Part 19
So dunkel und flackernd das windverwehte Licht auch war, es genügte doch, ihm den furchtbaren Irrtum zu zeigen, in den er geraten zu sein schien. Denn das Antlitz des Mannes, den er töten wollte, wies die ganze Blütenweichheit der Jugend auf, zeigte all die unbefleckte Reinheit der Jugend. Er schien kaum älter als ein Jüngling von zwanzig Lenzen, kaum älter, als seine Schwester gewesen war, als sie vor so vielen Jahren Abschied voneinander genommen hatten. Es war klar, daß dies nicht der Mann war, der ihr Leben zerstört hatte.
Er ließ seine Faust von ihm los und taumelte zurück. »Mein Gott, mein Gott!« rief er aus, »und ich hätte Sie fast ermordet!«
Dorian Gray schöpfte tief Atem. »Sie waren dicht daran, ein furchtbares Verbrechen zu begehen, Mann«, sagte er mit einem strengen Blick. »Lassen Sie sich das eine Warnung sein, eine Rache nicht mit eigener Hand zu übernehmen.«
»Verzeihen Sie mir, Herr!« stammelte James Vane. »Ich habe mich täuschen lassen. Ein zufälliges Wort, das ich in der verfluchten Kneipe hörte, brachte mich auf die falsche Spur.«
»Sie sollten lieber nach Hause gehen und Ihre Pistole wegtun, sonst kommen Sie noch in Ungelegenheiten«, sagte Dorian, drehte sich um und ging langsam die Straße hinunter.
James Vane stand voller Entsetzen auf dem Pflaster. Er zitterte von Kopf bis Fuß. Nach einer kleinen Weile bewegte sich ein schwarzer Schatten, der längs der regenfeuchten Wand hingeschlichen war, ins Licht hinaus und glitt mit verstohlenen Schritten an seine Seite. Er spürte eine Hand auf seinem Arm und drehte sich mit jähem Ruck um. Es war eines der Weiber, die am Büfett getrunken hatten.
»Warum hast du ihn nicht umgebracht?« zischte sie und brachte ihr verlebtes Gesicht ganz dicht an das seine. »Ich wußte, daß du ihm folgtest, als du aus Dalys Haus fortranntest. Du Narr! Du hättest ihn totschlagen sollen. Er hat einen Haufen Geld und ist schlechter als sonst wer.«
»Er ist nicht der Mann, den ich suche,« antwortete er, »und ich suche keines Menschen Geld. Ich such' eines Menschen Leben. Der Mann, dessen Leben ich suche, muß jetzt an die Vierzig sein. Der da war fast noch ein Knabe. Ich danke Gott, daß nicht sein Blut an meinen Händen klebt.«
Das Weib stieß ein bitteres Lachen aus. »Fast noch ein Knabe!« höhnte sie. »Wahrhaftig, Mensch, es ist fast achtzehn Jahre her, seit Prinz Märchenschön das aus mir gemacht hat, was ich heute bin!«
»Du lügst!« schrie James Vane.
Sie hob die Hände gen Himmel. »Bei Gott, ich sage die Wahrheit!« rief sie.
»Bei Gott?«
»Du kannst mich kaltmachen, wenn es nicht so ist. Er ist der Schlechteste von allen, die herkommen. Sie sagen, er hat dem Teufel seine Seele für sein hübsches Gesicht verkauft. Es sind fast achtzehn Jahre, daß ich ihn kennenlernte. Er hat sich seitdem wenig verändert. Ich um so mehr«, fügte sie mit einem traurigen Blinzeln hinzu.
»Beschwörst du das?«
»Ich schwöre es«, klang es wie ein heiseres Echo aus ihrem entstellten Munde. »Aber verrate mich ihm nicht«, winselte sie; »ich habe Angst vor ihm. Gib mir 'n paar Groschen zum Nachtquartier.«
Mit einem Fluch riß er sich von ihr los und stürzte an die Straßenecke; aber Dorian Gray war verschwunden. Als er zurückblickte, war auch das Weib schon weg.
