Charaktere und Schicksale

Chapter 9

Chapter 93,614 wordsPublic domain

„So — so — da wäre ich begierig,“ fiel Arthur ein, zog die bekannte Cigarette hervor, entzündete sie mit gewohnter Hast und paffte stark.

„Also — bitte — heraus damit, wenn's gefällig ist —“

„Der Reflektant ist — ich nehme natürlich an, daß ihr nicht selbst verhandelt, sondern mir das überlaßt — Freiherr Alfred von Klamm. Er sucht ein Zeitungs- und Druckerei-Unternehmen zu erwerben —“

„Du meinst?“ fiel Arthur überrascht, aber zunächst nicht ungläubig ein. Und dann doch gleich wieder abwiegelnd:

„Jedenfalls kannst du aber doch nicht mit ihm verhandeln. Du, den er beschuldigt, daß du ihn und seine Mutter um ihr ganzes Vermögen gebracht hast. Da müßte doch ein anderer vorgehen —“

„Und du glaubst noch immer an diesen Unsinn, Arthur!? Ich muß mich wirklich wundern! Schon aus dem Umstande, daß ich mit ihm in Verbindung treten will, erhellt doch zur Genüge, daß ich ihm seine Behauptungen vollkommen zu widerlegen im Stande bin.

„Ich will davon absehen, daß ich ihn eigentlich wegen schimpflicher Verleumdung belangen müßte.“

Arthur erhob das Haupt und sah seinen Onkel nicht ohne starken Beifall an. Was sich nicht alles in dessen Kopf gestaltete, und mit welcher cynischen Souveränität er über Felsen und Schluchten wegsetzte. Man mußte es bedauern, daß ein an sich so findiger und gewandter Mensch seine ihm von der Natur verliehenen Gaben nicht in den Dienst solider Dinge stellte!

Nach diesen, auf Theodor gerichteten Betrachtung gen aber gingen auch seine Gedanken wieder zu Klamm.

Er sagte infolgedessen:

„Na, ja — gleichviel! Lassen wir das! Etwas anderes aber ist — und das fällt allein ins Gewicht: Sollte wirklich Klamm, nachdem er in einen solchen Glückstopf gegriffen und sich wieder in die vornehme Gesellschaft eingereiht hat, ein Zeitungs-Unternehmen und eine Buchdruckerei kaufen wollen?“

„Ja,“ betonte Theodor entschieden.

„Er sucht etwas, obschon seine Frau, wie ich erfahren habe, durchaus dagegen ist. Er hat einmal Geschmack an der Publizität gefunden, und die Eitelkeit, als selbst produzierender Mensch und Zeitungsbesitzer die übliche einflußreiche Rolle zu spielen! Frage nur deinen Vater, mit welchem unglaublichen Eifer er bei euch thätig war. Freilich das nur, um bei euch etwas möglichst rasch abzulernen.“

„Ja!“ meinte Arthur und rüstete sich jetzt, rasch nach der Uhr sehend, zum Aufbruch. „Es ist ein ungewöhnlicher Mensch, und ich wiederhole oft Gesagtes: ich möchte ihn gern 'mal kennen lernen. Na, ja! Denkbar ist es ja jetzt — wenn du“ — hier nahm Arthur seinen pessimistischen Ton wieder an — „dir nicht selbst etwas eingebildet, wenn du nicht Möglichkeiten und Hoffnungen als Thatsachen hingestellt hast!

„Jedenfalls will ich noch heute mit meinem Vater sprechen und ihm über alles Mitteilung machen. Du sollst dann alsbald Nachricht haben.“

Hierauf klingelte er, zahlte dem Kellner, ohne von seinem Onkel noch besondere Notiz zu nehmen, und machte sich dann — ihm rasch und flüchtig die Hand drückend — davon.

„Geben Sie mir noch einen Hennessy Cognac vom besten!“ erklärte Theodor, der noch dageblieben war, dem Kellner, und zog die Börse.

Und während dieser forteilte, um das Verlangte herbeizuholen, murmelte Theodor Knoop:

„So viel ist gewiß! Sobald ich mein Geld bei ihnen für die Adelsgeschichte und den Verkauf des Geschäfts in der Tasche habe, ziehe ich mich von der ruppigen Gesellschaft ein für allemal zurück! Jede kleinste Zuwendung wird einem vorgehalten. Selbst Bezahlungen für geleistete Dienste werden einem auf das Mitleidskonto geschrieben!

