Clerambault: Geschichte eines freien Gewissens im Kriege
Part 13
Der Angriff Bertins lenkte auf Clerambault die Aufmerksamkeit einiger Politiker der äußersten Linken, die nicht recht wußten, wie sie ihre Opposition gegen die Regierung (die ja ihre Existenzbedingung war) mit jener „heiligen Eintracht“ in Einklang bringen sollten, die zu Kriegsbeginn gegen den feindlichen Einbruch beschlossen war. Sie druckten die beiden ersten Artikel Clerambaults in einem jener sozialistischen Blätter nach, deren Gedankengang damals zwischen diesen Gegensätzen pendelte. Man bekämpfte dort den Krieg und votierte gleichzeitig Kriegskredite. Begeisterte internationale Bekenntnisse standen dort dicht neben Mahnreden von Ministern, die eine nationalistische Politik trieben. In diesem Schaukelspiel hätten die Seiten Clerambaults mit ihrem vagen Lyrismus, wo der Angriff maßvoll war und die Kritik der Vaterlandsideen von tiefem Mitleid umhüllt, den ganz wertlosen Charakter eines platonischen Protests gehabt, wenn nicht die Zensur darin einzelne Sätze mit der Zähigkeit einer Termite ausgefressen hätte. Die Spuren ihrer Zähne lenkten aber gerade die Blicke auf das, was der allgemeinen Unaufmerksamkeit sonst entgangen wäre. So kratzte die Zensur in dem Aufsatz „An die einst Geliebte“ das Wort Vaterland, nachdem sie es zum erstenmal in Verbindung mit einem liebenden Anruf ruhig hatte stehen lassen, bei allen anderen, bedeutend weniger schmeichelhaften Stellen rücksichtslos heraus. Ihre Dummheit sah nicht, daß nun das Wort, linkisch vom Lichtschirm bedeckt, nur noch besser im Geiste des Lesers aufleuchtete. So gelang es ihr, einem Aufsatz, der eigentlich recht bedeutungslos war, Bedeutung zu verleihen, wobei allerdings hinzuzurechnen war, daß in dieser Stunde allgemeiner Passivität das geringste Wort freier Menschlichkeit, insbesondere aber ein von einem bekannten Namen ausgesprochenes, sofort eine ganz außerordentliche und weite Wirkung gewann. Der andere Artikel, „Ihr Toten verzeihet uns“, war oder konnte durch seinen schmerzlichen Akzent noch gefährlicher für die große Masse der einfachen, vom Krieg aufgewühlten Seelen sein. So versuchte die bisher gleichgültige Zensur bei dem ersten Wind, den sie davon bekam, ihn glatt vor der Öffentlichkeit zu unterdrücken. Geschickt genug, um nicht auf Clerambault durch eine öffentliche Maßnahme besondere Aufmerksamkeit zu lenken, verstand sie es, auf das Journal auf Umwegen einzuwirken. Ein heftiger Widerstand gegen den Schriftsteller zeigte sich plötzlich in der internen Redaktion der Zeitung selbst. Natürlich warfen sie ihm nicht den Internationalismus seines Gedankens vor, sondern sie beschuldigten ihn bourgeoiser Empfindsamkeit.
Dafür bot ihnen nun Clerambault selbst Argumente mit einem dritten Artikel, in dem sein Widerstand gegen jede Gewalt ebenso die Revolution wie den Krieg zu verurteilen schien. Die Dichter sind eben immer schlechte Politiker.
Es war eine erbitterte Antwort auf jenen „Anruf an die Toten“, den Barrès, die zitternde Nachteule, von einer Friedhofzypresse herabwimmerte.
