut befleckt.
Dann schrieb er ein Billett an Lord Henry, in dem er ihm mitteilte, daß er in die Stadt fahre, um den Arzt zu konsultieren, und ihn bat, seine Gäste in seiner Abwesenheit zu unterhalten. Als er die Zeilen in ein Kuvert legte, klopfte es an die Tür, und sein Diener meldete ihm, daß ihn der Hegemeister sprechen wolle. Er runzelte die Stirn und biß sich auf die Lippen. »Lassen Sie ihn eintreten«, murmelte er nach einigem Zögern.
Während der Mann eintrat, holte Dorian sein Scheckbuch aus einer Schublade hervor und legte es vor sich hin.
»Sie kommen vermutlich wegen des Unglücksfalles von heute morgen, Thornton«, sagte er und nahm eine Feder auf.
»Ja, Herr«, antwortete der Hegemeister.
»War der arme Kerl verheiratet? Hatte er Angehörige zu versorgen?« fragte Dorian mit einem müden Gesicht. »Wenn sich's so verhält, möchte ich nicht, daß sie in Not zurückbleiben, und ich will ihnen jede Summe schicken, die Sie für notwendig halten.«
»Wir wissen nicht, wer es ist, gnädiger Herr. Deshalb war ich so frei, herzukommen.«
»Sie wissen nicht, wer es ist?« sagte Dorian zerstreut. »Wie meinen Sie das? War es nicht einer von Ihren Leuten?«
»Nein Herr. Ich hab' ihn mein Lebtag nicht gesehen. Er sieht aus wie ein Matrose, gnädiger Herr.«
Die Feder fiel Dorian Gray aus der Hand, und er hatte das Gefühl, als höre sein Herz plötzlich zu schlagen auf. »Ein Matrose!« schrie er auf. »Sagten Sie, ein Matrose?«
»Ja, gnädiger Herr. Er sieht aus wie ein Matrose; auf beiden Armen tätowiert und überhaupt so in der Art.«
»Hat man irgend etwas bei ihm gefunden?« fragte Dorian, beugte sich vor und sah den Mann mit aufgerissenen Augen an. »Irgend etwas, woraus man seinen Namen erführe?«
»Nur Geld, gnädiger Herr -- nicht viel, und einen sechsläufigen Revolver. Nichts von Namen. Der Mann sieht sonst anständig aus, aber gewöhnlich. Wir halten ihn für eine Art Matrosen.«
Dorian sprang auf die Füße. Eine furchtbare Hoffnung durchblitzte ihn. Er klammerte sich wahnsinnig an sie an. »Wo ist der Leichnam?« rief er aus. »Rasch, ich muß ihn sofort sehen.«
»Er liegt in einem leeren Stall im Wirtschaftsgebäude, gnädiger Herr. Die Leute wollen so was nicht in ihren vier Wänden haben. Sie sagen, eine Leiche bringt Unglück.«
»Im Wirtschaftsgebäude! Gehen Sie sogleich voraus und warten Sie da auf mich. Sagen Sie einem der Grooms, er soll mein Pferd herbringen. Nein. Lieber nicht. Ich will selbst in den Stall kommen. Das geht rascher.«
Kaum eine Viertelstunde später galoppierte Dorian, so rasch er konnte, die lange Allee hinunter. Die Bäume schienen in gespenstischer Parade an ihm vorbeizufliegen und ihm wilde Schatten in den Weg zu schleudern. Einmal scheute die Stute vor einem weißen Pfahle und warf ihn fast ab. Er schlug ihr die Gerte um den Hals. Sie durchschnitt die dunkle Luft wie ein Pfeil. Die Steine stoben unter ihren Hufen.
Endlich erreichte er das Wirtschaftsgebäude. Zwei Männer lungerten im Hof herum. Er sprang aus dem Sattel und warf einem die Zügel hin. In dem letzten Stall flimmerte ein Licht. Irgend etwas schien ihm zu sagen, daß dort der Leichnam liege, und er ging rasch auf die Tür zu und legte die Hand auf die Klinke.