„Mit meinem Bruder läßt sich wenigstens noch sprechen! Aber dieser eingebildete Ruppsack und Erz-Egoist Arthur ist mir nachgerade widerlicher, als irgend ein anderer Mensch!

„Bevor ich vorgehe, werde ich mir erst einen Schein über meine Provision ausstellen lassen! Sonst streiten sie mir alles nachher ab.

„Ich hole die Kastanien aus dem Feuer und habe nachher das Nachsehen!

„Und — und — kann ich dem Arthur nachher 'mal eins beibringen, so soll's gewiß geschehen!

„Ich vergesse es nicht, wenn jemand sich einen solchen Ton gegen mich erlaubt!“

Und während er die Friedrichstraße hinabflanierte und den Weg nach der Kanonierstraße nahm, woselbst er in einem kleinen Hotel wohnte, schloß er:

„Wetter! Wie wäre es, wenn ich mir die Preise für die Zählkarten von Knoops verschaffte und durch — hm — hm — vielleicht durch Numick — solche der Hohensteinschen Buchdruckerei offerierte? Da wäre jedenfalls ein Geschäft zu machen. Die sind nicht so zimperlich. — Freilich — freilich — solange ich so noch zu Knoops stehe — ist's wohl besser — Ich könnte hereinfallen und mir alles verderben. —“

* * * * *

Arthur machte an demselben Tage seinem Vater Mitteilung von der Unterredung mit Theodor.

Sie hatten sich nach Tisch in der Villa im Arbeitszimmer des alten Herrn niedergelassen und schlürften, während sich die Damen zu einem Schläfchen zurückgezogen, eine Tasse Kaffee, und rauchten eine Havanna.

Herr Knoop war in außerordentlich guter Stimmung. Die Aussicht auf das Geschäft mit den Zählkarten machte ihm eine gute Laune. Er hielt den Zuschlag für ziemlich sicher, weil die als äußerst zuverlässig bekannte und bei den Behörden vorteilhaft eingeführte Buchdruckerei schon seit Jahren wiederholt als Sieger bei solchen Konkurrenzen hervorgegangen war. Nicht der Preis allein, sondern die Güte und die Sauberkeit der Ausführung der Ware, deren man bei Knoops sicher war, halfen, wie er wußte, bei der Entscheidung mit.

Arthur hatte ihm von neuem bestätigt, daß ein sehr hübscher Posten, selbst bei der beabsichtigten starken Ermäßigung, abfallen werde. Ueberdies wirkten die Nachrichten und Vorschläge, die Theodor gemacht, sehr erhebend auf Herrn Knoop.

Daß Klamm Käufer sein könne, leuchtete ihm ein. Als Bewerber paßte er ihm ausnehmend. Die Frau besaß bekanntlich Millionen! Infolgedessen würde die Anzahlung, die Knoops fordern mußten, keine Schwierigkeiten haben. Aber auch der Bildung einer Aktiengesellschaft war Herr Knoop, der solchen Plänen bisher ausgewichen war, nicht abgeneigt. Thätigkeit würde ihm, dem späteren Freiherrn von Knoop, nicht fehlen.

Auch Arthur würde sich, bei seinem ausgeprägten Erwerbssinn, der Arbeit nicht entziehen und schon etwas Passendes finden, sofern er nicht in der Aktiengesellschaft Beschäftigung und Vorteile fand.

Nach Theodors Mitteilung stieß ja nur noch der Geschäftsmann in seiner jetzigen Façon im Heroldsamt auf Widerstand.

Eine erheblichere Summe für einen öffentlichen, dem Staat dienenden Zweck herzugeben, fiel ihm nicht schwer, und er war dazu bereit.

Es lagen starkgewölbte Packete mit Staatspapieren in seinem Geldschrank! Gegenwärtig hatte alles andere, was ihn sonst beschäftigte, ein untergeordnetes Interesse. Nur die Ueberlegung, wie seine Frau und Margarete die Sache auffassen würden, machte ihm noch Sorge.