Siebzehntes Kapitel
Eine Woche später saß Dorian Gray im Gewächshaus von Selby Royal und plauderte mit der hübschen Herzogin von Monmouth, die sich mit ihrem Gatten, einem ermüdet aussehenden Manne von sechzig Jahren, unter seinen Gästen befand. Es war zur Teezeit, und das sanfte Licht der großen, mit einem Spitzenschleier verhängten Lampe, die auf dem Tische stand, erleuchtete das kostbare Porzellan und das getriebene Silberservice, das neben der Herzogin stand. Ihre weißen Hände machten sich zierlich zwischen den Tassen zu schaffen, und ihre vollen, roten Lippen lächelten über etwas, das ihr Dorian zugeflüstert hatte. Lord Henry lag zurückgelehnt in einem mit Silberseide bezogenen Rohrsessel und sah beide an. Auf einem pfirsichfarbenen Diwan saß Lady Narborough und tat so, als ob sie der Beschreibung des Herzogs zuhörte, die den letzten brasilianischen Käfer betraf, den er seiner Sammlung einverleibt hatte. Drei junge Leute in gewählter Gesellschaftstoilette boten den Damen Teekuchen an. Die Gesellschaft bestand aus zwölf Personen, und für den nächsten Tag wurden noch einige erwartet.
»Worüber sprecht ihr beide?« fragte Lord Henry, während er gemächlich zu dem Teetisch ging und seine Tasse niederstellte. »Ich hoffe, Dorian hat dir von meinem Plan, alles umzutaufen, erzählt, Gladys. Es ist eine allerliebste Idee.«
»Aber ich will nicht umgetauft werden, Harry«, erwiderte die Herzogin und sah ihn mit ihren reizend schönen Augen an. »Ich bin mit meinem Namen ganz zufrieden und ich denke, Herr Gray kann auch mit seinem zufrieden sein.«
»Meine teure Gladys, ich würde um keinen Preis der Welt einen der beiden Namen umändern wollen. Sie sind beide vollendet. Ich dachte hauptsächlich an Blumen. Gestern schnitt ich mir eine Orchidee für mein Knopfloch. Es war eine wundervoll gesprenkelte Blume, so wirkungsvoll wie die sieben Todsünden. In einem Anfall von Gedankenträgheit fragte ich einen der Gärtner, wie sie heiße. Er sagte mir, es sei ein schönes Exemplar der Robinsoniana oder irgendeine derartige gräßliche Bezeichnung. Es ist eine traurige Wahrheit, aber wir haben die glückliche Gabe verloren, den Dingen schöne Namen zu geben. Und Namen sind alles. Ich kämpfe nie gegen Taten an. Mein einziger Kampf richtet sich gegen die Worte. Das ist der Grund, weshalb ich den vulgären Realismus in der Literatur verabscheue. Der Mann, der imstande ist, einen Spaten einen Spaten zu nennen, sollte gezwungen werden, selbst einen in die Hand zu nehmen. Es ist die einzige Sache, zu der er tauglich wäre.«
»Wie sollen wir also dich nennen, Harry?« fragte sie.
»Sein Name ist Prinz Paradox«, sagte Dorian.
»Der wird sofort akzeptiert!« rief die Herzogin.
»Ich will ihn nicht hören«, lachte Lord Henry und ließ sich in ein Fauteuil fallen. »Vor einem solchen Etikettchen kann man sich nicht retten. Ich weise den Titel zurück.«
»Fürstlichkeiten können nicht abdanken«, warnten ihn schöne Lippen.
»Du willst also, daß ich meinen Thron verteidige?«
»Ja.«
»Ich sage die Wahrheiten von morgen.«
»Ich ziehe die Irrtümer von heute vor«, antwortete sie.
»Du entwaffnest mich, Gladys!« rief er, entzückt von ihrer übermütigen Laune.
»Deines Schildes, Harry, nicht deines Speeres.«
»Ich kämpfe nie gegen Schönheit«, sagte er mit einer huldigenden Handbewegung.
»Das ist dein Fehler, Harry, glaube mir's. Du überschätzest die Schönheit.«
»Wie kannst du das sagen? Ich gebe zu, daß ich es für besser halte, schön zu sein als gut. Aber andererseits ist niemand eher als ich bereit zuzugeben, daß es besser ist, gut zu sein als häßlich.«
»Dann also ist Häßlichkeit eine der sieben tödlichen Sünden?« rief die Herzogin. »Wie steht es nun mit deinem Orchideengleichnis?«
»Häßlichkeit ist eine von den sieben tödlichen Tugenden, Gladys. Du als gute Tory darfst sie nicht unterschätzen. Das Bier, die Bibel und die sieben tödlichen Tugenden haben aus England gemacht, was es heute ist.«
»Du liebst also dein Vaterland nicht?« fragte sie.