„A n r u f a n d i e L e b e n d i g e n“
„Der Tod beherrscht die Welt. Ihr, die ihr lebendig seid, schüttelt sein Joch ab! Es genügt ihm nicht, die Völker zu vernichten, er will, daß sie ihn auch noch verherrlichen, daß sie ihm singend entgegenlaufen, und ihre Herren verlangen, daß sie ihre eigene Aufopferung verherrlichen. „Es ist das schönste Los, das beneidenswerteste, das man erlangen kann!...“ Sie lügen! Es lebe das Leben! Einzig das Leben ist heilig, und die Liebe zum Leben ist die erste Tugend. Aber die Menschen von heute besitzen sie nicht mehr. Dieser Krieg beweist — und beweist bei vielen schon seit fünfzehn Jahren — (gesteht es euch nur ein!) das Vorhandensein einer wahnwitzigen Hoffnung auf eine solche Katastrophe. Ihr liebt das Leben nicht, wenn ihr keine bessere Verwendung dafür habt, als es dem Tod zum Fraß hinzuwerfen. Euer Leben ist euch eine Last, euch, ihr Reichen, ihr Bürger, ihr Diener der Vergangenheit, ihr Konservativen, die ihr darüber greint aus Mangel an Appetit, aus moralischem Übelbefinden, mit euren vor Überdruß schleimigen und sauren Seelen und Mäulern — und euch, ihr Proletarier, ihr Armen und Unglücklichen aus Mutlosigkeit über das Schicksal, das euch zugefallen ist. In der dumpfen Mittelmäßigkeit eures Lebens, in der Hoffnungslosigkeit, es jemals zu verwandeln (ihr Kleingläubigen!), wartet ihr einzig darauf, ihm durch einen Gewaltakt zu entrinnen, der euch dem Sumpf, zumindest für die Spanne einer Minute, nämlich der letzten, entreißt. Die Stärksten unter euch, jene, die am besten die Energie der ursprünglichen Instinkte bewahrt haben, die Anarchisten und Revolutionäre, appellieren bloß an sich selbst, um diese befreiende Tat zu erfüllen. Aber die große Volksmasse ist zu müde, um die Initiative zu ergreifen. Deshalb begrüßt sie mit solcher Gier die mächtige Welle, die ihre Vaterländer aufrührt: den Krieg! Sie gibt sich ihm mit einer düsteren Wollust hin. Denn er ist der einzige Augenblick im Leben, wo diese verschatteten Existenzen sich vom Atem des Unendlichen durchweht fühlen. Und gerade dieser Augenblick ist der der Vernichtung.
Ah, eine schöne Art, sein Leben anzuwenden.... Es einzig dadurch zu bejahen, daß man es verneint zugunsten irgendeines menschenfresserischen Gottes, mag er Vaterland oder Revolution heißen, der zwischen seinen Kinnladen die Gebeine von Millionen Menschen zerkrachen läßt....
Sterben, Zerstören, was liegt da für ein Ruhm darin! Das einzige Wichtige wäre, zu leben. Und das versteht ihr nicht. Ihr seid des Lebens nicht würdig. Nie habt ihr die Segnungen der lebendigen Minute empfunden, der Freude, die im Lichte tanzt. Oh, ihr hinsterbenden Seelen, ihr wollt, daß alles mit euch sterbe, kranke Brüder, denen wir die Hand hinreichen, sie zu retten, und die uns wütend mit sich in den Abgrund reißen....
Aber nicht mit euch, ihr Unglücklichen, will ich abrechnen, sondern mit euren Gebietern. Mit euch, den Herren der Stunde, unsern geistigen Gebietern, den politischen Machthabern, den Herren des Geldes, des Eisens, des Blutes und des Gedankens! Mit euch, die ihr diese Staaten in Händen haltet, die ihr diese Armeen in Bewegung setzt, die ihr mit euren Zeitungen, Büchern, Schulen und Kirchen diese Generation geformt und aus diesen freien Seelen Herden gemacht habt. Ihre ganze Erziehung — euer Werk der Knechtung — die Laienerziehung wie die christliche, lobpreist gleicherweise mit ungesundem Jubel den nichtigen militärischen Ruhm und seine Glückseligkeit. Am Ende der Angel hält sowohl die Kirche als auch der Staat den Tod als Köder hin.