„Deine Mutter wird freilich nicht sehr einverstanden sein, Arthur,“ erklärte Herr Knoop. „Sie legte schon auf den Kommerzienrat keinen Wert. Und deine Schwester ist erst recht nicht dafür, daß wir das Geschäft aufgeben! Freilich, auf sie kommt nichts an. Aber deine Mutter hat ein Wort mitzureden.“

„Na, was will Mutter denn mehr, als eine so gesicherte Zukunft, Vater!?

„Ihr werdet euch die schon mehrfach von euch gewünschte Villa kaufen, eine angenehme und noch erweiterte Geselligkeit pflegen, im Sommer — da du nicht mehr gebunden bist — ins Bad reisen und so euch in eurem Alter eines ungewöhnlich behaglichen Lebens erfreuen. —

„Grete besitzt wirklich etwas mehr als kleinbürgerliche Anschauungen. Sie gleicht trotz ihrer Jugend alten Leuten, die sich in eine neue, andere Zeit nicht hineinversetzen können.

„Ihr fortwährender Oppositionsdrang ist recht störend und wenig geschmackvoll!“

„Na, sie leidet sonst nicht daran, Arthur! Sie besitzt nur einen stark ausgeprägten Sinn für alles Natürliche. Es ist ein vortreffliches Mädchen. — Schade — schade“ — unterbrach er sich — „daß sich Klamm gebunden hatte. Der wäre ein Mann für sie gewesen. Es mag sein, wie es will — hervorragende Eigenschaften hatte er trotz alledem.“

„Vielleicht, Vater! Aber die Sache war ja aussichtslos, da Klamm Ileisa den Hof machte. Er hat sich für Grete ja gar nicht interessiert —“

„Allerdings! Es scheint so! Sicher aber wäre es anders geworden, wenn wir das fremde junge Mädchen nicht ins Haus genommen hätten. Es war ein Fehler —“

„Wie du so sprichst, Vater! Ich denke, Grete hatte doch einen großen Gewinn von dem Verkehr mit ihr! Und die Dinge mit Klamm sind doch nun abgethan! Er kümmert uns doch nur noch als Reflektant. Und dahin wollen wir wirken. Ich werde Theodor morgen früh gleich mitteilen, daß du einverstanden bist.“

„Nein, nein! Warte doch noch erst, mein Sohn! Erst muß ich mit deiner Mutter nochmal sprechen. Wir wollen nichts überhasten. Besser fahren wir beim Verkauf, wenn die Zählkarten-Angelegenheit durchgeht. Das entscheidet sich ja — wie anzunehmen — in acht Tagen —

„Und dann —“

In diesem Augenblick erschien mit vorsichtigem Schritt Adolf mit der wichtigen Miene und den stählernen Ringen in den Ohren. Er bestellte, daß ein Herr Herrn Knoop senior sogleich dringend zu sprechen wünsche.

„Warte hier — ich komme zurück“ — entschied der alte Herr, erhob sich rasch und elastisch und verließ, von Adolf gefolgt, das Zimmer.

Eine Zeitlang blieb Arthur noch nachdenklich sitzen.

Dann erhob er sich — von einem starken Verlangen nach Ileisa, von der er wußte, daß sie im Wohnzimmer sein werde, erfaßt — und trat, auf dem dicken Teppich unhörbar einherschreitend, in das erwähnte Gemach.

Und da bot sich ihm dann ein Anblick, der ihn berückte:

Ileisa war, während sie mit einer Lektüre beschäftigt, eingeschlafen. Das Buch, in dem sie gelesen hatte, war ihr aus der Hand geglitten. Es ruhte auf ihrem Schoß. Während des Schlummers hatte sie ihre ursprüngliche Stellung verändert. Der Körper war in eine schräge Lage geraten, das Gewand hatte sich verschoben, und ein kleiner Fuß und ein Knöchel, über dem ein wahrhaft vollendetes Ebenmaß der Linien sichtbar wurde, bot sich Arthurs Augen. Aber er überflog auch mit feinen Augen die klassischen Formen ihres üppigen Körpers; er sah, wie sich die Büste in sanfter Regelmäßigkeit hob und senkte, und ihn entzückte der während dieser Bewußtlosigkeit in ihrem Angesicht noch stärker hervortretende, ihr gleichsam angeborene Ausdruck stolzer Gemessenheit.