Da hielt er einen Augenblick inne und wurde sich bewußt, daß er vor der Schwelle einer Entdeckung stehe, die ihm entweder ein neues Leben gab oder es zerstörte. Dann stieß er die Tür auf und trat ein.
Auf einem Haufen Säcke im entferntesten Winkel lag der tote Körper eines Mannes, bekleidet mit einem groben Blusenhemd und blauen Hosen. Ein unsauberes Taschentuch war ihm übers Gesicht gebreitet worden. Eine billige Kerze steckte in einer Flasche und flackerte düster.
Dorian Gray schauerte. Er fühlte, daß er nicht mit eigener Hand das Taschentuch wegziehen könne, und rief nach einem der Stallknechte.
»Nehmen Sie das da vom Gesicht weg. Ich will es sehen«, sagte er und hielt sich an dem Türpfosten fest.
Als es der Knecht getan hatte, machte er einen Schritt nach vorn. Ein Freudenschrei kam von seinen Lippen. Der Mann, der im Dickicht erschossen worden war, war James Vane.
Er stand einige Minuten da und starrte auf den toten Körper. Als er nach Hause ritt, waren seine Augen von Tränen umschleiert, denn er wußte jetzt, daß er gerettet war.
Neunzehntes Kapitel
»Es hat gar keinen Sinn, mir zu erzählen, daß du gut werden willst!« rief Lord Henry und tauchte seine weißen Finger in eine rote, mit Rosenwasser gefüllte Kupferschale. »Du bist vollkommen. Bitte ändere dich nicht.«
Dorian Gray schüttelte den Kopf. »Nein, Harry, ich habe zuviel gräßliche Dinge getan in meinem Leben. Ich will keine mehr tun. Ich habe gestern mit meinen guten Taten den Anfang gemacht.«
»Wo warst du gestern?«
»Auf dem Lande, Harry. Ich war mutterseelenallein in einem kleinen Gasthof.«
»Lieber Junge,« sagte Lord Henry lächelnd, »auf dem Lande kann jeder Mensch gut sein. Dort gibt's keine Versuchungen. Das ist der Grund, warum Leute, die nicht in der Stadt wohnen, so gänzlich unzivilisiert sind. Zivilisation ist wahrhaftig nicht leicht zu erreichen. Es gibt nur zwei Wege, um zu ihr zu kommen. Der eine ist Kultur, der andere Korruption. Die Landbevölkerung hat keine Gelegenheit zu dieser noch zu jener, und so bleiben sie so in ihrer Entwicklung stehen.«
»Kultur und Korruption«, wiederholte Dorian. »Ich habe von beiden etwas kennengelernt. Es scheint mir jetzt schrecklich, daß man sie immer beisammen findet. Denn ich habe ein neues Ideal, Harry. Ich will anders werden. Ich glaube, ich bin schon anders geworden.«
»Du hast mir noch nicht berichtet, worin deine gute Handlung bestand. Oder sagtest du nicht, du hättest mehr als eine getan?« fragte der Freund und schüttete sich eine kleine rote Pyramide Erdbeeren auf seinen Teller, auf die er aus einem muschelförmigen Sieblöffel weißen Zucker streute.