»Ich lebe darin.«
»Damit du es besser tadeln kannst.«
»Sähest du es lieber, daß ich mir das Urteil Europas über unser Land aneigne?« fragte er.
»Was sagt man von uns?«
»Daß Tartüff nach England ausgewandert sei und dort einen Laden aufgemacht habe.«
»Ist das von dir, Harry?«
»Ich schenke es dir.«
»Ich kann's nicht gebrauchen. Es ist zu wahr.«
»Du brauchst dich nicht zu ängstigen. Unsere Landsleute erkennen sich nie in ihrem Steckbrief wieder.«
»Du bist so praktisch.«
»Eher gerissen als praktisch. Wenn sie ihr Kontokorrent abschließen, dann saldieren sie Dummheit mit Reichtum und Laster mit Heuchelei.«
»Und doch haben wir große Dinge vollbracht.«
»Große Dinge sind uns auferlegt worden, Gladys.«
»Wir haben ihre Last zu tragen vermocht.«
»Nur bis zur Börse.«
Sie schüttelte den Kopf. »Ich glaube an unsere Rasse!« rief sie.
»Sie vertritt den überlebenden Ellbogenstreber.«
»Sie hat das Zeug zur Entwicklung.«
»Verfall reizt mich mehr.«
»Und die Kunst?« fragte sie.
»Eine Krankheit.«
»Liebe?«
»Einbildung.«
»Religion?«
»Modesurrogat für den Glauben.«
»Du bist ein Skeptiker!«
»Niemals! Skeptizismus ist der Anfang des Glaubens.«
»Was bist du?«
»Definieren heißt beschränken.«
»Reich mir den Ariadnefaden!«
»Fäden zerreißen. Du wurdest deinen Weg im Labyrinth verlieren.«
»Du machst mich wirre. Laß uns von einem anderen sprechen.«
»Unser Wirt ist ein entzückendes Thema. Vor vielen Jahren nannte man ihn den Prinz Märchenschön.«
»Ach! Erinnere mich nicht daran!« rief Dorian Gray.
»Unser Wirt ist recht greulich heute abend«, antwortete die Herzogin und errötete. »Er denkt wohl, Monmouth habe mich nur aus wissenschaftlichen Gründen geheiratet, weil ich das beste Musterbeispiel eines modernen Schmetterlings bin.«
»Ich hoffe aber, er wird Sie nicht auf Stecknadeln spießen, Frau Herzogin«, lachte Dorian.
»Oh! Das besorgt schon meine Kammerjungfer, Herr Gray, wenn sie sich über mich ärgert.«
»Und worüber ärgert sie sich, Frau Herzogin?«
»Über die geringsten Dinge, Herr Gray, glauben Sie nur! Gewöhnlich, wenn ich zehn Minuten vor neun nach Hause komme und ihr sage, daß ich bis halb neun angezogen sein muß.«
»Wie unvernünftig von ihr! Sie sollten ihr den Laufpaß geben!«
»Das wag' ich nicht, Herr Gray. Sie erfindet nämlich meine Hüte. Sie erinnern sich nicht an den Hut, den ich auf Lady Hilstones Gartenfest getragen habe? Natürlich nicht, aber es ist hübsch von Ihnen, daß Sie so tun. Also der war geradezu aus nichts gemacht. Alle guten Hüte werden aus nichts gemacht.«
»Wie jeder gute Ruf, Gladys!« unterbrach Lord Henry. »Jede Wirkung, die man erzielt, schafft uns einen Feind. Man muß eine Mittelmäßigkeit sein, wenn man eine Beliebtheit sein will.«
»Nicht unter Frauen«, sagte die Herzogin und schüttelte den Kopf; »und Frauen regieren die Welt. Ich behaupte steif und fest, wir können Mittelmäßigkeiten nicht vertragen. Wir Frauen, hat mal jemand gesagt, lieben mit den Ohren, gerade so, wie ihr Männer mit den Augen liebt, wenn ihr überhaupt liebt.«
»Es scheint mir, daß wir überhaupt nie etwas anderes tun«, flüsterte Dorian.