Nicht trennen konnte er sich von ihrem Anblick, und je stärker es ihn überkam, daß er eigentlich eine Unzartheit begehe, so von ihr unbemerkt, ihre Schönheit auf sich wirken zu lassen, desto mehr verstärkte sich sein Verlangen, in ihrer Nähe zu bleiben.

Ja, noch mehr! Von einer mächtigen Leidenschaft erfaßt, kniete er vor ihr nieder und war eben im Begriff, einen Kuß auf ihre Hand zu drücken, als sie jählings erwachte, sah, was vorging und in höchster Verwirrung emporschnellte.

„Wie — Sie — Herr Knoop?“ stieß sie, während das Rot der Scham in ihr Angesicht schoß, erschrocken heraus.

„Ja, ich!“ betonte der Mann, „ich, der Ihnen schon lange sagen wollte, daß ich Ihnen gut bin, der ich Sie schon lange bitten wollte, mir Gehör zu schenken!

„Es sei Ihnen gestanden, Fräulein Ileisa — ich liebe Sie, und würde glücklich sein, wenn ich gleiche Empfindungen bei Ihnen voraussetzen dürfte.“

Nach diesen Worten beugte er sich zu dem zunächst fassungslosen jungen Mädchen herab, küßte erst stürmisch ihre Hände und nahm sie, als sie keinen Widerstand leistete, vielmehr in einem Gemisch von andauernder Verwirrung und aufflammender Hingebung den Oberkörper unwillkürlich zu ihm neigte, in seine Arme. Nun küßte er auch ihre Lippen, zwang sie, sich zu erheben, und drängte sich ganz zu ihr.

Und sie zu ihm! Von einem heftigen Liebesrausch erfaßt, verharrten sie so eine Weile, ganz sich hingegeben, bis plötzlich nebenan ein Geräusch hörbar wurde, und beide auseinanderflogen.

Aber, als er dann etwas Furchtsames in ihrem Angesicht sich regen sah und den Grund richtig deutete, fand er noch Zeit, ihr hastig zuzuflüstern:

„O nein, nein — fürchte nichts, mein teures Mädchen. Ich meine es ehrlich. Noch heute erkläre ich meine Verlobung mit dir meinen Eltern! Du bist mein — und ich bin dein für immer!“

Noch sah er, welch glückseliger Ausdruck in ihrem Angesicht erschien, wie sich die Büste befreit hob. Dann entschlüpfte sie, er aber schritt seinem zurückkehrenden Vater mit äußerlich gleichmütiger Miene entgegen. —

* * * * *

Nach diesem Zwischenfall trat bei den Verlobten dasselbe ein, was der erste Liebesrausch zunächst nachwirkend stets zur Folge hat.

Eine starke Erregung durchströmte ihre Körper und Seelen, und die Sehnsucht, jede Trennung zu verkürzen, trat in ihr Recht.

Daneben begannen sich, da beider Verstand nicht schlief, die Ueberlegungen zu regen. Im Gegensatz zu den meisten Brautpaaren, die alles, was den Gegenstand ihrer Neigung betrifft, verherrlichen, die das rechte Augenlicht für Helle und Schatten verlieren, übersannen diese beiden Menschen nüchtern die Folgen, die Vorteile und Nachteile des zwischen ihnen geschlossenen Bündnisses.

Arthur sagte sich, daß die Standes-Erhöhungspläne, die sein Vater und er verfolgten, eine Förderung erfuhren, wenn er in den Zeitungen veröffentlichen konnte, daß er sich mit der Freiin Ileisa von Oderkranz verlobt habe!

Dies klang sehr gut, das machte Eindruck. Und wenn er sie zudem als seine Braut in die Gesellschaft einführte, wenn sie erst die Kleider und den Schmuck trug, die er ihr schenken wollte, wenn ihre große Schönheit noch dadurch gehoben wurde, dann geschah seiner Eitelkeit und seinem Drang, Beachtung und Aufsehen zu erregen, vollste Sättigung. —

Und endlich: Ileisa hatte während ihres Aufenthaltes im Knoopschen Hause bewiesen, wie sehr sie sich zu fügen wußte. So erhielt er eine Frau, die immer des Spruches eingedenk sein werde, daß sich die Frau dem Manne unterzuordnen habe.

