Clerambault: Geschichte eines freien Gewissens im Kriege

Part 24

Chapter 241,821 wordsPublic domain

„Mir ist“, sagte er, „als könnte ich, wie der hinkende Teufel nachts über die Stadt schwebend, den ersten Abend nach dem Waffenstillstand sehen. Und ich sehe in den Häusern, deren Vorhänge vor dem Jubelschrei der Straße herabgelassen sind, unendlich viel Herzen in Trauer, Herzen, die sich krampfhaft während all dieser Jahre mit dem Gedanken eines Sieges aufrechtgehalten haben, der ihrem Unglück einen Sinn oder den falschen Schein eines Sinnes gibt. Nun können sie endlich sich entspannen oder zerbrechen, schlafen oder endlich sterben. Die Politiker denken natürlich daran, wie sie auf das schnellste und ausgiebigste die gewonnene Partie ausnützen können oder, wenn sie sich verrechnet haben, an einen neuen Aufschwung auf dem Trapez. Die Fachleute des Krieges werden trachten, den Spaß solange als möglich fortdauern oder, wenn ihnen dies nicht gelingt, den Tanz so bald als möglich wieder beginnen zu lassen. Die Vorkriegspazifisten werden eilig aus ihren Winkeln und Löchern hervorkriechen und sich in rührenden Demonstrationen ergehen. Die alten Bonzen, die durch fünf Jahre die Trommel zum Vormarsch rührten, werden, Palmenzweige in den Händen, lächelnd und das Herz auf den Lippen, auftauchen und von Liebe reden. Und die Kämpfer selbst, die im Schützengraben geschworen haben, niemals zu vergessen, auch sie werden sich bereitwillig mit allen Erklärungen, Glückwünschen und Händedrücken, die man ihnen verabreicht, abfinden. Es ist ja auch zu viel verlangt, nicht zu vergessen. Fünf Jahre aufreibender Strapazen bereiten den Menschen gut zur Nachgiebigkeit vor, durch die Erschöpfung, durch das ewige Einerlei, durch den Wunsch nach einem Ende. Die rauschenden Klänge des Sieges werden die Schmerzensrufe der Besiegten ersticken. Und die meisten Menschen werden an nichts anderes denken, als wieder die alten, schläfrigen Gewohnheiten von vor dem Krieg aufzunehmen. Zuerst wird man auf den Gräbern tanzen, dann wird man wieder schlafen. Vom Krieg bleibt nichts als eine Prahlerei am Biertisch. Und wer weiß, vielleicht wird ihnen dies Sichnichterinnern so gut glücken, daß sie bald wieder dem Tanzmeister, dem Sensenmann, helfen werden, aufs neue anzufangen. Selbstverständlich nicht sofort, aber etwas später, wenn man gut ausgeschlafen hat.... So wird überall der Friede sein — solange, bis überall der neue Krieg da ist, denn Krieg und Friede, meine Freunde, sind im letzten Sinne, wie sie meist verstanden werden, nur zwei verschiedene Etiketten für dieselbe Flasche. Es ist ganz so, wie der König Bomba von seinen tapferen Soldaten sagt: „Zieht sie rot oder zieht sie grün an, sie werden doch Fersengeld geben.“ Ihr könnt es Frieden oder Krieg nennen, aber es gibt weder Frieden noch Krieg, es gibt nur die allgemeine Knechtschaft, die Bewegung der wie in Ebbe und Flut hingerissenen Massen und es wird solange so bleiben, bis sich starke Seelen über den menschlichen Ozean erheben und den scheinbar sinnlosen Kampf gegen das Schicksal beginnen, das diese schweren Massen in Bewegung setzt.“

„Gegen die Natur kämpfen?“ fragte Coulanges. „Denken Sie daran, ihre Gesetze vergewaltigen zu wollen?“

„Es gibt“, antwortete Clerambault, „kein einziges unabänderliches Gesetz. Gesetze leben, verwandeln sich und sterben wie alle irdischen Wesen, und es ist Pflicht des Geistes, nicht, wie die Stoiker es wollen, sie einfach hinzunehmen, sondern sie zu verändern, sie auf unser Maß zuzuschneiden. Die Gesetze sind die Form der Seele. Entfaltet sich die Seele, so müssen sie mit ihr wachsen. Ein gerechtes Gesetz ist nur jenes, das auf mich paßt.... Bin ich im Unrecht, wenn ich fordere, daß der Schuh sich dem Fuße anpasse und nicht der Fuß dem Schuh?“