»Ach! Herr Gray, dann lieben Sie nie in Wirklichkeit«, antwortete die Herzogin wie in spöttischer Trauer.
»Meine liebe Gladys.« rief Lord Henry. »Wie kannst du das sagen? Die Romantik lebt von Wiederholung, und die Wiederholung verwandelt jeden Anreiz in Kunst. Übrigens, jedesmal, wenn man liebt, ist es das erstemal, daß man geliebt hat. Die Verschiedenheit des Objektes verändert die Einzigkeit der Leidenschaft nicht. Sie macht sie nur stärker. Wir können im Leben bestenfalls nur ein einziges großes Erlebnis haben, und das Geheimnis des Lebens besteht darin, dieses Erlebnis so oft als möglich zu wiederholen.«
»Selbst wenn es einen verwundet hat, Harry?« fragte die Herzogin nach einer Pause.
»Besonders wenn es einen verwundet hat«, entgegnete Lord Henry.
Die Herzogin wandte sich um und sah Dorian Gray an mit einem seltsamen Ausdruck in ihren Augen. »Was sagen Sie dazu, Herr Gray?« forschte sie.
Dorian zögerte einen Augenblick. Dann warf er den Kopf zurück und lachte. »Ich stimme mit Harry immer überein, Frau Herzogin.«
»Auch wenn er unrecht hat?«
»Harry hat nie unrecht, Frau Herzogin.«
»Und macht Sie seine Philosophie glücklich?«
»Glück habe ich nie gesucht. Wer braucht Glück? Ich habe Vergnügen gesucht.«
»Und gefunden, Herr Gray?«
»Oft. Zu oft.«
Die Herzogin seufzte. »Ich suche Frieden,« sagte sie, »und wenn ich jetzt nicht gehe und mich anziehe, habe ich ihn heut abend nicht.«
»Lassen Sie mich Ihnen ein paar Orchideen holen, Frau Herzogin!« rief Dorian, sprang auf und ging ins Gewächshaus hinunter.
»Du flirtest ganz schändlich mit ihm«, sagte Lord Henry zu seiner Kusine. »Du solltest dich lieber in acht nehmen. Er kann sehr faszinieren.«
»Wenn er es nicht könnte, gäb's keinen Kampf.«
»Also Griechen kämpfen gegen Griechen?«
»Ich bin auf seiten der Trojaner. Sie kämpften für ein Weib.«
»Sie wurden besiegt.«
»Es gibt ärgere Dinge als Gefangenschaft«, erwiderte sie.
»Du galoppierst mit verhängtem Zügel.«
»Das Tempo macht Leben«, war die Antwort.
»Ich will mir das heut abend in mein Tagebuch schreiben.«
»Was?«
»Daß ein gebranntes Kind das Feuer liebt.«
»Ich bin noch nicht einmal versengt. Meine Flügel sind unberührt.«
»Du gebrauchst sie zu allem, nur nicht zur Flucht.«
»Der Mut ist von den Männern zu den Frauen gewandert. Das ist ein neues Erlebnis für uns.«
»Du hast eine Rivalin.«
»Wen?«
Er lachte. »Lady Narborough«, flüsterte er. »Sie betet ihn an.«
»Du machst mir Angst. Die Beschwörung des Altertums ist für uns Romantiker stets gefährlich.«
»Romantiker! Du hast alle Methoden der Wissenschaft.«
»Männer haben uns erzogen.«
»Aber nicht erklärt.«
»Gib uns eine Definition unseres Geschlechtes«, forderte sie ihn heraus.