Ihr heuchlerischen Schriftgelehrten und Pharisäer, Schande über euch! Politiker und Priester, Künstler und Schriftsteller, ihr Chorführer des Todes, ihr seid innen voll von Totengebein und Verwesung. Ach, ihr seid so recht die Söhne jener, die Christus getötet haben. Wie jene beschwert ihr die Schultern der Menschen mit entsetzlichen Lasten, zu denen ihr selbst nicht den Finger aufhebt. Wie jene, so kreuzigt ihr gerade solche, die den unglücklichen Völkern helfen wollen, solche, die zu euch kommen, in den Händen den Frieden, den gesegneten Frieden. Ihr sperrt sie ein und schmäht sie und jagt sie, so wie es geschrieben steht in der Schrift, von Stadt zu Stadt, bis daß das ganze vergossene Blut der Erde in Strömen auf euch zurückfällt.
Ihr Kuppler des Todes, ihr arbeitet nur für ihn! Das Vaterland dient euch nur dazu, um die Zukunft der Vergangenheit hörig zu machen und die lebendigen Menschen an die vermoderten Toten zu ketten. Ihr verurteilt das neue Leben in alle Ewigkeit, einzig die leeren Gebräuche der Gräber ängstlich zu erfüllen.... Aber laßt uns auferstehen! Lassen wir die Glocken klingen zum Osterfest der Lebendigen!
Ihr Menschen, es ist nicht wahr, daß ihr die Sklaven der Toten seid und durch sie wie Hörige an die Erde gebunden. Laßt die Toten ihre Toten begraben und selbst in die Grube fahren. Ihr aber seid Söhne der Lebendigen und selbst lebendig! Ihr jungen, gesunden Brüder, zerbrecht die nervenschwache Müdigkeit eurer Seelen, die sich den vergangenen Vaterländern verschrieben haben und die nur manchmal in plötzlichen Krämpfen der Raserei sich aufraffen. Werdet selbst die Herren der Stunde, die Herren der Vergangenheit, Väter und Söhne eurer Werke! Seid frei! Jeder von euch ist Mensch — nicht der verweste Leib der in den Gräbern stinkend Vermoderten, sondern das knisternde Feuer des Lebens, das die Verwesung tilgt, das die Leichen der vergangenen Jahrhunderte zerstört, das immer neue junge Feuer, das die Erde mit seinen brennenden Armen umschlingt. Seid frei! Ihr Eroberer der Bastille, ihr habt noch nicht jene andere erobert, die in euch selbst ist, das falsche Schicksal, das seit Jahrhunderten alle jene zu eurer Niederhaltung gebaut haben, die — entweder Sklaven oder Tyrannen (sie sind von der gleichen Galeere) — Furcht haben, daß ihr euch eurer Freiheit bewußt würdet. Der wuchtige Schatten der Vergangenheit — Religionen, Rassen, Vaterländer, die materialistische Wissenschaft — verdeckt eure Sonne. Geht ihr entgegen! Die Freiheit ist jenseits all jener Wälle und Türme von Vorurteilen, jener toten Gesetze, jener geheiligten Lügen, die die Interessen einzelner Auguren, die Meinung der militarisierten Massen und euere eigenen Zweifel an euch selbst noch behüten. Wagt es, zu wollen! Und ihr werdet plötzlich hinter der Mauer des trügerischen Schicksals, kaum daß sie hinstürzt, wieder die Sonne und die unbegrenzte Ferne sehen.“
§
Statt die revolutionäre Flamme dieses Aufrufes zu erkennen, klammerte sich das Redaktionskomitee der Zeitung nur an die drei oder vier Zeilen, in denen Clerambault die Gewalttätigkeiten aus beiden Lagern, von rechts und links, in denselben Sack zu stecken schien. Woher nahm dieser Dichter das Anrecht, in einem Parteiblatte den Sozialisten Lektionen erteilen zu wollen? Im Namen welcher Theorien tat er es? War er denn überhaupt Sozialist? Ein solcher Bourgeois sollte nur mit diesen tolstoianischen und anarchistischen Schreibübungen bei der Bourgeoisie bleiben. Vergebens protestierten einige weitsichtigere Köpfe dagegen und betonten, jeder freie Gedanke, ob mit, ob ohne politische Etikette, müsse willkommen geheißen werden, und jener Clerambaults, so wenig er auch die Parteitheorie kenne, sei in Wahrheit sozialistischer als mancher der Sozialisten, die sich der nationalen Schlächterei beigesellt hätten. Dennoch ging man glatt darüber hinweg, und der Artikel wurde, nachdem er ein paar Wochen in einer Schublade geschlafen hatte, Clerambault zurückgegeben unter dem Vorwand, sie hätten zuviel aktuelle Aufsätze und zu wenig Raum.