Und da sie schließlich sonst auch alle Eigenschaften besaß, die eine Frau zieren, da sie sittlich, gebildet, tüchtig, sich zu beschränken, zu entsagen im Stande war, so mußte er sich darein finden, daß sie nichts besaß.

Daß ihn das doch stark störte, daß das seine Neigung, ihr seine Hand zu reichen, abschwächte, verhehlte er sich in ruhigeren Augenblicken nicht.

Auch die Welt werde fragen, ob sie etwas habe? — Nein! Sie war die Nichte einer sich kümmerlich durchschlagenden adligen Jungfer; sie hatte eine Stellung als Gesellschafterin im Knoopschen Hause inne gehabt!

Aber nun hatten die Umstände einmal eine Entscheidung herbeigeführt, eine, die seiner Schwester und seiner Mutter völlig sympathisch war, die auch, allerdings nach einigem Zögern, Herr Knoop guthieß. —

Nicht ohne Zagen dachte auch Ileisa in den Stunden nüchterner Betrachtung über ihre Zukunft.

Sie glaubte nicht an die sittliche Kraft der Männer, weil sie ein solches Gegen-Beispiel im Vaterhause gehabt, und sie glaubte an Rücksichten der Männer in der Ehe ebenfalls nicht, weil sie zu häufig das Gegenteil beobachtet und allzuviel darüber gelesen hatte, wie wenig sich deren Beteuerungen mit den späteren Wirklichkeiten deckten. —

Eine volle Befriedigung erfüllte dagegen Fräulein von Oderkranz, ihre Tante. Sie begegnete den Bedenken und Gewissensregungen, die Ileisa erhob, mit denselben besänftigenden Aeußerungen, wie damals, als von dieser Möglichkeit die Rede gewesen.

Inzwischen hatten die Pläne, die Herr Knoop, Vater und Sohn, verfolgten, in der That noch zu starken Auseinandersetzungen mit den beiden Frauen geführt. Herr Knoop hatte nicht mit Unrecht gegen Arthur hervorgehoben, daß er sich mit ihnen, namentlich mit seiner Frau zu verständigen habe.

Frau Knoop hatte gesagt:

„Wir empfangen doch keinerlei Wert und Ansehen durch unser Kleid, sondern lediglich durch die Tadellosigkeit unserer Handlungen.

„Legten deine Vorfahren den Adel ab, so wußten sie sicher, was sie thaten. Sie entäußerten sich gewisser Pflichten und Nötigungen, die sie hemmten und schädigten. Hat es denn irgend einen Vorteil, ein ‚Herr von‘ zu sein, wenn man seine Befriedigung statt in Eitelkeiten, in der Ausbildung des Gemüts und des Sinnes für die idealen Dinge dieser Welt, sowie in der Pflege des Verkehrs mit den Besseren und Gleichgearteten sucht?

„Für Arthur ist's eine Thorheit, ihn in seinem Ehrgeiz zu verstärken, ja, ich fürchte, es kann sein Verderben werden!“

Und Margarete ging noch weiter.

Sie drang in ihren Vater und in ihren Bruder, von der Erstrebung dieser Aeußerlichkeiten überhaupt abzusehen. Sie hatte ein Bild in Ileisa vor sich! Was war sie in der Gesellschaft mehr? Erfolg sicherte nur das Geld. Und Geld besaß ihr Vater. Was wollte er sich möglicherweise dem Gespött aussetzen?

Letzteres sagte sie ihm jetzt nicht. Ihre Pietät als Tochter hielt sie davon ab, aber in einer Unterredung mit ihrem Bruder brachte sie ihre Ansichten zum Ausdruck.

„Du solltest deinen Ehrgeiz darin suchen, es unserm Vater gleich zu thun. Du solltest durch energische Ausübung deiner dir verliehenen Fähigkeiten etwas Großes, Nützliches zu schaffen und zu fördern suchen! Thatkräftige Männer der Industrie schlugen den Adel aus. Sie wollten, daß man lediglich ihren Namen respektierte, nicht das „von“!