»Sphinxe ohne Geheimnisse.«
Sie sah ihn lächelnd an. »Wie lange Herr Gray wegbleibt«, sagte sie. »Wir wollen ihm helfen. Ich habe ihm noch nicht einmal die Farbe meines Kleides angegeben.«
»Pah! Du mußt dein Kleid seinen Blumen anpassen, Gladys.«
»Das wäre eine zu frühe Übergabe.«
»Die romantische Kunst beginnt mit dem Höhepunkt.«
»Ich muß mir die Möglichkeit des Rückzuges offen halten.«
»Wie die Parther?«
»Sie fanden Schutz in der Wüste. Mir wäre das nicht möglich.«
»Man läßt den Frauen nicht immer die Wahl«, entgegnete er; aber kaum hatte er den Satz zu Ende gesprochen, als von dem äußersten Winkel des Gewächshauses her ein unterdrücktes Stöhnen kam, dem das dumpfe Gerausch eines schweren Falles folgte. Alles sprang auf. Die Herzogin stand regungslos da vor Schreck. Mit ängstlichen Augen stürzte Lord Henry durch die wehenden Fächer der Palmen und fand Dorian Gray in einer todesähnlichen Ohnmacht am Boden liegend, mit dem Gesicht auf den kühlen Fliesen.
Er wurde sofort in den blauen Salon gebracht und auf ein Sofa gelegt. Nach einer kurzen Weile kam er wieder zu sich und sah sich verstört um.
»Was ist geschehen?« fragte er. »Ach! jetzt fällt mir's ein. Bin ich hier sicher, Harry?« Er begann zu zittern.
»Mein lieber Dorian,« antwortete Lord Henry, »es war ein Ohnmachtsanfall. Weiter nichts. Du mußt dich wohl übermüdet haben. Komm lieber nicht zum Diner hinunter. Ich werde dich vertreten.«
»Nein, ich will herunterkommen«, sagte er und mühte sich, auf den Füßen zu stehen. »Ich komme lieber herunter! Ich darf nicht allein sein.«
Er ging in sein Zimmer und zog sich um. Als er bei Tisch saß, war in seinem Gehaben eine wilde, übermütige Lustigkeit, aber hin und wieder überlief ihn ein Angstschauer, wenn er sich erinnerte, daß er, gegen die Fensterscheiben des Gewächshauses gepreßt, das lauernde Gesicht James Vanes wie ein weißes Tuch erblickt hatte.
Achtzehntes Kapitel
Am nächsten Tage verließ er das Haus nicht und verbrachte den größten Teil der Zeit in seinem Zimmer, durchrüttelt von einer wilden Todesfurcht und dem Leben gegenüber doch gleichgültig. Das Bewußtsein, gejagt, umzingelt, aufgestöbert zu werden, fing an, ihn gänzlich zu beherrschen. Wenn nur die Vorhänge im Winde rauschten, schrak er zusammen. Die toten Blätter, die gegen die verbleiten Scheiben gefegt wurden, schienen ihm seine eigenen vergeudeten Vorsätze und ungestümen Gewissensbisse zu sein. Wenn er die Augen schloß, sah er wieder das Gesicht des Matrosen vor sich, wie es durch das feuchtbeschlagene Glas stierte, und das Entsetzen schien ihm noch einmal seine Hand aufs Herz zu legen.
Aber vielleicht war es nur seine Phantasie gewesen, die die Rache aus der Nacht heraufbeschworen und ihm die gräßliche Gestalt der Strafe vorgetäuscht hatte. Das wirkliche Leben war ein Chaos, aber es war eine furchtbare Logik in der Phantasie. Die Phantasie hetzte die Gewissensbisse hinter den flüchtigen Sohlen der Sünde her. Die Phantasie ließ jedes Verbrechen seine mißgestaltete Brut in sich tragen. In der gewöhnlichen Welt der Tatsachen wurden die Schlechten so wenig bestraft wie die Guten belohnt. Der Erfolg gehörte den Starken, Unglück machte die Schwachen unterliegen. Das war alles. Zudem, wenn ein Fremder um das Haus herumgestrolcht wäre, so hätten ihn die Diener oder Wächter entdeckt. Wären irgendwelche Fußtapfen in den Beeten bemerkt worden, so hätten es die Gärtner gemeldet. Ja: es war alles bloße Einbildung. Sybil Vanes Bruder war nicht zurückgekommen, um ihn zu ermorden. Er war mit seinem Schiff abgesegelt, um in irgendeiner arktischen See zu ertrinken. Vor dem war er also sicher. Der Mann wußte gar nicht, wer er war und konnte es nicht wissen. Die Maske der Jugend hatte ihn gerettet.