Clerambault brachte den Artikel einer kleinen Revue, die sich mehr von seinem literarischen Ruf als von seinen Ideen zum Abdruck verleiten ließ. Das Resultat war, daß auf Befehl der Polizei die Revue am Tage nach dem Erscheinen des fast ganz unterdrückten Artikels verboten wurde.
Clerambault aber wurde nur noch hartnäckiger. Gerade diejenigen, die ihr ganzes Leben unterwürfig gewesen waren, werden die erbittertsten Revolutionäre, wenn man sie dazu zwingt. Ich erinnere mich, einmal ein großes Lamm gesehen zu haben, das, von einem Hund beunruhigt, endlich auf ihn losstürmte, und der Hund, durch diese unerwartete Umkehrung der Naturgesetze erschreckt, floh vor Entsetzen und Angst bellend davon. Der Köter Staat ist seiner Zähne zu sicher, um sich über ein paar unbotmäßige Lämmer zu beunruhigen, aber das Lamm Clerambault berechnete nicht mehr den Widerstand, sondern stieß mit dem Kopf kreuz und quer. Die Eigentümlichkeit schwacher aber edler Herzen ist es, ohne Übergang aus einer Übertreibung in die andere zu verfallen. Aus dem Übermaß eines Massengefühls war Clerambault mit einem Ruck zu einem Übermaß des isolierten Individualismus hinübergesprungen, und eben weil er die Geißel des Gehorsams so gut kannte, sah er überall nur sie, diese soziale Suggestion, deren Folgen in allen Gesellschaftsklassen gleich sichtbar waren: die heroische Passivität der Armeen, die man bis zum Irrsinn gepriesen hatte, die Millionen der von der Hauptschar eingeschlossenen Ameisen, die Unterwürfigkeit der Parlamente, die den Chef der Regierung zwar mißachteten, aber doch solange mit ihrer Stimme unterstützten, bis zufällig einmal der Ausbruch eines einzelnen Revoltierenden eine Explosion hervorrief, die griesgrämige, aber doch militärische Unterwürfigkeit selbst der linksstehenden Parteien, die dem absurden Idol einer abstrakten Einigkeit selbst ihre Existenzberechtigung aufopfern. Und diese Leidenschaft, den eigenen Willen preiszugeben, war für ihn der Feind. Er erkannte seine Aufgabe darin, den Zweifel zu erwecken, den Geist, der die Kette zernagt, und möglicherweise den großen Wahn zu zerstören.
§
Die Wurzel des Übels war die Idee der Nation. Und diese geschwürige Stelle durfte man nicht anrühren, ohne daß die Bestie aufschrie. Clerambault attackierte sie schonungslos.