„Ich sage nicht, daß Sie im Unrecht sind“, erwiderte der Graf. „Den Versuch, die Natur zu vergewaltigen, machen wir ja auch in der Züchtung. Wir verändern nicht nur die Form, sondern auch den Instinkt der Tiere, warum sollte das nicht auch beim Menschen gelingen.... Nein, ich widerspreche Ihnen nicht, im Gegenteil, ich bin der Meinung, daß es das Ziel und die Pflicht jedes Menschen, der dieses Namens würdig ist, sein muß, so, wie Sie sagen, die menschliche Natur gewaltsam weiter fortzubringen. Das ist die Quelle des wahren Fortschrittes, und es ist ein wirklicher Wert darin, auch wenn man das Unmögliche will. Freilich, das soll nicht sagen, daß wir mit dem, was wir versuchen, auch Erfolg haben werden.“

„Nein, wir werden keinen Erfolg haben, weder für uns noch für die Unseren. Es ist möglich, es ist sogar wahrscheinlich, daß unsere unglückliche Nation, vielleicht unser ganzes Abendland, sich auf einem absteigenden Ast befindet, und ich fürchte, daß der Absturz bald erfolgen wird, infolge ihrer Laster und Tugenden, von denen diese wie jene mörderisch sind durch ihren Stolz und ihren Haß, ihre provinzlerische Eifersucht, durch die endlose Schraube der Revanchen, durch beharrliche Verblendung, durch die erdrückende Treue zur Vergangenheit und jene verjährte Auffassung von Ehre und Pflicht, die sie die Zukunft für Gräber hinopfern läßt. Ich fürchte nur allzusehr, daß auch die letzte Mahnung dieses Krieges ihren lärmenden und zugleich trägen Heroismus in nichts belehrt hat.... In früheren Zeiten hätte dieser Gedanke mich niedergedrückt. Jetzt aber fühle ich mich wie von meinem eigenen Leib von allem Todgeweihten losgelöst, ich bin ihm nicht mehr anders als durch das Mitleid verbunden. Aber dafür ist mein Geist brüderlich mit allem, das — auf welchem Punkte der Erde auch immer — das neue Licht empfängt. Kennt ihr die schönen Worte des Sehers von Saint-Jean d’Acre: ‚Die Sonne der Wahrheit ist wie das Himmelsgestirn, mit vielen Orten des Aufstieges. An einem Tage erhebt es sich im Zeichen des Krebses, ein andermal im Zeichen der Waage, aber die Sonne ist eine und eine einzige Sonne. Einmal ging der Strahl der Sonne der Wahrheit vom Wendekreis Abrahams auf und ging unter im Zeichen Moses und entflammte den Horizont. Dann erhob sie sich wieder im Zeichen Christi, glühend und Glanz verbreitend. Diejenigen, die Abraham dienten, wurden blind am Tage, da das Licht über dem Sinai glänzte. Aber meine Augen werden stets — von welchem Punkt immer sie sich erhebt — der aufgehenden Sonne entgegengerichtet sein. Und ginge die Sonne im Westen auf, es wäre doch die Sonne.‘“

„Und heute kommt uns von Norden das Licht“, sagte lächelnd Moreau.

§

Obwohl die Vorladung auf ein Uhr lautete und es kaum Mittag war, hatte es Clerambault doch eilig, fortzugehen. Er fürchtete, zu spät zu kommen.

Er hatte nicht weit zu gehen. Seine Freunde hätten ihn nicht gegen die übrigens sehr spärliche Rotte zu verteidigen brauchen, die ihn beim Eingang des Justizpalastes erwartete, denn die Nachrichten des heutigen Tages lenkten von den gestrigen ab. Höchstens hätten einige feige Köter, die sich mehr lärmend als beunruhigend gebärdeten, versucht, ihm von rückwärts die Zähne zu zeigen.

Sie waren an die Ecke der Rue Vaugirard und Rue d’Assas gekommen, als Clerambault bemerkte, daß er etwas vergessen hatte, und seine Freunde für einen Augenblick stehen ließ, um noch einmal hinaufzugehen und einige Papiere aus seiner Wohnung zu holen. Sie blieben unten, um auf ihn zu warten, und sahen, wie er den Fahrweg überquerte. Auf dem Trottoir gegenüber, bei einem Wagenplatz, trat ihn ein Mann seines Alters an, ein nicht sehr großer und ein wenig schwerfälliger Mann aus dem Bürgerstand. Alles geschah so schnell, daß sie nicht einmal Zeit hatten, einen Schrei auszustoßen: ein Wortwechsel, ein ausgestreckter Arm, ein Knall. Sie sahen Clerambault wanken und liefen hin. Aber es war schon zu spät.

Sie streckten ihn auf eine Bank hin, die Menge — mehr neugierig als erregt — (ach, man hatte so viel solcher Dinge gesehen und gelesen) drängte sich herzu und gaffte.