„Du bist Ileisa gar nicht wert! Sie ist viel zu gut für dich!

„Ein Mensch, der ohne Not auf solche Nichtigkeiten etwas giebt, erniedrigt sich selbst; er zeigt, wie ungefestigt sein Charakter ist!“

Und Arthur hatte erwidert:

„Deine zimperliche Weisheit und Tugendhaftigkeit verpflanze, wie ich dir schon früher riet, in ein Pastorenhaus. Du bist und bleibst ein Gänschen, das die Federn eines Paradiesvogels verschmäht, weil es eben nur zum Gänschen Veranlagung hat.“

„Ah — du solltest dich schämen,“ hatte Grete erwidert.

„Um das letzte Wort zu behalten, um einen Deckmantel für deinen Ehrgeiz zu haben, scheust du dich nicht, deine eigene Schwester herabzusetzen —

„Frage nur Ileisa, wie sie über solche Dinge denkt! Ich sprach zufällig noch gestern mit ihr über Eitelkeiten und die üblichen Heucheleien, die gang und gäbe!“

Arthur hatte nichts mehr erwidert, nur die Achseln gezuckt und sich entfernt.

Aber ein zweiter Stachel setzte sich ihm schon vor seiner Heirat mit Ileisa ins Fleisch.

Sie war erstens eine, die nichts, gar nichts einbrachte, und sie legte auf dasjenige an Aeußerlichkeiten keinen Wert, das ihm sehr, sehr viel, ja, das Höchste war! —

* * * * *

Der Spätherbst war inzwischen gekommen; Frau Adelgunde von Klamm hatte es durchgesetzt, daß ihr Mann sich damit einverstanden erklärt, den Winter in Berlin zu verleben.

Als Aufenthalt hatten sie sich das Parkhotel am Potsdamerplatz ausgesucht. In dieses zogen sie in den ersten Tagen des Oktober ein, und nahmen drei Gemächer in der ersten Etage nach vorn in Besitz.

Dem Sträuben Klamms, der auf dem Lande hatte bleiben wollen, — der sich, weil er seine Stadtpläne nicht verwirklichen konnte — auf die dortige Thätigkeit mit allem Eifer geworfen, — hatte sie entgegengehalten, daß man in seiner Mutter Nähe gelange, daß man der alten Dame die Freude machen müsse.

Frau von Klamm war nach der schweren Krankheit noch immer leidend, aber sie liebte trotzdem Geselligkeit, und sie war besonders glücklich, wenn sie ihren Sohn womöglich täglich sehen und sprechen konnte. —

Theodor Knoop hatte durch einen seiner Helfershelfer, einen gewissen Schmeidel, bei Herrn von Klamm vorgefragt, ob er das Knoopsche Geschäft kaufen wolle. Klamm hatte erwidert, daß er nicht abgeneigt sei, wenn die Offerte von der Familie Knoop selbst an ihn gelange.

Allerdings hatte Frau von Klamm wiederum stärksten Einspruch erhoben, und nicht Schwäche, aber die Fessel, die Klamm angelegt war, weil seine Frau das Geld besaß, hatten ihn bewogen, dem dann inzwischen wirklich eingegangenen Antrag von der Firma Knoop vorläufig noch keine Folge zu geben.

Sehr schwer war's ihm geworden, und starke Kämpfe waren damit verbunden gewesen.

„Du hast ja eine Thätigkeit, mein lieber, teurer Freund! eine Thätigkeit, die dich befriedigt, die für dich paßt, deinem Stande angemessen ist,“ hatte sie erörtert. „Weshalb immer wieder auf diese Pläne zurückkommen! Thu's mir zu Liebe und gieb die Gedanken an!

„Bedenke auch! In welche Nesseln du dich setzest! Du wirst deines Lebens nicht froh werden, wenn du in all das Gezänk verflochten wirst!

„Und nicht ungefährlich ist's bei der starken Konkurrenz, dafür ein solches Kapital zu wagen! Weshalb darauf ausgehen, wo in anderer Weise ohne Fährlichkeiten und Aerger dasselbe zu erreichen ist.“

Klamm hatte nur mit wenigen Worten erwidert.