„... Was habe ich mit euren Nationen zu tun? Ihr verlangt von mir, ich solle einzelne Völker lieben und einzelne hassen. Ich liebe oder hasse Menschen. Und es gibt innerhalb jeder Nation vornehme, niederträchtige und mittelmäßige, nur daß in jeder einzelnen Nation die vornehmen und die niederträchtigen selten sind, die mittelmäßigen dagegen die große Masse bilden. Ich liebe einen Menschen oder liebe ihn nicht um dessentwillen, was er ist, und nicht dafür, was die anderen sind. Und gäbe es in einer Nation nur einen einzigen Menschen, den ich liebe, so würde mir das schon genug sein, um sie nicht als Gesamtheit zu verurteilen. — Ihr sprecht mir von den Kämpfen und dem eingebornen Haß der Rassen? Die Rassen sind die Farben im Prisma des Lebens, erst aus ihrem leuchtenden Zusammenspiel entsteht das Licht. Wehe dem, der dieses Prisma bricht! Ich gehöre nicht einer Rasse an, ich gehöre dem Leben, dem ganzen Leben. Ich habe Brüder bei allen Nationen, ob sie freundlich oder feindlich sind, und die mir zunächst Stehenden sind nicht immer jene, die ihr mir als Landsleute aufzwingen wollt. Die seelischen Familien sind über die ganze Welt hin zerstreut. Führen wir sie wieder zusammen! Unsere Aufgabe ist es, die chaotischen Nationen zu zerstören und an ihrer Stelle harmonische Gruppen zu bilden. Nichts wird dies verhindern können, und selbst die Verfolgungen werden aus dem allgemeinen Leiden nur die allgemeine Liebe der gemarterten Völker formen.“
Und andere Male betonte er in schonungsloser Weise seine persönliche Loslösung von dem Wettstreit der Nationen, obwohl er die Idee der Nation nicht leugnete, ja sogar als eine natürliche Tatsache anerkannte; denn Clerambault versteifte sich nicht auf die Logik, ihm kam es nur darauf an, das Götzenbild durch alle Lücken seines Harnisches zu treffen. Diese seine Haltung war nicht minder gefährlich.
„Ich kann keinen Anteil nehmen an den Streitigkeiten eurer Nationen um die Überlegenheit. Mir ist es gleichgültig, ob im Wettrennen diese oder jene Farbe den Sieg behält. Wer auch gewinnt, es ist doch immer die Menschheit, die den Sieg davonträgt. Für mich ist es nur gerecht, daß das lebendigste, das klügste, das arbeitsamste Volk in dem friedlichen Kampfe der Arbeit den Triumph erringe. Entsetzlich dagegen wäre, wenn die zurückgedrängten Nebenbuhler oder diejenigen, die eine Zurückdrängung befürchten, zur Gewalt griffen, um sich die Konkurrenz vom Halse zu schaffen. Dies würde die Unterordnung des Interesses aller Menschen unter einen geschäftlichen Gesichtspunkt bedeuten. Das Vaterland ist aber kein geschäftlicher Gesichtspunkt. Es ist nun gewiß traurig, daß das Aufsteigen der einen Nation den Niedergang der anderen verursacht, aber warum sagt ihr nicht, wenn der große Handel des eigenen Landes den kleinen Handel des eigenen Landes zugrunde richtet, dies sei ein Majestätsverbrechen gegen den Staat? Und doch richtet dieser Kampf viel traurigere und unverdientere Verheerungen an. Das ganze gegenwärtige ökonomische Gesellschaftssystem der Welt ist verhängnisvoll und lasterhaft, hier müßte man mit der Heilung einsetzen. Der Krieg aber, der versucht, den glücklicheren oder geschickteren Konkurrenten zugunsten des ungeschickteren oder trägeren zu begaunern, vergrößert nur die Mängel dieses Systems, denn er bereichert einzelne Wenige und ruiniert die ganze Gemeinschaft.