Und doch, wenn es eine bloße Ausgeburt der Einbildung gewesen war, wie schrecklich war doch der Gedanke, daß das Gewissen so fürchterliche Hirngespinste entstehen lassen und ihnen sichtbare Form und Bewegung geben konnte! Was für eine Art Leben würde er führen, wenn Tag und Nacht die Schatten seines Verbrechens aus düsteren Winkeln nach ihm spähten, ihn von geheimen Stellen aus neckten, ihm ins Ohr flüsterten, wenn er beim Mahle saß, ihn mit eisigen Fingern weckten, wenn er schlief! Als dieser Gedanke durch sein Hirn kroch, wurde er blaß vor Schrecken, und die Luft schien ihm plötzlich kälter geworden zu sein. Oh! in was für einer wilden Wahnsinnsstunde hatte er seinen Freund umgebracht! Wie bluterstarrend war nur die Erinnerung an diese Szene! Er sah es alles wieder. Jede gräßliche Einzelheit kam mit vermehrtem Entsetzen wieder zu ihm. Aus dem schwarzen Grabverlies der Zeit stieg schrecklich und in Scharlachrot gehüllt das Bild seiner Sünde empor. Als Lord Henry um sechs Uhr eintrat, fand er ihn schluchzend, als ob ihm das Herz brechen wolle.
Erst am dritten Tage wagte er auszugehen. Es lag etwas in der klaren, tannenduftenden Luft dieses Wintermorgens, das ihm seine Fröhlichkeit und seine Lebenslust wiederzugeben schien. Aber nicht nur die physischen Bedingungen seiner Umgebung hatten diese Wandlung zuwege gebracht. Seine eigene Natur hatte sich gegen das Übermaß der Angst empört, die ihre vollendete Ruhe zu stören und zu vernichten versucht hatte. Mit feinen und subtil organisierten Temperamenten ist es immer so. Ihre heftigen Leidenschaften können nur Hammer oder Amboß sein. Entweder töten sie den Menschen oder sterben selbst. Oberflächliche Sorgen, oberflächliche Liebesempfindungen können weiter leben. Tiefe Liebesempfindungen und große Sorgen gehen durch ihre eigene Überfülle zugrunde. Überdies hatte er sich jetzt überzeugt, daß er das Opfer einer erschreckten Einbildungskraft gewesen war, und sah jetzt auf seine Ängste mit einer Art Mitleid und nicht geringer Verachtung zurück.
Nach dem Frühstück ging er mit der Herzogin ein Stündchen im Garten spazieren und fuhr dann durch den Park, um mit der Jagdgesellschaft zusammenzutreffen. Der feinperlige Reif lag wie Salz auf dem Rasen. Der Himmel sah aus wie ein umgestülpter Pokal aus blauem Metall. Ein dünner Eisgallert umsäumte den seichten, schilfbewachsenen Teich.
Am Eingang des Tannenwaldes erblickte er Sir Geoffrey Clouston, den Bruder der Herzogin, der eben zwei verschossene Patronen aus seiner Flinte stieß. Dorian sprang aus dem Wagen, sagte dem Groom, er solle mit dem Gespann nach Hause fahren, und ging durch das welke Farnkraut und das gestrüppige Unterholz auf seinen Gast zu.
»Gute Jagd gehabt, Geoffrey?« fragte er.
»Nicht berühmt, Dorian. Die meisten Vögel, glaub' ich, sind auf die Felder geflüchtet. Vielleicht wird's nachmittag besser sein, wenn wir auf frisches Revier kommen.«
Dorian schlenderte neben ihm weiter. Die starke, aromatische Luft, die braunen und roten Lichter, die den Wald durchflimmerten, das rauhe Geschrei der Treiber, das von Zeit zu Zeit aufgellte, und der scharfe Knall der Flinten, der dann folgte, das alles fesselte ihn und erfüllte ihn mit einem Gefühl entzückender Freiheit. Er war beherrscht von einem sorglosen Glück, von einer großartigen Gleichgültigkeit der Freude.