»Ich kann dir's ja erzählen, Harry. Es ist eine Geschichte, die ich einem anderen nicht erzählen könnte. Ich habe jemand verschont. Es klingt eitel, aber du verstehst, was ich meine. Sie war sehr schön und hatte eine wunderbare Ähnlichkeit mit Sibyl Vane. Ich glaube, das war das erste, was mich bei ihr anzog. Du erinnerst dich doch noch an Sibyl, nicht? Wie lange das her ist! Also Hetty gehörte natürlich nicht unserem Stand an. Sie war eine Dorfschöne. Aber ich liebte sie wirklich. Ich weiß bestimmt, daß ich sie liebte. In dem ganzen wundervollen Maimonat, den wir jetzt hatten, bin ich zwei-, dreimal in der Woche hingefahren, um sie zu sehen. Gestern erwartete sie mich in einem kleinen Obstgarten. Die Apfelblüten schneiten auf ihr Haar herab, und sie lachte. Heute morgen in aller Herrgottsfrühe sollte sie mit mir kommen. Plötzlich entschloß ich mich, sie so einer Blume gleich zu lassen, wie ich sie gefunden hatte.«
»Ich vermute, die Neuheit der Empfindung muß dir einen förmlichen Wonneschauer bereitet haben, Dorian«, unterbrach ihn Lord Henry. »Aber ich kann dir dein Idyll zu Ende erzählen. Du gabst ihr gute Lehren und brachst ihr das Herz. Das ist der Anfang deiner Besserung.«
»Harry, du bist schrecklich! Du darfst so häßliche Dinge nicht sagen. Hettys Herz ist nicht gebrochen. Natürlich weinte sie und dergleichen. Aber keine Schande ist auf sie gekommen. Sie kann weiterleben wie Perdita in ihrem Garten bei Pfefferminze und Ringelblumen.«
»Und einem treulosen Florizel nachweinen«, rief Lord Henry lachend und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. »Teuerster Dorian, du hast manchmal die sonderbarsten Knabenanwandlungen. Glaubst du, dieses Mädchen wird sich jemals mit einem ihres eigenen Standes glücklich fühlen? Ich vermute, sie wird eines schönen Tages einen rohen Fuhrmann oder einen grinsenden Bauernlümmel heiraten. Schön also, die Tatsache, daß sie dich kennengelernt und geliebt hat, wird sie dahin bringen, ihren Mann zu verachten, und sie wird unglücklich werden. Vom moralischen Standpunkte aus kann ich also nicht finden, daß deine Entsagung sehr wertvoll war. Selbst als ein Anfang ist sie armselig. Außerdem, woher willst du wissen, ob Hetty in diesem Augenblick nicht in einem sternbeglänzten Mühlteich schwimmt, von lieblichen Wasserlilien umkränzt wie Ophelia?«
»Ich kann es nicht aushalten, Harry! Du spottest über alles und beschwörst dann die ernsthaftesten Tragödien herauf. Es tut mir jetzt leid, daß ich es dir erzählt habe. Es kümmert mich auch nicht, was du sagst. Ich weiß, ich habe recht gehandelt. Arme Hetty! Als ich heute früh am Gehöft vorbeiritt, sah ich ihr Gesicht weiß wie einen Jasminzweig am Fenster. Wir wollen nicht länger davon reden, und du sollst nicht versuchen, mich zu überzeugen, daß die erste gute Handlung, die ich seit Jahren getan habe, das erste kleine Opfer, das ich jemals gebracht habe, in Wahrheit eine Art Sünde wäre. Ich will mich jetzt bessern. Und ich werde mich bessern. Erzähle mir etwas von dir. Was geht in der Stadt vor? Ich war tagelang nicht im Klub.«
»Die Leute sprechen noch immer über das Verschwinden des armen Basil.«
»Ich sollte meinen, daß sie inzwischen davon genug bekommen hätten«, sagte Dorian, während er sich etwas Wein einschenkte und leicht die Stirn runzelte.
»Mein lieber Junge, sie reden ja erst seit sechs Wochen davon, und das englische Publikum ist wirklich nicht der geistigen Anstrengung gewachsen, alle drei Monate mehr als ein Gesprächsthema zu haben. Immerhin haben sie in der letzten Zeit Glück gehabt. Sie hatten meinen eigenen Ehescheidungsprozeß und Alan Campbells Selbstmord. Jetzt haben sie das geheimnisvolle Verschwinden eines Künstlers. In Scotland Yard bleibt man hartnäckig dabei, daß der Mann im grauen Ulster, der in der Nacht des neunten November mit dem Zwölfuhrzug nach Paris fuhr, der arme Basil war, und die französische Polizei erklärt, Basil wäre überhaupt nie in Paris eingetroffen. Vermutlich wird man uns etwa in vierzehn Tagen auftischen, daß er in San Francisco gesehen worden ist. Es ist eine schwierige Geschichte, aber von jedem Menschen, der verschwindet, heißt es, daß er in San Francisco gesehen worden ist. Das muß eine entzückende Stadt sein, die alle Reize der zukünftigen Welt ihr Eigen nennt.«
»Was glaubst du, daß Basil zugestoßen sei?« fragte Dorian, hielt seinen Burgunder gegen das Licht und wunderte sich, daß er über diese Sache so ruhig plaudern konnte.