Es ist unmöglich, daß alle Völker auf derselben Straße im selben Schritt vorwärtsmarschieren. Abwechselnd überholen bald die einen die anderen und werden wieder selbst überholt. Aber was tut es, wenn sie nur im selben Zuge schreiten! Nur keine dumme Eigenliebe! Der Pol der Weltenergie verändert ständig seine Stelle, selbst im gleichen Lande verlegt er oft seinen Ruhepunkt. In Frankreich ist er von der römischen Provence an die Loire der Valois übergegangen, jetzt ist er in Paris, wird aber nicht immer dort bleiben. Die ganze Erde gehorcht einem wechselnden Rhythmus fruchtbaren Frühlings und einschlummernden Herbstes, die großen geschäftlichen Routen bleiben nicht unveränderlich, und die Schätze unter der Erde sind nicht unerschöpflich. Ein Volk, das sich durch Jahrhunderte ohne zu rechnen verausgabt hat, geht durch seinen Glanz dem Ende entgegen. Es kann sich nur erhalten, wenn es auf die Reinheit seines Blutes verzichtet und sich den anderen vermengt. Es ist zwecklos, es ist verbrecherisch, seine vergangene Zeit der Reife angeblich verlängern zu wollen, indem man andere hindert heranzuwachsen oder, wie unsere alten Leute von heutzutage, die Jungen in den Tod schickt. Das macht sie nicht jünger, aber sie töten die Zukunft damit.
Ein gesundes Volk versucht, statt sich gegen die Lebensgesetze entrüstet aufzulehnen, sie zu verstehen. Es sieht seinen wahren Fortschritt nicht im stupiden Willen, durchaus nicht alt werden zu wollen, sondern in einer unablässigen Bemühung, mit dem Alter fortzuschreiten, anders und größer zu werden. Jedes Alter hat seine Aufgabe. Ein ganzes Leben sich an die selbe anzuklammern, ist Faulheit und Schwäche. Lernt euch zu verwandeln, der Wandel ist das Leben. Die Werkstätte der Menschheit hat Arbeit für alle! So arbeiten wir Völker jedes für seinen Teil, und jedes sei stolz auf die Arbeit aller. Die Mühe und das Genie aller anderen sind auch die unseren.“
§
Diese Artikel erschienen da und dort, wo es ihnen eben gelang, in irgendeinem jener kleinen fortschrittlichen, anarchistischen oder literarischen Blätter unterzukommen, in denen sonst die gewalttätigen Angriffe gegen Einzelpersonen den wohlbedachten Kampf gegen das Regime zu ersetzen versuchten. Die Aufsätze waren fast ganz unleserlich, so hatte die Zensur sie zugerichtet, die übrigens, wenn der Artikel dann in einer anderen Zeitung nachgedruckt wurde, manchmal mit launischer Vergeßlichkeit das durchrutschen ließ, was sie gestern verboten hatte, und das wieder wegschnappte, was sie gestern hatte durchgehen lassen. Es gehörte eine wirkliche Anstrengung dazu, ihren Sinn zu erfassen. Seltsamerweise waren es aber nicht die Freunde, sondern die Gegner Clerambaults, die sich dieser Mühe unterzogen. In Paris sind sonst die Polemiken von kurzer Dauer, denn die gefährlichsten Gegner, die wahrhaft Geschulten im Federkrieg, wissen sehr genau, daß Schweigen mehr schadet als Beschimpfung, und so gebieten sie oft ihrer Gehässigkeit Stille, um sich gewissere Wirkung zu sichern.
Aber in der hysterischen Krise, die damals die Seelen Europas schüttelte, gab es keine Richtschnur mehr, nicht einmal mehr eine für den Haß. Die Heftigkeit der Attacken Octave Bertins brachte Clerambault jeden Augenblick wieder der Öffentlichkeit in Erinnerung. Es half nichts, daß Bertin selbst verächtlich die anderen aufforderte: „Reden wir nicht mehr davon!“ Er redete selbst davon am Ende jedes einzelnen Artikels, in dem er seine Galle entlud.