Plötzlich brach aus einem dicken Büschel alten Grases, vielleicht zwanzig Meter vor ihnen, ein Hase aus, die schwarzgesprenkelten Löffel steif aufgerichtet und die langen Hinterläufe nach vorn werfend. Er schnellte auf ein Erlendickicht los. Sir Goeffrey riß das Gewehr an die Schulter, aber in der anmutigen Bewegung des Tieres lag etwas, das Dorian Gray seltsam entzückte, und er rief hastig: »Schieß nicht, Geoffrey. Laß ihn laufen!«
»Ach, Unsinn, Dorian«, sagte lachend sein Gefährte, und noch ehe der Hase in das Dickicht setzte, schoß er zu. Man hörte zwei Schreie, den Schrei eines verwundeten Hasen, der schrecklich ist, und den Schrei eines sterbenden Menschen, der noch schrecklicher ist.
»Gott im Himmel, ich habe einen Treiber getroffen!« rief Sir Geoffrey aus. »Was für 'n Esel der Mann ist, einem direkt vors Gewehr zu laufen! Hört auf mit Schießen!« rief er mit seiner lautesten Stimme. »Ein Mann ist getroffen worden!«
Der Hegemeister kam mit einem Stock in der Hand herbeigelaufen.
»Wo, Herr? Wo ist er?« rief er. Im selben Augenblick hörte das Schießen auf der ganzen Linie auf.
»Hier!« antwortete Sir Geoffrey ärgerlich und rannte auf das Dickicht zu. »Warum, zum Kuckuck, halten Sie Ihre Leute nicht weiter zurück? Für heute hab' ich die ganze Jagd im Magen.«
Dorian sah ihnen nach, wie sie in die Erlenbüsche eindrangen und die biegsamen Zweige zur Seite bogen. Nach einigen Augenblicken erschienen sie wieder und zogen einen Körper ans Tageslicht. Er wandte sich entsetzt ab. Es schien ihm, als folge ihm das Mißgeschick überallhin. Er hörte, wie Sir Geoffrey fragte, ob der Mann wirklich tot wäre, und vernahm die bejahende Antwort des Hegemeisters. Es schien ihm, als wimmele der Wald urplötzlich von Gesichtern. Er hörte das Gelaufe von unzähligen Füßen und das gedämpfte Flüstern von Stimmen. Ein großer Fasan mit kupferfarbener Brust rauschte durch die Äste über ihm dahin.
Nach einigen Augenblicken, die ihm in seiner Fassungslosigkeit wie endlose, peinvolle Stunden vorkamen, fühlte er eine Hand auf seiner Schulter. Er zuckte zusammen und wandte sich um.
»Dorian,« sagte Lord Henry, »ich halt 's für richtiger, die Jagd für heute beendet sein zu lassen. Es würde nicht gut aussehen, sie fortzusetzen.«
»Ich wollte, sie wäre für immer beendet, Harry«, antwortete er bitter. »Die ganze Geschichte ist gräßlich und grausam ist der Mann...?« Er konnte den Satz nicht vollenden.
»Ja leider«, entgegnete Lord Henry. »Er hat die ganze Ladung in die Brust gekriegt. Er muß augenblicklich gestorben sein. Komm, wir wollen nach Hause.«
Sie schritten nebeneinander auf die Allee zu und sprachen etwa fünfzig Meter weit kein Wort. Dann sah Dorian Lord Henry an und sagte mit einem tiefen Seufzer: »Das ist ein böses Omen, Harry, ein sehr böses Omen.«
»Was denn?« fragte Lord Henry. »Oh! diesen Unglücksfall meinst du. Lieber Junge, daran ist nichts zu ändern. Der Mann hatte ja selber schuld. Warum lief er in die Schußlinie? Überdies ist es nicht unsere Sache. Für Geoffrey ist es natürlich nicht gerade angenehm! Es ist nicht hübsch, Treiber niederzupuffen. Die Leute denken gleich, man wäre ein Sonntagsjäger. Und das ist Geoffrey nicht; er schießt sogar brillant. Aber es hat keinen Zweck, über den Unfall weiter zu reden.«
Dorian schüttelte den Kopf. »Es ist ein böses Omen, Harry. Ich habe das Gefühl, als müßte einem von uns etwas Schreckliches zustoßen. Mir selbst vielleicht«, fügte er hinzu und legte mit einer schmerzlichen Bewegung die Hand über die Augen.