„Du kannst es nicht vergehen, daß ich grade dafür Neigung besitze, weil du eine Frau, ein Kind der Gesellschaft bist. Ich kann immer nur wiederholen, daß mich grade eine solche Beschäftigung mehr anzieht, als irgend eine andere! Frage den Musikfreund, weshalb er grade die Tonkunst, den Künstler, warum er die Malerei liebt und in deren Förderung sein volles Genüge findet!? Ist es nicht etwas Herrliches, durch die Presse den Sinn für edle Dinge, Fortschritt, das Interesse für Kunst und Wissenschaft zu heben, ein Kulturförderer in bester und auch in wirksamster Weise zu sein?

„Ist es nicht überaus anziehend, auch die praktische Seite des Schrifttums, das Buchdruckereigewerbe und seine Vervollkommnung zu pflegen?“

„Hm — aber nun grade das Knoopsche Unternehmen! Ich würde zu stolz sein, um mich diesen Personen wieder freiwillig zu nähern, dadurch all die alten Dinge aufzurühren, Alfred!“

„In dieser einen Beziehung muß ich dir recht geben, Adelgunde! Ich habe ja auch deshalb erwidert, daß ich die Offerte von der Familie erwarte.

„Aber noch mehr! Ich habe ja bisher noch gar nicht von mir hören lassen —“

„Mag es auch so bleiben, liebster Alfred! Schreibe ab! Beschäftigen wir uns mit anderen Dingen. Zunächst wollen wir einmal unsere Visiten machen, deine und meine Bekannten aussuchen!“

So hatte das Gespräch sein Ende gefunden, und Klamm hatte auch jetzt, bei seiner Anwesenheit in Berlin noch von einer Berührung mit Herrn Knoop völlig Abstand genommen. —

Inzwischen aber hatte Theodor Knoop nicht geruht. Er war nach allen Richtungen thätig gewesen, um das Geschäft vorteilhaft zu verkaufen und den Nobilitierungsplänen weiteren Vorschub zu leisten. Zu dem Verlobungsfest Arthurs mit Ileisa war er mit eingeladen worden, und diese Gelegenheit weicherer Stimmungen hatte er benutzt, um von seinem Bruder einen Provisionsschein zu erhalten. Würde das Geschäft, wie es geplant war, für drei und eine halbe Million verkauft, erhielt er 25000 Mark Vermittlungsgebühr, und erfolgte die Standes-Erhöhung, würden ihm weitere 20000 ausgezahlt.

Er solle aber darüber nicht reden, auch mit Arthur nicht! hatte ihm Friedrich Knoop auf die Seele gebunden.

Als Klamm sich trotz des Angebots, das ihm durch Theodors Handlanger gemacht worden war, nicht meldete, warf sich Theodor auf die anderweitig vorgesehene Realisierung des Verkaufs des Geschäftes, hielt aber Klamms Mitwirkung dabei doch im Auge.

Er erklärte der Bank, an die er herantrat, daß ein künftiger Leiter in der Person des Herrn von Klamm nicht nur gewonnen sei, sondern daß sich dieser auch mit einem sehr erheblichen Kapital beteiligen werde. Auch Knoops würden Aktien statt Geld nehmen, und Herr Arthur Knoop werde als Aufsichtsrat später thätig sein.

Ueberdies hatte er auch gleich den sogenannten Emissionsplan vorgelegt. Nicht dreieinhalb Millionen, sondern vier Millionen Aktien sollten öffentlich von der Bank aufgelegt und dem Publikum zur Beteiligung angeboten werden. Nach den bisherigen Einnahmen ergab sich dann immer noch, wie er ihnen vorrechnete, eine jährliche Verzinsung von neun bis zehn Prozent.

Wiederholte, sich ziemlich lang hinausziehende Besprechungen endeten mit der Bereitwilligkeit der Bankdirektion, in eine Prüfung des Geschäfts einzutreten. Sie sollte durch zwei der Bank kundige und vertrauenswerte Persönlichkeiten vorgenommen werden. Sie hatten die Aufgabe, die Gebäude, die Maschinen und das gesamte Inventar abzuschätzen und die Bücher des Geschäftes einzusehen.