„Was ist denn?“

„Ein Flaumacher.“

„So, dann ist es schon gut! Die Schurken haben uns genug geschadet.“

„Nun, es gibt schon ein größeres Verbrechen, als zu wünschen, daß dieser Krieg einmal zu Ende ist.“

„Es gibt nur eine Möglichkeit, daß er zu einem Ende kommt, und die ist, ihn bis an das Ende zu führen. Nur die Pazifisten verlängern den Krieg.“

„Sie sind sogar schuld daran! Ohne sie wäre nie einer gekommen, der Boche hat mit ihnen gerechnet.“

Und Clerambault dachte im Halbbewußtsein an die alte Frau, die ihr Stück Holz zum Scheiterhaufen des Johann Huß hinschleppte .... _Sancta Simplicitas_!

Vaucoux hatte nicht die Flucht ergriffen und sich widerstandslos den Revolver aus der Hand nehmen lassen. Man hielt ihn fest bei den Armen. Er blieb unbeweglich und sah nur sein Opfer an, das wiederum ihn betrachtete. Beide dachten an ihre Söhne.

Moreau bedrohte Vaucoux. Aber unerschütterlich und starr in seinem Haßglauben sagte Vaucoux:

„Ich habe den Feind getötet!“

Gillot, der sich über Clerambault neigte, sah, wie er schwach lächelnd Vaucoux betrachtete.

„Mein armer Freund“, dachte er, „in dir selbst ist der Feind.“

Er schloß wieder die Augen .... Jahrhunderte gingen vorbei....

„Es gibt keine Feinde mehr!“

Und Clerambault empfand selig den Frieden kommender Welten.

§

Da ihn das Bewußtsein schon verlassen hatte, trugen ihn die Freunde in das nahe gelegene Haus Froments. Aber ehe sie es betreten hatten, war er verschieden.

Sie legten ihn auf ein Bett in einem Zimmer neben jenem, in dem der junge Gelähmte, umgeben von seinen Freunden, ruhte. Die Tür stand offen und der Schatten des toten Freundes schien bei ihnen zu weilen.

Moreau ereiferte sich bitter über den Widersinn dieses Mordes, der, statt einen der großen Verbrecher der triumphierenden Reaktion oder einen der bekannten Anführer der revolutionären Minderheiten zu treffen, sich gerade gegen einen ungefährlichen, unabhängigen, allen brüderlich gesinnten und fast zu nachsichtigen Menschen gewendet hatte.

Aber Edme Froment sagte:

„Der Haß täuscht sich nicht. Ihn leitet ein sicherer Instinkt... Nein, er hat sich sein Ziel gut gesucht. Oft sieht der Feind viel klarer als der Freund. Versuchen wir nicht, uns einer Illusion hinzugeben: der gefährlichste Feind der Gesellschaft und der bestehenden Ordnung ist und war in dieser Welt der Gewalttätigkeit, der Lüge und der anderen Kompromisse von je und immer her der Mann des vollkommenen Friedens und des freien Gewissens. Nicht durch Zufall ist Jesus gekreuzigt worden, es mußte so sein, und er wäre später auch immer wieder zum Schafott geschleppt worden. Der Mann des Evangeliums ist der radikalste Revolutionär von allen, denn er ist die unerreichbare Quelle, aus der durch den Spalt der harten Erde die Revolutionen aufspringen. Er ist das ewige Prinzip der Nichtunterwerfung des Geistes unter den Cäsar, wer immer es auch sei, der ewige Auflehner gegen die ungerechte Gewalt. So erklärt sich der Haß der Staatsknechte und der hörig gemachten Völker gegen den gemarterten Christ, der auf sie niederschaut und schweigt, und gegen seine Schüler, gegen uns, die ewigen Dienstverweigerer, die „_conscientious objectors_“ wider alle Tyranneien, mögen sie nun von oben kommen oder von unten, mögen sie jene von morgen oder jene von heute sein — gegen uns, die Verkünder dessen, der größer ist als wir, der der Welt das Wort des Heiles bringt, dessen, den sie ins Grab gelegt, des Meisters, den sie zu Tode martern werden bis ans Ende der Welt, und der doch immer wieder auferstehen wird — der freie Geist, unser Herr und Gott!“

S i e r r e 1916 — P a r i s 1920

Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Druck- und Rechtschreibfehler wurden korrigiert. Bei Varianten der Schreibweise wurde die häufigste verwendet.

Die Zeichensetzung wurde nur bei eindeutigen Druckfehlern geändert. Für dieses eBook wurde ein Cover erstellt, das nun gemeinfrei ist.

[Das Ende von _Clerambault_, von Romain Rolland.]