»Ich habe nicht die leiseste Ahnung. Wenn sich Basil ein Vergnügen daraus macht, Versteck zu spielen, so ist das nicht meine Sache. Wenn er tot ist, will ich nicht weiter an ihn denken. Der Tod ist das einzige, was mir Angst macht. Ich hasse ihn.«
»Warum?« fragte der jüngere müde.
»Weil,« sagte Lord Henry und führte die vergoldete Netzöffnung eines Riechbüchschens zur Nase, »weil man heutzutage alles überleben kann, ausgenommen den Tod. Tod und Philisterei sind die zwei einzigen Tatsachen des neunzehnten Jahrhunderts, die man nicht wegerklären kann. Wir wollen den Kaffee im Musikzimmer trinken, Dorian. Du mußt mir Chopin vorspielen. Der Mann, mit dem meine Frau durchbrannte, spielte Chopin hinreißend. Die arme Viktoria! Ich habe sie recht gern gehabt. Das Haus ist ohne sie recht einsam. Natürlich ist das Eheleben nur eine Gewohnheit, eine schlechte Gewohnheit. Aber schließlich bedauert man den Verlust selbst seiner schlechtesten Gewohnheiten. Vielleicht bedauert man die gerade am meisten. Sie sind ein so wesentlicher Teil unserer Persönlichkeit.«
Dorian sagte nichts, sondern stand vom Tisch auf, ging in das Nebenzimmer, setzte sich an das Klavier und ließ seine Finger über das weiße und schwarze Elfenbein der Tasten gleiten. Als der Kaffee gebracht wurde, hörte er auf, sah zu Lord Henry hinüber und sagte: »Harry, ist es dir nie eingefallen, daß Basil ermordet worden sein könnte?«
Lord Henry gähnte. »Basil war sehr populär und trug immer nur eine Waterburyuhr. Warum hätte man ihn ermorden sollen? Er war nicht klug genug, um Feinde zu haben. Freilich hatte er ein wunderbares Genie als Maler. Aber ein Mensch kann malen wie Velasquez und doch so langweilig als möglich sein. In Wirklichkeit war Basil ziemlich langweilig. Er interessierte mich nur ein einziges Mal, und das war damals, als er mir vor vielen Jahren gestand, daß er dich so ungestüm anbete und daß du das Leitmotiv seiner Kunst seist.«
»Ich habe Basil sehr gern gehabt«, sagte Dorian mit einem traurigen Klang in seiner Stimme. »Aber behauptet denn das Publikum nicht, daß er ermordet worden ist?«
»Pah, in einigen Zeitungen steht es. Es scheint mir nicht im geringsten wahrscheinlich. Ich weiß, es gibt fürchterliche Orte in Paris, aber Basil war nicht die Art Mensch, sie aufzusuchen. Er war nicht neugierig. Das war sein Hauptfehler.«
»Was würdest du dazu sagen, Harry, wenn ich dir versicherte, daß ich Basil ermordet habe?« fragte der jüngere. Er beobachtete ihn scharf, nachdem er das gesagt hatte.