Nun kannte Bertin zu genau alle geheimen Schwächen, alle geistigen Mängel und alle kleinen Lächerlichkeiten seines einstigen Freundes, als daß er sich das Vergnügen versagen konnte, sie mit sicherem Pfeil zu treffen. Clerambault, im Tiefsten verwundet und nicht klug genug, seinen Ärger zu verbergen, ließ sich in den Kampf hineinreißen, antwortete und zeigte, daß auch er den anderen bis aufs Blut verletzen könne. Eine brennende Gehässigkeit brach zwischen den beiden los.
Das Resultat war vorauszusehen. Bisher war Clerambault ungefährlich gewesen. Er beschränkte sich im ganzen auf die sittliche Abhandlung, seine Polemik trat nicht aus dem gedanklichen Kreis hervor und hätte ebensogut sich auf Deutschland, England oder auf das Rom von einst beziehen können wie auf das Frankreich von heute. In Wahrheit verstand er eigentlich höchst wenig von den politischen Dingen, über die er sich verbreitete, ebensowenig wie neun Zehntel aller Männer seiner Gesellschaftsklasse und seines Berufes. So konnte auch das, was er aufspielte, nicht die Herren der Stunde verwirren. Der lärmende Federkrieg Clerambaults und Bertins aber, inmitten des Durcheinanders und Getöses der Zeitungen, hatte eine doppelte Folge. Einerseits gewöhnte er Clerambault in seinem Gefecht zu feinerer Technik, und das zwang ihn, sich einen sichereren Grund unter den Füßen zu suchen als den der bloß logischen Streitigkeiten, andererseits brachte er ihn in Zusammenhang mit Männern, die die Tatsachen besser kannten und ihm Unterlagen für seine Aufsätze brachten. Seit einiger Zeit hatte sich in Frankreich ein kleiner, halb unterirdischer Zirkel gebildet, der sich mit einer unbeeinflußten Untersuchung und freien Kritik des Krieges und seiner Ursachen befaßte. Der Staat, der sonst so wachsam jeden Versuch freien Denkens zermalmte, hielt diese klugen, ruhigen Menschen, die meist Gelehrte waren, kein lärmendes Aufsehen zu bewirken suchten und sich mit Privatdebatten begnügten, für ungefährlich. Es schien ihm politischer, sie bloß zu bewachen, als zwischen vier Mauern einzusperren. Aber er täuschte sich in seiner Berechnung. Ist einmal die Wahrheit in bescheidener Mühe gefunden, und sei sie auch nur fünf oder sechs Menschen offenbar, so kann sie nicht mehr entwurzelt werden: sie steigt aus der Erde mit unwiderstehlicher Kraft. Clerambault erfuhr damals zum erstenmal, daß es solche leidenschaftliche Wahrheitssucher gab, die an jene aus der Zeit des Dreyfusprozesses erinnerten, und ihr geheimes Apostolat unter der allgemeinen Unterdrückung erinnerte ihn irgendwie an die kleine christliche Gemeinschaft zur Zeit der Katakomben. Mit ihrer Hilfe entdeckte er jetzt neben den Ungerechtigkeiten auch die Lüge des „großen Krieges“. Bisher hatte er davon nur ein dunkles Vorgefühl gehabt, doch vermochte er nicht zu ahnen, bis zu welchem Grade unsere nächste Zeitgeschichte gefälscht worden war. Sein Entsetzen war ungeheuer. Selbst in den Stunden eindringlichster Prüfung hatte sich seine naive Vorstellungsweise niemals die trügerischen Untergründe ausdenken können, auf denen ein solcher Kreuzzug für das Recht beruhte. Und da er nicht der Mann war, seine Entdeckung für sich zu behalten, schrie er sie in Aufsätzen offen aus, die sofort von der Zensur untersagt wurden, schob sie dann in satirischer, ironischer oder symbolischer Form in kleine Erzählungen und Fabeln in der Art Voltaires ein, die manchmal infolge Unachtsamkeit des Zensors glücklich durchgingen, aber Clerambault den Machthabern als einen ausgesprochen gefährlichen Menschen erscheinen ließen.