»Lieber Freund, ich würde sagen, daß du einen Charakter posierst, der dich nicht kleidet. Jedes Verbrechen ist ordinär, gerade wie alles Ordinäre ein Verbrechen ist. Du hast nicht die Gabe, Dorian, einen Mord zu begehen. Es sollte mir leid tun, wenn ich dich durch diese Meinung in deiner Eitelkeit kränkte, aber ich versichere dich, es ist wahr. Das Verbrechen ist ein ausschließliches Vorrecht der unteren Klassen. Ich will sie damit durchaus nicht tadeln. Ich vermute einfach, das Verbrechen ist für sie, was die Kunst für uns ist, einfach ein Verfahren, um sich außerordentliche Empfindungen zu verschaffen.«
»Ein Verfahren, sich Empfindungen zu verschaffen? Glaubst du also, daß ein Mensch, der einmal einen Mord begangen hat, imstande wäre, das nämliche Verbrechen zu wiederholen? Das rede mir nicht ein.«
»Oh! Alles wird zu einem Vergnügen, wenn man es zu oft tut!« rief Lord Henry lachend. »Das ist eines der wichtigsten Geheimnisse des Lebens. Immerhin bin ich des Glaubens, daß der Mord stets ein Mißgriff ist. Man sollte nie etwas tun, worüber man sich nicht nach dem Essen unterhalten kann. Aber wir wollen jetzt den armen Basil lassen. Ich wollte, ich könnte glauben, daß er ein so romantisches Ende genommen hat, wie du durchblicken läßt; aber ich kann es nicht. Ich glaube eher, daß er von einem Omnibus in die Seine gefallen ist und der Kondukteur hat den Skandal vertuscht. Ja, ich glaube wirklich, so war sein Ende. Ich sehe ihn jetzt auf dem Rücken liegen unter dem dunkelgrünen Wasser, und die schweren Lastkähne schwimmen über ihm hin, und lange Tangflechten verwickeln sich in sein Haar. Weißt du, ich glaube nicht, daß er noch viel Gutes gemacht hätte. In den letzten zehn Jahren ist seine Malerei nicht mehr berühmt gewesen.«
Dorian seufzte und Lord Henry schlenderte durch das Zimmer und unterhielt sich damit, einem merkwürdigen Papagei aus Java den Kopf zu krauen, einem großen, graugefiederten Vogel mit rotem Schopf und Schwanz, der auf einem Bambusstab balancierte. Als ihn seine spitzen Finger berührten, ließ er die weiße Nickhaut seiner Liderfalten über die schwarzen Glaskugelaugen fallen und begann sich hin- und herzuwiegen.
»Ja,« fuhr er fort, während er sich umdrehte, und sein Taschentuch aus der Tasche nahm, »seine Malerei ist nicht mehr weither gewesen. Es schien mir so, als hätte sie irgend etwas eingebüßt. Sie hatte ein Ideal verloren. Als ihr beide aufhörtet, intime Freunde zu sein, hörte er auf, ein großer Künstler zu sein. Was hat euch auseinander gebracht? Ich vermute, er langweilte dich. Wenn das der Fall war, dann hat er dir nie verziehen. Das ist gewöhnlich so bei langweiligen Menschen. Was ist übrigens aus dem wundervollen Porträt geworden, das er von dir gemacht hat? Ich kann mich nicht erinnern, es jemals wiedergesehen zu haben, seit es fertig wurde. Ah! Jetzt besinne ich mich, daß du mir vor Jahren erzählt hast, du hättest es nach Selby geschickt und es wäre unterwegs auf irgendeine Weise gestohlen worden oder in Verlust geraten. Hast du es nie wieder bekommen? Wie schade! Es war faktisch ein Meisterwerk. Ich entsinne mich, daß ich es kaufen wollte. Ich wünschte, ich hätte es jetzt. Es stammte aus Basils bester Zeit. Seitdem bestanden alle seine Arbeiten aus dem eigentümlichen Gemengsel von schlechter Malerei und guten Absichten, das einen Mann berechtigt, ein britischer Künstler von Bedeutung genannt zu werden. Hast du deswegen eigentlich gar nicht annonciert? Das hättest du tun sollen.«
»Ich weiß es nicht mehr«, antwortete Dorian. »Ich glaube, ich tat es. Aber ehrlich gesagt, ich habe das Bild nie gemocht. Es tut mir überhaupt leid, daß ich dazu gesessen habe. Schon die Erinnerung an das Ding ist mir greulich. Warum sprichst du davon? Es hat mich immer an ein paar merkwürdige Zeilen aus einem Theaterstück erinnert -- aus Hamlet, glaube ich -- wie heißen sie? --
>Gleich dem Bildnis eines Grams, ein Antlitz ohne Herz.<
Ja, so sah es aus.«
Lord Henry lachte. »Wenn ein Mensch das Leben künstlerisch behandelt, ist sein Hirn sein Herz«, antwortete er und ließ sich in einen Armsessel fallen.